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Verselbstung und Entselbstigung? Ein Vergleich von Goethes Genie-Hymnen "Prometheus" und "Ganymed"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 45 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Erst das Dramenfragment, dann Prometheus, dann Ganymed ?
2. Die Jugendhymne Prometheus[1]: „Die Autonomieerklärung des schöpferischen Menschen“[2]
2.1 Entstehung und Veröffentlichung: „Zündkraut einer Explosion“[3]
2.2 Die Funktion der formalen Eigenheiten
2.3 Das Verhältnis zur Mythologie
2.4 Versuch eines eigenen Zugangs zum Text
3. Die Jugendhymne Ganymed[4]: Das sich im „Ursprünglichen“ aufgebende und dorthin zurückkehrende Individuum
3.1 Umstände von Entstehung und Publikation
3.2 Formale Auffälligkeiten
3.3 Das Verhältnis zur Mythologie
3.4 Interpretationsversuch
4. Gegenüberstellung der beiden goetheschen Hymnen Prometheus und Ganymed
4.1 Zum komplementär gedeuteten Verhältnis von Verselbstung und Entselbstigung
4.2 Zwei unterschiedliche Verwirklichungen des Geniebegriffs?

III. Schlussbemerkung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Diese Arbeit wird sich mit den beiden Jugendhymnen Goethes – Prometheus und Ganymed – näher auseinandersetzen, wobei auch hin und wieder Bezüge zum Dramen- Fragment Prometheus hergestellt werden müssen. Goethe schuf seine Meisterwerke des Sturm und Drang im Alter von gerade einmal 25 Jahren, als er als Anwalt in Frankfurt tätig war.

Zunächst sollen dabei die Hymnen einer einzelnen, getrennten Untersuchung im Hinblick auf die Entstehung, die Edition, Formales, das mythologische Verhältnis unterzogen werden. Danach wird der Versuch einer eigenen Interpretation unternommen (s. Punkte 1. bis 3.). Die so gewonnenen Ergebnisse werden abschließend in Punkt vier gegenübergestellt und verglichen, um etwaige Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede herausarbeiten zu können. Hierbei wird vor allem auf das komplementär gedeutete Verhältnis von Verselbstung und Entselbstigung einzugehen sein, und es gilt herauszufinden, ob Prometheus und Ganymed zwei verschiedene Varianten des Geniebegriffs realisieren oder in ihrem Ansatz diesbezüglich übereinstimmen.

II. Hauptteil

1. Erst das Dramenfragment, dann Prometheus, dann Ganymed ?

Weil in der Forschung keinerlei Einigkeit über die Frage nach der Entstehungsreihenfolge von Prometheus- Fragment und den beiden Hymnen[5][6] Prometheus und Ganymed besteht, soll zunächst der Versuch unternommen werden, diese zu klären. Dabei steht eindeutig fest, dass die beiden schwierigen Dichtungen, Dramenfragment und die Hymne Prometheus, aufs engste zusammengehören und deshalb auch häufig zusammen erläutert werden. „Auf eine merkwürdig halbe Forschungsmeinung stößt [aber], wer auch noch die Hymne Ganymed in den Kreis der jugendlichen Prometheusdichtungen[7] stellen will.“[8] Rolf Christan Zimmermann fährt fort, dass sich zwar generell zwischen dem Drama und Ganymed keine Zusammenhänge erkennen ließen, jedoch scheinen Ganymed und die Prometheus – Hymne zusammenzuhängen. Schon die Textgeschichte lasse diesen Zusammenhang erkennbar werden: Erstens sind beide Texte unmittelbar aufeinander entstanden[9], wie sich in 2.1 uns 3.1 noch herauskristallisieren wird und zweitens hat Goethe selbst, durch die stete Zusammenstellung beider Gedichte seit der Veröffentlichung 1789, den Eindruck einer Zusammengehörigkeit provoziert. Doch es wäre verfrüht, beide Dichtungen schon jetzt, vor der Untersuchung, lediglich aufgrund der Editionsgeschichte als komplementäres Paar[10] zu deklarieren. Dennoch gilt es diesem Standpunkt im Laufe der Untersuchung nachzugehen.

In der Forschung gehen die meisten Interpreten darüber konform, dass jeweils zwei der drei Dichtungen einander zugeordnet werden können: Prometheus- Fragment und Prometheus- Hymne aus Gründen einer, durch Adaption entstandenen, thematischen Parallelität sowie Prometheus- Hymne und Ganymed aus Gründen einer ebenso deutlichen thematischen Polarität. Daraufhin schlussfolgert Zimmermann[11], dass vermutlich alle drei Dichtungen aus derselben Intention heraus entstanden seien. Problematisch ist dabei jedoch der bereits erwähnte Aspekt, dass in der Forschung die Meinungen bezüglich der zeitlichen Reihenfolge der drei Werke stark variieren. Wenn Zimmermanns Vermutung, dass alle drei Werke aus derselben Intention heraus entstanden seien, jedoch zuträfe, dann müsste das erstentstandene Werk auch die Weichen für die dichterische Planung und Verwirklichung der anderen beiden Werke gestellt haben, so dass bereits eine Gemeinsamkeit, nämlich der Rückgriff auf die selbe Quelle herausgearbeitet wäre.

Weiterhin besteht in der Forschung, aufgrund biographischer und stilistischer Argumente, Einigkeit darüber, dass Ganymed zuletzt entstanden sein muss. Hinsichtlich der Entstehung von Prometheus- Fragment und –Hymne gehen die Meinungen jedoch auseinander: So behauptete Edith Braemer 1959 noch die Priorität des Fragments, um 1965 von Hanna Fischer- Lamberg eines vermeintlich Besseren belehrt zu werden, als diese die Überlegenheit der Hymne prognostizierte. Beide Seiten konnten ersichtliche Argumente für ihre jeweilige Seite anbringen und beide Seiten fanden Unterstützung von den klügsten Köpfen der älteren Goethe Forschung. Doch seit man Prometheus- Hymne und Ganymed in der Forschung als komplementäres Paar aufzufassen begann, schien sich die Entstehungsproblematik von selbst zu klären: „Wenn Ganymed nach der schon bisher einhelligen Forschermeinung dem Dramenfragment nachfolgte, so kann neuerdings auch sein ideeller Partner, die Prometheus- Hymne, schwerlich schon vor dem Fragment konzipiert worden sein.“[12] Um eindeutig von der Überlegenheit des Fragments zu überzeugen, bringt Zimmermann drei weitere Überlegungen an: Zunächst eine Aussage Goethes in einem Brief an den Finder des verschollenen Prometheus- Fragments von 1819. „Nur zwei Acte können es sein; der Monolog Prometheus[13], der durch Jacobis Unvorsichtigkeit so vielen Lärm machte, gehörte eigentlich hierher, kann aber nicht in dem Manuscript stehen, welches sich bei Lenz gefunden.“[14] Doch warum wusste Goethe nach fast fünfzig Jahren, dass die Hymne Lenz nicht vorlag? Entweder sollte sie Lenz nicht vorliegen, was jedoch ausgeschlossen werden kann, weil Goethe diesem ja bereits frühstmöglich das Fragment zukommen lies. Vielmehr kann man schlussfolgern, dass die Prometheus- Hymne Lenz noch gar nicht vorliegen konnte, weil sie schlichtweg noch nicht existierte. Als weiteres Indiz für die Überlegenheit des Fragments kann Goethes Haltung gegenüber den Prometheus- Dichtungen angebracht werden: So schienen ihm, als er für den Verleger Göschen eine erste Sammlung seiner Werke zusammenstellte, Ganymed und Prometheus der Veröffentlichung würdig, nicht jedoch das Fragment, welches er zu diesem Zeitpunkt bereits Frau von Stein geschenkt und somit aufgegeben und vergessen hatte.[15] Am ersichtlichsten erscheint jedoch der Aspekt, dass Goethe das eine Werk „als Steinbruch für [das] andre“[16] herangezogen hat, indem er ganze Partien aus diesem fürs andere zur Verfügung stellte. Somit scheint die Lösung der Prioritätsfrage in den parallel laufenden Zeilen von Fragment und Hymne zu liegen. Karl Koetschau entdeckte vor dem ersten Weltkrieg eine frühe Fassung der Hymne Prometheus, wenn nicht sogar den ersten Entwurf. Er enthält den endgültigen Hymnentext noch als Korrektur über einem ursprünglichen Wortlaut. Kaum vorstellbar scheint hierbei nicht nur für Rolf Zimmermann der Aspekt, dass die Forschung bisher nicht erkannte, dass es sich dabei exakt um Zeilen des Prometheus- Fragments handelt. Somit ist klar: die früheste Fassung der Hymne hat sich am Fragment orientiert und muss demnach auch nach diesem entstanden sein. Doch wozu die mühevolle Arbeit die Prioritätsfrage zu klären? Wenn feststeht, dass Goethe zuerst das Drama in Angriff nahm, welches jedoch aufgrund einiger Konzeptionsprobleme[17] ein Fragment blieb und dann zum „Steinbruch“ für die beiden Hymnen umfunktioniert wurde, schließlich stehen sich ja beide, wie bereits angedeutet, thematisch polar gegenüber, dann müsste man nicht nur in der Prometheus- Hymne etwas aus dem Fragment wieder finden, sondern auch in Ganymed. Denn der polare Rhythmus des Fragments ist in seine komplementären Momente auseinander getreten, um in der Prometheus- Hymne als Verselbstungs- Puls, in Ganymed als Entselbstigungs- Puls festgehalten zu werden . Folgendes gilt es anschließend noch näher zu untersuchen. Im Folgenden möchte ich die chronologische Entstehungsreihenfolge beibehalten und demnach mit der Untersuchung der Prometheus- Hymne beginnen.

2. Die Jugendhymne Prometheus: „Die Autonomieerklärung des schöpferischen Menschen“

2.1 Entstehung und Veröffentlichung: „Zündkraut einer Explosion“

Wie in 1. bereits festgestellt, arbeitete Goethe Prometheus zwischen Herbst 1773 und Anfang des Jahres 1775 aus dem gleichnamigen Dramenfragment heraus. Das Drama, in dem Prometheus seine Heimat verlässt, um aus Lehm den Menschen zu formen, den er erst mit Hilfe Minervas zum Leben erwecken kann, hat Goethe nie vollendet. Erst zehn Jahre später sollte es aufgrund „Fremdverschulden“ zum „Zündkraut einer Explosion“ werden, als es den Spinozismus- beziehungsweise Pantheismusstreit auslöste.[18][19]

Der junge Goethe wusste genau um die Provokation, die, in den derzeitigen problematischen politischen Verhältnissen[20], von seiner Hymne Prometheus ausging, weshalb er sie nicht veröffentlichen wollte, sondern nur im engsten Freundeskreis zirkulieren ließ[21]. In einem Brief an Zelter vom 11.05.1820 schrieb Goethe im Hinblick auf das dramatische Fragment: „Lasset ja das Manuskript nicht zu offenbar werden, damit es nicht im Drucke erscheine. Es käme unserer revolutionären Jugend als Evangelium recht willkommen…“[22] Umso verärgerter schien Goethe dementsprechend über den Streich Friedrich Jacobis gewesen zu sein, als dieser im Jahre 1785 Prometheus in seiner Abhandlung Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelsohn der breiten Öffentlichkeit mitteilte. Hierbei sollte Prometheus, der als atheistisches Skandalon präsentiert wurde, Jacobi als Beleg für die wohl erregteste Debatte der deutschen Spätaufklärung dienen, nämlich für die Behauptung, dass Lessing „ein Spinozist“[23] und das hieß für Jacobi ein Atheist „gewesen sei“ und sich dazu auch „ohne alle Zurückhaltung“ bekannt habe.[24] Auch Goethe selbst äußerte sich rückblickend im 15. Buch von Dichtung und Wahrheit über den Spinozismusstreit: „Zu dieser seltsamen Komposition [= Dramenfragment] gehört als Monolog jenes Gedicht, das in der deutschen Literatur bedeutend geworden, weil dadurch veranlasst, Lessing über wichtige Punkte des Denkens und Empfindens sich gegen Jacobi erklärte. Es diente zum Zündkraut einer Explosion, welche die geheimsten Verhältnisse würdiger Männer aufdeckte und zur Sprache brachte: Verhältnisse, die ihnen selbst unbewusst, in einer sonst höchst aufgeklärten Gesellschaft schlummerten.“[25] Wie sich jedoch bei der folgenden Untersuchung des Gedichtes noch herausstellen wird, haben weder die Philosophie Spinozas noch der Spinozismusstreit, an dem sich die Geister immer wieder entzündeten, wirklich etwas mit dem Gedicht zu tun, da dieses keinen Hinweis auf ein spinozistisches Naturgefühl enthält. Das Gedicht sagt sich nämlich von den orthodoxen Begriffen der Gottheit „nicht im Namen eines spinozistischen Monismus […] los, sondern im Rückgriff auf die Religions- und Mythenkritik der französischen und englischen Aufklärung.“[26] Dennoch scheint gerade diese Verbindung von Prometheus mit dem Spinozismusstreit der Hymne die besondere Akzentuierung verliehen zu haben, so dass diese zum pantheistischen Glaubensbekenntnis erhoben wurde.[27] Denn deutlich lässt Prometheus zumindest die Absage an die traditionelle Frömmigkeit und die Vorstellung eines transzendenten Gottes erkennen.[28] Doch Goethe schien nicht über die stattgefundene weltanschauliche Enthüllung verärgert zu sein, sondern vielmehr über die indiskrete Form der Publikation: Zwar veröffentlichte Jacobi Prometheus anonym und ohne Titel, er stellte diesem jedoch ebenfalls auf unpagnierten Papier mit Verfasserangabe Goethes Gedicht Das Göttliche voran, so dass der Verfasser des Prometheus leicht enttarnt werden konnte. Nach dieser ungewollten Veröffentlichung und starker Kritik von Seiten Mendelsohns reagierte Goethe jedoch, indem er seinen Prometheus nun schließlich in die Zweite Sammlung seiner Vermischten Gedichte aufnahm, welche 1789 im achten Band der Schriften erschienen. Bereits hier lässt Goethe, wie später stets beibehalten, die Hymne Ganymed folgen. Für die Veröffentlichung in den Schriften vollzog Goethe leichte formale Veränderungen: Er normalisierte Orthographie und Interpunktion, glättete syntaktische Härten und opferte den ersten Teil des Kompositums Knabenmorgen Blütenträume[29]. Am stärksten fällt jedoch die Veränderung der Strophengliederung ins Auge: Während die 1.Strophe in der Weimarer Gedichtsammlung von Vers 1 bis Vers 12 reicht, vollstreckt sie sich in der Merck- Handschrift[30] nur bis zum Vers 7, wohingegen Vers 8 bis 12 bereits Strophe zwei markieren. Hier muss jedoch kritisiert werden, dass die metonymische Bewegung, welche die Position von Erde (V.6), Hütte (V.8), Herd (V.10) und Glut (V.11) erzeugt, unterbrochen wird. Folglich erachte ich die Fassung der Weimarer Gedichtsammlung als gelungener, mit welcher ich deshalb, nach Abdruck der Frankfurter Ausgabe[31], arbeiten möchte.

2.2 Die Funktion der formalen Eigenheiten

Zunächst soll der Versuch unternommen werden, Prometheus mit einem Gattungsbegriff zu versehen. So zählt die Hymne, für welche man in der Literatur den Terminus „Erlebnisgedicht“[32] findet[33] noch zur späten Sturm und Drang Lyrik: Sturm und Drang bezeichnet einen literarischen Stil zwischen 1767 und 1785 der zwischen der Dichtung der Aufklärung, der Anakreontik, dem literarischen Rokoko und der Klassik anzusiedeln ist. Von der Aufklärung unterscheidet sich der literarische Stil des Sturm und Drang dadurch, dass Werte wie Gefühl, Trieb, Spontaneität und Individualität höher eingeschätzt werden als Verstand und Vernunft. Diese Veränderung sollte sich auch auf die Form auswirken: Anstelle einer höfischen erlernbaren Regelkunst trat die Selbstständigkeit des Genies und dessen Versuch, individuelle Erfahrungen und Erlebnisse in eine individuelle künstlerische Form zu bringen. So folgte auch Goethes Lyrik ab 1770 einem anderen Formkonzept als zuvor: Sie ist individuell, originär, deutsch.[34] Nun sollen charakteristische Eigenschaften dieses neuen Formkonzeptes[35] am Beispiel der sieben Strophen des Prometheus näher beleuchtet werden. Zunächst ist auffällig, dass jegliche Regelhaftigkeit kategorisch zurückgewiesen wird: Freie Rhythmik, Strophik und freier Umgang mit der Syntax dominieren. Außerdem kreiert Goethe kühne Komposita wie Knabenmorgen Blütenträume (V. 50-51), die es so noch nicht gab und die Karl Otto Conrady unter anderen dazu veranlassen, im Hinblick auf Prometheus von einer „Glut der Sprache zu sprechen.[36] Auch in Prometheus zeigt sich Goethes Vorliebe für sinnkonstruierende Substantiv- und Adjektivkomposita. Häufig trifft man dabei auf Verbindungen von Adjektiv und Adverb: Heilig glühend (V. 34). Auch viele Goethesche Lieblingswörter oder Machtwörter wie glühen (in allen Variationen, vergleiche: Glut (V. 11), Glühtest (V. 35)) oder heilig (V. 34) kehren im Prometheus wieder. All dies bedingt eine Gedichtsprache von unglaublicher Ausdruckskraft. Verstärkt wird der Ausdruck zudem durch Stilmittel wie Enjambements (V. 6/7, V. 11/12, V. 13/14, etc.), Alliterationen (siehe die dreimalige Alliteration des sechsten Verses: Musst mir meine Erde) und Metaphern (siehe die Feuer-Metaphorik: Herd (V. 10), Glut (V. 11), heilig glühend Herz (V. 34), oder die Hütten/Schutz-Metaphorik (meine Hütte (V. 8), meinen Herd (V. 10). Doch welche Funktion erfüllen die oben genannten formalen Eigenheiten? Die Regellosigkeit (freie Rhythmik, Strophik, Syntax) und Metrik scheinen allein dem intensivierten Gefühlsausdruck zu dienen. Durch die kraftvolle und zugleich flexible Behandlung der Verse, in denen das Metrum nicht den Rhythmus dominiert, werden Metrum und Rhythmus zu Medien des subjektiven, momentgebundenen Gefühlsausdrucks oder anders formuliert: Die Befreiung des Verses und der Syntax verschafft dem Ich- Ausdruck grenzenlose Spielräume.

Im Hinblick auf den Umfang kann festgestellt werden, dass die enorme Amplitude von Wandrers Sturmlied (117 Verse) im Prometheus bereits überschaubarer wird (58 Verse), um in Ganymed mit 32 Versen, wie vorweg genommen werden darf, ihren Tiefpunkt zu erreichen. Zum Schluss muss noch auf den höchstprovozierenden Charakter von Prometheus hingewiesen werden, der dadurch erzeugt wird, dass formale und kommunikative Strukturen des Gebets aufgenommen und ins Gegenteil verkehrt werden. Doch welche formalen Mittel lassen Prometheus als „Anti-Gebet“[37] erscheinen? Hier ist die imperativische Anrede des Zeus zu nennen, welche die Intention der traditionellen hymnischen Anrufung der Gottheit verkehrt: Denn Prometheus erbittet nichts von Zeus und den Göttern, er möchte gar nicht von ihnen erhört werden. Stattdessen macht er ihnen durch eine Vielzahl rhetorischer Fragen (vgl. V. 29-37, V. 38-46) den Prozess, um sie ihrer Nichtigkeit zu überführen. Diesbezüglich könnte noch eine weitere Funktion der freien Rhythmen festgestellt werden, denn diese stimulieren im Medium der Schriftlichkeit eine mündliche Rede von emotivem Ausdruckscharakter. Die traditionelle Dreiteiligkeit des Gebets (Gotteslob- Klage- Bitte um Gnade) – der hymnischen Anrufung Gottes, wird dabei beibehalten. Im Falle des Prometheus hat man zwischen Verhöhnung (Strophe 1-2), Anklage (Strophe 3-6) und Selbstermächtigung (Strophe 7) zu differenzieren, wobei die jeweiligen Abschnitte durch einen Tempuswechsel (Präsens- Präteritum- Präsens) markiert werden und dadurch auf die lebensgeschichtliche Tiefdimension des Prometheus verweisen.

[...]


[1] Entnommen aus: Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005, S.43/44

[2] Schmidt, Jochen, Die Geschichte des Genie- Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750-1945, Bd.1,Von der Aufklärung bis zum Idealismus, Darmstadt, 1985, S.261

[3] Wild, Inge, Prometheus, In: Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005, S.45; Goethes Werke, herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, Bd.28, München, 1987, S.313

[4] Entnommen aus: Conrady, Karl Otto, Johann Wolfgang von Goethe, Ganymed, In: Wiese, Benno von (Hg.), Die deutsche Lyrik I, Form und Geschichte, Interpretationen vom Mittelalter bis zur Frühromantik, Düsseldorf, 1956, S.227

[5] Das Fragment besteht aus zwei Akten, im ersten führt Prometheus einen Monolog. Eigentlich sollte dieser Monolog den dritten Akt eröffnen. 1830 erscheint er dann in der Ausgabe letzter Hand tatsächlich als Eröffnungsmonolog des 3. Aktes und damit als Schluss des Ganzen. Problematisch ist dabei, dass die Hymne inhaltlich überhaupt nicht an diese Stelle des Dramas passt, was die Verständnisschwierigkeiten zudem verstärkt.

[6] Hymen: Feierliche, begeisterte Gesänge, in denen meist Gottheiten verehrt werden. Bei Goethe gilt die Hymne jedoch nicht mehr dem Göttlichen oder der Gott Natur, sondern dem schöpferischen Menschen, so dass dieser einen göttlichen oder gottgleichen Rang erhält. Vom großen Pathos beseelte an keine strophischen und metrischen, Normen gebundene Lyrik. Der Hymne entsprach im 18. Jahrhundert die Ode. Die Reihe der Sturm und Drang Hymnen Goethes setzte im Frühjahr 1772, mit Wandrers Sturmlied ein. Goethes Hymnen stehen im Zusammenhang mit der Tradition des erhabenen Stils und beinhalten meist ein traditionelles Segment der Antiken- Aneignung. Goethe setzte sich dafür intensiv nicht mit Horaz, dafür jedoch mit Pindar und der Poetik der pindarischen Ode auseinander, welcher seit der Renaissance als unübertroffenes Muster der hohen, enthusiastischen Ode galt.

[7] Über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg entstanden Goethes Prometheusdichtungen: Prometheusdrama, -Hymne und das Festspiel Pandora. Das Interesse für den Stoff riss Zeit seines Lebens nie gänzlich ab.

[8] Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.119

[9] Zwischen den beiden Texten liegen kaum mehr als sechs Monate.

[10] S. Puls von Verselbstung und Entselbstigung, was als Goethes Privatreligion während seiner Jugendjahre galt.

[11] Vgl. Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.120

[12] a.a.O., S.122

[13] Entspricht der Prometheus- Hymne.

[14] Vgl. Gräf, Hans Gerhard, Goethe über seine Dichtungen, 2.Teil, Bd.4, Frankfurt/ Main, 1908, S.78, zitiert nach: Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.122

[15] Vgl. Zimmermann, Rolf- Christian, Das Weltbild des jungen Goethe, Studien zur hermetischen Tradition des deutschen 18. Jahrhunderts, Bd.2, Interpretation und Dokumentation, München, 1979, S.122/123

[16] a.a.O., S.123

[17] Vgl. a.a.O., S.161-166

[18] Entnommen aus: Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005, S.43/44

[19] Schmidt, Jochen, Die Geschichte des Genie- Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750-1945, Bd.1,Von der Aufklärung bis zum Idealismus, Darmstadt, 1985, S.261

[20] Deutschland setzte sich aus einem Flickenteppich von Fürstentümern zusammen, die alle starke Differenzen in ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung aufwiesen. Städte wie Hamburg, Köln und Frankfurt bildeten liberale, aufklärerische Zentren, in denen das Bürgertum eine starke Stellung einnahm. Zudem befand sich Deutschland im Spannungsfeld der beiden Großmächte Österreich und Preußen.

Politische Aufklärung, industrielle Revolution und ein erstarkendes Bürgertum waren nur rudimentär vorhanden. Doch dafür war die feudale Herrschaft des Adels nach wie vor ungebrochen.

[21] Die älteste, vollständig überlieferte Handschrift entdeckte man dabei im Nachlass von Johann Heinrich Merck. Heute befindet sich dieses Exemplar in der Universitätsbibliothek Leipzig.

[22] Ottenberg, Hans- Günter; Zehm, Edith (Hrsg.); Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1799 bis 1832, S.602, In: Richter, Karl (Hg.), Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke seines Schaffens, Münchner Ausgabe, Bd. 20.1, Text 1799- 1827, München, Wien, 1991

[23] Lessing bekannte sich selbst zum Pantheismus des Spinoza. Spinozismus stand damals jedoch unter dem Verdacht des Atheismus.

[24] Vgl. Jacobi, Friedrich Heinrich, Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelsohn, In: Roth, Friedrich; Köppen Friedrich (Hrsg.), Friedrich Heinrich Jacobi, Werke, Bd.4.1, Leipzig, 1812-1825, S.39 f.

[25] Sprengel, Peter (Hg.),Goethe, Johann Wolfgang von, Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit, S.681, In: Richter, Karl (Hg.), Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, Münchner Ausgabe, Bd.16, München, Wien, 1985

[26] Mülder- Bach, Inka, Prometheus, S.110, In: Otto, Regine; Witte, Bernd (Hrsg.), Goethe Handbuch, Bd.1, Gedichte, Stuttgart, Weimar, 1996, S.107-115

[27] Vgl. Conrady, Karl Otto, Johann Wolfgang von Goethe, Prometheus, S.219, In: Wiese, Benno von (Hg.), Die deutsche Lyrik I, Form und Geschichte, Interpretationen vom Mittelalter bis zur Frühromantik, Düsseldorf, 1956, S.214-226

[28] Doch all dies ist nicht das Bestimmende der Hymne, vielmehr geht es zentral um die Autonomieerklärung des Prometheus.

[29] Witte, Bernd (Hg.), Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart, 2005, S.44, V.50f.

[30] Merck erhielt die Handschrift im März 1775.

[31] Birus, Hendrik u.a.(Hg.), Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche, 40 Bände, Frankfurt/ Main, 1987 f.

[32] Erlebnis und Gedicht sind dabei zwei voneinander untrennbare Einheiten: Das Erlebnis muss dem Gedicht nicht unmittelbar voraus gegangen sein, sondern das Gedicht schafft das Erlebnis, welches es ausspricht (Vgl. Kaiser, Gerhard, Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis Heine, Ein Grundriss in Interpretationen, Bd.1, Frankfurt/ Main, 1988, S.68). Das Ich ist dabei nicht als biographisches zu denken, sondern als Ich, welches sprechend erlebt und erlebend spricht (Vgl. a.a.O., S.69).

[33] Vgl. Otto, Regine; Witte, Bernd (Hrsg.), Goethe Handbuch, Bd.1, Gedichte, Stuttgart, Weimar, 1996, S. 60

[34] Vgl. Otto, Regine; Witte, Bernd (Hrsg.), Goethe Handbuch, Bd.1, Gedichte, Stuttgart, Weimar, 1996, S. 62

[35] Dieses Formkonzept wurde in der Forschung auch als „ Akt der Befreiung“ bezeichnet.

[36] Conrady, Karl Otto, Johann Wolfgang von Goethe, Prometheus, S.215, In: Wiese, Benno von (Hg.), Die deutsche Lyrik I, Form und Geschichte, Interpretationen vom Mittelalter bis zur Frühromantik, Düsseldorf, 1956, S.214-226

[37] Vgl. Meller, Marius, Wo sitzt der Gott? Zu Goethes Prometheus-Hymne, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte , Bd.68, Sonderheft, Stuttgart, Weimar, 1994, , S. 189-196

Details

Seiten
45
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640105038
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112035
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Verselbstung Entselbstigung Vergleich Goethes Genie-Hymnen Prometheus Ganymed Lyrik Thema Prometheus

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