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Das narrativ biographische Interview

Eine vertiefende Einführung in die Methode

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

INHALT

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 historischer Hintergrund
2.2 Rahmenbedingungen

3 Aufbau und Ablauf
3.1 Erzählaufforderung
3.2 Haupterzählung
3.3 Nachfrageteil
3.3.1 Immanente Nachfragen
3.3.2 Externe Nachfragen
3.4 Interviewabschluss

4 Biographische Fallrekonstruktion
4.1 Transkription und Anonymisierung
4.2 Analyseverfahren

5 Möglichkeiten für die Soziale Arbeit

6 Schluss

7 Literaturliste

1 Einleitung

Was hat die individuelle und selbsterzählte Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen mit der Funktion und den Strukturen der gesamten Gesellschaft zu tun? Diese Frage lässt sich hier sicherlich nicht vollständig beantworten. Versucht man jedoch die Komplexität der Gesellschaft zu verstehen, kann man sich zunächst die rekonstruierte Biographie eines Gesellschaftsmitgliedes zunutze machen, indem das Individuum biographisch respektive autobiographisch in Bezug zur Gesellschaft gesetzt wird.[1] Wie aber gelange ich an die Lebensgeschichte eines mir unbekannten Menschen und womit kann ich sie für die Sozialforschung verwertbar aufbereiten? Dieser Fragestellung gehe ich in dieser Hausarbeitarbeit nach und beschreibe eingehend, wie eine individuelle Biographie erstellt und ausgewertet werden kann. Zu Beginn der Arbeit stelle ich die Methode des narrativ biographischen Interviews vor und gehe kurz auf die Entstehung sowie die allgemeinen methodischen Grundlagen ein. Schwerpunktmäßig befasse ich mich mit der praktischen Interviewführung und den darin enthaltenen Besonderheiten. Dabei wird jeder einzelne Schritt der Forschungsmethode ausführlich dargestellt und erläutert. Anschließend komme ich zur Auswertung und Analyse des Interviews. Hierbei gehe ich speziell auf das von Gabriele Rosenthal weiterentwickelte Verfahren ein, da es in der mir vorliegenden Literatur die aktuellste Form der Analyse darstellt. Dieses sehr komplexe Verfahren stelle ich in den einzelnen Arbeitsschritten kurz dar. Abschließend versuche ich auf drei unterschiedliche Ebenen Parallelen von der qualitativen Forschungsmethode des narrativ biographischen Interviews zur praktischen Sozialen Arbeit herzustellen, um damit die Praxisrelevanz für zukünftige Sozialarbeiter aufzuzeigen.

2 Grundlagen

2.1 Historischer Hintergrund

„Das narrative Interview ist eine Spezialform des qualitativen Interviews, die Schütze (1977) entwickelt und propagiert hat. Im narrativen Interview wird der zu Befragende aufgefordert, zu dem im Gespräch benannten Gegenstand zu erzählen, was natürlich voraussetzt, dass der zu Befragende eine entsprechende Kompetenz besitzt.“[2] Fritz Schütze, der viele Jahre als Universitätsprofessor in der damaligen Gesamthochschule Kassel am Fachbereich Sozialwesen und Gesellschaftswissenschaft lehrte, wurde in seiner Arbeit hauptsächlich durch die Einflüsse amerikanischer Soziologen geprägt. Die phänomenologisch orientierte Soziologie von Alfred Schütz und der Symbolische Interaktionismus, der aus der Chicago School um George Herbert Mead hervorgegangen ist, lassen sich ebenso wie die Konversationsanalyse und die von Anselm Strauss und Barney Glaser entwickelte Grounded Theory als Grundlage für Schützes Weiterentwicklung einer eigenständigen qualitativen Forschungsmethode wiederfinden.[3] Eine weiterführende Auseinandersetzung und umgreifende Vertiefung dieser Konzeption, besonders auf dem Gebiet der biographischen Fallanalyse, führen seit Mitte der 1980 Jahre Gabriele Rosenthal und Wolfram Fischer – Rosenthal durch.[4]

2.2 Rahmenbedingungen

Bei narrativ biographischen Interviews werden die potentiellen Informanten gebeten ihre eigenen Erlebnisse in Form einer Geschichte darzustellen. Dabei geht es um Erlebnisse mit sozialwissenschaftlichen Interesse, lebensgeschichtliche, alltägliche, situative und / oder kollektiv - historische Ereignisabläufe, in die der Erzähler selbst involviert war.[5] Es handelt sich um ein „universell einsetzbares Forschungsinstrument.“[6] Die persönliche Partizipation des Interviewten an dem zu untersuchenden Forschungsereignis ist eine der bedingenden Voraussetzungen für ein erfolgreiches Interview. Denn nur dann hat der Erzähler eine kognitive Repräsentation des Handlungsablaufs gebildet, welche er aktualisieren und als Narration reproduzieren kann. Weiterhin muss der Interviewte dem Geschehen in der Vergangenheit eine gewisse Aufmerksamkeit gewidmet haben, damit die Erinnerung daran wieder hervorgerufen werden kann. Die zu untersuchenden sozialen Phänomene müssen einen Prozesscharakter aufweisen, da nur über Abläufe, die beginnen, sich entwickeln und einen, auch vorläufigen Abschluss darstellen, kann eine Erzählung entstehen. Für einen Forschungsgegenstand, der einen ständig wiederkehrenden und routinierten Handlungsablauf darstellen will, beispielsweise den Tagesablauf oder eine Beschreibung der Arbeit, ist das narrativ biographische Interview nicht geeignet, denn hierbei würde der Befragte nur zusammenfassend berichten, Fakten und Daten darlegen oder argumentieren. Es käme jedoch zu keinem Erzählstrom der eigenen Handlungsgeschichte, wie er für die biographische Fallrekonstruktion notwendig ist.[7]

3 Aufbau und Ablauf

Vor dem eigentlichen Interviewbeginn findet ein Vorgespräch statt, in dem die formalen Absprachen über den Ort und die Zeit des Treffens ebenso erörtert werden wie die Anfrage bei dem Gesprächstermin ein Aufnahmegerät verwenden zu dürfen. Auch wenn die Absprachen oft nur fernmündlich stattfinden, wird hierbei das erste Vertrauensverhältnis aufgebaut, welches unbedingt für ein erfolgreiches Interview notwendig ist. Jedem Biographen muss vorher die Wahrung der Anonymität zugesichert werden. Das Vorgespräch sollte nicht das Thema des Interviews vorwegnehmen, da sonst der gewünschte Effekt einer Stehgreiferzählung unmöglich wird.[8]

3.1 Erzählaufforderung

Die Erzählaufforderung ist einer der wichtigsten Bestandteile des narrativ biographischen Interviews, da hierbei der Interviewte mit einer sehr allgemein gehaltenen Einstiegsfrage dazu aufgefordert wird, seine Lebensgeschichte respektive spezielle Phasen oder Bereiche seiner Biographie wiederzugeben.[9] Der Einstiegs- oder Erzählstimulus muss sorgfältig durchdacht und konzipiert werden. Der Biograph soll nicht direkt auf das Prozessgeschehen gelenkt oder beeinflusst werden, jedoch sofort und so umfassend wie möglich mit seiner Erzählung beginnen. Die Befragten nehmen die Stimuli oft sehr ernst und reagieren deutlich spürbar auf die Formulierungen und versuchen ihre Erzählung genau darauf abzustimmen. Auch die Informationen über den Interviewverlauf können in die Erzählaufforderung einfließen. Der Interviewte muss wissen, dass er in seiner Haupterzählung nicht unterbrochen wird, der Forscher sich lediglich einige Aufzeichnungen macht, sonst jedoch schweigt.[10] Eine sehr offene Form der Fragestellung kann folgender Maßen aussehen:

„Ich möchte Sie bitten, mir Ihre Lebensgeschichte zu erzählen, all die Erlebnisse, die Ihnen einfallen. Sie können sich dazu so viel Zeit nehmen, wie Sie möchten. Ich werde Sie auch erst mal nicht unterbrechen, mir nur einige Notizen machen, [sic!] und später noch darauf zurückkommen.“ [11]

[...]


[1] Vgl. Fischer - Rosenthal, Wolfram; Rosenthal, Gabriele (1997a): Narrationsanalyse biographischer Selbstpräsentation, in: Hitzler, Ronald; Honer, Anne (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Opladen, S. 133

[2] Lamnek, Siegfried (1995): Qualitative Sozialforschung. Band 2. Methoden und Techniken. 3., korrigierte Auflage, Weinheim, S.70

[3] Vgl. Küsters, Ivonne (2006): Narrative Interviews. Grundlagen und Anwendungen. Wiesbaden, S. 18

[4] Vgl. Loch, Ulrike; Schulze, Heidrun (2002): Biographische Fallrekonstruktion im handlungstheoretischen Kontext der Sozialen Arbeit, in: Thole, Werner (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. 2., überarbeitete Auflage, Opladen, S. 564

[5] Vgl. Glinka, Hans – Jürgen (2003): Das narrative Interview. Eine Einführung für Sozialpädagogen. 2. Auflage, Weinheim und München, S. 9

[6] Fischer - Rosenthal, Wolfram; Rosenthal, Gabriele (1997a): S. 136

[7] Vgl. Küsters, Ivonne (2006): S. 30 ff.

[8] Vgl. Küsters, Ivonne (2006): S. 54 -55

[9] Vgl. Fischer - Rosenthal, Wolfram; Rosenthal, Gabriele (1997): Warum Biographieanalyse und wie man sie macht, in: Zeitschrift für Sozialforschung und Erziehungssoziologie. 17. Jg., S. 414

[10] Vgl. Küsters, Ivonne (2006): S. 44

[11] Fischer - Rosenthal, Wolfram; Rosenthal, Gabriele (1997): S. 414

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640104864
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v112003
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Interview Empirische Sozialforschung

Autor

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Titel: Das narrativ biographische Interview