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Geschlechtsspezifische Lesesozialisation - Betrachtung und Diskussion im Hinblick auf die elektronischen Massenmedien (speziell auf das Fernsehen)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Geschichte des Lesens – historischer und sozialgeschichtlicher Rückblick
2.1. Die Anfänge: Klassisches Griechenland bis Mittelalter
2.2. Der Übergang vom monastischen zum scholastischen Lesen
2.3. Das 18. Jahrhundert
2.4. Bildungsbürgertum und Massenpublikum: 19. bis Anfang 20. Jahrhundert

3. Literarische Sozialisation heute
3.1. Von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit
3.2. Drei Instanzen der Lesesozialisation und ihr (möglicher?) Wandel
3.3. Geschlechtsspezifische Forschungsansätze
3.3.1. Empirische Befunde zum Leseverhalten der Geschlechter
3.3.2. Theoretische Erklärungsansätze

4. Verdrängt das Fernsehen das Buch?
4.1. Sozialisation durch die Massenmedien
4.1.1. geschlechtsspezifische Perspektive
4.2. Buchlesen im Medien- und Freizeitvergleich
4.3. Fernsehkinder – die neuen Analphabeten?
4.4. Ansätze der Medienpädagogik
4.4.1. geschlechtsspezifische Medienpädagogik

5. Literatur

1. Einleitung

Bereits in den 60er Jahren, als das Fernsehen noch „jung“ war, prophezeite Marshall McLuhan die „literarische Endzeit“ – die elektronischen Medien (z.B. Kabelfernsehen und Internet) würden die Lesekultur beenden und eine nach literarische Epoche der Kommunikation herbeiführen. Seit damals sind die besorgten Fragen von Eltern, Psychologen und Lehrern nicht verstummt, ob das Buch gegen den Ansturm der elektronischen Medien wird bestehen können. Ob das Buch wirklich durch andere Medien verdrängt wird, darum soll es in der vorliegenden Hausarbeit gehen – mit speziellem Blick auf die geschlechtsspezifische Sozialisation.

2. Die Geschichte des Lesens – historischer und sozialgeschichtlicher Rückblick

Unter dem Eindruck kulturpessimistischer Prognosen vom Niedergang der Schriftkultur hat sich die historische Leseforschung der Frage zugewandt, wie früher literarische Sozialisation stattgefunden hat. Im Hinblick auf bis heute bestehende Geschlechterdifferenzierungen im Bereich der literarischen Sozialisation soll an dieser Stelle ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Lesens von den abendländischen Anfängen bis ins 20. Jahrhundert gemacht werden (hauptsächlich orientiert an den Entwicklungen im deutschen Sprachraum).

Die Lese-Erfahrung, schreibt Erich Schön im „Handbuch des Lesens“, entsteht durch die „untrennbare Einheit der verschiedenen Dimensionen des Lernens – und so muss sich eine Geschichte des Lesens auch auf die Menschen konzentrieren, die gelesen haben“ (Schön. In: Handbuch des Lesens. S. 1). Deshalb spricht man, neben dem historischen Aspekt, auch von einer Sozialgeschichte des Lesens.

2.1. Die Anfänge: Klassisches Griechenland bis Mittelalter

Phylogenetisch gesehen stellt das Lesen eine relativ junge Fähigkeit dar – sie gehört nicht zur „anthropologischen Grundausstattung“ des Menschen, sondern ist neurobiologisch in den Gehirnregionen zu suchen, die sich ursprünglich für die visuellen Funktionen (z.B. dem Spurenlesen bei der Jagd) entwickelt hatten. Die Anfänge des abendländischen Lesens sind (von Vorformen abgesehen) im Gebrauch von Zählsteinen und Tonfiguren begründet, die vor ca. 7000 Jahren in Mesopotamien im Gebrauch waren. Daraus entwickelten sich verschiedene Schriften, z.B. die protosumerische Schrift bei den Phöniziern – auf eine weitere Entwicklung möchte ich an dieser Stelle allerdings verzichten, weil dies den Rahmen meiner Hausarbeit sprengen würde. Wichtig hingegen ist anzumerken, dass bis zum 3./4. Jahrhundert literarische Schriften (wie z.B. Herodots Geschichtswerk) noch öffentlich vorgetragen wurden, erst mit dem Hellenismus (326 – 30 v. Chr.) begann sich das individuelle Lesen zu entwickeln. Trotzdem waren die Träger der hellenistischen Lesekultur nur eine kleine Gruppe Gebildeter und Wohlhabender, da Bücher zu dieser Zeit noch handschriftlich von Sklaven verfasst und dementsprechend teuer waren.

Im Römischen Reich (v.a. in der Kaiserzeit) waren Lesen und Schreiben bereits verbreitete Fähigkeiten, oft sogar für den Alltagsgebrauch (durch expandierenden Handel) unumgänglich – allerdings nach wie vor bezogen auf die städtischen Oberschichten. Bald entwickelte sich ein System der materiellen Buch-Verbreitung mit Verlagen, Schreibstuben, einem Buchhandelssystem und öffentlichen Bibliotheken – so entwickelte sich bereits eine Art Bildungsbürgertum, in dem bereits auch Frauen und gebildete Sklaven eine Rolle spielten.

Die antike Lesekultur endete spätestens im 6. Jahrhundert, da das Christentum der „alten“ (heidnischen) Kultur feindlich gegenüberstand. Für ein halbes Jahrtausend lebte die Schreib- und Lesekunst lediglich (in stark reduzierter Form und auch nur in Latein) in den mittelalterlichen Klöstern fort – die germanischen Eroberer (Bürger, aber auch Menschen aus Oberschichten und Herrscher) waren und blieben Analphabeten.

Allerdings, so Schön, kann die tatsächliche Zahl der Analphabeten wissenschaftlich nicht befriedigend festgestellt werden aufgrund einer Besonderheit, die bis ins 19. Jahrhundert bestehen blieb: Man lernte in der damaligen Zeit zuerst lesen - und erst, wenn dies beherrscht wurde, schreiben. Durch mangelnde Ausbildung und unzureichende Wiederholung des Gelernten entstand eine große Gruppe, die zwar nicht schreiben – aber durchaus lesen konnten. Zeugnisse darüber haben jedoch selten Spuren hinterlassen.

Dominant wurde die Schriftkultur erst ab dem 12. Jahrhundert. Auch hier spielten die Frauen eine zentrale Rolle. Die adligen Damen der höfischen Gesellschaft konnten in der Regel lesen – trotzdem ist die hochmittelalterliche Literatur hauptsächlich geprägt durch gemeinsame Rezeptionen, weil der körperlich-sinnliche Aspekt des Vortragens eine große Rolle spielte. Das Lesen selbst war im Gegensatz zum heutigen schnell Zur-Kenntnis-Nehmen ein anspruchsvoller Vorgang, vor allem erschwert durch die handschriftlichen Texte. In dieser Zeit las man häufig immer wieder ein und dieselben Bücher, z.B. die Bibel – Lesen war meistens nur das Vortragen von (mehr oder weniger auswendig gekonnten) Texten - und damit eng verwandt mit dem Beten – auch monastisches Lesen genannt (8. - 12. Jahrhundert). Das Verhältnis zum Text bezeichnete man als „schriftliche Mündlichkeit“ – d.h. der Leser sprach die Wörter mehr oder weniger artikuliert vor sich hin, es kam weniger auf den Inhalt des Textes sondern mehr auf seine Autorität an.

2.2. Der Übergang vom monastischen zum scholastischen Lesen - Frühe Neuzeit bis Aufklärung

Das scholastische Lesen (12. – 14. Jahrhundert) bedeutete einen Übergang vom „aufgezeichneten Reden zum aufgezeichneten Denken“ (Schön 1991. S. 12). Da die Autoren nun selbst lasen, was sie schrieben, entwickelten sie ein anderes Verhältnis zum Text, sie gestalteten ihn bewusst auf den visuellen Aspekt hin, in dieser Zeit entstanden erste Satzzeichen, um das Lesen zu erleichtern.

Im 14. und 15. Jahrhundert wuchs (nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung des Handels) die Zahl derer, die lesen konnten, auch in die breiteren Schichten hinein. Im späten 14. Jahrhundert vollzog sich auch in den weltlichen Oberschichten der Übergang vom Diktieren und Sich-Vorlesen-Lassen hin zum Selber-Schreiben und Selber-Lesen – Analphabetismus wurde nach und nach ein Merkmal von Minderwertigkeit. Trotzdem bildete sich kein literarisches Lesepublikum wie im heutigen Sinne, die Lektüre der Laien beschränkte sich bis ins 18. Jahrhundert hinein nach wie vor auf Gebrauchsliteratur (z.B. Gesetzestexte) oder auf populär-religiöse Lektüre (wie z.B. die Bibel).

Durch die Erfindung des Buchdrucks durch J.G. Gutenberg um 1445/50 fand keine (wie oft irrtümlich angenommene) „Medien-Revolution“ statt, weil die technischen Möglichkeiten der Buchproduktion die Nachfrage nicht befriedigen konnten - das steigende Leseinteresse hatte ihren Ursprung vielmehr in sozialen Veränderungen. Zwar boten vor allem religiöse Texte (z.B. die Meinungsverschiedenheiten während der Reformation) einen Anreiz zum Lesen, trotzdem änderte sich das Lesepublikum sozial gesehen lange Zeit nicht, es entsprach um 1500 nach wie vor nur ca. 5% der Stadtbevölkerung und weniger als 1% der Gesamtbevölkerung. Trotzdem kann von einer Erhöhung der Lesefähigen gesprochen werden - unter anderem durch die Einführung von Schulen seitens der Protestanten.

Im 17. Jahrhundert wurde das Leseverhalten durch das Erscheinen erster Zeitungen vorangetrieben (ursprünglich entstanden aus Flugblättern während des 30jährigen Krieges), bereits im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts gab es in Deutschland 50 bis 60 verschiedene, um 1750 waren es bereits um die 120. Doch während sich das Zeitungslesen (ebenso wie das Lesen von Kalendern, Flugschriften und religiöser Literatur) bereits in breitere Schichten (auch auf die Frauen!) ausweitete, blieb die Buchproduktion des 17. Jahrhundert überwiegend eine Produktion von Gelehrten für Gelehrte, Poesie spielte nur am Rande eine Rolle. Nicht nur Bildung begrenzte die lesende Gruppe, sondern nach wie vor Geld. Die meisten Formen des Lesens bis ins 18. Jahrhundert hinein hatten einen exemplarischen Charakter – d.h. das Lesen war von stofflichem Interesse gesteuert, die Handlung (die „Lehre“ bzw. die „Moral“) des Buches galt als auf das eigene Leben übertragbar.

2.3. Das 18. Jahrhundert:

Im 18. Jahrhundert erfuhr die Geschichte des Lesens einen Aufwärtstrend – vorangetrieben durch literatursoziologische Veränderungen wie z.B. durch die „Industrielle Revolution“ und damit „Entstehung und Aufstieg des modernen Bürgertums“. Nicht mehr Stände, Zünfte und Gilden spielte eine Rolle – sondern der Wirtschaftsbürger bzw. nach vorn drängende Beamte, welche durch Bildung (statt durch Herkunft) ein bestimmtes Amt erlangten. Gleichzeitig war bei diesen neuen Bildungsbürgern (mit hohem Selbstbildung und Geltungsanspruch) auch mehr Geld für die Anschaffung von Büchern bzw. die Mitgliedschaft in Bibliotheken und Lesezirkeln vorhanden, hinzu kam die kategoriale Trennung von Arbeit und Freizeit, die disponible Zeit (z.B. fürs Lesen) freisetzte. Mit der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, der entsprechenden Arbeitsteilung und deren ideologischer Absicherung durch das Konstrukt von „Geschlechtercharakteren“ vollzog die moderne Differenzierung der Geschlechtercharaktere deutlicher und stärker als zuvor: Die Männer lasen berufsbezogene Lektüre, Zeitungen, politische und Sachliteratur (welche einen Großteil des damaligen Buchmarktes ausmachte) – die Frauen hingegen aufgrund ihrer „natürlichen“ häuslich-konsumtiven Tätigkeiten aber auch „emotionalen Aufgaben“ innerhalb der Familien lasen vorwiegend Belletristik im privaten, intimen Kreis. Diese Differenzierung ist teilweise auch heute noch erkennbar. Für die Frauen der damaligen Zeit boten Romane eine Möglichkeit, dem Alltag (als Gattin und Mutter) zu entfliehen hinein in Phantasiewelten – nur so (aber auch über Zeitschriften) hatten sie die Möglichkeiten, am Leben außerhalb des Hauses teilzunehmen. Die Romanproduktion stieg qualitativ an – zentral getragen durch die Frauen (ausgenommen professionelle Leser und Leselehrer) - an die Stelle der alten Wiederholungs-Lektüre trat die einmalige Lektüre immer neuer Texte.

Doch auch wenn bei den Mädchen bzw. Frauen der Umgang mit Literatur (z.B. in den Lehrplänen der Mädchenschulen), auch eigenes Schreiben (z.B. von Tagebüchern oder Kleinpoesie) stärker gefördert wurde – so unterlagen sie doch gleichzeitig einer starken inhaltlichen und qualitativen Einschränkung. Frauen durften weder Gelehrte werden (der Zugang zum Abitur wurde ihnen nach wie vor verwehrt) – Klassiker, wie z.B. Goethe blieben ihnen offiziell verwehrt - noch durften sie allzu exzessiv lesen. Denn währenddessen das sachlich orientierte „männliche“ Lesen als nützlich und aufklärend gebilligt wurde, stand man dem weiblichen Lesen bald weniger positiv gegenüber – Ende des 18. Jahrhunderts schwor die (vermeintliche) weibliche „Lesesucht“ eine Debatte über die Gefahren von Literatur herauf – was sich bis hin zu Leseverboten steigerte. Diese Debatte wurde natürlich ebenfalls überwiegend unter Männern ausgetragen: Lesepädagogen, Philanthropen, Volksaufklärern. Romanlesen wurde als „unmännlich“ bezeichnet, weil angenommen wurde, dass die dadurch bewirkte Empfindsamkeit unfähig mache zu einem praktischen und tatkräftigen Leben – spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben, in den „Ernst des Lebens“, hörten die männlichen Jugendlichen auf, Romane zu lesen.

Doch so sehr das weibliche Lesen auch gefördert wurde, die deutschen Klassiker (z.B. Goethe) kamen für das weibliche Geschlecht nicht in Frage. Paradox - denn formal waren die Frauen vom Begriff „Bildung“ ausgeschlossen (weil ihnen der Zugang zum Bildungspatent „Abitur“ nach wie vor verschlossen blieb) – gleichzeitig wurde durch die ausgeprägte Rollenverteilung in der bürgerlichen Familie den Frauen die Aufgabe zuteil, weitgehend die bürgerliche Identitätsarbeit im Bereich des literarischen Lesens (literarische Sozialisation der Kinder u.s.w.), wenn nicht sogar der Kultur selbst (z.B. Außenrepräsentation bei Theaterbesuchen) zu leisten.

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Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638174183
ISBN (Buch)
9783638641760
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11190
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Fachbereich 12
Schlagworte
Geschlechtsspezifische Lesesozialisation Betrachtung Diskussion Hinblick Massenmedien Fernsehen) Mediensozialisation

Autor

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