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Kriegserfahrung in der Literatur

Erich Maria Remarques: "Im Westen Nichts Neues."

Hausarbeit 2004 26 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. „Im Westen nichts Neues“ als Spiegel des Kriegserlebnisses, der einfachen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn im Geschichtsunterricht das Thema Erster Weltkrieg behandelt wird, muss es zunächst um die Kriegsursachen, die politischen Geschehnisse, um Verlauf und Ausgang der großen Schlachten, um die Auswirkungen auf die Gesellschaften der teilnehmenden Staaten und schließlich um unmittelbare und langfristige Folgen gehen. Das Thema Erster Weltkrieg, hält aber noch eine andere wichtige Ebene bereit, die jedoch am schwersten zu vermitteln ist. Die Ebene des Kriegserlebnisses der kämpfenden Soldaten und dessen unmittelbare und langfristige Wirkung auf Physis und Psyche. Historiker der neueren Geschichtsforschung versuchen eine „Mentalitätsgeschichte“ des Krieges zu schreiben. Die Geschichte der Mentalitäten, der Gedanken, Empfindungen und der Erfahrung des Ersten Weltkrieges wurde erstmalig von ihnen in der wissenschaftlichen Forschung etabliert. In meinem Literaturverzeichnis finden sich einige der wichtigsten bisherigen Publikationen dieses historischen Forschungsfeldes. Da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die man befragen könnte, bleibt der heutigen Forschung nur, deren Hinterlassenschaften auszuwerten. In Form von Feldpostbriefen ist eine ganze Fülle davon erhalten. Natürlich sind diese nicht als Botschaft für die Nachwelt verfasst worden und nur ein Bruchteil von ihnen enthalten relevante Informationen, die der Geschichtsforschung dienen können daraus ein Bild des Kriegserlebnisses zu konstruieren. Sie enthalten eine Fülle subjektiver Schilderungen, die durch Faktoren wie Zensur und Rücksichtnahme der Verfasser auf sich sorgende Angehörige, nur begingt als Ausdruck des wahren Empfindens gelesen werden können. Daher ist es ein schwieriges Unterfangen aus ihnen ein allgemeines Bild des Kriegserlebnisses zu gewinnen. Erich Maria Remarque hat uns, wie einige andere Frontsoldaten auch[1], eine schriftliche Hinterlassenschaft von besonderer Art geliefert. Er hat sein Kriegserlebnis in Form eines Romans verarbeitet. Das Medium Roman, und außer ihm nur der Spielfilm, erlaubt es uns emotional und geistig in ein Geschehnis einzutauchen und es nachzuempfinden. So werden wir auch bei der Lektüre von Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ in ein fiktives Geschehnis an der Front des Ersten Weltkrieges zurückversetzt und erleben den Krieg aus Sicht seiner Protagonisten nach. Ich gehe nun in meiner Arbeit der Frage nach, ob die heutigen Leser sich anhand der Schilderungen Remarques ein zutreffendes Bild des Kriegserlebnisses machen können.

2. „Im Westen nichts Neues“ als Spiegel des Kriegserlebnisses der einfachen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg.

Am 31. Januar 1929 wurde in der Vossischen Zeitung ein Roman eines bis dato völlig unbekannten Schreibers namens Erich Maria Remarque veröffentlicht mit dem Titel „Im Westen nichts Neues“[2], der in der Folgezeit enorme Popularität erzielen sollte und heute zu den erfolgreichsten Kriegsromanen zählt. Die Handlung dieses Romans spielt während des Großen Krieges 1914-1918. Dieses, in beinahe alle Lebensbereiche eingreifende, gesellschaftliche Veränderungsprozesse extrem beschleunigende, von einigen als naturhafte Katastrophe beschriebene Ereignis[3], dass allein auf deutscher Seite 1808000 und insgesamt 7940000 Menschenleben forderte, wird aber nicht als Ganzes im Roman zu fassen gesucht. Vielmehr beschreibt das Buch den Großen Krieg aus Sicht des gemeinen Frontsoldaten, sozusagen aus der Froschperspektive der Schützengräben, nicht vom „runden Tisch“ des Generalstabes aus. Es wird nicht die Wirkung des Krieges auf die Gesellschaft als Ganzes dargestellt oder die Frage nach der politischen Verantwortung für den Krieg gestellt, sondern es geht um die individuelle Erfahrung und die Folgen, denen die Frontkämpfer durch den Krieg unterlagen. Remarque betonte, es sei kein Buch über den Krieg, sondern von der Wirkung des Kriegserlebnisses auf die von ihm geschilderten jungen Menschen und er habe keinerlei Vollständigkeit damit angestrebt.

„Der Krieg ist als Tatsache vorausgesetzt. Die wenigen Reflexionen die im Buch stehen, beschäftigen sich nur mit diesem rein menschlichen Erleben des Krieges. Sie vermeiden jede politische, soziale, religiöse oder sonstige Stellungnahme. Dazu halte ich mich ebenso wenig berufen, wie dazu, eine Geschichte des Krieges zu schreiben.“[4]

„Es (das Buch) beschränkt sich ja bewusst auf einen ganz kleinen Abschnitt des Krieges[...](es ist) Unvollständig weil es nur von den Erlebnissen junger Schülersoldaten und ihrer Freunde handelt; dabei haben Menschen aller Berufe und jeden Alters natürlich gleich Schweres oder Schwereres erlebt.[...]“[5]

Trotzdem wird die Kriegsmaschinerie, die wie eine unkontrollierbare Naturgewalt erbarmungslos über die Soldaten hereinbrach, schonungslos, in ihrer ganzen Unmenschlichkeit von Remarque beschrieben. Er schildert auch, das plötzliche herausgelöst sein, der vormals bürgerlichen Protagonisten, aus der normativen Gesellschaftsstruktur und das eintauchen in eine Welt in der die für richtig erachteten Wert- und Moralvorstellungen aufgehoben scheinen. Der Protagonist Paul Bäumer, ein Schüler aus bürgerlichen Verhältnissen, wird gegen Ende des Krieges gemeinsam mit seinen Klassenkameraden zur Front eingezogen. Schon bald nach ihrem militärischen Drill, sieht diese Gruppe sich, dem unerbittlich harten Kampf um ihr Dasein im Schützengraben ausgeliefert. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie keine konkreten Vorstellungen über die Zukunft haben und voll ungewisser Ideen stecken[6]. Dies ist die Generation von der Erich Maria Remarque in seinem Buch berichten will, seine eigene Generation. Am Anfang des Buches formuliert er seine Intention wie folgt:

„Dieses Buch soll weder Anklage noch Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ (S.8)

Seine Generation der überlebenden Frontkämpfer erklärt Remarque also als zerstört, diese Zerstörung kann, denke ich, nur auf emotionaler, geistiger Ebene verortet sein. In vielen Aussagen Paul Bäumers wird deutlich wie der Krieg psychisch zerstört, er beschreibt, dass der Krieg den irreparablen Verlust seines ambitionierten, ideensprühenden Geisteszustand der Vorkriegszeit und seiner emotionalen Feinfühligkeit bedingt hat und wie der Krieg ihnen die Zukunftsperspektiven geraubt hat.

„ Albert spricht es aus: „Der Krieg hat uns für alles verdorben.“ Er hat recht. Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.“ (S.67)

„Heute würden wir in der Landschaft unserer Jugend umhergehen wie Reisende.[...]Wir sind verlassen wie Kinder und erfahren wie alte Leute, wir sind roh und oberflächlich- ich glaube wir sind verloren.“ (S.90/91)

„Ich will wieder diese stille Hingerissenheit, das Gefühl dieses heftigen Dranges verspüren, wie früher, wenn ich vor meine Bücher trat.[...]es soll mir das verlorene Bereitsein meiner Jugend zurückbringen.[...]“ (S. 123)

Aussagen Remarques, der Grund dieses Buch zu schreiben, sei es gewesen, ein persönliches Problem zu bewältigen[7], offenbaren wie Remarque die Probleme seine angestrebte Schriftstellerkarriere zu verwirklichen[8], in die Person Paul Bäumers projiziert hat, dessen Träume von einer Schriftstellerkarriere er im Buch, am Krieg zerschellen lässt.

„Ich war damals, im Frühjahr vorigen Jahres mit ganz anderen Arbeiten beschäftigt. Ich war angestellt als Bildredakteur einer Zeitschrift. Abends mühte ich mich mit mancherlei Dingen. Zum Beispiel machte ich verschiedene Anläufe ein Stück zu schreiben, kam aber damit nie sehr weit. Ich litt unter ziemlich heftigen Anfällen von Verzweiflung. Bei dem Versuch, sie zu überwinden, suchte ich allmählich ganz bewusst und systematisch nach der Ursache meiner Depressionen. Durch diese absichtliche Analyse kam ich auf mein Kriegserlebnis zurück. Ich konnte ganz ähnliches bei vielen Bekannten und Freunden beobachten. Wir alle waren- und sind oft noch- unruhig, ziellos, bald exaltiert, bald gleichgültig, im tiefsten Grunde aber unfroh. Der Schatten des Krieges hing auch und gerade über uns, wenn wir gar nicht an ihn dachten. Am selben Tage, an dem ich diesen Gedanken hatte, begann ich zu schreiben[...]“[9]

Remarque sah also seine persönliche Krise, ursächlich in Nachwirkungen der Kriegserfahrung und glaubte dieses Problem mit seiner gesamten Generation zu teilen. Er ging davon aus in seinem Buch Wirkung und Erlebnis des Krieges repräsentativ für seine Generation, d.h. für alle zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns meist unbedarften, ledigen jungen Männer der wehrdienstpflichtigen Jahrgänge 1896-1900, gestaltet zu haben.

[...]


[1] Die wichtigsten Romane die das Thema Erster Weltkrieg verarbeiteten finden sich auf Seite 16 meiner Literaturangaben.

[2] Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Köln. 3.Auflage, 1987

[3] Vgl. Wolfgang J. Mommsen: Der Erste Weltkrieg und die Krise Europas. In: Gerhard Hirschfeld „Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...“. F.a.M. 1996, S.33

[4] Axel Eggebrecht: Gespräch mit Remarque. In: Die literarische Welt. Berlin, 5.Jg., Nr.24, 14. Juni 1929 ;Zitiert nach Hans-Harald Müller: Der Krieg und die Schriftsteller. Stuttgart 1986(im folgenden als „Müller“ angeben), S.40/41

[5] Siehe Fußnote 2

[6] Vgl. Müller, S. 49

[7] Vgl. Müller, S. 40

[8] Vgl. Müller, S. 46-48

[9] Siehe Fußnote 2

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (Buch)
9783640171705
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111856
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Historisches Seminar II
Note
1,3
Schlagworte
Kriegserfahrung Literatur Demokratie Krieg Revolution Deutschland Erich Maria Remarque Im Westen nichts Neues

Autor

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