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Handeln und Sprechen im Rahmen der systemischen Therapie und Beratung

Seminararbeit 2002 25 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhalt

I. „Man kann nicht nichtkommunizieren“
1. Kreislauf der Kommunikation
2. Helfende Kommunikation

II. Methoden der systemischen Therapie und Beratung
1. Was ist ein System?
2. Inhalte und Ziele der systemischen Therapie und Beratung
3. Systemisches Fragen als eine der zentralen Methoden der systemischen Therapie und Beratung
3.1. Zirkuläres Fragen
3.2. Inhaltsbereiche systemischer Gesprächsführung
3.2.1. Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion oder Gegenwartsfragen
3.2.1.1. Fragen zum Auftragskontext
3.2.1.2. Fragen zum Problemkontext
3.2.2. Fragen zur Möglichkeitskonstruktion
3.2.2.1. Lösungsorientierte Fragen oder „Verbesserungsfragen“
3.2.2.2. Problemorientierte Fragen oder „Verschlimmerungsfragen“
3.2.2.3. Problem- und Lösungsszenarien
1.3 Allgemeine Regeln des zirkulären Fragens

III. „Man kann nicht nicht Intervenieren“
1. Handeln und Sprechen im Rahmen der systemischen Therapie und Beratung
2. Ein Fallbeispiel
3. Zusammenfassung

Literatur

I. „Man kann nicht nichtkommunizieren“

1. Kreislauf der Kommunikation

Menschen verbringen eine geraume Zeit ihres alltäglichen Lebens damit, miteinander zu reden und es scheint eine recht problemlose Hauptbeschäftigung zu sein. Im Sinn des von Watzlawick formulierten Axiom: „Man kann nicht nichtkommunizieren“[1], hat jedes Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter. Irgendetwas wird also immer kommuniziert. Schulz von Thun beschreibt den Grundvorgang der zwischenmenschlichen Kommunikation folgendermaßen:

Da ist ein Sender, der etwas mitteilen möchte. Er verschlüsselt sein Anliegen in erkennbare Zeichen – wir nennen das, was er von sich gibt, seine Nachricht. Dem Empfänger obliegt es, dieses wahrnehmbare Gebilde zu entschlüsseln. In der Regel stimmen gesendete und empfangene Nachricht leidlich überein, so daß eine Verständigung stattgefunden hat.[2]

Scheint alles einfach zu sein. Wir verstehen uns doch wenn wir reden? Ja, verstehen tun wir, aber was? Es wird nicht immer das empfangen was gesendet wird. Kommunikationspartner senden Botschaften gemäß ihren Absichten, sie wünschen sich, daß der andere einen bestimmten Eindruck von ihnen bekommt, daß er ihre Meinungen teilt, daß er seine Einstellung ändert, daß er sich in einer bestimmten Weise verhält, usw. Da der andere ebenfalls Absichten hat, verfügt er über die Freiheit, sich den Absichten des Partners zu widersetzen, die Annahme der Botschaften zu verweigern. Er kann die Mitteilung entgegen der Intention des Senders interpretieren. Zwei Partner können sich sowohl „zusammensprechen“ als auch „auseinandersprechen“[3].

Warum kommt se zu solchen „Störungen“? Laut Schulz von Thun liegt es daran, daß einerseits jede Nachricht, die vom Sender gesendet wird, vier Botschaften enthält

(Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell) und andererseits der Empfänger, der diese Nachricht empfängt, empfängt sie mit vier Ohren (Sachohr, Beziehungsohr, Selbstoffenbarungsohr, Appellohr). Was zwischenmenschliche Kommunikation so kompliziert macht, ist: Der Empfänger hat prinzipiell die freie Auswahl, auf welche Seite der Nachricht er reagieren will. Das bedeutet, daß ein Sender nie sicher sein kann, daß seine Botschaft in der von ihm beabsichtigten Weise vom Empfänger interpretiert wird.

Den oben beschriebenen Kreislauf der Kommunikation kann man schematisch folgendermaßen darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es wird deutlich, daß ein Text einer Botschaft recht verschiedene Bedeutungsvarianten auf den vier Ebenen hat, von denen der Sender jeweils eine bestimmte beabsichtigt und aus denen der Empfänger jeweils eine auswählt.

Man kann also Kommunikation nicht nur als ein Austauschprozeß von Informationen sehen. Wenn Partner kommunizieren setzt das auf beiden Seiten die Fähigkeit zu einer Veränderung der Überzeugungssysteme voraus. Sie müssen einen Konsensus herstellen, was „übereinstimmende Wahrnehmung“[5] bedeutet. Göppner definiert Kommunikation als „den Prozeß der von zwei Partnern angestrebten Herstellung eines Konsensus, einer punktuellen (nicht totalen!) Übereinstimmung in der personalen Wahrnehmung, als Überbrücken der Verschiedenheit zweier Individuen durch die Produktion und Rezeption von Botschaften, die bedeutungsvoll für beide sind. ... Eine Kommunikation ist nur dann als geglückt anzusehen, wenn beide Partner mit dem Verfahren der Konsensfindung und mit dem Ergebnis einverstanden sind.“[6]

2. Helfende Kommunikation

Man unterscheidet zwischen alltäglichen und helfenden Kommunikationen[7]. Alltägliche Kommunikation ist ausgerichtet auf Koordination von Absichten und Bedürfnissen und auf Kooperation in einem gemeinsamen Lebensfeld (z.B. Kommunikation zwischen Arbeitskollegen, Nachbarn, Familienmitgliedern u.ä.). Helfende Kommunikation geschieht dann, wenn einer der Partner sein kommunikatives Handeln in den Dienst der konstruktiven Veränderung des anderen stellt (z.B. ein Erwachsener bindet dem Kind nicht die Schuhe, sondern zeigt ihm, wie es das selbst fertig bringt). Helfende Kommunikation findet statt in Erziehung, Therapie und Beratung. Welchen Kriterien muß denn die helfende Kommunikation entsprechen?

Helfende Kommunikation ist nicht egoistisch (Verfolgung eigener Bedürfnisbefriedigung), sie ist aber auch nicht egozentrisch (Anwendung der eigenen Interpretationsschemata über die Umwelt und Entwertung von Sichtweisen, die mit der eigenen nicht übereinstimmen). Sie besteht selten darin, daß der Helfer seine Erfahrungen anbietet, daß er seine eigenen Weisheiten in den anderen zu verpflanzen sucht – vielmehr soll des anderen eigene Weisheit entwickelt werden. Das bedeutet, daß der Helfer nicht mitteilt, wie er in der Lage des anderen handeln würde und seine Lösungen anbietet, damit sie der andere übernehmen kann.

Der Klient (ein Kind, ein Patient, o.ä.) ist oft von seiner personalen Struktur her als weniger zur Selbststeuerung fähig, weniger stabil, frustrationsanfällig zu sehen. Er ist daher praktisch dem Helfer ausgeliefert, da er sich nicht unterlegen wehren kann.

Die Hilfe findet in einem Schonraum statt, in dem die Anforderungen des Alltags außer Kraft gesetzt sind oder nur in Dosierung zugelassen werden.

Die Sprache, als wichtigstes Instrument der Kommunikation rückt hier in den Vordergrund. Versprachlichung dient der konsensuellen Validierung der eigenen Wahrnehmung der Realität und des Selbst.

Helfende Kommunikation hebt sich also von der im alltäglichen Leben besonders durch die Andersartigkeit der Zielstellung ab, über die Koordination in der Situation hinaus ist sie auf eine dauerhafte konstruktive Veränderung des Klienten ausgerichtet.

Die Helfer-Klient Beziehung beruht auf der Basis eines Konsensus als gemeinsamer Sichtweise eines Problems. Das bedeutet nach dem kommunikationssystemischen Modell, daß sie (die Beziehung) nur dann glücken kann, wenn eine Überbrückung des Autismus der Subjekte – jeder lebt in seiner individuellen phänomenalen Welt – gelingt. Gelingt es nicht – scheitert die Beziehung. Mißglückt die Kommunikation zwischen Helfer und Klient, kommt es zu einer Verselbständigung der Systemprozesse. Beide werden zu Gefangenen des eigenen geschlossenen Systems.

Am Beispiel der systemischen Therapie und Beratung wird es deutlich, wie die oben beschriebenen theoretischen Ansätze in konkretes Handeln umgesetzt werden.

II. Methoden der systemischen Therapie und Beratung

1. Was ist ein System ?

Im Grunde der systemischen Therapie und Beratung liegt die Systemtheorie, die sich aus verschiedenen Theorien der Biologie, Mathematik, Psychologie, Soziologie und anderen Wissenschaften entwickelt hat. Unter einem System versteht man eine neue Einheit, die bestimmte Elemente als Voraussetzung hat, aber nicht als bloße Summe dieser Elemente zu verstehen ist. Durch die Beziehungen der Elemente untereinander und die daraus entstehenden Wechselwirkungen ergibt sich etwas Neues, was nicht ausschließlich auf die Eigenschaften der Elemente zurückführbar ist. Zum Beispiel Wasser kann als ein System beschrieben werden. Das wird zwar aus den Elementen Wasserstoff und Sauerstoff gebildet. Aber sobald die Verbindung zustande kommt, entsteht eine neue Einheit, deren Eigenschaften nicht auf der Summe der Eigenschaften der einzelnen Elemente beruht.[8]

[...]


[1] Watzlawick u.a., 1969, S.51. In: Hans-Jurgen Göppner: Hilfe durch Kommunikation in Erziehung, Therapie, Beratung: Ziele und Handlungskriterien. Bad Heilbrunn 1984 (Julius Klinkhardt), S. 17

[2] Friedmann Schulz von Thun: Miteinander Reden: Störungen und Klärungen. Reinbek bei Hamburg 2001 (Rowohlt), 34 Aufl., S. 25

[3] Göppner, 1984, S. 16

[4] Göppner, 1984, S. 53-54

[5] Göppner, 1984, S. 19

[6] Göppner, 1984, S. 19

[7] vrgl. Göppner, 1984, S. 82-88

[8] www.systemische-beratung.de

Details

Seiten
25
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638174022
ISBN (Buch)
9783638641753
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11171
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Erziehungswissenschaft
Note
Schlagworte
Handeln Sprechen Rahmen Therapie Beratung Methodenseminar

Autor

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