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Jeder Gesellschaft ihren Staat

Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Staat in Russland

Essay 2008 13 Seiten

Kulturwissenschaften - Osteuropa

Leseprobe

Die Betrachtung des organischen Geschichtsverlaufs des russischen Staates führte Konstantin Leontjew 1875 zur Feststellung: „Jede Nation, jede Gesellschaft hat ihre eigene Staatsform“[1] Diese Aussage basiert auf dem Verständnis von Russland als Einheit von Volk und Staat. Nationen gelten gemeinhin nicht als sehr änderungsfreudig. Hingegen können Gesellschaften in einzelnen Elementen durchaus einem relativ schnellen Wandel unterliegen. Die Staatsform ist nach oben genannter Vorstellung also von Konstanten und Variablen abhängig.

Der gesellschaftliche Wandel in Russland beendete in einem Jahrhundert Zarismus und Bolschewismus und ließ ebenfalls die Perestroika hinter sich. Wie stark war er, dass er die geschichtliche Eigendynamik durchbrechen konnte? Worin besteht dabei die Konstante? Während die historische Entwicklung Russlands je nach Vorlieben als Sonderweg, Umweg oder Eisenbahngleis (entsprechend dem Verständnis der russischen Geschichte als Lokomotive) bezeichnet werden kann, bleibt die Frage, was an diesem typisch russisch ist. Zur Beantwortung dient eine Betrachtung gesellschaftlicher Erscheinungen und ihres historischen Wandels in den letzten Jahrzehnten. Aus dieser lassen sich eventuell Wechselwirkungen mit der Politik herleiten. Als einschneidendes Ereignis muss dabei immer wieder die Perestroika im Mittelpunkt stehen.[2] Die längste Zeit des 20. Jahrhunderts lebte der Russe in einem Staatenbund, in dem politische Ideologie und gesellschaftliche Wirklichkeit auseinander gingen.[3] Die diktatorische Willkürherrschaft brachte einen Sowjetmenschen hervor, der jedoch nicht das war, was er sein sollte. Der Kommunismus lähmte die gesellschaftliche Entwicklung, schuf ein Kastensystem, anstatt der versprochenen Gleichheit, verbreitete Angst und Misstrauen nach außen und Missmut nach innen. Die Folge des Terrors war ein „graues Arbeitsheer, das dumpf und lustlos ein fremdbereitetes Los ertrug“. Es besaß kein Zutrauen zu sich selbst und Stolz etwas wert zu sein.[4] Die russische Seele war seit jeher geprägt von Dichotomien: stoisch und romantisch, lange leidend und zügellos, gehorsam und aufsässig, öffentlich prunkvoll und privat anspruchslos, gefühllos und gütig, erbarmungslos und mitfühlend.[5] Die Evolution des Sowjetmenschen bestand in der Verstärkung dieser öffentlichen und privaten Persönlichkeit. Er wurde zum emotionslosen, kalt und ignorant wirkenden Genossen in der Öffentlichkeit und dem lauten, herzlichen, freigiebigen Menschen im privaten Umfeld. Der Russe zwischen System und Küchentisch. Hinzu kam das Ideal des Neuen Sowjetischen Menschen, dem privat ein unorganisierter, träger, leichtlebiger, einfacher Mensch gegenüber stand, der gerne verschwendete und trank. Der wahre Russe ist ein Mensch des Herzens, mystisch, abergläubisch und religiös.[6] Seine Freundschaften gelten ihm mehr als den Westeuropäern, brauchen lange um zu entstehen, werden dann jedoch aufopfernd gepflegt. Fremden tritt man eher zurückhaltend gegenüber, was jedoch nicht ausschließt, dass nicht auch sofort laut, herzlich und ausgiebig miteinander getanzt und getrunken werden kann. Dazu braucht man schließlich kein tiefes Vertrauen und Privatheit. Mit Willkürherrschaft und Geheimdienst entstand daraus jedoch ein Misstrauen, welches selbst den Nachbarn zum Fremden und potentiellen Feind machte.[7] Der sowjetische Kommunismus hinterließ mit seinen starken Hierarchien und politischer Gängelung ein unmündiges Volk, dessen Zutrauen zu sich selbst und anderen gestört war. Der eigene Wagemut, die Herausforderungen anzugehen und sein persönlicher Stolz waren gebrochen. Mit Perestroika und Glasnost Gorbačёvs entstanden nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Verpflichtungen für die persönliche Entwicklung. Alle Bereiche waren vom alten System belastet und mussten in einem langwierigen Prozess verändert werden. Mit den ersten Rückschlägen kamen Zweifel, ob das neue (westliche) System wirklich besser, das überwundene wirklich so unerträglich war.[8] Die russische Gesellschaft spaltete sich in Gewinner und Verlierer. Zu letztgenannten gehörten jene, die bis dahin verlernt hatten, sich auf neue Umstände einzustellen und die nun „sozial, wirtschaftlich und psychologisch schwer erschüttert“ wurden.[9] Doch die träge Masse hatte nie gelernt für sich zu kämpfen. Im Gegensatz zu den anderen Staaten des Ostblocks wurden in Russland weder die vergangenen Verbrechen behandelt, noch ein Schlussstrich gezogen, was für ein neues russisches Selbstbewusstsein nötig gewesen wäre. Ebenfalls krankt das Land bis heute, wie wahrscheinlich der gesamte ehemalige Ostblock, an der fehlenden Ordnung beim Wandel.[10] Hier zeigte sich die Schwäche der russischen Intelligenz. Sie konnte ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht werden und schwieg, als sich die bekannte Welt auflöste, ließ sich von der neuen Situation erschlagen, statt sie zu durchschauen oder die Vergangenheit mit dem eigenen Wissen und den eigenen Fähigkeiten verarbeiten zu helfen. Ihr Sehnen nach (wirtschaftlicher) Sicherheit war stärker.[11] Einige schafften es, sich in der neuen Konkurrenz gesellschaftlich und wirtschaftlich zu profilieren. Im Freiraum der Perestroika und deren Folge konnten sie sich nicht zuletzt mit etwas krimineller Energie einen Wohlstand erarbeiten und diesen unbescheiden genießen. Diese Entwicklung trieb einen Keil durch die Gesellschaft. Die Gewinner betrachteten die Verlierer verächtlich als das Volk, lieber trinkend, als arbeitend. Es sollte sich nicht nur schämen, sondern tat dies auch.[12] Die Perestroika war eine orientierungslose Phase, glanzlos beendet unter einem schwachen Boris El'cin. Ihm folgte Vladimir Putin, ein starker Präsident. Nun konnte man das „Durchleiden“ des Kommunismus offen thematisieren und von der Vormachtstellung in Eurasien, den neuen Großmachtphantasien, träumen.[13] Gorbačёv warf man vor, er habe Russland dem Westen ausgeliefert.[14] Damit verschwand die Sehnsucht nach einer europäischen Identität in der russischen Bevölkerung. Das westliche Modell wird nicht mehr als das Ideal angesehen und westlichen Freundschaftsbekundungen mit Misstrauen begegnet. Ohne sich einzuordnen möchte das Land jedoch entsprechend dem „neurussischen Pragmatismus“ trotzdem in Europa mitverdienen. Die Energieressourcen garantieren dafür.[15] Und wirklich, dem Staat, der Wirtschaft und der Bevölkerung schien die Zentralisierung der Macht unter dem neuen Präsidenten gut zu tun. Die zunehmenden sozialen Probleme, hohe Einkommensunterschiede, eine hohe Selbstmordrate und die zunehmende Geschichtsverherrlichung thematisierte man in der Öffentlichkeit nicht. Kurz vor den Parlamentswahlen 2007 zeigte sich, dass gerade die Jungen und Erfolgreichen für Putin sind, obwohl sie den besten Zugang zu kritischen Meinungen haben und wirtschaftlich wie politisch als „aufgeklärt“ bezeichnet werden können.[16] Es stört sie nicht, dass er bei Oppositionellen und im Westen als Zerstörer der Bürgerfreiheiten gilt und Protestmärsche auseinanderjagen lässt. Mit Putin verbinden sie Ordnung, Verantwortungsgefühl und den eigenen Wohlstand. Die Jungen und Aufstrebenden haben nach 8 Jahren Amtszeit kaum Erinnerungen an einen anderen Präsidenten. Sie verbinden die Zeit El'cins mit Chaos und Schrecken. „Je jünger, je städtischer und je erfolgreicher die Wähler sind desto mehr sind sie für Putin.“ Mit Hang zum eigenen Geschichtsmythos steht dieser als politischer Nachfolger in einer Reihe mit Iwan dem Schrecklichen, Katharina II. und Stalin. So wie er sich auf die Politik und die Anhäufung von Macht konzentriert, konzentrieren sich seine Wähler auf ihren Wohlstand. Gleichzeitig bezeichnen sie sich, trotz ihres offenen Wohlwollens zu Putin, als eher unpolitisch, nicht zuletzt aus Angst, die eigene Karriere zu gefährden.[17] Der unpolitische Russe orientiert sich also weiterhin an der Hierarchie und stärkt somit die Macht der aktuellen Herrschaft. Die Perestroika hatte hier versagt, weil die ideelle Führung und ihre Positionen ständig wechselten und die Menschen somit ideell hin und her geworfen wurden. Neue zivilgesellschaftliche Werte konnten sich nicht herausbilden. Auch wenn Vorstellungen des alten Systems nicht unbedingt schlecht waren, so sind sie doch durch die ständige Wiederholung und das Aufzwingen leer geworden.[18] Mit ihnen verlor sich auch die Orientierung, die sie boten. Neue Werte schuf das neue Miteinander, wurden aus vorrevolutionärer Zeit regeneriert oder aus dem Westen übernommen. Dies geschah gezielt oder bedenkenlos. Jedoch waren die neuen Normen für die kulturelle Tradition der Russen fremd und damit schwierig anzunehmen. Die fehlenden Hintergründe und eigene Entwicklung der Werte führte schließlich zu Denkmustern nach dem Prinzip einer Gegenüberstellung „von plus/minus, gut/schlecht, schwarz/weiß, Freund/Feind“, und einer Umkehrung der bisherigen „Bewertungskategorien“. Alles Sowjetische wurde abgelehnt, alles sollte nun anders gemacht werden.[19] Praktisch wurde Russland damit ein „wertfreies Vakuum“[20]. Der Russe lebt heute in einer „entidealisierten Gesellschaft, die kaum ein Skandal mehr in Erstaunen versetzt oder gar entrüstet.“ Das Parlament, die Parteien und Gerichte gelten als korrupt oder inkompetent. Auf der anderen Seite stehen Putin und die orthodoxe Kirche. Gültig sind allein noch Werte der Eltern; familiäres Glück und berufliche Leistung stehen da ganz oben. Der Generationenkonflikt fällt aus, denn die junge Generation verdient das Geld und ist damit oft Herr im Haus.[21] Ein (fast wertebildendes) Identifizierungsmerkmal der aufstrebenden russischen Gesellschaft ist das Privateigentum. Noch während der Perestroika und in der Folgezeit fehlte es an gesetzlichen Garantien dafür und an einer Trennung von Macht, Bürokratie und Eigentum. Vielleicht der wichtigste Grund, warum in Russland die Auslandsinvestitionen hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind.[22] Fälle wie die umstrittene Verurteilung des Milliardärs und YUKOS-Chefs Michail Chodorkovskij werden daran auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Das Privateigentum wird jedoch von der unbelasteten Generation als die wichtigste Errungenschaft des Umbruchs angesehen, welche von einem starken Präsidenten gesichert wird.[23] Ehrlichkeit hat in dieser russischen Gesellschaft keinen Wert, Lügen und Betrügen ist Wettbewerbsvorteil und Teil des Lebensstils.

[...]


[1] Zitiert nach Konstantin Leontjew in Ingold 2007: S. 278.

[2] Die aufgeworfenen Fragen ergeben sich aus Ingold 2007: S. 275-279.

[3] Nach Hedrick Smith, einem US-amerikanischen Journalisten im Moskau der 1970er Jahre, zeigte sich die Widersprüchlichkeit in der doppelten Anzahl Kirchenanhänger im Vergleich zu Parteimitgliedern, dem privaten Wohnraum, der die Hälfte des russischen Wohnraumes ausmachte, den privat erzeugten Lebensmitteln, welche sanktionslos auf Märkten verkauft wurden, dem steigenden Interesse an der zaristischen Vergangenheit und dem starken Klassen-, Status- und Rangbewusstsein im Lande des Proletariats. Smith 1976: S. 7.

[4] Vgl. Messelken 1996: S. 31., Zitat nach Messelken 1996: S. 38f.

[5] Aufzählung aus Smith 1976: S. 105.

[6] Vgl. Smith 1976: S. 112f.

[7] Ausgiebig zum sowjetischen Doppelleben in Smith 1976: S. 102-123.

[8] Vgl. Messelken 1996: S. 39-41.

[9] Eimermacher 1997: S. 13.

[10] Vgl. Sproede 1997: S. 55f. Solovieva 2007: S. 8.

[11] Vgl. Eimermacher 1997: S. 13-15.

[12] Solovieva 2007: S. 9.

[13] Vgl. Sproede 1997: S. 56.

[14] Vgl. Reinhard Bettzuege: „Russland – 8 Jahre Putin – Versuch einer Bilanz“. Vorlesung am 5.12. an der Andrássy Gyula Deutschsprache Universität Budapest.

[15] Voswinkel 21/2007.

[16] „ Alexej Schaposchnikow [...] ist 34 und Koordinator der Jugendgruppe der Präsidentenpartei, Junge Garde, in Zentralrussland. [...] Den Präsidenten charakterisiert er mit sechs Worten: »sauberes Gewissen, klare Ansichten, kräftige Hände«. Ohne die Faust gehe es bekanntermaßen nicht in Russland.“ Voswinkel 49/2007.

[17] Voswinkel 49/2007.

[18] Vgl. Solovieva 2007: S. 5f.

[19] Vgl. Eimermacher 1997: S. 11f. „Wenn man es genau nimmt, waren dies Auswahl- und Präferierungsprinzipien, die schon immer zur Kultur in der Sowjetunion gehört hatten und die hier unbewußt, diesmal jedoch in aller Öffentlichkeit, weitergeführt wurden.“ Eimermacher 1997: S. 12.

[20] Der Menschenrechtler und Journalist Leonid Reznitschenko Zitiert in Solovieva 2007: S. 5.

[21] Voswinkel 49/2007.

[22] Bednarz 1995.

[23] Voswinkel 49/2007.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640157990
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111706
Institution / Hochschule
Andrássy Gyula Budapesti Német Nyelvü Egyetem – Fakultät für Mitteleuropäische Studien
Note
1,0
Schlagworte
Jeder Gesellschaft Staat Russland Mitteleuropa

Autor

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