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Theoriebegriffe der Internationalen Politik - Konstruktion von Wirklichkeit?

Studienarbeit 2007 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Gliederung

1. Warum Theorien?

2. Realismus

3. Institutionalismus

4. Liberalismus

5. Resümee: Wohin steuert die Weltpolitik?

6. Literaturgrundlagen

1. Warum Theorien?

Der Begriff Theorie ist etymologisch im Griechischen zu finden und bedeutet soviel wie zuschauen, betrachten, beachten, untersuchen, beurteilen, erkennen und verstehen. „Die Theorie ist eine Vermutung mit Hochschulbildung“, sagte einst US-Präsident Jimmy Carter. In der Tat werden mit Theorien Vermutungen und Annahmen konstruiert, die die Wirklichkeit zu erklären versuchen. Dimensionen hierbei sind Fragen wie: wie sollte die (politische) Welt sein?, wie erkenne ich die (politische) Welt?, wie ist die (politische) Welt beschaffen? und wie soll ich in der (politischen) Welt handeln bzw. wie kann ich mein Handeln (oder das Handeln anderer) rechtfertigen und beurteilen? Es kreuzen sich also normative und empirische Faktoren. Der Positivismus beschränkte sich auf „Gegebenes“, was als Prinzip des wissenschaftlichen Wissens dem empirischen und systematischen Wissensfortschritt anhing. Der Kritische Rationalismus des 20. Jahrhunderts hingegen verzichtete auf absolute Begründungen und Gewissheiten. Wissen beruhe, so die Annahme, auf Hypothesen, deren Wahrheit nie gewiss sein könne (Vermutungswissen). Ziel bleibe demnach kritisches Prüfen dieser Hypothesen. Der Realistische Konstruktivismus sah Trennungen zwischen Subjekten und Objekten als nicht möglich an. Ein System wie die Vereinten Nationen kann nicht als Objekt losgelöst von den das System belebenden Subjekten (den Nationalstaaten) betrachtet werden. Wissen hat immer eine historische Verortung und kann nicht metaphysisch unabhängig sein. Überdies ist es räumlich und sozial bestimmt. Wissen bleibt immer gebunden an Subjekte. Die Objektivität des Wissens kann nur als Intersubjektivität denkbar sein. Der Konsens in den Sozialwissenschaften beruht seit langem darauf, dass „die“ Realität der Interpretation bedarf. Zusammenhänge herzustellen, um Wirklichkeit zu deuten, ist ein Prozess intersubjektiver Wissensverortung. Die Sprache strukturiert dabei Wirklichkeit beim Deuten und ist Deutung zugleich.[1] Gegenstand und Reichweite der Theorien variieren je nach Untersuchungsgegenstand. Die empirischen Theorien heben auf „harte Daten“ an. Bereichstheorien beschäftigen sich mit Begriffen wie Macht, Herrschaft, Frieden, Integration usw. Unter Großtheorien und Weltbildern subsumieren sich allgemeine Annahmen, was die Welt quasi im Innersten zusammenhält. Großtheorien sind grobmaschige Netze im unendlichen Meer der Fakten, die uns die Wirklichkeit vorstrukturieren.

Dabei erfüllen die Großtheorien spezielle Funktionen. Die Interpretationsfunktion generiert die Strukturierung von Teilbereichen. Mit der Orientierungsfunktion kann eine Reduktion komplexer Sachverhalte erfolgen. Unter der Zielbeschreibungsfunktion können Theorien eine Anleitung zum praktischen Handeln in der „Realität“ liefern. Die Handlungslegitimationsfunktion soll zur Legitimierung praktischen Handelns in der „Realität“ führen.

2. Realismus

Die am weitesten verbreitete Theorie Mitte des 20. Jahrhunderts war der Realismus. Er formte sich aus der Kritik am Idealismus nach dem Ersten Weltkrieg, denn: es sei zu naiv gewesen, gegenüber den „Realitäten“ der Machtpolitik anzunehmen, die Welt könne durch den Völkerbund friedlicher gemacht werden. Der Völkerbund scheiterte, Europa musste den Zweiten Weltkrieg ertragen.

Als zentrale Kategorie des Realismus wird Macht untersucht. Definitionen des Begriffes Macht gibt es zuhauf. Nach Max Weber ist Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“[2] Diese Auslegung von Macht verallgemeinert eher von den Quellen der Macht her, von einer Legitimiertheit der Macht bezüglich der Herrschaft wird hier noch völlig abgesehen. Trotzdem bedeutet Macht vereinfacht, seinen Willen durchzusetzen oder durchsetzen zu wollen. Macht sei, so die Realisten, als Antriebsmoment der internationalen Beziehungen kennzeichnend. Das Streben nach Macht bestimme das Handeln der Staaten. Intellektuelle Vorläufer fanden die Realisten in Weber, Hobbes, Machiavelli und Thukydides.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1[3]: Hans J. Morgenthau (1904-1980)

Hans J. Morgenthau gilt als Begründer des klassischen politischen Realismus. Er verankerte die Anerkennung der Machtgesetzlichkeit der internationalen Politik im politischen Denken. Ziel müsse deshalb die Bändigung und Mäßigung von Macht sein („vernünftige Machtpolitik“). Die Natur des Menschen enthalte einen natürlichen Machttrieb (man spricht deshalb auch vom anthropologischen/klassischen Realismus).

Der Neorealismus Kenneth Waltz´ hingegen betonte stärker die Machtkonkurrenz der Staaten als soziales Problem, was sich aus der Struktur des internationalen Systems ergebe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2[4]: Kenneth Waltz (geb. 1924)

Das Fehlen eines übergeordneten Systems vermisse ein entsprechendes Gewaltmonopol. Es gab im Kalten Krieg keine Ordnungs- und Sanktionsmacht, die sich hätte allein durchsetzen können. Der anarchische Zustand blieb im Wechselspiel der Supermächte USA und Sowjetunion erhalten. Die Staaten, so Waltz, nehmen deshalb ihr Schicksal um des Überlebens willen in die eigenen Hände. Die Machtpolitik der Staaten ist nicht nur in der Erreichung von Macht an sich, sondern vor allem im Erlangen von Sicherheit zu sehen. Aber Sicherheit gibt es folglich auch nur durch Machtmittel. Macht generiert Sicherheit und Unsicherheit.

Das Denken von Balance-of-Power strukturiere demgemäß die politics zwischen den Staaten. Der Neorealismus Waltz´ muss als struktureller Realismus bezeichnet werden, da er die Systembezogenheit untersuchte statt sich in der Orientierung am Menschen festzuklammern. Neben Macht ist Grundkategorie des Realismus das Sicherheitsdilemma. Welchen Ausweg gibt es? Macht zu akkumulieren, um der Macht des anderen zu begegnen, scheint der einzige Weg, so die Realisten, um den Wettlauf um die Macht gewinnen zu können. Macht sichert dann auch die Durchsetzung der eigenen Interessen gegenüber anderen Akteuren. Auch der klassische Realismus hielt die Zügelung des Machttriebs für möglich, sodass Macht sittlich eingesetzt werden könne. Morgenthau trat hier vor allem als Kritiker am Vietnamkrieg der USA in Erscheinung. Beim strukturellen Realismus allerdings bleibt offen, ob Macht immer weiter ausgedehnt werden muss, um Sicherheit zu erhalten oder auszubauen. Denn letztlich gibt es keine Automatik der Gleichgewichtspolitik. Es kommt hier eher zu Deutungen des Freund-Feind-Interpretierens. Der Realismus dominierte lange Zeit das politische Denken der internationalen Beziehungen. Die Vorzüge des Realismus liegen darin, dass er auf aktuelle Realitäten von Machtinteressen verweist und getarnte Machtinteressen zu entlarven weiß. Seine Nachteile sind in der mangelnden Eindeutigkeit der Kategorie Macht zu finden. Ebenso ist die anthropologische Fundierung des Machttriebs nach Morgenthau nicht unproblematisch.

[...]


[1] vgl. hierzu auch die Arbeiten der Soziologen Berger und Luckmann („Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“)

[2]Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 1. Halbband, Tübingen, 1956/1980, S. 28.

[3] http://www.flonnet.com/fl2301/images/20060127002504702.jpg (Zugriff am 26.11.2007, 16:14 Uhr)

[4] http://globetrotter.berkeley.edu/people3/Waltz/images/Waltz1.jpg (Zugriff am 26.11.2007, 16:19 Uhr)

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640096831
ISBN (Buch)
9783640681365
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111638
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Politikwissenschaft
Note
bestanden
Schlagworte
Internationalen Politik Konstruktion Wirklichkeit Verschriftlichung Staatsexamensprüfung November Realismus Liberalismus Interdependenz Konstitutionalismus Institutionalismus

Autor

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