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Die Rolle der Fischer in der Crescentia und im Gregorius

Hausarbeit 2005 12 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsangabe

2. Einleitung

3. Die Rolle der Fischer im Gregorius
3.1. Bei der Ankunft des Gregorius auf der Insel
“Dise rede emphie der guote
3.2. Beim Aufbruch des Gregorius von der Insel

4. Die Rolle der Fischer in der Crescentia
4.1. Erste Fischerszene
4.2. Die Petrusszene

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

2. Einleitung

„ Die Funktion ist eine ungeheuer verbreitete Erscheinung in der Geschichte des abendländischen Romans und Dramas; in tausendfältigen Abwandlungen findet sie sich immer wieder.“[1] Um diese Funktion wird es in der vorliegenden Arbeit gehen. Funktionsträger sind meist Nebenfiguren, die nicht zum fixen Ensemble der Hauptcharaktere gehören und nur eingeführt werden, wenn sie von den Protagonisten benötigt werden. Ich werde mich im Folgenden mit der Rolle der Fischer in zwei mittelhochdeutschen Legenden beschäftigen: Dem Gregorius und der Crescentia. Beide Legenden zeichnen sich durch eine Zweiteilung aus, wobei bestimmte Episoden in gesteigerter Form wiederholt werden[2]. Sowohl in der Crescentia, als auch im Gregorius finden sich je zwei Fischer beziehungsweise Fischerfamilien, die auf dem Weg des Protagonisten eine Rolle spielen. Die Fischer, meist nicht in ihrer Individualität sondern Funktion beschrieben, sind elementar für ihr Fortkommen. „Handlung aber ist die Linie, in deren Dienst also die Funktion steht, indem sie die Kontinuität wahrt und fortsetzt.“[3] In den beiden zu betrachtenden Legenden wird der Weg des jeweiligen Protagonisten durch Gott bestimmt. So zeigt sich auch immer eine Verbindung zwischen Gott und den Fischern. Die Protagonisten werden durch Gott den Fischern zugeführt und diese haben eine Funktion, die meist ebenfalls durch Gott gegeben wird. Dies ist ein interessanter Punkt, den es näher zu betrachten gilt. Ich werde in den Kapiteln 3 und 4 anhand der einzelnen bedeutenden Fischerszenen der beiden Legenden versuchen, die Funktion der Fischer beschreibend herauszufinden und die Frage zu beantworten, welche Rolle die Fischer jeweils haben. Im 5. Kapitel wird es schliesslich darum gehen, die Ergebnisse zusammenzufassen.

Zum Forschungsstand: Karen Baasch hat sich eingehend mit der Crescentialegende befasst und sich auch der Bedeutung der Fischerszenen gewidmet. Ingo Nöther liefert ebenfalls eine Interpretation zur Fischerszene, allerdings befasst er sich hauptsächlich mit der Petrusszene, die allgemein als Wendepunkt in der Legende anerkannt ist. Klaus-Dieter Goebel geht in seinen Studien näher auch näher auf die Fischer im Gregorius ein, allerdings hauptsächlich, um das Wiederholungsschema der Legende aufzuzeigen.

3. Die Rolle der Fischer im Gregorius

3.1. Bei der Ankunft des Gregorius auf der Insel

Im ersten Teil der Legende wird der neugeborene Gregorius in einem Kästchen auf einer Barke ausgesetzt und treibt zwei Nächte und einen Tag auf dem Meer dahin. Gott nimmt sich seiner an und führt ihn durch günstige Winde zwei Fischern zu. Diese sind, von einem gefährlichen Unwetter überrascht, gerade dabei, zurück an Land zu rudern, als sie die unbemannte Barke erblicken. Sie nehmen das Kästchen an sich und bringen es auf die Insel. Die Fischer sind somit Retter des Protagonisten und gleichzeitig die von ihm benötigten Helfer, um an den Ort zu gelangen, an dem sich sein nächster Lebensabschnitt abspielen wird. Trotz dieser wichtigen Rolle werden sie nicht als individuelle Charaktere mit bestimmten Eigenschaften und Namen eingeführt, die aktiv in das Geschehen eingreifen. Sie sind lediglich Funktionäre Gottes. Denn dass sie auf die Barke treffen, ist von Gott so gefügt worden:

In zwein nehten und einem tage

kam ez von der ünden slage

ze einem einlande,

als ez got dar gesande.“[4] (V. 939-942)

Der Herr hält die Hand schützend über Gregorius, benutzt zu seiner Rettung aber die Fischer als Werkzeug. Die beiden wissen bei ihrem Fund anfangs auch nicht, dass es sich um ein Kind handelt. Sie retten somit nicht bewusst das Leben des Gregorius. Bei ihrer Ankunft auf der Insel wollen sie das Kästchen gar vor dem Abt verheimlichen. So wie sie den Abt abzuwimmeln versuchen, hoffen sie wohl auf etwas Wertvolles, das sie keinesfalls mit jemandem teilen wollen. Nach der Entdeckung des Kindes durch den Abt wird es dem ärmeren der beiden Fischer zur Aufzucht gegeben. Auch hier wird dem Fischer wieder durch einen Mann Gottes eine Rolle zugeteilt und er hat, als guter Christ, seine Aufgabe zu erfüllen. Zusätzlich kommt hier noch eine Bezahlung hinzu, die ihm und seiner Grossfamilie angenehmere Lebensumstände ermöglicht. Seine Funktion als Pflegevater beschränkt sich auf Äusseres, Materielles. Die geistige Erziehung liegt ganz in den Händen des Abtes.

Auch im zweiten Teil führt ein Fischer Gregorius auf eine Insel. Nach der Trennung von seiner Gattin und Mutter wandert Gregorius in Bettlerkleidung drei Tage lang durch Wald und Moor. In einem einsamen Tal trifft er auf das Häuschen eines Fischers und seiner Frau. Als er um Unterkunft bittet, entgegnet ihm der Fischer mit einer üblen Schimpfrede. Gregorius, der auf seinem Bussweg jedes Leid gerne auf sich nimmt, nimmt die feindlichen Worte frohen Herzens auf und geht. Die Frau des Fischers redet ihrem Mann jedoch ins Gewissen, sodass Gregorius doch noch eine Mahlzeit gewährt wird. Dennoch verspottet der Fischer Gregorius weiter und beschimpft ihn. Doch gerade in seiner Situation sind die Beleidigungen Gregorius eine Hilfe. Denn je schlechter er behandelt wird, desto eher erhofft er sich die Vergebung seiner Sünden.

“Dise rede emphie der guote

Mit lachendem muote

Und woldes geniezen wider got

Daz er leit sô gôzen spot

Von alsô swacher geburt.“ (V.2945-2949)

Die Misshandlung durch den Fischer oder vielmehr deren Erduldung durch Gregorius machen deutlich, wie tief sein Wunsch nach Busse sitzt. Als Gregorius dem üblen Fischer von seinem Wunsch nach Busse erzählt, erzählt ihm dieser höhnisch von einem Felsen im See, auf dem er ihn mit Fussfesseln anbinden könne. Gregorius beschliesst, darauf einzugehen und auf dem Felsen bis an sein Lebensende durch körperliches Leiden Busse zu tun. Am folgenden Morgen fährt ihn der Fischer hinaus zu dem Felsen und schliesst ihn mit Fussfesseln an. Mit den Worten

“’ daz weiz ich âne wân,

swenne ich den slüzzel vunden hân

ûz der tiefen ünde,

sô bistû âne sünde

unde wol ein heilic man. ’“ (V.3095-3099)

wirft der Fischer den Schlüssel für die Fesseln in den See und lässt Gregorius allein auf dem Felsen zurück. Auch hier dient der Fischer dazu, Gregorius bei der Überschreitung des Sees zu helfen. Er führt ihn auf die Insel, wo sich die nächste Episode in seinem Leben abspielen wird. Er erfüllt eine Funktion. Gregorius sucht nach dem geeigneten Ort, um zu büssen. Die Rolle des Fischers ist es, ihm diesen Ort zu nennen und ihn hinzuführen. Nachdem diese Rolle erfüllt ist, wird er nicht mehr erwähnt, bis er wieder gebraucht wird.

3.2. Beim Aufbruch des Gregorius von der Insel

In seinem fünfzehnten Lebensjahr begibt es sich, dass Gregorius von seiner Herkunft erfährt. Beim Spielen mit seinen Pflegegeschwistern schlägt er eines von ihnen unabsichtlich so, dass es weinend zur Mutter läuft. Die Frau des Fischers ist daraufhin wutentbrannt und hält eine Schimpfrede auf Gregorius, in der sie preisgibt, dass er ein Findelkind ist und ihn als Plagegeist beschimpft, der ihr vom Teufel selbst geschickt worden sei. Gregorius, der dem Jungen nachgelaufen war, erfährt so von seiner ungewissen Herkunft. Er eilt daraufhin zum Abt und teilt ihm seinen Beschluss mit, als Knappe in ein fremdes Land zu flüchten, wo niemand von seiner Herkunft weiss.

Die Frau des Fischers, die uns vom Erzähler selbst als ungewizzen wîp beschrieben wird, verrät Gregorius’ Herkunft und gibt ihm somit Anlass zu seinem Aufbruch. Trotz ihrer bösen Worte handelt sie nicht aus wirklicher Boshaftigkeit. Vielmehr sieht sie ihre eigenen Kinder durch Gregorius in den Schatten gestellt und reagiert deshalb völlig irrational auf den Vorfall[5]. Genau weil sie schon zu Beginn als neugierig und gar dumm eingeführt wird, lässt sich schon erahnen, dass sie das Geheimnis um Gregorius eines Tages preisgeben wird. Und genau dies ist auch ihre Funktion für das Fortlaufen der Geschichte. Gregorius’ Kindheit ist vorbei und er muss die Insel verlassen, um sich der Welt und der Wahrheit seiner Herkunft zu stellen. Weder der kluge Abt, noch der Fischer, der für sein Schweigen bezahlt wurde, würden das Geheimnis verraten.

Im zweiten Teil der Legende wird Gregorius, der siebzehn Jahre lang auf dem Felsen gelebt hat um Busse zu tun, durch Gott zum Papst ernannt. Zwei weise Römer, die die Aufgabe haben, Gregorius nach Rom zu bringen, irren umher, ohne zu wissen, wo genau der Felsen zu finden ist. Nach drei Tagen des Umherirrens gelangen sie zu eben jenem Fischer, der vor Jahren Gregorius an den Felsen fesselte. Der Fischer bietet ihnen einen grossen Fisch an, da er sich eine gute Bezahlung erhofft. Als er den Fisch vor den Herren ausnehmen möchte, kommt der Schlüssel zum Vorschein, den er damals in den See geworfen hatte. Er entsinnt sich seiner Worte und bereut zutiefst seine Tat. Als er den Herren von dem Geschehenen berichtet, wissen sie, dass sie den Auserwählten gefunden haben. Am nächsten Morgen früh fährt der Fischer die beiden, wie damals Gregorius, zu dem Felsen hinaus. Gregorius will seine Erlösung zuerst nicht glauben und fordert als Zeichen Gottes den Schlüssel für seine Fussfesseln. Der reuige Fischer wirft sich ihm daraufhin zu Füssen und erzählt von seinem Fund. Der Schlüssel ist wieder aufgetaucht und somit liefert der Fischer den Beweis dafür, dass Gregorius nun ohne Sünde ist. Ohne es zu wollen, ist der Fischer der Auslöser für den Aufbruch des Gregorius. Hätte er ihnen seine Tat nicht gebeichtet, wären die beiden weisen Männer ratlos geblieben. Doch sie wurden von Gott geführt und er liess sie mit dem Fischer zusammentreffen, der als Einziger vom Aufenthaltsort des guten Sünders wusste. Auch findet und übergibt er den Schlüssel, den Gregorius als Zeichen fordert. Wiederum hat er die Rolle, Gregorius vom einen in den nächsten und nun letzten Lebensabschnitt zu helfen. Der ganze Charakter des Fischers wird seiner Funktion entsprechend gezeichnet. Er muss boshaft sein, damit er Gregorius an den Felsen binden und dieser Busse tun kann. Dann ist er geldgierig, nimmt deswegen die beiden wohlhabenden Männer bei sich auf und verkauft ihnen den grossen Fisch. Danach ist er reuig, beichtet vor den beiden Geistlichen und zeigt sich bereit, sie zu dem Felsen hinauszufahren. Sie hätten alleine den Felsen nicht erreichen können. Es braucht den Fischer, der die Protagonisten vom einen Schauplatz über das Wasser zum anderen bringt.

4. Die Rolle der Fischer in der Crescentia

4.1. Erste Fischerszene

Ein Fischer, der gerade bei der Arbeit ist, sieht die hilflose Crescentia, die in den Tiber geworfen wurde, im Wasser treiben. Er rettet sie mit seinem Fischernetz und trägt sie ans Feuer. Hier greift Gott ein und haucht Crescentia Leben ein. Der Fischer, der sich überaus über die Rettung der jungen Frau freut, gibt sie in die Obhut seiner Frau. Nach ihrer Herkunft gefragt, gibt sich Crescentia als arme Magd aus. Da sie vorher die Kleidung mit ihrer Magd getauscht hatte, bestätigt ihr Äusseres ihre Aussage. Crescentia appelliert an das christliche Erbarmen des Fischers und bittet ihn, niemandem von ihrer Anwesenheit zu erzählen.

„ Durch die Worte, mit denen sie an die christliche Barmherzigkeit des Fischers appelliert, wird dessen Verhalten, das zunächst nur in seiner schlichten Menschlichkeit geschildert wurde, nachträglich durchsichtig für die Frömmigkeit, aus der es entspringt. Dadurch bekommt die ganze Szene im Rahmen der Legende ein grösseres Gewicht.“[6]

Das Motiv der Errettung Crescentias durch den Fischer und seine Wiederholung und Steigerung in der Errettung durch Petrus passt sich perfekt in das Kompositionsschema symmetrischer Wiederholungen der Legende ein[7]. Nach Baasch wurde die erste Fischerszene jedoch nicht dem Wiederholungsprinzip zuliebe eingefügt und der parallele Bau der beiden Rettungsszenen erklärt sich auch nicht aus einem bloss äusserlichen Kompositionsschema. Sie sieht die Szene vielmehr als eine innere Vorausdeutung auf die Petrusszene[8].

„Die Petrusszene erfüllt, was die Fischerszene nur verheisst, indem sie noch nicht die endgültige Befreiung der Frau von allem Leiden bringt, sondern nur andeutet, dass diese unter Gottes Schutz steht.“[9]

4.2. Die Petrusszene

Crescentia treibt drei Tage lang im Wasser, bis sie am dritten Tag an eine Insel geschwemmt wird. Da erscheint der Fischer und Apostel Petrus als Gesandter Gottes. Er fragt Crescentia, wieso sie auf der Insel bleibe und nicht ans Festland schwimme. Crescentia antwortet:

“’ja negetar ich an den wac niht treten

so du mir, herre, hast geboten.

Ja vurht ich mir sunden,

ob ich in den unden

tuo mir selbe den tot.

ja lide ich gerne dise not. ’“ [10] (V.12377-12382)

Sie befürchtet, im Fluss durch eigenes Verschulden umzukommen und so durch Selbstmord zur Sünderin zu werden[11]. Hier tut sich in der Interpretation der Szene eine Schwierigkeit auf. Der kritische Punkt ist, dass Crescentia vom Gebot Petrus spricht, welches sie nicht zu befolgen wagt. Petrus hat ihr bis hierhin aber noch gar nichts geboten, er hat sich lediglich fragend und anteilnehmend an sie gewandt. Erst in V. 12384-91 folgt der Befehl. Nöther sieht die Lösung darin, dass dem Erscheinen von Petrus (V.12369-71) in der ursprünglichen Fassung seine Rede in V.12383-91 folgt. Daraufhin weigert sich Crescentia, das ihr Gesagte auszuführen, obwohl sie Petrus erkannt hat. Dies zeigt die tiefe Erschütterung, die ihr Glaube durch das grosse Leiden erfahren hat. Ihr Kleinglaube rückt sie in eine Parallele zu Petrus[12], der von Jesus selbst als Kleingläubiger bezeichnet wurde, als er trotz dessen Anwesenheit befürchtete, im Meer zu versinken (Matthäus 14,29-31). Wie Jesus Petrus die Hand reichte, reicht nun Petrus Crescentia die Hand und führt sie sicher über das Wasser. Gleichzeitig führt er sie dadurch zurück zum Glauben. Denn dieses Zeichen bringt Crescentia Gottes Macht wieder nahe und gibt ihr die Kraft, an seine Gnade zu glauben. Die Szene verweist auf die Rolle des Petrus als „Menschenfischer“( Lukas 5,10). Er ist der Fels, auf den Jesus seine Gemeinde bauen will und hier der Fels, der Crescentia aus den Fluten rettet. So betrachtet stellt die Petrusszene den Tiefpunkt von Crescentias Glauben und Vertrauen in Gott dar, den sie dann durch Gottes Zeichen überwindet. Nur so betrachtet ist die Szene der zentrale Wendepunkt im symmetrischen Kompositionsschema der Legende[13]. Sie steht am Ende der Erniedrigung Crescentias im ersten Teil und am Anfang ihrer Erhöhung im zweiten Teil[14]. Die stetige Erniedrigung von Crescentia im ersten Teil, die an eine willkürliche, ungerechte Schicksalsmacht glauben lässt, wird hier beendet und gleichzeitig wird Gottes Allgegenwärtigkeit bezeugt. Denjenigen, die es sich durch Festigkeit und Treue im Glauben verdient haben, widerfährt letztendlich immer Gnade und Gerechtigkeit. So lässt er Crescentia, an der so oft Sünde begangen wurde, durch Petrus die Gabe zukommen, Sünder, die öffentlich bei ihr Beichte ablegen, heilen zu können.

Baasch geht im Gegensatz zu Nöther nicht von einer veränderten Fassung aus. Laut ihrer Interpretation erkennt Crescentia Petrus sogleich, traut sich aber nicht nur aus Kleinglaube nicht, ihm zu folgen, sondern aus Demut: „ Sie kann nicht glauben, dass sie diese Gnade verdient hat.“[15] Überzeugender erscheint mir jedoch die Interpretation Nöthers. Ihm zufolge wurde die Szene für die mittelhochdeutsche Fassung gerade dazu abgeändert, Crescentia nicht als Kleingläubige sondern als vorbildliche Christin darzustellen. Den Apostel, der in alten mannes pilde (V.12371)erscheint, erkennt sie nicht zugleich und sie handelt deshalb vorbildlich, wenn sie ihm nicht sogleich aufs Wasser folgt. Erst als Petrus in Gottes Namen spricht und sie sicher über den Fluss führt, erkennt sie, dass Gott ihr noch immer beisteht und es keinen Grund gibt, an seiner Gnade zu zweifeln. . Hiermit bewahrt der Dichter den tiefen, unerschütterlichen Glauben der Protagonistin, die so stets ein Vorbild bleibt.

Petrus ist im Gegensatz zum ersten Fischer, mit Namen eingeführt, ein individueller Charakter, der vom Autor dem Leser als bekannt vorausgesetzt werden kann. „ Dass gerade Petrus als der Inhaber der Schlüsselgewalt dazu legitimiert ist, diese Kraft der Frau zu übertragen, kann der Dichter bei seinem Publikum als selbstverständlich voraussetzen.“[16] War in der ersten Szene Crescentia, durch Gott so gefügt, zu dem Fischer geschwemmt worden, ist es nun Petrus, der als Gesandter Gottes zu ihr kommt. Er ist nicht Instrument Gottes, das unbewusst seinen Willen ausführt. Vielmehr ist er direktes Bindeglied zwischen Gott und der Protagonistin. Er rettet sie nicht nur, sondern ist gleichzeitig Überbringer der Heilsgabe. Dies hebt die Szene als Zentrum der Legende heraus, von welchem aus die Geschichte einen neuen Verlauf, den Aufstieg Crescentias, nimmt.

5. Zusammenfassung

Ich habe die Fischerszenen in den beiden Legenden auf die Rolle der Fischer hin untersucht. Beschreibend habe ich versucht, ihre Rolle darzustellen und zu erklären. Wie schon in der Einleitung angetönt, stellte sich heraus, dass die Fischer, mit Ausnahme von Petrus, nicht individuell mit Namen und Eigenschaften eingeführt wurden. Wenn gewisse Eigenheiten genannt wurden, dann dienten sie stets der Funktion der Fischer. Die Aufgabe, die die Fischer jeweils hatten, wurde ihnen durch Gott zugeteilt. Sie dienten als Instrument Gottes, um den weiteren Verlauf des Lebens der Protagonisten nach seinem Gutheissen zu ermöglichen. So war die häufigste Aufgabe diejenige, den jeweiligen Protagonisten über Wasser zu dem Ort zu bringen, wo sich sein nächster Lebensabschnitt abspielen würde. Die Hauptfiguren sind zwar beweglich und durchbrechen Grenzen, seien dies nun räumliche oder auch soziale, doch an gewissen Punkten stossen sie an solche Grenzen, die sie nicht alleine durchqueren können. Diese sind, wie wir anhand unserer beiden Beispiele sehen konnten, meist durch Wasser gekennzeichnet. Und hier treten die Fischer als Grenzhelfer ein. Sie handeln jedoch, trotz ihrer elementaren und schliesslich auch überlebenswichtigen Rolle, nicht bewusst und nach eigenem Antrieb. Vielmehr werden die Protagonisten durch Gott den Fischern zugeführt, welche dann so handeln, wie es die Situation erfordert. Als einziger Fischer kommt Petrus zu Crescentia und nicht umgekehrt. Hier, am Höhe- und Wendepunkt der Legende, manifestiert sich die Verbindung zwischen Gott und den Fischern. Petrus ist nicht nur ein Fischer, er ist der Menschenfischer und einer der Apostel, die Jesus am nächsten stehen. So wird uns durch die weitere Bedeutung des Fischers erst die grosse Wichtigkeit der Szene bewusst.

6. Literaturverzeichnis

6.1. Primärliteratur

Crescentia. Aus: Frühe Deutsche Literatur und Lateinische Literatur in Deutschland 800-1150. Hg. von Walter Haug und Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt a. M. 1991 (Bibliothek des Mittelalters 1 = Bibliothek deutscher Klassiker 62), S. 930-1013.

Die Bibel . Oder die ganze heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers. Hg. von der Österreichischen Bibelgesellschaft. Wien 1981.

Hartmann von Aue: Gregorius. Hg. von Hermann Paul, neu bearbeitet von Burghart Wachinger. Tübingen 15 2004 (Althochdeutsche Textbibliothek 2).

Hartmann von Aue: Gregorius, der gute Sünder. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann. Übertragung von Burkhard Kippenberg. Stuttgart 1963.

6.2. Sekundärliteratur

Baasch, Karen : Die Crescentialegende in der deutschen Literatur des Mittelalters. Stuttgart 1968 (Germanistische Abhandlungen 20).

Fiddy, Andrea: The presentation of the Female Characters in Hartmann`s Gregorius and Der arme Heinrich. Göppingen 2004 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 715).

Goebel, Klaus-Dieter: Untersuchungen zu Aufbau und Schuldproblem in Hartmanns “Gregorius“. Berlin 1974 (Philologische Studien und Quellen 78).

Lugowski, Clemens: Die Form der Individualität im Roman . Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer. Frankfurt a. M. 1976 (Suhrkamp-Taschenbuch.Wissenschaft 151).

Nöther, Ingo: Die geistlichen Grundgedanken im Rolandslied und in der Kaiserchronik. Hamburg 1970.

Ohly, Ernst Friedrich: Sage und Legende in der Kaiserchronik. Untersuchungen über Quellen und Aufbau der Dichtung. Darmstadt 1968.

[...]


[1] Lugowski 1976, S. 61.

[2] Vgl. Goebel 1974, S. 14, und Ohly 1968, S. 189.

[3] Lugowski 1976, S. 60.

[4] Die Angaben von mittelhochdeutschen Textzitaten beziehen sich auf Hartmanns Gregorius in der Ausgabe von Hermann Paul.

[5] Vgl. Fiddy 2004, S. 77.

[6] Baasch, 1968, S. 99.

[7] Vgl. Ohly 1968, S. 189.

[8] Vgl. Baasch 1968, S. 99.

[9] Baasch 1968, S. 99.

[10] Die mittelhochdeutschen Textzitate und angegebenen Stellen beziehen sich auf die Crescentialegende in der Kaiserchronik in der Ausgabe von Walter Haug und Benedikt Konrad Vollmann.

[11] Vgl. Ohly 1968, S. 197.

[12] Vgl. Baasch 1968, S. 109.

[13] Vgl. Nöther 1979, S. 198.

[14] Vgl. Ohly 1968, S. 189.

[15] Baasch 1968, S. 109.

[16] Baasch 1968, S. 108.

Details

Seiten
12
Jahr
2005
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111530
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
1.5
Schlagworte
Rolle Fischer Crescentia Gregorius Proseminar

Autor

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