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Carl Humann und der Beginn der deutschen Ausgrabungen in Pergamon

Hausarbeit 2000 20 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Groß in der Antike, vergessen und wiederentdeckt

3) Carl Humann und der Große Altar von Pergamon

4) Einige Förderer und Nachfolger Humanns

5) Zitatverweise

5) Verwendete Literatur

1) Einleitung

Diese Arbeit entstand im Rahmen des Proseminars 'Pergamon - Die Stadt und das Reich' im Wintersemester 2000/2001 an der Technischen Universität Berlin. Thema der Veranstaltung war die Geschichte des kleinasiatisch-hellenistischen Staatsgebildes von der Gründung durch Philhetairos im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. bis zu seinem Ende 133 v. Chr., als König Attalos III. sein Reich der römi-schen Republik 'vererbte' und Pergamon zu einer römischen Provinz herabsank.

Dank einer professionellen Bündnis- und Außenpolitik, verbunden mit gezielter Verwendung des durch Philhetairos “erworbenen“ Staatsschatzes, war die Herrschaft der Attaliden-Dynastie im Inneren durch längere Abschnitte friedlicher Entwicklung gekennzeichnet. Im Gefolge blühten Wirtschaft und Kultur in Perga-mon auf. Zugleich verstanden sich der Staat und seine Herrscher als die heraus-ragenden kulturellen Erben Athens. Diese Einstellung manifestierte sich, besonders im Herrschaftszentrum, dem Burgberg, in der Architektur, der Bildung und den Wissenschaften.

Die vorliegende Arbeit liegt nun etwas außerhalb dieses geschichtlichen Rah-mens. Sie hat nicht bestimmte Teile der historisch-kulturellen Entwicklung Per-gamons zum Thema, sondern seine archäologische Wiederentdeckung zwei Jahrtausende nach dem Untergang des selbständigen und schöpferischen Staates. An dieser Tat waren deutsche Archäologen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundertes in herausragender Weise beteiligt.

So beschäftigt sich das dritte Kapitel dieser Hausarbeit mit dem Wirken Carl Humanns. Der Ingenieur Humann erkannte, wohl als Erster, die Bedeutung der Ruinenstätte beim türkischen Bergama. Er initiierte die ersten gezielten und organisierten Ausgrabungen, und führte sie auch zu einem (vorläufigen) erfolg-reichen Ende. Der zweite Abschnitt geht auf einige spätantike schriftliche Überlieferungen zu Pergamon ein und streift kurz dessen weitere Entwicklung bis zum Auftreten von Carl Humann. Das vierte und abschließende Kapitel stellt einige Unterstützer und Nachfolger Humanns vor, die sein Werk erst ermöglichten bzw. fortsetzten. Trotz der antiken Quellen, so u.a. bei Polybios, Livius, Strabon, Xenophon, Pausanias, Appianus, Dio Cassius und Sallustius, 1) wäre ohne die engagierte Tätigkeit all dieser Forscher vieles, was wir über Perga-mon wissen, und was auch im Proseminar thematisiert wurde, nicht denkbar.

2) Groß in der Antike, vergessen und wiederentdeckt

"Wir haben eine ganze Kunstepoche gefunden, das größte aus dem Altertum übrig gebliebene Werk haben wir unter den Händen". 2) So schildert Carl Hu-mann seine Gefühle, nachdem die Friesplatten, die er und seine Helfer mit großen Mühen aus den Resten einer byzantinischen Verteidigungsmauer befreit hatten, als Teile der 'ara marmorea magna' von Pergamon erkannt worden waren.

Über diesen 'großen Marmoraltar' berichtete u.a. der römische Autor Lucius Ampelius im 2. Jahrhundert n. Chr. in seinem 'Buch der Denkwürdigkeiten' (liber memorialis): "In Pergamon steht ein großer marmorner Altar, vierzig Fuß hoch, mit gewaltigen Skulpuren. Er enthält einen Gigantenkampf". 3) Dass er diesen Satz im Kapitel über die Weltwunder (miracula mundi) wiedergab, unterstreicht die Bedeutung, die diesem Bauwerk damals Zeit beigemessen wurde. 4)

Diese Tatsache, verbunden mit der Qualität vieler aufgefundener Teile, welche die ursprüngliche Größe und Pracht erahnen ließen, lässt die Freude des glücklichen Finders umso verständlicher erscheinen. Drei Grabungskampagnen, 1878 - 1880, 1880

- 1881 und 1883 - 1886 waren nötig, um, neben anderen Artefakten aus der Blütezeit Pergamons, so viele Teile des Altars zu bergen, dass neben einer genauen Beschreibung seiner ursprünglichen Gestalt später auch eine weitgehend originalgetreue Rekonstruktion durchgeführt werden konnte.

Carl Humann war der erste Ausgräber, der die antike Metropole wieder zu neuem Leben erweckte; aber auch andere Forscher wir Curtius, Conze, Wiegand u.v.a. hatten direkt und indirekt wesentlichen Anteil. Pergamon war (und ist es zum Teil bis heute) eine Domäne deutscher Archäologen 5). Ein Höhepunkt ihrer Arbeiten war, besonders für die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums, die (zuerst provisorische und ab 1930 dann endgültige) Wiedererrichtung des Altars in dem speziell dafür geschaffenen Museum in Berlin.

Wie kam es nun zur Wiederauffindung dieser späthellenistischen Kultur und besonders des großen Altars? Unter den Überlieferungen des Altertums wird ne- ben dem Bericht des Ampelius auch die 'Apokalypse' des Johannes als Quelle für dessen Exixtenz angegeben. Dabei wird angenommen, dass mit der Bezeichnung 'Satans Stuhl' in der Offenbarung der Altar von Pergamon gemeint sein könnte. Jedenfalls sind in der Zeit des frühen Christentums viele Gesichter und Genitalien auf den Friesen verstümmelt worden. 6)

Nach dem Sieg des Christentums stand der Altar, obwohl jetzt seiner Funktion beraubt, noch bis 718 n. Chr. Zu dieser Zeit wird zur Abwehr der muslimischen Eroberer eine Verteidigungsmauer um Pergamon errichtet. Viele Teile des Altars, darunter auch die großen Friesplatten, wurden zu ihrem Bau herangezogen. Da-mit verschwand der Altar als sichtbares Bauwerk.7 ) Die Stadt als eigenständiges byzantinisches Gemeinwesen bestand dann noch bis 1536, als sie von den Osmanen erobert und Teil des türkischen Reiches wurde. Danach verfielen endgültig viele der antiken Gebäude. Große Mengen des verbauten Marmors wanderten in die Kalkbrennöfen. Pergamon, jetzt Bergama, sank auf den Status eines türkischen Provinznestes herab, und seine antike Bedeutung geriet mehr und mehr in Vergessenheit.8 )

Gesicherte Erkenntnisse über abendländische Besucher der Ruinenstätte gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert. So reiste 1625 im Auftrag des zweiten Earls of Arundel dessen Kaplan William Petty auch nach Pergamon und ließ eine Anzahl von Marmorstücken nach England schaffen. Von den noch vorhandenen Exem-plaren sollen nach neueren Forschungen zwei Teile dem Altarfries zuzuordnen sein. Neben mehreren englischen und französischen Forschen besuchte Anfang des 19. Jahrhunderts Otto Magnus von Stackelberg Pergamon. Von ihm ist noch seine Skizze zum damaligen Zustand des Burgberges vorhanden. 9) 1816 war dann Otto Friedrich von Richter vor Ort. Er zeichnete und beschrieb, was er noch vorfand, und erwarb auch einige kleinere Antiquitäten. Vom großen Altar konnte er allerdings nichts mehr sehen und niemand von den Bewohnern Bergamas wusste von seiner Existenz. 10) 1833 führte der Franzose Charles Texier dann erstmals Grabungen auf dem Burgberg durch. 11) Erst als Carl Humann den Burgberg 1864 zum ersten Mal sah, begann das Ende dieses 'Dämmerschlafs'.

3) Carl Humann und der Große Altar von Pergamon

"Die technische Erfahrung des Vermessungsingenieurs, glänzendes Oranisa- tionstalent und diplomatisches Geschick, von überlegenem Humor begleitet, ge-hörten ebenso zu seinen Eigenschaften wie das Vertrautsein mit dem türkischen Land und dessen Bewohnern". 12) So schildert Werner Müller die Vorzüge des bedeutendsten Ausgräbers der pergamenischen Altertümer, der nicht nur tau-sende von Fragmenten aus dem Boden des Burgberges barg, sondern neben ausführlichen Grabungsberichten noch vor Ort Zeichnungen der geborgenen Friesplatten und des aktuellen Zustandes des Terrains anfertigen ließ. 13)

Carl Humann wird am 4.1.1839 bei Essen geboren und erhält eine Ausbildung im Feldmeßdienst und im Bergbau. 14) Im Jahre 1860 beginnt er an der Bauakademie in Berlin ein Studium, in dessen Verlauf er auch häufig die preußischen Kunstsammlungen besuchte. Eine beginnende Tuberkulose zwingt ihn jedoch, das Studium bereits 1861 abzubrechen und Linderung im milderen Mittelmeerklima zu suchen. Er reist nach Samos, wo ein Bruder ein höheres Regierungsamt innehat und ihm beim Aufbau eines neuen Lebensmittelpunktes Hilfe leistet. 15) Humann lernt in Konstantinopel den Großwesir Fuad Pascha kennen und gewinnt dessen Freundschaft. Er wird daraufhin für die türkische Regierung als Chefingenieur im Straßenbau tätig. Soweit es seine Zeit erlaubt, widmet er sich auch den reichlich vorhandenen Altertümern. 16)

Im Zuge seiner beruflichen Tätigkeit kommt er in den Jahren 1864 und 1866 auch in die anatolische Provinzstadt Bergama, dem antiken Pergamon. Er be-geistert sich für die noch erhaltenen Artefakte und führt eine eingehende Inspektion des Burgbergs durch. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu Hohen Pforte gelingt es ihm, zumindest teilweise, die Zerstörung weiterer Altertümer durch Kalkbrennerei zu unterbinden. 17) Zugleich reift in ihm die Überzeugung, dass die Stätte wieder ausgegraben werden muss. 18)

1867 wird Humann mit dem Bau von Fernstraßen, unter anderem auch nach Bergama, beauftragt. 1869 verlegt er dann die Zentrale des Unternehmens dort-hin. Er hat jetzt mehr Zeit, sich um den Berg zu kümmern und ihn eingehender zu erforschen. 19) Dabei entdeckt er die noch bis zu 300 Meter langen Reste der byzantinischen Mauer und gräbt die ersten Reliefs aus, ohne allerdings zu ahnen, dass sie einstmals Teile des großen Altars waren. Zugleich errichtet er mit den vorgefundenen Antiquitäten ein kleines Privatmuseum in Bergama. 20)

1871 befindet sich der Berliner Altertumsforscher Ernst Curtius, der Ausgräber von Olympia, mit weiteren Experten in Konstantinopel. Humann macht dort die Bekanntschaft der Gruppe, bietet seine Dienste an und führt sie unter anderem auch nach Pergamon. Alle Teilnehmer sind begeistert von dem Ort und zeigen sich zur Unterstützung von Humanns Vorhaben zu einer Ausgrabung bereit. Es wird vereinbart, dass Humann seine Fundstücke, und hier besonders die Marmorplatten mit den Göttern und Giganten, den Berliner Museen zusendet. Außerdem soll er Pläne des eventuellen künftigen Ausgrabungsgeländes anfertigen. 21) Noch immer jedoch ahnt keiner, dass es sich bei den Funden um Reste des von Ampellius beschriebenen Altars handelt.

Im Zuge seiner Kartierungsarbeiten entdeckt Humann auch die Fundamente des ehemaligen Asklepios-Heiligtums von Pergamon. Damit ist der Nachweis er-bracht, dass die Stadt ehemals eine herausragende Rolle in der Heilkunde spiel-te; 'Bad Pergamon', wie Stoll es ausdrückt. 22) Humanns Hoffnung, dass Cur-tius Pergamon ausgraben wird, erfüllen sich jedoch nicht. Der ist weiterhin vor-rangig in Olympia engagiert. Als kleiner Trost wird Humann auf Vorschlag von Curtius zum Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts ernannt. 23)

Carl Humann arbeitet nun in Pergamon - weitgehend auf eigene Kosten (seine Tätigkeit im Straßenbau führt er weiter) - direkt für das Institut. Er zeichnet weiter an den Plänen, gräbt weitere Friesplatten aus, und schickt sie nach Berlin. Zugleich verfasst er eine Denkschrift, um eine planmäßige Ausgrabung von Pergamon im großen Stil voranzubringen.

Obwohl jedoch die ersten in Berlin ausgestellten Platten Aufsehen erregen, führt dies zu keinen weiteren Aktivitäten seitens der deutschen Institutionen. Es wird vorerst nichts unternommen, was Humanns Wünsche einer Erfüllung näher bringt. 24) Als

Hemmschuh erweist sich hierbei der Leiter der Skulpuren- abteilung, Karl Bötticher. Er ist an dem übersandten Material (aus seiner Sicht wohl aus Qualitätsgründen) nicht interessiert und findet die Relikte "wertlos". 25)

So gibt es bis 1873 offiziell keine weitere Entwicklung in Richtung einer irgendwie gearteten Grabungsplanung. Trotzdem wird vorsorglich schon einmal eine ordnungsgemäße Grabungserlaubnis, ein Ferman, bei der türkischen Regierung beantragt. 26)

Das Jahr 1877 bringt dann endlich den von Humann erhofften Durchbruch. Alexander Conze, von Wien nach Berlin berufen, wird Direktor der Antikensammlungen. Bei einer Sichtung der Magazine lässt er auch die Humann‘schen Marmorplatten aus dem Museumskeller, wo sie unter Bötticher 'verwahrt' worden waren, hervorholen und erkennt dabei ihren wahren künstlerischen Wert. Er schreibt nun direkt an Humann, bittet ihn weitere Platten zu schicken und bereitet (noch vorsichtig) eine Grabungskampagne des Museums vor. Er erwirkt auch, dass noch 1878 der Kultusminister einen offiziellen Auftrag für Ausgrabungen erteilt und, wenn auch bescheidene, finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. 27)

Mitte 1878 erkennt Conze dann, dass die von Humann freigelegten und über-sandten Reliefplatten Teile des ehemals so berühmten Marmoraltars sind. Er empfindet diese Erkenntnis als Sensation und bestärkt Humann ausdrücklich in der Meinung, dass die Ausgrabung Pergamons 'eine kulturelle Großtat ersten Ranges' sei. 28)

Nachdem schließlich auch mit Datum vom 25.7.1878 der Ferman in Konstantinopel erteilt worden ist, kann die erste vom Deutschen Reich unterstützte Grabungskampagne beginnen. Humann leitet die Arbeiten vor Ort und kann nun seine Fähigkeiten wie organisatorisches Talent, Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis sowie fließende Beherrschung der türkischen und neugriechischen Sprache voll zur Geltung bringen. 29)

Auch bei der heiklen Frage einer Aufteilung der Fundstücke bewähren sich sein diplomatisches Geschick und sein Ansehen bei den türkischen Behörden. So war ursprünglich festgelegt worden, dass der Ausgräber, der Grundstücks- eigentümer und der türkische Staat jeweils ein Drittel der geborgenen Relikte erhalten sollte. Um Deutschland besser zu stellen, fordert Bismarck jedoch schon bald Nachverhandlungen. Dabei führen die hervorragenden deutsch-türkischen Beziehungen verbunden mit der Tatsache, dass der türkische Staat selber der Grundstückseigentümer ist dazu, dass der Ausgräber und damit Deutschland zwei Drittel der großen Friesplatten behalten darf. 30) In weiteren Verhandlungen erreicht Humann dann noch, dass im Gegenzug für eine 'Spende' von 20000 Mark zugunsten der Flüchtlinge des russisch-türkischen Krieges auch das letzte Drittel dem Deutschen Reich 'geschenkt' wird. 31)

Die restlichen Fundstücke, für die nach wie vor der ursprüngliche Teilungs-vertrag galt, gehen ebenfalls komplett an Deutschland, nachdem der Sultan einen Verkauf als 'unanständig' betrachtet haben soll. 32) So könnten nun alle transportierbaren Relikte nach Deutschland gebracht werden. Trotzdem bleibt eine Reihe von ihnen letztendlich doch vor Ort oder findet ihren Platz in den Museen von Konstantinopel. 33)

Humann lässt nun vorrangig in den Resten der byzantinischen Mauer weiter-graben. In rascher Folge werden weitere Platten und große Bruchstücke ent-deckt. Bis zum 24.9.1878 waren 17, bis zum Ende des Jahres 39 Exemplare wiedergewonnen. 34) Die zu einer steinharten Masse zusammengebackene Mauer erfordert viel Mühe und einiges Fingerspitzengefühl bei der möglichst beschädigungsfreien Bergung der Platten. Andererseits waren sie so über tausend Jahre vor Verwitterung und menschlichem Zugriff geschützt. Ebenfalls noch im September des gleichen Jahres finden die Ausgräber den Ort des Altarfundaments, aus dem 11 Platten und 30 weiter Bruchstücke freigelegt werden. 35)

Beflügelt durch diese Erfolge werden Ende 1878 in Berlin weitere 50000 Mark für die Ausgrabungsarbeiten bewilligt. 36)

Beim Abtransport der nun in größeren Mengen zu bewegenden Artefakte bewähren sich erneut Humanns organisatorische Talente und seine Kenntnisse Als Ingenieur. So lässt er einen fast 300 Meter langen gewundenen Weg vom Plateau des Berges hinunter ins Tal errichten. Die weiterführende Straße in der Ebene wird bis zum Hafen ausgebaut. Mit Hilfe eines ebenfalls von Humann konstruierten Schlittens werden die einzelnen tonnenschweren Teile nun abtransportiert. Allein für den Transport entlang des Hangweges benötigen mehrere Männer pro Block einen halben Tag. 37)

Im Verlauf des Jahres 1878 ist Alexander Conze auch persönlich in Pergamon anwesend. Er entdeckt hierbei, dass die in einigen Platten eingemeißelten In-schriften bestimmten Figurengruppen zugeordnet werden können, was die wei-tere archäologische Bestimmung erheblich erleichtert. 38)

Nach Abschluss dieser ersten erfolgreichen Grabungskampagne kann Humann in seinem Bericht festhalten, dass ungefähr drei Fünftel der Gesamt-menge aller Platten des 'Gigantenfrieses' geborgen und nach Berlin abtrans-portiert worden sind. Zugleich wurden dabei auch 35 Platten und viele Bruch-stücke des ebenfalls zum Altar gehörenden 'Telephosfrieses' aufgefunden. 39)

Inzwischen ist in Deutschland, evtl. angeregt durch die Erfolge Schliemanns in Troja, auch die Presse auf diese zweite große Ausgrabungsstätte der deutschen Archäologie in Kleinasien aufmerksam geworden. Um den jetzt berühmten Ort mit eigenen Augen zu sehen, finden sich eine Reihe wissbegieriger Besucher in Pergamon ein. 40) Darüber hinaus werden in Berlin einige der Reliefplatten des Gigantenfrieses öffentlich im 'Alten Museum' ausgestellt. Ihre kulturhistorische Bedeutung wird dabei durch einen Besuch des Kaisers unterstrichen. 41)

Während der Ausgrabungspause reist Humann in die Heimat. Er hält im Laufe des Jahres 1880 mehrere Vorträge über seine Tätigkeit in Pergamon sowie über die Bedeutung der aufgefundenen Kunstschätze. In Anerkennung seiner Ver-dienste wird er im Zuge dieses Aufenthalts zum Ehrendoktor der Universität Greifswald ernannt. 42)

Ende 1880 beginnt die zweite Grabungskampagne unter Humanns Leitung. Neben weiteren Teilen der Gigantomachie erbringt sie den Fund einer Athena-Statue, die ihren Platz einstmals in der pergamenischen Bibliothek hatte. Weiterhin werden im Zuge dieser Ausgrabungen die Halle der Waffenmonu-mente und die Fundamente des Athena-Tempels entdeckt und freigelegt. 43) Der Gesamterfolg dieser Kampagne beträgt zum Schluss hundertzwanzig große Kisten mit Fundgut. Neben anderen Relikten sind dabei auch weitere tausend Bruchstücke der Gigantenschlacht enthalten. 44)

Nachdem schließlich ein erneuter Ferman eingetroffen und weitere Gelder von Berlin bewilligt worden sind, beginnt im Mai 1883 die dritte Humann'sche Gra-bungskampagne. Neben nochmals weiteren Stücken aus dem großen Fries und anderen Teilen des Altars werden diesmal aus dem Boden des Burgbergs freige-legt: die Fundamente des Theaters von Pergamon und des oberen Marktes 45) sowie Teile des Dionysos- Tempels. 46)

Eine weitere Ehrung erfährt Humann, als er 1884 zum 'Direktor der Königlichen Museen mit Amtssitz in Smyrna' ernannt wird. 47)

Als zum Ende dieser Ausgrabung im Jahre 1886 die Menge von etwa vier Fünftel der insgesamt vermuteten Friesplatten geborgen ist, wird beschlossen, diesen Ausgrabungszyklus endgültig zu beenden. 48) Dank Humanns Geschick, auch mit Geld ökonomisch umzugehen, beliefen sich die Gesamtkosten des Projekts auf (nach heutigen Begriffen) nur etwa 300000 Mark. 49)

Carl Humann, um dessen Gesundheit es seit Mitte der achtziger Jahre immer schlechter bestellt war, nahm schließlich am 14.12.1886 Abschied von dem Ort, an dem er die besten und erfolgreichsten Jahre seines Lebens verbracht hatte. 50) Bis zu seinem Tod im Jahre 1896 war er dann noch an verschiedenen anderen Orten Westanatoliens als Archäologe tätig. 51)

4) Einige Förderer und Nachfolger Humanns

Neben Ernst Curtius, dessen Verdienste um die Wiedergewinnung der pergamenischen Altertümer im Zuge des dritten Abschnittes skizziert wurden, war Alexander Conze, laut Radt 'spiritus Rector und Mentor', 52) der zweite große Förderer Humanns aus dem Kreis der deutschen Archäologie. Ihm war es letztlich zu verdanken, dass Human seinen großen Plan in die Tat umsetzen konnte.

Conze, 1831 in Hannover geboren, beschäftigte sich schon früh mit Archäologie und Philologie. Ebenso wie Humann entdeckte er dabei auch seine Liebe für alt-griechische Kunst. Nach einem Studium in Göttingen und Berlin, mehreren Aufenthalten in Griechenland und Italien sowie einer Professur in Halle wurde er 1869 als ordentlicher Professor nach Wien berufen. 53)

1877 erfolgte seine Ernennung zum Direktor der Skulpturensammlung am kö-niglichen Museum in Berlin. Er trat damit die Nachfolge des bereits inzwischen als ungeeignet empfundenen Karl Bötticher an. Unter anderem war sein Betreiben, die Berliner Museen von Grund auf zu reorganisieren und besonders die Skulpturenabteilung zu einem der 'großen Museen' der Welt auszubauen. 54) Nachdem er den Wert der Humann'schen Pergamonfunde erkannt hatte, ließ er weitere Artefakte aufkaufen, veranlasste Humann, jetzt mit organisierten Grabungen zu beginnen, und beschaffte auch einige finanzielle Mittel dazu. Conzes Ziel war dabei, 'das Große Ganze zu finden' oder, wie er im Nachwort zu Humanns Grabungsbericht der ersten Kampagne anmerkte: "Neben unserer nächsten Aufgabe schwebte uns bald eine umfassende Endaufgabe vor, der wir wenigstens vorbereitend jetzt schon zustreben konnten...". 55)

Nachdem bis Ende 1879 insgesamt 39 Platten der Gigantomachie im Museum eingetroffen waren, gab Conze die Erwerbung und Bedeutung der Stücke in seinem Akademievortrag im Januar 1880 öffentlich bekannt. Unter seiner Oberleitung von Berlin aus liefen die Kampagnen nun systematisch und nach wissenschaftlichen Grundsätzen ab. Archäologen aus der ganzen Welt lernten dabei an der Vorgehensweise, die von den deutschen Forschern in Pergamon angewandt wurde. 56)

Die Tatsache, dass Conze ebenso wie Humann mit dem Leiter des türkischen Antikendienstes, Osman Hamdi Bey, befreundet war, erleichterte auch sein Wir-ken für die Arbeiten in Pergamon erheblich. Bis zum Ende der Humann'-schen Grabungen 1886 war Conze zwölf Mal vor Ort, um sich von deren Fortschritt selbst zu überzeugen. Nach Abschluss der Arbeiten war es eines seiner Hauptanliegen, die groß angelegte Publikation ' Altertümer von Pergamon' auf den Weg zu bringen. 57) 1887 sprach er sich in seinem Vortrag 'Pro Pergamon' für die weitergehende Erforschung des Ortes aus. Zu den ab 1900 bis zum Beginn des ersten Weltkrieges dann stattfindenden weiteren Ausgrabungen gewann er Wilhelm Dörpfeld als Leiter vor Ort.

Mit achtundsiebzig Jahren reiste er 1910 noch einmal nach Pergamon 58) und starb nach einem erfüllten Forscherleben 1914 im Alter von fast 83 Jahren. 59) Der nächste, der, wenn auch Jahre später, als 'Nachfolger' Humanns deutsche Ausgrabungen in Pergamon vor Ort leitete, war der schon genannte Wilhelm Dörpfeld. Dörpfeld, 1853 in Barmen-Wuppertal geboren, studierte von 1873 - 1875 Architektur an der Bauakademie in Berlin. Durch seinen Lehrer Friedrich Adler, der den Arbeiten Humanns großes Interesse entgegenbrachte, wurde sein Inter-kesse für antike Baugeschichte geweckt. 60)

Im Auftrag Adlers begann Dörpfeld im Jahre 1877 als Assistent des Bauleiters seine Tätigkeit in Olympia. Schon 1878 wird er der leitende Architekt der dorti-gen Ausgrabung. Ab 1882 ist er dann zeitweise bei Schliemann in Troja tätig und wird 1887 zum Institutsleiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen ernannt. 61) 1885 besucht Dörpfeld zum ersten Mal die Humann'schen Ausgrabungen in Pergamon, dem Ort seines späteren Wirkens. 1886 reist er im Auftrag Conzes erneut dorthin, um sein fachmännisches Urteil als Architekt abzugeben. 62)

Nach dem Tod Schliemanns führt er ab 1893 eigene Grabungen in Troja durch, wobei er die Schliemann'sche Chronologie der freigelegten Schichten korrigierte. Ohne innere Begeisterung (wie in Troja vorhanden) übernahm er nach ausführlichen Besprechungen mit Conze dann von 1900 - 1911 insgesamt zwölf Grabungskampagnen in Pergamon. Die Initiative dafür war inzwischen von den Berlinern Museen an das archäologische Institut in Athen übergegangen.

Trotz geringen persönlichen Engagements führte Dörpfeld die von ihm übernommenen Aufgaben jedoch gewissenhaft durch und legte jedes Jahr korrekte Rechenschaft über die erzielten Grabungsergebnissen ab. 63)

Unter seiner Leitung wurden so in diesem Zeitraum u.a. freigelegt: das südliche Stadttor, die untere Agora, das Attalos-Haus, Teile der antiken Hauptstraße mit Häusern und Läden, das Gymnasion und das Demeter-Heiligtum. 64) Nach Abschluss der Grabungen in Pergamon war Dörpfeld noch eine Reihe von Jahren archäologisch in der Ägäis tätig. Dort starb er auch 1940 im Alter von 87 Jahren. 65)

Der letzte der 'alten Garde' deutscher Ausgräber, die in der direkten Nachfolge von Carl Humann in und für Pergamon tätig waren, ist Theodor Wiegand. Er wurde 1864, in dem Jahr, in dem Humann das erste Mal in Pergamon weilte, in Ebendorf bei Koblenz geboren. Er studierte in München und Freiburg Archäologie und Kunstgeschichte 66) und war damit der erste ausgebildete Archäologe, der sich als Ausgräber des Burgberges annahm.

Nach mehreren Reisen und Grabungen in West-Anatolien (u.a mit Humann in Priene) besuchte er 1896 zum ersten Mal Pergamon. 1897 wird er nach dem Tod Humanns dessen Nachfolger als Leiter der Berliner Museen in Smyrna. 67) Vorerst kommt es jedoch nicht, wie es der Wunsch Conzes war, zu Aktivitäten in Pergamon, weil sich Wiegand primär den Ausgrabungen in Priene und vor allem in Milet widmete. Dort gräbt er auch das berühmte Markttor aus. 68)

1906 beginnen dann die Diskussionen um den Neubau eines 'Pergamon-Museums in Berlin, das als repräsentative Heimstätte für die Humann'schen Funde dienen sollte. Diese erste Planungsphase dauerte bis 1911 und schließlich setzt sich, mit Unterstützung des Kaisers, Wiegands Konzept eines Baues für 'antike Architektur' durch. Durch den Beginn des ersten Weltkrieges wurden diese Planungen 1914 vorerst jedoch auf Eis gelegt, bis von 1919 - 1924 erneute Auseinandersetzungen aufflammten. 69)

Auch diesmal wurden Wiegands Vorstellungen wieder aufgegriffen. Man begann mit dem Bau, und der große Altar sowie das Markttor von Milet wurden rekonstruiert. Die offizielle Eröffnung fand aber erst 1930 zur Hundertjahrfeier der preußischen Museen statt.

Neben dieser umfangreichen organisatorischen Tätigkeit begann Wiegand 1927 im Alter von 63 Jahren weitere Grabungen in Pergamon. Mit relativ geringen finanziellen Mitteln führte er diese bis 1932 durch. 70) Unter seiner Leitung, und noch danach bis 1938, wurden u.a. ausgegraben: die hellenistischen Arsenalbauten, das Heroon für den Herrscherkult sowie das Asklepios-Heiligtum. Im Alter von 71 Jahren verstarb Theodor Wiegand Ende des Jahres 1936 als Präsident des Archäologischen Instituts. 71)

5) Zitatverweise

1) Stoll, S. 499

2) Carl Humann: Erster Bericht 18; zitiert nach Stoll, S. 137

3) Lucius Ampellius; Buch der Denkwürdigkeiten; zitiert nach Müller, S. 10

4) Kunze, S. 102 und Müller, S. 10

5) Kunze, S. 105

6) Bean, S. 75 und Stoll, S. 133 f

7) Rohde, S. 18 und Stoll, S. 135

8) Stoll, S. 135

9) Rohde, S. 13 f.

10) Stoll, S. 135 f. und Rohde S. 14 11) Rohde, S. 14

12) Müller, S. 11 13) Müller, S. 11 14) Radt, S. 309 15) Radt, S. 309

16) Radt, S. 310 und Müller, S. 11 17) Radt, S. 310 und Rohde, S. 16 18) Stoll, S. 162

19) Radt, S. 310, Müller, S. 11 und Stoll, S. 168 f. 20) Radt, S. 310 und Müller, S. 11

21) Radt, S. 311, Müller, S. 11 und Stoll, S. 176 ff., 183 ff. 22) Radt, S. 311 und Stoll, S. 196

23) Radt, S. 311 und Stoll, S. 198 ff. 24) Müller, S. 11 und Stoll, S. 199 ff. 25) Stoll, S. 199 ff.

26) Stoll, S. 210 f.

27) Radt, S. 311, Müller, S. 11, Stoll, S. 215 ff. und Rohde, S. 18 28) Stoll, S. 222, 228 f., 233

29) Stoll, S. 235 f. und Radt, S. 311

30) Stoll, S. 234, 236, 261 f. 31) Stoll, S. 272, 294 32) Stoll, S. 329 33) Rohde, S. 19

34) Müller, S. 12 und Stoll, S. 256, 263 35) Müller, S. 12

36) Stoll, S. 258 f.

37) Stoll, S. 267 f. und Müller, S. 12 38) Stoll, S. 284 f.

39) Stoll, S. 303

40) Stoll, S. 291 f., 297

41) Stoll, S. 305 ff. und Rohde, S. 19 42) Stoll, S. 308 f., 318 f.

43) Stoll, S. 322 f.

44) Stoll, S. 329.

45) Stoll, S. 335 f., 338 f. 46) Stoll, S. 343

47) Stoll, S. 339, Müller, S. 12 und Radt , S. 311 48) Stoll, S. 359

49) Müller, S. 12 50) Stoll, S. 364 51) Radt, S. 312 ff. 52) Radt, S. 314 53) Radt, S. 315 54) Radt, S. 316

55) Radt, S. 316 f. und Rohde, S. 18 56) Radt, S. 317

57) Radt, S. 317 58) Radt, S. 318 59) Radt, S. 319 60) Radt, S. 319

61) Radt, S. 319 f.

62) Radt, S. 320 f. 63) Radt, S. 322 64) Radt, S. 322 65) Radt, S. 323 66) Radt, S. 323 67) Radt, S. 324 68) Radt, S. 325 69) Radt, S. 325 70) Radt, S. 326 71) Radt, S. 326

5) Verwendete Literatur

Bean: Bean, George E.: Kleinasien, I. Die ägäische Türkei, Von Pergamon bis Didyma, Stuttgart, 1969

Kunze: Kunze, Max: Antikensammlung, in: Antike Welt im Pergamon- und Bodemuseum, Berlin, 1990

Müller: Müller, Werner: Der Pergamon-Altar, Leipzig, 1964

Radt: Radt, Wolfgang.: Pergamon, Geschichte und Bauten einer antiken Metropole, Darmstadt, 1999

Rohde: Rohde, Elisabeth: Pergamon, Burgberg und Altar, München, 1982

Schuchardt: Schuchardt, Walter Herwig: Die Meister des großen Frieses von Pergamon, Berlin und Leipzig, 1925

Stoll: Stoll, Heinrich Alexander: Götter und Giganten, Der Roman des PergamonAltars, Berlin, 4 1971

Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (Buch)
9783640119158
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111483
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Geschichtswissenschaft - Fachgebiet Alte Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Carl Humann Beginn Ausgrabungen Pergamon Stadt Reich

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Titel: Carl Humann und der Beginn der deutschen Ausgrabungen in Pergamon