Lade Inhalt...

Erzähltextanalyse der Kurzgeschichte "Der Tunnel" von Friedrich Dürrenmatt

Hausarbeit 2007 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil - Formale Erzähltextanalyse
2.1 Zeit
2.1.1 Ordnung
2.1.2 Dauer
2.1.3 Frequenz
2.2 Modus
2.2.1 Distanz
Erzählung von Ereignissen
Erzähler/Personenrede und Bewusstseinsdarstellung
2.2.2 Fokalisierung
2.3 Stimme
2.3.1 Zeitpunkt des Erzählens
2.3.2 Ort des Erzählens
2.3.3 Stellung des Erzählers zum Geschehen
2.3.4 Subjekt und Adressat des Erzählens
2.4 Zuverlässigkeit der Erzählinstanz

3. Schlussbetrachtung – Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Erzähltheorie beschäftigt sich mit der Analyse erzählender Texte, welche sich von deskriptiven und argumentativen Texten abgrenzen. In erzählenden Texten werden durch Darstellung einer oder mehrerer Handlungen kausale Verknüpfungen erstellt, die so eine Geschichte erzählen. An den Ereignissen haben reale oder fiktive Figuren teil, die diese ausführen oder erleben. Die Geschichte selbst wird meist von einer narrativen Instanz erzählt.

Die Narratologie teilt sich in der Theorie von Martinez/Scheffel in drei Gesichtspunkte, die sich auf die Darstellung der Erzählung beziehen. Sie lauten Zeit, Modus und Stimme. Jeder dieser drei Kategorien kann wiederum in einzelne Unterpunkte ausdifferenziert werden, auf die im weiteren Verlauf der Hausarbeit noch genauer eingegangen wird.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich exemplarisch mit der Analyse dieser drei Kategorien der Erzähltheorie am Beispiel der Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt. Die Analyse des Erzähltextes erfolgt demnach weitgehend auf dem Werk von Martinez/Scheffel „Einführung in die Erzähltheorie“.

Das Stück „Der Tunnel“ aus der Prosasammlung Friedrich Dürrenmatts erschien 1952 und gehört zu den Hauptwerken des Autors. Es zählt zu den Klassikern unter den surrealen Kurzgeschichten, die von einem 24-jährigen Studenten, der auf der Zugfahrt nach Zürich einen ihm sonst auf der Strecke noch nie aufgefallenen ungewöhnlich langen Tunnel bemerkt, der nicht mehr endet, handelt.

Die Urfassung von 1952 unterlag jedoch einigen Veränderungen, so wurde beispielsweise der Schlusssatz: „Obwohl uns Gott hat fallen lassen, stürzen wir dennoch auf ihn zu.“ in der neuen Fassung von 1978 gestrichen, auf welche sich aber die folgende Analyse beziehen wird.[1]

Der Schreiber der Geschichte, Friedrich Dürrenmatt, war ein bekannter Schweizer Schriftsteller Mitte des 20. Jahrhunderts. Als gesellschaftskritischer Autor widmete sich Dürrenmatt unter anderem auch der praktischen Theaterarbeit und schrieb selbst viele Bühnenstücke, wie beispielsweise Der Besuch der alten Dame.[2]

Im Anschluss an die Erzähltextanalyse der Kurzgeschichte soll eine Schlussbetrachtung unter Einbeziehung von Sekundärliteratur die Arbeit ergänzen.

2. Hauptteil – Formale Textanalyse

2.1 Zeit

Jedes Geschehen ist ein zeitliches Phänomen, selbst der Akt des Erzählens. Daher unterscheidet man zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit. Die erzählte Zeit ist die Dauer der erzählten Geschichte, wohin gegen die Erzählzeit die Zeit meint, die ein Erzähler für das Erzählen seiner Geschichte benötigt. Das Verhältnis von Erzählzeit und der Zeit der erzählten Geschichte kann man im Sinne Genettes anhand dreier Prinzipien analysieren: der Ordnung, der Dauer und der Frequenz.

Die Ordnung meint in welcher Reihenfolge eine Erzählung vermittelt wird, die Dauer soll zeigen welche Länge die Geschehenselemente aufweisen und die Frequenz präsentiert die Wiederholungsbeziehungen des Erzählten und des Erzählens.[3]

Im Folgen sollen die Zeitverhältnisse in Friedrich Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“ anhand dieser drei Kriterien analysiert werden.

2.1.1 Ordnung

Um alle Faktoren der Zeit zu berücksichtigen, muss überprüft werden, ob es sich bei der gegeben Abhandlung um eine Analepse (Rückblende) oder gar eine Paralipse handelt.

Dürrenmatts Der Tunnel lässt sich insgesamt zu einer chronologisch geordneten Gesamthandlung rekonstruieren, in der es darum geht, dass ein Student einen Zug nach Zürich besteigt, der in einen unendlich langen Tunnel fährt. Außerdem kann man sagen, dass es sich um eine synthetische Erzählung handelt, die mit dem Einsteigen in den Zug beginnt und damit endet, dass der Vierundzwanzigjährige mit dem Schaffner des Zuges hilflos im Schacht des Führerraumes liegt, der Macht des sich neigenden Zuges unterliegend. Es wird also nicht wie bei einer analytischen Erzählung da eingesetzt, wo sich der Student schon im tiefsten des Tunnels befindet und dann rückblickend die Vorgeschichte erzählt.

Es treten dennoch narrative Anachronien auf:

Im Gegensatz zur Prolepse finden wir in Dürrenmatts Erzählung den Fall der externen Analepse. Als der Erzähler erklärt, dass der Student die Strecke jeden Samstag und Sonntag seit einem Jahr gefahren ist (vgl. S.218) erzählt er von einem sich wiederholendem Ereignis, das zu einem früheren Zeitpunkt schon stattgefunden hat. Es handelt sich demnach um eine Rückblende, wenn auch nur eine kurze, die sich auf ein Ereignis vor der Haupthandlung bezieht.

Eine Prolepse ist nicht zu finden, da kein Ereignis erzählt wird, das erst später in der Geschichte passiert. Als der Erzähler dem Leser erklärt, dass der Student nach Zürich fährt, dort am Folgetag ein Seminar besuchen will, das er gar nicht vorhat zu besuchen (vgl. S. 217) ist das eine Annahme in der Gegenwart, die aber nicht zukunftsgewiss ist und damit auch keine Prolepse darstellt. Man könnte zwar auch von einer zukunftsungewissen Prolepse sprechen, doch sind damit eher Prophezeiungen gemeint. Zudem beruht die Annahme auf ein sich schon mal wiederholtes Ereignis, so dass die Vermutung, der Student wird das Seminar am Folgetag nicht besuchen, keine direkte Vorausdeutung darstellt und damit auch keine Prolepse.

2.1.2 Dauer

Das Verhältnis von der Erzählzeit und der erzählten Zeit wird dem Genre der Dauer zugerechnet. Eine Zeitraffung liegt vor, wenn die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit ist. Das bedeutet, dass die gesamte Handlung in Dürrenmatts Erzählung eine Zeit von etwa einer Stunde beträgt: Angefangen um 17:50 Uhr, als der Zug in Richtung Zürich losfuhr und endend kurz nachdem der Student noch einmal auf seine Uhr geschaut und feststellt hatte, dass es „Achtzehnuhrvierzig“ (S. 227) war, wohingegen die Erzählzeit nur etwa dreißig Minuten beträgt.

Die Erzählung ist weiterhin durch einen Wechsel aus zeitraffendem und zeitdeckendem Erzählen charakterisiert. Eine typische Ausprägung des zeitdeckenden Erzählens ist die Szene, in der die Dauer der Wiedergabe von Figurenrede weitgehend mit der der Rede selbst übereinstimmt. Dies ist der Fall, als der Dialog zwischen dem Zugführer und dem Studenten über die Tatsache, dass der Zug sich seit Burgdorf in einem Tunnel befindet (vgl. S. 223) direkt in einer zitierten Rede wiedergegeben wird.

Einen Wechsel finden wir beispielsweise vor, wenn die wiedergegebene Figurenrede mit der Sprechdauer übereinstimmt, danach aber das Geschehen zusammenfassend weitererzählt wird. Dies ist der Fall, als der Schachspieler davon spricht, dass es in der Schweiz die „meisten Tunnel der ganzen Welt“ (S. 222) gibt und diese Aussage auch szenisch dargestellt wird. Die Antwort des Zugführers daraufhin aber nur indirekt wiedergegeben wird (vgl. S. 222)

Ellipsen sparen bestimmte Zeitspannen der Geschichte im Discours gänzlich aus, wobei die Erzählung still steht und das Geschehen weiter geht. Diesen Fall finden wir in Dürrenmatts Der Tunnel nicht wieder, da sich hier die erzählte Zeit auf etwa eine Stunde beschränkt und somit keine starken Zeitsprünge von z.B. mehreren Jahren stattfinden.

Der Anfang von Dürrenmatts Erzählung stellt eine deskriptive Pause dar, da hier das Geschehen still steht während die Hauptfigur der Erzählung, der 24-jährige Student, beschrieben wird (vgl. S. 217). Dies ist beispielsweise auch der Fall als der Erzähler die Lokomotive beschreibt (vgl. S. 225) und somit auch keine Handlung stattfindet.

Auch wenn der Erzähler eigene Kommentare oder Reflexionen gibt um beispielsweise den Sachverhalt zu erklären, warum der Student nach Zürich fährt, obwohl er gar nicht vorhat zu dem dort stattfindenden Seminar zu gehen (vgl. S. 219) entsteht eine Pause der erzählten Zeit. Hier wurde die Pause durch Einklammerung des erklärenden Sachverhalts gekennzeichnet.

Wenn Bewegungsabläufe detailliert beschrieben werden, haben wir es mit einem zeitdehnendem Erzählen zu tun, weil beispielsweise die Erzählung von Bewegungen im Discours immer länger dauert, als die tatsächliche Bewegung. Dieser Fall ist in Dürrenmatts Erzählung nur bedingt vorhanden: als der Erzähler den Sprachakt des Zugführers genau beschreibt (vgl. S. 224).

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich bei Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“ die Dauer mehrmals verändert, es also Pausen, (Dehnungen), Szenen und Zeitraffungen gibt, wobei allerdings der Wechsel zwischen Zeitraffung und Szene überwiegt.

2.1.3 Frequenz

Ein weiteres Kriterium für die Bestimmung der Zeit ist die Frequenz. Wird das einmal Geschehene wiederholt erzählt, spricht man von repetitiver Frequenz. Dieser Frequenztyp kommt beispielsweise vor, als der Schachspieler sich für seine Unaufmerksamkeit bei dem Studenten entschuldigt, da er sich „mit einem wichtigen Problem der Nimzowitsch-Verteidigung beschäftige“ (S. 220). Genau dies wird vom Erzähler kurze Zeit später nochmals erwähnt (vgl. S. 221).

Somit wurde das einmalige Ereignis aus zwei Perspektiven, aus Erzähler- und aus Figurenperspektive, und damit wiederholt erzählt.

Die zweite Möglichkeit bietet die iterative Frequenz, bei welcher nur einmal erzählt wird, was sich wiederholt ereignet. Der Erzähler berichtet demnach einmal summarisch von Ereignissen, die sich regelmäßig oder öfters ereignet haben. Dies ist beispielsweise der Fall, als der Erzähler sagt, dass der Student die Strecke jeden Samstag und Sonntag seit einem Jahr (vgl. S. 218) fährt. Die Regelmäßigkeit des Ereignisses wird an dem Wort „jeden“ deutlich.

Allerdings stimmt der iterative Frequenztyp in der Erzählung nur, wenn man die Wortwahl genau beachtet und vom Inhaltlichen absieht: Der Student erwähnt nämlich später noch mal selbst, dass er die Strecke jede Woche (vgl. S. 223) fährt. Damit sagt er aber wortwörtlich nicht das Selbe wie der Erzähler, womit man von einem einmaligen Erzählen einer sich wiederholenden Handlung ausgehen kann.

Beim einmaligen Erzählen einer einmaligen Sache lautet der Fachbegriff singulative Frequenz und ist somit der am häufigsten vorkommenste Fall einer Erzählung. Ein Beispiel aus Dürrenmatts Der Tunnel dafür ist die Situation als der Student in den Zug gestiegen ist und „sich mühsam nach hinten durchgearbeitet“ (S. 217) hat. Dies geschieht einmal und wird nur einmal erzählt.

Ein Extremfall der singulativen Frequenz ist das wiederholende Erzählen einer sich wiederholenden Handlung. Auch dieser Typ tritt in Dürrenmatts Erzählung auf. Ein Beispiel dafür ist die Aussage des Schaffners, der mehrmals erwähnt, dass er die Zugstrecke jede Woche fährt (vgl. S. 222 und S. 223).

Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass wir es in der Erzählung mit verschieden Typen der Frequenz zu tun haben.

2.2 Modus

Der Modus beschreibt den Grad an Mittelbarkeit und die Perspektivierung des Erzählten. Er umfasst die Distanz zum Erzählten als auch die Fokalisierung. Die Distanz ist bestimmt durch die Einmischung des Erzählers und die Detailliertheit des Erzählten, sowie durch die Präsentation von Worten und Gedanken.

Die Fokalisierung hingegen beschreibt aus welcher Sicht erzählt wird und wer das Geschehen wahrnimmt.[4]

Diese beiden Parameter sollen im Folgenden an der Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt analysiert werden.

2.2.1 Distanz

Die folgende Kategorie des Modus bestimmt, in welcher Entfernung sich der Erzähler den Charakteren gegenüber befindet. Dabei kann der Autor den Figuren durch erzählte, transportierte oder zitierte Rede eine Richtung vorgeben.

Insgesamt handelt es sich bei Dürrenmatts Erzählung um einen narrativen Modus, der aber wenig Distanz aufweist, da die Präsentation der Gedankenrede und gesprochener Rede überwiegend in zitierter Rede auftritt und die Erzählung damit an Mittelbarkeit verliert. Der Erzähler ist demnach nah am Bewusstsein der handelnden Figuren, insbesondere des Studenten.

Da die Erzählung nicht nur aus Dialog- und Monologszenen besteht, differenziert man außerdem zwischen der Erzählung von Worten und der Erzählung von Ereignissen.

Bei der Erzählung von Ereignissen spricht man dann von einem dramatischen Modus, wenn das Erzählte den Eindruck einer unmittelbaren Präsenz entspricht. Das ist beispielsweise der Fall, wenn eine Person oder ein Ort detailgenau beschrieben wird, der Erzähler jegliche Kommentare weglässt und aus der Perspektive einer unmittelbar am Geschehen beteiligten Person berichtet wird. In der Erzählung „Der Tunnel“ wird der Student zwar im ersten Absatz detailliert als „[...] fett, [...] über seine Brille eine zweite trug, und in den Ohren Wattebüschel“ (S. 217) beschrieben, aber er wird auch vom Erzähler kommentiert. Dadurch wird die Distanz zum Erzählten wieder größer und man spricht von einem narrativen Modus. Insgesamt ist die Umsetzung des Nichtsprachlichen ins Sprachliche mittelbar präsentiert: „Die Plattform, die er betrat, besaß auf beiden Seiten [...]“ (S. 225) und trägt damit nicht zum Eindruck der Gegenwart des Erzählten bei, womit ein Realitätseffekt wegfällt.

Mit der Erzählung von Worten sind die sprachlich ausgedrückten Worte der handelten Figuren gemeint. In Dürrenmatts Erzählung tritt die Darstellung gesprochener Rede überwiegend in zitierter Form als direkte Rede auf, die durch verba dicendi begleitet werden. Dies ist beispielsweise der Fall als der Student den Schaffner auf den ungewöhnlich langen Tunnel anspricht: „Was wünschen Sie?“fragte er aufs neue, [...] „Wir befinden uns seit Burgdorf in einem Tunnel.“, antwortete der Vierundzwanzigjährige [...] (vgl. S. 223).

Ein Extremfall der gesprochenen Rede ist die autonome direkte Rede, wo das Zitierte ohne ein verbum dicendi auftritt, so aber nicht in Dürrenmatts Erzählung auftritt.

Ein weiterer Fall der gesprochenen Rede ist die transponierte Rede. Sie kann als indirekte Rede in Erscheinung treten und ist dadurch gekennzeichnet, dass das Gesagte mit verbum dicendi zwar dargestellt wird, aber nicht in den Worten der Person: „Er wisse es nicht, antwortete Keller, er habe sich nur Zeit zum Überlegen schaffen wollen.“ (S. 227). Dieser Fall ist mittelbarer als die direkte Rede, aber weniger distanziert, als die erzählte Rede und steht damit zwischen dem narrativen und dramatischen Modus.

Der Fall der erzählten Rede, wo der bloße sprachliche Akt erzählt wird nicht aber der Inhalt, tritt in Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“ nur sehr selten auf, so z.B. bei der Passage: „Der Schachspieler hatte höflich, aber bestimmt geantwortet.“ (S. 220). Allerdings ist dies hier auch nur bedingt ein Fall der erzählten Rede., da die bloße Erwähnung des sprachlichen Akts nicht ganz zutrifft, denn die Antwort wurde zuvor schon indirekt durch die narrative Instanz wiedergegeben.

So kann festgehalten werden, dass die Darstellung von Worten überwiegend in transponierter oder zitierter Form auftritt,was dem dramatischen Modus nahe kommt.

Bei der Erzählung von Gedanken finden wir in Dürrenmatts Erzählung den Fall der zitierten Rede, transponierten als auch der erzählten Rede.

„Wozu auch bei diesem Wetter.“, dachte er und [...] (S. 220) ist ein Beispiel für die transponierte Rede. Hier werden die Gedanken indirekt wiedergegeben. Man kann also nicht direkt von einem narrativen, aber auch nicht von einem dramatischen Modus sprechen.

Ein weiterer Fall der transponierten Rede ist die erlebte Rede, die ein wenig unmittelbarer ist, als die indirekte Rede, aber auch auftritt. Der unvermittelte Wechsel von Erzählerbericht und erlebte Rede zeigt folgende Passage: „Er trat wieder zu seiner Ecke und setzte sich (=Erzählerbericht), der Tunnel musste nun jeden Augenblick aufhören, jede Sekunde (=erlebte Rede); [...]“(S. 220). Hier fehlt das verbum dicendi, es handelt sich aber um eine erzählerische Gedankenwiedergabe in der dritten Person Präteritum Indikativ mit Innensicht und ist deshalb als erlebte Rede zu kennzeichnen.

Bei der erzählten Rede spricht man von einem narrativen Modus. Hier ist die Mittelbarkeit sehr hoch. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn der Erzähler Bewusstseinsprozesse des Studenten zusammenfasst:

„[...] antwortete der Vierundzwanzigjährige und dachte an den dicken Schachspieler und an das Mädchen mit seinem Roman und dem roten Haar.“ (S. 229). Hier wird erzählt, dass der Student an den Schachspieler dachte, aber es wird nicht gesagt was genau er dachte. Dieser Fall des Bewusstseinsberichts tritt in der Erzählung „Der Tunnel“ sehr häufig in Erscheinung, was wiederum sehr für einen narrativen Modus spricht.

Doch gibt es auch Fälle von Gedankenzitaten, wo der Erzähler nicht in die Gedankeninhalte eingreift und die Distanz zum Erzählten damit sehr gering ist: „Wir saßen noch in unseren Abteilen und wussten, nicht, dass schon alles verloren war.“, dachte er. (S. 229).

Zusammenfassend ist die Präsentation von Worten und Gedanken in Dürrenmatts Erzählung demnach durch einen ständigen Wechsel zwischen narrativ und dramatisch vermittelter Erzählung gekennzeichnet, wobei die Erzählung von Worten überwiegend einem dramatischen und die Erzählung der Ereignisse einem narrativen Modus folgt.

2.2.2 Fokalisierung

Bei der Fokalisierung konzentriert man sich zunächst auf die Frage „Wer sieht?“, also aus welcher Sicht das Erzählte in der fiktionalen Erzählung vermittelt wird. Hier kann der Erzähler über der Figur stehen und mehr wissen als sie selbst, weniger als sie oder mit ihr auf einem Level stehen. Im letzteren Fall kann der Erzähler zugleich auch eine handelnde Person sein. Demnach unterscheidet man zwischen Nullfokalisierung, interner und externer Fokalisierung.

Dürrenmatts Erzählung ist überwiegend durch eine Nullfokalisierung gekennzeichnet. Das wird schon im ersten Satz deutlich: „Ein Vierundzwanzigjähriger, fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige) nicht allzu nah an ihn herankomme, der es liebte, die Löcher in seinem Fleisch, da doch gerade durch sie das Ungeheuerliche hereinströmen konnte, [...].“(S. 217). Hier wird die Figur nicht aus dem Blickwinkel der handelnden Figur, sondern aus der Übersicht einer nicht am Geschehen unmittelbar beteiligten narrativen Instanz vermittelt. Die Beschreibung erfolgt demnach aus der Wahrnehmung des Erzählers.

Auch finden wir noch weitere vom Erzähler kommentierte Beschreibungen, so beispielsweise als der Erzähler den Körper des Studenten als „nutzlos“ (S. 230) und „unschützend“ (S. 230) kommentiert. Dies spricht ebenfalls für einen nicht fokalisierten Erzähler.

Was allerdings gegen eine Nullfokalisierung sprechen würde, ist die Tatsache, dass der Erzähler keine Informationen gibt, die das Wissen des Studenten, des Schachspielers oder des Zugführers übersteigen.

Das wäre beispielsweise der Fall, wenn der Erzähler schon zu Beginn der Geschichte erwähnen würde, wo sich der Student in einer Stunde befinden wird. Ein Fall indem so ein übergeordnetes Wissen annehmbar wäre ist als der Erzähler davon berichtet, dass sie dem Inneren der Erde entgegenrasen (vgl. S. 229). Hier kann der Student das nicht wissen, aber da er es ahnt („[...],doch hatte uns in Wahrheit die Schacht nach der Tiefe schon aufgenommen“ (S.229)), kann man auch hier eher nicht von einem übergeordnetem Wissen des Erzähler ausgehen.

Bei der weiteren Textanalyse ergeben sich jedoch auch andere Sichtweisen: Die vielen Einblicke in das Denken und Fühlen und damit in das Innenleben des Studenten („[...], der Tunnel musste nun jeden Augenblick aufhören, jede Sekunde; auf der Armbanduhr war es nun beinahe zwanzig nach; er ärgerte sich“ (S. 220)) lassen annehmen, dass die Wahrnehmung hier überwiegend auf die des Studenten fixiert ist, so wie bei einem autonomen inneren Monolog. Das wäre dann der Fall einer internen Fokalisierung. Aber auch wenn das Erzählte eng an die Sicht des 24-jährigen gekoppelt zu sein scheint, da der Erzähler gibt kaum mehr preis, als das was der Student sieht, liegt das daran, dass er den Studenten in seinen Handlungen ‚begleitet’ und dass er seine Geschichte erzählt und nicht beispielsweise die des Zugführers. Deshalb könnte man eher von einem objektivierten inneren Monolog sprechen.[5]

Wenn man auch beachtet, dass der Blickwinkel nicht durchgehend auf die Wahrnehmung des Studenten begrenzt ist, sondern, wie bereits erwähnt, von Kommentaren des Erzählers „[...], der mit seinem fetten Leib, der jetzt nutzlos war und nicht mehr schützte“ (S. 230) begleitet wird, spricht auch das dagegen die Erzählung als einen autonomen zitierten inneren Monolog oder einen Bewusstseinsstroms des Studenten zu sehen. Auch die Erzählerbeschreibung des Äußeren des Studenten (vgl. S. 217) sind ein Indiz dafür, dass die Wahrnehmung nicht ausschließlich an die Figur gekoppelt ist. Der Erzähler lässt also eigene Sichtweisen zur Situation zu, die eine gewisse Distanz zur erlebten Figur entstehen lassen. Das würde gegen die interne Fokalisierung sprechen.

Man kann also annehmen, dass der Erzähler lediglich von einem Punkt der erzählten Welt ausgeht und damit die Wahrnehmung des Studenten gar nicht beachtet. Er ist damit gar nicht an die Sicht des Studenten gebunden. Das könnte dann aber auch dem Fall des externen Fokalisierungstyp entsprechen: Je nach dem wo sich der Student innerhalb des Zuges befindet, beschreibt er dessen Umgebung, wie beispielsweise den Wagon des Zweitklaß-Abteils: „In einem Wagen mit Zweitklaß-Abteilen stand ein Engländer am Fenster des Korridors und tippte freudestrahlend [...] an der Scheibe.“ (S. 222). Die Beschreibung wird hier nicht eindeutig aus Sicht des Studenten proklamiert, aber auf jeden Fall von einem Punkt in der erzählten Welt. So ist annehmbar, dass der Student genau den Mann am Fenster sah, wie dieser freudestrahlend an die Scheibe tippte und der Erzähler deshalb davon erzählte.

Was gegen die externen Fokalisierung spricht, ist die Tatsache, dass ein externer Erzähler keine Informationen über das Innenleben seiner Figuren gibt, da er weniger weiß, als diese. Das ist in Dürrenmatts Der Tunnel nicht der Fall. Der Erzähler gibt die Gedanken und die Gefühlslage des Studenten wieder wie folgende Passage zeigt: „[...] sondern die unmittelbare Tunnelnähe, die er zwar nicht sah, die er jedoch erahnte, so dass ihm war, als rase er mit Sterngeschwindigkeit in eine Welt aus Stein.“ (S. 225).

Bei den anderen Passagieren hat der Erzähler keine Innensicht. Er gibt zwar auch Gefühle derer wieder, aber dies sind nur Annahmen, welche auch als solches aufgezeigt sind: „[...] jetzt etwas beunruhigt, wie es schien [...]“ (S. 221).

Des Weiteren spricht die Tatsache, dass die narrative Instanz den Studenten aus ihrer Sicht und nicht etwa aus der Sicht des Studenten selbst beschreibt, gegen einen externen Erzähler und eher für eine auktoriale Erzählweise.

Insgesamt gesehen ist der Fokalisierungstyp demnach variabel, da einige Aspekte für eine interne aber auch für eine externe Fokalisierung sprechen. Die vorherrschende Tendenz ist aber die Nullfokalisierung. Somit kann man von einer dominant nicht fokalisierten Erzählung sprechen.

2.3 Stimme

Im Anschluss an die bereits im letzten Kapitel vorgestellte Frage „Wer sieht?“ wird nun der Fokus auf die Kategorie Stimme gelegt, also „Wer spricht?“. Es soll geklärt werden wie sich die narrative Instanz beim Erzählakt zum Leser, aber auch zum Erzählten verhält.

Man kann hierbei die faktuale Erzählung von der fiktionalen Erzählung unterscheiden. Die fiktionale Erzählung ist weder an einen historischen Sprecher noch an einen räumlich-zeitlichen Zusammenhang gebunden. In Dürrenmatts Der Tunnel trifft das zu und deshalb handelt es sich um eine fiktionale Erzählung. Hier hat der Autor freie Wahl darüber wie er die narrative Instanz gestaltet.

Dabei lassen sich vier Gestaltungsmöglichkeiten unterscheiden nach denen die Erzählstimme im Folgenden analysiert werden soll: Der Zeitpunkt des Erzählens, der Ort des Erzählens, die Stellung des Erzählers zum erzählten Geschehen sowie das Subjekt und der Adressat des Erzählens.[6]

2.3.1 Zeitpunkt des Erzählens

In Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“ handelt es sich um späteres Erzählen. Das wird an der Verwendung des Präteritums deutlich: „ Die Sonne schien an einem wolkenlosen Himmel, als er seinen Wohnort verließ.“ (S. 217).

Der zeitliche Abstand zum Erzählten ist nicht eindeutig bestimmbar. Es wird zwar angegeben, dass es Sommer und Sonntagnachmittag war (vgl. S. 217), aber ob es zum Zeitpunkt des Erzählens schon Winter war oder sogar einige Jahre danach ist nicht ersichtlich. Nach Käte Hamburger[7] könnte man hier auch von einem epischen Präteritum reden, das vorliege, wenn ein späterer Zeitpunkt des Erzählens kaum bestimmbar oder irrelevant ist.

Der Typ der prophezeienden und damit früheren Erzählung, sowie der gleichzeitigen und eingeschobenen Erzählung findet sich in der fiktionalen Erzählung „Der Tunnel“ nicht wieder, nicht mal in der Gestalt einer kurzen Binnenerzählung.

2.3.2 Ort des Erzählens

In einem Erzähltext kann ein Erzähler eine Geschichte erzählen. Man spricht von einem extradiegetischen Erzähler. Innerhalb der erzählten Welt, von der erzählt wird, kann aber wiederum ein Erzählakt angesiedelt sein, der somit ein Erzählen in der Erzählung darstellt und mit intradiegetisch bezeichnet wird. Auch hier könnte natürlich wiederum ein Erzählen erzählt werden was dann eine metadiegetische Erzählebene wäre.

In der Erzählung „Der Tunnel“ bleibt die Erzählebene gleich und es findet keine Erzählung innerhalb der Geschichte über den Zug, der in einen unendlich langen Tunnel fährt statt. Damit wird eine Rahmenhandlung erzählt. Die narrative Instanz ist demnach nicht der Erzähler einer Binnengeschichte, in dessen Rahmengeschichte sie selbst als Figur auftritt. Es handelt sich damit um eine extradiegetische Sprechsituation.

2.3.3 Stellung des Erzählers zum Geschehen

Die Stellung des Erzählers zum Geschehen meint, ob der Erzähler Teil seiner Erzählung ist oder ob er in dieser nicht vor kommt und ganz hinter sie zurücktritt. Es lassen sich zwei Arten der Beziehung von Erzähler und Figur unterscheiden: der homodiegetische und der heterodiegetische Typ.[8]

In Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“ ist die Stellung des Erzählers zum Geschehen heterodiegetisch. Der Erzähler ist nicht an der erzählten Geschichte beteiligt. Er ist lediglich ‚Berichter’ des Ereignisses.

Die Handlung wird anhand der dritten Person erzählt: „Das verwirrte ihn.“ (S. 219); „So saß er am Fenster [...]“(S. 218), was typisch ist für die heterodiegetische Erzählweise und zugleich aber auch einen hohen Grad an Mittelbarkeit des Erzählten aufzeigt.

Unter Einbeziehung der Tatsache, dass die Erzählung fiktional ist, kann man von einer heterodiegetischen fiktionalen Erzählung sprechen. Hier liegt eine Nichtidentität von Autor und Erzähler vor, bei der der Autor ein Geschehen erfindet, das der Erzähler erzählt. In Dürrenmatts Der Tunnel ist demnach der Autor Friedrich Dürrenmatt, der anhand eines Erzählers die erfundene Geschichte des Studenten erzählt.

Bei homodiegetischen Erzählern hingegen dominiert die erste Person und der Erzähler kommt damit selbst in seiner Geschichte vor. Dieser Typ ist beispielsweise bei der erlebten Rede der Fall, ist aber in Dürrenmatts Erzählung nicht gegeben. Es gibt zwar eine erzählerische Gedankenwiedergabe in der dritten Person Präteritum Indikativ mit Innensicht und ist deshalb als erlebte Rede zu kennzeichnen („[...] der Tunnel musste nun jeden Augenblick aufhören, jede Sekunde; “(S. 220)) doch ist das eine Ausnahme und deshalb nicht weiter zu beachten.

Zieht man weiterhin die Unterscheidung zwischen einer extra- und intradiegetischen Ebene der Erzählung hinzu, so ist der Erzähltyp in der Erzählung „Der Tunnel“ von Dürrenmatt ein extradiegetisch-heterodiegetischer: Der Erzähler erster Stufe erzählt die Geschichte des Studenten in der er selbst nicht vorkommt.

2.3.4 Subjekt und Adressat des Erzählens

In diesem Abschnitt soll die Kommunikationssituation auf der jeweiligen Ebene des Erzählers anhand der Frage „Wer erzählt wem?“ geklärt werden. Die Ebenen wurden bereits unter 2.3.2 als intra- und extradiegetischen Sprechsituation bestimmt. Auf beiden Ebenen lassen sich Erzähler und Leser ausmachen, welche durch bestimmt Merkmale gekennzeichnet sind.

In Dürrenmatts Der Tunnel gilt der extradiegetische Erzähler und der extradiegetische Hörer, die beide unabhängig von jeder festen Bindung an Zeit und Raum in unserer Welt sind. ‚Erzähler’ und ‚Leser’ sind begrifflich nicht notwendig eine männliche oder weibliche Person, sondern eher eine neutrale Bezeichnung. Da aber die extradiegetische Sprechsituation unterschiedliche Darstellungen zulässt kann man weiterhin zwischen einem präsenten und abwesenden Erzähler differenzieren:

Die Darstellungsweise der Geschehnisse im Zug ist meist szenisch und überwiegend chronologisch präsentiert worden. Weder die Differenz zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit, noch der Erzähl- und Leseprozess wird angesprochen. Beides spricht für einen scheinbar abwesenden Erzähler, obwohl auch hier eine Sprechsituation gegeben ist:

Die narrative Instanz ist stark an die Zeit und den Raum der jeweiligen Szenen gebunden. Das wird vor allem daran deutlich, dass der Erzähler nur die Geschehnisse innerhalb der erzählten Geschichte von 17:50 Uhr und 18:40 Uhr wiedergibt, als der Zug in den Tunnel fährt. Die Zeit in der erzählten Geschichte wird auffallend häufig vom Erzähler („Seine Armbanduhr [...] zeigte zehn nach sechs.“(S. 219)) als auch von den Figuren („Zwanzig nach sechs“, sagte er wieder, [...](S.221)) erwähnt.

Außerdem bezieht er sich bei seiner Erzählung nur auf die Beschreibung der Ereignisse innerhalb des Zuges und nicht auf irgendwelche Handlungen außerhalb, beispielsweise auf das was die Eltern des Studenten gerade machen.

Weiterhin besteht eine gewisse Nähe zum Wahrnehmungshorizont des Studenten. Der Erzähler begleitet den Studenten durch den Zug und greift dadurch nur die Geschehnisse in dessen Umgebung auf.

Die Distanz zum Erzählten wird dadurch abgeschwächt und es wird dem Leser suggeriert, dass die narrative Instanz am Erzählten beteiligt ist, auch wenn das nicht der Fall ist.

Auch die variierende Fokalisierung bewirkt, dass sich der Adressat der erzählten Welt angesprochen fühlt und damit vielleicht sogar selbst zur Figur wird oder zumindest zum Nachdenken angeregt wird.

2.4 Zuverlässigkeit der Erzählinstanz

Zuletzt wollen wir die Zuverlässigkeit der Erzählinstanz untersuchen., die in faktualen, aber auch in fiktionalen Erzählungen nicht immer ganz gegeben ist.

Wie wir bereits geklärt haben ist Dürrenmatts Der Tunnel eine fiktionale Erzählung. Wie bei faktualen Geschichten wahre und falsche Aussagen unterschieden werden, müssen auch die in der fiktionalen Rede geäußerten Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht werden. Die fiktionalen Geschehnisse haben zwar in unserer Welt keinen Anspruch auf Referenz, da sie Imaginationen eines realen Autors sind, dennoch können die Behauptungen eines fiktiven Erzählers durchaus einen Wahrheitsanspruch innerhalb der erzählten Welt erheben: Die Informationen von der Erzählinstanz können damit einerseits vertrauenswürdig erscheinen, andererseits aber kann der Erzähler sich im Falle der Unzuverlässigkeit, auch in (ungewollte) Widersprüche verwickeln oder den Leser gezielt desinformieren.[9]

Diesen Geltungsanspruch der in der fiktionalen Rede geäußerten Sätze in Bezug zur erzählten Welt sollen an Dürrenmatts Erzählung untersucht werden.

Zunächst müssen die Behauptungen des Erzählers und den Behauptungen der Figuren verglichen werden. Gibt es hier Unstimmigkeiten hat die Erzählerrede in der Regel einen priviligierteren Status, obwohl sich auch im Laufe der Geschichte herausstellen kann, dass die Figurenrede der Wahrheit entsprach und es sich damit um einen unzuverlässigen Erzähler gehandelt hatte.

Guckt man sich die Figurenrede in Dürrenmatts Der Tunnel genauer an, ist die zitierte Rede entweder als Ergänzung oder Bestätigung zum Erzählten zu sehen oder Erzähler- und Figurenrede stimmen überein:

Der Zugführer sagt, dass sie abwärts fahren würden (vgl. S. 224) und der Zug immer schneller führe (vgl. S. 228).

Dieses gänzlich phantastische Ereignis wird durch den Erzähler ähnlich beschrieben, „als einen sich immer stärker neigenden Zug“ (vgl. S. 228), „der mit einer abenteuerlichen Geschwindigkeit fuhr“ (vgl. S. 228), womit er die Aussagen der Figuren bestätigt und es somit keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des Erzählten gibt.

Wenn der Erzähler aber behauptet, der Student sei dick, um das ‚Schreckliche’ nicht an sich heranlassen zu müssen (vgl. S. 217) und die Aussage nicht von dem Student bestätigt wird, ist das eine kommentierte Stellungnahme des Erzählers über den Studenten. Man spricht hier von einem theoretischen Satz. Ob dieser wahr ist, ist subjektiv, denn die hier vorgenommene Bewertung des Erzählten von der narrativen Instanz gehört nicht zu seiner erzähllogischen Funktion und hat damit auch keinen priviligierten Wahrheitsanspruch.

Die Aussage hingegen, dass der Student dick ist, stellt eine konkrete Beschaffenheit des Studenten dar und ist damit ein mimetischer Satz.

Obgleich man die Gültigkeit der Kommentare und Bewertungen, die der Erzähler über die Figuren abgibt, beispielsweise als er die Studien des Studenten als nebulos (vgl. S. 217)bezeichnet, skeptisch einzuschätzen hat, bleibt doch die Zuverlässigkeit dieses Erzählers in bezug auf die konkreten Tatsachen der dargestellten Geschichte unbezweifelt.

Somit ist die narrative Instanz der Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt insgesamt als zuverlässig einzuschätzen.

3. Schlussbetrachtung – Zusammenfassung der Ergebnisse

Die Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt wurde hier nach erzähltheoretischen Gesichtspunkten analysiert und kann auf Grund dessen interpretiert werden: Sie beschreibt den urplötzlichen, unerklärlichen Einbruch des Schreckens in den Alltag. Der Zug ist ein Symbol für das in festen Bahnen verlaufende Leben der Menschen, die die sich abzeichnende Katastrophe nicht wahrhaben wollen, sondern sich auf die Alltäglichkeit verlassen.

Die Hauptperson der Geschichte, der 24-jährige Student, dessen Namen der Leser nicht erfährt, ist anders. Seine vielleicht einzige Fähigkeit ist, „das Schreckliche hinter den Kulissen“ zu sehen (vgl. S. 217): Alle Körperöffnungen werden bewusst verschlossen, die Ohren mit Watte verstopft, über der Sehbrille eine Sonnenbrille getragen und ihn offenbar beruhigende Zigarren geraucht. Er tut das, um zu verhindern, dass das ‚Schreckliche’ hereindringt (vgl. S. 217). Am Ende der Erzählung sieht er dem kommenden Tod mutig ins Auge und wendet den Blick nicht ab: „Was sollen wir tun?“, „Nichts.“, antwortet ihm der 24-jährige, „ohne sein Gesicht vom tödlichen Schauspiel abzuwenden.“ (vgl. S. 230).

Das Thema über den ‚Einbruchs des Ungewöhnlichen’ in die gewohnte Ordnung, in das gewöhnlichen alltägliche Leben wird an den verwendeten Metaphern deutlich: „Kulisse“ (S. 217) und „Fassade“ (S. 219) stehen für einen Alltag, der aber nur scheinbare Wirklichkeit ist. Durch diese Schauspielmetaphorik wird das gesamte Geschehen als Fiktion/ als Theater deklariert. Es handelt sich um Gegenbilder zur Wirklichkeit.[10]

Auch die in der gesamten Handlung irrationale Ordnung betont das Fiktionale der Erzählung. Allein die parallel gebauten Sätze lassen viele Doppeldeutigkeiten zu.

Weiterhin ließ sich durch den ständigen Wechsel der Erzählstimme oft nicht eindeutig bestimmen, wer welche Passage spricht oder denkt. So auch die Bibelanspielung: „Es hatte sich noch nichts verändert, [...].“ (S. 229). Auch das trägt zu Ungereimtheiten bei.[11]

Überträgt man die Ergebnisse der Analyse, wie beispielsweise die Unordnung der Sätze, auf den Inhalt der Erzählung, so könnte dieser als Kritik an der ‚geordneten’ Gesellschaft aufgefasst werden. Allein der externe Adressatbezug lässt darauf schließen, dass jeder in der Gesellschaft angesprochen werden soll und nicht beispielsweise nur die Männer: Das Irrationale der alltäglichen Welt wurde aufgezeigt und dessen gewohnte Ordnung und geregelte Planmäßigkeit angezweifelt. Der Schreibstil des Autors, die Gestaltung der narrativen Instanz als auch der Inhalt deuten darauf hin, dass man sich, so wie auch der Student, der gewohnten Ordnung entziehen und dem Ungewöhnlichen ‚ins Auge sehen’ sollte.

Abschließend kann man sagen, dass literarische Texte meist etwas Bestimmtes aussagen, eine besondere Atmosphäre erzeugen oder einen Leser explizit und individuell ansprechen wollen. Mit der Analyse anhand der Erzähltheorie nach Martinez/Scheffel konnte eine Vorstellung des Werkes und seiner Intension gegeben werden, wobei Distanz oder Nähe, detaillierte Personen- und Raumbeschreibungen oder knapp gehaltene Ausführungen, neutrale Erzählweise oder eine kritisch einnehmende Haltung gegenüber dem Gesagten, Zeitsprünge oder Zeitraffungen sowie Rückblenden und die Art des Erzählers eine entscheidende Rolle für die Interpretation spielten.

4. Literaturverzeichnis

4.1 Primärliteratur:

DÜRRENMATT, Friedrich: Der Tunnel. In: Gesammelte Werke. In sieben Bänden. Zürich: Diogenes 1980, Bd. 5: Erzählungen, S. 215-230.

4.2 Sekundärliteratur:

KNOPF, Jan: Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel. In: Bellmann, Werner (hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Interpretationen. Stuttgart: Reclam 2007, S. 135-145 (RUB 18251)

MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999

GROßE, Wilhelm: Friedrich Dürrenmatt. Literaturwissen. Ditzingen: Reclam 1998

[...]


[1] KNOPF, Jan: Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel. In: Bellmann, Werner (hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Interpretationen. Stuttgart: Reclam 2007

[2] GROßE, Wilhelm: Friedrich Dürrenmatt. Literaturwissen. Ditzingen: Reclam 1998

[3] vgl. MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, S.30ff.

[4] vgl. MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, S.47

[5] KNOPF, Jan: Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel. In: Bellmann, Werner (hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Interpretationen. Stuttgart: Reclam 2007, S. 138

[6] vgl. MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, S. 67ff.

[7] vgl. MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, S. 72

[8] MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, S.80

[9] MARTINEZ, Matias; Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999, S.95f.

[10] Knopf, Jan: Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel. In: Bellmann, Werner (hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Interpretationen. Stuttgart: Reclam 2007, S. 136

[11] KNOPF, Jan: Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel. In: Bellmann, Werner (hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Interpretationen. Stuttgart: Reclam 2007

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (Buch)
9783640116874
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111351
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für neuere Philologien
Note
10
Schlagworte
Erzähltextanalyse Kurzgeschichte Tunnel Friedrich Dürrenmatt Neuere Deutsche Literaturwissenschft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Erzähltextanalyse der Kurzgeschichte "Der Tunnel" von Friedrich Dürrenmatt