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Zu: "Bourdieu: Das Elend der Welt"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Biografische Vorbemerkung

2. Einleitung

3. Die Analyse des Interviews

4. „Das Elend der Welt“
4.1 Position und Perspektive
4.2 Ortseffekte
4.3 Die Abdankung des Staates
4.4 Abstieg und Niederlage
4.5 Die intern Ausgegrenzten
4.6 Widersprüche des Erbes
4.7 Verstehen
4.7.1 Eine „gewaltfreie“ Kommunikation
4.7.2 Eine geistige Übung
4.7.3 Eine realistische Konstruktion
4.7.4 Die Risiken der Niederschrift

5. Habitus

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Biografische Vorbemerkung

Pierre Bourdie wurde am 1. August 1930 in Denguin/Basses Pyrenees geboren, besuchte dort das Lycée de Pau und wechselte 1948 an das berühmte Lycée Louis-le-Grand nach Paris. Nach dem Studium der Philosophie an der Elitenhochschule „École Normale Supérieure“ in Paris, folgte eine außergewöhnliche akademische Karriere. Von 1955-57 arbeitete er als Philosophielehrer am Lycée (Gymnasium) de Moulins, bevor er 1958 wissenschaftlicher Assistent in der philosophischen Fakultät in Algerien wird. Durch seine soziologischen Arbeiten zur algerischen Gesellschaft unter dem Einfluss der französischen Kolonialisierung hatte Bourdieu erstmals von sich reden gemacht. In Algerien entstanden erste ethnologische Studien: Untersucht wurden Verwandtschaftsverhältnisse, Zeiterfahrung, Rituale des Gabentauschs, das Gefühl für soziale Ehre und die symbolischen Machtverhältnisse in der algerischen Gesellschaft. Unter dem Eindruck des Algerienkrieges (1954 - 62) hatte sich Bourdieu von der Philosophie abgekehrt und der Soziologie zugewendet. Er wechselte nach Paris und Lille und wurde 1964 Professor an der École Pratique des Hautes Études en Sciences Sociales . Im selben Jahr wird er durch einen Buch über das französische Bildungssystem bekannt. 1968 ist er Leiter des Centre de Soziologie Europeen und seit 1975 leitet Bourdie die Forschungsreihe "Actes de la recherche en sciences sociales". 1982 folgt schließlich die Berufung an das „Collège de France“, er ist Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie. 1993 erhielt Pierre Bourdie die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird, die Médaille d'or des Centre National de Recherche Scientifique. Seit dem Beginn der 90er Jahre engagiert sich Bourdieu für eine demokratische Kontrolle ökonomischer Prozesse. 1993 rief er zur Gründung einer "Internationalen der Intellektuellen" auf, deren Ziel darin besteht, das Prestige und die Kompetenz im Kampf gegen Globalisierung und die Macht der Finanzmärkte in die Waagschale zu werfen. Die im selben Jahr gegründete Zeitschrift Liber soll dazu ein unabhängiges Forum bieten. Seine politischen Aktivitäten zielen darauf ab, eine Versammlung der "Sozialstände in Europa" einzuberufen, die den europäischen Einigungsprozess kontrollieren und begleiten soll (vgl. Pierre Bourdieu – Biographie). 1995 gerät Bourdieu ins politische Rampenlicht als er die Streikenden und die Menschen „ohne Papiere“ öffentlich unterstützt. Zu dieser Zeit gibt es in Franckreich eine sehr wichtige soziale Bewegung für die Verteidigung des Öffentlichen Amtes. Bei dieser Gelegenheit nimmt er als Intellektueller an vielen Debatten teil und mischt sich somit auch politisch ein. Überhaupt ist er in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und seinen politischen Aktivitäten sehr engagiert. Zum Beispiel verdammt er den Neoliberalismus und seine gesellschaftlichen Wirkungen, und er hat in einem seiner Bücher die männliche Herrschaft kritisiert, um für die Gleichheit der Geschlechter einzutreten. 1997 wurde ihm der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen. Pierre Bourdieu hat in drei Jahrzehnten währender Forschungstätigkeit ein umfassendes Werk mit über 30 Büchern sowie über zweihundert Aufsätzen und Vorträgen vorgelegt, das besonders durch seine thematische Vielfalt auffällt: Studien zur politischen und zur Sprachsoziologie, zur Ethnologie, Bildungssoziologie, über Heidegger, über Max Weber, über die Photographie, über Kunst und Kulturpolitik, etliche Aufsätze über Religions-, Rechts- und Kunstsoziologie, zur Soziologie der Bürokratie, der Geschlechter- und Generationsverhältnisse usw.

Pierre Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris.

2. Einleitung

„Das Elend der Welt“ heißt eine soziologische Studie über Ausgrenzung, Abstiege und Zukunftslosigkeit in der französischen Gegenwartgesellschaft, die Pierre Bourdieu gemeinsam mit einem Forscherkollektiv erarbeitet hat. Mehr als zwanzig AutorInnen haben unter der Leitung Pierre Bourdieu am Zustandekommen der Studie mitgewirkt. Der Veröffentlichung gingen zahlreiche Vorbesprechungen und ein jahrelanger intensiver Diskussionsprozess um eine theoretische Bestimmung des Gegenstands und die methodischen Probleme empirischer Sozialforschung voraus. Als die Studie schließlich 1993 erscheint, wird das Buch trotz seines beträchtlichen Umfangs von 949 Seiten schnell zu einem Bestseller, von dem innerhalb eines Jahres mehr als 100000 Exemplare verkauft werden. Es sei darauf hingewiesen, „das die deutschsprachige Ausgabe gegenüber dem Original um rund hundert Seiten gekürzt wurde“ (Bourdieu 1997: 12). „Die Suche nach einem geeigneten deutschsprachigen Titel für „La misere du monde“ gestaltete sich ausgesprochen schwierig, . . . Die Hauptsorge galt dem Begriff „Elend“ und den mit ihm zu sehr einhergehenden Assoziationen rein materieller Entbehrung“ (Bourdieu 1997: 11f.). Bourdieu und seinen Mitautoren zufolge lässt sich der Begriff des „Elends“ nämlich weder auf (lebens)zeitliche noch auf (sozia-)räumliche Kategorien und Grenzziehungen festlegen. Das Elend beschränkt sich in diesem Sinne nicht auf identifizierbare Grippen oder konkrete Personen, und es bezeichnet ebenso wenig eine bestimmten Zeitabschnitt im Leben von Individuen. „Das Elend der Welt“ ist ein Buch, das weniger über materielle Entbehrungen und ökonomische Armut berichtet, sondern eher von der Vielfalt sozialer Marginalisierungen, Ausgrenzungen und Konfrontationen. Das Buch operiert dabei nicht mit der bekannten Differenz von absoluter und relativer Armut. Im Gegenteil es ist gerade diese Unterscheidung mit der ihr zugrundeliegende hierarchisierenden Trennlinie, die das Buch Infragezustellen sucht. Angesicht der großen Armut mögen die „kleine Nöte“, das heißt das positionsbestimmte Elend zwar einerseits als „gänzlich relativ“ erscheinen. Andererseits ist es aber genau diese absolutistische Zentralperspektive auf das Elend, die dazu führt, alle Formen des Elends am universellen Maßstab materieller Not zu messen. Auf diese Weise wird es unmöglich, andere Formen des Leidens wahrzunehmen, als solche, die sich nach diesen Kriterien für den Status des (wahren) Elends qualifiziert haben.1

Die Studie folgt in der Analyse des Elends der Aufforderung Spinozas:“ Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen“ (Bourdieu 1997: 13).

3. Die Analyse des Interviews

Das Buch enthält lange Auszüge aus insgesamt vierzig Gesprächen, die in dem Band ausführlich dokumentiert sind. Neben diesen „Zeugnissen“ finden sich in dem Buch auch kürzere analytische Texte, die bestimmte Thematiken vertiefen und genauer auf einzelne Problemstellungen eingehen. Menschen aus sehr verschiedenen Lebenslagen, mit sehr verschiedenen Erfahrungen und Weltsichten kommen zur Sprache: „Wir legen hier Zeugnisse vor, die Männer und Frauen uns hinsichtlich ihrer Existenz und ihrer Schwierigkeiten zu existieren anvertraut haben. Wir haben sie ... zusammengestellt und präsentiert, damit der Leser ihnen einen verständnisvollen und verstehenden Blick schenkt ...“ (Bourdieu 1997:13). Der Hausmeister und die Jugendlichen, der Aktivist des Front National, Richter, Lehrerinnen, Polizistinnen, Schüler und Schülerinnen, Franzosen und Algerier kommen zu Worte und nehmen es aufeinander treffend und können im Zuge der Interviews sich und ihre Lage besser verstehen. Weil man die unvereinbaren Positionen nachvollziehen kann, lokalisiert man die Ursachen des Elends nicht dort, wo sie sich zeigen. Schülerinnen und Lehrer leiden, und weil sie alltäglich aufeinander treffen, nur auf den ersten Blick aneinander (vgl. Bourdieu 1997:159 ff). Die befragten Personen erzählen von ihren Lebensverhältnissen, ihren beruflichen und familiären Perspektiven, ihren Erfahrungen und Hoffnungen, ihren Erwartungen und Enttäuschengen. Diese Einzel- oder Gruppeninterviews werden von einleitenden Texten der InterviewerInnen „gerahmt“, um die sozialen Bedingungen und den Kontext des Gesprächs zu erläutern. Auf diese Weise soll zugleich das Individuelle und Subjektive wie das Allgemeine und Typische der Äußerungen herausgearbeitet werden.

4. „Das Elend der Welt“

„Das Elend der Welt“ gliedert sich in sechs Kapitel, die verschiedene Perspektiven auf die Welt des Elends bündeln: „Position und Perspektive“, „Ortseffekte“, „Die Abdankung des Staates“, „Abstieg und Niederlage“, „Die intern Ausgegrenzten“, und „Widersprüche des Erbes“. Das Buch endet mit dem Text von Bourdieu „Verstehen“ sowie „Deutsche Zustände im Spiegel französischer Verhältnisse“ von F. Schultheis und einem Glossar.

4.1 Position und Perspektive

In dem ersten Kapitel bringt Bourdieu zum Ausdruck, dass Elend nicht im Sinne von „um Leben oder Tod“ verstanden wird, sondern dass es um das „positionsbedingte Elend“ (Bourdieu 1997:19) geht, welches sich aus der Sicht derer ergibt, die es erfahren. Es handelt sich um das subjektiv empfundene Leid, welches anhand der Lebensgeschichten der Menschen rekonstruiert wird, worin der Habitus zum Ausdruck kommt und das nach Bourdieu nur verstehbar ist, wenn man die Position dieser Menschen im Raum einnimmt. Die einzelnen Textabschnitte dieses Kapitels beschreiben die Folgen des Zusammenlebens von Menschen, die gezwungen sind, nebeneinander und somit miteinander zu leben, denen alleine eine schlechte ökonomische Lage gemeinsam ist. In diesem Zusammenhang wurden die französischen Banlieus untersucht, jene aufgegebenen, nicht integrierten, Vorstädte und Siedlungen, welche einerseits aus kleinen Einfamilienhäusern, die meist von Arbeitern und Kleinbürgern bewohnt werden, andererseits aus aneinandergereihten ,,Betonbunkern", in denen die Immigranten wohnen, bestehen (vgl. Bourdieu 1997:21 ff).Es wird deutlich, dass die in den USA diagnostizierte „geregelte Form sozialer Entropie“ (Bourdieu 1997: 186) sich tendenziell für Frankreich nachzeichnen lässt. Die Gespräche mit Hausmeistern in Sozialwohnsiedlungen, der Besitzerin eines Sportartikelgeschäfts in einem „problematischen Viertel“, mit einander hassenden Nachbarn, mit arbeitslosen Jugendlichen, mit französischen und algerischen Fabrikarbeitern und Hausfrauen geben einen ernüchternden Einblick in die Probleme in den sogenannten „sozialen Brennpunkten“. Ihre „ Position und Perspektive“ sind zu begreifen als zwei Seiten ein und derselben Medaille. Zum Beispiel die Besitzerin eines kleinen Hause, die sich allein über das Vorhandensein ihrer algerischen Nachbarn beschwert und zugleich beteuert, nicht rassistisch zu denken; sie muss einen realen Wertverlust ihres Hauses hinnehmen, weil der Stadtteil zu einem sozialen Brennpunkt geworden ist. Im Unterschied dazu zwei Jugendliche – algerischer bzw. französischer Herkunft. Beiden ist es nicht gelungen, einen Bildungsabschluss zu erwerben, weshalb es nun missling, Arbeit zu finden. Deshalb sind sie auf Unternehmungen verwiesen, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Spielregeln befinden. Jede dieser Positionen hat ihre „guten Gründe“., wobei jede insoweit „verelendet“ ist, als dass sie kein ausgewogenes Fremdbild zulassen kann. Diese Logik der Analyse führt nun aber dazu, dass die Darstellung der Gleichzeitigkeit divergierender Perspektiven nicht auseinanderfällt, sondern sich zu einem äußerst facettenreichen Bild zusammenfügt (vgl. A. Sasse: 1999).

4.2 Ortseffekte

Ein anderer wichtiger Teil des Buches widmet sich dem geographischen Raum, dem überall ein sozialer Raum eingeschrieben oder überlagert ist. In einer hierarchisierten Gesellschaft ist dieser natürlich selbst hierarchisiert, es gibt „keinen Raum, der nicht hierarchisiert wäre und nicht Hierarchien und soziale Abstände zum Ausdruck brächte“ (Bourdieu 1997: 160). Bauwerke, Orte oder Stadtviertel dienen dazu, „sozialen Abstand“, oder auch „soziale Nähe“ zu vermitteln und vieles ist einem Menschen unerreichbar, weil ihm der Zugang zu bestimmten Räumen verwehrt ist.

Soziale Räume werden von verschiedenen Klassen und Milieus besetzt, wobei die Menschen in den verschiedenen Feldern ungleiche Chancen bezüglich der „Aneignung des Raumes“ haben. Diese Klassen und Milieus, die ständig um die Aneignung kämpfen und konkurrieren, grenzen sich durch Distinktion voneinander ab, was bedeutet, dass der Sozialraum nicht nur im physischen Raum, sondern auch in den Denkstrukturen der Menschen eingeschrieben ist (vgl. Bourdieu 1997:163). Es gibt auch Räume mit gehäuft positiven sozialen Attributen und solche, wo die Minuszeichen sich versammeln, wie die banlieues, die Vorstadtviertel. Bourdieu kritisiert mehrmals die staatliche Wohnbaupolitik der siebziger Jahre: „Sie ist im wesentlichen verantwortlich für das Entstehen von Orten gesellschaftlichen Abstiegs, wo sich unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit die mittellosesten Bevölkerungsgruppen zusammenballen“ (Bourdieu 1997: 208). Diese Wohnungsbaupolitik hat vor allem durch der Steuergesetzgebung und Wohneigentumsförderung eine „politische Konstruktion des Raumes“ bewirkt. Sie ist zu einem guten Teil für all das verantwortlich, was sich in den heruntergekommenen Mietblöcken und den vom Staat aufgegebenen Banlieues heute unmittelbar zeigt (vgl. Bourdieu 1997: 167).

In diesem Kapitel zeigt J. D. Wacquant, dass die Rede von der „Ghettoisierung“ der französischen Vorstädte fundamentale Differenzen in der Stadtentwicklung zwischen USA und Frankreich verdeckt (vgl. P. Bourdieu: 169). Er stellt wichtige Differenzen zwischen den französischen „banlieues“ und den US-amerikanischen „ghettos“ heraus, die nicht nur die Grundlage und die Kriterien der Ausgrenzung betreffen, sondern auch die Intensität und das Ausmaß an Diskriminierung, Gewalt und Armut. Wacquant sagt auch, dass die Politik der systematischen Erosion der öffentlichen Einrichtungen und des aktiven Rückgangs des Staates heute zunehmend auch in Frankreich praktiziert wird (vgl. Bourdieu 1997: 170).

4.3 Die Abdankung des Staates

Der Staat hat sich aus vielen Gebieten der Daseinsfürsorge und der Daseinsvorsorge zurückgezogen. Der Rückzug des öffentlichen Dienstes, der mit Ineffizienz in Verbindung gebracht wird und die seit den 70er Jahren vollzogene Wohnungspolitik (Abschaffung direkter Unterstützung und Dienstleistungen und Abschaffung der öffentlichen Bauförderung durch Ersetzung der Baubeihilfen durch personenbezogene Mietbeihilfen), die nur auf eine Stärkung der Kaufkraft abzielt, haben, in einer Situation der Wirtschaftskrise, mit der damit einhergehenden Arbeitslosigkeit, das Entstehen der ,,Problemvorstädte" begünstigt (vgl. Bourdieu 1997: 207ff.).

Im Kapitel über „Die Abdankung des Staates“ unterscheidet Bourdieu und seine Mietarbeiter zwischen einer „rechten und einer linken hand des Staates“ (vgl. Bourdieu 1997: 209). Auf der einen Seite findet sich der „Staatsadel“, das heißt die herrschenden Eliten in den politischen Parteien, den staatlich geführten Unternehmen und der Verwaltung, die für die Übertragung markt- und konkurrenzförmiger Regulierungsformen auf den öffentlichen Sektor verantwortlich sind. Auf der andere Seite stehen kleine Beamten und Angestellten in relativ untergeordneten Positionen innerhalb des Staatapparates, deren Aufgabe darin besteht, „die sogenannten „sozialen“ Funktionen zu erfüllen, also die unerträglichsten Auswirkungen und Unzulänglichkeiten der Marktlogik zu kompensieren, ohne allerdings über alle dazu nötigen Mittel zu verfügen“ (Bourdieu 1997: 210). Die interviewten Polizisten, die untergebenen Richter und Staatsanwälte, Sozialarbeiter, Erzieher und sogar Lehrer und Professoren äußern in den Gesprächen immer wieder das Gefühl, in ihrem beruflichen Engagement gegen das materielle und moralische Elend im Stich gelassen zu werden. „Sie durchleben die Widersprüchlichkeiten eines Staates, dessen rechte Hand nicht mehr weiß oder, gar noch schlimmer, nicht mehr [wissen] will, was die linke in Form immer schmerzhafterer double binds tut“ (Bourdieu 1997: 210). Den der Staat zieht sich zwar von der sozialen Verantwortung zurück, aber er will es nicht zugeben.

4.4 Abstieg und Niedergang

Das Kapitel „Abstieg und Niedergang“ befasst sich mit den Problemen, die sich aus den Umbrüchen innerhalb des Arbeitsalltags und der Berufswelt ergeben. Neben Erfahrungen der Arbeitslosigkeit und der sozialen Deklassierung von Kleinhändlern und Bauern ist es vor allem die Auflösung der traditionellen proletarischen Lebenswelt, die Gegenstand dieses Kapitels sind.

Die Peugeot-Fabrik in Sochaux symbolisiert die Geschichte des Niedergangs der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter. Alles beginnt mit einer Beschreibung des Streiks im Jahr 1989, als alle Fertigungsstrassen stillstanden, bis auf eine, und die Streikende mit Megaphonen Parolen schrien, um sich selbst zu ermutigen und die Presse davon zu überzeugen, dass hier wirklich gestreikt wird, während das Management darauf bestand, dass die Produktion „kaum beeinträchtigt“ werde (vgl. Bourdieu 1997: 307). An der einen Fertigungsstrasse, die noch in Gang war, arbeiteten einige Streikbrecher zusammen mit befristet angestellten Arbeitern, die neben sich ein Stück Karton mit der Aufschrift „Leiharbeiter“ stehen hatten. „Dieses Wort scheint eine Art Schutzschild darzustellen“ (Bourdieu 1997: 309). Die Stammarbeiter akzeptierten diese Schilder, obwohl es objektiv trotzdem um Streikbrecher handelte. Sie zeigten Verständnis für deren prekäre Arbeitsverhältnisse und meinten, dass die „Leiharbeiter“ sich den Luxus zu streiken gar nicht leisten können (vgl. Bourdieu 1997: 310). Gleichzeitig erkannten die alten Arbeiter in der Stellung der „Leiharbeiter“ die Zukunft ihrer Kinder wieder, die gezwungen sind, unter dem Druck der sich verschärften Situation am Arbeitsmarkt und der zunehmenden Bedeutung von schulischen Bildungstiteln derartige Arbeitsverhältnisse einzugehen (vgl. Bourdieu 1997: 318). Sollten die „Leiharbeiter“ jedoch in eine reguläre Anstellung übernommen werden, so erwarteten die Stammarbeiter von ihnen, dass sie sich auf die gewerkschaftliche Seite schlagen würden. Aber der gewerkschaftliche „Generationswechsel“ ist gestört: „Die Arbeiter spalteten sich von da an in zwei Untergruppen, die der „Alten“ – bestehend aus der überwiegenden Mehrheit der Arbeiter, die in den 60er und 70er Jahren in die Fabrik genommen waren [...] – und die der „Jungen“, die quasi in ihrer Gesamtheit zwischen 1988 und 1989 ausgesuchte und in der Fabrik fest eingestellte ehemalige Leiharbeiter sind“ (Bourdieu 1997: 313f.). Die „Leiharbeiter“ können die eingespielten Kräfteverhältnisse und Rituale zwischen Peugeot und den Stammarbeitern, nicht mehr verstehen. Für sie sind das nur die „meckernden Alten“, die „Glück gehabt haben“, weil man damals noch ohne Schulabschluss eine Anstellung bekommen konnte (vgl. Bourdieu 1997: 316).

4.5 Die intern Ausgegrenzten

In dem Kapitel „Die intern Ausgegrenzten“ beschreibt Bourdieu und seine Mitarbeiter die Veränderungen, die das französische Bildungssystem seit den 50er Jahren durchgemacht hat. Es geht hauptsätzlicht um sogenannte „Übel der Schulen“. Sie kritisieren dessen Scheindemokratisierung: „dieser Wiederspruch (besteht) in einer Gesellschaftsordnung, die immer mehr dazu tendiert, allen alles zu bieten, besonders was den Konsum materieller oder symbolischer Güter angeht, dies allerdings in der fiktiven Gestalt des Scheins, des Trugbilds oder der Nachahmung, als ob darin das einzige Mittel läge, einigen wenigen den wirklichen und legitimen Besitz dieser Exklusivgüter vorzubehalten“ (Bourdieu 1997: 533).

Diese Analyse besagt folgendes: es gibt keine „natürliche Auslese“ mehr wie früher, wo die schlechten Schüler mittels Noten brutal aus dem Schulsystem aussortiert wurden. Sie verließen die Schule früh und fanden die Arbeit in der Fabrik. Heute dagegen bleiben viele lange Zeit in der Schule, kommen sogar bis zum Studium an der Universität. Dann aber müssen sie feststellen, dass ihre Abschlüsse ihnen nicht dazu verhelfen, in die von ihnen angestrebten gesellschaftlichen Positionen zu gelangen oder, noch schlimmer, dass insgesamt ihr Studium weniger wert ist als der Grundschulabschluss ihrer Eltern. Die Selektion verläuft jetzt sanft und auf lange Zeit, und die Schule schleppt immer Schüler mit, die eigentlich schon verloren haben. „Die aus gutem Hause stammenden Schüler, die von ihrer Familie einen ausgeprägten Plazierungssinn mitbekommen haben“ (Bourdieu 1997: 531) setzen sich in diesem Spiel durch, indem sie in der Lage sind, „ihre Investitionen im rechten Augenblick und am richtigen Ort, das heißt in den guten Bildungsgängen, den guten Einrichtungen, den guten Bildungszweigen etc. zu tätigen“ (Bourdieu 1997: 531). Im Gegensatz dazu sind Schüler aus benachteiligten Familien meist sich selbst und der Institution Schule, oder dem Zufall überlassen. Sie sind dazu verurteilt, ihr sowieso geringes kulturelles Kapital falsch einzusetzen. Das Los der in „entwertete Bildungsgänge“ abgeschobenen „intern Ausgegrenzten“ dagegen ist um so schwerer zu ertragen, weil die Schule ihnen ein besseres Leben verspricht und sie anscheinend ihre Chance gehabt haben.

4.6 Widersprüche des Erbes

Das Kapitel „Widersprüche des Erbes“ konzentriert sich auf die gesellschaftliche Überformung der scheinbar privaten Eltern-Kinder-Beziehungen und die inneren Ausschlussmechanismen des Bildungssystems am Beispiel der Schule.

In ausdifferenzierten Gesellschaften ist die Frage der Erbfolge, d.h. des Umgangs mit den Eltern-Kind-Beziehung, von großer Bedeutung (vgl. Bourdieu 1997: 651). Es gilt das Fortdauern bzw. das Erbe zu sichern, was hier als Reproduktions-„Projekt“ bezeichnet wird. (vgl. Bourdieu 1997: 652).

Dies drückt sich aus,

- „Erstens: Das zentrale Element des väterlichen Erbes besteht zweifellos darin, den Vater, also denjenigen, der in unseren Gesellschaften die Abstammungslinie verkörpert, fortleben zu lassen“.
- „Zweitens: Die Weitergage des Erbes ist heute in allen gesellschaftlichen Kategorien (...) vom Urteil der Bildungsinstitutionen abhängig“ (Bourdieu 1997: 651).

Früher war die Familie oder das Wort des Vaters die einzige Institution des Erbes, heute wirkt auch die Schule dabei mit. Die Schule ist ein brutales und machtvolles Realitätsprinzip, was durch die verstärkte Konkurrenz oft zu Misserfolg und Enttäuschung führt. Für viele ist sie Ursprung des Leidens, weil der Arbeitsmarkt die Versprechungen und Garantien der Schule nicht hält (vgl. Bourdieu 1997: 651).

Der Vater ist Träger und Werkzeug eines „Projektes“ und Erbe zu sein bedeutet, das Streben nach Fortdauer zu befriedigen und sich bereitwillig zum gehorsamen Werkzeug dieses Reproduktions-„Projekt“ zu machen. Manchmal entsteht in der Familie ein Spannungsfeld bezüglich des Erbes, auf Grund den Unstimmigkeiten zwischen den Dispositionen des Erben und dem Schicksal das das Erbe bereithält. Es entsteht ein „Kluft zwischen dem, was sie erreichen, und den Erwartungen ihrer Eltern, die sie nicht erfüllen“ ( Bourdieu 1997: 653). Diese Erwartungen können bis über die Grenzen der Realität gehen, der Erbe soll sozusagen zum Stellvertreter des Vaters werden und soll ein unrealisierbares ideales Ich verwirklichen. Aber, für die gelungene Weitergabe des Erbes, ist nicht nur die Identifikation mit dem Vater verantwortlich, sondern auch das Urteil der Schule. Die ,,Missratenen" sind diejenige, die ihr Ziel verfehlt haben, das ihnen von den Institutionen Familie und Schule vorgegeben wurde. Da sie die Erwartungen und Hoffnungen des Vaters vernichtet haben, bleiben ihnen nur zwei Möglichkeiten:

- sie liefern sich der Selbst-Verzweiflung/Verantwortung aus
- oder sie vernichten symbolisch das väterlichen ,,Projekt“ und beziehen die Gegenposition zum Lebensstil der Familie (vgl. Bourdieu 1997: 653).
Die Kinder und Jugendlichen werden vor die Alternative gestellt, sich zu unterwerfen, oder in der Gestalt verschiedenen Formen der Negierung aus dem Spiel auszusteigen (vgl. Bourdieu 1997: 654).

Die Zerrissenheit entsteht in einer Person dadurch, dass der Erfolg als Scheitern erlebt wird. Je erfolgreicher du bist, umso mehr scheiterst du und entfernst dich von deinem Vater, und umgekehrt, je mehr du scheiterst, umso erfolgreicher bist du (vgl. Bourdieu 1997: 654).

Der Vater sagt gleichzeitig: „Sei wie ich, mache es wie ich, und: Sei anders, geh´ fort“. „ Eine so widersprüchliche Aufforderung muß dazu führen, dass man der Ambivalenz und Schuldgefühlen gegenüber sich selbst ausgeliefert ist, weil der Erfolg hier wirklich ein Vatermord ist. Ist der Erbe erfolgreich, so macht er sich des Verrats schuldig, scheitert er, so ist er schuldig, weil er den Vater enttäuscht“ (Bourdieu 1997: 655). Solche Erfahrungen führen dazu, einen zerrissenen, in sich gespaltenen Habitus hervorzubringen, d.h. die Familie stellt Gebote auf, die den Möglichkeiten zur Umsetzung widersprechen. Sie ist daher am Ursprung der allgemeinsten Form gesellschaftlichen Leidens, aber sie ist nicht die Quelle des Leidens. Wirkliche Quelle sind strukturelle, grundsätzliche Faktoren, die sich tief im Inneren der Familie verwurzelt haben (vgl. Bourdieu 1997: 655).

4.7 Verstehen

Die Diagnose der Gesellschaft wird möglich durch die ausführliche Dokumentation der Interviews sowie durch begleitende Kommentare, die den sozialen und biographischen Kontext der Befragten klären. Diese Verbindung von Gesprächsdokumentation und Kommentar ermöglicht Einsicht in eine Vielfalt von Lebenslagen, die sich der individuellen Lebenserfahrung gänzlich entzieht, und macht zugleich das Exemplarische im Einzelnen kenntlich. Diese Darstellungskraft beruht auf einem Forschungsprogramm, das Bourdieu im letzten Kapitel unter dem Titel „Verstehen“ zusammenfasst (vgl. A. Sasse: 1999).

Es geht um eine Sensibilität und Aufmerksamkeit des Soziologen gegenüber der Befragungssituation und dem/der Befragten. Dieses Kapitel enthält Erklärungen der Befragungstechniken in der Forschungsarbeit und „soll den Leser in die Lage versetzen, bei der Lektüre die Konstruktions- und Verstehensarbeit, aus der die Texte hervorgegangen sind, nachzuvollziehen“ (Bourdieu 1997:779f.). Pierre Bourdieu kritisiert die bisher bekannten Techniken, denn diese haben fast immer ein entscheidendes Manko. Das liegt daran, dass diese Befragungstechniken sich noch immer an alte methodologische Prinzipien halten, wie beispielsweise Standardisierung, können die unendliche Subtilität der Strategien, die die gesellschaftlichen Akteure in ihrem gewöhnlichen Alltagsleben anwenden, nur begrenzt fassen (vgl. Bourdieu 1997: 779).

Die wissenschaftliche Befragung soll frei von symbolischer Gewalt sein, trotzdem werden die Antworten noch immer beeinflusst, denn bereits in der Struktur der Befragungsbeziehung an sich sind alle mögliche Verzerrungen angelegt. Es geht vor allem diese Verzerrungen zu erkennen und zu kontrollieren und die Effekte der gesellschaftlichen Struktur im Feld wahrzunehmen (vgl. Bourdieu 1997: 780).

4.7.1 Eine „gewaltfreie“ Kommunikation

Wenn man eine Interviewbeziehung eingeht, versucht man herauszufinden, wie sich die Situation für den Befragten darstellt. „Der Interviewer muß sich also zunächst einen Eindruck davon verschaffen, wie groß und welcher Art das Gefälle zwischen dem Gegenstand der Umfrage, wie er vom Befragten verstanden und interpretiert wird, und dem Gegenstand in seinen eigenen Augen ist, um die daraus entstehenden Verzerrungen mindern oder um zumindest verstehen zu können, was gesagt werden kann und was nicht“ (Bourdieu 1997:781). Kurz gesagt: der Interviewer diktiert die Spielregeln. Das Ziel ist es, „die symbolische Gewalt, die durch die Interviewbeziehung zur Ausübung kommen kann, so weit wie irgend möglich zu reduzieren“. Bourdieu nennt dies ,,eine Beziehung des aktiven und methodischen Zuhörens" (Bourdieu 1997:782). Das heißt, ein natürliches Gespräch führen und dabei trotzdem eine theoretische Linie zu verfolgen.

Zum Beispiel wird ein wenig gebildeter Mensch von einem akademisch betitelten, mit hohem kulturellen Kapital ausgestatteten Interviewer befragt, so wird er wenig Chancen haben, seine eigen Sicht der Dinge darzustellen, um so mehr noch, wenn er zusätzlich noch die soziale Distanz empfindet. Diese Menschen sind gewöhnlich weit entfernt von den offiziellen, akademischen oder politischen Diskursen der Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass sie, weil sie keinen eigenen Diskurs, d. h. keine eigene Sprache, haben, einfach einen fremden Diskurs übernehmen. So sagen sie dann im Interview über sich selbst das aus, was vorher im Fernsehen über sie gesagt wurde.

Dies war auch der Grund viele verschiedene Interviewer einzusetzen, und denen die Möglichkeit zu geben, ihre Interviewpartner unter ihren Bekannten auszuwählen. Denn gesellschaftliche Nähe und vertraute Zugang zu den verschiedenen Kategorien der Interviewpartner ermöglicht eine „gewaltfreie“ Kommunikation. Es geht darum eine Art „natürlicher Diskurs“ zu finden und diesen Diskurs auf eine solche Weise wissenschaftlich konstruieren, dass er die nötigen Elemente für seine eigene Erklärung liefert (vgl. Bourdieu 1997: 784f.).

4.7.2 Eine geistige Übung

Hier geht es darum, „ein generelles und genetisches Verständnis der Existenz des anderen anzustreben“, d.h. „sich gedanklich an den Ort zu versetzen, den der Befragte im Sozialraum einnimmt, um ihn von diesem Punkte aus zu fordern und von dort aus sozusagen Partei für ihn zu ergreifen“ (Bourdieu 1997:786). Das ermöglicht Verstehen und Erklären, und zwar genau dann, wenn nicht vorgetäuscht wird, dass die soziale Distanz zwischen dem Wissenschaftler und dem Befragten nicht bestehen würde. Bourdieu geht es um die Einheit von Verstehen und Erklären (vgl. Bourdieu 1997: 786). Es sollen möglichst unbeeinflusste Interviews erarbeitet werden, um die authentische Lage im Sozialen Raum zu erhalten.

Das Interview kann als eine Art „geistiger Übung“ angesehen werden. Es soll Über eine gewisse ,,Selbstvergessenheit" des Interviewers ein Blick für die gewöhnlichen Umstände des täglichen Lebens entstehen. Diese Offenheit hilft den Befragten so zu nehmen und zu verstehen, wie er ist, man macht seine Probleme zu eigenen. Einige von den befragten Personen empfinden die Situation als „Wohltat des Sich- Aussprechens“, sie ergreifen die Gelegenheit sich zu klären, Fragen über sich selbst zu stellen und ihre Erfahrung von der privaten in die öffentlich Sphäre zu tragen (vgl. Bourdieu 1997: 788 – 792).

4.7.3 Eine realistische Konstruktion

Die Unterwerfung unter das Gegebene setzt einen Konstruktionsakt voraus, nämlich die praktische Beherrschung der gesellschaftlichen Logiken (z. B. kennen des Codes). Es gilt aus den Worten eine Struktur, vor allem ,,unsichtbare" Strukturen aus dem gesellschaftlichen Raum, die zum Ausdruck gebracht wird, zu erkennen. Diese Gesprächsanalyse ist auf eine gewisse Art ,,realistisch konstruiert" (vgl. Bourdieu 1997: 793). Die gesellschaftliche Akteure haben keine Weisheit hinsichtlich dessen, was sie sind und was sie tun, auch ihre spontane Erklärungen können etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen als das, was sie scheinbar sagen. ,,Die realen Ursachen ihres Missbehagens und ihrer Unzufriedenheit, die so auf Umwegen zum Ausdruck kommt, können nur dann bewusst und damit auch explizit gemacht werden, wenn daran gearbeitet wird, die vergrabenen Dinge in jenen ans Tageslicht zu bringen, die diese Dinge erleben, aber nichts darüber wissen, andererseits jedoch mehr darüber wissen als irgend jemand sonst" (Bourdieu 1997:796). Das Hauptziel der Feldforschung ist, unter dem Druck der Befragungssituation, angemessene Fragen bzw. Erwiderungen einzubringen. Durch eine Zustimmungsbekundung muss der Befragte darin unterstützt werden, seine Wahrheit zu äußern, oder besser sich von ihr zu befreien (vgl. Bourdieu 1997: 797).

4.7.4 Risiken der Niederschrift

Man muss sich im Klaren sein, dass jede Transkription gleichzeitig einer Übersetzung, oder Interpretation gleich kommt.

Das Protokoll ist zwei Arten von Ansprüchen unterworfen:

- möglichst nah an dem zu bleiben, was während des Interviews offenbart wird
- dem Diskurs das zurückzugeben, was ihm die Instrumente der Zeichensetzung tendenziell nehmen (vgl. Bourdieu 1997: 798).

Im ,,Elend der Welt" wurde eine phonetische Transkription der Interviews gewählt, d.h. eine wortwörtliche Niederschrift, es wurde niemals weder ein Wort durch ein anderes ersetzt noch die Reihenfolge der Fragen, oder den Ablauf des Interviews verändert. Allerdings wurden einige konfuse Sätze, sprachliche Ticks, wie zum Beispiel die „Hm“ und die „Äh“ weggelassen und alle Unterbrechungen, Gefühlsregungen und Betonungen der Aussprache vermerkt (vgl. Bourdieu 1997: 799). Dadurch erhält der Diskurs einen gewissen Charakter, es verhilft zur Konkretisierung und Symbolisierung des Interviews, was natürlich die Intensität und die emotionale Kraft erhöht.

5. Habitus

Einer der zentralen Begriffe, die Bourdieu durch seine Arbeit geprägt hat, ist der des Habitus. Mit dem Habitusbegriff erklärt er den Lebensstil der sozialen Gruppen, ihre Beziehungen zueinander und ihre Klassenabgrenzung voneinander. Somit postuliert er einen engen Zusammenhang zwischen Lebensstil und Klassenzugehörigkeit.

In Anlehnung an Marx spielt auch der Begriff des Kapitals eine wesentliche Rolle in den Werken Bourdieus. Er unterteilt Kapital begrifflich in das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital, bzw. soziale Beziehungen. Die unterschiedliche Verteilung der Kapitale steht in engem Zusammenhang mit der Herrschaftsform einer Gesellschaft (vgl. Schäfers 2000:205f.). Bourdieu bedient sich dieser beiden Begriffe - Kapital und Habitus - zur Beschreibung des sozialen Raums. Durch das Darlegen bestimmter Bedingungszusammenhänge erhofft er sich, den Menschen neue Handlungsoptionen eröffnen zu können, die dann wiederum die Möglichkeit zum Aufbrechen alter Gesellschaftsstrukturen bieten.

6. Fazit

Der Arbeit Bourdieus liegt sozusagen der Kampf gegen „das Elend der Welt“ zugrunde. Seine Appelle richten sich gegen Denkfaulheit und Mutlosigkeit und die daraus resultierende Anpassung an die herrschenden Verhältnisse aus Bequemlichkeit. Er fordert von den Mitgliedern der Gesellschaft mehr Courage, sich einzumischen, so wie er es mit seinen Reden und politischen Streitschriften selbst immer wieder tut.

Pierre Bourdieu Rede anlässlich der Verleihung des Ernst-Bloch-Preises 1997 in Ludwigshafen:

„Ich möchte erforschen, welche Auswirkungen und welche sozialen Folgen die Wirtschaftspolitik nach sich zieht. Deshalb müssen wir zu den Ursprüngen des „sozialen Elends“ zurückgehen. Der Sozialwissenschaftler, der gewöhnlich nur gerufen wird, um das von Wirtschaftlern zerschlagene Geschirr zu kitten, könnte bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass die Soziologie auf jener politischen Entscheidungsebene eingreifen müsste, die immer häufiger Ökonomen überlassen wird. Die menschlichen Leiden, die durch neo-liberale Politik verursacht werden (wie wir es in der Studie „Das Elend der Welt“ beschrieben haben), müssen dargestellt und mit der Sozialpolitik der Unternehmen (Entlassungen, Art der Anstellungsverträge, Gehälter), ihren wirtschaftlichen Ergebnissen (Profite, Produktivität) und den typischen sozialen Indizien wie Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten, Alkoholismus, Drogenkonsum, Selbstmord, Vergehen und Verbrechen, Vergewaltigungen und ähnlichen in Beziehung gesetzt werden. Erst auf dieser Grundlage kann man die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten wirtschaftlicher Gewalt stellen, und erst dann kann man das Fundament zu einer Ökonomie des Glücks legen. Es wäre eine Ökonomie, die endlich berücksichtigen würde, was Wirtschaftsführer und -wissenschaftler bei ihren phantastischen Berechnungen alles außer Acht lassen - Berechnungen auf deren Basis die Politiker uns regieren wollen“ (Bourdieu 1998:54f.).

Literaturverzeichnis

Bourdieu, Pierre et al. (Hrsg.) 1997: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz, UVK -Verlag Konstanz

Bourdieu, Pierre – Biographie, Stand: 6. November 2003 http://www.suhrkamp.de/autoren/bourdieu/bourdieubio.htm

Bourdieu, Pierre 1998: Neo-Liberalismus als konservative Revolution - Das Elend der Welt, der Skandal der Arbeitslosigkeit und eine Erinnerung an die Sozialutopie Ernst Blochs. In: Klaus Kufeld (Hg.): Zukunft gestalten - Reden und Beiträge zum Ernst-Bloch-Preis 1997

Sasse, Ada 1999: Rundbrief gilde soziale Arbeit – GiSA. http://www.quslitative-sotialforschung.de/gisa/Bourdieu.pdf

Schäfers, Bernhard (Hrsg.) 2000: Grundbegriffe der Soziologie, 6. Auflage, Verlag Leske + Budrich Opladen

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1 Die Information stamm aus www. thomaslemkeweb.de/publikationen/rezesionen/bourdieu.pdf

Details

Seiten
21
Jahr
2004
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111335
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Bourdieu Elend Welt Hauptseminar Soziologische Klassiker Generation

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