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Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkonzept

Exzerpte und Zusammenfassungen von Freuds "Abriss der Psychoanalyse", Eriksons "Identität und Lebenszyklus" und anderer ausgewählter Artikel

Exzerpt 2007 57 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Exzerpt von S. Freud: Abriss der Psychoanalyse
1.1 Abriss der Psychoanalyse
1.2 Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen
1.3 Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse
1.4 Zur Frage der Laienanalyse
1.5 Zusammenfassung

2. Exzerpt von E. Erikson: Identität und Lebenszyklus
2.1 Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit
2.2 Das Problem der Ich-Identität

3. Exzerpte von Artikeln zur Selbstkonzeptforschung
3.1 Seymour Epstein: Entwurf einer integrativen Persönlichkeitstheorie
3.2 Sigrun Heide Filipp: Menschliche Informationsverarbeitung und naive Handlungstheorie

4. Exzerpte von Artikeln zur Bindungstheorie
4.1 John Bowlby: Bindung: Historische Wurzeln, theoretische Konzepte und klinische Relevanz
4.2 Inge Bretherton: Die Geschichte der Bindungstheorie
4.3 Gottfried Spangler / Karin Grossmann: 20 Jahre Bindungsforschung in Bielefeld und Regensburg
4.4 Elisabeth Fremmer-Bombik: Innere Arbeitsmodelle von Bindung
4.5 Mary Main: Desorganisation und Bindungsverhalten
4.6 Carol Magai: Bindung, Emotion und Persönlichkeitsentwicklung

Literaturnachweis

Anmerkung: Die Exzerpte sind als Nebenprodukt meiner Vorbereitung aufs Examen entstanden und sollen und können natürlich in keiner Weise die Lektüre der Originaltexte ersetzen. Die Querverweise zwischen den Theorien stammen von mir.

1. Sigmund Freud:Abriss der Psychoanalyse

1.1. Abriss der Psychoanalyse

I) Der psychische Apparat

Der psychische Apparat besteht aus Es, Ich und Über-Ich. Die älteste Instanz ist das Es. Sein Inhalt besteht von Geburt an und ist konstitutionell festgelegt. Es ist der Sitz der Triebe. Das Ich hat die Aufgabe der Selbstbehauptung. Es kontrolliert u.a., ob die Triebansprüche des Es zur Befriedigung zugelassen werden sollen, oder ob diese Befriedigung verschobenen oder überhaupt unterdrückt wird. Das Ich strebt nach Lust (Herabsetzung der Reizspannung durch Triebbefriedigung) und will der Unlust ausweichen, muss sich dabei jedoch nach dem Realitätsprinzip richten. Neben der Realität und dem Es ist das Über-Ich die dritte Macht, der das Ich Rechnung tragen muss. Im Über-Ich setzt sich nicht nur der elterliche Einfluss fort, sondern auch die Traditionen der Familie, der Rasse und des Volkes. Auch nimmt es spätere Einflüsse wie den von Erziehern, öffentlichen Vorbildern und gesellschaftlicher Ideale auf. Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß.

II) Trieblehre

Die Kräfte, die Freud hinter den Bedürfnisspannungen des Es annimmt, nennt er Triebe. Sie repräsentieren die körperlichen Anforderungen an das Seelenleben. Die Triebe können ihr Ziel verändern (durch Verschiebung), oder die Energie des einen Triebes kann auf einen anderen übergehen. Freud geht von nur zwei Grundtrieben aus: der Eros bzw. die Libido und der Destruktions- oder Todestrieb. Die beiden Grundtriebe wirken gegeneinander oder kombinieren sich miteinander. Anfänglich richtet sich die gesamte Libido auf das Ich (primärer Narzissmus). Später beginnt das Ich, die Vorstellungen von Objekten mit Libido zu besetzen (Objektlibido). Während des ganzen Lebens kann das Ich die Libido auf Objekte richten und sie dann wieder abziehen. Die Libido hat somatische Quellen. Die wichtigsten Körperstellen, von denen die Libido ausgeht, nennt Freud erogene Zonen, aber eigentlich ist der ganze Körper eine solche erogene Zone.

III) Die Entwicklung der Sexualfunktionen

Das Sexualleben beginnt nicht erst mit der Pubertät, sondern setzt bald nach der Geburt ein. Man muss jedoch zwischen den Begriffen sexuell und genital scharf unterscheiden. Der Erstere ist der weitere Begriff und umfasst vieles, was mit den Genitalien nichts zu tun hat. Das Sexualleben beinhaltet die Funktion der Lustgewinnung aus Körperzonen, die nachträglich in den Dienst der Fortpflanzung gestellt wird.

Die kindliche Sexualität macht eine regelmäßige Steigerung durch, bis sie gegen Ende des fünften Lebensjahres einen Höhepunkt erreicht, dem dann eine Ruhepause folgt. Nach Ablauf dieser so genannten Latenzzeit setzt sich mit der Pubertät das Sexualleben fort. Die Ereignisse der frühkindlichen Sexualität fallen bis auf Reste der infantilen Amnesie zum Opfer.

Die erste psychosexuelle Phase ist die so genannte orale Phase. Durch den Mund wird nicht nur die Selbsterhaltung durch Ernährung gesichert, sondern durch das Lutschen des Kindes wird auch ein sexuelles Bedürfnis befriedigt (Lustgewinn). In der zweiten Phase, der sadistisch-analen, wird die Befriedigung in der Aggression und in der Funktion der Ausscheidung gesucht. Die dritte ist die so genannte phallische Phase, die der Endgestaltung des Sexuallebens recht ähnlich ist. Mit der phallischen Phase (bei der nur das männliche Geschlecht eine Rolle spielt) erreicht die frühkindliche Sexualität ihren Höhepunkt und nähert sich dem Untergang. Der Junge tritt in die Ödipusphase ein, d.h. er beginnt mit der manuellen Betätigung am Penis mit gleichzeitigen sexuellen Phantasien bzgl. der Mutter. Durch Kastrationsdrohung und den Anblick der weiblichen Penislosigkeit erfährt er das größte Trauma seines Lebens, das die Latenzzeit einleitet. Das Mädchen erkennt nach vergeblichen Versuchen, es dem Jungen gleichzutun, ihren Penismangel oder ihre Klitorisminderwertigkeit. Diese drei Phasen überlagern einander und bestehen nebeneinander. In der Pubertät wird dann die vierte, die genitale Phase erreicht.

IV) Psychische Qualitäten

Freud geht von drei psychischen Qualitäten aus: der bewussten, unbewussten und vorbewussten. Unter Letzterer versteht er alles, was relativ leicht aus dem unbewussten Zustand in den bewussten gelangen kann. Die Inhalte des eigentlichen Unbewussten müssen über Umwege "erraten" und in bewussten Ausdruck übersetzt werden. Das Unbewusste ist die allein herrschende Qualität im Es. Während sich das Ich im Lauf der frühen Kindheit aus dem Es entwickelt, werden bereits Inhalte wieder in den unbewussten Zustand zurückversetzt. Diesen Anteil des Es nennt Freud das Verdrängte. Die Trennung der drei psychischen Qualitäten ist jedoch weder absolut noch permanent.

V) Erläuterung an der Traumdeutung

Nach Freud ist der Traum das günstigste Studienobjekt des Psychoanalytikers. Dabei geht Freud davon aus, dass das, was wir als Traum nach dem Erwachen erinnern, nicht der wirkliche Traumvorgang ist, sondern nur eine Fassade, hinter welcher sich dieser verbirgt (manifester Trauminhalt vs. latenter Traumgedanke). Den Vorgang vom latenten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt nennt Freud Traumarbeit. Sie ist eine Leistung des Ichs.

Freud nennt zwei Anlässe zur Traumbildung: eine sonst unterdrückte Triebregung (ein unbewusster Wunsch) macht sich gegenüber dem Ich geltend oder ein vorbewusster Gedanke aus dem Wachleben erfährt im Schlaf eine Verstärkung. Da im Schlaf die Motilität, die im Wachzustand vom Ich beherrscht wird, gelähmt ist, wird ein guter Teil der Hemmungen, die dem unbewussten Es auferlegt waren, überflüssig.

Freud nennt ff. Beweise dafür, dass das Es einen erheblichen Anteil an der Traumbildung hat:

- Das Traumgedächtnis ist weit umfassender als das Gedächtnis im Wachzustand.
- Der Traum macht einen uneingeschränkten Gebrauch von sprachlichen Symbolen, deren Bedeutung der Träumer meist nicht kennt. Sie stammen wahrscheinlich aus früheren Phasen der Sprachentwicklung.
- Das Traumgedächtnis reproduziert sehr häufig Eindrücke aus der früheren Kindheit, die durch Verdrängung unbewusst geworden waren.
- Der Traum bringt Inhalte zum Vorschein, die als Teil einer archaischen Erbschaft anzusehen sind, die der Mensch vor jeder eigenen Erfahrungen mit sich auf die Welt bringt.

Das Ergebnis der Traumarbeit ist ein Kompromiss. Das Ich entstellt den ursprünglichen Traumgedanken, um ihm noch eine annehmbare Form zu geben. Dabei hat der Traum eine auffällige Tendenz zur Verdichtung (ein einziges Element des manifesten Traums vertritt eine ganze Anzahl von latenten Traumgedanken) und zur Verschiebung (psychische Besetzungen werden von einem Element auf ein anderes verschoben). Auch haben die entscheidenden Regeln der Logik im Unbewussten keine Geltung. Bestrebungen mit entgegen gesetzten Zielen bestehen nebeneinander, ohne dass ein Bedürfnis nach deren Abgleichung entsteht. Gegensätze werden identisch behandelt, so dass im manifesten Traum jedes Element auch sein Gegenteil bedeuten kann. Der Traum kann nur mithilfe der Assoziationen des Träumers gedeutet werden.

Nach Freud ist jeder Traum Wunscherfüllung. Jeder in Bildung begriffene Traum erhebt mithilfe des Unbewussten einen Anspruch an das Ich auf Befriedigung eines Triebes. Das schlafende Ich ist aber auf den Wunsch, den Schlaf fortzusetzen, eingestellt, empfindet diesen Anspruch als eine Störung und versucht, ihn zu beseitigen. Dies gelingt ihm nur durch einen Akt scheinbarer Nachgiebigkeit, indem es dem Anspruch eine harmlose Wunscherfüllung entgegensetzt und ihn so aufhebt. Diese Ersetzung des Anspruchs durch Wunscherfüllung bleibt eine wesentliche Leistung der Traumarbeit. Der Traum ist nach Freud also ein Versuch, die Schlafstörung durch Wunscherfüllung zu beseitigen. Er ist der „Hüter des Schlafes“.

VI) Die psychoanalytische Technik

Die schwerste Anforderung an das Ich ist wahrscheinlich die Niederhaltung der Triebansprüche des Es. Aber auch die Ansprüche des Über-Ichs können so stark werden, dass das Ich seinen anderen Aufgaben wie gelähmt gegenüber steht. Werden Über-Ich und Es zu stark, so gelingt es ihnen, die Organisation des Ichs aufzulockern, so dass seine richtige Beziehung zur Realität gestört oder aufgehoben wird.

Die Grundregel bei der Behandlung von Neurotikern (die Psychoanalyse ist für Psychotiker nicht geeignet) ist: Der Patient soll nicht nur mitteilen, was er absichtlich und gern sagt, sondern auch alles andere, was ihm in den Sinn kommt, auch wenn es ihm unangenehm ist, oder ihm unwichtig oder unsinnig erscheint.

In der Analyse kommt es zu dem Phänomen der Übertragung, bei dem der Patient Gefühle bezüglich Menschen aus seiner Vergangenheit auf den Analytiker überträgt. In der Regel wird der Therapeut an die Stelle eines Elternteils gesetzt. Die Übertragung umfasst positive sowie negative Einstellungen. Der Vorteil bei der Übertragung ist, dass der Patient dem Analytiker dabei auch die Macht einräumt, die sein Über-Ich über sein Ich ausübt. So kann es zu einer Art von Nacherziehung des Neurotikers kommen, in dem Fehler korrigiert werden können, die sich die Eltern in ihrer Erziehung zu Schulden kommen ließen. Ein weiterer Vorteil der Übertragung ist, dass der Patient in ihr mit plastischer Deutlichkeit ein wichtiges Stück seiner Lebensgeschichte vorführt. Es ist dabei die Aufgabe des Analytikers dem Patienten immer wieder zu zeigen, dass es eine Spiegelung der Vergangenheit ist, was er für reales Leben hält.

Ein weiteres wichtiges Phänomen bei der Analyse ist der Widerstand. Das Ich schützt sich vor dem Eindringen unerwünschter Elemente aus dem unbewussten und verdrängten Es. Je bedrängter sich das Ich fühlt, desto krampfhafter behaart es darauf, sich zu schützen. Die Überwindung der Widerstände ist der Teil der analytischen Arbeit, der die meiste Zeit und die größte Mühe in Anspruch nimmt. Einen Teil des Widerstandes nennt Freud das Krankheits- oder Leidensbedürfnis. Es ist offenbar der Beitrag zum Widerstand, den ein besonders hart und grausam gewordenes Über-Ich leistet. Das Individuum soll nicht gesund werden, sondern krank bleiben, denn es verdient nichts Besseres.

Insgesamt bilden den Stoff für die Psychoanalyse: die Mitteilungen und freien Assoziationen des Patienten, seine Übertragungen und Widerstände, seine Träume und Fehlleistungen. In der Regel verzögert der Therapeut die Mitteilung einer Konstruktion, die Aufklärung, bis sich der Patient derselben so weit genähert hat, dass ihm nur ein - allerdings entscheidender - Schritt zu tun übrig bleibt.

VII) Eine Probe psychoanalytischer Arbeit

Neurosen sind durch fließende Übergänge mit der so genannten Norm verbunden. Es scheint, dass sie nur in der ersten Kindheit (bis zum 6. Lebensjahr) erworben werden, wenn auch ihre Symptome erst viel später zum Vorschein kommen können. Die spätere neurotische Erkrankung knüpft in den meisten Fällen an das Vorspiel in der Kindheit an. Das noch schwache Ich (des Kindes) versucht, durch Verdrängungen das Überleben zu sichern, die sich später als unzweckmäßig herausstellen und dauernde Einschränkungen für die weitere Entwicklung bedeuten. Freud betont außerdem, dass auch der Kultureinfluss bei der Entstehung von Neurosen zu berücksichtigen ist. Für den Kulturmenschen sei es eine schwere Aufgabe, gesund zu sein.

Die Symptome der Neurosen sind immer entweder Ersatzbefriedigung irgendeines sexuellen Strebens oder Maßnahmen zu ihrer Verhinderung, in der Regel Kompromisse von beiden. Freud betont besonders die Bedeutung des Ödipuskomplexes. Wenn der Junge (von 2 bis 3 Jahren an) in die phallische Phase eingetreten ist und lustvolle Empfindungen vom Penis empfängt, wird er in der Fantasie zum Liebhaber der Mutter. Er wünscht, sie körperlich zu besitzen und versucht, sie zu verführen. Er ist jetzt Rivale des Vaters, der ihm im Weg steht und den er aus dem Weg räumen möchte. Die Mutter versteht sehr wohl, dass die sexuelle Erregung des Jungen ihr gilt. Sie beginnt, ihm die manuelle Beschäftigung mit seinem Glied zu verbieten. Schließlich greift die Mutter zum schärfsten Mittel: sie droht, dass sie ihm das Ding wegnehmen wird. Sie wird es dem Vater sagen, und er wird das Glied abschneiden. Zuerst erscheint es dem Kind unvorstellbar, dass so etwas geschehen könnte. Aber wenn er sich bei der Drohung an den Anblick eines weiblichen Geschlechts erinnern kann oder kurz nachher ein solches zu sehen bekommt, dann glaubt er an den Ernst dessen, was er gehört hat. Er erlebt das stärkste Trauma seines jungen Lebens, den Kastrationskomplex. Das ganze Erlebnis verfällt einer starken Verdrängung, es bleiben jedoch alle widerstreitenden Gefühlsregungen, die aktiviert wurden, im Unbewussten erhalten und bereit, die spätere Ich-Entwicklung nach der Pubertät zu stören.

Die Wirkungen des Kastrationskomplexes sind beim kleinen Mädchen einförmiger, aber nicht weniger tief greifend. Das weibliche Kind hat natürlich nicht zu befürchten, dass es den Penis verlieren wird, es muss aber darauf reagieren, dass es ihn nicht bekommen hat. Nach Freud vollzieht sich seine ganze Entwicklung im Zeichen des Penisneides und damit verbundenen Minderwertigkeitsgefühls.

VIII) Der psychische Apparat und die Außenwelt: Freud wiederholt hier etwas ausführlicher die Angaben zu Es, Ich und Über-Ich aus dem ersten Kapitel.

IX) Die Innenwelt: Insbesondere einige Ausführungen zum Über-Ich

1.2 Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen

I)

Freud berichtet darüber, wie er das Verfahren der Psychoanalyse bei dem Wiener Arzt Josef Breuer kennen lernte, der dieses Verfahren zuerst an einem hysterisch erkrankten Mädchen anwendete (1880-1882). Das einundzwanzigjährige Mädchen entwickelte im Verlauf ihrer zweijährigen Krankheit eine Reihe von körperlichen und seelischen Störungen: Lähmung der beiden rechtsseitigen Extremitäten, Störungen des Sehvermögens, Ekel vor Nahrungsaufnahme, Sprachstörungen etc. Die Krankheit trat auf, als sie ihren geliebten Vater während seiner schweren, zum Tode führenden Krankheit pflegte. Als Folge ihrer Erkrankung musste sie von der Pflege zurücktreten.

Dr. Breuer versetzte sie in eine Art von Hypnose und ließ sie zu eigenen Gedanken assoziieren. Danach war die Frau für mehrere Stunden von ihren Leiden befreit. Die Patientin, die während ihrer Krankheit merkwürdigerweise nur Englisch sprach und verstand, gab dieser neuartigen Behandlung den Namen "talking cure “ oder "chimney sweeping".

Freud geht davon aus, dass die hysterisch Erkrankten an Reminiszenzen leiden. Ihre Symptome sind Reste und Erinnerungssymbole für gewisse traumatische Erlebnisse. Er nimmt an, dass die Erkrankung deshalb zustande kam, weil den Affekten ein normaler Ausweg versperrt war, und dass das Wesen der Erkrankung darin bestand, dass nun diese "eingeklemmten" Affekte einer abnormen Verwendung unterlagen. Nach Freud verschwindet ein Symptom, wenn die zu Grunde liegende Erinnerungslücke (Amnesie) geschlossen wird.

II)

Freud berichtet, wie er die kathartische Behandlung von der Hypnose unabhängig machte, weil er nur einen Bruchteil seiner Kranken in Hypnose versetzen konnte. Es ging darum, das Vergessene und Verdrängte des Kranken durch Assoziationen ins Bewusstsein zu holen. Dabei entdeckte Freud die Kraft, welche den krankhaften Zustand aufrechterhielt, und den er Widerstand nannte. Freud nimmt an, dass dieselben Kräfte vorher das Vergessen bewirkt hatten und die betreffenden pathogenen Erlebnisse aus dem Bewusstsein verbannt hatten (Verdrängung). Bei all diesen Erlebnissen handelt es sich um Wunschregungen, die in scharfem Gegensatz zu den sonstigen Wünschen des Individuums stehen. Der auftauchende Wunsch wird verdrängt und die zugehörigen Erinnerungen aus dem Bewusstsein verbannt und vergessen.

Jedoch ist die Verdrängung beim Neurotiker oder beim hysterisch Kranken misslungen. Die verdrängte Wunschregung besteht im Unbewussten weiter, lauert auf eine Gelegenheit aktiviert zu werden und taucht als entstellte, unkenntlich gemachte Ersatzbildung für das Verdrängte ins Bewusstsein zurück. Diese Ersatzbildung für die verdrängte Idee - das Symptom - ist gegen weitere Angriffe von Seiten des abwehrenden Ichs gefeit. Das Symptom weist neben der Entstellung einen Rest von Ähnlichkeit mit der ursprünglich verdrängten Idee auf. Für die Heilung ist es notwendig, dass das Symptom in die verdrängte Idee zurück überführt wird und das Verdrängte wieder ins Bewusstsein gelangt. Das setzt die Überwindung beträchtlicher Widerstände voraus, aber so kann der entstandene psychische Konflikt, den der Kranke vermeiden wollte, unter der Leitung des Therapeuten einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung bot.

III)

Freud fasst die Mittel zusammen, mit denen Analytiker und Patient während der Analyse arbeiten können: die freien (ungefilterten!) Assoziationen, die Träume, die Fehl- und „Zufalls“-Handlungen (für Freud gibt es in den psychischen Äußerungen nichts Zufälliges), die Symptome, die Übertragung und der Widerstand.

Dabei bezeichnet Freud die Traumdeutung als die Via Regia (Königsweg) zur Kenntnis des Unbewussten. Die Träume sind nach Freud Wunscherfüllungen, die im Traum jedoch eine Entstellung erfahren haben. Als typische Merkmale des Traumes hebt Freud die Verdichtung und Verschiebung hervor. Zur Traumdeutung muss der Analytiker von dem scheinbaren Zusammenhang der Elemente im manifesten Traum ganz absehen und die Einfälle zusammensuchen, die sich bei freier Assoziation zu jedem einzelnen Traumelement ergeben. Aus diesem Material muss der Analytiker die latenten Traumgedanken „erraten“.

IV)

Freud betont hier die Rolle des Sexuellen und der Kindheitsreste bei der Entstehung von Neurosen. Das Kind macht beide Elternteile (einen besonders) zum Objekt seiner erotischen Wünsche. Der Sohn setzt sich in der Fantasie an die Stelle des Vaters, die Tochter an die Stelle der Mutter. Der so gebildete Komplex (Ödipus) ist jedoch zur baldigen Verdrängung bestimmt, aber er übt vom Unbewussten her eine nachhaltige Wirkung aus. Freud vermutet, dass er den Kernkomplex jeder Neurose darstellt. Nach Freud ist es normal, dass das Kind die Eltern zu seinen ersten Liebesobjekten macht. Aber seine Libido darf nicht auf diese ersten Objekte fixiert bleiben. Die Ablösung des Kindes von den Eltern ist seine unentrinnbare Aufgabe.

V)

Nach Freud erkranken Menschen, wenn ihnen infolge äußerer Hindernisse oder inneren Mangels an Anpassung die Befriedigung ihrer erotischen Bedürfnisse in der Realität versagt ist. Sie flüchten sich dann in die Krankheit, um mit ihrer Hilfe eine Ersatzbefriedigung für das Versagte zu finden. Die krankhaften Symptome enthalten ein Stück der Sexualbetätigung oder das ganze Sexualleben der Person. Nicht nur das Ich des Kranken sträubt sich dagegen, die Verdrängungen aufzuheben, sondern auch die Sexualtriebe wollen nicht auf ihre Ersatzbefriedigung verzichten, solange es unsicher ist, ob ihnen die Realität etwas Besseres bieten wird. Die Krankheit ist nicht ohne Lustgewinn für den Kranken, und vollzieht sich auf dem Weg der Rückbildung (Regression), also der Rückkehr zu früheren Phasen des Sexuallebens, denen damals die Befriedigung nicht abgegangen ist.

Da es dem kranken Individuum nicht gelungen ist, seine Wunschfantasien in die Realität umzusetzen, zieht es sich in seine befriedigendere Fantasiewelt zurück, deren Inhalt es in Symptome umsetzt. Nach Freud vertritt die Neurose in unserer Zeit das Kloster, in das sich alle Personen zurückzogen, die das Leben enttäuscht hatte oder die sich für das Leben zu schwach fühlten. Durch seine Verdrängungen büßt der Neurotiker jedoch viel seelische Energie ein, die ihm dann in anderen Bereichen seiner persönlichen Entwicklung fehlt.

Freud nennt einen anderen, zweckmäßigeren Vorgang der Entwicklung, die so genannte Sublimierung, durch den die Energie infantiler Wunschregungen nicht abgesperrt wird, sondern verwertbar bleibt, indem die einzelnen Regungen auf ein anderes Ziel übertragen werden. Gerade die Komponenten des Sexualtriebs sind durch die Fähigkeit zur Sublimierung, zur Vertauschung ihres sexuellen Ziels mit einem entlegeneren und sozial wertvolleren, besonders ausgezeichnet. Eine frühzeitig vorgefallene Verdrängung schließt jedoch die Sublimierung des verdrängten Triebes aus; nach Aufhebung der Verdrängung ist der Weg zu Sublimierung wieder frei.

Freud betont noch einmal die Rolle der Übertragung in der Analyse, bei der der Patient ein Stück seines Gefühlslebens, das er sich nicht mehr in die Erinnerung zurückrufen kann, auf den Therapeuten überträgt. Die Symptome können nur durch die Übertragungserlebnisse gelöst und in andere psychische Produkte überführt werden. Dabei hat der Analytiker eine katalytische Funktion, indem er die bei dem Prozess frei werdenden Affekte zeitweilig an sich reißt.

1.3 Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse

Freud spricht über die Schwierigkeit, auf die die psychoanalytischen Lehren in der Gesellschaft treffen. Bis jetzt ist der Narzissmus der Menschheit seitens der wissenschaftlichen Forschung dreimal schwer gekränkt worden:

- Einst glaubte sich der Mensch als das Zentrum der Welt. Kopernikus zerstörte diese narzisstische Illusion. Freud nennt das die kosmologische Kränkung.
- Der Mensch glaubte sich lange allen anderen Lebewesen auf der Erde weit überlegen. Darwin zeigte, dass der Mensch selbst aus der Tierreihe hervorgegangen und einigen Arten näher, anderen ferner verwandt ist. Dies ist die biologische Kränkung des menschlichen Narzissmus.
- Nun zeigt die Psychoanalyse, dass der Mensch (das Ich) „nicht einmal Herr in seinem eigenen Hause ist“. Das war uns bewusst ist, ist nur ein kleiner Teil unseres Seelenlebens. Das bezeichnet Freud als die dritte Kränkung der Eigenliebe, die psychologische. Es sei daher kein Wunder, dass die Psychoanalyse so viele Gegner habe, die ihr hartnäckig den Glauben verweigern.

1.4 Zur Frage der Laienanlyse

In einem fiktiven Gespräch mit einem „Unparteiischen“ geht Freud der Frage nach, ob es auch Nichtärzten erlaubt sein soll, die Analyse auszuüben. Dazu erläutert er zunächst in sehr verständlicher Sprache die Grundannahmen der Psychoanalyse, wie sie im Abriss der Psychoanalyse und in den Fünf Vorlesungen dargestellt sind. Freud befürwortet, dass auch Nichtärzte („Laien“) Analysen durchführen dürfen, aber natürlich nur nach einer Ausbildung an einem der Psychoanalytischen Institute (inklusive einer Selbstanalyse). Er ist sowohl dagegen, die psychoanalytischen Lehren in das allgemeine Medizinstudium zu integrieren (da das das Studium nochmals verlängern würde), als auch dagegen, dass jeder Psychoanalytiker den Umweg über ein Medizinstudium gehen muss. Freud fordert jedoch, dass in jedem Fall ein Arzt vor Beginn der Analyse die Diagnose stellen soll.

Am Ende seines Essays betont Freud, dass die Wissenschaft der Psychoanalyse nicht nur auf die Therapie der Neurosen beschränkt bleiben soll und wird. Viele Wissenschaften können sich ihre Erkenntnisse zu Nutze machen. Besonders hebt er die Verwendung in der Pädagogik hervor. Ein psychoanalytisch geschulter Pädagoge könne nervöse Symptome bereits beim Kind aufheben und die beginnende Charakterveränderung rückgängig machen. Insgesamt übt unsere Kultur nach Freud einen fast unerträglichen Druck auf uns aus, was nach einem Korrektiv verlangt. Er äußert die Hoffnung, dass die Psychoanalyse dazu berufen sein könnte, die Menschen für ein solches Korrektiv vorzubereiten.

1.5 Zusammenfassung

Der psychische Apparat

Es: älteste Instanz, Inhalt besteht von Geburt an, konstitutionell festgelegt, Sitz der Triebe.

Ich: Aufgabe: Selbstbehauptung; kontrolliert, ob die Triebansprüche des Es zur Befriedigung zugelassen, verschobenen oder unterdrückt werden sollen; richtet sich dabei nach dem Realitätsprinzip; muss gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügen.

Über-Ich: Fortsetzung des elterlichen Einflusses, der Traditionen der Familie und des Volkes, auch späterer Einflüsse (z.B. Erzieher, gesellschaftliche Ideale etc.).

Triebe

Kräfte hinter den Bedürfnisspannungen des Es = Triebe (körperliche Anforderungen an das Seelenleben); zwei Grundtriebe: Libido und Todestrieb (wirken gegeneinander oder miteinander). Anfänglich primärer Narzissmus, später Objektlibido. Während des ganzen Lebens kann das Ich die Libido auf Objekte richten und sie dann wieder abziehen. Somatische Quellen der Libido sind die erogene Zonen (eigentlich der ganze Körper).

Psychosexuelle Entwicklung

1.) orale Phase: durch das Lutschen des Kindes wird auch ein sexuelles Bedürfnis befriedigt.

2.) sadistisch-anale Phase: die Befriedigung wird in der Aggression und in der Funktion der Ausscheidung gesucht.

3.) phallische Phase: Der Junge tritt in die Ödipusphase ein (manuelle Betätigung am Penis, sexuelle Phantasien bzgl. der Mutter), durch Kastrationsdrohung und den Anblick der weiblichen Penislosigkeit erfährt er das größte Trauma seines Lebens, das die Latenzzeit einleitet. Das Mädchen erkennt ihren Penismangel.

Diese drei Phasen überlagern einander und bestehen nebeneinander. Ereignisse dieser frühkindlichen Sexualität fallen bis auf Reste der infantilen Amnesie zum Opfer.

(Latenzzeit: zwischen 6. Lebensjahr und Pubertät)

4.) genitale Phase

3 psychische Qualitäten: bewusst, unbewusst und vorbewusst (kann leicht aus dem unbewussten Zustand in den bewussten gelangen). Die Trennung der drei psychischen Qualitäten ist weder absolut noch permanent.

Die Analyse

Grundregel für die Analyse: Es geht darum, das Verdrängte des Kranken durch Assoziationen ins Bewusstsein zu holen. Der Patient soll nicht nur mitteilen, was er absichtlich und gern sagt, sondern auch alles andere, was ihm in den Sinn kommt, auch wenn es ihm unangenehm ist, oder ihm unwichtig oder unsinnig erscheint.

Stoff für die Psychoanalyse: die Mitteilungen und freien Assoziationen des Patienten, seine Übertragungen, Widerstände, Träume und (keineswegs zufälligen) Fehlleistungen (z.B. Versprecher, Vergessen z.B. von Namen, Unfälle etc.).

Der Traum (Via Regia zur Kenntnis des Unbewussten): Der Traum, den wir nach dem Erwachen erinnern, ist nur eine Fassade (manifester Trauminhalt), hinter welcher sich der latente Traumgedanke verbirgt. Den Vorgang vom latenten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt nennt Freud Traumarbeit. Das Ich entstellt den ursprünglichen Traumgedanken, um ihm noch eine annehmbare Form zu geben (auffällige Tendenz zur Verdichtung und zur Verschiebung, Regeln der Logik haben keine Geltung, z.B. werden Gegensätze identisch behandelt etc.).

Nach Freud ist jeder Traum Wunscherfüllung. Jeder in Bildung begriffene Traum erhebt mithilfe des Unbewussten einen Anspruch an das Ich auf Befriedigung eines Triebes. Der Traum ist ein Versuch, die Schlafstörungen durch harmlose Wunscherfüllung zu beseitigen („Hüter des Schlafes“).

Zur Traumdeutung muss der Analytiker von dem scheinbaren Zusammenhang der Elemente im manifesten Traum ganz absehen und die Einfälle zusammensuchen, die sich bei freier Assoziation zu jedem einzelnen Traumelement ergeben. Aus diesem Material muss der Analytiker die latenten Traumgedanken „erraten“.

Übertragung: Patient projiziert Gefühle bzgl. Vater / Mutter auf den Analytiker (positive und negative Einstellungen).

Vorteil bei der Übertragung: es kann zu einer Art von Nacherziehung des Neurotikers kommen, in dem Fehler der Eltern korrigiert werden können. Ein weiterer Vorteil: Patient zeigt mit plastischer Deutlichkeit ein wichtiges Stück seiner Lebensgeschichte.

Aufgabe des Analytikers: dem Patienten immer wieder zeigen, dass es eine Spiegelung der Vergangenheit ist, was er für reales Leben hält.

Widerstand: Das Ich schützt sich vor dem Eindringen unerwünschter Elemente aus dem unbewussten und verdrängten Es. Je bedrängter sich das Ich fühlt, desto krampfhafter behaart es darauf, sich zu schützen. Die Überwindung der Widerstände nimmt die meiste Zeit und die größte Mühe bei der Analyse in Anspruch. Einen Teil des Widerstandes nennt Freud das Krankheits- oder Leidensbedürfnis (durch hart und grausam gewordenes Über-Ich: „Das Individuum soll nicht gesund werden, sondern krank bleiben, denn es verdient nichts Besseres.“).

Neurosen: mit der so genannten Norm verbunden. Es scheint, dass sie nur in der ersten Kindheit (bis zum 6. Lebensjahr) erworben werden. Das schwache Ich (des Kindes) versucht durch Verdrängungen das Überleben zu sichern, die sich später als unzweckmäßig herausstellen und dauernde Einschränkungen für die weitere Entwicklung bedeuten.

Symptome der Neurosen: entweder Ersatzbefriedigung irgendeines sexuellen Strebens oder Maßnahmen zu ihrer Verhinderung, in der Regel Kompromisse von beiden. Die Symptome sind Reste und Erinnerungssymbole für gewisse traumatische Erlebnisse. Ein Symptom verschwindet, wenn die zu Grunde liegende Erinnerungslücke (Amnesie) geschlossen wird.

Freud betont besonders die Bedeutung des Ödipuskomplexes bzw. Kastrationskomplexes Das ganze Erlebnis verfällt zwar einer starken Verdrängung, es bleiben jedoch alle widerstreitenden Gefühlsregungen, die aktiviert wurden, im Unbewussten erhalten und bereit, die spätere Ich-Entwicklung nach der Pubertät zu stören.

Die Verdrängung ist beim Neurotiker misslungen. Die verdrängte Wunschregung besteht im Unbewussten weiter und taucht als entstellte Ersatzbildung für das Verdrängte ins Bewusstsein zurück. Das Symptom (Ersatzbildung für die verdrängte Idee) ist gegen weitere Angriffe von Seiten des abwehrenden Ichs gefeit. Das Symptom weist neben der Entstellung einen Rest von Ähnlichkeit mit der ursprünglich verdrängten Idee auf. Für die Heilung ist es notwendig, das Symptom in die verdrängte Idee zurückzuführen. Das setzt die Überwindung beträchtlicher Widerstände voraus, aber so kann der entstandene psychische Konflikt, den der Kranke vermeiden wollte, unter der Leitung des Therapeuten einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung bot. Die Symptome können nur durch die Übertragungserlebnisse gelöst und in andere psychische Produkte überführt werden. Dabei hat der Analytiker eine katalytische Funktion, indem er die bei dem Prozess frei werdenden Affekte zeitweilig an sich reißt.

2. Erikson:Identität und Lebenszyklus

2.1 Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit

Anders als die Psychoanalyse, die überwiegend mit den psychischen Störungen der menschlichen Entwicklung befasst ist, versucht Erikson, die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit darzustellen. Unter ‚gesunder Persönlichkeit’ versteht Erikson einen Menschen, der seine Umwelt aktiv meistert, eine gewisse Einheitlichkeit zeigt und imstande ist, die Welt und sich selbst richtig zu erkennen (Definition nach Marie Jahouda).

Erikson geht bei seiner Darstellung jedoch von Freuds Entdeckung aus, dass der neurotische Konflikt inhaltlich nicht sehr verschieden von den Konflikten ist, die jeder Mensch während seiner Kindheit bestehen muss, und dass jeder Erwachsene diese Konflikte in den dunklen Winkeln seiner Persönlichkeit mit sich herumschleppt. Für jedes der Stadien der psychosozialen Entwicklung stellt Erikson daher den speziellen kritischen psychologischen Konflikt dar, der von jedem überwunden werden muss, um auf einer höheren Entwicklungsstufe integriert zu werden.

Bei seiner Darstellung geht Erikson vom epigenetischen Prinzip aus, das besagt, dass alles, was wächst, einen Grundplan hat, dem die einzelnen Teile folgen, wobei jeder Teil eine Zeit des Übergewichts durchmacht, bis alle Teile zu einem funktionierenden Ganzen zusammengewachsen sind. Man kann sagen, dass die Persönlichkeit in Abschnitten wächst, die durch die Bereitschaft des menschlichen Organismus vorherbestimmt sind, einen sich ausweitenden sozialen Horizont bewusst wahrzunehmen und handelnd zu erleben (sozusagen: von der Mutter zur Menschheit). Von diesem Prinzip abgeleitet benutzt Erikson ein epigenetisches Diagramm, das einen Vorgang zeitlich fortschreitender Differenzierung von Komponenten schematisiert. Dabei ist jedes zu diskutierende Problem der gesunden Persönlichkeit systematisch mit allen anderen verbunden und existiert schon, bevor es normalerweise in seine entscheidende, kritische Zeit eintritt. Jeder Konflikt erfährt bei einer gesunden Entwicklung gegen Ende des entsprechenden Stadiums eine bleibende Lösung.

Stadium I: Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen (1. Lebensjahr)

Als erste Komponente der gesunden Persönlichkeit nennt Erikson das Ur-Vertrauen, als ein unbewusstes Gefühl des „Sich-Verlassen-Dürfens“ (auf die Glaubwürdigkeit anderer und die Zuverlässigkeit seiner selbst). Das Ur-Vertrauen ist der Eckstein einer gesunden Persönlichkeit. Wird es verletzt, drückt sich das in der Entwicklung eines Ur-Misstrauens aus. Ein solcher Mensch zieht sich in einer bestimmten Weise in sich selbst zurück.

Das Urvertrauen entsteht in der Phase, in der das Kind im Allgemeinen durch die Mutter genährt wird, durch ihre Brust lebt und liebt. Der Mund ist in dieser Phase das Zentrum einer allgemeinen Annäherung an das Leben, und zwar auf dem Wege der Einverleibung (orale Phase). Das Kind verhält sich zunächst überwiegend rezeptiv gegenüber seiner Umwelt. Doch bald geht es zur aktiveren Einverleibungstätigkeiten über (beißen, aktiv mit den Augen fixieren, ergreifen und festhalten).

Die Krise der oralen Phase im zweiten Teil des ersten Jahres ist schwer zu beurteilen und zu belegen. Durch die Entwöhnung von der Mutterbrust kann es zum Gefühl kommen, als sei die Einheit mit der Mutter zerstört worden. Selbst unter günstigen Umständen scheint diese Phase ein Gefühl der Trennung und die unbestimmte Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies zu hinterlassen. Gegen die sich häufenden Eindrücke von Enttäuschung, Trennung und Verlassenwerden muss das Ur-Vertrauen aufrechterhalten und gefestigt werden. Die Schaffung des Ur-Vertrauen gehört laut Erikson bei der mütterlichen Säuglingspflege an erste Stelle, wobei nicht die Quantität an Liebe und Nahrung ausschlaggebend zu sein scheint, sondern die Qualität. (vgl. Bindungstheorie)

In der psychiatrischen Literatur ist häufig vom „oralen Charakter“ die Rede, als einer charakterlichen Abweichung, die auf den ungelösten Konflikten dieser Phase basiert. Es können infantile Ängste wie ‚leer gelassen’ oder ‚verlassen zu werden’ diagnostiziert werden. Aber auch bei einer gesunden Entwicklung bleibt die ‚Oralität’ als eine Grundschicht zurück, die sich in unseren Abhängigkeiten und Sehnsüchten ausdrückt. Die Integration der oralen Phase mit allen folgenden führt beim Erwachsenen zu einer Kombination von Glauben und Realismus.

Auf kultureller Ebene weist Erikson auf eine Institution hin, die eng mit den Fragen des Vertrauens verbunden ist: die Religion. Viele Religionen haben die kindliche Hingabe an einen oder mehrere große Versorger gemeinsam, der irdisches Glück und seelisches Heil verspricht. Nach Erikson muss, wer behauptet religiös zu sein, aus seinem Glauben ein Urvertrauen ableiten können, das er an sein Kind weitergeben kann. Wer behauptet nicht religiös zu sein, muss dieses Gefühl aus anderen Quellen speisen.

Stadium II: Autonomie gegen Scham und Zweifel (2.-3. Lebensjahr)

Der Hauptakzent dieser Phase liegt auf der Reifung des Muskelsystems und der damit verbundenen Fähigkeit, Akte wie ‚festhalten’ und ‚loslassen’ zu koordinieren. Das immer noch sehr abhängige Kind beginnt, Wert auf seinen autonomen Willen zu legen. Besondere Lust- und Willensqualität kommt häufig den Ausscheidungsorganen in dieser Phase zu (anale Phase). Gegenüber einigen Kulturen, in denen sich die Eltern um das anale Verhalten der Kinder kaum kümmern, kommt ihm in unserer Kultur mehr Ernst zu. Offenbar hat das Maschinenzeitalter zu einem Ideal geführt, bei dem die Menschen sauber, pünktlich und fehlerlos funktionieren sollen. Es gibt Anzeichen dafür, dass wir hier zu weit gegangen sind, was sich besonders deutlich bei Neurotikern mit ‚zwanghafter Persönlichkeit’ manifestiert: geizig, kleinlich in Bezug auf Liebe, Zeit und Geld und auch auf seine Unterleibsfunktionen.

Die ganze Phase wird zu einem Kampf um Autonomie, in der das Bedürfnis nach Nähe und Distanz sich abwechseln. Das Kind hat die Tendenz zu horten als auch Dinge wegzuwerfen (retentiv-elemenierende Modi). Hindert eine zu frühe oder zu strenge Reinlichkeitserziehung das Kind daran, seine Schließmuskeln nach eigenem Willen allmählich beherrschen zu lernen, gerät es in einen Zustand doppelter Rebellion und doppelter Niederlage. Machtlos nach innen und außen ist es gezwungen sein Gleichgewicht durch Regression auf eine frühere Phase (oral: z.B. Daumenlutschen) oder durch Scheinfortschritt zu finden.

Aus einer Empfindung der Selbstbeherrschung ohne Verlust des Selbstgefühls entsteht ein dauerndes Gefühl von Autonomie und Stolz. Aus einer Empfindung muskulären und analen Unvermögens, aus dem Verlust der Selbstkontrolle und übermäßigem Eingreifen der Eltern entsteht ein dauerndes Gefühl von Zweifel und Scham.

Die Vorbedingung für Autonomie ist ein fest verwurzeltes frühes Vertrauen. Das Kind muss das Gefühl haben, dass sein Schutz und die Liebe zu ihm nicht durch den plötzlichen Willen nach Autonomie bedroht ist. Man sollte also den Wunsch des Kindes unterstützen, auf eigenen Füßen zu stehen, damit es nicht dem Gefühl anheim fällt, sich vorzeitig und lächerlich exponiert zu haben, also dem Gefühl der Scham.

Laut Erikson ist es schwer, den Eltern genau zu sagen, was sie tun müssen, damit sich das Kind gesund entwickelt. Die Psychoanalyse hat jedoch wenigstens versucht zu formulieren, was man nicht tun darf. Z.B. scheint das Kind sich mit ca. 8 Monaten bewusst zu werden, dass es von der Mutter getrennt ist. Eine längere Trennung kann in dieser sensitiven Phase ein schweres Erlebnis der Verlassenheit bedeuten und heftige Angst und Depression auslösen (vgl. Bindungstheorie). Zu Beginn des zweiten Jahres, wenn das Kind anfängt, sich seinem Wunsch nach Autonomie bewusst zu werden, kann eine übertriebene Sauberkeitsabrichtung seinen ganzen Widerstand auf den Plan rufen. Es ist in dieser Phase sicher wichtiger, nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, als solle der gerade aufkeimende Wille gebrochen werden, als gerade jetzt Sauberkeit durchsetzen zu wollen.

Letzten Endes hängt die Art und das Gefühl der Autonomie, das die Eltern ihren Kindern zu gewähren imstande sind, von dem Selbstgefühl und dem Gefühl persönlicher Unabhängigkeit ab, das die Eltern aus ihrem eigenen Leben beziehen, es ist also eine Reflexion des Selbstgefühls der Eltern.

Ebenso wie die orale hat auch die anale Persönlichkeit ihre normalen und anomal übersteigerten Seiten, denn etwas Zwang kann ja ganz nützlich oder sogar unerlässlich sein (Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit).

Während das Urvertrauen zu der Institution der Religion in Beziehung gesetzt werden kann, scheint das Grundbedürfnis nach Formgebung für seine Autonomie beim Erwachsenen von dem Prinzip „Gesetz und Ordnung“ befriedigt zu werden. Das Gefühl von Autonomie, das in der zweiten Kindheitsphase entsteht oder entstehen sollte, wird durch ein Verhalten der Eltern gefördert, das die Unabhängigkeit der Eltern ausdrückt und im Kind die Zuversicht erweckt, dass die in der Kindheit genährte Autonomie später nicht frustriert werden wird. Das hängt wiederum davon ab, in weit es den Eltern möglich ist, in der Gesellschaft ihre Autonomie zu leben (in der Beziehung, bei der Arbeit, etc.). Viel von der Scham und dem Zweifel, die im Kind entstehen, ist eine Folge der Enttäuschung der Eltern in Ehe, Arbeit und Staatsbürgerschaft.

Stadium III: Initiative gegen Schuldgefühle (4.-5. Lebensjahr)

Wenn das Kind mit vier oder fünf eine bleibende Lösung für seine Autonomieprobleme gefunden hat, steht es vor der nächsten Stufe – und Krise. Es muss herausfinden, was für eine Art Person es werden will. Zunächst identifiziert es sich mit den Eltern. In dieser Phase kommen ihm drei kräftige Entwicklungsschübe zur Hilfe: 1) es lernt sich kraftvoller zu bewegen und erweitert so sein Tätigkeitsfeld, 2) sein Sprachvermögen verbessert sich, 3) seine Vorstellungskraft nimmt zu.

Dies ist auch das Stadium einer frühen geschlechtlichen Neugier und Erregbarkeit, aber diese ‚Genitalität’ ist natürlich rudimentär. Im Vergleich, den das Kind bzgl. der Eltern anstellt, kommt es zu der schweren Erkenntnis, dass es im geschlechtlichen Bereich eindeutig unterlegen ist und dass es selbst in ferner Zukunft nicht Vater bzw. Mutter in ihren sexuellen Rollen ersetzten kann. Die tiefen emotionalen Folgen aus dieser Einsicht und die damit verbundenen Ängste sind das, was Freud den Ödipuskomplex genannt hat.

Das Kind ist auf der Suche nach seiner zukünftigen Rolle und es beginnt sich durch ‚Machen’ auszuprobieren. In diesem Stadium erwacht auch die Macht des Gewissens. Das Kind fühlt sich nicht nur beschämt, wenn seine Missetaten entdeckt werden, sondern es beginnt, die Entdeckung auch zu fürchten. Es beginnt, sich für bloße Gedanken und Gefühle schuldig zu fühlen. Dies ist der Grundstein für die Moralität im individuellen Sinne. „Aber vom Standpunkt der seelischen Gesundheit müssen wir darauf hinweisen, dass diese große Errungenschaft nicht von übereifrigen Erwachsenen überlastet werden darf; dies könnte sich sowohl für den Geist wie für die Moral selbst übel auswirken. Denn das Gewissen des Kindes kann primitiv, grausam und starr werden, wie sich gerade am Beispiel von Kindern beobachten lässt, die sich mit einer Abschnürung ihrer Triebe durch Verbote abfinden mussten. Gegebenenfalls verinnerlicht das Kind die Überzeugung, dass es selbst und seine Bedürfnisse dem Wesen nach schlecht seien.“ Im Gegenzug dazu beschreibt Erikson das Kind, welches diese Krise bewältigen kann, als begleitet vom Gefühl „ungebrochener Initiative als Grundlage eines hochgespannten und doch realistischen Strebens nach Leistung und Unabhängigkeit.“

Stadium IV: Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl (6. Lebensjahr – Pubertät)

In diesem Stadium steht das Lernen im Vordergrund. Das Kind will, dass man ihm zeigt, wie es sich mit etwas beschäftigen kann und wie es mit anderen zusammen tätig sein kann. Es ist Zeit, in die Schule zu gehen. Das Lernen verschafft dem Kind ein Gefühl der Teilnahme an der wirklichen Welt der Erwachsenen. Das Kind braucht das Gefühl, dass es auch etwas Nützliches tun kann. Erikson spricht hier von Werksinn. Das Kind lernt, sich Anerkennung zu verschaffen, indem es Dinge produziert.

Die Gefahr dieses Stadiums ist die Entwicklung eines Gefühls von Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit. Dieses Gefühl kann sich immer dann etablieren, wenn der Werksinn des Kindes überstrapaziert wird. Überschätzung - ob vom Kind oder von seiner Umwelt ausgehend - führt zum Scheitern, Unterschätzung zum Minderwertigkeitsgefühl. Ein Lehrer muss also abschätzen können, was ein Kind in dieser Phase tun kann, er muss die Talente des Kindes hervorlocken und Arbeit mit Spiel abwechseln lassen können. Es besteht sonst die Gefahr, dass das Kind in den langen Schuljahren nie die richtige Arbeitsfreude und den Stolz erlebt, wenigstens eine Sache gut zu machen.

Der Grund, warum Freud dieses Stadium Latenzzeit nannte, ist der, dass die heftigen Triebe jetzt normalerweise ruhen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm der Pubertät.

Stadium V: Identität gegen Identitätsdiffusion (Jugendalter)

Der wachsende Jugendliche ist nun in erster Linie damit beschäftigt, seine soziale Rolle zu festigen. Er ist oft darauf konzentriert herauszufinden, wie er in den Augen der anderen erscheint und sich mit den modernen Idealen und Leitbildern auseinander zu setzen. Die in der Kindheit gesammelten Ich-Werte münden nun in die Ich-Identität. Das Selbstgefühl, das am Ende jeder der Hauptkrisen erneut bestätigt sein muss, wächst sich zu der Überzeugung aus, dass man auf eine erreichbare Zukunft zuschreitet, dass man sich zu einer bestimmten Persönlichkeit in einer nunmehr verstandenen Wirklichkeit entwickelt. Die Ich-Identität erhält ihre wirkliche Stärke nur durch die vorbehaltlose Anerkennung der wirklichen Leistungen, d.h. eines Erfolgs der für die bestehende Kultur von Bedeutung ist.

Die Gefahr dieses Stadiums ist die Identitätsdiffusion. Im Allgemeinen ist es hauptsächlich die Unfähigkeit, sich für eine Berufs-Identität zu entscheiden, was die jungen Menschen beunruhigt. Um sich selbst zusammenzuhalten, überidentifizieren sie sich mit den Helden von Cliquen und Massen. Andererseits werden sie bemerkenswert intolerant und grausam gegen andere, die verschieden in Herkunft, Geschmack oder Kleidung sind, die die Kennzeichen der Gruppenzugehörigkeit sind. Diese Intoleranz muss als Abwehr gegen ein Gefühl der Identitätsdiffusion verstanden werden (ohne gebilligt zu werden). Es ist schwer tolerant zu sein, wenn man nicht sicher ist, ob man ein richtiger Mann (Frau) ist, ob man jemals einen Zusammenhang in sich finden und liebenswert erscheinen kann, ob man imstande sein wird, seine Triebe zu beherrschen und, ob man einmal weiß, wer man ist.

Stadium VI: Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit (Frühes Erwachsenenalter)

Erst nachdem ein einigermaßen sicheres Identitätsgefühl erreicht ist, ist eine wirkliche Intimität mit einem anderen Menschen möglich. Es gibt keine wahre Zweiheit, bevor man nicht selber eine Einheit ist (Die Psychoanalyse hat als Hauptmerkmal der gesunden Persönlichkeit die Genitalität hervorgehoben, als die Fähigkeit, mit einem geliebten Partner des anderen Geschlechts orgastische Potenz zu entwickeln). Das Gegenstück zur Intimität ist die Distanzierung, als Bereitschaft, Einflüsse und Menschen von sich fernzuhalten, die einem für das eigene Wesen gefährlich erscheinen.

Wenn ein junger Mensch eine solche intime Beziehung nicht zustande bringt, wird er sich isolieren oder nur sehr stereotype und formale Beziehungen aufnehmen können.

Stadium VII: Generativität gegen Stagnierung (mittleres Erwachsenenalter)

Mit Generativität meint Erikson in erster Linie das Erzeugen und die Erziehung der nächsten Generation, wobei es natürlich auch Menschen gibt, die diesen Trieb nicht auf ein Kind, sondern auf eine andere schöpferische Leistung richten. Menschen, die keine Generativität einwickeln werden oft selbstbezogen und haben ein Gefühl der Verarmung oder des Stillstands in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Andererseits bedeutet die bloße Tatsache, Kinder zu haben, nicht schon Generativität.

Stadium VIII: Integrität gegen Verzweiflung und Ekel (spätes Erwachsenenalter)

Integrität bedeutet die Annahme des eigenen Lebenszyklus und der Menschen, die in ihm notwendig da sein mussten. Mangel oder Verlust der aufgespeicherten Ich-Identitäten kann sich in Verzweiflung und einer oft unbewussten Todesfurcht manifestieren. In der Verzweiflung drückt sich das Gefühl aus, dass die Zeit zu kurz für den Versuch ist, ein neues Leben zu beginnen. Eine solche Verzweiflung versteckt sich oft hinter Ekel, Lebensüberdruss und chronischem Verächtlichmachen.

Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Das Problem der Ich-Identität

Mit dem Begriff „Ich-Identität“ meint Erikson einen spezifischen Zuwachs an Persönlichkeitsreife, den das Individuum am Ende der Adoleszenz seinen Kindheitserfahrungen entnommen haben muss, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet sein. Der Begriff "Identität" drückt eine wechselseitige Beziehung aus, die ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein als auch ein dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen umfasst. Erikson bemerkt, dass sein Begriff „Identität“ sich weitgehend mit dem deckt, was verschiedene Autoren das „Selbst“ nennen, z.B. spricht George H. Mead von „self-concept“. (vgl. Selbstkonzeptforschung)

Erikson versucht das Problem der Identität zu verdeutlichen, indem er es von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet (biographischen, pathographischen und theoretischen).

Biographischer Ansatz: G.B.S.

Am Beispiel George Bernard Shaws zeigt er, was die Identitätsbildung jedes Menschen letzten Endes leisten muss: um seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, muss der Mensch zu einer konfliktfreien, gewohnheitsmäßigen Beherrschung seiner Begabungen kommen, die er zu seinem Beruf macht. Außerdem braucht er noch eine verständliche Theorie der Lebensprozesse, also eine Weltanschauung, Ideologie, Religion o. Ä.

Genetischer Ansatz: Identifikation und Identität

Die Adoleszenz ist die letzte und abschließende Phase der Kindheit. An ihrem Ende muss das Individuum seine Kindheitsidentifikationen einer neuen Form von Identifikation untergeordnet haben. Der Mensch muss zu immer endgültigeren Selbstdefinitionen, irreversiblen Rollen und so zu Festlegungen fürs Leben kommen. Die einzelnen Kulturen gestatten und die einzelnen jungen Menschen brauchen eine mehr oder weniger anerkannte Karenzzeit zwischen Kindheit und Erwachsenenleben, institutionalisierte psychosoziale Moratorien, während welcher ein nunmehr endgültiger Rahmen für die "innere Identität" vorgezeichnet wird. Während des psychosozialen Moratoriums sucht sich der Mensch durch freies Rollen-Experimentieren in irgendeinem der Sektoren der Gesellschaft seinen Platz. Es ist für die Identitätsbildung des jungen Menschen sehr wesentlich, dass ihm Funktion und Stand als einer Person zuerkannt werden, deren allmähliches Wachsen in den Augen derer Sinn hat, die Sinn für ihn zu haben beginnen.

Das Ende der Adoleszenz ist also das Stadium einer sichtbaren Identitätskrise. Das heißt aber nicht, dass die Identitätsbildung mit der Adoleszenz beginnt oder endet. Sie ist eine lebenslange Entwicklung, die für das Individuum und seine Gesellschaft weitgehend unbewusst verläuft.

Die Funktion des Ichs besteht darin, die psychosexuellen und psychosozialen Aspekte einer bestimmten Entwicklungsstufe zu integrieren und gleichzeitig die Verbindung der neu erworbenen Identitätselemente mit den schon bestehenden herzustellen. Der Zusammenbau aller Identitätselemente gegen Ende der Kindheit scheint eine unerhört schwierige Aufgabe zu sein. Der junge Mensch muss sich durch immer neue Experimente einen Weg suchen, auf dem er sich am besten betätigen und ausdrücken kann. Die Identität wird am Ende der Adoleszenz also phasenspezifisch, das heißt, das Identitätsproblem muss an dieser Stelle seine Integration als relativ konfliktfreier psychosozialer Kompromiss finden - oder es bleibt unerledigt und konfliktbelastet.

Pathographischer Ansatz: Das klinische Bild der Identitäts-Diffusion

Erickson beschreibt ein psychopathologisches Syndrom von Störungen, das junge Menschen daran hindert, sich die institutionell angebotene Karenzzeit ihrer Gesellschaft zu Nutze zu machen. Er bezieht sich dabei auf eine Anzahl junger Patienten im Alter zwischen 16 und 24 Jahren, die anlässlich akuter Störungen zur Behandlung kamen. Er versucht, gewisse gemeinsame Züge herauszuarbeiten, die für die Lebenskrise kennzeichnend sind, an der die ganze Gruppe dieser Patienten scheiterte: Sie alle litten an akuter Identitäts-Diffusion, an einer vorübergehenden oder dauernden Unfähigkeit ihres Ichs zur Bildung einer Identität.

Zeitpunkt des Zusammenbruchs

Ein Zustand akuter Identitäts-Diffusion wird gewöhnlich manifest, wenn der junge Mensch sich vor eine Häufung von Erlebnissen gestellt sieht, die gleichzeitig von ihm die Verpflichtung zur physischen Intimität (nicht unbedingt sexuell), zur Berufswahl, zu energischer Teilnahme am Wettbewerb und zu einer psychosozialen Selbstdefinition fordern.

Viele Patienten erleiden ihren Zusammenbruch in einer Lebensphase, die eigentlich mehr dem frühen Erwachsenenalter als der späten Adoleszenz angehört. Das erklärt sich aus der Tatsache, dass oft erst der Versuch, sich in eine intime Freundschaft oder sexuelle Intimität einzulassen, die latente Schwäche der Identität enthüllt. Denn wenn das sichere Gefühl der Identität fehlt, werden auch Freundschaften und Liebesverhältnisse zu verzweifelten Versuchen, die unscharfen Umrisse der eigenen Identität durch narzisstisches gegenseitiges Bespiegeln herauszuarbeiten.

Auf der anderen Seite muss an das Gegenstück der Intimität, die Distanzierung, erinnert werden. Sie ist die Bereitschaft, solche Kräfte und Menschen abzulehnen, deren Wesen das eigene Wesen zu gefährden scheint. Auch die Schwäche oder das Übermaß der Ablehnung ist ein entscheidender Aspekt der Unfähigkeit, Intimität zu erleben, weil die Identität noch unvollständig ist. Wenn man sich seines eigenen Standpunktes nicht sicher ist, kann man nicht aus vernünftigen Gründen ablehnen. Oft erklären die jungen Menschen in recht pathetischer Weise ihr Gefühl, dass nur die Hingabe an einen "Führer" sie retten könne. Bei einer solchen Persönlichkeit möchte der reifere Jugendliche gern Lehrling oder Schüler, Anhänger, Geschlechtspartner oder Patient sein.

Zeitdiffusion

In extremen Fällen einer verspäteten und verlängerten Adoleszenz tritt eine besondere Form der Störung des Zeit-Erlebens auf. Der junge Mensch fühlt sich gleichzeitig sehr jung, fast babyhaft, und uralt. Die Patienten beklagen sich, dass sie große Taten unterlassen und große Talente vorzeitig vergeudet hätten. Die Bösartigkeit dieses Zustandes liegt in der resignierten Überzeugung, dass die Zeit daran nichts ändern werde, und zugleich in der heftigen Furcht, dass sie es doch nur tun könnte. Dieser Widerspruch drückt sich oft in einer allgemeinen Verlangsamung aus: der Patient bewegt sich in allen seinen normalen Beschäftigungen wie auch in der Therapie, als hätte er Pech an den Sohlen.

Diffusion des Werksinns

Patienten mit schwerer Identitäts-Diffusion leiden regelmäßig auch an einer akuten Störung ihrer Leistungsfähigkeit, und zwar entweder in der Form, dass sie unfähig sind, sich auf irgendwelche Arbeit zu konzentrieren, oder in Gestalt einer selbstzerstörerischen, ausschließlichen Beschäftigung mit irgendwelchen einseitigen Dingen, z.B. exzessivem Lesen.

Flucht in negative Identität

Oft drückt sich der Verlust des Identitätsgefühls in wütender Widersetzung gegen alles aus, was den jungen Menschen von der Familie oder der unmittelbaren Umgebung als gute, wünschenswerte Rolle nahe gelegt wird. Die Entscheidung für eine negative Identität stellt den verzweifelten Versuch dar, mit einer Situation fertig zu werden, in welcher die vorhandenen positiven Identitätselemente einander aufheben. In diesen Fällen ist die Identifikation mit den von der Umwelt ungewünschten Aspekten oder Personen leichter als der Kampf um jene Rollen, die zwar von der Umwelt anerkannt, aber dem Patienten mit seinen inneren Reserven nicht erreichbar sind.

Es ist leichter, die bösartige Wendung zu einer negativen Gruppen-Identität zu verstehen, die bei einem Teil der Jugend beobachtet wird, wo wirtschaftliche, ethnische und religiöse Grenzsituationen keine ausreichenden Grundlagen für eine positive Identität bieten. Die jungen Menschen suchen dann negative Gruppenidentitäten. Wenn die Gesellschaft der Einfachheit halber einen jungen Menschen kurzweg als Verbrecher, als Missgeburt, als Missratenen oder auch als schwer gestörten Patienten behandelt, dann kann es wohl geschehen, dass der betreffende junge Mensch jetzt seine ganze Energie daran setzt, eben das zu werden, was die lieblose und furchtsame Gesellschaft von ihm erwartet. Lehrer, Richter und Psychiater werden für diese Jugend zu wichtigen Repräsentanten eines strategischen Aktes des "Erkennens" - jenes Aktes, durch welchen die Gesellschaft ihre jungen Mitglieder "identifiziert" und somit zu ihrer sich bildenden Identität entscheidend beiträgt.

Familiäre Konstellationen

Erikson erwähnt einige Gemeinsamkeiten der Eltern von Patienten mit Identitäts-Diffusion. Zum Teil findet man bei den Müttern einen ausgesprochenen Geltungsdrang, der sich in gesellschaftlichem Aufstiegsstreben oder aber im Festklammern am Erreichten ausdrückt. Zweitens haben diese Mütter die spezielle Eigenschaft einer penetranten Allgegenwart. Diese Frauen sind liebende Mütter, aber sie lieben voller Angst und Zudringlichkeit. Sie sind selber so hungrig nach Lob und Anerkennung, dass sie ihre kleinen Kinder mit komplizierten Klagen, häufig über den Vater, belasten. Die Väter sind zwar meistens erfolgreich und oft sogar hervorragend auf ihrem Gebiet, aber innerhalb der Familie sind sie ihren Ehefrauen aufgrund einer exzessiven Mutterbindung, in der sie zu ihnen stehen, unterlegen. Die Folge ist, dass auch die Väter eifersüchtig auf die Kinder werden.

(Parallele zur Bindungstheorie)

Erikson bemerkt, dass die Arbeit an Grenzfällen zu der Annahme führt, dass die infantile Grenzlinie, zu der alle diese Patienten regredierten, das Ur-Misstrauen an jeder Möglichkeit gegenseitiger Beziehung ist. Er nimmt daher an, dass ein erfolgreiches Bestehen des ersten Konflikts (Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen) im Rahmen einer guten Mutter-Kind-Beziehung eine grundlegende Unipolarität schafft, womit gemeint ist, dass das Dasein als Individuum vorwiegend als gut empfunden wird. Wenn die psychosoziale Grundhaltung der Unipolarität errungen ist, erlaubt sie eine Bipolarisierung mit der Mutter. Dies wiederum ermöglicht ein mutiges Experimentieren mit machtvollen, aber liebenden Einzelpersonen, die zwar manchmal weggehen, aber immer wiederkommen, manchmal versagen, dann aber gewähren.

3. Selbstkonzeptforschung

3.1 Seymour Epstein: Entwurf einer integrativen Persönlichkeitstheorie

Theoretische Grundannahmen

Eine wesentliche Prämisse ist, dass der Mensch seine Erfahrungen in konzeptuellen Systemen organisiert. Jeder von uns konstruiert seine Theorie von der Wirklichkeit und ordnet somit, was ohne eine solche Theorie chaotische Erfahrungswelt bliebe. Wir brauchen eine solche Theorie, um unserer Welt Sinn zu verleihen.

Das menschliche Gehirn kodiert aber nicht nur Ereignisse, es besitzt auch Zentren für das Erlebnis von Schmerz und Freude. Die lernpsychologische Forschungstradition beweist, dass der Mensch bestrebt ist, durch sein Verhalten Positives zu erleben und Schmerz zu vermeiden.

Der Mensch hat so lebenslang eine interessante Aufgabe zu erfüllen: er muss ein konzeptuelles System konstruieren, das über vorhersehbare Zeitspannen eine optimale Lust-Unlust-Balance gewährt. Die Theorie eines Individuums von der Wirklichkeit umfasst Subtheorien über die eigene Person (eine Selbsttheorie), über die Außenwelt (eine Umwelttheorie) und über die Wechselwirkung zwischen beiden Subtheorien.

In dem vorliegenden Beitrag geht es hauptsächlich um die Selbsttheorien von Individuen. Wie jede Theorie besteht auch eine Selbsttheorie aus der hierarchischen Anordnung von Postulaten unterschiedlicher Ordnung. Ein Beispiel für ein Postulat unterster Stufe ist "ich bin ein guter Tennisspieler", ein Beispiel für ein Postulat höherer Ordnung ist "ich bin ein guter Sportler". Offensichtlich können Postulate unterer Ordnung ohne ernsthafte Konsequenzen für die Selbsttheorie widerlegt werden, da sie kaum andere Aspekte einschließen. Die Widerlegung eines höheren Postulats ist dagegen von deutlicheren Konsequenzen, da eine Reihe anderer Postulate mitbetroffen ist. Postulate höherer Ordnung stellen jedoch so breite Generalisierungen dar, dass sie einer unmittelbaren Testung an der Realität nicht unterworfen und deshalb nicht so leicht entkräftet werden können. Sie haben einen entscheidenden Einfluss darauf, welche Erfahrungen ein Individuum aufsucht und wie es diese interpretiert. Postulate höherer Ordnung scheinen also häufig die Funktionen von "sich selbst erfüllenden Prophezeiungen" zu haben.

Die Theorie eines Individuums ist nichts, dessen sich das Individuum normalerweise bewusst ist und die es beschreiben könnte. Selbsttheorien werden unabsichtlich aus der Interaktion mit der Umwelt konstruiert. Individuen konzeptualisieren emotional bedeutsame Ereignisse, und diese Konzepte organisieren und lenken ihr Verhalten. Die Konstruktion von Selbsttheorien stellt keinen Zweck an sich dar, sondern liefert ein konzeptuelles Gerüst mit den Funktionen, Erfahrungsdaten zu assimilieren, die Lust-Unlust-Balance über vorhersehbare Zeiträume zu maximieren und das Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten.

Die Entwicklung des Selbstsystems und ihre Störungen

Der Aufbau des Selbstsystems wird sich solange vollziehen, wie Hinweise auf die Unterscheidung zwischen Ich und Außenwelt verfügbar sind und diese Differenzierung Belohnungswert hat. Die Empfindungen, wenn sich ein Kind selbst einen Bonbon in den Mund steckt, sind positiver, als wenn es dies bei einer anderen Person tut. Wenn es einen heißen Ofen berührt, verringert der Rückzug seiner Hand unmittelbar die Schmerzintensität. Es gibt also offenbar eine Reihe guter Gründe, dass das Kind ein Schema seines Körpers oder ein "Körper-Selbst" entwickelt.

Individuelles Funktionieren scheint ohne ein konzeptuelles Selbstsystem nicht möglich. Die Entwicklung eines solchen Systems wird im Zuge sozialer Interaktion belohnt, zum Beispiel um von der Mutter Zuneigung zu erhalten und ihre Ablehnung zu vermeiden. Es liefert dem Individuum vorgefertigte Strategien, mithilfe derer es mit seinem Verhalten soziale Anerkennung erreichen kann. Sind die Entwicklungsbedingungen eines Kindes so gestaltet, dass Vorgänge des Sich-Gewahrwerdens mehr negative als positive Folgen haben, so gibt es keinen Grund für den Aufbau einer Selbsttheorie, wohl aber eine Reihe von Gründen, ihn zu vermeiden. Nehmen wir als Beispiel ein Kind, das sich selbst hassen müsste, wenn es die Bewertungen seiner Eltern über sich internalisieren würde. In diesem Fall würde die Selbsttheorie ausschließlich zu niedrigem Selbstwertgefühl und einer ungünstigen Lust-Unlust-Balance beitragen und ihr Aufbau wäre durch nichts begründet.

Der Aufbau einer Theorie von der Wirklichkeit vollzieht sich nur, wenn diese einen Nettogewinn an positiven emotionalen Erfahrungen liefern kann. Für Kinder stellt die Beziehung zur Mutter die wesentliche Quelle positiver und negativer emotionaler Erfahrungen dar. Es ist daher zu erwarten, dass das Gefühl, geliebt zu werden, und seine spätere Internalisierung als Selbstliebe eng verknüpft ist mit dem Aufbau und der Stabilisierung einer Wirklichkeitstheorie und daher mit Realitätskontakt.

Selbstwertgefühl und Selbsttheorie

Sobald die Selbsttheorie rudimentär geformt ist, erhält das Selbstwertgefühl den größten Einfluss auf die individuelle Lust-Unlust-Balance. Die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls beim Kind und später beim Erwachsenen ist von ebenso fundamentaler Bedeutung, wie für das Kind die Aufrechterhaltung einer positiven emotionalen Beziehung zu seiner Mutter. Verletzungen des Selbstwertgefühls können den psychischen Tod für das Individuum bedeuten.

Eine Person mit hohem Selbstwertgefühl hat einen liebenden Elternteil internalisiert, der stolz auf ihre Erfolge und tolerant bezüglich ihrer Misserfolge ist. Eine solche Person hat eine optimistische Lebenseinstellung und ist fähig, äußeren Druck ohne größere Angst auszuhalten. Im Gegensatz dazu hat ein Individuum mit niedrigem Selbstwertgefühl feindselige Eltern internalisiert, die extrem kritisch auf seine Misserfolge reagieren und bei seinen Erfolgen nur kurzfristig Freude zeigen. Eine solche Person neigt zu geringerer Frustrationstoleranz und einer pessimistischen Lebenseinstellung.

Das positive Selbstwertgefühl einer Person stellt eines der Postulate höchster Ordnung in ihrer Selbsttheorie dar. Als solches ist die Selbstwertschätzung sehr änderungsresistent. Die Änderungsresistenz lässt sich an solchen Personen illustrieren, die trotz ungewöhnlich hoher Leistungen eine geringe Einschätzung ihrer eigenen Begabung aufrechterhalten. Wenn eine Person mit hoher Selbstwertschätzung in ihrer Aufgabe versagt, wird sie diese Leistung eher als wenig repräsentativ für ihre Fähigkeiten ansehen und annehmen, dass sie beim nächsten Mal mehr Erfolg haben wird. Wenn sie gute Leistungen erbringt, wird sie dies als Beleg für ihre Fähigkeiten verbuchen.

Die Erhaltung des Selbstsystems

Im Allgemeinen ist es besser, irgendeine Theorie zu haben als gar keine, da ohne die Möglichkeit zur Einordnung von Erfahrungsdaten in ein theoretisches Gefüge nur Chaos erlebt würde. Die Wirklichkeitstheorie eines Individuums muss daher nicht nur die Assimilation von Erfahrungsdaten gewährleisten, zur Aufrechterhaltung einer günstigen Lust-Unlust-Balance und eines angemessenen Selbstwertgefühls beitragen, sondern auch sich selbst vor Zerstörung bewahren. Sobald ein theoretisches Gebäude nicht aufrechterhalten werden kann, kann es offensichtlich seine Funktionen nicht mehr erfüllen. In dem Maße, in dem eine Selbsttheorie ihre Funktionen nicht mehr erfüllen kann, gerät sie unter Druck, was von der Person als Angst erlebt wird. Ist dieser Druck groß genug und kann er nicht abgewehrt werden, so stellt sich eine Desorganisation der Selbsttheorie ein.

Während die Korrektur spezifischer Elemente einer Selbsttheorie über Lernprozesse erfolgen kann, lassen sich strukturelle Veränderungen in dem konzeptuellen System über Lernvorgänge kaum bewirken. Bevor ein unzureichend organisiertes System grundlegend reorganisiert werden kann, muss es notwendigerweise zusammenbrechen.

Die Stabilität der Selbsttheorie gerät in Gefahr durch jede Erfahrung, welche ihre funktionalen Aufgaben herausfordert. Die allgemeinste Form der Verteidigung gegen Desorganisation ist eine Einengung des Selbstsystems. Die Person verschließt sich neuen Informationen, klammert sich rigide an vorgeschriebene Verhaltens- und Denkstrategien, verliert emotionale Spontaneität und versucht, Forderungen an das Selbstsystem zur Assimilation neuer Daten auf jede mögliche Weise zu reduzieren. Andere Abwehrmechanismen sind etwa Verleugnung, Projektion und Rationalisierung. Eine Bestätigung der Selbsttheorie führt zu vermehrter Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, positiven Affekten und vermehrter Spontaneität.

Selbsttheorie und Emotionen

Die Selbsttheorie eines Individuums ist unmittelbar mit Emotionen verknüpft. Wenn die Selbsttheorie im Zuge der Assimilation neuer Informationen ausgeweitet wird oder wenn sie zur Lösung innerer Konflikt beiträgt, hat dies positive Gefühlszustände zur Folge. Wenn die Selbsttheorie die Assimilation neuer Informationen nicht leistet, entstehen Gefühle der Angst. Sobald jedoch die Assimilation dieser neuen Informationen gelingt, wird das Individuum mit Angstreduktion und Gefühlen der Heiterkeit belohnt.

Es ist für eine Person notwendig, bedrohliche Ereignisse so zu dosieren, dass das Ausmaß an Angst nicht zu hoch wird. Je stärker ein Individuum Sicherheit erlebt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass seine Selbsttheorie sich weiterentwickelt und neue Erfahrungen als willkommene Herausforderung verkraftet werden.

Auf der anderen Seite liefert die Beobachtung emotionaler Reaktionen wichtige Informationen über die Postulate einer Person, deren sie sich selbst nicht bewusst ist. Wird eine Person zum Beispiel wütend, wenn jemand ihre Intelligenz bezweifelt, ist es offensichtlich für diese Person sehr wichtig, für intelligent gehalten zu werden. Dabei mag die Person selbst durchaus leugnen, dass es für sie wichtig sei, andere Menschen durch ihre Intelligenz beeindrucken zu können. Emotionen sind so der Königsweg zu den impliziten Postulaten.

Emotionen sind in noch anderer Weise mit dem Selbstsystem verbunden, denn hinter fast jeder Emotion steckt eine verborgene Kognition. Offenbar werden Emotionen nicht durch die Ereignisse selbst verursacht, sondern dadurch, wie wir die Dinge interpretieren. Akzeptiert man, dass emotionale Zustände über Kognitionen vermittelt werden, dann ist klar, dass Personen, die häufig deprimiert, ängstlich oder ärgerlich sind, bestimmte verfestigte Kognitionen haben müssen, die diese Gefühlszustände bewirken (vgl. kognitive Therapieansätze).

Selbsttheorie und Anpassung

Der Grad der Anpassung eines Menschen wird durch die Angemessenheit seiner Theorien bestimmt. Subjektive Wirklichkeitstheorien können genau wie Wissenschaftstheorien nach folgenden Kriterien bewertet werden:

- nach ihrem Geltungsbereich: Je größer er ist, umso besser ist unter sonst gleichen Bedingungen eine Theorie. Ein Individuum mit einer eng umgrenzten Selbsttheorie kann nur eine geringe Anzahl von Erfahrungen bewältigen. Es wird leicht Bedrohung erleben, wenn es mit Ereignissen konfrontiert wird, die nicht an seine Theorie zu assimilieren sind. Es wird dazu neigen, rigide, defensiv und intolerant auf andere Formen der Weltsicht zu reagieren. Dagegen wird ein Individuum mit einer weiteren Selbsttheorie aktiv neue Erfahrungen suchen und neue Standpunkte interessant und herausfordernd finden. Als Folge davon wird seine Theorie zunehmend differenzierter und integrierter werden.
- nach ihrer Sparsamkeit: unter sonst gleichen Bedingungen ist eine Theorie umso besser, je weniger Konzepte sie benötigt, um eine bestimmte Anzahl von Phänomenen erklären zu können. Sparsamkeit erfordert somit Postulate mit einem hohen Generalisierungsgrad. Sind sie jedoch zu weit, so sind sie nicht spezifisch genug, um auf einzelne Ereignisse bezogen werden zu können. Daher müssen Sie verknüpft sein mit einem Netz engerer Postulate. Eine gut angepasste Person hat Grundwerte internalisiert, die ihrem Verhalten Stabilität verleihen. Zugleich hat sie in ihrer Theorie engere Postulate aufgenommen, die sie flexibel und angemessen auf Situationsanforderungen reagieren lassen.
- nach ihrer empirischen Validität und Überprüfbarkeit: Menschen erleben Angst, wenn Erfahrungen nicht in Übereinstimmung mit ihrer Realitätstheorie gebracht werden können. Um sich vor solchen Angstzuständen zu schützen, lernen sie, ihre wesentlichen Hypothesen von einer unmittelbaren Testung an der Realität abzuschirmen (z.B. durch Vermeidung, Verzerrung der Realität, Formulierung unüberprüfbarer Postulate). Sie verlieren so die Möglichkeit, unzutreffende Postulate zu korrigieren und zur Verbesserung der Selbsttheorie beizutragen. Effektive Anpassung erfordert das ständige Wechselspiel zwischen Postulaten und Erfahrungen.
- nach ihrer internen Konsistenz: wie jede gute Theorie besitzt auch eine gute Realitätstheorie interne Konsistenz. Eine Person mit einer Realitätstheorie, die relativ wenig inkonsistente Postulate enthält, befindet sich in Harmonie mit sich selbst. Es gibt keine Widersprüche zwischen einzelnen Postulaten. Eine Person mit einer inkonsistenten Realitätstheorie erlebt gegensätzliche Gefühle. Um die Belastung zu reduzieren wird sie ihren Erfahrungsbereich einschränken und sich selbst und ihre Umwelt in einer sehr einseitigen Weise wahrnehmen. Dadurch vermeidet sie, dass ihr diese Inkonsistenzen bewusst werden.
- nach ihrer Brauchbarkeit: die persönliche Theorie eines Individuums besitzt keinen Selbstzweck, sondern stellt ein konzeptuelles Instrument für die Lösung von Problemen dar. In dem Maß, in dem sie diesem Zweck dient, wird die Theorie robust und resistent gegen Zerstörung sein. Folglich kann die Angemessenheit einer Selbsttheorie danach beurteilt werden, wie gut sie ihre Funktionen erfüllt (Assimilation von Erfahrungsdaten, Beibehaltung einer günstigen Lust-Unlust-Balance, Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls).

Selbsttheorie und psychodynamische Prozesse

Selbsttheorien werden von manchen Autoren als unvereinbar mit psychoanalytischen Annahmen gesehen. Epsteins Position beinhaltet keine grundlegende Ablehnung psychoanalytischer Formulierungen über unbewusste oder psychodynamische Prozesse. Vielmehr hat sie sehr viel mit ihnen gemeinsam - einschließlich der Akzeptierung des Unbewussten.

Die Psychoanalyse betont die Bedeutung innerer, aus unakzeptablen Impulsen entstandener Konflikte und übersieht die Bedeutung, welche die Aufrechterhaltung eines in sich geschlossenen konzeptuellen Systems hat. Selbstkonzept-Theorien betonen demgegenüber das Bedürfnis nach Aufrechterhaltung dieses konzeptuellen Systems zu Lasten der Bedeutung unbewusster Konflikte und psychodynamischer Prozesse. Die Unzulänglichkeiten beider Ansätze können dadurch aufgehoben werden, dass man sie in einer Theorie vereint. Individuen verteidigen ihre persönliche Theorie von der Realität nahezu um jeden Preis, da sie für ihr Leben unabdingbar ist. Abwehrmechanismen werden also nicht nur eingesetzt, um unakzeptable Triebimpulse zu bewältigen oder Selbstwertschätzungen aufrecht zu erhalten, sondern auch um die Geschlossenheit des konzeptuellen Systems zu schützen.

In der Behandlung des Unbewussten gibt es Ähnlichkeiten wie Unterschiede zwischen kognitiven Theorien und der Psychoanalyse. Die Psychoanalyse postuliert die Existenz eines dynamischen Unterbewusstseins in dem Sinne, dass dort gelagerte Elemente fortwährend mit einer ihnen eigenen psychischen Energie nach Ausdruck verlangen. Diese werden durch Verdrängung zurückbehalten, die ihrerseits Energie verbraucht. Insofern muss eine Person mit unbewussten Konflikten Energie verschwenden, die sonst für andere Zwecke verfügbar wäre.

Vom kognitiven Standpunkt lassen sich zwei Möglichkeiten denken, wie mentale Inhalte unbewusst sein können, ohne Annahmen über psychische Energie zu machen. Erstens können höherstufige Postulate wegen ihres hohen Generalisierungsgrades das Verhalten in einer Weise beeinflussen, dass sie der Person selbst nicht offenbar werden. Zweitens können mentale Inhalte durch Dissoziation unbewusst werden. Dabei werden diskrepante Elemente isoliert oder abgespalten, wenn eine Selbsttheorie Inkonsistenzen aufweist. Wenn Elemente erfolgreich abgespalten sind, werden sie keine ernsthafte Bedrohung darstellen, weil sie keine eigene Energie besitzen. Sobald jedoch Ereignisse eintreten, die diese dissoziierten Elemente aktivieren, wird es schwer sein, diese Abspaltungen aufrecht zu erhalten, und das Selbstsystem wird unter beträchtlichen Druck geraten.

Implikationen für psychotherapeutische Interventionen

Wie kann eine persönliche Theorie von der Realität, die unzureichend funktioniert, verändert werden? Psychoanalytiker glauben, dass bedeutsame Persönlichkeitsveränderungen am ehesten erreicht werden, wenn man an höherstufigen Postulaten ansetzt. Verhaltenstherapeuten nehmen an, dass Veränderungen am besten dadurch erreicht werden, dass man auf der Ebene spezifischer Verhaltensweisen ansetzt. Von Epsteins Standpunkt aus können beide Ansätze bedeutsame Veränderungen bewirken. Werden Veränderungen auf der Ebene fundamentaler Postulate einer Person erzeugt, so können diese sich auf der Verhaltensebene fortsetzen. Werden Modifikationen auf der Verhaltensebene durchgeführt, so können diese sich bis zu höherwertigen Postulaten durchsetzen. Es hängt von der Art des Problems ab, welcher Zugang der effizientere ist.

Therapeutische Ansätze, die unmittelbar aus Epsteins Position abzuleiten sind, sind jene kognitiven Ansätze, wie sie zum Beispiel von Beck beschrieben wurden. Therapeutische Interventionen dieser Art zielen auf jene kognitiven Prozesse ab, mit denen ein Individuum seine Umwelt interpretiert und sein Verhalten lenkt. Kognitive Therapeuten versuchen, dem Patienten jene Kognitionsmuster bewusst zu machen, die zu negativen Emotionen führen. In dem Ausmaß, in dem ein Individuum diese erkennt und seine unangepassten Kognitionen korrigieren kann, wird es zunehmend von neuen Erfahrungen profitieren können.

Die Patienten sollen lernen, zu erkennen, welche Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster sie anwenden. Dabei müssen sie täglich Berichte über jene Ereignisse abgeben, auf die sie in emotionaler Weise reagiert haben. Oft sind Patienten überrascht, wie deutlich Emotionen nicht einfach die Realität widerspiegeln, sondern eine Folge ihrer eigenen Gedanken sind. Sobald eine Person das erkannt hat, kann sie ihre eigenen Gedanken als destruktiv oder konstruktiv bewerten, ohne sie passiv als unumgängliches Abbild der Realität akzeptieren zu müssen.

Nach Epstein ist eine der Schwächen der gegenwärtigen kognitiven Therapieansätze, dass sie Kognitionen zu isoliert behandeln. Sie haben nicht hinreichend die Bedeutung beachtet, welche die Aufrechterhaltung eines geschlossenen, internen konzeptuellen Systems für das Individuum besitzt. Es kann angenommen werden, dass bestimmte Kognitionen wesentlich für die Aufrechterhaltung der jeweiligen Selbsttheorie und deshalb besonders änderungsresistent sind. Ihre Veränderung könnte unerwünschte Nebeneffekte haben, wenn dabei ihre Bedeutung für das konzeptuelle System der Person nicht angemessen beachtet wird.

Epstein betont jedoch, dass kognitive Therapieansätze insgesamt sehr viel versprechend zu sein scheinen. Sie bedürfen aber der Berücksichtigung des konzeptuellen Systems der Person und seiner Integration und müssen die isolierte Behandlung von Gedanken aufgeben.

Zusammenfassung

Epstein stellt eine integrative kognitive Theorie vor, die kompatibel ist mit Selbstkonzept-Theorien, psychoanalytischen Theorien, anderen kognitiven Theorien und verhaltenstheoretischen Ansätzen. Es wird postuliert, dass Menschen in der Bewältigung ihres Alltags wie Wissenschaftler tätig sind, indem sie unablässig Hypothesen formulieren und überprüfen, wenngleich nicht notwendigerweise auf einem bewussten Niveau. Es wird angenommen, dass das Selbstkonzept in der Tat eine Selbsttheorie darstellt, die zusammen mit der Umwelttheorie die Realitätstheorie einer Person bildet. Diese Theorie dient drei grundlegenden Funktionen:

I. Assimilation von Erfahrungsdaten
II. Erlangung einer günstigen Lust-Unlust-Balance
III. Aufrechterhaltung der Selbstwertschätzung

Normalerweise wird ein Individuum seine Realitätstheorie um jeden Preis verteidigen, da es ohne sie lebensunfähig wäre. Es werden deshalb Mechanismen zur Verteidigung des Selbstwertgefühls, als auch Mechanismen zur Erhaltung der Geschlossenheit des konzeptuellen Systems eingesetzt. Emotionen sind eng verknüpft mit der Realitätstheorie einer Person, weil die Theorie ursprünglich als Werkzeug zur Maximierung von Lust und Minimierung von Unlust entwickelt wurde. Sobald das konzeptuelle System entwickelt ist, determiniert es Emotionen: hinter jeder Emotion verbirgt sich eine Kognition. Dementsprechend stellen Emotionen den Königsweg zu den impliziten Postulaten einer Person dar.

3.2 Sigrun Heide Filipp: Menschliche Informationsverarbeitung und naive Handlungstheorie

Filipp untersucht zwei für die Selbstkonzept-Forschung fundamentale Fragenkomplexe, die bisher nur unzureichend oder höchst kontrovers beantwortet sind:

1) In welcher Weise vollzieht sich die kognitive Repräsentation der eigenen Person?
2) Welche Bedeutung besitzen interne Selbstmodelle für menschliches Erleben und Handeln?

Menschliche Informationsverarbeitung und der Aufbau interner Selbstmodelle

Menschen denken über sich selbst nach, schreiben sich bestimmte Merkmale zu, bewerten eigene Charakteristika. Sie verfügen über ein Wissen, wer sie sind. Sie sind also gleichzeitig erkennendes Subjekt als auch beobachtetes Objekt. Das Wissen über die eigene Person unterscheidet sich nicht prinzipiell von dem Wissen um Gegenstände und Personen der Außenwelt. In beiden Fällen ist dieses Wissen ein Produkt der Erfahrung, also ein Resultat menschlicher Informationsverarbeitung.

Quellen selbstbezogener Informationen

Für eine systematische Auflistung der zum Aufbau interner Selbstmodelle verfügbaren Informationsquellen lässt sich die folgende Unterteilung treffen:

1) direkte Prädikatenzuweisungen durch andere Personen
2) indirekte Prädikatenzuweisungen durch andere Personen
3) komparative Prädikaten-Selbstzuweisungen
4) reflexive Prädikaten-Selbstzuweisungen
5) ideationale Prädikaten-Selbstzuweisungen

Direkte Prädikatenzuweisungen durch andere Personen: Bis heute ist die Auffassung, dass Selbstkonzepte kaum mehr sind als die Widerspiegelung von Fremdzuschreibungen ("Du bist faul." etc.), sehr populär. Jedoch stellen Wahrnehmungsereignisse gerade nicht den passiven Spiegel der äußeren Welt dar, und entsprechend sind Selbstattributionen nicht das schlichte Abbild vorheriger Fremdattributionen. Individuen filtern Fremdzuschreibungen und prüfen danach, ob sie als zutreffend für die eigene Person zu akzeptieren sind. Man kann bislang nur darüber spekulieren, welche Selektionsprinzipien hierbei wirksam sind und wann eine Person direkte Prädikatenzuweisungen als selbstbezogene Informationen verarbeitet.

Indirekte Prädikatenzuweisungen durch andere Personen: Indem andere Menschen sich gegenüber einer Person in bestimmter Weise verhalten, vermitteln sie auch immer ihre Einschätzungen und Urteile über diese Person. Indirekte Prädikatenzuweisungen sind also selbstbezogene Informationen, die eine Person im Zuge interpretativer Schlussfolgerungen aus dem Verhalten anderer Personen gewinnt. Dabei ist es wahrscheinlich, dass die Art und Weise, wie das Verhalten anderer Personen interpretiert wird, von bereits gebildeten Selbstschemata abhängig ist. Andererseits steuert die betreffende Person ihrerseits das Interaktionsverhalten der Sozialpartner und nimmt so Einfluss darauf, welche tatsächlichen oder vermuteten Fremdattributionen signalisiert werden („reziproker Determinismus“, Bandura).

Komparative Prädikatenzuweisungen: Menschen gewinnen selbstbezogene Informationen auch aus dem Vergleich mit anderen Personen bezüglich bestimmter Merkmale (z.B. “Ich bin gesprächiger als Hans.“). Ob sich eine Person selbst als begabt, gesprächig etc. einschätzt, ist wesentlich dadurch bestimmt, an welcher sozialen Bezugsgruppe sie sich orientieren muss oder kann.

Reflexive Prädikaten-Selbstzuweisungen: Eine wesentliche Quelle selbstbezogener Informationen liegt in der Kompetenz von Menschen, aus der Selbstbeobachtung ihres Verhaltens Rückschlüsse über ihre Person zu ziehen. Sie gewinnen so größere Unabhängigkeit von externen Quellen selbstbezogener Informationen.

Ideationale Prädikaten-Selbstzuweisungen: Menschen können auch über sich selbst nachdenken und vergangene Erfahrungen im Sinne "innere Wiederholungen“ reproduzieren. Aber nicht nur in der Rekonstruktion vergangener Selbsterfahrungen liegt eine Quelle selbstbezogener Informationen, sondern auch in der antizipatorischen Konstruktion künftiger Selbsterfahrungen. Das heißt, Personen konstruieren selbst aktiv "Zukunftsmodelle" für die eigene Person.

Aufnahme und Verarbeitung selbstbezogener Informationen

Filipp postuliert, angelehnt an die kognitive Psychologie, hypothetisch vier Phasen der Verarbeitungsprozesse zwischen der Darbietung der jeweiligen Informationen und der nachfolgenden Verhaltensäußerungen:

I. Vorbereitungsphase (Diskrimination der Reizinformation)
II. Aneignungsphase (Transformation der Information in „subjektive“ Information)
III. Speicherungsphase (Festhalten der Information im Gedächtnis)
IV. Erinnerungsphase (Abrufen der gespeicherten Information)

Diskrimination selbstbezogener Informationen: Man nimmt an, dass selbstbezogene Informationen aus der Gesamtheit des Rohmaterials herausgefiltert und schneller als andere Einheiten "entdeckt" werden (ähnlich wie man den eigenen Namen auf einer Party aus der Geräuschkulisse heraushört). Es wurde festgelegt, dass Informationen nur dann als selbstbezogen definiert sind, wenn sie von der betreffenden Person auch entsprechend als selbstbezogen kodiert werden. Unterschiedliche Personen klassifizieren auf unterschiedliche Weise mehrdeutige Informationen als selbstbezogen oder eben nicht.

Enkodierung selbstbezogener Informationen: Aus der bloßen Kenntnis selbstbezogener Informationen, die einer Person bereitgestellt werden, lässt sich keine hinreichende Vorhersage ableiten, welche internen Selbstmodelle sie aufbaut. Es herrscht eine Kontroverse darüber, welche Selektionsmechanismen in der Aufnahme und Enkodierung selbstbezogener Informationen verantwortlich sein könnten. Vertreter der so genannten "Konsistenztheorie" argumentieren, dass Informationen dann als selbstbezogen kodiert und als zutreffend akzeptiert werden, wenn sie mit bereits gespeicherten selbstbezogenen Informationen übereinstimmen. Die Vertreter der so genannten „self-enhancement“-Theorie postulieren dagegen, dass nur die Informationen aufgenommen und verarbeitet werden, die zu einer Erhöhung des Selbstwertgefühls beitragen. Laut Filipp sind beide Theorien korrekt: Menschen verarbeiten selbstbezogene Informationen vor dem Hintergrund bereits gebildeter Selbstschemata, indem sie diskrepante selbstbezogene Informationen entweder vermeiden oder an bestehende Selbstschemata assimilieren. Zum anderen haben Menschen ein Bedürfnis danach, die subjektive Bewertung ihrer eigenen Person hochzuhalten.

Speicherung selbstbezogener Informationen: Was als interne Selbstmodelle umschrieben ist, stellt nichts anderes dar als die geordnete Menge aller im Gedächtnis gespeicherten selbstbezogenen Informationen. Selbstschemata sind dabei geordnete, abgegrenzte Einheiten des internen Selbstmodells. Selbstschemata bleiben in dem Maße über die Zeit stabil, wie sie die selbstbezogenen Informationen assimilieren können.

Abruf selbstbezogener Informationen: Bei der Frage, wann und unter welchen Umständen welche Informationen aus dem Gedächtnis abgerufen werden fehlt fast jede empirische Basis.

Selbstschemata besitzen jedoch Verhaltensbedeutsamkeit und –relevanz, denn selbstbezogene Informationen werden potentiell in allen Phasen des Handlungsprozesses abgerufen: der Handlungsplanung, Handlungsdurchführung und Handlungsbewertung. Selbstbezogene Kognitionen erhalten ihre Bedeutung für menschliches Erleben und Handeln als wesentliche Quelle von Emotionen und als Determinanten affektiver Reaktionen.

Resumée: Versuch einer Rekonzeptualisierung von „Selbstkonzept“

1) Menschen verfügen über kognitive Repräsentation ihrer eigenen Person, indem sie selbstbezogene Informationen im Gedächtnis gespeichert haben. Die Gesamtheit aller gespeicherten selbstbezogenen Informationen wird als "internes Selbstmodell" bezeichnet. Dieses bildet zusammen mit dem "internen Außenweltmodell" die naive Handlungstheorie der Person.
2) Das interne Selbstmodell wird als organisiertes Wissen über die eigene Person gedacht. Dabei werden Selbstschemata als konstituierende Einheiten des internen Selbstmodells angenommen.
3) Eine Person hat so viele Selbstschemata ausgebildet, wie sie Invarianzen in ihrer Selbsterfahrung erkannt und konstruiert hat.
4) Selbstschemata stehen untereinander und mit Umweltschemata in spezifischer Verknüpfung und konstituieren so ein komplexes strukturelles Gefüge.
5) Selbstschemata wie Umweltschemata gewährleisten die Einordnung von Erfahrungsdaten und vermitteln das Erlebnis personaler Kontinuität und Identität.
6) Selbstschemata sind potentiell lebenslang einem Wandel unterworfenen. Konstanz oder Wandel von Selbstschemata sind abhängig davon, wie sie den Informationsstrom zu assimilieren vermögen. Revolutionäre Veränderungen von Selbstschemata sind nur dort zu erwarten, wo diese "Passungsmechanismen" versagen.
7) Selbstschemata werden angesichts konkreter Situationen und Handlungskontexte aktualisiert und als selbstbezogene Kognitionen der Person bewusst.
8) Selbstbezogene Kognitionen besitzen für das Individuum instrumentellen Wert, indem sie zur Planung, Vorhersage, Erklärung und Kontrolle von Ereignissen und Handlungen beitragen.
9) Selbstbezogene Kognitionen sind als sprachliche Äußerungen der Person über sich selbst operativ zu bestimmen.

4. Bindungstheorie

4.1 John Bowlby: Bindung: Historische Wurzeln, theoretische Konzepte und klinische Relevanz

John Bowlby betont die Bedeutung Adolf Mayers und Sigmund Freuds für die Entwicklungspsychiatrie. In beiden revolutionären Ansätzen spielte die Vorstellung, dass die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, einen entscheidenden Einfluss auf seine zukünftige psychische Gesundheit haben wird, eine bedeutende Rolle. Adolf Mayer betonte besonders den Einfluss der Ereignisse und Situationen, denen Menschen im Laufe ihrer Entwicklung ausgesetzt sind. Sigmund Freud betonte den Einfluss der inneren Welt einer Person auf ihr Denken, Fühlen und Handeln.

Nach Bowlby besteht die Hauptaufgabe der Entwicklungspsychiatrie und Entwicklungspsychologie darin, die nie endende Interaktion von Außen- und Innenwelt zu untersuchen, und dies nicht nur während der Kindheit, sondern auch im Jugend- und Erwachsenenalter. Es gibt beachtliche Beweise dafür, dass die Ereignisse innerhalb des Familienlebens während der Kindheit und Jugend eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob eine Person sich psychisch gesund entwickelt oder nicht.

John Bowlby untersuchte als Familienpsychologe den Einfluss, den eine Trennung von Zuhause auf Kinder hat. Er beobachtete, dass ein kleines Kind in einer solchen Situation sehr verzweifelt ist und seine Reaktionen deutlich zeigt. Er fragte sich, worin die Natur dieses engen Bandes zwischen Mutter und Kind besteht und welchen Ursprung es hat. Die einzige Theorie, die es diesbezüglich damals gab, besagte, dass ein Kind eine emotionale Bindung zu seiner Mutter entwickelt, weil diese es ernährt. Bowlby war mit dieser Erklärung unzufrieden. Wenig später kam er in Kontakt mit Ideen und Gedanken von Konrad Lorenz, der als Ethologe ebenso an dem starken Band zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs (bei Säugetieren und Vögeln) interessiert war. Er lernte, dass die Bindungen zwischen Individuen experimentell untersucht und ihre Überlebensfunktionen im Licht der Evolutionstheorie betrachtet werden konnten. Die Ethologie hatte dazu bereits ausgefeilte Methoden der Beobachtung und Datenaufzeichnungen entwickelt.

Die Entwicklungspsychiatrie befasst sich insbesondere mit Bindungen zwischen Kindern und Eltern, wobei sowohl das Band des Kindes zu den Eltern als auch der Eltern zum Kind gemeint ist. Die grundlegende Hypothese ist, dass Unterschiede in der Art und Weise, wie sich solche Bindung entwickeln, im Wesentlichen bestimmen, ob eine Person psychisch gesund aufwächst oder nicht. Während der Kindheit bestehen Bindungen zu den Eltern oder Elternersatzfiguren, bei denen das Kind Schutz, Trost oder Hilfe sucht. Bei gesunder Entwicklung überdauern diese Bindungen das Jugendalter und reichen bis ins Erwachsenenalter, werden allerdings durch neue Bindungen ergänzt. Solche Beziehungen haben eine eigene Überlebensfunktionen, nämlich die Schutzfunktion. Die Fähigkeit, Bindungen zu anderen Personen aufzubauen, wird als ein grundlegendes Merkmal einer effektiv funktionieren Persönlichkeit und psychischer Gesundheit betrachtet. In der Regel wird Unterstützung und Trost vom Schwächeren beim Stärkern gesucht. Ein Kind, das Unterstützung sucht, wird in Reichweite der Fürsorgeperson bleiben, wobei das Ausmaß der Nähe oder der Zugänglichkeit von den jeweiligen Umständen abhängt. Das ist exakt das Konzept des Bindungsverhaltens.

Eine weitere wesentliche Komponente der menschlichen Natur ist der Drang, die Umwelt zu erkunden, zu spielen, und an verschiedenen Aktivitäten mit Gleichaltrigen teilzunehmen. Dieses Verhalten ist antithetisch zum Bindungsverhalten. Wenn eine Person sich sicher fühlt, wird sie sich sehr wahrscheinlich erkundend von ihrer Bindungsfigur weg begegnen. Wird sie erschreckt, ängstlich, müde oder fühlt sich unwohl, fühlt sie ein starkes Bedürfnis nach Nähe. So sieht das typische Muster von Interaktionen zwischen Kind und Eltern aus, nämlich die Erkundung von einer sicheren Basis aus.

Im Alter von etwa zwei Jahren kann dieses Verhalten am deutlichsten beobachtet werden. Das Kind macht einer Reihe von kleinen „Ausflügen“ innerhalb einer bestimmten Entfernung und kommt dann zur Mutter zurück, wo es Blickkontakt aufnimmt, die Mutter berührt oder auf ihren Schoß will o. ä. Dann macht es sich wieder auf den Weg für neue Ausflüge.

Die Bildungstheorie nimmt an, dass das Bindungsverhaltenssystem als Steuerungssystem in Analogie zur physiologischen Homöostase die Beziehung einer Person zu seiner Bindungsfigur innerhalb gewisser Entfernungs- und Verfügbarkeitsgrenzen aufrechterhält. Zu den Situationen, die das Bindungsverhaltenssystem aktivieren, gehört alles, was ein Kind erschreckt oder es sich unwohl fühlen und müde werden lässt. Demgegenüber beenden Trost und Rückversicherung das Bindungsverhalten und machen das Kind frei für andere Aktivitäten.

Komplementär zum Bindungsverhalten des Kindes ist die elterliche Fürsorge. Aus evolutionstheoretischer Sicht ist die Pflege der Jungen leicht zu verstehen, da sie das Überleben der Nachkommen sichert und damit auch zur Verbreitung der eigenen Gene führt.

Damit das Bildungssteuerungssystem beim Kind effektiv funktioniert, muss das Kind so viele Informationen wie möglich über sich selbst und die Bindungsfigur zur Verfügung haben. Das beinhaltet nicht nur, wo der andere sich aufhält und wozu er in der Lage ist, sondern auch, wie sie aufeinander reagieren werden, wenn Umwelt und andere Bedingungen sich verändern. Beobachtungen führen zu dem Schluss, dass Kinder gegen Ende des ersten Lebensjahres beachtliches Wissen über ihre unmittelbare Umgebung erworben haben und dass dieses Wissen während der folgenden Jahre wahrscheinlich in Form von inneren Arbeitsmodellen organisiert wird, die sowohl Modelle über das Selbst als auch über die Mutter beinhalten. Die Funktion dieser Modelle besteht darin, Ereignisse in der Realität zu simulieren, wodurch dann das Individuum in die vorteilhafte Lage versetzt wird, sein Verhalten einsichtig und vorausschauend zu planen. Es gibt deutliche Hinweise dafür, dass Kinder bis zum fünften Lebensjahr meist über ein differenziertes Arbeitsmodell der Mutter und andere Bindungsfiguren verfügen. Dieses Modell beinhaltet Wissen über ihre Interessen, ihre Stimmung und ihre Absichten, die das Kind berücksichtigen kann. Mit einem komplementären Modell über sich selbst kann das Kind bereits in eine komplexe, wechselseitige Beziehung mit der Mutter treten, die natürlich auch ihre eigenen inneren Modelle sowohl vom Kind als auch von sich selbst hat. Da diese Modelle Tag für Tag angewandt werden, wird ihr Einfluss auf Denken, Fühlen und Handeln zur Routine, und sie üben ihren Einfluss unbewusst aus. (vgl. Selbstkonzeptforschung)

Es gibt drei Hauptbindungsmuster, die während der frühen Jahre beobachtet werden können. Welches Muster ein Kind im Lauf der ersten Jahre entwickelt, hängt in großem Maß davon ab, wie seine Eltern oder Elternersatzfiguren sich ihm gegenüber verhalten haben. Diese drei bzw. vier Muster können gegen Ende des ersten Lebensjahres mit einem von Mary Ainsworth entwickelten Verfahren identifiziert werden („Fremde Situation“), bei dem einige kurze Trennungen stattfinden, und die Art und Weise, mit der das Kind mit der Mutter nach ihrer Rückkehr interagiert, analysiert wird. Die Grundmuster, die Mary Ainsworth zuerst beschrieben hat, sind: sicher, unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent gebunden. Die Art und Weise, in der ein Kind seine Eltern nach der Rückkehr von einer kurzen Trennung begrüßt, bestimmt die Qualität der Bindungsklassifikation. Die sicher gebundenen Kinder strecken ihre Arme zur Mutter hin, wollen hoch genommen werden, um getröstet zu werden, wenn sie weinen. Die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder verhalten sich völlig anders. In extremen Fällen wenden sie sich von ihren Müttern ab, wenn diese hereinkommen, oder entfernen sich, während die unsicher-ambivalent gebundenen Kinder sich uneindeutig verhalten, Kontakt wollen, gleichzeitig aber Kontaktwiderstand zeigen.

Das Bindungsmuster, das mit gesunder Entwicklung einhergeht, ist die sichere Bindung, in der ein Kind die Zuversicht besitzt, dass seine Eltern verfügbar, feinfühlig und hilfsbereit sein werden, wenn es in bedrohliche oder beängstigende Situationen kommt. Mit dieser Sicherheit kann es frohen Mutes seine Umwelt erkunden und fühlt sich deren Anforderungen gewachsen. Dieses Muster wird durch Eltern gefördert, die verfügbar sind, feinfühlig auf die Signale des Kindes reagieren und liebevoll und bereitwillig auf das Kind eingehen, wenn es Schutz, Trost oder Hilfe sucht.

Bei der unsicher-vermeidenden Bindung besitzen Kinder kein Vertrauen auf Unterstützung, wenn sie Hilfe suchen, sondern erwarten im Gegenteil Zurückweisung. Solche Individuen versuchen ein Leben ohne die Liebe und die Unterstützung anderer zu führen. Dieses Muster ist das Ergebnis ständiger Zurückweisung durch die Mutter, wenn sie sich schutzsuchend an sie wandten. Die extremsten Fälle entstehen durch wiederholte Zurückweisung und Misshandlung oder lange Heimaufenthalte. Klinische Befunde legen nahe, dass dieses Muster, wenn es anhält, zu einer Vielzahl von Persönlichkeitsstörungen führen kann.

Bei der unsicher-ambivalenten Bindung ist das Individuum unsicher, ob seine Eltern verfügbar und hilfsbereit sein werden, wenn es sie braucht. Aufgrund dieser Unsicherheit neigt das Kind zur Trennungsangst, klammert sich oft an und ist ängstlich in der Erkundung seiner Umwelt. Dieses Muster wird durch Eltern hervorgerufen, die in bestimmten Situationen zugänglich und hilfsbereit sind, in anderen aber nicht. Oft drohen sie auch mit dem Verlassen des Kindes, um es gefügig zu machen. Diese Drohungen sind in hohem Maße pathogen.

Ein wichtiger Befund ist die Tatsache, dass die Bindung zu Mutter und Vater unterschiedlich sein kann, zum Beispiel kann ein Kind sicher zur Mutter und gleichzeitig unsicher zum Vater gebunden sein.

Es gibt viele Belege dafür, dass die Bindungsmuster zwischen Kind und Eltern stabil bleiben, wenn sie sich erst etabliert haben. Dafür gibt es zwei offensichtliche Gründe:

- Wie Eltern bereits von Anfang an ihr Kind behandeln, so wird ihr Kind sich fortan verhalten. Wenn das elterliche Verhalten unverändert bleibt, so wird das Verhaltensmuster des Kindes stabil bleiben. Aber die Eltern können sich auch ändern und manchmal wollen sie das auch. Wir wissen, dass das kindliche Verhaltensmuster innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre verändert werden kann, wenn sich die Eltern verändern.
- Zum anderen entstehen selbst-perpetuierende Prozesse, die die bestehenden Interaktionsmuster noch verstärken. Denn ein responsives, umgängliches Kind ist ein sehr angenehmer Interaktionspartner. Dagegen ist ein vermeidend gebundenes Kind eher launisch und unkooperativ, so dass die Interaktionen weniger befriedigend sind.

Es ist offensichtlich so, dass sich diese Muster mit der Zeit beim Kind verfestigen und dass es diese später auf seine Umgebung überträgt.

4.2 Inge Bretherton: Die Geschichte der Bindungstheorie

Die Bindungstheorie in ihrer jetzigen Form ist das gemeinsame Werk von John Bowlby und Mary Ainsworth. John Bowlby formulierte die wesentlichen Grundzüge der Theorie durch Einbeziehung von Begriffen aus der Ethologie, Kybernetik und Psychoanalyse. Er hat dadurch eine neue Sichtweise über die Mutter-Kind-Bindung und ihre Zerrüttung durch Trennung oder Deprivation geschaffen. Mary Ainsworth untermauerte nicht nur die wesentlichen Aussagen der Bindungstheorie durch empirische Befunde, sondern trug durch die Berücksichtigung individueller Unterschiede und den Begriff der sicheren Basis auch wesentlich zu ihrer Erweiterung bei.

Im Laufe seiner Arbeit an einer Kinderklinik wurde es Bowlby immer deutlicher, dass sich die Psychoanalyse viel zu sehr mit den kindlichen Fantasien beschäftigte, ohne die Wirkung von tatsächlichen Familienereignissen zu berücksichtigen. Im Unterschied zu den meisten damaligen Psychoanalytikern war Bowlby sehr daran interessiert, die verschiedenen Muster der Familieninteraktion zu entdecken, die einer gesunden oder gestörten Entwicklung zugrunde liegen.

Die Psychologien Mary Ainsworth beschäftigte sich zunächst in ihrer Dissertation mit der von Blatz entwickelten Sicherheitstheorie. Einer der wichtigsten Lehrsätze der Sicherheitstheorie besagt, dass Säuglinge und Kleinkinder Sicherheit und Vertrauen zu den Eltern entwickeln müssen, bevor sie bereit sind, sich in unbekannte Situationen zu begeben, in denen sie alleine zurechtkommen müssen. Diese Sicherheit bietet eine Basis für den Erwerb von Fähigkeiten und Wissen, die es heranwachsenden Menschen ermöglicht, sich auf sich selber zu verlassen und sich von den Eltern abzulösen. In London stieß Mary Ainsworth zu Bowlbys Forschungsteam, das sich mit Auswirkungen von frühen Mutter-Kind-Trennungen auf die Persönlichkeitsentwicklung beschäftigte.

Bowlby hatte sich 1948 entschlossen, die Arbeit seiner Forschungsgruppe auf ein genau abgegrenztes Gebiet zu beschränken: die Trennung von Mutter und Kind. Als Grund führte er an, dass die Trennung ein eindeutiges Ereignis sei, das entweder einträte oder nicht. 1951 wurde Bowlby auf einen Artikel von Konrad Lorenz über Prägung aufmerksam, durch den die Bildung enger sozialer Eltern-Kind-Beziehungen erklärt werden konnte, ohne dass das Füttern dabei eine Rolle spielen musste. Weiterhin beeindrucken ihn an der Ethologie Feldbeobachtungen unter Alltagbedingungen, auf denen viele Forschungsarbeiten beruhten.

Bowlbys erste offizielle Darstellung der Bindungstheorie unter Einbeziehung ethologischer Begriffe erfolgte in London in drei einflussreichen, aber umstrittenen Vorträgen vor der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft (1957 - 1959). In seinem ersten Artikel über Bindung stellte er die These auf, dass verschiedene Instinkthandlungen, nämlich Saugen, Anklammern, Schreien, Nachfolgern und Lächeln im Laufe des ersten Lebensjahres heranreifen und dann in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres in ein Bindungsverhaltenssystem eingegliedert werden, dass auf eine bestimmte Bindungsperson ausgerichtet ist. Er betonte, dass Bindung ein selbstständiger biologischer Prozess sei, der nicht von der Sexualität oder auch vom Bedürfnis nach Nahrung abhängig sei. Bindungsverhaltensweisen hätten eine natürliche, gesunde Funktion und seien sogar im Erwachsenenalter keineswegs als Anzeichen einer Regression zu betrachten. Dieser Vortrag löste einen Sturm der Entrüstung in der Psychoanalytischen Gesellschaft aus.

In seinem zweiten Vortrag wies Bowlby u.a. darauf hin, dass die traditionellen psychoanalytischen Theorien weder die enge Bindung von Kindern an ihre Mütter noch die heftigen kindlichen Reaktionen bei Trennungen erklären könnten.

Bowlby legte später eine ausführliche Fassung der Bindungstheorie in seiner Triologie Bindung (1969), Trennung (1973) und Verlust (1980) vor.

1953 verließ Mary Ainsworth Bowlbys Forschungsteam, um mit ihrem Mann nach Uganda zu reisen, wo sie die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr untersuchte. Bei der Datenanalyse aus dem Uganda-Projekt entwickelte sie eine Reihe von Skalen. Am bedeutendsten für ihre künftige Arbeit war eine Skala zur Analyse der mütterlichen Feinfühligkeit für kindliche Signale, die sich auf Interviewdaten stützte. Zurück in England begann Mary Ainsworth ihr Baltimore-Projekt, bei dem sie großen Wert auf direkte Beobachtung legte, während Interviews eine geringere Rolle spielten. Vom Neugeborenenalter ab machten sie und ihre Mitarbeiter mehrstündige Hausbesuche in Abständen von etwa drei bis vier Wochen. In diesem Zusammenhang bemerkte Ainsworth die erstaunlichen Gemeinsamkeiten zwischen Bowlbys Ideen und Blatz’ Sicherheitstheorie. Aus der Datenanalyse aus dem Baltimore-Projekt wurden deutliche individuelle Unterschiede in der Feinfühligkeit, mit der Mütter auf die kindlichen Signale während des ganzen ersten Lebensjahres reagieren, deutlich.

Außerdem entwickelte Ainsworth zusammen mit Wittig (1969) im Rahmen des Baltimore-Projekts eine Laborsituation, in der Unterschiede im Erkundungsverhalten der Kinder bei Anwesenheit und Abwesenheit der Mutter bzw. in Anwesenheit einer fremden Person untersucht werden sollten („Fremde Situation“). Diese Laborsituation bestätigte die Thesen der Sicherheitstheorie, dass die Babys das Spielzimmer in Anwesenheit der Mutter deutlich mehr erkundeten, als wenn eine fremde Person hinzukam oder die Mutter abwesend war. Ainsworth faszinierte jedoch vor allem die unerwartete Vielfalt kindlichen Verhaltens bei der Rückkehr der Mutter. Einige Kinder waren in der Fremden Situation überraschend ärgerlich, als die Mutter nach einer kurzen, maximal dreiminütigen Trennung zurückkehrte. Sie schrieen und wollten Kontakt, konnten sich aber nicht einkuscheln oder an die Mutter schmiegen, nachdem sie von ihr aufgenommen wurden. Stattdessen zeigten sie ihre zwiespältigen Gefühle durch ärgerliches Strampeln oder sogar Schlagen nach der Mutter. Andere Kinder schienen die Mutter nach der Rückkehr zu vermeiden, obwohl sie oft während ihrer Abwesenheit nach ihr gesucht hatten. Interessanterweise belegten die folgenden Hausbeobachtungen, dass jene Kinder, die sich bei der Wiedervereinigung in der Fremden Situation ambivalent oder vermeidend gegenüber der Mutter verhalten hatten, zuhause eine weniger optimale Beziehung zu ihr hatten als die Kinder, welche bei der Wiedervereinigung mütterliche Nähe suchten.

Später weitete sich die Untersuchung von Bindungsbeziehungen auch auf Erwachsene aus. Darüber hinaus wurde das Thema durch die Untersuchung von Bindungen innerhalb des ganzen Familiensystems erweitert. Die Bindungstheorie ist noch immer im Wachstum begriffen. Ihre vollen Möglichkeiten und Grenzen sind noch unerkannt.

4.3 Gottfried Spangler / Karin Grossmann: 20 Jahre Bindungsforschung in Bielefeld und Regensburg

In den sechziger und siebziger Jahren nahm die Bindungsforschung in den USA einen großen Aufschwung. Im deutschen Sprachraum war sie lange im Wesentlichen auf eine Arbeitsgruppe beschränkt, nämlich die um Klaus Grossmann, ab 1974 in Bielefeld, dann ab 1978 in Regensburg. Während es in den USA lange relativ wenig umfangreiche Längsschnittuntersuchungen gab, spielten diese in der deutschen Arbeitsgruppe von Anfang an eine wichtige Rolle.

Insgesamt wurden in Bielefeld und Regensburg in den letzten knapp 20 Jahren 5 Längsschnittuntersuchungen zum Thema Bindung begonnen, darunter zwei große und drei kleinere. Insgesamt liefen und laufen in Bielefeld und Regensburg mit den 5 Längsschnittstichproben Untersuchungen an insgesamt fast 300 Kindern und ihren Familien. Für alle diese Kinder liegen Untersuchungsdaten seit frühester Kindheit vor. Ein Teil der Kinder ist mittlerweile bereits erwachsen.

Die Forschung in Bielefeld und Regensburg lässt sich in vier Epochen einteilen, in denen spezifische Themen im Vordergrund standen. Die zeitlichen Grenzen sind dabei allerdings fließend und es gab zum Teil große Überlappungsbereiche.

Epoche I: Bindungsentwicklung im ersten Lebensjahr (ab 1976)

Unterschiede in der Bindungsqualität wurden ursprünglich fast ausschließlich auf Unterschiede im Verhalten der kindlichen Bezugspersonen, speziell der mütterlichen Feinfühligkeit zurückgeführt. Empirische Belege dafür stammten damals einzig und allein aus Ainsworth’ relativ kleiner Stichprobe von 23 Kindern.

Bezüglich der Bedeutung der mütterlichen Feinfühligkeit wurden in der Bielefelder Stichprobe die Befunde von Ainsworth und ihre Theorie in einer nicht US-amerikanischen Kultur bestätigt: ein feinfühlig liebevoller Umgang einer Mutter mit ihrem Säugling im ersten Lebensjahr scheint zu einer sicheren Bindung des Säuglings an seine Mutter zu führen, unabhängig von den kulturellen Einflüssen und Vorschriften einer Kultur auf den Umgang einer Mutter mit ihrem Baby.

Epoche II: Auswirkungen der Bindungsqualität im Vorschulalter bzw. Schulalter (ab ca. 1980)

Nachdem in der ersten Epoche Prädikatoren kindlicher Bindungsqualität identifiziert werden konnten, stellte sich die Frage nach den Konsequenzen von Unterschieden in der Bindungssicherheit. In der Regensburger Stichprobe gab es einige Hinweise auf eine ausgeprägtere soziale Kompetenz der sicher gebundenen Kinder. Schon zu Beginn des zweiten Lebensjahres zeigten sie mehr empathische Reaktionen, im Kindergarten waren sie weniger aggressiv, zeigten effektivere Konfliktlösestrategien und mehr Optimismus in ihrer sozialen Wahrnehmung.

In der Regensburger Längsschnittstudie III konnte bei Kindern, bei denen ein positives häusliches Klima von Seiten der Mutter festgestellt wurde, in Anforderungssituationen mehr Konzentration und weniger Belastung beobachtet werden, sowohl mit drei Jahren als auch mit sechs Jahren.

Epoche III: Kontinuität individueller Unterschiede in der Bindungsqualität (ab ca. 1983)

Eine sehr wesentliche Frage in der Bindungsforschung ist die Frage nach der Kontinuität individueller Unterschiede in der Bindungsqualität. Zeigen Kinder, die im ersten Lebensjahr eine sichere Bindung aufwiesen, auch später im Verhalten oder in ihren Vorstellungen Hinweise auf eine sichere Bindungsorganisation? Die Untersuchungen ergaben, dass man zumindest von einer gewissen das Vorschulalter überdauernden Kontinuität ausgehen kann.

Parallel dazu wurde das Thema der Kontinuität aus der transgenerationalen Perspektive betrachtet. Die Frage war, inwieweit sich Bindungsrepräsentationen von Eltern in ihren Bindungsbeziehungen zu ihren Kindern widerspiegeln. Die Befunde waren eindeutig: die Bindungsqualität der Kinder konnte durch die Bindungsrepräsentationen ihrer Mutter vorhergesagt werden. Es konnte gezeigt werden, dass diese Tradierung über das Verhalten der Mutter, insbesondere ihre Feinfühligkeit, erfolgt.

Epoche IV: Biologische Grundlagen der Bindung (ab 1986)

Ziel der III. Regensburger Längsschnittstudie war es herauszufinden, inwieweit sich individuelle Unterschiede in der Bindungsqualität in spezifischen physiologischen bzw. biologischen Reaktionen bei der Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems äußern. Speziell ging es um die Angemessenheit der Fremden Situation für die Erfassung der unterschiedlichen Bindungsmuster. Das Ergebnis war folgendes: eine Aktivierung des Bindungsverhaltenssystems durch die Trennung von der Bezugspersonen erfolgt bei allen Kindern (auch bei den vermeidenden). Dies konnte durch eine bei allen Kindern auftretende erhöhte Herztätigkeit während der Trennung belegt werden. Die Angemessenheit des sicheren Bindungsmusters zeigte sich darin, dass nur bei den unsicher gebundenen Kindern eine gesteigerte Nebennierenrindenaktivität (erhöhter Cortisolspiegel) nachgewiesen werden konnte, nicht aber bei den sicher gebundenen Kindern. Mit dieser Forschung erfolgte international in Regensburg erstmals eine externe Validierung der Fremden Situation und der daraus abgeleiteten Bindungsverhaltensmuster.

4.4 Elisabeth Fremmer-Bombik: Innere Arbeitsmodelle von Bindung

Bindungsverhalten begleitet den Menschen von der Geburt bis zum Tod. Bei der Geburt ist das Kind mit einem Verhaltensrepertoire ausgestattet, das dazu dient, die Nähe zu einer Pflegeperson aufrechtzuerhalten. Weinen ist das auffälligste unter den Signalverhaltensweisen. Das Pflegeverhalten der Eltern ist das Komplement zum Bindungsverhalten des Kindes. Beide Systeme sind fein aufeinander abgestimmt und entwickeln sich in einer bestimmten Abfolge. In der Mitte des ersten Lebensjahres formt sich das Kind ein Bild von seiner hauptsächlichen Bindungsperson. Es hat die Fähigkeit entwickelt, auch dann nach der Pflegeperson zu suchen, wenn diese nicht anwesend ist. Ab jetzt tritt auch Kummer bei einer Trennung auf. Das Kind ist an diesem Punkt seiner Entwicklung zu einer festen Bindung fähig. Wird das Kind im Laufe seines Erkundens der Umwelt verunsichert, etwa durch zu große Entfernung von der Bindungsfigur oder durch fremde Reize, so sorgt die Aktivierung des Bindungssystems und das damit verbundene Verhalten für Nähe und Schutz durch die Bindungsfigur. Sie dient als sichere Basis, von der aus das Kind von neuem die Umwelt erkunden kann.

Über das Bindungsverhalten und die Reaktionen der Bindungsfiguren entwickelt das Kind eine innere Repräsentation von Bindung, das so genannte innere Arbeitsmodell von Bindung. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Kinder innere Arbeitsmodelle von ihren Bindungsfiguren und von sich aufbauen. Die wichtigste Funktion dieser inneren Arbeitsmodelle ist, Ereignisse der realen Welt zu simulieren bzw. vorwegzunehmen, um so das Individuum in die Lage zu versetzen, sein Verhalten vorausschauend zu planen. Unterschiedliche Bindungsfiguren erfordern eine unterschiedliche Anpassung. Unterschiedliche Erfahrungen müssen in ein Gesamtmodell, wie die Umwelt und die Bindungsfiguren funktionieren, integriert werden. Gelingt diese Integration gut, so entsteht eine kohärente, anpassungsfähige Abbildung der Wirklichkeit. Unterschiedliche Modelle führen zu unterschiedlichem Verhalten. (vgl. Selbstkonzeptforschung)

Aufbau internaler Arbeitsmodelle

Main und Bowlby gehen davon aus, dass die inneren Arbeitsmodelle von Bindung aktive Konstruktionen sind, die im Prinzip jederzeit neu strukturiert werden können. Allerdings ist eine solche Neustrukturierung sehr schwierig, weil einmal organisierte Modelle dazu tendieren, auch unbewusst zu wirken und dramatischen Veränderungen zu widerstehen.

Das Arbeitsmodell einer konkreten Eltern-Kind-Beziehung entwickelt sich aus den Handlungen des Kindes, deren Konsequenzen und den Eltern-Kind-Interaktionen. Man nimmt an, dass schon sehr kleine Kinder Bindungsmodelle entwickeln. Die Anzahl von Bindungsmodellen ist jedoch begrenzt, da viele Aspekte von Bindung universell sind. Die Möglichkeiten der Bindungsperson(en), auf das Kind zu reagieren, sind begrenzt. Sie kann feinfühlig reagieren (was zu einer sicheren Bindung führt), oder das Nähe-Suchen oft zurückweisen (was zu einer unsicher vermeidenden Beziehung führt) oder für das Kind nicht vorhersehbar auf den Wunsch nach Nähe reagieren (was zu einer unsicher ambivalenten Beziehung führt).

Main fasst die Definition innere Arbeitsmodelle von Bindungen in folgenden Aspekten zusammen:

- Innere Arbeitsmodelle sind geistige Repräsentationen, die sowohl affektive als auch kognitive Komponenten enthalten. Durch die Arbeitsmodelle entstehen innere Regeln und Regelsysteme für die Ausrichtung von Verhalten und die Einschätzung von Erfahrungen.
- Innere Arbeitsmodelle entstehen aufgrund der Konsequenzen auf die Tendenz, Nähe zur Bindungsperson zu erhalten. Kinder, deren Versuche, die Nähe der Bindungsperson zu erreichen, beständig Erfolg haben, entwickeln andere Arbeitsmodelle als Kinder, deren Versuche zurückgewiesen oder unvorhersehbar beantwortet werden. Mit 12 Monaten reflektierten individuelle Unterschiede des Bindungsverhaltens bereits unterschiedliche innere Arbeitsmodelle. Sie hängen nicht nur von Ereignissen ab, die in Anwesenheit der Bindungsperson erlebt werden, sondern können sich auch in der Zeit ändern, in der ein Partner abwesend ist.
- Einmal ausgeformt, existieren Arbeitsmodelle unbewusst und neigen zu Stabilität. In der Kindheit können Bindungsmodelle wahrscheinlich nur durch andere konkrete Erfahrungen verändert werden. Später können früher entstandene Modelle über bestimmte Bindungen bewusst verändert werden, weil das Individuum dann in der Lage ist, über Gedanken nachzudenken, also aus dem Bindungssystem gedanklich herauszutreten und seine Funktionsweise quasi von außen zu betrachten.

Differentielle Beschreibung innerer Arbeitsmodelle von Bindung

Das einjährige Kind setzt sein Arbeitsmodell direkt in Verhalten um, das sechsjährige Kind verschlüsselt sein Arbeitsmodell bereits in die Art des Dialogs, den es mit seiner Mutter führt. Beim Erwachsenen lässt sich das Arbeitsmodell am besten daran erkennen, wie er über bindungsrelevante Themen spricht, wenn er aufgefordert wird, sich an seine Bindungserfahrungen zu erinnern. Es gibt also keine einfache Kontinuität von Verhalten, sondern eine Analogie des kindlichen Verhaltensmusters auf sprachlicher Ebene.

Das sichere Modell (Typ B)

Mit einem sicheren Modell bringt das Kind Vertrauen in die Verfügbarkeit der Bindungsfigur mit. Es kann, ausgehend von seinem Modell, die Bindungsfiguren als sichere Basis nutzen, um die fremde Umgebung zu erforschen. Auch wenn die Bindungsfigur den Raum verlassen hat, empfindet das Kind sie noch als verfügbar, und es sorgt sich nur allmählich, wenn sie länger nicht zurückkommt. Die Rückkehr der Bindungsfigur bestärkt das Kind in seinem Glauben an ihre Zuverlässigkeit. Folglich sucht das besorgte, sicher gebundene Kind sofort Trost bei der Bindungsfigur, lässt sich schnell beruhigen und kann so sein Erkundungsverhalten fortsetzen.

Bei einem sechsjährigen sicher gebundenen Kind ermöglicht das Modell ihm auch nach einer einstündigen anstrengenden Trennung eine entspannte Offenheit gegenüber der Bindungsfigur. Der Aktionsradius dieses Kindes ist nicht eingeschränkt und die Stimmung entspannt.

Das sichere Arbeitsmodell bei Erwachsenen wird als autonom bezeichnet. Es entsteht entweder aus einer zuverlässig sicheren früheren Bindung oder aus einer tief greifenden Verarbeitung negativer Kindheitsergebnisse. Für diese Menschen haben Bindungen einen hohen Stellenwert und sie betrachten Erfahrungen, die sie mit Bindungspersonen gemacht haben, als wesentlich für ihre Entwicklung. Sie haben einen guten Zugang zu den eigenen Gefühlen und können negative Erfahrungen in eine positive Grundhaltung integrieren.

Das unsicher vermeidende Modell (Typ A)

Unsicher-vermeidend gebundene Kinder wirken während der Fremden Situation nicht beunruhigt, sie vermeiden sogar die Nähe zur wiederkehrenden Bindungsfigur. Sie haben die Bindungsfiguren oft zurückweisend erlebt. Um aber die Wahrscheinlichkeit der schmerzhaften Zurückweisung zu verringern, haben sie die Strategie der Vermeidung entwickelt. Sie zeigen möglichst ihre Verunsicherung nicht mehr und suchen auch die Zuwendung und körperliche Nähe der Bindungsfiguren nicht mehr, da sie von ihr keine Auflösung der Verunsicherung erwarten.

Das Arbeitsmodell des unsicher-vermeidenden sechsjährigen Kindes wird in angespannter Vorsicht sichtbar. Es spricht höflich, aber distanziert zu seinen Bindungsfiguren. Seine Antworten sind kurz und auf das Nötigste beschränkt. Es entsteht kein flüssiger Dialog. Je weniger sich das Kind offenbart, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit für eine abwertende Reaktion der Bindungsfiguren. Das Kind scheint eine Art unsichtbare Mauer aufgebaut zu haben.

Erwachsenen mit einem unsicher-vermeidenden Arbeitsmodell wirken sehr distanziert gegenüber Beziehungsthemen. Sie machen sich fast immer ein idealisiertes Bild von ihren Eltern. Sie halten sich für starke, unabhängige Menschen, für die Nähe zu anderen wenig bedeutet.

Das unsicher ambivalente Modell (Typ C)

Bei unsicher-ambivalent gebundenen Kindern ist die Bindungsfigur als nicht berechenbar abgebildet. In der Fremden Situation sind sie unruhig und das Bindungssystem wird allein schon wegen der fremden Umgebung und der fremden Person aktiviert. Sie suchen die Nähe zur Bindungsfigur schon vor der Trennung. Durch die chronische Aktivierung ihres Bindungssystems ist ihr Erkundungsverhalten stark eingeschränkt. Verlässt die Bindungsfigur dennoch den Raum, so werden diese Kinder in ihrer Erwartung bestärkt, dass die Bindungsfigur wohl wieder nicht verfügbar ist. Die Trennung belastet diese Kinder besonders stark. Der wiederkehrenden Bindungsfigur gegenüber verhalten sie sich widersprüchlich. Sie suchen Nähe, sind aber zugleich ärgerlich und wütend auf sie, was sich in ihrem ambivalenten Verhalten zeigt.

Das unsicher-ambivalente Arbeitsmodell eines Erwachsenen zeichnet sich durch Verstricktheit in frühere Beziehungen aus. Diese Erwachsenen sind verwirrt, widersprüchlich und besonders wenig objektiv, wenn sie über ihre Beziehungen sprechen. Sie sind besonders schlecht in der Lage, unterschiedliche Gefühle zu integrieren, und sind sich der Inkohärenz in ihren Angaben nicht bewusst.

Das unsicher-desorganisierte Modell (Typ D)

Über dieses Arbeitsmodell gibt es noch wenig konkrete Aussagen. Es ist jedoch anzunehmen, dass bindungsrelevante Probleme der Bindungsfiguren (z.B. unverarbeitete Trauer, eigener Missbrauch oder andere traumatische unverarbeitete Ereignisse) ihr eigenes Bindungssystem aktiviert halten und so das Pflegesystem nur eingeschränkt tauglich ist. Ihre kleinen Kinder sind längere Zeit nicht in der Lage, eine klare Bindungsstrategie zu entwickeln. Im Lauf der Zeit entwickeln sie eine kontrollierende Strategie, die in vielen Fällen an Rollenumkehr erinnert. Als Sechsjährige fühlen sie sich entweder für das Wohlergehen der Bindungsfiguren verantwortlich oder sie versuchen, die Kontrolle durch Bestrafungsverhalten nach der einstündigen Trennung zu behalten. Desorganisation des erwachsenen Arbeitsmodells drückt sich in verbalen und gedanklichen Inkohärenzen und Irrationalitäten bei ganz bestimmten Bindungsthemen wie Tod, Trennung oder der Beschreibung eines erlebten Missbrauchs aus.

Kontinuität und Tradierung der inneren Arbeitsmodelle

Der Zusammenhang zwischen den aus den Bindungsinterviews für Erwachsene (AAI) analysierten Arbeitsmodellen und der Bindungsqualität zu ihren eigenen Kindern ist erstaunlich hoch (generationsübergreifende Stabilität). Auch für das einzelne Individuum neigen die inneren Arbeitsmodelle zur Stabilität. Jede neue Person, mit der eine Bindung eingegangen wird, wird den bestehenden Modellen angepasst. Die inneren Arbeitsmodelle können aber durchaus in einem therapeutischen Prozess bewusst gemacht und revidiert werden.

4.5 Mary Main: Desorganisation und Bindungsverhalten

In den 80er Jahren fanden Forscher, dass einige Kinder, die misshandelt wurden, als "sicher" eingestuft wurden, aber gleichzeitig Verhaltensweisen zeigten, die sowohl für das unsicher-vermeidende als auch für das unsicher-ambivalente Muster typisch waren. Eine spätere Analyse zeigte, dass die Mehrzahl der unklassifizierbaren Kinder desorganisiertes und/oder desorientiertes Verhalten („D“-Muster) in Anwesenheit der Eltern zeigten.

Kinder wurden dann als desorganisiert oder desorientiert klassifiziert, wenn sie in Anwesenheit der Bezugsperson etwa ff. Verhaltensweisen zeigten:

- das Kind erstarrt in seinen Bewegungen bei gleichzeitigem trance-ähnlichem Gesichtsausdruck
- es schaukelt stereotyp auf Händen und Knien nach begonnener Annäherung
- es schaut während der Trennung zur Tür und schreit nach der Bezugsperson, wendet sich aber bei der Wiedervereinigung still ab

Desorganisiertes / desorientiertes Verhalten scheint einen Zusammenbruch der Verhaltens- und Aufmerksamkeitsstrategien darzustellen. Das Kind wird nicht nur durch die äußeren Umstände, sondern vielmehr insbesondere durch die Bezugsperson selber geängstigt. Die Kinder zeigen oft den „look of fear with no-where to go”.

In normalen Stichproben liegt der Anteil der als D klassifizierten Kinder bei 15 bis 25%. Verhaltensweisen, die für die Zuweisung zur D-Kategorie ausreichen, sind oft nur sehr kurz und dauern teilweise nur 10 bis 30 Sekunden an. Im Allgemeinen wurden Kinder in der Fremden Situation einem Elternteil gegenüber nur dann als desorganisiert eingestuft, wenn derselbe Elternteil auch im Bindungsinterview als unverarbeitet-traumatisiert eingeschätzt wurde. Dasselbe Kind konnte als sicher, unsicher-vermeidend oder unsicher-ambivalent gegenüber dem anderen Elternteil klassifiziert worden sein, sofern dieser nicht ebenfalls unverarbeitet-traumatisiert war.

Bei dem Erwachsenenbindungsinterview (AAI) handelt es sich um ein etwa einstündiges Interview, bei dem wiederholt nach einer Beschreibung und Bewertung der früheren Beziehung zu beiden Eltern gefragt wird. Die Versuchspersonen sollen z.B. fünf Adjektive nennen, die ihre Beziehung zu jedem Elternteil in der Kindheit beschreiben, und sie werden nach Erinnerungen befragt, die diese Adjektive belegen. Das Interview wird wortwörtlich transkribiert und die Auswertung erfolgt ausschließlich aus der sprachlichen Information. Interviews werden der Kategorie unverarbeitet-traumatisiert zugeordnet, wenn es Anzeichen für gedankliche Desorganisation und Desorientierung während der Schilderung von potentiell traumatischen Ereignissen gibt. Es treten meist nur kurze Fehler in Sätzen auf, die das potentiell traumatische Ereignis beschreiben.

Die Bindungsrepräsentationen von Erwachsenen wurden in vier Bindungsklassifikationen unterteilt, die konzeptuell der Bindungsqualität in der Kindheit entsprechen (sicher-autonomen, unsicher-distanziert, unsicher-verwickelt, unsicher-desorganisiert). Man fand deutliche Zusammenhänge zwischen den Bindungsrepräsentationen der Eltern im Erwachsenenbindungsinterview und der Klassifikation des Kindes, wie sie zuvor in der Fremden Situation erhoben worden war.

Follow-up-Studien über die Entwicklung desorganisierter Kinder

In Mains Follow-up-Untersuchungen konnten für die D-Klassifikationen in der frühen Kindheit ein strafendes oder fürsorglich-kontrollierendes Verhalten des Kindes in der Wiedervereinigungssituation im Alter von sechs Jahren vorhergesagt werden. Von Sechsjährigen wurden außerdem z.B. bei einem Puppenspiel über Eltern-Kind-Trennungen ängstlich-gewalttätige, albtraumartige Fantasien ohne Lösung dargestellt. Korrelate der Bindungsdesorganisation sind also bei den Sechsjährigen aus normalen Mittelschichtstichproben das kontrollierende Verhalten mit Rollenumkehr gegenüber den Eltern sowie ängstliche bzw. desorganisierte Reaktionen auf Bilder etc. von Eltern-Kind-Trennungen.

Die vier Phasen der Bindungsforschung

Main fasst drei grundlegende Phasen der Bindungsforschung zusammen, die aber auch bis heute parallel verlaufen:

1) In der ersten Phase formulierte John Bowlby eine Theorie über Bindung unter Einbeziehung von biologischen, anthropologischen und kognitiven Wissenschaften. Sein Schwerpunkt lag eher auf den Universalien und Konsequenzen der Funktion des gesamten Verhaltenssystems als auf individuellen Unterschieden in der Bindung.
2) In der zweiten Phase versuchten die Forscher hauptsächlich nonverbales Verhalten zu verstehen, insbesondere die Verhaltensvorläufer und Verhaltenskonsequenzen von sicherer, unsicher-vermeidender und unsicher-ambivalenter Bindung.
3) In der dritten Phase schließlich wurden die Bindungskategorien um die D-Kategorie (desorganisiert) modifiziert. Es erfolgte eine Hinwendung zur Ebene der Repräsentation. Man fand heraus, dass individuelle Unterschiede in Erzählungen von Kindern und in der mentalen Organisation von Bindungsthemen der Erwachsenen durch die vier Verhaltensmuster in der Fremden Situation vorhergesagt werden konnten.

Nach Main scheinen Klaus Grossmann und seine Mitarbeiter eine weitere Phase der Bindungsforschung zu eröffnen. Was im Augenblick noch fehlt, ist eine umfassendere Sichtweise, insbesondere mehr Verständnis sowohl für Verbindungen zu sozial-politischen und gesellschaftlichen Aspekten als auch für Mechanismen, die den gegenwärtig erkannten individuellen Unterschieden in der Bindungsorganisation zugrunde liegen. Es kann versucht werden, Zusammenhänge zwischen individueller Bindungsorganisation und historischen Prozessen zu verstehen.

4.6 Carol Magai: Bindung, Emotion und Persönlichkeitsentwicklung

Die Fähigkeit, bei Kummer, Angst oder Ärger seinen Bezugspersonen die negativen Gefühle zu zeigen, ist für die Entwicklung einer sicheren Bindung im Kindesalter ganz entscheidend. Grossmann und Mitarbeiter haben gezeigt, dass unsicher-vermeidend gebundene Kinder in nicht-belastenden Situationen durchaus angemessen mit ihren Eltern kommunizieren können, dass aber die Kommunikation bei Trennungsstress etc. erheblich eingeschränkt ist. Solche Kinder vermeiden ihre Eltern nicht nur physisch, wenn sie emotional betroffen sind, sondern sie sprechen im Verlauf der Entwicklung gerade über die Ursache ihres Kummers immer weniger mit ihnen. Diese frühen Kommunikationsprobleme werden äußerst bedeutsam für die spätere Persönlichkeitsentwicklung.

Einer der beeindruckensten Befunde bezüglich unsicher-vermeidend bzw. unsicher-ambivalent gebundener Kinder ist die Erkenntnis, dass Ärger eine besondere Rolle in ihrer Persönlichkeitsorganisation spielt. Beide haben im Hinblick auf Ärger spezifische Reaktionstendenzen. Beim vermeidend gebundenen Kind ist Ärger verdrängt. Ein solches Kind zeigt keinen Protest bei Trennungsstress in der Fremden Situation, allerdings können dann zuhause spontane Aggressionen gegenüber der Mutter beobachtet werden. Beim unsicher-ambivalent gebundenen Kind dagegen wird Ärger offen ausgedrückt und sogar verstärkt.

Eltern vermeidend gebundener Kinder werden als unfeinfühlig gegenüber den Signalen des Kindes beschrieben, als überstimulierend und als verdeckt feindselig. Es gibt also drei Facetten elterlichen Verhaltens, die mit vermeidender Bindung zu tun haben und somit potentiell zu einer abwehrenden Ärgerorganisation beitragen.

Ambivalent gebundene Kinder regulieren ihren Ärger ganz anders als vermeidende Kinder. Bereits im Neugeborenenalter erscheinen ambivalente Kinder irritierbarer. Diese Empfindlichkeit für Ärger wird verstärkt durch bestimmte elterliche Verhaltensweisen, nämlich Inkonsistenz und/oder Vernachlässigung. Inkonsistenz bedeutet, dass einmal aufgebaute kindliche Erwartungen stets wieder enttäuscht werden und somit die Grundlage für Frustration geschaffen wird, ein klassischer Auslöser für Ärger.

Wie hängen nun Bindungsmuster mit der späteren Organisation der Persönlichkeit zusammen? Nach Magai stellen emotionale Dispositionen, wenn sie sich einmal im Verlauf der Zeit konsolidiert haben, eine Art Persönlichkeitscharakteristika dar, welche dann Auswirkungen für vielfältige Verhaltensbereiche haben. Eine anfängliche Reaktionstendenz, Ärger entweder zu unterdrücken oder zu verstärken, können jedoch als vorläufig angesehen werden, solange nicht weitere Lebenserfahrungen auf sie einwirken (z.B. unterdrückende Erziehungsmethoden, die wiederum Ärger auslösen, der dann aber unterdrückt werden muss).

Ein wesentliches Verstärkungselement für eine Reaktionstendenz bzgl. Ärger ist das elterliche Beispiel. Im fortgeschrittenen Alter lernen Kinder, ihre Gefühle auch verbal auszudrücken. Allerdings scheinen vermeidende Eltern den offenen Ausdruck von negativen Emotionen aktiv zu unterdrücken. Kinder erhalten dann eine kontinuierliche Botschaft: Behalte deinen Ärger und deine negativen Gefühle für dich.

Es ist also leicht zu verstehen, warum Kinder mit unfeinfühligen und überstimulierenden Eltern vermeidend werden. Offensichtlich ist dies eine alternative Strategie, weiteren Kummer zu vermindern. Doch entwickeln Kinder so ihre eigene Art der Unfeinfühligkeit. Die frühe Reaktionstendenz bezüglich Ärger beim unsicher-vermeidenden Kind führt, wenn sie aufrechterhalten wird, am Ende des Kleinkindalters dazu, dass das Kind seine Umwelt als frustrierend und feindselig betrachtet und dass es sich in einer Art benehmen wird, die diese Erwartungen fortführt. Es sind aber natürlich auch alternative Entwicklungsverläufe möglich. Denn es gibt ja neben den elterlichen Einflüssen noch andere, zum Beispiel Geschwister oder andere Erwachsene, die unterschiedliche Modelle dafür bieten, wie man Gefühle ausdrücken und verstehen kann.

Literaturnachweis

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Erikson, E.H.: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt, Suhrkamp, 1973.

Filipp, S.H.: „Entwurf eines heuristischen Bezugrahmens für Selbstkonzept-Foschung: Menschliche Informationsverarbeitung und naive Handlungstheorie“, in: S.H.Filipp (Hrsg.): Selbstkonzeptforschung: Probleme, Befunde, Perspektive. Stuttgart, Klett-Cotta, 1988, S.129-152.

Fremmer-Bombik, E.: „Innere Arbeitsmodelle von Bindung“, in: Spangler, G. & Zimmermann, P. (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. 2.Aufl., Stuttgart, Klett-Cotta, 1997, Teil II, Kap.4.

Freud, S.: Abriss der Psychoanalyse, Frankfurt, Fischer Taschenbuch, 1964.

Grossmann, K. / Spangler, G.: „20 Jahre Bindungsforschung in Bielefeld und Regensburg“, in: Spangler, G. & Zimmermann, P. (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. 2.Aufl., Stuttgart, Klett-Cotta, 1997, Teil I, Kap.3.

Magai, C.: „Bindung, Emotion und Persönlichkeitsentwicklung“, in: Spangler, G. & Zimmermann, P. (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. 2.Aufl., Stuttgart, Klett-Cotta, 1997, Teil II, Kap.6.

Main, M.: „Desorganisation und Bindungsverhalten“, in: Spangler, G. & Zimmermann, P. (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. 2.Aufl., Stuttgart, Klett-Cotta, 1997, Teil II, Kap.5.

Details

Seiten
57
Jahr
2007
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111274
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
Schlagworte
Persönlichkeitsentwicklung Selbstkonzept Exzerpte Zusammenfassungen Freud Abriss Psychoanalyse Erikson Identität Lebenszyklus Artikeln Selbstkonzeptforschung Bindungstheorie

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Titel: Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkonzept