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Der Geruch - Der Einfluss der olfaktorischen Wahrnehmung auf die sozio-kulturelle Lebenswelt des Menschen

Seminararbeit 2007 23 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

GLIEDERUNG

A. Einleitung

B. Das Olfaktorische als gegenstand naturwissenschaftlicher forschung

1. Die Erforschung einer Sinneswahrnehmung und deren Problematik

2. Der Riechvorgang beim Menschen - physiologische und psychologische

Erforschung

3. Die Messung des Geruchs

C. Sozial- und kulturwissenschaftliche Geruchsforschung

D. Die soziohistorische entwicklung des olfaktorischen im zivilisationsprozess

1. Der sakrale Ursprung der Verwendung von Duftstoffen

2. Die Profanierung der Düfte – ein Ausflug in die Duftwelt der Antike

3. Europäisches Mittelalter bis beginnende Neuzeit – Die Geburt des modernen Parfüms und des tödlichen Pesthauchs

4. Die „olfaktorische Revolution“ im 18. und 19. Jahrhundert und die neue Hygiene

4.1 Die olfaktorische Revolution als Folge der wissenschaftlichen Entdeckung von krankheitserregenden Gefahrenquellen

4.2 Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias und die neue Peinlichkeit

4.3 Die Strategie der Desodorisierung

4.4 Die Disziplinierung und Rationalisierung des Umgangs mit dem Olfaktorischen

4.5 Der Geruch als Indiz der sozialen Schichtzugehörigkeit

E. Ausblick

LITERATURVERZEICHNIS

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A. Einleitung

Tagtäglich und jede Minute unseres Lebens sind wir von vielfältigen Gerüchen umgeben, und doch nehmen wir diese und deren Einfluss auf beispielsweise unseren Gemütszustand bewusst kaum wahr. Obwohl der Geruchssinn, der zu den chemischen bzw. den so genannten Nahsinnen gehört, einer der mitunter hochentwickelsten Sinne ist, ist er auch der am wenigsten erforschte. Bis heute wird dieser Sinn wissenschaftlich regelrecht vernachlässigt und lediglich als „Restsinn“[1] wahrgenommen, was mitunter daran liegt, dass er heutzutage nicht mehr unbedingt überlebenswichtig ist. Die Bedeutung des Riechens ist hinter der des Sehens zurückgeblieben. Gemeinhin wird der Geruchssinn auch als animalischer Sinn bezeichnet, da er bewusst und offensichtlich heutzutage nur noch bei der Nahrungsaufnahme und im Bereich der Sexualität zum Tragen kommt.[2] Diese Degradierung zum tierischen, menschenunwürdigen Sinn, lässt ihn primitiv erscheinen und seine eigentliche Relevanz vergessen.

Der Geruchssinn ist aber trotz des vermeintlichen Desinteresses ein nach wie vor unentbehrlicher Orientierungssinn in der Lebenswelt des Menschen. Er ist ein zuverlässiges Frühwarnsystem bei Gefahren beispielsweise zur Erkennung verdorbener Lebensmittel.

Unsere hochzivilisierte Gesellschaft vernachlässigt zwar das Erforschen des vermeintlich primitiven Geruchssinns, legt aber dennoch im Umgang mit den Gerüchen der Umwelt ein rigoroses Verhalten an den Tag. Man meint geradezu, die heutige Gesellschaft hätte sich zum Ziel gesetzt, jegliche Gerüche zu neutralisieren, zu beherrschen und aus unserem Alltag zu entfernen. Die Menschen lüften, desodorisieren, benutzen geruchsbekämpfende Reinigungsmittel und verlagern negativ bewertete Geruchsquellen aus ihrem Umfeld. Sie umgeben sich vorzugsweise mit chemischen, im Labor hergestellten Gerüchen, die beispielsweise in Form von Raumsprays ironischer Weise unter den profanen Bezeichnungen „Morgenfrische“[3], „Grüner Apfel“[4] oder „Sommerbrise“[5] auf dem Markt angeboten und mit der in Flaschen eingefangenen Frische und Duftwelt der Natur beworben werden. Der tatsächliche Eigengeruch unserer Umwelt und sozialen Lebenswelt wird nicht mehr realistisch wahrgenommen.

Die natürlichen Gerüche unserer Umwelt dienen lediglich als Bezeichnung für die oben beschriebene kommerzielle Vermarktung von bspw. desodorisierender Körper-, Textilpflegemittel, Raumsprays und Reinigern. Ein ganzer Industriezweig lebt davon, dass der Mensch heutzutage kaum noch zwischen dem Geruch der Natur und dem künstlich hergestellten differenziert.

Die folgende Arbeit untersucht den Bedeutungsgehalt des Geruchs in unserer Lebenswelt, im sozialen Alltag, sowie die Praktiken, den Umgang und schwerpunktmäßig die sozio-historische Entwicklung der Gerüche im Zivilisationsprozess.

B. Das Olfaktorische als gegenstand naturwissenschaftlicher
forschung

1. Die Erforschung einer Sinneswahrnehmung und deren Problematik

Das vermeintliche Desinteresse der Wissenschaft an der Erforschung des Geruchssinnes ist mitunter darin begründet, dass es grundsätzlich große Schwierigkeiten mit sich bringt, wissenschaftliche Analysen und Ableitungen zu erstellen, die sich mit einer Wahrnehmung, etwas Nicht-Greifbarem, beschäftigen. Zusätzlich muss jeder menschlichen Wahrnehmung eine gewisse Subjektivität unterstellt werden, die es ebenfalls zu kalkulieren gilt. Die Individualität unserer Wahrnehmung wird uns besonders bewusst, wenn bestimmte Gerüche bei uns Emotionen und Erinnerungen wecken und wir den wahrgenommenen Geruch dementsprechend einordnen. Der Geruch von gebrannten Mandeln beispielsweise wird unweigerlich mit der Weihnachtszeit verbunden. Gerüche und deren Wahrnehmung sind immer auch eine Fläche der Symbolhaftigkeit und Interpretation, die wiederum individuell stark differieren.

Im Gegensatz zur optischen Wahrnehmung, lässt sich der Geruchssinn „[…] nicht auf die Ebene der Abstraktion [zu] projizieren“.[6] Er lässt außerdem eindeutige sprachliche Beschreibungen und eine direkte Vergleichbarkeit vermissen.[7] Geruchswahrnehmungen lassen sich intersubjektiv nur schwer kommunizieren, dafür fehlen ein Klassifizierungs-muster und ein Kategoriensystem. Man ist gezwungen, bei der Beschreibung auf Metaphern und externe Merkmale zurückzugreifen oder schlicht die Quelle des Geruchs zu beschreiben. Dieses Defizit lässt sich in allen Sprachen beobachten.[8]

Eine wissenschaftliche Erforschung würde bedeuten, allgemeingültige Aussagen über diesen individuell differierenden und auch emotional geprägten Sinn zu treffen. Doch all die genannten problematischen Faktoren wirken auf die wissenschaftlichen Forscher sehr abschreckend. Allerdings sind es gerade diese Schwierigkeiten, die den Geruchssinn zu einem der „[…] ausdifferenziertesten, sensitivsten und sensibelsten aller menschlichen Sinne“[9] machen.

Eine weitere Ursache der wissenschaftlichen „Ignoranz“ wird in der allgemeinen Voreingenommenheit gegenüber dem Geruchssinn angenommen. Das könnte daran liegen, dass der Geruchssinn umso überflüssiger und animalischer erschien, je zivilisierter die Menschen wurden. Man könnte annehmen, dass je intelligenter ein Lebewesen ist, desto weniger ist dieses auf seinen ’niederen’ Geruchssinn angewiesen. Bereits Platon und Aristoteles ordnete ihn den niederen Sinnen zu.[10]

2. Der Riechvorgang beim Menschen - physiologische und psychologische

Erforschung

Im Folgenden wird der physiologische und anatomische Riechvorgang des Menschen vereinfacht dargestellt und ebenso die Erforschung des Geruchssinns in der Psychologie beleuchtet.

Beim Atmen gelangen die Duftstoffe in die obere Nasenhöhle zum Nasendach. Dort liegt, nahe am Gehirn, die Riechschleimhaut, mit der die Geruchsmoleküle wahrgenommen und gelöst werden. Dabei werden sie für die rund 350 verschiedenen Rezeptortypen der insgesamt ca. 30 Millionen Riechzellen chemisch registrierbar gemacht.[11] Aufgrund der konstanten Beanspruchung erneuern sich diese alle 60 Tage. Die Rezeptoren reagieren jeweils nur auf eine bestimmt Duftnote. Sobald ein Rezeptor ein passendes Duftmolekül aufnimmt, löst dies einen elektrischen Impuls aus, der als Nervenreiz zum Riechkolben weitergeleitet wird. Von dort aus geht der Impuls weiter in andere Teile des Gehirns, die wiederum verschiedene körperliche und emotionale Reaktionen auslösen.

Der Riechkolben ist ein Teil des Gehirns und gehört zum limbischen System. Dieser limbische Teil liegt außerhalb unseres Bewusstseins, beherbergt unser Gedächtnis und steuert unsere Gefühlswelt, sowie das Lust- und Ekelempfinden.[12] Der Geruchssinn ist für Ekel- und Genussempfinden das pimäre Sinnesorgan.[13]

Da Geruchsinformationen ohne Umwege über das Bewusstsein direkt zum limbischen System weitergeleitet werden, kommt es zu den sekundenschnellen Geruchserinnerungen, wie man beispielsweise beim Geruch von Sonnencreme unweigerlich an den letzten Urlaub erinnert wird, ohne wirklich bewusst daran zu denken. An Gerüche erinnert man sich sehr lange Zeit und speichert sie nicht im Kurzzeitgedächtnis. Ein Geruch, der Erinnerungen in uns wachruft, weckt auch gleichzeitig Emotionen, Empfindungen und erinnert an im Unterbewusstsein gespeicherte Bilder und Situationen.[14]

Diese enge Verbundenheit mit unseren tiefsten, nicht bewusst steuerbaren Gefühlsbewegungen und die Unsichtbarkeit seiner Arbeitsweise verleihen dem Geruchssinn zusätzlich einen mystischen Charakter.[15]

Dass der Geruch eng mit dem vegetativen Nervensystem gekoppelt ist, bemerkt man unter anderem auch, wenn beispielsweise lediglich durch das Einatmen des Geruchs verdorbener Speisen bei einem Menschen Brechreiz ausgelöst wird. Hier wird auch gleichzeitig die Schutzfunktion der Geruchswahrnehmung für den Menschen deutlich. Es soll sowohl das physische als auch das soziale Überleben gesichert werden.[16]

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Geruchssinn von dem Mediziner und Philosophen Pierre-Jean-Georges Cabanis zum ‚Sinn der Sympathie’ erhoben, da er in ständiger Korrespondenz und Verbindung mit den anderen Sinnen und vielen Organen steht. Er beeinflusst maßgeblich Gefühle der Sympathie oder Antipathie bei Mensch und Tier.[17]

Diese Erfahrung lenkt gleichzeitig das Interesse auf die psychologische Analyse unserer Wahrnehmung von Riechstoffen und speziell deren Bedeutung für unsere Stimmungen und die Motivation zumeist emotionaler Reaktionen. Gemeint sind hier unter anderem unser Sexual- und Konsumverhalten, aber auch schlicht die Abneigung oder Präferenz eines bestimmten Geruches. Gemeinhin kann man sagen, dass die Aversion gegen einen Geruch mit dessen Penetranz und Intensität zunimmt.

Die psychologische Riechforschung, Olfaktometrie genannt, stellt bei ihren Experimenten die Habituation, die Gewöhnung des Individuums an vertraute Duftreize, und die Adaption, die allmähliche Verminderung in der Wahrnehmung der Geruchsintensität, fest.[18] Ein populäres Einsatzgebiet der in der Olfaktometrie erzielten schematischen Typologien ist die Parfumindustrie.

Bei der Untersuchung der Bedeutung der Dufteinflüsse auf die interpersonale Kommunikation stützt man sich weitestgehend auf Beobachtungen aus dem Tierreich. Ein für das tierische Verhalten sehr wichtiger körpereigener und unbewußt wahrgenommener Duftstoff sind die Pheromone. Nach Maiworm wirkt dieser sexuelle Botenstoff nicht auf den Träger, sondern lediglich auf seine Artgenossen und bestimmt maßgeblich das Sozial- und Sexualverhalten.[19] Man geht davon aus, dass diese auch das menschliche reproduktive Verhalten beeinflussen. Die Forschung ist allerdings noch zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen.

3. Die Messung des Geruchs

Bis heute können Geruchswahrnehmungen nicht eindeutig kategorisiert, klassifiziert und objektiv gemessen werden.

Als Einheit für die physiologische Messung wird das Olf benutzt. Ein Olf gibt an, wie viel Geruchsstärke eine erwachsene Person mit den Standardeigenschaften einer sitzenden Tätigkeit, einem Hygienezustand von 0,7 Bädern - dies entspricht einer Dusche alle 36 Stunden – und mit 1,8 m² Hautoberfläche pro Tag erzeugt. Das Olf sagt aber nichts über die Qualität des Geruches aus. Es kann sich sowohl um chemische Lösemittel als auch um aromatische Duftstoffe handeln. Allerdings kann durch die somit messbare Luftverunreinigung eine Lüftungsrate in Innenräumen festgelegt werden. Dies spielt unter anderem im heutigen Büroalltag bei der Wahl der Lüftungsanlage eine Rolle.[20]

C. Sozial- und kulturwissenschaftliche Geruchsforschung

Der Geruch, seine Wahrnehmung und Interpretation, sowie der Umgang mit ihm sind nicht bloß ein naturwissenschaftliches und psychologisches, sondern ebenso „[…] ein kulturelles – dh. historisch bzw. sozial geformtes und formendes Phänomen“.[21] Interessanterweise gibt es Stämme, die sich zeitlich und /oder territorial an dem sich verändernden Geruch ihrer Umwelt, genauer gesagt durch olfaktorische Bestimmung und Bewertung der Luft, orientieren. Beispielsweise haben die Bewohner der Andamanen-Inselgruppe ihren Jahreskalender anhand der Gerüche bestimmter Pflanzen strukturiert.[22] Eine solche, als odoriphil bezeichnete Gesellschaft steht im Gegensatz zur westlichen, zivilisierten, odoriphoben oder auch geruchsfeindlichen Gesellschaft. In odoriphilen Gesellschaften herrscht dementsprechend auf sprachlicher Ebene ein eindeutigerer und ausdifferenzierterer Geruchswortschatz.

Soziologisch interessant wird der Geruchssinn, wenn er, unabhängig von der sozialen Konstellation, zu Differenzierung oder gar Diskriminierung bestimmter Individuen, Rassen, Berufsgruppen etc. führt. Ein Akademiker unterscheidet sich olfaktorisch von einem körperlich arbeitenden Handwerker und wird dessen Geruch voraussichtlich negativ bewerten und sich als hierarchisch übergeordnet empfinden. Jeder von uns benutzte sicher schon einmal die Phrase, jemanden „nicht riechen“ zu können, und machte damit ganz klar eine ablehnende Haltung deutlich. Beispielsweise schließt der Philosoph und Soziologe Georg Simmel aufgrund des andersartigen Körpergeruchs der Schwarzen aus, dass diese jemals ein Teil der Oberschicht werden könnten.[23] Hier wird die durch Geruchswahrnehmung begründete soziale Stigmatisierung deutlich. „Die Sinneswahrnehmung Riechen erweitert sich über den binären Code ‚wohlriechend’/’stinkend’ und über Wohlgefühl und Ekel hinaus zur Sozialorientierung.“[24] Die Wahrnehmung, Bewertung und Einschätzung der Gerüche und der Umgang mit selbigen unterliegen einem intrakulturellen, historischen Wandel, der im folgenden Abschnitt dargestellt wird.

D. Die soziohistorische entwicklung des olfaktorischen im
zivilisationsprozess

1. Der sakrale Ursprung der Verwendung von Duftstoffen

In den frühesten zivilisatorischen Entwicklungsstufen unterscheidet sich die Bedeutung des Olfaktorischen für den Menschen kaum von der Funktion des Geruchssinns der Tiere. Er diente in erster Linie dazu, genießbare Nahrung und geeignete Partner zur Reproduktion zu finden. Die verschiedenen, natürlichen Gerüche der Lebenswelt existierten gleichberechtigt, ungeordnet und vermischt nebeneinander, ohne dass der Mensch großen Einfluss auf sie nehmen konnte.

Erst die Kontrolle über das Feuer, und somit die Fähigkeit, durch Rauchbildung Gerüche zu kontrollieren, löste den Menschen aus der primär auf das physische und soziale Leben konzentrierten Geruchswahrnehmung. Von diesem Zeitpunkt an erhielt das Olfaktorische Einzug in den sozio-kulturellen Bereich und es kann erstmals von einer Geruchs- und Duftkultur gesprochen werden.[25]

Dieser nun intentionale Umgang mit Duftstoffen fand in allen Kulturen im sakramentalen Bereich, als Kommunikationsmittel zur Göttlichkeit, statt. Durch das rituelle Verbrennen bestimmter Substanzen, wie z.B. Balsamischer Hölzer oder Gewürze, versuchte man, eine Verbindung zwischen dem Profanen und dem Sakralen herzustellen. Die dadurch erzeugten Wohlgerüche jeglicher Art waren ausnahmslos dem sakramentalen Bereich vorbehalten.

Auch heutzutage wird in den katholischen Kirchen noch Weihrauch als Symbol einer integrierenden, sozialen Handlung verbrannt, um den Anwesenden das Gefühl des gemeinsamen Übergangs vom profanen in den geheiligten Zustand zu geben. Bereits in den Geboten Moses ist von der Errichtung eines Räucheraltars die Rede.[26] "Per fumum", lateinisch "durch den Rauch", ist auch der Ursprung des heutigen Wortes "Parfüm".

Die zu dieser Zeit verwendeten Duftstoffe kamen zumeist von schwer zugänglichen, geheimnisumwobenen Orten und verliehen somit den Düften einen geheimnisvollen, magischen und übersinnlichen Charakter.

Der Umgang mit kontrollierten Düften erlangte dadurch nicht nur im sakralen Bereich, sondern auch im Bereich der Magie und Hexerei rituelle Bedeutung. „Seit der Antike sind Räucherwaren und Geruchsstoffe sowie duftende Essenzen und Salben untrennbar mit magischen Riten und Praktiken verbunden.“[27]

2. Die Profanierung der Düfte – ein Ausflug in die Duftwelt der Antike

In den Hochkulturen der Antike wurden Duftstoffe bald nicht mehr nur im sakralen Bereich angewendet, sondern erlangten ebenso eine Funktion in den Bereichen Hygiene und Medizin und nicht zuletzt im gesellschaftlichen Leben. Die Düfte wurden mehr und mehr profaniert, säkularisiert und industrialisiert. Durch den fortschreitenden Zivilisationsprozess, dem zunehmenden kulturellen Austausch bedingt durch verbesserte Handelsbeziehungen, erlangte man zusätzliches Wissen um die Verwendung und Konservierung der Duftstoffe.[28]

Düfte waren nach wie vor Luxusgüter und repräsentierten somit im sozialen Bereich Reichtum, Prestige und Macht. Aus diesem hedonistischen Motiv heraus wurde in der privilegierten Gesellschaft teilweise äußerst verschwenderisch damit umgegangen. Den Wohlgerüchen haftete immer noch aufgrund ihres sakralen Ursprungs etwas Himmlisches, Göttliches an. Durch penetrante Einparfümierung demonstrierte die soziale Oberschicht somit nicht nur ihren gesellschaftlichen Status, sondern auch ihre Nähe zum Sakralen. Man meinte durch Einparfümierung dem Göttlichen gleichzukommen[29] und Dämonen entgegenzuwirken. Doch nicht nur der Körper belästigte in der Antike „durch künstlich bereitete Salben triefend von Duft“,[30] auch Räumlichkeiten und Veranstaltungsorte wurden entsprechend beduftet.

Die Duftkultur, die zu dieser Zeit in Ägypten und Griechenland bereits sehr ausgeprägt war, erlangte in Rom einen immer höheren Stellenwert, je mehr sich das Reich ausdehnte. Von den Griechen und Ägyptern imitierten sie die Modalitäten der Anwendung von Duftstoffen. So gut wie jeder Anlass und jeder öffentliche wie private Platz in der Stadt wurde olfaktorisch untermalt.

Auch die allgemeine körperliche Hygiene gewann an Bedeutung. So entstanden nach der Eroberung Griechenlands römische Thermen nach dem Vorbild der griechischen Bäderkultur.[31]

In den hochentwickelten Kulturen der Antike dienten Gerüche auch der Etikettierung, Klassifizierung und Identifizierung sozialer Gruppen und Individuen. Die Unterscheidung zwischen Arm und Reich, Männern und Frauen, Stadt- und Landbevölkerung beispielsweise erfolgte demnach über die Nase.[32]

Aufgrund der hohen Einwohnerdichte kam es zwangsläufig zu auftretendem Gestank durch dementsprechend viele Fäkalien und Abfälle. Statt diese zu beseitigen wurden Duftstoffe zur Überdeckung der Geruchsbelästigung benutzt. Trotz eines ausgefeilten, unterirdischen Kanalisationssystems, der Cloaca maxima, war der stechende Gestank aus der Tiefe nicht zu ignorieren. Ein weiterer Gestanksherd waren die als Sammelbecken für Urin an den Straßen aufgestellten Amphoren, die den Wäschereien dienten, die damals ihre Seife aus gefaultem Urin, Fett und Talg zusammenmischten.[33]

3. Europäisches Mittelalter bis beginnende Neuzeit – Die Geburt des modernen Parfüms und des tödlichen Pesthauchs

Die religiöse, soziale und kulturelle Bedeutung der Wohlgerüche nahm nach dem Untergang der römischen Hochkultur bis ins europäische Mittelalter hinein ab und spielte nur eine sehr untergeordnete Rolle.[34] Duftstoffe fanden ihre Verwendung wieder ausschließlich im sakralen Bereich und waren für den profanen häuslichen Gebrauch weder vorgesehen, noch ausreichend verfügbar. Ein Grund für diesen Prozess war die im 4. Jahrhundert eingeleitete Christianisierung, die die Unterdrückung der sinnlichen Genüsse forderte und somit dem hedonistischen, lustvollen Umgang ein Ende setzte.

Dies änderte sich erst wieder durch den Kontakt zur islamischen Kultur, den die Europäer bei ihren Kreuzzügen zwischen 1096 und 1291 hatten.[35] Im 7. Jahrhundert stellten die Araber harte, weiße, parfümierte Seife her, die in starkem Kontrast zu der im Mittelalter

in Europa verwendeten Seifen aus Rebenaschenlauge und Hammelfett stand. In den folgenden Jahrhunderten begannen auch die Europäer nach und nach, parfümierte Seifen herzustellen, jedoch blieb deren Körperpflege weiterhin mangelhaft.[36]

Bis ins 14. Jahrhundert waren Duftstoffe ein Elitesymbol der Oberschicht und dienten rein ästhetischen Zwecken. Das erste moderne Parfüm, ein Destillat aus ätherischen Ölen mit Alkohol, entstand in Europa zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Der Beruf des Parfümeurs etablierte sich ebenso zu dieser Zeit.[37]

Eine fast schlagartige Veränderung in der Bewertung und Funktion der Gerüche vollzog sich im Spätmittelalter aufgrund der immer wiederkehrenden Seuchen und Epidemien, wie der Pest von Avignon 1348. Man suchte verzweifelt nach Erklärungen und glaubte schließlich an die Miasmenlehre, die davon ausgeht, dass stinkende Ausdünstungen des Körpers oder Bodens Ansteckungsstoffe für tödliche Krankheiten enthielten. So wurde auch von der Pest angenommen, dass sie von schlechtem Geruch übertragen würde. Daraus resultiert auch der Begriff „Pesthauch“. Und nur durch Gerüche wiederum, glaubte man, sich vor diesem Tod schützen zu können. Bei den beiden großen Pestepidemine 1720 und 1771 wurden letztmalig Duftstoffe speziell im Kampf gegen die tödliche Seuche eingesetzt. Zumeist rüstete man sich mit in Essig oder Kampfer getränkten Schwämmen, Riechäpfeln und Riechkapseln.[38]

Zusätzlich herrschte eine kollektive Angst vor Wasser, die sich in einer diffusen Auffassung von hygienischer Reinlichkeit und Sauberkeit in dieser Epoche begründet. Insbesondere warmem Wasser wurde unterstellt, die Fasern erschlaffen zu lassen, die Körpersäfte zu verdünnen, die Haut porös zu machen, die Poren zu öffnen und somit frei zu machen für die im wahrsten Sinne des Wortes verpestete Luft. Da Waschen als infektionsfördernd und die Badeanstalten als Ansteckungsort verschrien waren, verschwanden alsbald die mittelalterlichen Badehäuser. Gewaschen wurden nur noch Gesicht und Hände, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Man verwendete dazu stark parfümiertes Wasser, dem eine kräftigende und erfrischende Wirkung nachgesagt wurde.[39]

Sauberkeit hatte damals nicht die Bedeutung im heutigen Sinne, sondern verlor sich in kulturellen Zeichen und Symbolen als Modell sozialer Selbstdarstellung. Sie war etwas Sichtbares, Vornehmes, Repräsentatives und äußerte sich zumeist in prunkvoller, parfümierter Kleidung. Der Körper selbst erfuhr Reinigung nur in Form von Trockenwäschen und konstanter Einparfümierung.

4. Die „olfaktorische Revolution“ im 18. und 19. Jahrhundert und die neue Hygiene

4.1 Die olfaktorische Revolution als Folge der wissenschaftlichen Entdeckung von krankheitserregenden Gefahrenquellen

Von der Mitte des 18. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts erwuchs in der Bevölkerung eine kollektive Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Gerüche. Die natürlichen, profanen Gerüche entwickelten sich zu einem gesellschaftlichen Problem und dies führte zu einer Neuordnung und Neubewertung des Olfaktorischen.

Diese sinkende Toleranzschwelle in Verbindung mit der sich wandelnden Wahrnehmung, Bewertung und Interpretation der Gerüche bezeichnet der französische Historiker Alain Corbin als „olfaktorische Revolution“.[40] Diese Wahrnehmungsrevolution vollzog sich zwischen 1750 und 1880.

Begründet ist diese zum einen in der Urbanisierung. Die Städte verdichteten sich und der soziale Raum eines jeden Einzelnen wurde durch die stark anwachsende Einwohnerzahl immer enger. Es entstand ein neues Städtebild; das der Großstädte. Diese waren eng,

überfüllt, schmutzig und es herrschte „[…] ein für uns moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank“[41] nach Urin, Schweiß, Rattendreck und fauligen Substanzen. Exemplarisch dafür steht in Corbins Werk die Stadt Paris in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Deutschland entwickelte erst Ende des 19. Jahrhunderts großstädtische Verhältnisse wie Frankreich. Dementsprechend setzte auch der oben angesprochene soziale Wandel etwa einhundert Jahre später ein.

Das neue Städtebild vergrößerte die Kluft zwischen der Stadt- und Landbevölkerung noch mehr und beeinflusste auch das Verhältnis zum Olfaktorischen. Man hatte Angst vor den sozialen Ausdünstungen, dem Körpergeruch des Anderen.[42] Nicht mehr nur die niedere soziale Schicht, sondern die bloße Nähe des Anderen und die Masse, unabhängig ihrer sozialen Zusammensetzung, galten als gefährlich.

Als besondere Gefahr stufte man geschlossene Räume ein, in denen viele Menschen zusammengepfercht waren, wie etwa Gefängnisse, Schulen, Hospitäler, Theater, Schiffe usw. Die Angst forderte nicht nur eine architektonische Neugestaltung dieser Orte, sondern auch eine Neustrukturierung der Städte.[43]

4.2 Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias und die neue Peinlichkeit

Sucht man nach dem Ausgangspunkt für den veränderten Umgang mit dem Olfaktorischen, wird die Zivilisationstheorie des Soziologen Norbert Elias interessant. In seinem 1930 publizierten Werk „Über den Prozess der Zivilisation“[44] analysiert er den Wandel des Alltagsverhaltens der Oberschichten in Europa. Er kam zu der Erkenntnis, dass vermeintlich Anstößiges wie Sexualität oder das Verrichten der natürlichen Bedürfnisse bis zum 16. Jahrhundert ohne weiteres Interesse zu wecken in aller Öffentlichkeit geschah. Von nun an jedoch in der zivilisierten Gesellschaft mit Scham- und Peinlichkeitsgefühl belegt und nur noch im privaten Bereich verrichtet wurde. Sind Hygiene, Sauberkeit und Geruchlosigkeit erst mal als kulturelle Werte ‚entdeckt’, so markieren sie stets soziale Unterschiede, Pflichten und Positionen.[45] Die neue Sensibilität gegenüber dem als hygienisch richtig Erkannten und der ‚zivilisierte’ Habitus beginnt in den oberen sozialen Schichten und wird von den unteren imitiert.[46] Was die Oberschicht an kulturellen und sozialen Werten vorlebt, wird von der Unterschicht als erstrebens- und nachahmenswert betrachtet. Dies setzt einen nicht-linearen Entwicklungsprozess in Gang, in dem sich „[…] die Affektlage, die Sensibilität, die Empfindlichkeit und das Verhalten der Menschen“[47] ändern. Es kommt allerdings nie zu einer vollständigen Assimilierung der sozialen Schichten, da sich mit jeder Angleichung der Unterschicht, die Angst der Oberschicht um Macht- und Prestigeverlust steigert und diese sich in folge dessen umso mehr bemüht, das Unterscheidende hervorzukehren, zu stabilisieren und sich strategisch abzugrenzen.[48]

Im Wesentlichen macht Norbert Elias das veränderte Zusammenleben der Menschen für den Prozess der Neubewertung des Olfaktorischen verantwortlich.

4.3 Die Strategie der Desodorisierung

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts konstituierte sich die Osmologie, die Lehre von den Riechstoffen, und erhob die Nase zu einem entscheidenden Wahrnehmungssinn und Detektor für die Gefahren, die von sozialen Ausdünstungen, dem geruchsspeichernden Mauerwerk, dem Straßenschmutz und den Fäkalien ausgingen. Außerdem bemühte man sich, Gerüche zu verbalisieren, um sie genauer betiteln zu können und schließlich Geruchsdefinitionen und –klassifikationen aufzustellen.[49]

Der öffentliche Raum wurde durch Strategien der Desodorisierung hygienisch bereinigt.[50] Die Wissenschaft der Hygiene strebte danach, die Quellen des Gestanks zu beseitigen oder zumindest zu isolieren, die Zirkulation der Luft zu verbessern und die Stagnation der schlechten Gerüche zu vermeiden. Dafür verlegte man Geruchsherde wie Friedhöfe an die Peripherie der Städte, bei baulichen Maßnahmen ging man dazu über, vermehrt Stahl und Glas zu verwenden und man konzipierte erste Pläne für Belüftungsmaschinen und Ventilatoren.[51] Um die Straßen besser mit Wasser reinigen zu können, ging man dazu über, die Wege mit Steinplatten zu pflastern. In dieser Maßnahme sah man auch einen Schutz vor den bis dato so gefürchteten, fäulniserregenden Ausdünstungen des Bodens und des Grundwassers.[52]

Der Versuch, die Stadt geruchlos zu machen wurde begleitet von dem Willen, die moralisch unkontrollierten Individuen zu reglementieren und zu disziplinieren.[53] Es entstand eine neue Wohnpolitik, gestützt auf den Traum vom gesunden Leben.

Der vermutlich sinnvollste Schritt in der Revolution der Geruchsbeseitigung war die Organisation der Abfall- und Unratbeseitigung sowie die Vorschrift der Installation von Latrinen in den Neubauten der Privilegierten.[54]

4.4 Die Disziplinierung und Rationalisierung des Umgangs mit dem Olfaktorischen

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kritisierte man den Einsatz der Düfte im Kampf gegen die Pest und widmete sich den von der modernen Chemie angebotenen vernünftigeren Methoden zur Neutralisierung der Miasmen.

Die Lehre des schädlichen Gestanks hielt sich noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die Entdeckungen der modernen Bakteriologie, wie zB. die Entdeckung des Cholera-Erregers von Robert Koch 1884, verdeutlichten, dass nicht die gefürchteten Fäulnis- und Zerfalldünste an sich krankmachten, sondern Mikroorganismen. Diese neue Erkenntnis führte dazu, dass man endlich den wahren Krankheitsursachen auf den Grund ging und die mangelnde Hygiene sowie die schlechten Lebensbedingungen anprangerte. Die Nase wurde nicht länger vorrangig als medizinischer Gefahrendetektor genutzt. Während im 16. Jahrhundert die hygienische Sauberkeit ein Kriterium der sittlichen und elitären Umgangsform vor allem der Oberschicht war, zielte sie im 18. Jahrhundert auch auf die armen Bevölkerungsgruppen. Sauberkeit hatte nun endlich auch etwas mit Reinlichkeit zu tun und zielte auf die Heilung und Gesunderhaltung des menschlichen Körpers. Die Veränderung der Hygienemaßnahmen lässt sich allerdings nicht nur auf die rationale Einsicht der Krankheitsentstehung zurückführen. Vielmehr resultiert die olfaktorische Revolution wie bereits erwähnt aus der ab 1800 voranschreitenden Industrialisierung, die auch neue materielle Verhältnisse mit sich brachte sowie dem veränderten Aufbau der Gesellschaft und des Zusammenlebens.

Erstmalig nahm zu dieser Zeit die Sichtweise auf den Menschen als Individuum Gestalt an. Durch diese neue Herausbildung des modernen Individualismus nahm man sich als Persönlichkeit wahr, die sich von den anderen Menschen unterscheidet.[55] Je mehr sich das Individuum seiner Individualität bewusst ist, sich als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt und definiert, desto deutlicher und intensiver erfasst es auch seinen eigenen Geruch. Daraus resultiert einerseits, das eigene Selbst mit größerer Sorgfalt zu pflegen, andererseits schnell auch Ekel gegenüber den Gerüchen Anderer zu empfinden. Georg Simmel formulierte, „[…] daß [ sic! ] mit der sich verfeinernden Zivilisation offenbar die eigentliche Wahrnehmungsschärfe aller Sinne sinkt, dagegen ihre Lust- und Unlustbetonung steigt“[56].

Mit dieser wachsenden Empfindlichkeit neigt der Mensch dazu, sich auch räumlich zu isolieren.

Ein angenehmes Auftreten verpflichtet dazu, besonders darauf zu achten, ein anderes Individuum nicht durch unangenehme Körpergerüche oder penetrante Parfums zu belästigen.[57] Die schweren Parfums wie Ambra oder Moschus verschwanden und mangelnde Hygiene wurde nicht länger durch aufdringliche Duftstoffe kaschiert. Von nun an durfte man oder etwas nur noch gut riechen, wenn es vorher desodorisiert, also gewaschen und geruchlos gemacht, wurde.[58] Schweren Parfums wurde ihre schützende Wirkung abgesprochen und höchstens eine erotische Funktion nachgesagt. Daher wurden sie nur noch mit dem anrüchigen Gewerbe der Dirnen in Verbindung gebracht. Oftmals interpretierte man den schweren Geruch auch als Versuch, die Nicht-Reinlichkeit zu verdecken und somit der unteren Schicht anzugehören. Denn lediglich Bürger niederer Herkunft waren mit den Regeln der neuen Hygiene nicht gänzlich vertraut.

Dies war die Geburtsstunde der zarten, subtilen Blumendüfte, die keinerlei hygienisches oder therapeutisches Ziel mehr hatten. Anstands- und Manierbücher vom Ende des 19. Jahrhunderts präzisierten deren Anwendung und riefen zu einem dezenten Einsatz derselben auf.[59] Ein dezent duftendes Parfum war nun Ausdruck von Individualität und Besonderheit und ein Symbol dafür, dem Bürgertum anzugehören. Die subtile olfaktorische Inszenierung sollte die Einzigartigkeit des Individuums untermalen.

Auch die privaten Räumlichkeiten erfuhren im Zuge der neuen Reinlichkeit eine Veränderung. Die Orte der Hygiene, wie Badezimmer und Toilette, wurden vom restlichen Wohnraum abgetrennt und ‚hinter die Kulissen’ des gesellschaftlichen Lebens verlegt. Hierbei gewann auch die Gestaltung der hygienischen Räume und Becken an Bedeutung. Dieses Isolieren des Peinlichgewordenen ist nach Elias Theorie typisch für den Zivilisationsprozess.[60] So schützt man sich vor dem Dreck der Anderen und bewahrt gleichzeitig seine Intimität.

Zusätzlich wurden auch die übrigen Wohnbereiche, zumindest in den Häusern der Mittel- und Oberschichten, voneinander getrennt. Die öffentlichen Gesellschaftsbereiche, wie Wohn- und Esszimmer, werden von den privaten Intimbereichen, wie Schlafzimmer und Waschraum, getrennt. Diese räumliche Trennung innerhalb der Familie der Oberschichten führte zu einer Beschleunigung der eigenen Individualisierung und zu einer gesunkene Geruchstoleranz gegenüber den anderen Familienmitgliedern. Was vorher vor den Augen der anderen stattgefunden hat, wird nun in die speziell dafür vorgesehen Räume verlegt und somit bleiben auch die jeweiligen Gerüche auf die spezifischen Örtlichkeiten beschränkt. Gerüche mischen sich nun nicht mehr, sie sind vorhersehbar und infolgedessen besser kontrollierbar geworden. Corbin spricht von einer durch diesen Prozess aufgekommenen völlig neuen narzisstisch motivierten Riechästhetik.[61]

4.5 Der Geruch als Indiz der sozialen Schichtzugehörigkeit

Der Geruch des anderen ist wieder einmal ein entscheidendes, moralisches und ethisches Kriterium. Die Desodorisierung war ausschließlich dem privilegierten Bürgertum vorenthalten. Daher gab es eine klare Trennungslinie zwischen dem Geruch der Reichen und dem ‚Gestank’ des niederen Volkes. Während die Wohlhabenden sich ganz und gar der neuen Hygiene hingaben, wurden diejenigen sozial oder gar moralisch abgewertet, deren Geruch als auffällig oder gar belästigend empfunden wurde.

Darunter waren zu jeder Zeit vor allem diejenigen Bürger, die von vorneherein mit einem negativen Stigma behaftet sind. Im 14. Jahrhundert waren dies vor allem die Juden und Leprakranken, im 16. Jahrhundert- wie auch schon in der Antike- die Dirnen, im 18. Jahrhundert die Homosexuellen und viele Handwerker und im 19. Jahrhundert schließlich die gesamte untere Schicht des Volkes. Man diskriminierte diese als stinkend und schmutzig und distanzierte sich auch räumlich weitestgehend von ihnen. Da anfangs die sanitären Einrichtungen und deren Benutzung nur im Bürgertum gebräuchlich waren, blieb die Unterschicht hygienisch unrein und die Kluft zwischen dem gesellschaftlichen Oben und Unten wurde immer größer. Der Geruch ist endgültig ein Indiz für die soziale Herkunft und den gesellschaftlichen Stand geworden.[62] Doch auch der kulturelle und zivilisatorische Entwicklungsstand einer Gesellschaft konnte von nun an an deren Fähigkeit gemessen werden, das Olfaktorische zu kontrollieren.

E. Ausblick

Wie die Arbeit zeigt, kann der Umgang der zivilisierten Gesellschaft mit dem Olfaktorischen nur unter Berücksichtigung der Zivilisationskurve des Geruchs nachvollzogen werden. Deren Verlauf ist nach Norbert Elias hauptsächlich geprägt durch Rationalisierung, Distanzierung und Disziplinierung im Umgang mit den Gerüchen.[63] Jedoch muss die Zivilisationstheorie auch kritisch betrachtet werden. Es ist fraglich, ob es vor dem von Elias beschriebenen Zivilisationsprozess ein ungehemmtes Ausleben jeglicher menschlicher Bedürfnisse gab oder ob schon immer gewisse Kulturstandards der Scham existierten. Einer seiner Kritiker diesbezüglich ist der Ethnologe Hans Peter Duerr.[64]

Der veränderte Umgang resultiert einerseits aus der zunehmenden Bedeutung des Individuums und andererseits aus der fortschreitenden Entwicklung von Hygiene- und Reinlichkeitsstandards. Durch den sozialen Wandel im menschlichen Zusammenleben erfuhr das Individuum als Persönlichkeit eine vollkommene Neubewertung. Infolgedessen etablierten sich auch neue gesellschaftliche Verhaltensnormen. Im Bereich der Hygiene gaben vor allem die neuen naturwissenschaftlich-medizinischen Erkenntnisse den Ausschlag für fortschrittliche Innovationen.

Die Zivilisationskurve ist außerdem geprägt durch die Orientierung des Menschen an einem angestrebten Ideal vom Menschen. Dieses Ideal manifestiert sich als Leitbild für die untere soziale Schicht in den gesellschaftlichen Werten, die die Mittel- und Oberschicht vorlebt. Auf dem Weg, diesem angestrebten Ideal nahe zu kommen, wird alles verworfen und rationalisiert, was diesem idealisierten Zustand nicht entspricht. Dazu gehören auch die sozialen Randgruppen wie Kranke, Alte und andere diskreditierbare Gruppen.

Der Geruch diente zu jeder Zeit und kulturunabhängig auch zur Polarisierung der Bevölkerung in Bürgertum und Proletariat.

Um die Gesellschaft in Oben und Unten zu kategorisieren, ist die Nase ein entscheidendes Wahrnehmungsinstrument, denn das Geordnete, Saubere, Schöne, Zivilisierte, Heilige und somit für den idealisierten Zustand Erstrebenswerte, ist geruchlos bzw. wohlriechend. Auf der anderen Seite findet sich das Stinkende als Symbol des sozial Untergeordneten, Animalischen, Unzivilisierten und Schmutzigen. Diese olfaktorische Intoleranz nahm im Laufe des Entwicklungsprozesses stetig zu.

Zivilisation hat also etwas mit Manipulation und Kontrolle von Gerüchen zu tun. Dies äußert sich in der heutzutage so ausgeprägten Desodorisierung mit den idealisierten, künstlich-industriell hergestellten Wohlgerüchen wie Raumsprays und Deodorants. Der Mensch hat nun das Gefühl, das Natürliche und Ursprüngliche kontrollieren zu können. Damit hat er sich einen ‚geruchlosen’ Raum geschaffen, in dem er durch Verbreitung der von ihm ausgewählten Wohlgerüche narzisstisch seine individuelle und kostbare Persönlichkeit ausdrücken kann.

LITERATURVERZEICHNIS

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CLASSEN, Constance/ Howes, David/ Synnott, Anthony: Aroma. The Cultural History of Smell, London 1994

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ELIAS, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bände, Frankfurt am Main 1976

FAURE, Paul: Magie der Düfte. Eine Kulturgeschichte der Wohlgerüche. Von den Pharaonen zu den Römern, München/Zürich 1991

HENGLEIN, Martin: Die heilende Kraft der Wohlgerüche und Essenzen. Die Geschichte, die Gerüche, die Anwendung, Zürich 1989

JELLINEK, Paul: Die psychologischen Grundlagen der Parfümerie, Heidelberg 1973

KRIST, Sabine/ Grießer, Wilfried: Die Erforschung der chemischen Sinne. Geruchs- und Geschmackstheorien von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 2006

KRUMREY, Horst V: Entwicklungsstrukturen von Verhaltensstandarten: eine soziologische Prozeßanalyse auf der Grundlage deutscher Anstands- und Manierbücher von 1870-1970, Frankfurt am Main 1984

LE GUERER, Annik: Die Macht der Gerüche. Eine Philosophie der Nase, Stuttgart 1992

MAIWORM, Regina E.: Menschliche Geruchskommunikation. Einflüsse körpereigener Duftstoffe auf die gegengeschlechtliche Wahrnehmung, Münster 1993

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MORRIS, Edwin T.: Düfte. Eine Kulturgeschichte des Parfüms, Düsseldorf 1993

OHLOFF, Günther: Irdische Düfte – Himmlische Lust. Eine Kulturgeschichte der Duftstoffe, Frankfurt am Main/Leipzig 1996

PERNLOCHNER-KÜGLER, Christine: Körperscham und Ekel – wesentlich menschliche Gefühle, Münster 2004

RAAB, Jürgen: Soziologie des Geruchs. Über die soziale Konstruktion olfaktorischer Wahrnehmung, Konstanz 2001

RIMMEL, Eugene: Magie der Düfte. Die klassische Geschichte der Parfüms, Stuttgart 1993

SIMMEL, Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908

SÜSKIND, Patrick: Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders, Zürich 1985

Websites

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Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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[1] Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 13.

[2] Vgl. Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 13.

[3] Vgl. Airwick: http://www.airwick.de/fragrance_finder.php?fid=13.

[4] Vgl. Wunderbaum: http://www.wunder-baum.de/home.php.

[5] Vgl. Lenor: http://www.lenor.de/html/main.html.

[6] Simmel (1908), Soziologie, S. 656f.

[7] Vgl. Simmel (1908), Soziologie, S. 656f.

[8] Vgl. Burdach (1988), Geschmack und Geruch, S.30.

[9] Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 43.

[10] Vgl. Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 27-35.

[11] „Die Entdeckung der Riechnerven wird Claudius Galenus (129-199 n.Chr.) zugeschrieben; erste Vermutungen über die Funktionsweise der Geruchswahrnehmung sind aber schon beim römischen Dichter Titus Lucretius Carus (97-55 v.Chr.) in seinem Werk De rerum natura enthalten.“( Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 41).

[12] Vgl. Ohloff (1996), Irdische Düfte, S. 15.

[13] Vgl. Pernlochner-Kügler, Körperscham und Ekel, S. 150.

[14] Vgl. Morris (1993), Düfte, S. 50ff.

[15] Vgl. Morris (1993), Düfte, S. 49.

[16] Vgl. Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 40-43.

[17] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 185ff.

[18] Vgl. Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 46-47.

[19] Vgl. Maiworm (1993), Menschliche Geruchskommunikation, S. 39.

[20] Vgl. http://www.umweltlexikon-online.de.

[21] Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 53.

[22] Vgl.Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 74.

[23] Vgl. Le Guérer (1992), Die Macht der Gerüche, S. 41.

[24] Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 88.

[25] Vgl. Ohloff (1996), Irdische Düfte, S. 25f.

[26] Vgl. Das zweite Buch Moses, Kapitel 30, Vers 34-38.

[27] Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 105.

[28] Vgl. Faure (1991), Magie der Düfte, S. 273.

[29] Vgl. Faure (1991), Magie der Düfte, S. 42ff.

[30] Faure (1991), Magie der Düfte, S. 160.

[31] Vgl. Rimmel (1993), Magie der Düfte, S. 125ff.

[32] Vgl. Classen et al. (1994), The Cultural History of Smell, S. 33-38.

[33] Vgl.Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 115f.

[34] Vgl. Rimmel (1993), Magie der Düfte, S. 225-233.

[35] Vgl. Henglein (1989), Die heilende Kraft der Wohlgerüche und Essenzen, S. 45ff.

[36] Vgl.Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 118f.

[37] Vgl. Morris (1993), Düfte, S. 58f.

[38] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 90f.

[39] Vgl.Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 119-121.

[40] Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft.

[41] Süskind (1985), Das Parfüm, S.1.

[42] Vgl.Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 124f.

[43] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 153ff.

[44] Elias (1976), Über den Prozess der Zivilisation.

[45] Vgl.Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 126.

[46] Elias (1976), Über den Prozeß der Zivilisation, S. 155.

[47] Vgl. Elias (1976), Über den Prozeß der Zivilisation, S. 155.

[48] Elias (1976), Über den Prozeß der Zivilisation, S. 424ff.

[49] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 149ff.

[50] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 121ff.

[51] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 165ff.

[52] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 122f.

[53] Vgl. Raab (2001), Soziologie des Geruchs, S. 128

[54] Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 141.

[55] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 130f.

[56] Simmel (1908), Soziologie, S. 657ff.

[57] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 101f.

[58] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 103f.

[59] Krumrey (1984), Entwicklungsstrukturen von Verhaltensstandarten, S.241f.

[60] Vgl. Elias, (1976), Über den Prozeß der Zivilisation, S. 163.

[61] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 223f.

[62] Vgl. Corbin (1984), Pesthauch und Blütenduft, S. 140ff.

[63] Elias, (1976), Über den Prozeß der Zivilisation.

[64] Vgl. Hans Peter Duerr (1988), Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, Band 1.

Details

Seiten
23
Jahr
2007
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111194
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl: Europäische Ethnologie / Volkskunde
Note
1,0
Schlagworte
Geruch Einfluss Wahrnehmung Lebenswelt Menschen Hauptseminar

Autor

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Titel: Der Geruch  -  Der Einfluss der olfaktorischen Wahrnehmung auf die sozio-kulturelle Lebenswelt des Menschen