Lade Inhalt...

Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1889)

Hausarbeit (Hauptseminar) 1993 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Gerhart Hauptmann und der Naturalismus
1.2 Das Konzept des ,,sozialen Dramas“

2 Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang
2.1 Der geschichtliche Hintergrund
2.2 Die Staats– und Gesellschaftsform
2.2.1 Die Monarchie (Der Obrigkeitsstaat)
2.2.2 Der ,,Musterstaat“ (Das sozialistische Modell)
2.3 Das Wirtschaftssystem
2.3.1 Auswirkungen des Kapitalismus
2.3.2 Lösungsversuche des Sozialismus
2.4 Die Gesellschaftsordnung
2.4.1 Die Schichten
2.4.2 Gesellschaft und Familie
2.5 Die Familie
2.5.1 Alkoholismus und Vererbung
2.5.2 Die Zentralfigur Alfred Loth

3 Rezeption und Wirkung

4 Resümee

1 Einleitung

Die Gesellschaftskritik in der Literatur ist so alt wie die ältesten darin beschriebenen Ge- sellschaftssysteme selbst. Die Entwicklung ihrer Methoden und Formen vollzog sich dabei stets durch das modifizierte Verhältnis von Literatur und Gesellschaft im jeweiligen histo- rischen Kontext. Das Wirkungsziel aber blieb größtenteils gleich: die positive Veränderung der gesellschaftlichen Realität durch die literarisch–modellhafte, enttabuisierte Darstellung gesellschaftlicher Defizite.

Gerhart Hauptmann (1862–1946) liefert durch sein Aufgreifen der aktuellen gesellschaft- lichen Probleme daher einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Wechselbeziehung zwischen Literatur und der historisch–sozialen Realität seiner Zeit. Sein Erstlingsdrama V or Sonnenaufgang (1889), zugleich das erste naturalistische Drama, ist ein Beispiel für die Realisierung der Gesellschaftskritik im Kontext von Gesellschaft und Literatur in Deutsch- land zur Zeit des zweiten Reichs“. Im folgenden wollen wir lehnung an Hermann” Barnstorff definieren als Gesellschaftskritik“ in Anlehnung an Hermann Barnstorff definieren als

Darstellungen, Ausführungen und Bemerkungen in Werken der Literatur, die gesell- schaftliche, politische und ökonomische Fragen beleuchten und behandeln. [. . . ] [J]ede Erwähnung dieser Fragen [. . . ] zeigt [. . . ], daß sie im Schaffen der [. . . ] Schriftsteller eine Rolle spielen, und wir erhalten durch sie Einblicke in die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit, wie sie sich in den Anschauungen der Darsteller wie auch der Dargestellten widerspiegeln.[1]

Dem Thema der Arbeit entsprechend, werden wir folglich zur Textanalyse einen litera- tursoziologischen Ansatz wählen, der die Beziehungen zwischen dem literarischen Text als Ausdruck des gesellschaftlichen Individuums Gerhart Hauptmann und der historisch– gesellschaftlichen Realität um 1890 offenlegt. Dieser Ansatz bietet sich zudem besonders deswegen an, weil sich die naturalistische Literatur ja gerade der gesellschaftlichen Prozesse (gesellschaftskritische Tendenz) annimmt, ihr also ein pragmatisches Literaturverständnis zugrundeliegt.

In diesem Einleitungsteil wollen wir daher zunächst auf den geistesgeschichtlichen Hin- tergrund des frühen Gerhart Hauptmann und seine Bedeutung für die Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang eingehen (Abschnitt 1.1 [S. 4]), bevor wir uns der Konzeption des Stücks selbst als sozialem Drama“ widmen (Abschnitt 1.2 [S. 6]). Im Hauptteil der Ar- ” beit soll dann, trotz der engen Verknüpfung und den Interdependenzen der verschiedenen Aspekte der Gesellschaftskritik, zumindest durch eine grobe Gliederung das Gesamtbild der Kritik durch die konstitutiven Elemente verdeutlicht werden. Nach einer detaillierte- ren Darstellung des historischen Hintergrunds für das Drama (Abschnitt 2.1 [S. 7]) steht dann die politische (Abschnitt 2.2 [S. 10]), wirtschaftliche (Abschnitt 2.3 [S. 13]), soziale (Abschnitt 2.4 [S. 17]) und gesellschaftliche Zeitkritik (Abschnitt 2.5 [S. 19]) im Mittel- punkt der Untersuchung. In Abschnitt 3 (S. 26) wollen wir abschließend auf die Wirkung und Rezeption des Texts eingehen, wobei dort, anders als im Hauptteil der Arbeit, wo v. a. inhaltliche Aspekte im Vordergrund stehen, auch verstärkt die formalen Neuerungen einfließen.

1.1 Gerhart Hauptmann und der Naturalismus

Der junge Gerhart Hauptmann läßt sich der kulturkritischen Protestströmung des Natu- ralismus zuordnen, die sich unter dem Eindruck eines technisch–wissenschaftlichen Leit- bilds als erste moderne“ Literatur versteht, die die umwälzenden naturwissenschaftlichen, ” industriellen, sozialen, politischen und soziologischen Phänomene und Erkenntnisse des 19. Jht. aufgreift und naturgetreu“ abbildet.[2] Die Literatur des Naturalismus vollzog den Anschluß an die ” historisch–soziale Situation und gesellschaftliche Realität und hat immer wieder die enorme Bedeutung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse für das gesellschaftliche Leben und die Literatur betont.

Die Naturalisten, die sich in Deutschland durch die konservative und nationalistische Prägung der Gründerzeit nach 1871 verspätet durchsetzen (Kernzeit 1885–1895), stellen ihre Literatur in den Dienst der Aufdeckung gesellschaftlicher, v. a. sozialer Mißstände ( so- ziale Frage“), die mit dem Eintritt Deutschlands in die Phase der Hochindustrialisierung ” und all ihren Folgen auftauchten und die Gesellschaft zu zerrütten drohten.[3] Die neuen Probleme der scharfen sozialen Kontraste öffneten die Literatur für bis dahin tabuisierte Themen und sozialrevolutionäre Intentionen. Das Streben nach sozialen Verbesserungen war folglich das Hauptziel:

Aufklärung über die Lage der niederen Klassen zu geben, Sympathie für die wirt- schaftlich Unterdrückten zu erwecken und das Unrecht, das an sozial Leidenden be- gangen wird, an den Pranger zu stellen, hielten die Dichter des deutschen Naturalis- mus für eine ihrer ersten Aufgaben. Deshalb muß Alfred Loth in Vor Sonnenaufgang“ eine neue soziale Weltordnung verkünden, obgleich die Menschenschicht, für die er Mitleid zu erwecken sucht, nicht im Drama auftritt.[4]

Die Zielrichtung der Literatur des Naturalismus ist also v. a. gegen idealistische wie auch gesellschaftsaffirmative Literaturauffassungen der Gründerzeit gerichtet. Für die Natura- listen stand fest, daß der erstaunliche Fortschritt auf vielen Gebieten im 19. Jht. keinerlei Niederschlag in einer neuen Literatur gefunden hatte und immer wieder auf konventionel- le Formen ( Literaturdrama“ etc.) und dargestellte Wirklichkeitsbereiche zurückgegriffen pseudo–idealistische Salonkultur“[5]), die ” wurde (kulturelle Stagnation und Regression: ” nicht mehr in das veränderte Bild der Zeit paßten.

Im Anschluß an die im Kreis der Naturalisten viel diskutierten Erkenntnisse der Natur- wissenschaften, v. a. der Evolutionslehre und des Positivismus, ist Hauptmanns Welt– wissenschaftlich–biologistische“ Annahme vom Zu- ” und Menschenbild geprägt durch die sammenwirken von Vererbung und Milieu, die den Menschen vorherbestimmen und kau- sal determinieren. Der Naturalismus wollte die Realität ja ungeschminkt darstellen, die pseudo–wissenschaftliche“ Durchdringung der Wirklichkeit sollte also garantieren, daß ” die Literatur wieder glaubwürdig und v. a. gesellschaftlich relevant wird. Die Thesen der der Schlüssel zu sein, um das Ver- Vererbungs– und Milieudetermination schienen gerade ” halten des Menschen aus seinen historischen und aktuellen Bedingtheiten wissenschaftlich erklären zu können.“[6] Hauptmanns V or Sonnenaufgang stellt schließlich den Abschluß ei- ner geistigen Entwicklung und Reifung bis zu diesem Punkt und die Konsequenz dieser U¨ berlegungen dar:[7]

Man darf sagen, daß alle diese Erfahrungen, die der junge Hauptmann macht, in gewisser Hinsicht zeittypisch sind für jene kulturgeschichtliche Umbruchsituation des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die säkulare ” Moderne“ mit der geistigen U¨ berlie- ferung zu brechen droht, darüber hinaus aber auch für das geistige Bild Deutschlands überhaupt bedeutend sind.[8]

Da sich der literarische Naturalismus also gerade als Protestbewegung gegen die gesell- schaftliche und literarische Realität der Zeit versteht, ist ihm die Kritik an beiden inhärent und diese artikuliert sich gerade im Drama sowohl inhaltlich (Thematik) als auch formal (Darstellung).

Es ist nicht verwunderlich, daß die verspäteten deutschen Autoren bei den großen auslän- dischen Naturalisten Vorbilder für das eigene Schaffen suchten. Im Kontext von V or Son- nenaufgang werden immer wieder zwei wichtige Einflüsse genannt, Tolstoj und Ibsen. In Tolstojs Macht der Finsternis (1886) fand Hauptmann die Motive der moralischen Korrup- tion unter dem Einfluß des Kapitalismus, Dekadenz, Ehebruch und Trunksucht vorgeformt, doch ist dort die soziologisch–naturalistische Problemstellung keineswegs so dominant wie bei V or Sonnenaufgang.[9] Wesentlicher ist für die Gestaltung des Dramas Hauptmanns Ori- entierung an seinem Vorbild Ibsen, die sowohl inhaltlich wie formal nachgewiesen werden kann und uns zur Konzeption des Texts hinführt:

Ibsens Dramen hatten den Zeitgenossen — und darin begründete sich das epochale Interesse am Schaffen des Norwegers, zumal in Deutschland — die gesellschafts- kritische Funktion, das gesellschaftskritische Potential der (dramatischen) Literatur vorgeführt. Sie hatten zugleich ein bestimmtes dramaturgisches Instrumentarium eta- bliert: das Ensemble des Familiendramas und die Figur des Boten aus der Fremde, die analytische Technik, den zugespitzten, zur Thesenbildung drängenden Dialog und schließlich die Funktionalisierung all dieser Elemente im Hinblick auf eine Dramatisie- rung des Konflikts zwischen fortschrittlichem Individuum einerseits, gesellschaftlicher Reaktion ( kompakter Majorität“) andererseits.[10]

1.2 Das Konzept des sozialen Dramas“

Durch die Darstellung der gesellschaftlichen Mißstände seiner Zeit hat Hauptmann früh- zeitig den Ruf des sozialen Dichters“ erworben. Die Gattungsangabe des Untertitels von am V or Sonnenaufgang, soziales Drama“, beinhaltet im Sinne der Wirkungsweise des Natu- ralismus eine Kritik ” Verhalten der Oberschicht und Mitleid mit der Unterschicht.[11]

Rudolf Mittler beschreibt die wesentlichen Elemente des sozialen Dramas“ in Anschluß an eine Definition von E. Dosenheimer: ”

[E]rstens macht das soziale Drama bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse zu seinem Ausgangspunkt, [. . . ] [die] in [. . . ] [ihren] jeweiligen sozialen Konkretheiten thema- tisiert [. . . ] [werden und] [z]weitens besteht eine notwendige Relation zwischen den

gesellschaftlichen Verhältnissen als dem “Untergrund” von Stoff, Gehalt, Charakteren und Handlung und eben diesen [. . . ].[12]

Mit diesen sozialen Konkretheiten“ gehen prinzipiell natürlich auch politische und wirt- schaftliche ”Fragen einher, da die Gesellschaftsform natürlich von der politischen Organisa- tion und dem wirtschaftlichen System abhängt. Das Drama des Naturalismus schöpft bei der Darstellung seines Milieus dabei aus dem Familiendrama und stellt, nach dem Men- schenbild der Naturalisten, v. a. der Determination ausgelieferte Charaktere als Produkte ihrer Vererbung und Lebensverhältnisse in den Mittelpunkt. Peter Szondi führt dazu zur Konzeption aus:

Der soziale Dramatiker versucht die dramatische Darstellung jener ökonomisch–politi- schen Zustände, unter deren Diktat das individuelle Leben geraten ist. Er hat Fakto- ren aufzuweisen, die jenseits der einzelnen Situation und der einzelnen Tat wurzeln und sie dennoch bestimmen.[13]

Wenn Szondi das naturalistische Drama also als ”Rettungsversuch“ des im Bürgertum abhandengekommenen Dramas versteht,[14] so erscheint darin der in der Gründerzeit noch verschärfte Kontrast vom Kunstideal, das die Naturalisten als realitätsabgewandte Darstel- lung brandmarkten, und der empirischen Realität, wie sie sich den Sozialisten darstellte.

In V or Sonnenaufgang wird ja bereits im ersten Gespräch zwischen Loth und Hoffmann das gängige bürgerliche Kunstideal durch Hoffmann thematisiert, wenn er über die bil- dende Kunst ihres früheren Kammeraden Fips“ urteilt: ” Abstoßendes Zeug. Ich will von ” der Kunst erheitert sein . . . Nee! diese Sorte Kunst war durchaus nicht mein Geschmack“

(1. Akt [S. 10 o.]).[15]

Daß die naturalistischen Dramen dem bürgerlichen Geschmack in der Tat nicht entspra- chen, zeigt die Rezeption, auf die wir noch zu sprechen kommen (Abschnitt 3 [S. 26]), sehr deutlich, denn in Hinblick auf das zu verwirklichende Ideal müssen die realen gesellschaft- lichen Zustände kritisch und tendenziös beschrieben werden. Der Kontrast zwischen dem Idealismus“ der Gesellschaft, den das ” soziale Drama“ gegenüber den existierenden sozia- ” len Zuständen formuliert,[16] resultierte in einer Gesellschaftskritik, die die nationalistische Stimmung und gesellschaftliche Selbstgefälligkeit im Deutschland der Gründerzeit spürbar zu stören drohte.

2 Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang

Im Hauptteil der Arbeit wollen wir nun, aufbauend auf den beiden Einleitungsabschnit- ten, detaillierter auf die konkreten Punkte der Gesellschaftskritik in Vor Sonnenaufgang eingehen.[17] Dazu müssen wir zuerst die relevanten Aspekte des konkreten historischen Hintergrunds für das Drama darstellen, die die Bezugspunkte für die im Text geäußerte Gesellschaftskritik sind. In den Abschnitten 2.2–2.5 werden dann die politischen, wirt- schaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Kritikpunkte des Textes in ihrer Beziehung zum geschichtlichen Hintergrund im Zentrum stehen.

2.1 Der geschichtliche Hintergrund

Den geographischen Hintergrund für das Stück liefert Hauptmanns Heimatprovinz Schlesi- en: Schauplatz des Dramas ist der fiktive Ort Witzdorf“ im Kohlegebiet beim schlesischen er Weißstein an drei Tagen in einem Septemb ”der 80er Jahre des 19. Jht. Hauptmann er- kannte sehr früh, daß es auf dem Land ähnliche Probleme gab wie in der Stadt. Die wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen sind auch hier zentral.[18] Deutschland war mit der Reichsgründung der konstitutionellen Monarchie 1871 in die Pha- se der Hochindustrialisierung getreten, die den endgültigen U¨ bergang vom Agrar– zum Epoche des Naturalismus“. ”

Industriestaat markierte. Vor allem durch die intensive Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen, in V or Sonnenaufgang der Kohle, die viele Bauern mit kohlehaltigen Böden reich machte, übertraf die industrielle Produktion bald die landwirtschaftliche. Zum einen vervielfachte sich dadurch das wirtschaftliche Wachstum und der allgemeine Wohlstand erhöhte sich, doch zum anderen gab es bereits von 1873–1890 eine erste wirtschaftliche Depression, die die Armut der unteren Stände enorm verschärfte. Unser Drama schil- dert das Milieu der schlesischen Kohlebauern, die durch Verkäufe an die Kohleindustrie zu enormem Reichtum gelangt sind und in ihrem Müßiggang der Dekadenz mit ihren verschie- densten Facetten verfallen. Aus dieser neureichen sozialen Oberschicht wird ein typischer Fall, die Familie Krause, ausgewählt.[19]

Wesentlich und damit in Verbindung stehend ist daneben die soziale Struktur, der immer noch ein hierarchisch–ständisches Gesellschaftsmodell zugrundeliegt. Der Geltungsvorrang des Adels als Führer der gesellschaftlichen Pyramide führte zu einer verstärkten feuda- len Orientierung der wilhelminischen Bourgeoisie, die sich auch etwa im ostentativ zur Schau gestellten Prunk äußerte. Dagegen fristen die unteren Schichten ein Leben in ärm- lichen Verhältnissen. Besonders sozial– und kulturpessimistische Strömungen klagen über die zunehmende Entmenschlichung und Vermassung der Arbeiter. Die Vereinheitlichung des Elends der unteren Schichten führte bald zur Ausbildung eines proletarischen Klassen- bewußtseins, das in der Nähe zum Sozialismus bald zu einem wichtigen politischen Faktor zu werden begann. Die Gesellschaftskritik an der spießbürgerlichen und neureichen Schicht beschreibt Roy C. Cowen:

[Die] Maßstäbe der philiströsen Welt [. . . ] deuten auf einen konservativen Rückzug vom öffentlichen Leben in das Familienleben, wo man ein beruhigendes Schönheits- ideal sucht. Während der Emporkömmling der neuen Geldklasse sich in seiner gesell- schaftlichen Geltungssucht als dekadent erweist, stellt das ältere Bürgertum durch seine Hingabe an einen Verlegenheits–Idealismus und durch seine Apathie den sozialen Verhältnissen gegenüber eine andere, aber artverwandte Dekadenz dar.[20]

Die Abrechnung mit den neureichen Opportunisten und Repräsentanten der Gründer- zeit ist in Vor Sonnenaufgang so auch vorrangig. Hauptmann, der nach eigenen Angaben großzügig autobiographische Elemente aufnahm, v. a. die Schilderung des Milieus, das er von Kindesalter an kannte, und die Darstellung der gefährlichen und häßlichen Begleiter- die scheinungen“ des Einbruchs des Kohlezeitalters in ” dörfliche Gegend,[21] erlebte selbst im schlesischen Salzbrunn die Verschärfung der sozialen Gegensätze und die zunehmende Dekadenz der Bauern als Folge der Industrialisierung und recherchierte dazu sogar die gesellschaftlich–historische Entwicklung seines schlesischen Heimatorts.[22]

[...]


[1]In [1] Hermann Barnstorff: Die soziale, politische und wirtschaftliche Zeitkritik im Werke Gerhart Hauptmanns. Jena: Frommann 1938, S. 8.

[2]Vgl. [8] Günther Mahal: Naturalismus. München: Fink 1982, S. 19.

[3]Vgl. [1] Barnstorff, S. 118.

[4]In [1] Barnstorff, S. 49.

[5]In [13] Peter Sprengel: Gerhar t Hauptmann. Epoche – Werk – Wirkung. München: C. H. Beck 1984, S. 36.

[6]In [11] Günter Schmidt: Die literarische Rezeption des Darwinismus. Das Problem der Vererbung bei E ´ mil e Zola und im Drama des deutschen Naturalismus. Berlin: Akademie–Verlag 1974, S. 172.

[7]Vgl. [3] Roy C. Cowen: Hauptmann–Kommentar zum dramatischen Werk. München: Winkler 1980, S. 35.

[8]In [5] Karl S. Guthke: Gerhar t Hauptmann. Weltbild im Werk. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1961, S. 12.

[9]Vgl. [14] Peter Szondi: The orie des modernen Dr amas 1880–1950, 2. Auflage. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1965, S. 63.

[10]In [13] Sprengel, S. 67.

[11]Peter Szondi nennt die Kategorie des Mitleids als zentral für die Hauptmannsche Dramaturgie (vgl. [14] S. 84).

[12]Die Definition entstammt E. Dosenheimer: Das deutsche soziale Drama von Lessing bis Sternheim. Konstanz: 1949, zit. n. [9] Rudolf Mittler: The orie und Praxis des sozialen Dramas bei Gerhart Hauptmann. Hildesheim: Olms 1985, S. 50.

[13]In [14] Szondi, S. 63.

[14]Vgl. [14] Szondi, S. 83f.

[15]Die Seitenangaben beziehen sich auf die Einzelausgabe [6] Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama (1889), 23. Auflage. Frankfurt/M. und Berlin: Ullstein 1992.

[16]Vgl. [9] Mittler, S. 56.

[17]Vgl. für eine genauere Inhaltsangabe [2] Adolf Bartels: Gerhar t Hauptmann, 2., vermehrte Auflage. Berlin: Felber 1906, S. 24–31.

[18]Vgl. für die folgenden Ausführungen auch [13] Sprengel, Abschnitt I:

[19]Helene Krause beschreibt die Problematik: Das hat die Kohle gemacht, die unter unseren Feldern im gemutet worden ist, die hat die armen Bauern ” Handumdrehen steinreich gemacht. [. . . ] Die Bauern spielen, jagen, trinken . . .“ (S. 19 m. und u.).

[20]Vgl. [4] Roy C. Cowen: Der Naturalismus. Kommentar zu einer Epoche, 3., bibl. erw. Auflage. München: Winkler 1981, S. 18.

[21]Vgl. [3] Cowen: Hauptmann–Kommentar, S. 39.

[22]Das autobiographische Element ist in V o r Sonnenaufgang neben bestimmten Zügen Loths auch in der Figur des Dr. Schimmelpfennig vorhanden: dessen Bericht uber seinen Werdegang nach seiner Trennung von Loth etwa entspricht fast genau dem Hauptmanns zwischen seiner Breslauer Zeit und dem " Zuricher Kreis\ (5. Akt [S. 79 o.]).

Details

Seiten
30
Jahr
1993
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111184
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut fuer Deutsche Philologie
Note
1
Schlagworte
Gesellschaftskritik Gerhart Gesellschaftskritische Dramen Hauptmann Vor Sonnenaufgang

Autor

Zurück

Titel: Gesellschaftskritik In Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" (1889)