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Dialektik der Freiheit - Bakunins Freiheitsbegriff und seine Probleme

Hausarbeit 2006 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Positive Freiheit
2.1. Das Ziel der Geschichte
2.2. Der revolutionäre Mensch
2.3. Bewusstwerdung der Gesellschaft

3. Negative Freiheit
3.1. Revolutionärer Angriff
3.2. Reaktionärer Gegenschlag
3.3. Kriegsvorbereitungen

4. Bilanz
4.1. Physische Faktoren
4.2. Psychologische Faktoren
4.2.1. Antisemitismus
4.3. Philosophische Faktoren

Literatur

1. Einleitung

„Die Zeit wird kommen, da es keine Staaten mehr gibt. Die revolutionäre sozialistische Partei versucht mit allen Kräften, sie in Europa zu zerstören; dann wird auf den Ruinen der politischen Staaten die freie und brüderliche Allianz in Freiheit gegründet, von unten nach oben organisiert, aus freien Produktionsgemeinschaften, Kommunen und regionalen Föderationen gebildet, die ohne Unterschied alle Menschen aller Sprachen und jeder Nationalität umfassen.“1

Das zentrale Motiv in der Philosophie Michael Bakunins ist der Begriff der Freiheit. In ihr verbinden sich sowohl positive, adaptierende und negative, negierende Komponenten:

Nicht zu trennen ist sie demnach vom aktiven menschlichen Leben, als vitale Kraft, aus der heraus die Menschen ihr Leben in Freiheit leben und organisieren. Die persönliche Freiheit zur Kooperation ist Grundlage für die freiheitliche Gesellschaft, von Bakunin beschrieben als „freie und brüderliche Allianz [...], von unten nach oben organisiert, aus freien Produk­tions­gemeinschaften, Kommunen und regionalen Föderationen“2.

Diese utopische Form des menschlichen Zusammenlebens entsteht aus nichts Anderem, als der Freiheit selbst, sie wird „in Freiheit gegründet“3 und bedeutet in ihrer Konsequenz nicht weniger, als den „Genuss aller menschlichen Fähigkeiten und Kräfte“4.

Dem Ideal der lebendigen, positiven Freiheit, steht das zweite Moment der Freiheit gegen­über, das der Befreiung. Sie ist ihrem Ursprung nach nichts weiter, als eine praktische Konsequenz der positiven Freiheit im Zustand ihrer politischen Unterdrückung. Lediglich ihrer Form nach unterscheidet sich die Befreiung, das Anstreben der Freiheit von etwas, diametral von der lebendigen Freiheit, als der Freiheit zu etwas.

Da die Freiheit der Menschen überall in Konflikt mit der politischen Herrschaft des Staates gerät, hat sie letztendlich keine Chance auf Entfaltung. Die Befreiung ist dementsprechend in erster Linie Negation dieser Herrschaft als der Nicht-Freiheit oder auch negative Freiheit. Zum Erreichen der befreiten Gesellschaft bedeutet sie das Mittel zum Zweck – die Negation des Negativen zur Freisetzung des Positiven:

Im expliziten Gegensatz zur friedlichen Entwicklung der angestrebten freien Gesellschaft, bedeutet die Befreiung für Bakunin zwangsläufig den gewaltsamen, brutalen Umsturz, da es „nur ein Mittel“ gebe, „um eine politische Macht unschädlich zu machen“ - „man muss sie zerstören.“5

Da sich dieser zerstörerische Akt, der revolutionäre Kampf gegen staatliche und kapitalistische Unterdrückung bei Bakunin so grundlegend von der positiven, schöpferischen Freiheit unterscheidet, ist es meines Erachtens angebracht, in diesem Kontext von einer Dialektik der Freiheit zu sprechen.

Diese Dialektik, die Verbindung aus radikaler, destruktiver Negation und einem zutiefst humanistisch-emanzipatorischen Welt- und Menschenbild stellt in ihrer inneren Logik und auch Widersprüchlichkeit nicht nur den Kern der anarchistischen Philosophie Bakunins dar – in ihrem Spannungsfeld lässt sich darüber hinaus nahezu die gesamte sozial­revolutionäre Theorie ansiedeln.

Die nähere Beleuchtung der beiden Pole der Freiheit, auf der Grundlage der Schriften Bakunins, sowie ihre Problematisierung und Bilanzierung soll Inhalt dieses Kapitels sein.

2. Positive Freiheit

Bakunins Interpretation der Freiheit als positives Moment des menschlichen Lebens ist nicht zu trennen von einem zutiefst optimistischen Bezug zur menschlichen Existenz im Allgemeinen. Demnach bestehe für alle Menschen die Möglichkeit, ihr Leben in Freiheit und Gemeinschaft, also in einer Gesellschaft der Freien Kooperation zu leben. Eine solche befreite Gesellschaft bedeute die „natürliche Entwicklung sämtlicher Bedürfnisse, die das Leben selbst ans Tageslicht bringt.“6 Ihre genaue Beschreibung fällt demnach nicht nur entsprechend schwer, sondern ist nicht einmal wünschenswert, da sie ohne jegliche zentrale Definition aus sich selbst heraus entsteht.

Im Gegensatz zu ihrer ungenauen positiven Beschreibung steht die exakte Definition ihrer negativen Elemente: Das zentrale Kriterium der freien Gesellschaft ist die Abwesenheit der freiheitshemmenden Instanzen wie des Staates, der Kirche und des Kapitalismus (siehe 2.).

Die Grundlage für Bakunins Vertrauen in eine solche Entwicklungs­möglichkeit ist der Glaube an die Fähigkeit und den Willen der Menschen dazu, von denen er meist als den „Massen“ spricht.

2.1. Das Ziel der Geschichte

Den Menschen definiert Bakunin als „das vollendetste Tier auf der Erde“7. Dessen Fähigkeit zur freien Gesellschaft, als deren theoretische Option, begründet er mit seiner historischen Entwicklung aus einem tierischen Stadium hin in Richtung einer wahren menschlichen Gesellschaft. Die gesamte Geschichte sei demnach eine „Verneinung der ursprünglichen, tierischen Natur des Menschen“ und die „Entwicklung seiner Menschlichkeit“ durch die permanente „revolutionäre Verneinung der Ver­gangen­heit“.8 Das „Ende“9 dieses dauernden Fortschritts bedeutet dementsprechend auch das finale „Ziel der Geschichte“10 mit der Verwirklichung der freien Gesellschaft.

Diesem Ziel zum Teil diametral entgegengesetzte historische Tendenzen, wie etwa die Entwicklung der Gottesidee, interpretiert Bakunin als „geschichtlich notwendiger Irrtum“,11 der in der weiteren Entwicklung überwunden werde.

Die Fähigkeit des Menschen zur Anarchie, zur Nicht-Herrschaft, ergibt sich also quasi deterministisch aus der historischen (Aufwärts-)Entwicklung. Entscheidend für diese Theorie Bakunins ist die Interpretation der Geschichte als historischem Prozess, der auf ein konkret definierbares „Ziel“ zusteuere.

2.2. Der revolutionäre Mensch

Neben der Makroebene, der allgemeinen historischen Tendenz der Menschheit, spielt für Bakunin der Wille des einzelnen Individuums zur Freiheit die entscheidende Rolle zu ihrer Verwirklichung:

„Abstraktionen“ seien „nicht in ihrer allgemeinen Idee“ lebendig, sondern „durch ihre Erscheinung und Verwirklichung zu bestimmter Zeit, an bestimmten Orten, in wirklich lebenden Menschen“.12 Sie „haben keine Füße, sie gehen nur, wenn sie von wirklichen Menschen getragen werden.“13 Diese subjektive Dimension stellt mithin die Mikroebene seiner Theorie dar – hier realisiert sich der Übergang von abstrakter Philosophie zu praktischem Handeln.

Der Sprung von einer Interpretationsebene zur nächsten, von der Einsicht der theoretischen menschlichen Fähigkeit zur realen, gegenwärtigen Umsetzung der Anarchie, der freien Gesellschaft, ist bei Bakunin eng mit dem subjektiven Streben nach Wahrheit und Aufrichtigkeit verknüpft.

Für den einzelnen Menschen sind demnach bestimmte Eigen­schaften erforderlich, die dazu führen, dass er sein Ideal der menschlichen Freiheit konsequent, ohne Rücksicht auf Angst oder Bequemlichkeit zu verwirklichen sucht, gemäß der Prämisse:

„Das Individuum ist nur dann stark, wenn es entschlossen seine gute Sache verteidigt, wenn es gemäß seinen tiefsten Überzeugungen spricht und handelt.“14

2.3. Bewusstwerdung der Gesellschaft

Der menschlichen Gesellschaft, innerhalb derer sich nach Bakunin die Anarchie historisch entwickelt, muss die Idee derselben allerdings erst zugänglich gemacht werden.

Es handele sich dabei um einen Bewusstwerdungsprozess der Menschen über sich selbst im „Erbgut“ der Gesellschaft.15

Dieser Prozess vollzieht sich für Bakunin durch „Erziehung, wissenschaftliche Belehrung und materielles Glück“.16 Es sei dementsprechend entscheidend, emanzipatorische Auf­klärung als „die weiteste Verbreitung der freien Wissenschaft im Volke“ zu betreiben. Diese diene, im Gegensatz zu herkömmlicher Wissenschaft, die in staatlichen und kapitalistischen Machtmechanismen gefangen sei, „dem Fortschritt der Zukunft“.17 Bakunin geht sogar so weit, ein großes System der Volkserziehung zu fordern, um die wissen­schaft­liche Erkenntnis über die menschliche Freiheit auf Grundlage der objektiven Natur­gesetze zu vermitteln und die „Frage der Freiheit“ lösen zu können.18

Aufklärung dürfe hier lediglich bedeuten, den Menschen zu helfen, ihr eigenes, intuitives Ideal der Freiheit zu entdecken und zu entwickeln, keinesfalls aber deren Bevormundung durch eine neue wissenschaftliche Elite.

Obwohl im Volk ein Aufklärungsdefizit und damit dringender Vermittlungsbedarf bestehe, sieht es Bakunin als gegeben an, dass das Ideal der Anarchie aus diesem selbst heraus entstehe und entstehen müsse. Die Wissenschaft sei lediglich der „Kompass des Lebens“, sie könne dieses „erhellen“, aber nicht „leiten“.19 Ihre Aufgabe sei es lediglich, „die natürliche und lebendige Entwicklung“ zu unterstützen.20

Das bereits vorhandene Freiheitsideal des Volkes sei trotz des wissenschaftlichen Bildungsauftrags das zentrale Moment der Anarchie: Die „Masse“ habe „in sich selbst [...] eine wirkliche Wahrheit, ein Licht“21 – also könne die freie Gesellschaft, als das Ziel der menschlichen Geschichte letztendlich nur aus dem Volk heraus entstehen:

„Es ist klar, dass, wenn das Volk dieses Ideal nicht von selbst in sich gestalten würde, niemand in der Lage wäre, es ihm zu geben.“22

Bei Bakunin existieren also in Bezug auf die positive Freiheit der Gesellschaft mehrere Ebenen, die sich wechselseitig ergänzen, teilweise aber im Widerspruch zueinander stehen.

Entscheidendes Moment ist dabei sein Glaube an das „Ideal der Freiheit“, welches nach Bakunin definitiv im Volk vorhanden sei und sein müsse, um die Utopie zur Realität werden zu lassen.

3. Negative Freiheit

„So wie heute und jetzt für alle Völker der zivilisierten Welt nur ein großes Problem existiert, eine einzige Idee, die völlige und endgültige Befreiung des Proletariats von der wirtschaftlichen Ausbeutung und dem Joch des Staates, so ist es ganz selbstverständlich, dass dieses Problem nicht ohne einen schrecklichen, blutigen Kampf gelöst werden kann (…).“23

Für Bakunin stellen sich die realen Verhältnisse als etwas dar, das der friedlichen Entwicklung hin zu einer freien und gerechten Gesellschaft massiv im Wege steht.

Die Utopie scheitert immer wieder an der effektiven Gewaltherrschaft, die staatlich und kapitalistisch monopolisiert, alle Versuche einer Selbstorganisation der Massen unmöglich macht.

Die logische Konsequenz aus diesem Verhältnis, der ständigen Behinderung jeder lebendigen Freiheit durch bestehende Machtstrukturen, ist nach Bakunin zuerst die „Empörung eines jeden gegen die Tyrannei der Menschen“, die sich aus dem subjektiven Gefühl speist.24

3.1. Revolutionärer Angriff

Aus dieser individuellen Empörung resultiert schließlich der kollektive revolutionäre Angriff auf das gesamte staatlich-kapitalistische Herrschaftssystem mit dem Ziel seiner Abschaffung.

Auf der historischen Metaebene stellt sich dieser Angriff wiederum als Fortsetzung der bisherigen Tendenz dar, nach der sich das Neue nicht friedlich aus dem Alten heraus entwickelt habe, sondern sich stets gegen dieses habe durchsetzen müssen.25

Somit steht die organisierte Revolution des 19. Jahrhunderts nicht nur im Kontext eines langfristigen revolutionären Prozesses, sondern strebt darüber hinaus dessen Vollendung an, da das Erreichen der befreiten Gesellschaft, der Anarchie, jegliche sozialen Kämpfe beendet und damit das Ziel der Geschichte (s.o.) bedeutet.

Da das Herrschaftssystem über ein beträchtliches Potential an Waffen und loyalen Vertei­digern verfüge, müsse der revolutionäre Schlag effektiv und kompromisslos sein – Ziel sei die restlose „Vernichtung des Autoritätsprinzips“26 im letztendlichen Interesse aller Menschen. Der Umfang des Kampfes ist nach Bakunin beträchtlich:

Der organisierte Angriff auf das Gewaltsystem fordert selbiges, also die Staaten mit ihren Militär- und Polizei­apparaten aufs Äußerste heraus und führt dementsprechend zur ultimativen Eskalation der eingesetzten Mittel:

„Es gibt keine Revolution ohne tiefgreifende, leidenschaftliche Zerstörung, eine heilsame und fruchtbringende Zerstörung, denn nur durch sie allein können neue Welten entstehen.“27

3.2. Reaktionärer Gegenschlag

Im Zuge des revolutionären Umbruchs gelte es nicht nur, die bewaffnete staatliche Gewalt zu bekämpfen, sondern ebenso die konservativ-bürgerliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Die Revolu­tionäre müssten sich ihrer Todfeindschaft mit dem gesamten Machtapparat der bürgerlichen Klasse und mit dieser selbst ständig bewusst sein, ansonsten sei es die Bourgeoisie, die den vernichtenden Schlag führe.

Mit welcher Brutalität und Skrupellosigkeit die bürgerliche Reaktion vorgehe, habe sie in vergangenen Kämpfen gegen die sozialrevolutionären Anläufe, insbesondere 1848 und `71 bewiesen.

Bakunins aktuellstes Beispiel ist hier die Vernichtung der Pariser Commune durch französische und deutsche Truppen im Zuge des deutsch-französischen Krieges 1871, in deren Verlauf sich nicht nur der Nationalismus des französischen Bürgertums als Chimäre entpuppte, sondern die auch die völlige Grenzenlosigkeit staatlicher Gewaltanwendung gegen eine offen revoltierende Bevölkerung demonstrierte.28

Insbesondere diese historischen Vorfälle bestätigen für Bakunin die These, sich mit dem revolutionären Teil der Menschheit, bzw. dem Proletariat, im Kriegszustand mit dem reaktionären Teil, bzw. der Bourgeoisie, zu befinden. Dieser Krieg sei entweder offen sichtbar oder nur latent vorhanden, aber er werde definitiv bis zur finalen Entscheidung ausgetragen:

„zwischen diesen beiden Welten also, dem elenden Proletariat und der kultivierten Gesellschaft, die [...] alle erdenklichen Werte, Schönheit und Tugend in sich vereinigt, gibt es keinen möglichen Kompromiss. Es ist ein Krieg auf Leben und Tod! [...] und dieser Krieg kann nur mit dem endgültigen Sieg der einen Partei und der vollständigen Niederlage der anderen enden.“29

Der „schreckliche und blutige Kampf“ sei also nicht zu vermeiden, dafür sei er das einzige Mittel, den dauernden Kriegszustand, der die Gesellschaft beherrsche, zu beenden – ganz nach dem Motto: „Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“

Dies herbei zu führen sei um so realistischer, je brutaler und kompromissloser der revolutionäre Angriff erfolge.

3.4. Kriegsvorbereitungen

Um besagten Angriff überhaupt führen zu können, ist nach Bakunins Ansicht eine gründliche Vorbereitung erforderlich, da die „Massen“ lediglich im „revolutionierten“ Zustand in der Lage sind, sich dem Kampf gegen das verhasste Herrschaftssystem zu stellen.

Dieser anzustrebende Zustand besteht vordergründig aus zwei Komponenten:

„Das Volk braucht eine allgemeine Vorstellung seines Rechtes und einen tiefen, inbrünstigen, man kann fast sagen, religiösen Glauben an dieses Recht.“30

Der Glaube an die revolutionäre Umwälzung des staatlich durchgesetzten Kapitalismus und die Errichtung einer Gesellschaft der Freien Kooperation, der Anarchie muss also praktisch mehrheitsfähig sein. Von den Revolutionären wird dementsprechend erwartet, diese Über­zeugung im Volk mittels Agitation und Propaganda stark zu machen, um die „Massen“ auf den Kampf vorzubereiten.

Neben dieser ideologischen Vorbereitung benötigt ein umfassender revolutionärer Umsturz die materielle Grundlage, die durch die Zuspitzung der Klassengegensätze hervorgerufen wird. Konkret muss im Volk ein „Elend“ herrschen, „das es in die Verzweiflung treibt“.31

Der materielle Handlungsdruck auf Seiten der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen muss also so groß werden, dass der Hass auf das ausbeutende und unterdrückende System jede Todesangst und jede Bequemlichkeit überwiegt.

Kommen diese beiden Komponenten an entsprechender historischer Stelle zusammen, „dann steht die soziale Revolution nahe bevor, ja, sie ist unabwendbar und keine Macht kann sie aufhalten.“32

Das Volk ist in diesem Moment durch seine Masse und den Mut der Verzweiflung nicht nur militärisch stärker als die Apparate des kapitalistischen Staates, es ist sich dem eigenen revolutionären Handeln auch vollkommen bewusst, da die Umwälzung des politischen und wirtschaftlichen Systems ein allgemeines, öffentlich diskutiertes Ziel darstellt.

Dies ist der entscheidende Moment, an dem sich nach Bakunin der Übergang zur freien Gesellschaft effektiv vollzieht. Ihn zu erreichen stelle nicht nur sein persönliches Ziel und das der sozialrevolutionären Bewegung dar, sondern auch das der Menschheit insgesamt.

4. Bilanz

Bakunins Ausgangsbasis einer potentiell selbstorganisierten und friedlichen Gesellschaft, von kapitalistischer Verwertungslogik und staatlicher Repression befreit, ist als theoretische Grundannahme zweifellos äußerst attraktiv. Dass sich dieser Traum einer quasi para­die­sischen Welt, mit einem Zusammenleben aller Menschen ohne Herrschaft, Gewalt und Angst zumindest unbewusst durch die ganze Menschheitsgeschichte zieht, wird von ihm reflektiert und rationalisiert.33

Seine langfristige Interpretation einer allgemeinen Tendenz zu Freiheit und Vernunft findet ihre zeitgenössische Entsprechung in den Klassenkämpfen des 19. Jahrhunderts, die Bakunin nicht nur beobachtet und kommentiert, sondern sich auch aktiv an ihnen beteiligt.

Durch seine Kombination aus lang-, mittel- und kurzfristigen Analysen gelingt ihm eine stichhaltige Verknüpfung aus erkenntnistheoretischer Philosophie und praktischer Politik, die insgesamt einen kompromisslos revolutionären Handlungsdruck ergibt.

Seine zentrale These der Unmöglichkeit der friedlichen Entwicklung einer friedlichen Gesellschaft würde ich als Dialektik der Freiheit bezeichnen.

Trotz der Weitsichtigkeit vieler Elemente in Bakunins Theorie halte ich es für nötig, gewisse philo­so­phische Prämissen und Hypothesen sowie politische Folgerungen, insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, radikal zu kritisieren.

4.1. Physische Faktoren

Der Moment der gewalttätigen Befreiung von der staatlichen Herrschaft, definiert als die soziale Revolution, ist bei Bakunin unausweichlich gekoppelt an eine ultimative Eskalation der Gewalt - nur die brutale und kompromisslose „Vernichtung“ der Machtapparate garan­tiert ihre Abschaffung (s.o.). Dass dieser Zustand der extremen Gewaltausübung, des Bürger­kriegs, letztlich massiv zum Entstehen neuer militärischer Strukturen beiträgt und bestehende Ansätze friedlicher gesellschaftlicher Selbstorganisierung systematisch zerstört, wird nicht reflektiert.

Eine Organisation, die militärisch tatsächlich in der Lage ist, gegen den hochgerüsteten staatlichen Machtapparat vorzugehen, treibt diesen nicht nur immer weiter dazu, zur offenen und präventiven Gewaltherrschaft überzugehen, sondern entwickelt sich auch selbst zum Machtapparat. Im 20. Jahrhundert werden tatsächliche oder nur prätendierte Angriffe auf die „rechtmäßige“ Regierung systematisch zur Demontage des bürgerlichen Staates im Sinne reaktionärer faschistischer Regimes genutzt34 oder erfolgreiche revolu­tionäre Umstürze münden in neue Diktaturen.35

Deutlich wird hier ein Dilemma des revolutionären Angriffs, der die selbstorganisierte Gesellschaft, die er anstrebt, tendenziell zerstört und die gewalttätige Herrschaft, die er vernichten will, tendenziell stärkt.

Eine solche, widersprüchlich erscheinende Entwicklung sieht Bakunin nicht, sondern interpretiert revolutionäre Gewalt ausnahmslos positiv.

4.2. Psychologische Faktoren

Die Schaffung einer revolutionären Situation ist bei Bakunin an verschiedene Prämissen gekoppelt. Die wichtigsten sind dabei das revolutionäre Bewusstsein der Massen, sowie ihre materielle Notlage (siehe 3.).

Theoretisch ist eine solche Situation, in der eine revolutionär gesinnte, aufgeklärte und aktivierte Bevölkerung, die zudem massiv ausgebeutet und unterdrückt wird, zu den Waffen greift, möglich. Unabhängig von den Erfolgsaussichten eines solchen Angriffs können aber schon diese Vorzeichen als äußerst unwahrscheinlich angesehen werden.

Insbesondere der von Bakunin so stark kritisierte Konservatismus („Gewohnheit“, „Banalität“, „traurige Langsamkeit“) des größten Teils des Volkes sei hier zu nennen,36 sowie die traditionell religiöse und patriarchale Konditionierung auch und gerade der potentiell revolutionären Klassen.

Konsequenz daraus wäre die Schaffung einer revolutionären Avantgarde, die ihre Macht, gemäß Bakunins moralischen Imperativ, allerdings nicht ausnutzen darf.37

Dass die Mehrheitsgesellschaft, unabhängig vom Klassenantagonismus, eine repressive Gesamtheit darstellen könnte, ist eine Frage, die Bakunin zwar am Rande streift, aber seinen utopisch-revolutionären Hoffnungen, die eng mit der emanzipatorischen Interpretation der Begriffe Volk und Masse verknüpft sind, dermaßen widersprechen, dass er sie dieser konsequent unterordnet.

Bakunins Analysen lassen nicht nur die Entwicklungsmöglichkeiten moderner bürokratischer und polizeilicher Repressionsapparate bürgerlicher und totalitärer Staaten außer Acht. Gerade die Integrationskraft von Staatssystemen, die sich auf nationalistische oder liberale Mehrheiten im Volk stützen, wird von ihm völlig unterschätzt. Das einzige Land, für das er eine solche pessimistische (und richtige) Bilanz zieht, ist bezeichnenderweise Deutschland:

„Der Name Deutschland bedeutet heute brutalen und triumphierenden Sklavensinn.“38

Mehrheitsfähige reaktionäre Ideologien wie Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus als Machtbasis erstarkender Staatsapparate im 20. Jahrhundert werden (bis auf letzteren) zwar kritisiert, aber insgesamt völlig unterschätzt.

4.2.1. Antisemitismus

Insbesondere die Gefahr des Antisemitismus ignoriert Bakunin nicht nur, sondern äußert sich zudem selbst implizit antisemitisch („Handelsleidenschaft“ und „zugeknöpfte[r] Geist“ als „National­charakter“ der Juden).39

Das coming out des modernen rassistischen Antisemitismus, der nicht nur für „die Juden“ zum barbarischen Desaster wurde, sondern auch dem Gedanken der sozialen Revolution letztendlich das Genick brach, liegt einige Jahre nach Bakunins Tod,40 doch kann man, ausgehend von seinen Texten, leider nicht behaupten, er habe dieser fatalen Entwicklung irgendwie entgegen­gewirkt.

Die Suggestion der Existenz einer „Judenfrage“ ist eben auch bei Bakunin ableitbar.

4.3. Philosophische Faktoren

Die langfristige philosophische Grundlage für Bakunins interventionis­tisch-sozial­revolu­tionäre Politik bildet eine optimistische Interpretation der Geschichte. Beschreiben lässt sich diese als Geschichtsdeterminismus einer menschlichen (Aufwärts-) Entwicklung hin zur wahren Menschlichkeit, zur freien Gesellschaft (siehe 2.). Durch die Definition von historisch real existierenden anti-freiheitlichen Tendenzen als „notwendige Irrtümer“ auf dem Weg zur Befreiung, sowie jeder historischen Konflikte als Klassenkämpfe, drängt sich eine positivistische Sicht der Geschichte, nach der diese als linearer Prozess zwangsläufig auf ein konkret definierbares „gutes Ende“ hinausläuft, förmlich auf.

Diesen optimistischen Prämissen gegenüber steht der Aufruf an die sozialrevolutionäre Bewegung, wieder als moralischer Imperativ, aktiv und konsequent für die befreite Gesellschaft einzutreten.

Dieser Appell zielt auf eine Selbstverpflichtung jedes einzelnen revolutionären Individuums ab, kompromisslos für die Sache zu kämpfen, ohne Rücksicht auf eigene Angst oder Bequemlichkeit.41

Bakunin geht hier mit seinem eigenen Vorbild eines harten, kämpferischen Lebens voran.

Ist die freie Gesellschaft am „Ende der Geschichte“ aber determiniert, relativiert dies auch die eigene moralische Verpflichtung, für ein solches Ziel zu kämpfen, da die Menschheit langfristig ohnehin darauf zusteuert.

Oder andersherum: Wie kann sich der Glaube ans „Ziel der Geschichte“ auf den unsicheren, quasi moralischen Aufruf stützen, sich ohne Rücksicht auf seine vordergründigen Interessen, wie etwa den Schutz des eigenen Lebens, für die vergleichsweise langfristige und abstrakte, Freiheit aller Menschen einsetzen zu müssen?

Diese Widersprüche in den philosophischen und politischen Analysen Michael Bakunins machen meines Erachtens deutlich, warum die Entwicklung im 20. Jahrhundert einen nicht nur für die Sozialrevolutionäre erschreckend negativen Verlauf nahm.

Die Unterschätzung der Eigendynamik von Gewalt, der gesellschaftlichen Brutalisierung im Zuge revolutionärer Angriffe, und der Auswirkung reaktionärer Ideologien auf die Gesellschaft, sowie die daraus folgende, abwegig optimistische Interpretation der Begriffe Volk und Masse, sind hier entscheidend für die politische Fehlanalyse.

Philosophisch lässt sich die These einer linear-zielgerichteten Menschheitsentwicklung angesichts eines vielschichtigen, widersprüchlichen, historischen Chaos’ unmöglich halten. Interpretieren lassen sich in der Geschichte sicherlich Tendenzen und Genealogien, die aber objektiv kaum auf individuelle Wunschvorstellungen hinauslaufen.

Bakunins dialektische Lösung der „Frage der Freiheit“ ist also, trotz aller aufklärerischen Grundlagen und humanistischem Engagement meines Erachtens philosophisch und politisch nicht realisierbar. Darüber hinaus ist sie gekennzeichnet von ideologischen Verein­fachungen und gefährlichen kulturellen Klischees („ die Juden “).

Seine Thesen bieten trotzdem (oder gerade deswegen) gute Denk- und Diskussionsansätze, die viel zum kritischen Verständnis der Realität beitragen können.

Literatur

- Michael Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, Berlin, 1972
- Michael Bakunin: „Gott und der Staat“, Frankfurt, 1995
- Michael Bakunin: „Gott und der Staat und andere Schriften“, Reinbek bei Hamburg, 1969

[...]


1 Michael Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, Berlin, 1972, S.119

2, ebd.

3 ebd.

4 Michael Bakunin: „Gott und der Staat und andere Schriften“, Reinbek bei Hamburg, 1969, S. 14

5 Michael Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, Berlin, 1972, S.196

6 ebd., S.263

7 Michael Bakunin: „Gott und der Staat“, Frankfurt, 1995, S.84

8 ebd., S.55

9 ebd., S.56

10 ebd., S.85

11 ebd., S.56

12 Bakunin: „Gott und der Staat“, S.80

13 ebd., S.85

14 Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.277

15 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat und andere Schriften“, S.149

16 Bakunin: „Gott und der Staat und andere Schriften“, S.141

17 Bakunin: „Gott und der Staat“, S.83

18 ebd., S.64

19 ebd., S.81

20 vgl.: ebd., S.83

21 ebd., S.83

22 Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.270

23 Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.65

24 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat und andere Schriften“, S.141

25 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat“, S.54 ff.

26 Bakunin: „Gott und der Staat“, S.83

27 Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.36

28 vgl.: ebd., S. 15 ff.

29 Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.24 f.

30 ebd., S.41

31 ebd.

32 Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.41

33 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat“, S.95 ff.

34 So geschehen etwa in Italien 1922, Deutschland 1933, Spanien 1936, Argentinien 1946, Griechenland 1967, Brasilien 1968, Chile 1973.

35 So zum Beispiel in Russland 1917, Jugoslawien 1945, China 1949, Vietnam 1973, Iran 1979.

36 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat und andere Schriften“, S.136

37 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat“, S.81 ff.

38 ebd., S.74

39 vgl.: Bakunin: „Gott und der Staat“, S.94

40 etwa: „Internationale Antisemitenkongresse“ 1882, 1883, 1886. Vgl.: Werner Bergmann: „Geschichte des Antisemitismus“, München 2002, S.40 ff.

41 vgl.: Bakunin: „Staatlichkeit und Anarchie“, S.36 ff.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111145
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Dialektik Freiheit Bakunins Freiheitsbegriff Probleme Philosophie Anarchismus

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