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Botho Strauß "Groß und klein". Kommunikationsstörungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kommunikative Isolation

3. Dialoganalyse
3.1 Selbstgespräch
3.2 Lottes Suche nach Meggy
3.3 Meggy und Lotte I
3.3 Zwischenspiel
3.4 Meggy und Lotte II

4. Szenische Metapher

5. Schluß

Literatur

1. Einleitung

Das vorliegende ausgearbeitete Referat beschäftigt sich mit dem Theaterstück "Groß und Klein" von Botho Strauß. Der Schwerpunkt liegt auf den thematisierten Kommunikationsstörungen und -formen, wie sie Strauß in der vierten Szene anhand eines Dialogs an der Gegensprechanlage vorführt.

"Groß und Klein", uraufgeführt an der Berliner Schaubühne im Jahre 1978, ist in zehn Szene unterteilt: Marokko, Nachtwache, Zehn Zimmer, Groß und Klein, Station, Familie im Garten, Falsch verbunden, Diktat, Der eklige Engel, In Gesellschaft.

Die seperaten Szenen werden lose durch die Protagonistin Lotte aneinander gebunden. Lotte wandelt von einer Szene in die nächste, von einem "Ort der bundesdeutschen Beton-, Verwaltungs-, Konsum- und Freizeitkultur"[1] wie es im Kindlers Neuen Literatur Lexikon heißt, von einer Station zur anderen. Mit dramaturgischen Mitteln wird die von Strauß prognostizierte Vereinzelung des Individuums dargestellt. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Stationsdrama mit subjektiver, expressiver Dramaturgie.[2]

2. Kommunikative Isolation

Es geht in dem Stück darum, daß Menschen unfähig erscheinen, miteinander anteilnehmend in Kontakt zu kommen. Dieses Thema wird von Strauß in eine Vielzahl von Facetten unterteilt. Das dramaturgische Mittel ist die Grafikerin Lotte, die während des Handlungsverlaufs in den einzelnen Stationen versucht, ihre kommunikative Isolation zu durchbrechen.

In der Szene "Marokko" redet Lotte mit sich selbst und belauscht ein Gespräch, dessen Adressat sie nicht ist. In "Nachtwache" führt sie ein oberflächliches Gespräch am Fenster. Lottes Gesprächspartnerin wirft ihr zweckgebundene Kommunikation und reine Konversation vor.

In der Szene "Zehn Zimmer" irrt Lotte durch die Wohngemeinschaft ihres Mannes Paul Liga, von dem sie getrennt lebt. In jeden Zimmer werden verschiedene Formen der Kommunikation und Kommunikationskooperation durchgespielt. In einem Zimmer trifft sie auf ein Zelt, in dem ein Mädchen wohnt, welches nur durch Bewegungen des Zelts auf Lotte reagiert. Als Lotte sich um das Mädchen kümmert, wird sie von einem Bewohner auf die stillschweigende (!) Hausordnung hingewiesen: "Im Prinzip kommt hier jedes Zimmer allein zurecht [...]. Nicht soviel Getue."

Der Höhepunkt der Szene ist der Diaabend. Ein ältes Ehepaar zeigt den Hausbewohnern Dias, die den normalen Tagesablauf des Ehepaars abbilden. Die Hausbewohner erfahren die Wirklichkeit des alten Ehepaares aus der zweiten Hand. Sie führen ein sekundäres Leben und können ihre Isoliertheit von der Gesellschaft nicht aufheben.[3] Es entsteht der Eindruck, daß nicht nur die Kommunikation, sondern das Leben vermittelt ist. Als Zeichen dafür setzt Strauß den Fernsehapparat ein, den Lotte während der Szene "Zehn Zimmer" mit sich herumträgt. Von ihm malt sie sogar ein Tennisspiel ab.

Lotte glaubt an das Gute im Menschen während ihrer Odysee durch die verschiedenen Stationen von "Groß und Klein". Ihr Mitleid, ihre einfühlende Suche nach Menschen und ihre sture Menschenfreundlichkeit wird von den anderen als altmodischer "sozialer Tick" verstanden. Sie reagieren mit Ablehnung und Unverständnis. Am Ende bleiben alle Begegnungen Lottes mit Freunden, Bekannten und Verwandten unverbindlich und leer.[4]

Strauß greift damit ein Thema der modernen Literatur auf. Die Unfähigkeit der Menschen miteinander kooperativ zu kommunizieren, gerät bei ihm zur Quelle ihres Leidens.[5] Strauß wird oft als Protagonist der sogenannten Tendenzwende Anfang der siebziger Jahre bezeichnet. Der Blickwinkel änderte sich von außen nach innen; Probleme der Subjektivität traten in den Vordergrund.

Hinter der Normalität seiner Figuren - einschließlich Lotte - zeigt Strauß mit dem Drama "Groß und Klein" die Abgründe, die sich jederzeit auftun können. Absicherungsversuche bei anderen enden in tiefster Einsamkeit.[6]

Lotte gerät jedesmal in eine geschlossene, bereits fertige Situation. Sie versucht sich anzupassen und scheitert. Ihre Mitbürger bleiben für sie unerreichbar.[7]

Lotte hat zunächst im Verlauf des Stückes - im Gegensatz zu den anderen Personen - noch die Hoffnung, Verständigung zu schaffen und Verständnis zu finden. Bezeichnend ist auch ihr Berufswunsch. Sie möchte Dolmetscherin werden und Sprachen lernen, die Kommunikation wirklich gelingen lassen.

In diesen Zusammenhang baut Strauß technische Kommunikationsgeräte in das Drama ein. Das sind Fernsehapperat, Telefon, Diktiergerät und Gegensprechanlage. Sie scheinen eher zu trennen, als zu vermitteln. Obwohl sie teilweise den Kontakt erst herstellen, scheitert Lotte; trotz Kommunikationsmittel scheitert die Kommunikation. Die Technik fördert bei Strauß auch nicht das anteilnehmende Miteinander und erscheint eher als Technik der Vereinsamung.

3. Dialoganalyse

In der 4. Szene mit dem Titel "Groß und Klein" will Lotte ihre Jugendfreundin Mechthield (Meggy) Niedschläger besuchen. Sie steht vor einem Mietswohnhaus in Essen, Virchowstraße 85,[8] und sucht die richtige Klingel.

Im Alltag ist dies eine gewöhnliche Situation. Nach dem Drücken der Klingel meldet man sich durch die Gegensprechanlage an, nennt beispielsweise seinen Namen oder sagt: "Ich bin's" und wird hereingelassen. Dieses einfache Verfahren funktioniert bei Strauß nicht. Die Gegensprechanlage trennt Lotte und Meggy auf verschiedenen Ebenen und dient Meggy als Mittel, sich Lotte fern zu halten.

Die folgenden Sequenzen lassen sich unterteilen in Selbstgespräch, Suche nach Meggy, erstes, zweites und drittes Gespräch mit Meggy. Die Dialoganalyse wird in Anlehnung an die Texte von Helmut Henne (Suche nach Meggy) und Marlene Faber (Gespräche Lotte mit Meggy) vorgenommen.

3.1 Selbstgespräch

Lotte geht Namen für Namen durch, findet jedoch auf den Klingelschild keine Niedschläger. Dabei führt sie ein Selbstgespräch (siehe Turn I, 1).

Dieses "Selbstgespräch" ist in dramtaturgischer Hinsicht kein Selbstgespräch, da es sich an den Rezipienten in Form des Zuhörers, Lesers oder Besucher des Theaterstücks wendet. Lottes Anliegen, Wunsch, Situation und ihr Verhältnis zu Meggy wird transportiert: "Ach, Meggy, du kannst mir viel erzählen."

Gleichzeitig liefert es eine erste Charakterisierung von Meggy: "Die hat ja für nur einmal Quo vadis umsonst Zungenkuß gemacht mit dem und der hatte weißgott einen wäßrigen Mund..." Der Name Niedschläger ist im Rahmen des Dramas ebenso als Charakterisierung anzusehen und signalisiert Niedergeschlagenheit oder eine niederschlagende Wirkung.

Lotte kommt der Gedanke, daß Meggy geheiratet hat, und deshalb ihr Name nicht auf den Klingelschildern zu finden ist: "Niedschläger wird von Roel durch späte Heirat erster Liebe."

Das Selbstgespräch beginnt recht reell, erhält aber durch seine Länge einen unnatürlichen Charakter, der in der Realität am Geisteszustand des Sprechers zweifeln ließe.

3.2 Lottes Suche nach Meggy

Wahllos drückt Lotte Klingelknöpfe, um herauszufinden, wo und unter welchem Namen ihre Jugendfreundin zu finden ist.

In Turn 2 knackt es nur im Lautsprecher; der Hausbewohner bestätigt den Kontakt nach Lottes Klingeln, ein erneutes Knacken nach Lottes Selbstidentifikation beendet abrupt die Kommunikation.

In den Turns 3 bis 9 wird Lotte freudig mit "Lotti" begrüßt. Nachdem Lotte das Mißverständis auflöst, wird der Kontakt mit einem lakonischen "Ach" abgebrochen.

In Turn 9 reagiert niemand auf Lottes Klingeln. Kein Kontakt kommt zustande.

In Turn 10 bis 17 meldet sich Lotte nicht mehr namentlich und fragt direkt nach dem Verbleib von Meggy. Eine alte Frau verweist auf andere Auskunftgeber und auf ihre eigene Isolation: "Wir kennen hier praktisch kaum jemand."

Turns 18 bis 31 werden von drei Schwestern bestimmt, die sich umständlich miteinander austauschen und am Ende doch ihre Unwissenheit bekennen müssen. Keine kann Auskunft erteilen; Lotte wird nur weitergereicht.

In Turn 32 bis 38 versucht ein Herr Schröder die Kommunikationssituation für sich auszunutzen und Lotte hinaufzulocken. Er ignoriert ihre Bitte nach Informationen.

In Turn 39-43 hält Lotte die Stimme eines kleinen Mädchens fälschlicherweise für Meggys Stimme. Das Mädchen kichert und lacht sie aus.

Mit Turn 43 bis 50 meldet sich schließlich nochmal Herr Schröder und wiederholt sein Angebot. Er spielt ein Spiel mit ihr und lügt sie an: "Beißt Sie ja keiner. Mein Puma hat eben sein Schappi gefressen." Wütend drückt Lotte eine andere Klingel.

[...]


[1] Kindlers Neues Literatur Lexikon. Stichwort: Botho Strauß/Groß und Klein.

[2] Vgl. Faber (1992). S. 249.

[3] Kleines deutsches Dramenlexikon. Stichwort: Botho Strauß/Groß und Klein

[4] Kindlers Neues Literaturlexikon. Stichwort: Botho Strauß/Groß und Klein.

[5] Vgl. XXX. S. 362.

[6] Vgl. XXX. S. 353f.

[7] Vgl. Kindlers Neues Literaturlexikon. Stichwort: Botho Strauß/Groß und Klein.

[8] Die Virchowstraße liegt in Essen-Holsterhausen in der Nähe des Polizeipräsidiums und des Klinikums. Dennoch ist sie im Rahmen des Dramas weiterhin als fiktive Straße anzunehmen, obgleich Strauß damit wohl Realitätsnähe aufbauen will. In der filmischen Umsetzung von "Groß und Klein", an der Botho Strauß mitgearbeitet hatte, ist es nicht die Virchowstraße 85, sondern 23. Am Drehort in einer x-beliebigen Straße in einer ebenso beliebigen Stadt wurde wohl unter dieser Hausnummer ein zum Drama passendes Mietshaus gefunden. Die geografischen Angaben scheinen flexibel gehalten zu sein.

Details

Seiten
12
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638173551
ISBN (Buch)
9783638787383
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v11102
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Germanistik
Note
2
Schlagworte
Strauß

Autor

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Titel: Botho Strauß "Groß und klein". Kommunikationsstörungen