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Understanding suicide terrorism

Hausarbeit 2007 17 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition

2. Ist es möglich, ein allgemeingültiges Profil von Selbstmordattentätern zu erstellen?
2.1 Motivation

3. Der Zusammenhang von Kindesmissbrauch und Selbstmordattentaten
3.1 Die Eltern

4. Terroristen ohne jegliche psychische Störung?
4.1 Das Borderline-Syndrom als mögliche Ursache

5. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

TV-Dokumentationen:

Einleitung

Mohammed, der Prophet, soll einst gesagt haben: „Der Islam begann als Fremder und wird als Fremder wiederkehren“. Und wirklich, durch die nahezu ausschließlich negativen Nachrichten, die uns aus der islamischen Welt erreichen wird uns dieser Teil der Weltgesellschaft immer unbegreiflicher, immer fremder.

Besonders seit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 ist Terrorismus in den Medien allgegenwärtig. Immer wieder erschüttern terroristische Attentate die Bevölkerung, besonders da meist Zivilisten zu den Opfern gehören. Mittlerweile werden sie sogar gezielt angegriffen, militärische Einrichtungen hingegen gehören seltener zu den Zielen von Terrororganisationen. Dadurch wird ein Klima der Angst in der Bevölkerung erzeugt, das Gefühl, eines Tages selbst zu den Opfern ge­hören zu können.

Terrorismus an sich ist, wie jedwede Form von Gewalt, erschreckend und angstein­flößend. Diese Form der Kriegsführung wird meist von nicht-staatlichen Akteuren durchgeführt, um die betroffene Zielgruppe zu schockieren und einzuschüchtern. Selbstmordattentate sind ein spezieller Fall von Brutalität, eine Steigerung des „übli­chen“ Terrorismus, die die Frage aufkommen lassen, wieso ein Mensch bereit ist, zusätzlich zu den Leben vieler unschuldiger Menschen noch sein eigenes für ein be­stimmtes Ziel zu opfern.

Im folgenden wird nun den Fragen nachgegangen, was genau eigentlich unter dem Begriff Selbstmordattentat zu verstehen ist, ob es möglich ist, ein Profil, eine Art Muster für Selbstmordattentäter zu erstellen, welche Motivation hinter einer solchen Tat stecken kann, ob und wenn ja wie der Missbrauch von Kindern sich auf die spä­tere Entscheidung für ein Attentat auswirkt, wie die Eltern darauf reagieren, wenn sich eines ihrer Kinder in die Luft sprengt und unter welchen psychischen Störungen Terroristen leiden. Zum Schluss werde ich näher auf das Borderline-Syndrom und seinen Zusammenhang mit dieser Art des Terrorismus eingehen.

1. Definition

Selbstmordattentate sind keine Erscheinung der Neuzeit, Attentate dieser Art sind bereits seit dem 11. Jahrhundert bekannt, „berühmt“ wurden sie jedoch letztlich durch die Kamikaze-Flieger im zweiten Weltkrieg. Die Welle der „modernen“ Selbstmord­attentate begann im April 1983, als die Hisbollah einen mit Sprengstoff beladenen LKW in die amerikanische Botschaft im Libanon steuerte. Anfangs waren noch aus­schließlich militärische Einrichtungen das Ziel, doch wurden schnell immer öfter auch Zivilisten angegriffen. Seither wurden in mehr als 20 Ländern dieser Erde Selbst­mordattentate verübt.

Doch wie genau definiert man nun „Selbstmordattentat“?

Eine offizielle Definition gibt es nicht, Robert Pape definiert Selbstmordattentat fol­gendermaßen: „Selbstmordattentate folgen einer strategischen Logik. Auch wenn die meisten Attentäter irrational oder fanatisch sind, die Gruppenführer sind es nicht. Aus der Perspektive der Terrororganisationen haben Selbstmordattentate den Sinn, be­stimmte politische Ziele zu erreichen: Eine Regierung dazu zwingen, ihre Politik zu ändern, neue Rekruten zu mobilisieren und finanzielle Unterstützung zu erlangen (oder alles).“[1]

Laut dem Kopf der RAND Corporation[2] - Bruce Hoffmann – führt ein solcher Terrorismus dazu, dass die Bevölkerung erschreckt wird und sich nicht mehr be­schützt fühlt. Durch die Unberechenbarkeit entsteht eine Art Paranoia und viele trauen sich nicht mehr, das Haus zu verlassen.

Ein Selbstmordattentat dient also immer einem Ziel. Durch das Gefühl der Ohnmacht und Angst, das in der Bevölkerung dadurch ausgelöst wird, dass Menschen bereit sind, ihr eigenes Leben für dieses Ziel zu opfern und unschuldige Menschen in den Tod zu reißen, entsteht gleichzeitig eine Erwartungshaltung gegenüber der Regie­rung des eigenen Landes. Dadurch erhoffen sich die Terroristen, bzw. die hinter ih­nen stehenden Organisationen, ihre Ziele und Forderungen durchsetzen zu können. Wie die Erfahrung zeigt, wird diesen Forderungen – wie etwa ein Umsturz der Regie­rung, eine Änderung der Grundgesetze etc. – nie nachgekommen. Doch durch der­artige Attentate erhoffen sich die Organisationen, die Bevölkerung – und damit auch die Regierung – mürbe zu machen, um schließlich doch ihr Ziel zu erreichen.

Oft werden auch Entführungen als Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen genutzt, der große Unterschied ist aber, dass ein Attentat im betreffenden Land – wie bspw. England – angsteinflößender ist. Außerdem sind die Gruppen, die mit Entfüh­rungen „arbeiten“ oft nur Splittergruppen. Die großen Organisationen wenden diese Art des Drucks meist nur zusätzlich an.

2. Ist es möglich, ein allgemeingültiges Profil von Selbstmordattentätern zu erstellen?

Bei dieser Frage gehen die Meinungen stark auseinander. Fakt ist jedoch, dass es bisher zwar unzählige Täterprofile für Massenmörder o.ä. gibt, jedoch nur sehr ver­einzelt für Selbstmordattentäter, die sich dann auch immer nur auf den jeweiligen Einzeltäter beziehen. Natürlich kann es nicht ein einziges, auf alle Attentäter passen­des Profil geben, aber es wäre möglich, unterschiedliche Typen zu charakterisieren, allerdings fehlen hierfür die Daten. Einen ersten Versuch in diese Richtung machten Pedalezur, Perliger und Weinberg im Jahre 2003. Sie testeten in einer Studie Hypo­thesen über Selbstmordattentäter. Ausgangspunkt war, dass Selbstmordattentate ein altruistischer oder fatalistischer, wie in Durkheims Klassifizierungssystem beschrie­bener Akt seien. Als Erhebungseinheit diente eine Stichprobe von 819 palästinensi­schen Terroristen – 80 von ihnen verübten zwischen 1993 und 2002 Selbstmordat­tentate. Getestet wurden fünf Hypothesen, die besagten, Selbstmordattentäter hätten eine religiöse Erziehung genossen (1), hätten eher eine religiöse als eine nationalis­tische Ideologie (2), seien jung (3), seien aus niedrigeren sozialen Schichten (4) und unverheiratet (5). Bis auf die dritte Annahme wurden alle Hypothesen bestätigt. Dies ist nun sicherlich nicht allgemeingültig, zumal die Stichprobe auf Basis der Grundge­samtheit aller Terroristen nicht repräsentativ wäre und zudem noch geographisch begrenzt ist. Aber es war ein Schritt hin zur Profilentwicklung, bei der eine geogra­phische, religiöse und kulturelle Unterscheidung sicherlich auch von Nutzen, sogar unumgänglich wäre.

In vielen anderen Veröffentlichungen steht schlicht, dass jeder verdächtigt werden könnte, ganz besonders diejenigen, die besonders unverdächtig aussähen.

Ein allgemeingültiges Profil kann also kaum erstellt werden, zumal auch immer die Intention sowie der kulturelle und religiöse Hintergrund mit beachtet werden müsste. Interessanter ist hier wohl die Frage nach der Motivation, den Gründen, die einen Menschen dazu treiben, sich selbst für einen „höheren“ Zweck in die Luft zu spren­gen.

2.1 Motivation

Sicherlich spielen gesellschaftliche Umstände, Krisensituationen und auch eigene Erfahrungen, sowie Überzeugungen eine große Rolle in der Entscheidung, ein Selbstmordattentat zu verüben. Die Tatsache, dass sie in den meisten Fällen von Menschen verübt werden, die aus mit Krisen behafteten Gebieten kommen zeigt, welch enorme psychische Auswirkungen ein seit langer Zeit schwelender Konflikt – wie bspw. in Nah-Ost – auf Individuen haben kann. Dennoch kann dies nicht die ein­zige Motivation für ein Selbstmordattentat sein, denn aus anderen Krisengebieten wie z.B. Ruanda, wo Bürgerkriege zwischen Hutsi und Tutsi jahrzehntelang das Le­ben der Bevölkerung beherrschten, sind uns keine derartigen terroristischen Akte bekannt[3]. Wie kommt es also, dass Selbstmordattentate heutzutage eher ein „muslimisches“ Phänomen sind?

Die meisten Attentäter kommen aus islamistischen Staaten, in denen es kaum eine Trennung von Staat und Religion gibt, politische Führer sind oftmals auch religiöse Führer, die eine gewaltverherrlichende Interpretation des Korans predigen. Aber können religiöse Überzeugungen oder die Lehren eines Führers dazu führen, dass sich ein Mensch dafür in die Luft sprengt? In dem Kapitel „Suicide Bombing in the COE“ des DCS INT Handbooks[4] wird von vier Faktoren ausgegangen, die möglicher­weise zu der Entscheidung für den Einsatz von Selbstmordattentaten führen könn­ten.

Der erste Faktor ist die Gruppenmotivation, worunter die Motivation zu verstehen ist, die die Anführer und Mitglieder einer Gruppe zu dem Einsatz menschlicher Bom­ben veranlasst. Da diese Gruppen ihren Gegnern eigentlich immer deutlich unterle­gen sind (das beste Beispiel hierfür ist wohl die al-Qaida mit dem Gegner USA) und sie demnach in einem offenen Krieg keinerlei Chance hätten, bedienen sie sich der Selbstmordattentate, um zu schockieren. Selbstmordattentate verursachen immer großen Schaden (materiellen und seelischen, denn zusätzlich zu den erlittenen Ver­lusten fühlt sich die Bevölkerung hilflos und unbeschützt) und ihr Erfolg ist nahezu garantiert. Zumindest erreichen sie die Aufmerksamkeit der Medien, was wiederum bei der Rekrutierung neuer Mitglieder hilfreich sein und auch zu großzügigen Spen­den von Sympathisanten führen kann. Weiterhin sind derartige Attentate relativ preiswert, erzeugen jedoch bei den Angegriffenen hohe Kosten; auch die Planung ist nicht allzu kompliziert, da die Erstellung eines Fluchtplans wegfällt. Durch die Selbsttötung des Attentäters ist die Organisation in keinster Weise in ihrer Sicherheit gefährdet, da der Attentäter nach vollführter Tat nicht gefasst und verhört werden kann.

Als zweiter Faktor wird die individuelle Motivation angeführt. Zwei israelische For­scher[5] haben hierfür eine Typologie von Selbstmordattentätern erstellt, in der sie vier Typen unterscheiden: Den religiösen Fanatiker, den nationalistischen Fanatiker, den Rächer und den Ausgenutzten – diese vier Typen erklären sich wie folgt: Die Tat wird nicht als Suizid, sondern als Märtyrertod angesehen, wodurch die Attentäter den Heldenstatus erlangen und in Erinnerung bleiben. Stirbt jemand einen solchen Hel­dentod, so wird ihm durch die religiösen Führer ein Leben im Paradies versprochen und auch seine Familie profitiert davon, indem sie Schenkungen in Form von Geld und Wohnungen, sowie die Garantie für einen Platz im Paradies erhalten etc. Atten­täter sehen in ihrer Tat die Verteidigung der Ideologie ihres Landes, sie haben starke nationale Verbundenheitsgefühle. Die allgemeine Ansicht, es handle sich hierbei im­mer um gestörte Fanatiker kann nicht bestätigt werden, die Täter sind sich ihres Schicksals und dessen ihrer Opfer durchaus bewusst, sie haben einen starken Glau­ben in die Ziele der Organisation und sie stellen das Überleben der Organisation über das eigene Leben. Oft fühlt ein Individuum sich oder ihm nahestehende Perso­nen durch eine Gruppe/ein Land unterdrückt, bzw. bedroht und möchte sich rächen, da für sie ein Selbstmordattentat besser erscheint als ein Leben in Unterdrückung. Manche werden allerdings auch einer sog. Gehirnwäsche unterzogen und werden so zu Selbstmordattentätern, auch wenn sie dies vorher vielleicht gar nicht vorhatten. Diese psychische Manipulation kann allerdings nur funktionieren, wenn gewisse Vor­aussetzungen bestehen – etwa Rachegedanken durch den Verlust eines nahe ste­henden Menschen. Hierfür wird eine Person gezielt von ihrem Umfeld abgeschottet und in einer Art „Trainingscamp“ von der Notwendigkeit einer solchen Tat überzeugt.

Wichtig ist natürlich auch die Rekrutierung neuer Mitglieder, der dritte Faktor des DCS INT Handbooks. Durch die ständige Rekrutierung wird sichergestellt, dass im­mer genug Freiwillige vorhanden sind. Hierfür werden von vielen Organisationen Werbfilme gedreht, die im Internet zu finden sind und im eigenen Land im Fernsehen ausgestrahlt werden (z.B. in Afghanistan bis zur Stürzung des Taliban-Regimes oder auch im palästinensischen Fernsehprogramm).

Ein Sonderfall bilden weibliche Attentäter, die female suicide terrorists. Das be­rühmteste Beispiel hierfür sind die Tamil Tigers aus Sri Lanka, bei denen rund ein Drittel der Selbstmordattentate von Frauen verübt werden. Viele Attentäterinnen wollen durch ihre Tat dem ihnen vorgesehenen Leben entkommen und ein State­ment im Namen ihres Geschlechts machen. Oft sollen dadurch auch Familien „rein­gewaschen“ werden, über die die betreffende Frau zuvor „Schande“ gebracht hatte. So verübte z.B. im Jahr 2000 eine 22jährige Mutter ein Attentat im Gaza-Streifen, um Vergeltung für den Betrug an ihrem Mann zu erlangen. Frauen werden auch oft ein­gesetzt, da sie nicht so schnell verdächtigt werden und Bomben besser an ihrem Körper verstecken können (zum Beispiel zwischen den Brüsten oder am Bauch, wo­durch eine Schwangerschaft vorgetäuscht wird).

3. Der Zusammenhang von Kindesmissbrauch und Selbstmordattentaten

Viele Kinder wachsen mit Traumata des Krieges, der Gewalt, des Missbrauchs und des Verlustes auf. Schon in der Schule bekommen sie das verherrlichende Bild des Märtyrers, der für Allah sein Leben opferte und fortan im Paradies leben wird, beige­bracht und das Fernsehen strahlt regelmäßig Propagandafilme aus, in denen die Namen der „ehrenvoll“ gestorbenen veröffentlicht werden. Diese Kinder wachsen also mit dem Bild des glorreichen Helden auf, der für seinen Glauben, sein Land, seine Mitmenschen gestorben ist.

In seinem Aufsatz „If I blow myself up and become a martyr, I’ll finally be loved“[6] stellt Lloyd Demause die Ergebnisse einer Studie für das scholary journal „child abuse and neglect vor“, in der 652 palästinensische Studenten nach ihren Erinnerungen an se­xuellen Missbrauch befragt wurden. Von diesen Studenten wurden 18,6% durch ein Familienmitglied, 36,2% durch einen Bekannten und 45,6% durch einen Fremden missbraucht. Da dies mehr als 100% ergibt, treffen auf einige der Befragten mehrere oder alle Kategorien zu. Auffällig ist, dass es keinen signifikanten Unterschied zwi­schen Jungen und Mädchen gibt (in der westlichen Welt werden Mädchen vier Mal häufiger missbrauch als Jungen). Dies ist vor allem deshalb verwunderlich, weil Ho­mosexualität in Palästina verboten ist. Allerdings, so der ehemalige PLO-Terrorist Walid Shoebat, sei es in Ordnung, so lange man der aktive Part sei.

Aber der Missbrauch beginnt nicht erst bei sexuellen Handlungen. Babys und Klein­kinder werden geschlagen, getreten, gebissen, vergiftet, betrunken gemacht, unter Wasser gehalten etc, es werden ihnen also Dinge angetan, die ihnen ganz offen­sichtlich schaden, so dass die Eltern auch nicht dadurch zu entschuldigen sind, dass sie ihre Kinder durch Unwissenheit möglicherweise falsch behandeln. Demause zieht zwischen dem Missbrauch und der späteren Tat – dem Selbstmordattentat – eine Parallele. Zunächst unterwerfen die Kinder sich einem älteren Mann, später dann Allah, beide sind für sie übermächtig und ihren Befehlen ist stets Folge zu leisten. Die Erklärung hierfür sieht er in der Neuropsychologie: Während des Missbrauchs im Kindesalter werden die Schmerzen und Ängste in der Amygdalla gespeichert. Versu­chen sich die Opfer dann später zu individualisieren, ihre Bedürfnisse zu entdecken und ihre Persönlichkeit zu entwickeln, so hören sie die Stimmen der sie bestrafenden Eltern. Ein als Kind missbrauchter Mensch bewertet seine eigenen sexuellen Bedürf­nisse als schlecht, unrein, so wie seine Eltern es ihm beigebracht haben, wodurch die Kopplung zu Gott entsteht und die innerlich gehörte Stimme der bestrafenden Eltern durch die des Gottes ersetzt wird.

Zwar gibt Demause hiermit eine plausible Erklärung für den Zusammenhang von Missbrauch und späterem Extremismus, allerdings lässt er gewisse Aspekte einfach außen vor. So erwähnt er mit keinem Wort, dass zusätzlich zu den traumatischen Kindheitserinnerungen noch weitere Aspekte eine große Rolle spielen, die einen er­wachsenen Menschen zu einer solchen Tat treiben können – so z.B. die unsichere politische Lage eines Landes, der Verlust geliebter Menschen, die Heroisierung von Selbstmordattentätern usw. Weiterhin schlägt Demause spezielle Aufklärungspro­gramme im Rahmen eines „Marshall-Plans“ vor, die viele Fehler der elterlichen Er­ziehung verhindern könnten. Dies ist sicher richtig, führt aber nicht zwangsläufig dazu, dass der Terrorismus stark abnimmt, so wie der Autor es annimmt, da die eben schon erwähnten Faktoren keinerlei Erwähnung finden.

3.1 Die Eltern

Wie aber reagieren die als so lieblos und grausam dargestellten Eltern darauf, wenn ihr Kind sich für seinen Glauben, seine Überzeugungen opfert?

Frauen werden sehr jung verheiratet, viele sind bei der Geburt ihres ersten Kindes noch nicht einmal volljährig. Ihre Ehemänner sind oft deutlich älter und haben bereits eine oder mehrere Frauen und Kinder. Zusätzlich zu dem Altersunterschied und der Tatsache, dass der Mann häufig nicht zu Hause ist, obliegt die Kindeserziehung al­lein den Frauen, Männer nehmen sich ihrer Söhne – wenn überhaupt – erst sehr spät an. Da es keine Aufklärungsprogramme gibt und die Frauen wie schon erwähnt meist selbst gerade erst (oder noch nicht) dem Kindesalter entwachsen sind, sind die jun­gen Mütter sehr schnell überfordert und wissen nicht, wie sie mit ihrem Neugebore­nen umgehen sollen.

Da es aber den meisten Frauen so ergeht, können sie sich auch nicht gegenseitig helfen oder Tipps geben, so wie es in westlichen Ländern möglich ist. So darf man den Eltern also nicht einfach Herzlosigkeit oder absichtlich ausgeübte seelische Grausamkeit unterstellen, sondern es muss immer auch der Aspekt der Unwissenheit beachtet werden. Selbstverständlich sind jedoch die oben genannten Arten des Missbrauchs wie das betrunken machen etc. nicht zu entschul­digen.

Zudem werden Kinder meist streng religiös erzogen. Im Gegensatz zur christlich-reli­giösen Erziehung, in der die Kinder Demut und Bescheidenheit lernen sollen, wird muslimischen Kindern beigebracht, stark und stolz sein zu müssen, sich niemandem außer den Eltern und Allah (oder als Frau dem eigenen Ehemann) zu unterwerfen. Hieraus resultiert auch der Gedanke, es sei eine Ehre, für den Glauben zu sterben.

Eltern von Selbstmordattentätern werden für die Tat ihres Kindes gelobt, verehrt und wie bereits erwähnt ziehen sie oft materiellen Nutzen aus dieser Tat. Trotz allem sind besonders die Mütter sicherlich sehr traurig über den Verlust ihres Kindes. Joan Lachkar geht jedoch davon aus, dass der Stolz der Mütter oft ihre Trauer übertrifft, da sie so das Gefühl haben können, ihr Sohn sei immer bei ihnen. Anders würde er ir­gendwann weggehen, um sein eigenes Leben zu führen. Viele Mütter sagen auch, sie würden Märtyrer aufziehen, die für Allah sterben werden und entscheiden sogar, wer sterben soll und wer am Leben bleiben muss, um sich später um die alten Eltern zu kümmern. In einem Interview für eine TV-Dokumentation[7] sagte die Mutter eines Selbstmordattentäters: „Ich bin nicht traurig, ich bin stolz. Mein Sohn ist für Allah und den Islam gestorben, so nützt er der Welt mehr, als er es tun würde, wäre er am Le­ben geblieben.“

Gefühle der Trauer werden also zumindest nicht gezeigt und sind durch Stolz ertrag­barer. Die Ehre, die Wahrung des Gesichts, spielt in der islamischen Welt eine sehr große Rolle. Durch den Freitod eines Familienmitglieds für einen bestimmten Zweck wird die Familie als besonders ehrvoll angesehen, woraus auch der Stolz der Eltern resultiert und eine verletzte oder beschädigte Ehre einer Familie kann wiederherge­stellt werden.

4. Terroristen ohne jegliche psychische Störung?

In ihrem Buch „Dying to kill: The allure of suicide terror“ schreibt Mia Bloom, Selbst­mordattentäter würden lediglich eine effektive Verhandlungsstrategie anwenden[8]. Sie versichert weiterhin, Terroristen würden nicht an psychischen oder Persönlichkeits­störungen leiden. Ihrer Meinung nach könnte die Gewalt eher von der hohen Ar­beitslosigkeit herrühren. Neben Lloyd Demause kamen noch zwei weitere Forscher zu dem gegenteiligen Ergebnis. Joan Lachkar und Nancy Kobrin, die die Ansicht vertreten, Terroristen seien Borderline-Persönlichkeiten, tickende Zeitbomben, die durch Kindesmissbrauch und den abwesenden Vater geprägt wurden[9]. Diese traumatischen Ergebnisse können dazu führen, dass sie die ihnen fehlende Sicher­heit in terroristischen Vereinigungen suchen. Für die drei Wissenschaftler sind Selbstmordattentäter Symbole einer sexuell unterdrückten Gesellschaft, die alle das Bedürfnis teilen, zu sterben, Allah zu begegnen und die Liebe zu erhalten, die sie nie bekamen.

4.1 Das Borderline-Syndrom als mögliche Ursache

In ihrem Aufsatz „The psychological make-up of a suicide bomber“[10] vertritt Joan Lachkar die These, Terroristen hätten eine Borderline-Persönlichkeit. Gesellschaften, die von Religion, Tod, Vernichtung und/oder dem Glauben an ein Leben nach dem Tod geradezu besessen sind, können die Einzig-, bzw. Andersartigkeit anderer Gruppierungen nicht tolerieren und teilen so emotionale Eigenschaften mit Borderli­nern. Zwei Charakteristika dominieren die Borderline-Persönlichkeit: Neid – was be­neidet wird muss zerstört werden – und Scham. Asiatische Kulturen oder solche des mittleren Ostens werden oft als Scham-Kulturen bezeichnet. Stimmen die Werte ei­nes Individuums nicht mit der allgemeingültigen Ideologie überein, so gilt diese Per­son als „untreu“, was sanktioniert werden muss, z.B. durch Ausschluss aus der Ge­sellschaft. So wie es in westlichen Kulturen als erstrebenswert gilt, sich zu individua­lisieren, abzugrenzen, ist es in solchen Kulturen wichtig, Teil des Kollektivs zu sein, nicht „aus der Reihe zu tanzen“. Weiterhin wollen Borderliner ihre Impulse kontrollie­ren, leiden unter Ablehnungs- oder Vernichtungsangst und wiederholen aufgrund ihrer geschädigten Ego-Struktur immer wieder die gleichen Fehler. Sie verzerren und manipulieren die Realität, wenn sie z.B. lügen, so denken sie, andere hätten sie an­gelogen und ihre eigene Lüge sei die Wahrheit, so dass sie sich immer als Opfer fühlen. Auch dieses Charakteristikum findet sich im Islam wieder: In einem Gebet heißt es: „Das Buch Gottes sagt uns: Der Märtyrer stirbt und lügt nie.“[11]

Lachkar sieht besonders bei den Gruppenführern Borderline-Charakteristika, sowie starke Ausprägungen von Paranoia, Schizophrenie und pathologischer Beunruhi­gung. Sie unterscheidet zwischen narzisstischen und Borderline-Führern. Narzissti­sche Führer sind von dem Wunsch getrieben, zu herrschen und bewundert zu wer­den, so wie bspw. Napoleon, Hitler oder auch John F. Kennedy[12]. Arabische Führer sind für Lachkar ausnahmslos Borderliner, die, im Gegensatz zu den narzisstischen amerikanischen oder europäischen Führern, ihre Macht nicht nutzen, um Bewunde­rung zu erlangen, sondern um die „Ungläubigen“ zu bestrafen. Lügen Narzissten, so sind sie sich dessen durchaus bewusst, während Borderliner davon überzeugt sind, die Wahrheit zu sagen. Dadurch schaffen es arabische Gruppenführer vielleicht auch, so überzeugend bei der Bildung von Gruppenphantasien, -ideologien und –mythologien zu sein. Die Selbsttötung ist für Lachkar letztlich das Ergebnis einer Hassliebe, die vom Vater auf Allah projiziert wird. In ihren Gebeten sprächen Moslems wie zu ihrem abwesen­den Vater, den sie zwar lieben, aber auch für seine Abwesenheit hassen. Hier greift das Borderline-Syndrom, sie sagen sich, dass sie selbst Allah über alles lieben, es aber die anderen, die Feinde, sind, die ihn hassen und die deshalb zerstört werden müssen.

Laut den Überlieferungen wurde Mohammed verspottet und sollte sogar umgebracht werden, als er die Lehren des Islams in Mekka ausrief. Allerdings geling ihm die Flucht und nur die „reinsten“ und „treuesten“ folgten ihm. Schon die Anfänge des Is­lams waren also von Spott, entgegengebrachtem Hass und Ausstoßung überschat­tet, wodurch Gefühle ausgelöst werden können, wie sie Lachkar den Borderlinern attestiert.

Sicher wäre es vermessen und falsch, die gesamte islamische Bevölkerung als Bor­derliner zu bezeichnen, aber auf Gruppenführer und aktive Terroristen scheint diese Diagnose durchaus zuzutreffen. Osama bin Laden – um das berühmteste Beispiel nicht außer Acht zu lassen – sieht in der westlichen Welt, besonders aber in den USA, den Ursprung alles Bösen. Da er selbst lange Zeit in den USA gelebt hat, hat er die sexuelle, sowie alle anderen Freiheiten der westlichen Welt selbst erlebt. Hier greift Lachkars These, Borderliner könnten die Andersartigkeit anderer Kulturen nicht akzeptieren. Auch Mohammed Atta, einer der Piloten vom 11. September 2001, konnte sich mit der sexuellen Freiheit der westlichen Welt nie abfinden. Er bat seine Freunde aus der Moschee gar, einen Umweg zu nehmen, um in das Gotteshaus zu gelangen, da der direkte Weg durch das Hamburger Rotlichtviertel führte. „Die Welt ist verwirrt, überall lauern Versuchungen und hinter allem steckt der Teufel“[13]. Der sogenannte Teufel war für Atta die Welt der anders denkenden, der „Ungläubigen“.

5. Fazit

Für einen durch die westliche Kultur geprägten Menschen wird es vermutlich nie möglich sein, ein Selbstmordattentat voll und ganz nachvollziehen zu können. Allein durch unsere Vergangenheit sind wir mit dererlei Kriegsführung nicht vertraut, außer­dem fehlt es den meisten von uns wohl am ausreichenden Wissen über die islami­sche Kultur, ihre Religion und Geschichte.

Die Unterstellung, die gesamte muslimische Welt würde Terroristen und besonders Selbstmordattentäter bewundern ist jedoch nicht richtig. In vielen islamischen Län­dern gibt es sog. Versöhnungskomitees, die den Dialog mit inhaftierten Islamisten suchen. Hamoud al-Hitar, der Vorsitzende des Versöhnungskomitees im Jemen, ist überzeugt, dass fundamentalistische Islamisten nur vom Weg abgekommene Mos­lems sind, die auf den rechten Pfad zurückgeführt werden müssen. Hierfür lehnt er jegliche Gewaltanwendung ab: „Eine Idee kann nur mit einer Idee bekämpft werden. Bekämpft man eine Idee mit Gewalt, so wird nur noch mehr Gewalt gepredigt wer­den.“[14]

Von der Vorstellung, die gesamte islamische Gesellschaft bestünde nur aus gewalt­verherrlichenden Barbaren ist ebenso unberechtigt. Und dennoch ist dieses Bild weit verbreitet, da uns fast ausschließlich erschreckende, angsteinflößende Nachrichten aus diesem Teil der Welt erreichen.

Lloyd Demause und Joan Lachkar geben zwar einen interessanten und auch plau­siblen Einblick in die Hintergründe einer terroristischen Tat, doch haben sie, wie die meisten anderen westlichen Autoren, eine sehr ethnozentristische Sicht auf dieses Phänomen. Sicherlich ist ein terroristischer Akt immer grausam und durch nichts zu entschuldigen, doch meist wird nur aus der gewohnten Perspektive des Autors be­richtet, die nun einmal eine westliche und somit vollkommen andere ist.

In keinem der von mir verwendeten Texte wird erwähnt, dass es sich bei den von religiösen oder Gruppenführern zitierten Koranstellen lediglich um Interpretationen des Korans handelt, von denen es eine große Anzahl gibt; darunter auch solche, die gewaltver­herrlichend sind, aber die meisten sind nicht grausamer als die Bibel oder andere Glaubensbücher.

Wir beziehen unser Wissen über die islamische Kultur hauptsäch­lich aus den Nachrichten und den Zeitungen, was bedeutet, dass wir nur über ein Bruchstück dieser Kultur bescheid zu wissen glauben. Natürlich kann nicht von je­dem verlangt werden, sich intensiv dem Studium des Islams zu widmen, aber eine weniger ethnozentristische Sichtweise und ein Blick auf die Zeit, bevor der Islam eine derart zweifelhafte Popularität erlangte wäre durchaus wünschenswert.

Literatur- und Quellenverzeichnis

DCSINT Handbook No. 1.03: Suicide Bombing in the COE; herausgegeben in: Fort Leavenworth, Kansas, Us Army Training and Doctrine Command, Deputy Chief of Staff for Intelligence, Assistant Deputy Chief of Staff for Intelligence – Threats; 15 August 2005

Demause, Lloyd: If I blow myself up and become a martyr, I’ll finally be loved”; in: The Journal of Psychohistory, A Publication of The Institute of Psychohistory, Volume 33, Number 4, Spring 2006; S. 300-307

Hafez, Mohammed M.: Rationality, culture, and structure in the making of suicide bombers: A preliminary theoratical synthesis an illustrative case study; in: Studies in Conflict and Terrorism, 29; S. 165-185

Hartevelt Kobrin, Nancy: Political domestic in Ibrahim’s family: A psychoanalytic theory of islamic suicidal terrorism; Vortrag beim 25th annual meeting of the International Society of Political Psychology, Berlin

Lachkar, Joan: The psychological make-up of a suicide bomber; in: The Journal of Psychohistory, A Publication of The Institute of Psychohistory, Volume 29, Number 4, Spring 2002; S.349-367

Lester, D. et al.: Suicide bombers and psychological profiles, Quelle leider unbekannt; S. 283-293

TV-Dokumentationen:

Djihad TV; ausgestrahlt am 08. August 2007 von 22.15 bis 23.00 Uhr; Phoenix

Die Fremden im Paradies – Warum Gotteskrieger töten; ausgestrahlt am 08. August 2007 von 23.00 bis 0.00 Uhr; Phoenix

[...]


[1] zitiert nach Robert Pape, “Strategic Logic of Suicide Terrorism”; in: DCSINT Handbook No. 1.03 “Suicide Bombing in the COE, S. II-1; Übersetzung von der Autorin

[2] R esearch An d D evelopment Corporation

[3] sicherlich ist das dortige Phänomen der Kindersoldaten ähnlich erschreckend, aber dieses Thema wäre in einer anderen Arbeit zu erörtern

[4] herausgegeben von: US Army Training and Doctrine Command; Deputy Chief of Staff for Intelligence, Assistant Deputy Chief of Staff for Intelligence; Fort Leavenworth, Kansas; August 2005

[5] Shaul Kimhi und Shmuel Even

[6] in: „The Journal of Psychohistory“ Nr. 2 2006, S. 300-311

[7] „Djihad-TV“. Diese Sendung wurde am 08.08.2007 um 22.15 Uhr auf Pheonix gesendet

[8] zitiert nach Lloyd Demause: „If I blow myself up and become a martyr, I’ll finally be loved“ S.302

[9] auf den bei Joan Lachkar beschriebenen Zusammenhang zwischen dem Borderline-Syndrom und terroristischen Akten wird im folgenden Abschnitt genauer eingegangen

[10] in: „The Journal of Psychohistory“ Nr. 4 2002, S. 349-368

[11] zitiert nach: „Die Fremden im Paradies – Warum Gotteskrieger töten“, Phoenix-TV-Dokumentation vom 08.08.2007 23.00 Uhr

[12] ein Vergleich von John F. Kennedy mit Hitler und Napoleon erscheint zwar hart und unpassend, jedoch wird hier in keinster Weise ein Vergleich ihrer Taten gezogen, sondern lediglich ihrer Persönlichkeitsstruktur

[13] zitiert nach: „Die Fremden im Paradies – Warum Gotteskrieger töten“

[14] zitiert nach: ebd.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (Buch)
9783640140442
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v111016
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Understanding Terrorismus Soziologische Aspekte Selbstmordattentate suicide terrorism Psychologie

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Titel: Understanding suicide terrorism