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Migrantinnen in der Stadt - Thesen über die Land-Stadt-Migration von Frauen in Afrika

Seminararbeit 2006 41 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Schultz: Nomadenfrauen in der Stadt
1.1 Die Migrantinnen
1.1.1 Traditionelle Migration
1.1.2 Migrationstypen
1.2 Leben in der Stadt
1.2.1 Einkommensmöglichkeiten
1.2.2 Soziale Netzwerke
1.3 Familienwandel
1.3.1 Haushaltsgröße
1.3.2 Heirat und Ehe
1.1 Die Verbindung zum Herkunftsgebiet:
1.5 Zusammenfassung der Thesen von Schultz
1.6 Kritik an Schultz

2. Migrationsforschung
2.1 Modernisierungstheorie
2.2 Dependenztheorie
2.3 Artikulationstheorie
2.2 Transnationalismus
2.5 Theoretische Einordnung Schultz

3. Frauen und Migration
3.1 Stand der Literatur
3.2 Die Migration
3.3 Formen der weiblichen Migration
3.3.1 Land-Land-Migration
3.3.2 Land-Stadt-Migration
3.3.3 Interne und internationale Migration
3.3.3 Internationale Migration
3.3 Migrationsentscheidung und Motive
3.5 Frauen in der Stadt
3.5.1 Ökonomische Tätigkeiten
3.5.2 Urbanisierung versus Remigration

4. Die Folgen der Migration von Frauen
4.1 Familienwandel
4.1.1 Kinderpflegschaft
4.1.2 Haushaltsstruktur
4.1.3 Polygynie in der Stadt
4.1.4 Von der Familie zum Netzwerk?
4.2 Ökonomischer Wandel
4.2.1 Haushaltserweiterung und Diversifikation
4.2.2 Ökonomische Unabhängigkeit der Frauen
4.3 Wandel der Geschlechterbeziehungen

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit einigen Jahren wächst der literarische Korpus zum Thema weiblicher Migration stetig an. Studien, die sich dem Thema „Frauen und Migration“ widmen, sind jedoch größtenteils empirische Einzelfallstudien. Bislang gibt es kaum Zusammenfassungen zu weiblicher Migration in Afrika. Zudem gingen die empirischen Ergebnisse nicht in die Theorienbildung zu Migration ein: Es gibt noch keine Migrationstheorie, die auch dem Phänomen der weiblichen Migration gerecht wird. Ansätze zu einer neuen Konzeptionierung von Migration und erste verallgemeinernde Thesen sind jedoch vereinzelt erkennbar. Ziel dieser Arbeit ist es diese darzustellen und zusammenzufassen. Anhand einer ausgewählten empirischen Einzelfallstudie möchte ich die Ansätze diskutieren und mit den Ergebnissen dieser Feldforschung vergleichen.

Als Ausgangspunkt und empirischer Bezugspunkt dieser Arbeit dient mir die Feldforschungsstudie von Ulrike Schultz von 1996 „Nomadenfrauen in der Stadt. Die Überlebensökonomie der Turkanafrauen“. Nach einer Einführung in die Studie von Ulrike Schultz gebe ich im zweiten Teil meiner Arbeit einen Überblick über die Migrationsforschung ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts wieder, indem ich die großen Migrationstheorien darstelle. Zudem werde ich diskutieren, ob und inwieweit diese Theorien für eine Analyse der Migration der Frauen geeignet sind. Im letzten Teil dieses Kapitels werde ich auf den theoretischen Bezugsrahmen der Studie von Schultz eingehen. Im dritten Kapitel widme ich mich dem Thema Frauen und Migration und fasse die Aussagen zusammen, die hinsichtlich der weiblichen Migrantin in entwickelten Ländern, ihrer Migrationsmotive und –hintergründe, dem Migrationsmuster und dem Leben der Migrantinnen am Zielort in der angegeben Literatur zu finden sind. Kapitel vier behandelt die Folgen und Auswirkungen der weiblichen Migration und geht auf den kulturellen, sozialen und ökonomischen Wandel ein, der durch die Migration von Frauen ausgelöst wird. Sowohl in Kapitel drei, als auch in Kapitel vier werde ich immer wieder auf die Ergebnisse von Schultz zurückgreifen und überprüfen, inwieweit sich diese in die aktuellen theoretischen Ansätze einordnen lassen.

1. Schultz: Nomadenfrauen in der Stadt

In ihrer Studie „Nomadenfrauen in der Stadt. Die Überlebensökonomie der Turkanafrauen“ untersucht Schultz die Land-Stadt-Migration von Nomadenfrauen im Norden von Kenia. Diese haben das Nomadengebiet verlassen und sind nach Lodwar [1], die Distrikthauptstadt der Turkana-Region, gewandert. Schultz konzentriert sich vor allem auf das Leben der Migrantinnen in der Stadt und auf die Frage, inwieweit das urbane Leben in die traditionelle Lebensweise und Wirtschaftsform der Nomaden eingebettet ist. Ins Zentrum der pastoralen Lebensweise stellt sie dabei die Moralökonomie [2]. Werden ihre Regeln in der Stadt weiterhin befolgt, so bleibt man Teil der pastoralen Ökonomie und Lebenswelt. Damit greift sie die Frage nach der Anpassungsfähigkeit der traditionellen Kultur der Migrantinnen an das städtische Leben auf und beschreibt unter welchen Umständen die Erhaltung der pastoralen Lebensweise und damit der kulturellen Identität gelingt.

1.1 Die Migrantinnen

1.1.1 Traditionelle Migration

Die Migration der Turkana Frauen ist kein rezentes Phänomen, sondern durch eine historische und kulturelle Kontinuität gekennzeichnet. Bei der Betrachtung traditioneller Migrationsmuster fällt auf, dass sich vor allem die Frauen durch eine hohe soziale Mobilität [3] und Flexibilität ausweisen. Sie sind es, deren Stellung in den pastoralen Haushalten in Frage gestellt wird (Schultz 1996: 99). Während die Männer sich mehr im Raum bewegen, wird von den Frauen vor allem eine soziale Flexibilität erwartet: Wird ein Haushalt, aufgrund einer Krise, aufgeteilt, so wird vor allem von jungen Frauen mit kleinen Kindern erwartet, dass sie den Haushalt verlassen und sich einem anderen Haushalt (z. B. dem der Herkunftsfamilie) anschließen (ebd.). Die soziale Flexibilität der Frauen gibt ihnen aber auch mehr Freiheit, da sie zwischen verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten auswählen und wechseln können (ebd.: 101). Sie stehen dadurch ständig vor Entscheidungen (ebd.). So eröffnet die soziale Mobilität den Frauen einen Handlungsspielraum und die Möglichkeit über ihre Wanderungen autonome Entscheidungen zu treffen.

1.1.2 Migrationstypen

Da die Motive, die zur Migration führen, meist aus einem Bündel verschiedener Ursachen bestehen, untergliedert Schultz die Migrantinnen nicht hinsichtlich ihrer Beweggründe, die zur Migration geführt haben, sondern teilt Migrationstypen anhand des Grades der Einbettung in die traditionellen Strukturen ein (Schultz 1996: 194). Der erste Typus umfasst Migrantinnen, die vollständig in das pastorale Leben integriert sind (ebd.). Für sie ist der städtische Haushalt ein Teil der pastoralen Ökonomie (ebd.). Das bedeutet, dass sie weiterhin als Mitglied eines Haushaltes im Nomadengebiet anerkannt sind und somit Anrechte auf die Nutzung dessen Viehbesitzes hat. Sie folgen einer Diversifikationsstrategie, in dem sie durch die städtischen Einnahmequellen das pastorale Einkommen ergänzen und die wirtschaftlichen Risiken verteilen (ebd.: 196). Der Zugang zu Vieh und die Erhaltung der Nutzungsrechte einer Viehherde sind ausschlaggebend für das Gelingen einer Rückkehr ins Nomadengebiet. Für Migrantinnen dieses Typus ist sowohl die Migration, als auch der Verbleib in der Stadt eine gewählte Option (ebd.: 200). Auslöser der Migration war in den meisten Fällen zwar eine ökonomische Krise, doch:

„Zentral für die Charakterisierung dieser Gruppe von Migrantinnen ist, dass ihre Produktionsgrundlagen im pastoralen Sektor in der Krise zwar geschwächt, aber nicht vollständig zerstört werden und dass traditionelle Methoden des ‚Restocking’ nach Beendigung der Krise greifen.“ (ebd.)

Typ zwei beschreibt nicht-vollständig integrierte Migrantinnen (ebd.: 195). Sie sind nicht Mitglied eines pastoralen Haushaltes und ohne substantiellen Viehbesitz (ebd.). Jedoch sind sie in ein soziales Netzwerk eingegliedert, dass sie mit dem traditionellen Sektor verbindet (ebd.). Die Stadt betrachten sie als Station zum Überleben der Krise (ebd.). Der Übergang von der ersten zur zweiten Gruppe ist fließend (ebd.: 202). Wegen fortbestehender Kontakte zu Bewohnern des Nomadengebietes ist eine Rückkehr offen, da man über diese Beziehungen Vieh mobilisieren, oder sich an einen bestehenden Haushalt anschließen kann (ebd.). Die Migration wurde meist durch eine Verdrängung aus einer sozialen Gruppe ausgelöst (ebd.: 204). Diese geschah, da soziale Ausgleichmechanismen, die jedem Turkana eine Subsistenz garantieren, in der Krise nicht mehr greifen konnten (ebd.). In Dürrezeiten und bei Hungerkrisen werden Frauen aus dem pastoralen Haushalt zum Beispiel durch Scheidung oder Trennung verdrängt (ebd.). Die Frauen versuchen durch städtische Einnahmen und durch den Empfang von Brautpreiszahlungen wieder eine eigene Herde, die ihnen die Rückkehr ermöglicht, aufzubauen (ebd.). Viele Frauen dieses Typus waren, im Gegensatz zu den Frauen der ersten Kategorie, nicht traditionell verheiratet, weswegen ihre Beziehung der Krise nicht standhalten konnte (ebd.).

Marginalisierte Migrantinnen, die aus dem pastoralen Sektor verdrängt wurden, werden im Typ drei umfasst (ebd.: 195). Ihre Migrationgründe sind heterogen und vielfältig: Sie entschieden sich zur Migration nach einem Viehraub, nach Schicksalsschlägen, aufgrund von Unfruchtbarkeit, etc. (ebd.: 206). Ausschlaggebend für ihre Migration waren vor allem die Push-Faktoren (ebd.: 208): Sie verloren meist ihre Lebensgrundlage im Nomadengebiet. Dort besitzen sie kein Vieh mehr und auch keine sozialen Beziehungen zu Bewohnern eines pastoralen Haushaltes. Im Vergleich zur Kategorie eins fällt auf, dass die Stadtfrauen dieses Typus mobiler und weniger sesshaft sind. Sie probieren neue städtische Nischen aus und pendeln zwischen verschiedenen Städten und Ansiedlungen (ebd.: 209).

1.2 Leben in der Stadt

1.2.1 Einkommensmöglichkeiten

Das benötigte Einkommen der Migrantinnen kommt in den wenigsten Fällen aus einer einzigen Quelle (Schultz 1996: 219). Vielmehr hat jede Frau ein individuelles Bündel von Einkommensmöglichkeiten, zudem nutzt sie die Hilfe und die Unterstützung ihres sozialen Netzwerkes um ihr Überleben und das ihrer Kinder zu sichern (ebd.). Die meisten Frauen sind im informellen Sektor tätig (ebd.: 220). Sie gehen legalen Tätigkeiten wie Korb- und Tablettflechten, Kleinhandel, Herstellung von Matten und Besen oder Feuerholzverkauf nach, oder betreiben illegale Beschäftigungen, wie das Brauen von Bier, das Brennen von Schnaps oder Prostitution (ebd.: 220ff.). Einige Frauen sind im formellen Bereich als Lohnarbeiterinnen tätig (ebd.: 224). Aufgrund der großen Umverteilungen der Einnahmen, steht den Migrantinnen nicht das gesamte erzielte Einkommen zur Verfügung (ebd.: 225). Nahezu jede Frau ist in reziproke Beziehungen eingebunden und muss traditionellen Verpflichtungen nachkommen, die auch die Einkommensverteilung betreffen (ebd.: 226).

1.2.2 Soziale Netzwerke

Die sozialen Beziehungen helfen der Frau aber andererseits ihren alltäglichen Lebensunterhalt zu bewältigen. Im pastoralen Leben sind Rechte und Pflichten bestimmten Personengruppen zugeordnet (Schultz: 268). Fehlt ein Teil des sozialen Netzwerkes, entsteht eine Lücke bei der Aufgabenverteilung (ebd.). Durch das Aufbauen von Freundschaften versuchen die Frauen in der Stadt diese Lücke zu schließen (ebd.). Diese müssen durch Geldgeschenke oder gegenseitige Hilfestellungen aufrechterhalten werden (ebd.). Dadurch verändert sich ihre Bedeutung: Während auf Hilfe von Freunden im Nomadengebiet nur in Notzeiten zurückgegriffen und für die Bewältigung der alltäglichen Arbeiten verwandtschaftliche Hilfe in Anspruch genommen wird, erhalten Freundschaften in der Stadt eher die Funktion von Verwandten und Familienangehörigen (ebd.: 269).

„Frauen leben mit ihren Freundinnen zusammen, teilen die Arbeit und helfen sich mit Nahrungsmitteln aus. Deshalb sind Freundschaften ganz anderen Belastungsproben ausgesetzt, als sie es im Nomadengebiet sind.“ (ebd.)

Problematisch werden diese Beziehungen, wenn die Frauen sehr stark auf sie angewiesen sind und nicht auf andere soziale Beziehungen, wie etwa verwandtschaftliche zurückgreifen können. In diesem Fall ist die generalisierte Reziprozität, die traditionelle freundschaftliche Beziehungen kennzeichnet, nicht mehr gegeben (ebd.: 270). Geldverstecken wird zur Strategie, die Beziehungen erhalten einen materialistischen Charakter (ebd.).

1.3 Familienwandel

1.3.1 Haushaltsgröße

Im Gegensatz zum Nomadengebiet teilen städtische Migrantinnen ihren Haushalt nicht mehr mit einer sozialen Gruppe, sondern leben in den meisten Fällen allein mit ihren Kindern (Schultz 1996: 266). Das bedeutet auch, dass auf die Hilfe von Frauen des gleichen Haushaltes zur Bewältigung der alltäglichen Arbeiten verzichtet werden muss (ebd.). Dieser Verlust wird in der Stadt jedoch oft durch nachbarschaftliche Hilfe ersetzt (ebd.). Die Frauen versuchen traditionelle Verhältnisse in der Stadt zu rekonstruieren und sich einer größeren sozialen Gruppe anzuschließen, wobei die Herkunftsfamilie oftmals an Bedeutung gewinnt (ebd.: 267).

1.3.2 Heirat und Ehe

Die traditionelle Eheschließung im Nomadengebiet ist bestimmt durch die Brautpreiszahlung, die in Form einer gewissen Anzahl von Vieh abgegolten wird (Schultz & Scholz 1994: 41). Dieser Tausch ist die Grundlage der Beziehung zwischen der Familie der Braut und der des Bräutigams (ebd.). Eingeleitet wird die zeremonielle Eheschließung durch die Übergabe des „eloto“ [4], bestehend aus einem Schaf, Tabak und Zucker, die der Bräutigam beim ersten Treffen mit den Eltern der Braut mitbringt (ebd.: 41, 104). Dadurch werden die Eltern von der Beziehung ihrer Tochter mit dem Bräutigam in Kenntnis gesetzt, wobei diese einen „offiziellen“ Charakter erhält (ebd.: 42). Die traditionelle Ehe regelt neben dem Zusammenleben von Mann und Frau und der Zuordnung der Kinder, die der Patrilineage angehören, auch den Zugang zu Ressourcen (ebd.: 38). Die Übergabe des Brautpreises macht die Braut zur sozial anerkannten und vollwertigen Frau des Mannes und gibt ihr gewisse Rechte, wie die Versorgung durch eine angemessene Anzahl an zugewiesenem Vieh und eine gute Behandlung durch den Mann (ebd.). Erfüllt der Ehemann diese nicht, so findet die Frau in der Durchsetzung ihrer Interessen Rückhalt und Unterstützung bei ihrer Herkunftsfamilie (ebd.: 49f.).

In der Stadt sind die wenigsten Frauen traditionell verheiratet, dadurch sind die Rechte und Pflichten der Ehepartner und deren Familien nicht mehr klar definiert (Schultz 1996: 267). Dies liegt daran, dass es nicht ausreichend Vieh in der Stadt gibt, wodurch der Brautpreis nicht gezahlt werden kann. Schultz betont zudem die festigende Wirkung des Viehbesitzes: Dieser macht die Ehe für die Frau erst rentabel, da sie dadurch Zugang zu Viehherden erlangt (ebd.: 230). Durch den Wegfall dieses Vorteils bei einer Eheschließung in der Stadt, hat die Frau weitaus weniger Anreiz sich fest zu binden. Doch neben diesem ökonomischen Wert hat die traditionelle Eheschließung und die Brautpreiszahlung auch eine soziale Bedeutung. Durch sie werden zwei Familien miteinander verbunden. In der Stadt werden jedoch weder das „eloto“, noch der Brautpreis gezahlt. Somit kann auch keine Beziehung zwischen der Familie der Braut und der des Bräutigams entstehen (ebd.: 267). Für die Frau bedeutet dies eine geringere Absicherung, da sie in Konfliktfällen nicht mehr auf die Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie rechnen kann (ebd.). Aus diesem Grund versuchen die Frauen ihre Ehe durch das Einverständnis der Eltern und das Überreichen des „eloto“ zu legitimieren (ebd.). Dies gibt ihnen Absicherungen für die Zukunft (ebd.). Die Bedeutung des „eloto“ hat sich dadurch gewandelt: Während es im Nomadengebiet die traditionelle Eheschließung eingeleitet hat, dient es in der Stadt nur noch dem Aufbau reziproker Beziehungen und der Bekanntmachung der Beziehung zwischen Mann und Frau (Schultz & Scholz 1994: 42).

Zusammenfassend kann man sagen, dass die nicht-traditionellen eheähnlichen Beziehungen in der Stadt den Frauen weniger Absicherung bieten: Bei tätlichen Übergriffen von Seiten des Mannes erhalten sie keine Unterstützung durch die Herkunftsfamilie, auch können sie ohne deren Hilfe ihre Anrechte auf Versorgungsleistungen von Seiten des Mannes nur schwer durchsetzten (ebd.: 50).

1.4 Die Verbindung zum Herkunftsgebiet:

Stadt-Land-Beziehungen, Rücktransfers und Remigration

Neben den sozialen Beziehungen in der Stadt versuchen die Migrantinnen auch Kontakte zu Familienangehörigen, Verwandten und Freunden im Nomadengebiet zu pflegen. Obwohl diese Beziehungen der Bewahrung und Generierung ökonomischer Ressourcen im Nomadengebiet dienen, ist ihr ökonomischer Nutzen beschränkt, da die Migrantin vor allem in Dürrezeiten mit Ansprüchen von Angehörigen ihres sozialen Netzwerkes im Nomadengebiet konfrontiert wird (Schultz 1996: 233, 236). Im Vordergrund der Stadt-Land-Beziehungen steht also nicht der kurzfristige ökonomische Nutzen, sondern das Aufrechterhalten und Intensivieren der Beziehungen (ebd.: 233). Indem die Migrantin Leistungen in die Bewahrung dieser Beziehungen investiert, sichert sie sich mittel- bis langfristige Ansprüche. Sie verfolgt damit eine Diversifikationsstrategie, da sie im Notfall ihr städtisches Einkommen durch ein pastorales ergänzt, sowie Strategien der Risikoverteilung, da sie im Fall eines Einbruchs des städtischen Einkommens auf Einnahmen aus dem Nomadengebiet, z.B. durch den Verkauf von Vieh, zurückgreifen kann (ebd.: 249). Für das alltägliche Überleben in der Stadt ist jedoch das städtische Netzwerk wichtiger als die Verbindung zum Herkunftsgebiet (ebd.: 237).

Schultz hebt die Stabilität und die Funktionalität der Stadt-Land-Beziehungen hervor (ebd.: 279). Auch wenn die Investitionen in diese Beziehungen unter ökonomischen Gesichtspunkten für die Migrantin irrational erscheinen, stärken sie die traditionelle Handlungsrationalität und erhalten moralökonomische Elemente im städtischen Kontext (ebd.). Einige Frauen nutzen ihr städtisches Einkommen zur Vergrößerung der Viehherde im Nomadengebiet, falls sie dort eine besitzen oder Mitglied eines pastoralen Haushaltes sind. Eine „Restocking-Methode“ von Migrantinnen ohne Viehbesitz ist es, ihre Töchter auf eine traditionelle Ehe vorzubereiten, um so durch eine Brautpreiszahlung Vieh zu bekommen und ins Nomadengebiet zurückkehren zu können (ebd.). Dies erfordert einige Investitionen und Anstrengungen. Es müssen enge Beziehungen zum Nomadengebiet bestehen, da die Tochter spätestens im heiratsfähigen Alter dorthin geschickt wird (ebd.: 280). Zudem ist die Anschaffung der benötigten traditionellen Bekleidung der Tochter kostspielig, denn sie beinhaltet vor allem den Kauf und die Herstellung vieler Ketten (ebd.). Bewusst entscheiden sich die Frauen in diesem Fall gegen den Schulbesuch der Tochter. Die Verheiratung einer Tochter ins Nomadengebiet ist demnach ein Zeichen von Wohlstand, nicht von Armut oder der Unfähigkeit am Bildungsprozess teilzunehmen (ebd.).

Hinsichtlich der Rückkehrwünsche unterscheidet Schultz noch einmal stark zwischen den unterschiedlichen Migrationstypen. Frauen, die noch fest in das pastorale Leben integriert sind, haben meist keinen starken Rückkehrwunsch (ebd.: 284). Sie haben ihr Leben in der Stadt als eine von mehreren Möglichkeiten gewählt (ebd.). Ihr pastoraler Rückhalt stattet sie mit ausreichenden ökonomischen Mitteln aus (ebd.). Für sie ist die Stadt Teil des Nomadengebietes, da sie sich weiterhin innerhalb traditioneller Institutionen und Vorstellungen bewegen (ebd.). Frauen der zweiten Gruppe mit loseren Verbindungen zum Nomadengebiet hegen hingegen einen starken Rückkehrwunsch (ebd.: 287). Sie entwickeln keine Perspektiven in der Stadt und investieren ihr überschüssiges Einkommen in Vieh und damit in den Aufbau von Stadt-Land-Beziehungen (ebd.). Obwohl sie gezwungen sind, städtische Beziehungen aufzubauen, lehnen Frauen dieser Gruppe das Leben in der Stadt ab und ermahnen zum traditionellen Handeln (ebd.: 288). Frauen mit nahezu keinen Kontakten zum Nomadengebiet leben meist allein mit ihren Kindern in einem Haushalt (ebd.: 290). Sie bemängeln die fehlende Reziprozität der Stadtbeziehungen (ebd.). Die Norm stellt für sie noch immer die Moralökonomie dar, auch wenn sie nicht immer nach deren Richtlinie handeln können (ebd.). Diesen Frauen ist der Weg zurück ins Nomadengebiet verschlossen. Da sie dennoch versuchen in manchen Bereichen die traditionellen Normen zu erhalten, können sie ihre nomadische Identität bewahren (ebd.: 291).

„Auch die Frauen, die nicht in das Nomadengebiet zurückgehen können und wollen, überleben aufgrund traditionell erprobter Handlungsstrategien. Sie bleiben mobil und flexibel, pflegen soziale, auf Reziprozität basierende Beziehungen und bewahren Sitten und Bräuche, auch wenn diese scheinbar ihre Funktion verloren haben. In diesem Sinne bleiben auch sie Nomadenfrauen in der Stadt“ (ebd.: 292).

1.5 Zusammenfassung der Thesen von Schultz

Schultz hat bei den Migrantinnen Unterschiede hinsichtlich ihrer Einbettung ins pastorale Leben festgestellt, was starke Auswirkungen auf die Organisation des Stadtlebens hat. Frauen mit einem starken Rückhalt im Nomadengebiet und engen Kontakten zu Pastoralisten verfolgen mit ihrem Aufenthalt in der Stadt eine Diversifikationsstrategie: Sie stellen den „städtischen Zweig“ des pastoralen Haushaltes dar, der dazu benutzt wird, einem Teil der Kinder des Haushaltes den Schulbesuch in der Stadt zu ermöglichen und durch die städtische Beschäftigung die Einnahmen zu diversifizieren und die wirtschaftlichen Risiken zu verteilen. Frauen, die jedoch keine ökonomischen Ressourcen mehr im Nomadengebiet haben, dient die Migration in die Stadt als Überlebensstrategie und stellt eine existentielle Notwendigkeit dar. In der Stadt findet eine Ausbettung der Ökonomie aus gesellschaftlichen Zusammenhängen statt, was sich vor allem durch die Auflösung von Familien und Ehen bemerkbar macht, da diese keine ökonomische Grundlage mehr haben (Schultz 1996: 49). Doch nomadische Lebensweise und Handlungsrationalität verschwinden nicht automatisch mit der städtischen Niederlassung (ebd.: 252). Die Migrantinnen versuchen weiterhin eine Verbindung mit dem Nomadengebiet aufrecht zu erhalten und dadurch in den moralökonomischen Zusammenhängen integriert zu bleiben. Letzteres erfordert neue Regelungen und die Anpassung traditioneller Institutionen, denn „nur wer flexibel genug ist, traditionelle Arrangements umzustrukturieren, kann traditionelle Handlungsstrategien bewahren“ (ebd.: 256). So erhalten z.B. Freundschaften in der Stadt eine neue Funktion (ebd.: 276). Da selbst die Frauen ohne Rückkehraussichten auf traditionelle Handlungsstrategien zurückgreifen und ihr Überleben nicht vollständig auf marktökonomische Beziehungen und Verhältnisse aufbauen, bleiben sie ihrer Tradition zumindest zum Teil verhaftet und bewahren dadurch ihre nomadische Identität (ebd.: 292).

[...]

Details

Seiten
41
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640090389
ISBN (Buch)
9783656366539
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110901
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
Migrantinnen Stadt Thesen Land-Stadt-Migration Frauen Afrika Hauptseminar Migration Identität

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Titel: Migrantinnen in der Stadt   -  Thesen über die Land-Stadt-Migration von Frauen in Afrika