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Zwischen Inklusion und Exklusion? Die zweite Generation von Jugendlichen kurdischer Herkunft in der Bundesrepublik

Eine sekundäranalytische Studie zur Wahrnehmung ihrer (staats-)rechtlichen und psychosozialen Situation

Diplomarbeit 2006 127 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhalt

EINFÜHRUNG

1. ZIELSTELLUNG UND GLIEDERUNG
1.1 Aktueller Forschungsstand
1.2 Neuere Migrations- und Diasporaforschung

I. Theoretischer Bezugsrahmen
1. ALLGEMEINER ÜBERBLICK zur MIGRATION
2. DAS KONZEPT DIASPORA
2.1 Faktoren der Selbst- und Fremdethnisierung
2.2 Transnationalismus: Bezugspunkte und Funktionen
2.3 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
3. HISTORISCHER ÜBERBLICK zu KurdInnen
3.1 Die Lage der KurdInnen in der Türkei
3.2 Kurden und Kurdinnen in der BRD
3.2.1 Zur Konfliktimportthese
3.2.2 Jugendliche kurdischer Herkunft in Deutschland

II. Kurdische Jugendliche in Familie, Peer-groups und Alltag
1. Das Problem, in zwei Welten zu leben
2. Zur Lebenswelt kurdischer Jugendlicher in Deutschland
2.1 Grenzgängertum bei kurdischen Jugendlichen
2.2 Die Sprache der Jugendlichen: „Code- Switching“
2.2.1 Exkurs: Muttersprachlicher Unterricht in Kurdisch: Überblick und aktueller Stand
3. DIE (MIGRANTEN-) FAMILIE
3.1 Die Beziehungen zwischen den Familiengenerationen
3.2 Die familiäre Situation der interviewten Jugendlichen
4. PUBERTÄT und ADOLESZENZ
4.1 Das Leben in der Gleichaltrigen-Gruppe
4.2 Freundschaft und Freizeitkontakte der Interviewten
4.3 Zu einigen „Überpointierungen“ im Zusammenhang mit spezifischen Belastungen allochthoner Jugendlicher
5. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND FAZIT

III. Allochthone Jugendliche im Übergang von der Schule in die Berufswelt
1. ZUR FUNKTION VON SCHULE
1.1 Schulischer Werdegang der Interviewten im europäischen Vergleich
1.2 Kriminalisierungstendenzen bei kurdischen Jugendlichen
1.3 Zusammenfassende Auswertung: Der „Dritte Stuhl“ als Alternativperspektive
2. Allochthone Jugendliche in AUSBILDUNG, BERUF und ARBEIT
2.1 Zur Wahrnehmung von kurdischen Jugendlichen
2.2 Ausblick: Präventive Maßnahmen und Modellprojekte für die Arbeit mit kurdischen Jugendlichen
2.3 RESÜMEE

IV. Schlussfolgerungen und forschungsrelevante Perspektiven

LITERATURVERZEICHNIS

Danksagung

„Ich bin ein Baum mit kurdischen Wurzeln,

türkischem Stamm und

deutschen Ästen“[1]

EINFÜHRUNG: Zur Problemgeschichte und Fragestellung der Untersuchung

In diesem Abschnitt der zugrundeliegenden Arbeit sollen vorneweg die bisherigen Erkenntnisse über den Forschungsstand referiert werden, um darauf aufbauend die eigenen Forschungsziele[2] darzulegen, wenngleich es nicht nur in Bezug auf KurdInnen in der Bundesrepublik, sondern auch über Kurden im Allgemeinen nur wenige Erkenntnisse gibt, die als gesichert gelten können. Daher hat es sich die vorliegende Untersuchung in Anlehnung an bereits verfasste und publizierte Studien (vorwiegend aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen, kurz: NRW) zum Ziel gemacht, durch Einblicke in Lebenszusammenhänge und deren Deutung einen Zugang zum Verständnis von und für Jugendliche kurdischer Herkunft aus der Türkei zu eröffnen bzw. fortzuschreiben und mit Hilfe sekundäranalytischen Materials ergänzend zu interpretieren.[3] Vor dem Hintergrund, dass „KurdInnen die zweitgrößte Migrantengruppe darstellen und daher auf eine lange Tradition der Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland zurückblicken“ (Schmidt 1998, S.12)[4], wird hier mit der Formulierung einer neuen Frage ein Forschungsfeld ausgebreitet, das bisher so gut wie keine Beachtung in der Migrationsforschung erfahren hat.

Ausgehend von den vorliegenden qualitativen als auch quantitativen Studien zur Selbst- und Fremdethnisierung dient diese Untersuchung vor allen Dingen der Erforschung der psychosozialen Situation dieser spezifischen ethnischen Minderheit im Umgang mit gesellschaftlicher Erfahrung von Inklusion und Exklusion, weil es ihr an dieser Stelle den gleichen Stellenwert beizumessen gilt, welcher im Hinblick auf andere MigrantInnengruppen (wie etwa die der Türken, Ex-Jugoslawen etc.) schon lange selbstverständlich ist.[5] Es ist also das primäre Anliegen dieser Diplomarbeit, durch die sekundäranalytische Auswertung sowie Interpretation anhand eigener Beobachtungen in verschiedenen Institutionen, die sich mit kurdischen Jugendlichen auseinandersetzen, der deutschen Öffentlichkeit ein differenziertes Bild der kurdischen Minderheit in der Bundesrepublik zu vermitteln.[6] Gleichzeitig gilt es aber ihre Besonderheiten gegenüber anderen MigrantInnengruppen aufzuzeigen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass kurdischen Jugendlichen - ganz gleich aus welchem Herkunftsstaat sie nun stammen - kaum Unterstützung bei der Entwicklung eines positiven Selbstbildes als KurdInnen und einer Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln zuteil wird. Deshalb werde ich mich gleichermaßen auch mit der Offenlegung unübersehbarer Defizite im Zusammenhang von institutionellen und behördlichen Maßnahmen für und über diese Zielgruppe zu beschäftigen haben.

In dieser Diplomarbeit werden aus diesem Anlass unterschiedliche Studien aus quantitativer als auch qualitativer Perspektive zunächst vorgestellt und in einem nächsten Schritt unter den jeweiligen Gliederungspunkten ausgewertet, sprich: in Bezugnahme auf die spezifische Forschungsfrage nach Inklusion und Exklusion extrahiert und interpretiert.

Es handelt sich dabei zumeist um Autoren vorwiegend deutscher Abstammung, die im Rahmen eines Forschungsprojektes[7] den Einstieg in die Migrationsforschung zu dieser Einwanderergruppe markieren und deren Ergebnisse im wesentlichen darauf abzielen, Einblicke in die spezifischen Lebensbedingungen von Jugendlichen kurdischer Herkunft zu gewinnen. Im Rahmen des Projektes wurde erstmals eine qualitative Studie mit 21 Jugendlichen kurdischer Herkunft erhoben[8], deren Ergebnisse unter dem Titel „Kurdisch-Sein und nicht-Sein“ 1998 publiziert wurden (vgl. Schmidt 1998). Sie diente gleichzeitig als Grundlage für die Entwicklung einer quantitativen Untersuchung, die mit Unterstützung des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW 1998/1999 landesweit durchgeführt wurde und deren Ergebnisse im Jahre 2000 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden (vgl. Schmidt 2000).

Neben diesen beiden Primärstudien, die sich vornehmlich auf die Bundesrepublik und hier wiederum auf das Bundesland Nordrhein-Westfalen beziehen, werde ich im Laufe meiner hiesigen Untersuchung weitere empirische Befunde heranziehen, welche sowohl im internationalen Rahmen[9] entwickelt und durchgeführt wurden als auch einen Bezug zur psychologischen Situation dieser Migrantengruppe herstellen (s. dazu Kizilhan 1995). Ferner untersucht auch Birgit Ammann (2001) am Beispiel der Kurden in Europa Dimensionen, Erscheinungsformen und Ausprägungen von Ethnizität und Diaspora. Ihre Arbeit weitete sich im Rahmen einer Dissertation zu einer ersten empirischen Langzeitstudie aus und beschäftigt sich folglich ausführlich mit der transnationalen kurdischen Diaspora, vornehmlich im westlichen Europa.

1. Zielstellung und Gliederung: Eindrücke von Inklusion und Exklusion bei Jugendlichen kurdischer Herkunft

Nachdem ich im soeben einige wesentliche Untersuchungen und ihre publizierten Ergebnisse benannt und mit entsprechenden Verweisen versehen habe, möchte ich nun herausstellen, unter welchem Blickwinkel ich diese Studien analysieren will und was das Ziel meiner Fragestellung nach den Verhältnissen von Inklusion und Exklusion sein soll.

Schlägt man in einem ersten Anlauf im Lexikon die Begriffe „Inklusion“ und „Exklusion“ nach, wird man schnell feststellen, dass sie in der Pädagogik und der Soziologie die häufigste Verwendung finden: Danach meint Inklusion (lat.: inclusio) in der Pädagogik, „dass alle Kinder trotz ihrer Verschiedenheit, unterschiedlicher sozialer, regionaler, nationaler, religiöser und kultureller Herkunft, unterschiedlicher Fähigkeiten und Beeinträchtigungen gleichermaßen in den gemeinsamen pädagogischen Prozess eingeschlossen sind“ (zit. nach: Luhmann 1995, S.238). Hiernach zu urteilen, würde etwa ein inklusiver Unterricht die Entwicklung didaktischer Konzepte für heterogene Gruppierungen bedeuten, bei denen eine generelle Dazugehörigkeit aller Kinder ohne Ausgrenzung für den gemeinsamen Unterricht angestrebt wird. Während also ersterer Begriff mit der Zusammenführung von Didaktik und dem Umgang mit heterogenen Klassenzusammensetzungen einhergeht, verweist „Exklusion“ wörtlich auf das Gegenteil dessen, was auch als Ausschluss (aus dem Lateinischen: exklusio), sinngemäß auch Ausgrenzung verstanden werden kann. In der Soziologie wird - „Exklusion“ (engl. exclusion) - als ein Begriff interpretiert, der in einer neuzeitlichen Gesellschaft „den nachhaltigen Ausschluss einzelner sozialer Akteure oder ganzer Gruppierungen aus denjenigen sozialen Kreisen bezeichnet, die sich (ggf. gemeinsam) als die ‚eigentliche’ Gesellschaft verstehen“ (ebd., S.240ff.). Wer sich demnach als ausgegrenzt empfindet, fühle sich dann auch selber als ,wertlos’ und ,außenstehend’, akzeptiere unter gegebenem Anlass die Werte des ihn ausschließenden Kollektivs nicht (mehr) und handele dann auch dementsprechend. Für unseren Zusammenhang ist bezeichnend, dass in der weiteren Ausführung „Soziale Exklusion“ als „der Verlust an sozialen und politischen Teilhabechancen“ beschrieben wird, der „für die Betroffenen sogar zu einem mentalen oder physischen Überlebensproblem werden [kann]. Betrifft diese Exklusion große Gruppen (z.B. Obdachlose, Aidskranke, Langzeitarbeitslose, Slumbewohner, Einwanderer, historisch: Juden in Europa), so kann dies zu einem (sozial-, gesundheits-, ordnungs-, staats-) politischen Problem werden“ (ebd., S.262). Trotz der relativen Eigenständigkeit, die den jeweiligen Dimensionen zukommt, verweisen beide Begriffe zugleich aufeinander. Umgekehrt folgt deshalb auch Exklusion, wie Luhmann hervorhebt, der Logik des negativen „Verstärkereffekts“: Ausgrenzung in einer Dimension des gesellschaftlichen Lebens zieht Ausgrenzung in weiteren nach sich, in einem Prozess der „Marginalisierung bis hin zu gänzlichem Ausschluss“ (vgl. ebd., S.148). Als soziale, kumulierende Erfahrung manifestiert sich Ausgrenzung vor allem in den folgenden Dimensionen: (a) Ausgrenzung am Arbeitsmarkt; (b) Ökonomische Ausgrenzung; (c) Kulturelle Ausgrenzung; (d) Gesellschaftliche Isolation; (e) Räumliche Ausgrenzung und schließlich (f) Institutionelle Ausgrenzung (vgl. dazu auch Kronauer 1997, S.1137f.). Was die subjektive Erfahrung von sozialer Ausgrenzung betrifft, so ist sie geprägt von ihrem Gegenteil, d.h.: Ihr muss die Erfahrung der Zugehörigkeit entweder vorausgegangen sein oder gewissermaßen als schreiender Widerspruch zur Seite stehen.

Im Nachstehenden wollen wir uns ausschließlich mit der Dimension der kulturellen und institutionellen Ausgrenzung der benannten Zielgruppe beschäftigen, denn nicht ohne Grund stellt etwa auch Susanne Schmidt in ihrer Betrachtung der Interviewverläufe in einem Exkurs fest, „daß nahezu alle Jugendlichen auf verschiedene Weise Ausgrenzungserfahrungen hatten“ (Schmidt 1998, S.107), obwohl sie die Frage nach Diskriminierung und Ausgrenzung im Alltag zunächst verneinten[10]. Daher ist es auch m.E. dringend notwendig, die Thematisierung von Ausgrenzungs- und Rassismuserfahrung[11] bzw. die Verarbeitungsformen der Jugendlichen kurdischer Herkunft gesondert und quer durch alle Interviews nachzuvollziehen, um sie damit in einen Zusammenhang mit ihrer spezifischen Situation zu stellen.

Vor diesem Hintergrund habe ich daher die vorliegende Diplomarbeit aus dem Forschungsfeld der Interkulturellen Pädagogik im einzelnen wie folgt gegliedert: Nach einem Rekurs auf verschiedene Migrationstheorien, die sich hauptsächlich dem Konzept der Transnationalität in der Diaspora als dem theoretischen Bezugsrahmen dieser Arbeit widmen werden, folgt im Rahmen eines historischen Überblicks eine Fokussierung auf die speziellen Beweggründe sowie die psychologische Situation kurdischer Migranten (allgemein) in der Bundesrepublik. Im zweiten und dritten Sinnabschnitt (Kapitel II und III) werde ich mich dann im besonderen um die Lebenswelt kurdischer Jugendlicher bemühen. Hierbei wird es meine vordergründige Aufgabe sein, mit Hilfe des mir zur Verfügung stehenden – empirischen - Materials die Dimensionen von Integrations- und Ausgrenzungsmechanismen bezüglich allochthoner[12] Jugendlicher in der Migration zu beschreiben und sie in einem evaluierenden Ausblick kritisch zu reflektieren. Während unter Kapitel II vielmehr die mögliche systemische Bindung durch Familie und Peer-groups zur Diskussion gestellt wird, soll es im darauf folgenden Gliederungspunkt um die einzelnen Ausschlussverfahren im Übergang von der Schule in die Berufswelt gehen. Dabei werde ich auch die hierfür verantwortlichen Ethnisierungs- und Kriminalisierungsprozesse zu thematisieren versuchen, indem ich mich explizit auf eine sozialkonstruktivistische Analyse (vgl. Tekin 2003) beziehe und die daraus hervorgehenden empirischen Ergebnisse noch einmal, diesmal in Anlehnung an meine Forschungsfrage, behandeln werde.

Gegen Ende dieser Ausführungen sollen dann die Auswirkungen von Inklusion und Exklusion für Jugendliche kurdischer Herkunft insgesamt nachgezeichnet werden, gerade weil es sich diese Diplomarbeit zum Ziel gesetzt hat, die unterschiedlichen Verarbeitungsmechanismen zu präsentieren, um daraus Möglichkeiten der institutionellen Beratung sowie alternativer Umgangsweisen (Kapitel IV) speziell für diese Jugendlichen herauszuarbeiten. Dazu dienen mir u.a. auch bereits durchgeführte Modellprojekte (s. Navend e.V. 2005) sowie präventive Maßnahmen im Rahmen der Offenen Jugendarbeit. Hier werde ich mich wiederum auf eine empirische Studie als Teil des bereits oben angegebenen Forschungsprojekts aus NRW beziehen, die sich der Rezeption kurdischer Jugendlicher und ihrer Probleme durch Vertreter und Vertreterinnen von freien Trägern der Jugend- und Flüchtlingsarbeit sowie staatlichen Einrichtungen verschrieben hat, um daraus zu ermitteln, wie die unterschiedlichen MitarbeiterInnen ihre Kompetenz im Kontakt zu kurdischen Jugendlichen und ihren Problemen einschätzen und welchen Bedarf an Hilfestellungen sie dabei äußern (vgl. hierzu: Navend e.V. 1999).

Bevor wir uns aber diesen Ergebnissen anhand von Experteninterviews und ihrer Rückkoppelung an eine adressatenspezifische Jugendarbeit zuwenden, soll im folgenden noch ein kurzer allgemeiner Überblick zu aktuellen Forschungsansätzen gegeben werden, um gleichzeitig die dabei auftretenden hauptsächlichen Hindernisse für eine Fortsetzung der Kurdischen Studien kritisch zu beleuchten. Als Gegenstand der Kurdischen Studien sind grundsätzlich die Angelegenheiten der Kurdinnen, Kurden und Kurdistans im regionalen und globalen Kontext einschließlich der Beziehungen zu den Nachbarn zu verstehen; „sie sind sowohl Religionswissenschaft wie auch Migrations- und Diasporaforschung und haben in ihrem interdisziplinären Zusammenhang gleichermassen sozialwissenschaftliche und philologische Schwerpunkte“ (vgl. Ottersbach und Weiland 1999, S.43).

Aktueller Forschungsstand: Von der Kurdologie zu den Kurdischen Studien

Befasst man sich in einer ersten Annäherung mit der terminologischen Klärung des Begriffes Kurdologie (wörtlich: Lehre des Kurdischen) und seinem entscheidenden Unterschied zu den Kurdischen Studien, wird man festhalten müssen, dass insbesondere den Arbeiten der Kurdistan-Arbeitsgruppe der Freien Universität Berlin (nunmehr Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie[13]) eine verdienstvolle Entwicklung von einem philologisch-orientalistischen hin zu einer modernen, sozialwissenschaftlichen Definition gelungen ist. Dort heißt es:

„Kurdologie muß als eigenständige Disziplin betrachtet werden, als gleichberechtigt mit Fächern wie Turkologie oder Iranistik. Sie kann weder als Konkurrenz zu diesen Fächern noch als durch diese als bereits abgedeckt betrachtet werden. Kurdologische Forschung und Lehre muß neben philologischen vor allem sozialwissenschaftliche (soziologische, ethnologische, politologische, historische, religionswissenschaftliche) Fragestellungen behandeln, sie muß sich mit Vergangenheit und Gegenwart kurdischer Realität in der Türkei, dem Irak, dem Iran, Syrien und der Diaspora kritisch auseinandersetzen. In diesem Sinne ist Kurdologie geeignet die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Nahen Osten zu bereichern (...)“ (zur Definition siehe: Borck u.a. 1997, S.8)

Relevante Forschungsgegenstände von Kurdischen Studien sind heutzutage in der Regel: Binnenmigration, Migration, Exil und Diaspora, spezifische Partizipations- und Integrationsbedingungen in Deutschland und Europa, kurdische Sprache und Literatur, Frau und Geschlechterverhältnis in der kurdischen Gesellschaft, Geschichte und Soziologie des kurdischen Nationalismus, das Verhältnis von Ethnie und Staat, die Kurdenfrage bzw. der Kurdenkonflikt sowie Fragen nach Gewalt, Zivilgesellschaft und Menschenrechte, wie auch Möglichkeiten der Demokratisierung und Konfliktregelung und schließlich ethnische und religiöse Gruppen innerhalb der kurdischen Gesellschaft (vgl. Ottersbach/Weiland 1999, S.44). Alle diese Bemühungen in Form von Doktor- und Diplomarbeiten einer jüngeren Forschergeneration haben allerdings erst in den letzten zwei Jahrzehnten aufgrund der anhaltenden Migration von KurdInnen nach Europa und des daraus hervorgehenden, erneut internationale Dimensionen einnehmenden Kurdenkonflikts eine wesentliche Resonanz erfahren.

Deshalb ist jedoch - trotz dieser Vielfalt an wissenschaftlichen Untersuchungsmöglichkeiten - nicht zu übersehen, welche elementaren Forschungslücken im Vergleich zu den Nachbarregionen festzustellen sind, da in vielen Fällen relativ wenig aufgearbeitetes Material und gesicherte Informationen vorliegen bzw. Sekundäranalysen und Überblicksliteratur gänzlich fehlen. So ist auch zu beobachten, dass an den diversen Universitäten Kurdische Studien allenfalls als Randbereiche anderer Fachgebiete behandelt werden und daher – wenn überhaupt - „zufällig“ gefunden werden können. Eine systematische Verbindung mit bestehenden Forschungseinrichtungen wie z.B. mit der Jugend- oder Migrationsforschung besteht lediglich in Ansätzen. Fragt man sich nach dem Hintergrund dieser unterbrochenen Feldforschung und Studienerhebungen, so identifizieren Ottersbach und Weiland (1999, S.52/53) in Anlehnung an Bozarslan (2000) und Meyer-Ingwersen (1994) drei wesentliche Hindernisse, die nunmehr seit den 1920er Jahren vornehmlich in den westlichen Industriestaaten sowie in der Türkei bestehen:

1. Zum einen resultierten die Hindernisse aus der ungleichen Entwicklung der Orientalistik bzw. Middle Eastern Studies, deren Schwerpunkt mehr auf dem „Altertum“ und dem „Mittelalter“ des Orients liege, während zur gleichen Zeit die Erforschung der modernen Geschichte und Gegenwart eher unterentwickelt geblieben sei. Dies führen die Autoren auf die philologische Tradition der Orientalistik zurück, welche Sprachen wie beispielsweise das Kurdische als ein Speziem einer neuiranischen Sprache wahrgenommen und von ihren Sprechern losgelöst betrachtet habe, was schließlich zur Vernachlässigung der Sozialwissenschaften (Meyer-Ingwersen) geführt hätte. Ferner zeige die Einteilung in Turkologie, Iranistik, Arabistik (bzw. Turkish, Iranian, Arabic Studies) eine unreflektierte Konzentration nur auf einige Länder. Vor diesem Hintergrund seien bestimmte Kernfragen, darunter die Kurdischen Studien, zu ,marginalen Gegenständen’ deklariert worden, die in der orientalistischen Forschung nur noch erwähnt statt tatsächlich erklärt würden.
2. Das zweite Hindernis für die Ausweitung Kurdischer Studien bestehe in der politischen Situation der Länder, die den Kurdenkonflikt erzeugt haben (Türkei, Irak, Iran, Syrien). Hier existiere eine vehemente Kontrolle des Wissenschaftsbetriebs, so dass etwa in der Türkei – „als dem Land mit den meisten demokratischen Elementen unter den genannten Ländern“ - Wissenschaftler, die zu kurdischen Themen arbeiten, fast ,automatisch’ zu ,Terroristen’ erklärt und folglich permanent dazu angehalten würden, sich den ,ungefährlichen’ Aspekten der Gesellschaften des Vorderen Orients zu widmen. Derartige „ideologische Vorgaben werden in westlichen Ländern teilweise reproduziert“ (Bozarslan 2000, vgl.: ebd., S.52), um das Kurdische als Tatsache und Forschungsgegenstand bedeutungslos erscheinen zu lassen. Andererseits halten Ottersbach und Weiland mit Bozarslan fest, dass „die kurdische Nationalbewegung den Kurdischen Studien ebenfalls eine ideologische Hypothek“ auferlegt habe, indem sie Fragen nach innerkurdischen ethnischen Gruppen, Geschlechterverhältnissen, ,linguistischer Pluralität’ der kurdischen Gesellschaft oder nach soziologischen Aspekten für weitgehend ,verbotene’ Forschungsgegenstände erklärten (ebd., S.53).
3. Schließlich und endlich liege das dritte Hindernis in den sehr schwierigen Bedingungen der Feldforschung, weil sowohl kurdische Forscher nur unter sehr hohen Kosten (von der Inhaftierung bis zum Tod) in ihren Herkunftsländern die notwendige Feldforschung betreiben könnten, als auch nicht-kurdischen Forschern gezielt die Visa verweigert und damit der Zugang zu Untersuchungsgebieten verwehrt werde. Darüber hinaus sei es auch zu schwierig, den Personen, die zu wissenschaftlichen Zwecken befragt werden sollen, eine gewisse Sicherheit zu gewährleisten und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Zu guter letzt sei auch der freie Zugang zu Archiven in den genannten Ländern ausgeschlossen, um das reichlich vorhandene Quellenmaterial bezüglich der KurdInnen einzusehen.

In Anbetracht dieser z.T. in hohem Maße politisch motivierten Hindernisse teilen die Autoren ihre Erwartungen und gemeinsame Hoffnung, „daß die jüngere Generation der WissenschaftlerInnen Mittel und Wege findet, um die beschriebenen Hindernisse durch neue Herangehensweise an die Thematik und innovative Forschungsmethoden zumindest teilweise zu überwinden“ (ebd., S.54). Dies ist insofern auch zu wünschen, weil die Förderung der Kurdischen Studien nur durch eine Einbindung in die Strukturen und Wissenschaftsfreiheit der Hochschulen eine Zukunft zu haben scheint, damit auch die gesellschaftliche Situation der Menschen auf den tabuisierten „weißen Flecken“ der wissenschaftlichen Landkarte erforscht werden kann.

Im Dienste eines wissenschaftlichen Fortschritts wollen wir uns daher im nächsten Abschnitt mit den bereits erzielten Ergebnissen aus diesem Bereich beschäftigen, um sowohl einen aktuellen Stand als auch die daraus hervorgehenden wesentlichen Aufgaben für die Zukunft dieser Forschungsperspektive darlegen zu können.

Neuere Migrations- und Diasporaforschung zu KurdInnen: Gegenwart und Perspektiven in der Bundesrepublik

Die Dissertation des Niederländers Martin van Bruinessen hat mit dem Titel „Agha, Scheich und Staat“ von 1978 einen ersten wichtigen Grundstein für den Beginn der modernen Kurdischen Studien gelegt, indem er hierin auf der Basis langjähriger Feldforschung das Verhältnis von „Stamm und Staat“, also auch die Beziehung zwischen Tradition und Moderne unter den Bedingungen eines geteilten Landes im Kurdistan der Gegenwart sachlich und mit profunden Kenntnissen analysiert (siehe: van Bruinessen 1992).

Ein steigender Bedarf nach fundierten, wissenschaftlich abgesicherten Informationen, nach Stellungnahmen, Studien und kompetenter Beratung zum Thema zeigte sich gleichzeitig auch durch die Migration und erneute Flucht von KurdInnen nach Europa sowie anhand der darauf reagierenden internationalen Politik bezüglich militärischer Operationen der Türkei gegen das kurdische Volk, welche über die 1980er Jahre hinweg andauerten. Gleichzeitig rückten auch systematische Vertreibungen im Zuge des Zweiten Golfkrieges im Jahre 1991 die „Kurdenfrage“ verstärkt in das Interesse der Öffentlichkeit. Der erhebliche Forschungsbedarf wurde dann spätestens seit Anfang/Mitte der 1990er Jahre viel deutlicher als die Aktivitäten der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und Konflikte zwischen türkischen und kurdischen MigrantInnen wie auch die zwischen kurdischen MigrantInnen und deutschen Sicherheitskräften zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt wurden.[14] Am stärksten jedoch wird das Bild der kurdischen MigrantInnengruppe nach wie vor durch aktuelle Berichterstattungen in den Medien beeinflusst, die in der Bundesrepublik Deutschland wie auch in anderen Ländern kaum über journalistische oder populistische Berichterstattung hinaus gehen[15]. Doch dank der wissenschaftlichen Studien im Kontext migrationspolitischer Untersuchungen und der allmählich zunehmenden Beachtung der Kurdenfrage in der internationalen Politik begann auch hier eine anhaltende, wenn auch schrittweise Modifizierung des Bildes von KurdInnen in der Öffentlichkeit.

Mit einer ersten Zwischenbilanz zum derzeitigen Forschungsstand[16] können wir tatsächlich eine kritische und selbstkritische Aufarbeitung der Nationalgeschichte unter den Bedingungen des „Einzugs“ der (westlichen) Moderne beobachten, die in der Folge u.a. auch zu fundierten Ergebnissen bezüglich nicht-sunnitischer religiöser Gruppen außerhalb des „offiziellen Islam“ führte.

Im Kommenden will ich darum noch ausführlicher auf bedeutende Schwerpunkte der Kurdischen Studien im Kontext von Migration, Exil und Diaspora eingehen und damit bald schon zum theoretischen Bezugsrahmen dieser Diplomarbeit überleiten.

Wie auch bei anderen Einwanderergruppen mit einer dauerhaften Niederlassung in der Bundesrepublik, gilt es, sich ganz gezielt auch den KurdInnen im Rahmen der Migrationsforschung zuzuwenden, gerade auch in Anbetracht der Tatsache, dass speziell bei dieser Bevölkerungsgruppe keine Rückkehroption vorhanden ist, weil ihnen in den häufigsten Fällen die Lebensgrundlage in ihren Herkunftsgebieten entzogen wurde. Hinzu kommen spezifische Probleme im Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen, wie sie beispielsweise in der Bundesrepublik im Falle von türkischen und kurdischen MigrantInnen wissenschaftlich untermauert sind und nicht zuletzt auch deshalb dringend der Entwicklung integrationspolitischer Konzepte bedürfen, die es folgerichtig zunehmend auch im Kontext der Europäischen Union (EU) einzubeziehen gilt.

Ausgehend von der Überlegung, dass die KurdInnen bisher in den häufigsten Forschungsuntersuchungen unter der Nationalität ihrer Herkunftsstaaten, in unserem Zusammenhang also unter „TürkInnen“ subsumiert wurden, dürften sich m.E. in der bundesdeutschen Migrationsforschung vier Tendenzen festhalten lassen, die ich nun anhand von konkreten Forschungsansätzen belegen möchte:

1. Eine notwendige Differenzierung wird gänzlich ignoriert, so dass die Existenz einer kurdischen Einwanderergruppe mit ihren spezifischen Problemen und Lebensbewältigungsstrategien völlig außer Acht gelassen wird.[17]
2. Auch wenn andere WissenschaftlerInnen mittlerweile damit begonnen haben einzusehen, dass KurdInnen eine von TürkInnen zu unterscheidende gesellschaftliche Gruppe darstellen und die sie auszeichnenden Spezifika kultureller Gegebenheiten in ihren Arbeiten zur Sprache bringen, werden allgemein immer noch mit dem Begriff „TürkInnen“ alle Einwandergruppen aus der Türkei bezeichnet[18]. Zwar ist man sich des Problems bewusst - dies wird am Beispiel des im bezeichneten Jahrbuch enthaltenen Kapitels „Perspektiven der Lösung des kurdischen Konflikts“ in der Türkei deutlich. Dennoch wird allgemein weiterhin die Tendenz verfolgt, kurdische Einwanderer den türkischen zuzuzählen, wie das etwa an den gewählten Überschriften der genannten Studien „Türkische Deutsche“ oder „Türkische Jugendliche“ erkennbar wird.
3. Mit einem sensibleren Umgang einhergehend, werden erst in jüngster Zeit die Menschen aus der Türkei in ihrer jeweiligen expliziten Zugehörigkeit wahrgenommen. Im Zuge der universitären Beschäftigung mit der Problematik von etwa AssyrerInnen, ArmenierInnen, Lazen, TscherkessInnen sowie eben auch der KurdInnen, findet man in diesem Untersuchungsbereich die ersten Ansätze der Diasporaforschung und leitet daraus einen für diese Gruppen notwendigen spezifischen Umgang mit ihren Problemen ab[19].
4. Einen vorerst produktiveren Einstieg in die Migrations- und Jugendforschung bieten jedoch vor allem die weiter oben erwähnten Studien zu Erfahrungen und Selbstbildern kurdischer Kinder und Jugendlicher im Bereich Schule, Ausbildung und Freizeit (vgl. Schmidt 1998 und 2000). Die daraus entnommenen Resultate zu ethnischer und religiöser Diskriminierung dieser Adressatengruppe im türkischen muttersprachlichen Unterricht werden in diesem Zusammenhang im gleichen Maße wissenschaftlich reflektiert wie auch auf weitere fehlende Grundlagen (auf die beispielsweise bei der Entwicklung von entsprechenden Lehrmaterialien und der Lehrer- und Pädagogenausbildung zurückgegriffen werden kann) verwiesen.

Trotz der hervorstechenden, großen Bandbreite an wissenschaftlichen Beschäftigungsmöglichkeiten mit der hier interessierenden Zielgruppe herrschen immer noch schwerwiegende Defizite auf diesem Untersuchungsfeld vor. Gerade im Hinblick auf soziologische Aspekte werden in den veröffentlichten Analysen Kategorien wie etwa Wirtschaft und Recht oder Faktoren wie sozioökonomische Potentiale und Interessen der Betroffenen gänzlich ausgelassen. Vor dem Hintergrund der weiter oben dargelegten Hindernisse bleibt für die letzten Jahre daher auch ein geringer Zuwachs der Feldforschungen in Kurdistan zu konstatieren, so dass mit den Worten von Ottersbach und Weiland (1999, S.58) Kurdistan im Vergleich zu anderen Teilen der Welt nach wie vor eine wissenschaftliche „terra incognita“ bleibt – so lange bis man sich dem Problem endlich einmal langfristig annimmt.

Mit einem perspektivischen Ausblick lässt sich danach festhalten, dass gegenwärtig ein wachsender Bedarf an Informationen, Analysen und Konzepten auch mit dem zentralen Problemzusammenhang bezüglich der Demokratisierung der Türkei, insbesondere mit dem möglichen Beitritt des Landes in die Europäische Union, korreliert. Hinsichtlich der Kooperation der Bundesrepublik Deutschland und anderer europäischer Staaten mit der Türkei erscheinen seither in regelmäßigen Abständen Studien aus der Konfliktforschung, die vornehmlich von WissenschaflerInnen aus Deutschland und der Türkei stammen und konkrete Lösungsstrategien anbieten. Zur Vertiefung solcher Zusammenarbeiten im Dienste einer friedlichen Lösung der Kurdenfrage u.a. auch durch vorangetriebene praktische Reformprozesse in der Türkei ist es allerdings ferner notwendig, diese Forschungsambitionen auf einen interdisziplinären Perspektivenwechsel von der Exil- zur Migrations- und Diasporaforschung auszurichten. „Es sollte ein intensiverer Austausch und eine engere Zusammenarbeit von WissenschaflerInnen der verschiedenen Disziplinen aus den Bereichen Sozialwissenschaften, Erziehungs- und Kulturwissenschaften stattfinden“ (ebd., S.66). Hier denken die Autoren an institutionelle Bereiche wie Migrationsforschung, Genderforschung als auch an die Friedens- und Konfliktforschung, um zumindest der realen Situation der KurdInnen in den jeweiligen Herkunfts- und Aufnahmeländern gerecht zu werden.

Dazu bietet das nun folgende Kapitel einen allgemeinen Überblick zu aktuellen Migrationstheorien, die der Frage nachgehen, in welcher Form sich der Aufbau von kommunikativen Netzwerken in der Diaspora gestaltet und wie im Rahmen von Forschung und Lehre vertiefte Einsichten zur Zielgruppe der KurdInnen und ihrer „Situation vor Ort“ gewonnen werden können.

I. Theoretischer Bezugsrahmen

1. Allgemeiner Überblick zu Migrationstheorien

Das vergangene 20. Jahrhundert wird auch als das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ bezeichnet, was durch einen Blick in die Geschichte der Flüchtlingsbewegungen und der Zahl der Flüchtlinge von weltweit annähernd 17 Millionen Menschen durchaus seine Berechtigung haben dürfte (Opitz 1988, S.6). Dafür verantwortlich sei das Ansteigen ethnischer Konflikte, die Auflösung ländlicher Sozialmilieus, die ökonomischen, sozialen und politischen Globalisierungsprozesse, die rasante Ausbreitung und Entwicklung von Transport- und Kommunikationstechnologien sowie ökologische Faktoren (wie Wasserknappheit und Vertreibungen durch industrielle Großprojekte). Während dem Problem global immer größere Brisanz beigemessen wird, beschränkt sich die Auseinandersetzung um Flucht und Asyl auf nationalstaatlicher Ebene immer noch auf innenpolitische und damit vorwiegend wahlkampfstrategische Intentionen. Das Charakteristikum der politischen Debatte speziell in der Bundesrepublik etwa ist dabei eine beharrlich betriebene Ignoranz gegenüber den interdependenten Zusammenhängen von Migrationsbewegungen, dem folglich die Strategie der Externalisierung des Problems als auch das Prinzip der Abschottung nach außen zugrunde liegen muss. Die politische Realität der Bundesrepublik Deutschland unterliegt jedoch nicht nur dieser teilnahmslosen Handlungshaltung; sie wird zunehmend noch von einer emotional und einseitig rechtsorientierten, populistisch geprägten Politisierung des praktizierten Asylrechts beeinflusst, welche die politische Willensbildung und Entscheidung unter einen unbegründeten Zugzwang zu setzen scheint (vgl. dazu z.B. auch: Feldhoff 1991, S.7).

Dabei wissen wir doch alle gemeinsam nur zu gut: Das Phänomen der Migration[20] ist seit ihrer frühest nachweisbaren Ausprägung in der indoeuropäischen Völkerwanderung seit – je nach Theorie – zwischen 5000 bis 2000 v. Christi Geburt dauer- und wesenhafter Bestandteil der Menschheitsgeschichte geworden. Ihr sollte deshalb auch zwischen den nun folgenden Zeilen die konzentrierte Aufmerksamkeit gelten, in der Hoffnung, damit einen Beitrag zu ernsthaften Bemühungen um eine baldige Aufklärung der Rahmenbedingungen zur Asylgewährung und daher gerade zur Integration und Zusammenführung der MigrantInnen in die sie aufnehmende Gesellschaft, zu leisten. Globale Wanderungsbewegungen bzw. ihre Ursachen und Folgen für die Herkunfts- und Zielländer gehören heute immer noch zu den „epochaltypischen Schlüsselproblemen“[21] unserer Zeit und werden an Brisanz und Ausmaß weiterhin stetig zunehmen. Geändert haben sich seitdem lediglich Ursachen und Motive der Flucht sowie Fluchtziele und Flüchtlingszahlen. Dabei bildet die Flüchtlingsfrage in der Bundesrepublik Deutschland nur einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Dilemma.

In der Wissenschaft wird die Thematik der Migration und die des Ersuchens von Asyl daher längst als ernstzunehmendes Phänomen wahrgenommen, das seitdem in zahlreichen Publikationen nach je unterschiedlichen Gesichtspunkten untersucht wird. In der neueren Migrationsforschung beginnt dabei der einseitige Fokus auf den Migranten als Problem wenigstens in der Fachliteratur einem neutraleren, dialogischen Standpunkt zu weichen, indem die Aufnahmegesellschaft genauso in den Migrationsprozess einbezogen wird wie die Migranten, weil diese gleichermaßen aktiv an jenem Prozess teilnehme. In diesem Zusammenhang sprechen sich viele Autoren für eine Interkulturelle Politik und Pädagogik aus, welche folgerichtig auch die politische Erziehung und die Selbstreflexion der einheimischen Mehrheit einzufordern habe.

Versucht man sich daher im folgenden einen Überblick zu verschiedenen Migrationstheorien zu verschaffen, finden sich oft noch Hypothesen einer bestimmten ideologischen Ausprägung: Ausgangspunkt bildet darin die Annahme der kulturellen Unterschiede von Ausländern und Einheimischen, die sich in der veralteten Kulturdifferenzhypothese niederschlägt, welche jedoch in der Problematik wurzelt, die auftretenden Schwierigkeiten ausschließlich auf eine den Migranten pathologisierende Wahrnehmung zurückzuführen (vgl. hierzu u.a.: von Klitzing 1983 oder Unger 1986). Die Modernitätsunterschiedsthese wiederum betont die Probleme der Migranten im Zusammenhang ihrer Unterschichtszugehörigkeit und der Herkunft aus ruralen, wirtschaftlich wenig entwickelten Gebieten dieser Welt, die den kapitalistisch industrialisierten Gesellschaften des Westens diametral entgegenstünden (s. etwa Auernheimer 1988) .

Gefährlich bei beiden Theorien ist allerdings, durch jeweils einseitige Hervorhebung eines Aspekts der Migrationsproblematik Pauschalisierungen und Vorurteile mit vermeintlich wissenschaftlichem Anspruch zu begründen und diese unter spezifischen Umständen damit gravierend zu verstärken.

Erst der neuere strukturalistische Ansatz der Soziogenese ethnischer Minderheiten hebt die Ursachemöglichkeit hervor, dass Migranten zum einen durch die Neuheit der Situation im Aufnahmeland, zum anderen aber auch durch Ausgrenzung seitens der Aufnahmegesellschaft bzw. durch ihre strikte Verweigerung von Gleichberechtigung (z.B. des Stimmrechts) zu Minderheiten werden, lautet dabei der Grundtenor von Autoren wie Bukow u.a. (1988). Was hier zu wünschen übrig lasse, sind beispielsweise vermehrte Mitbeteiligung ausländischer Eltern in den Schulkommissionen, Gewerkschaften und Vereinen, oder auch das Mitwirken von ausländischen Jugendlichen in Jugendparlamenten, Schülervertretungen u.ä.m..

In einem direkten Vergleich dieser drei sehr vereinfachenden Makrotheorien fällt auf, dass sie auf der einen Seite von einer homogenen Population ausgehen, so dass sie zwar die Wanderung beschreiben können, allerdings nicht erklären, wie dies im Zusammenhang mit der Entstehung einer spezifischen Migrationspersönlichkeit steht. Zum anderen ist zu konstatieren, dass die uns bis dato bekannten Theorien eine eher assimiliert gedachte Integration des/der MigrantIn in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen, wodurch zugleich eine belastende Erwartung an die Migranten entsteht, sich an die Mehrheitsgesellschaft anzupassen, die im Falle der Modernitätsunterschiedsthese von einer Überlegenheit industrialisierter Systeme ausgehen muss.

Einer mehr individualistisch ausgerichteten Theorie widmen sich als erste u.a. Cropley et al. (1994), indem sie die Einstellung und die individuellen Voraussetzungen der Migranten nicht ausklammern, sondern sie zu einem entscheidenden Parameter im Verlauf einer Migration erklären. Um die mit der Migration entstehenden qualitativen und quantitativen Veränderungen deshalb nicht nur als Lebenskrise zu betrachten, sondern darin auch eine Herausforderung zu sehen, die durchaus (positiv) bewältigt werden kann, schlagen weitere Autoren wie etwa Frogner (1994) vor, die Migration als ein besonderes Lebensereignis (statt als Kulturkonflikt) zu betrachten. Dieser Ansatz aus der Migrationssoziologie richtet seine Aufmerksamkeit daher sowohl auf andere relevante Formen der Migrationsreaktion außerhalb von Assimilation oder Integration, als dass sie auch mit gesteigertem Interesse - ganz im Sinne von Pries (1997) und seinem Konzept von Transnationalen Sozialen Räumen - auf den Zusammenhang zwischen den interdependenten Bedingungen im Herkunftsland und denen im Aufnahmeland verweist.

Nach einem kurzen Überblick über allgemeine Migrationstheorien, wollen wir uns daher nun mit dem für die vorliegende Arbeit essentiellen theoretischen Rahmen der Diasporadebatte beschäftigen, deren Grundlage und Bestandteil ein elaboriertes Ethnizitätsverständnis ist. Insbesondere im angloamerikanischen Raum erfährt der Terminus der Diaspora seit den achtziger Jahren des 20.Jahrhunderts eine hohe Beachtung. Jedoch hat er - mit Ausnahme von Blaschke (1991) und Wahlbeck (1997), die seine Anwendung auf Kurden in Deutschland bzw. Großbritannien und Finnland überprüften - in wissenschaftliche Forschungen über kurdische Migranten kaum Eingang gefunden. Dies ist auch insofern verwunderlich, als dass Abraham Ashkenasi (1993, S.115) die kurdische Diasporaerscheinung, neben der armenischen, palästinensischen und jüdischen als eine der vier großen Diasporen der Welt betrachtet. Daher folgt an dieser Stelle eine Ausleuchtung verschiedener Ansätze hinsichtlich kurdischer Diasporaerscheinungen. Zuvor aber noch ein Versuch der systematischen Begriffsklärung.

2. Das Konzept Diaspora: Definitionen und Ausprägungsformen

Der Begriff „Diaspora“ entstammt dem Griechischen und bedeutet in dieser Sprache „Zerstreuung“ oder „Verbreitung“ (vgl. hierzu Kluge 1999, S.178). Ursprünglich bezeichnete er jüdische Gemeinden außerhalb des alten Israel nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer, später auch christliche Streuminderheiten bzw. die Gebiete, die sie bewohnten. Im begrifflichen Umfeld von Migration, Vertreibung, Ethnizität und Nationalismus bezieht sich der Begriff nunmehr seit den sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts auf eine ganze Reihe von Gruppen wie etwa die Afghanen, Tschetschenen, Überseechinesen, Roma und andere ethnische Minderheiten wie etwa auch auf KurdInnen.

Befasst man sich nun in einem zweiten Schritt mit weiteren Definitionen zu diesem Terminus, wird man im Speziellen auf drei Autoren stoßen, die an dieser Stelle unsere Aufmerksamkeit verdient haben und deren Aussagen es zu einer Synthese zu verdichten gilt: Als erster definierte Robert Hettlage (1991, S.5) Diaspora als die geographische Zerstreuung von ethnischen Gruppen, die von ihrer Zugehörigkeitsgruppe getrennt leben (müssen), die als Minderheit in einer andersartigen Gesellschaft eine Aufnahme gefunden haben und unter den Bedingungen zweier Zugehörigkeiten gravierenden Problemen der Interessenklärung und Identitätsfindung ausgesetzt sind. Aus seiner Sicht hat Diaspora mit der Koexistenz wenigstens zweier Gruppen, mit der bipolaren Beziehung zwischen dem Aufnahmeland und der aufgenommenen Gruppe zu tun.

Zusätzlich wirft insbesondere das von Robin Cohen 1997 publizierte Werk „Global Diasporas“ eine ganze Reihe von weiteren Kriterien zur Definition desselbigen Begriffs auf, mit denen im Folgenden zwar die Situation der Kurden in Deutschland gekennzeichnet werden soll, ohne jedoch zu fragen, welcher der von Cohen etablierten kategorialen Formen von Diaspora (Opfer-, Arbeits-, Handels- sowie imperiale und kulturelle Diaspora) am ehesten auf sie zutreffen könnte. Danach macht Cohen (1997, S.26). folgende Charakteristika einer Diaspora aus:

1. Zerstreuung – häufig als traumatisch erlebt – aus einer ursprünglichen Heimatregion auf der Suche nach Arbeit oder Handelsmöglichkeit;
2. kollektive Erinnerungen und Mythos bezüglich der Heimatregion; also Idealisierung der vermeintlichen Urheimat und eine kollektive Verpflichtung bezüglich ihrer Erhaltung, Wiederherstellung, Sicherheit und Prosperität.
3. Ein weiteres mögliches Kennzeichen der Diaspora sei das Entstehen einer Rückkehrbewegung, die auf eine kollektive Zustimmung stoße.
4. Hinzu komme ein über einen langen Zeitraum erhaltenes, starkes ethnisches Gruppenbewusstsein[22], auf der Basis wahrgenommener Besonderheiten, der gemeinsamen Geschichte und dem Glauben an ein gemeinsames Schicksal. Dies fördere wiederum ihre Fähigkeit zu Empathie und Solidaritätsempfinden für Mitglieder der gleichen Ethnie und nicht zuletzt die Möglichkeit eines kreativen, bereichernden Lebens in Gastländern, die dem Pluralismus gegenüber Toleranz aufweisen.

Schließlich stellt Tölölyan (1996, S.13ff.) nach fünf Jahren als Herausgeber der Zeitschrift „Diaspora“ folgende Definition auf: Der Diasporabildung gehe eine unfreiwillige, oft gewaltsame Verpflanzung und Wiederansiedelung großer Zahlen von Betroffenen außerhalb der Heimatregion voraus. Eine kollektive Erinnerung – real oder imaginiert – sei deshalb fundamentaler Bestandteil einer distinkten Identität, die vor dieser Verpflanzung nicht zwingend bestanden habe. Diasporen würden die Grenzen ihrer Gemeinschaft entweder aus eigenem Willen oder aufgrund einer Mehrheitsgesellschaft überwachen, die nicht bereit ist, sie vollwertig aufzunehmen. Es bestehe eine Wertschätzung privater oder organisierter Kommunikation mit anderen Diasporasegmenten der eigenen Gruppe. Diaspora-Gemeinschaften hielten Kontakt mit der ursprünglichen Heimat, falls diese in identifizierbarer Form existiert, ansonsten wird Loyalität zu einer mythisierten Vorstellung der „Heimat“ bekundet.

Zusammenfassend sind sich die genannten drei Autoren über die Kernbegriffe einer Diaspora weitgehend einig: Diese sind Zerstreuung, generationenübergreifende Permanenz im Zusammengehörigkeitsgefühl und ein tripolares Bezugssystem, welches die Herkunftsregion, die Residenzregion und die verstreuten Teile einer Gruppe beinhaltet. Weiterhin transformiert Diaspora vielfältige Vorgaben und schafft gleichzeitig „Neues“.

An diesen gemeinsamen Nennern anknüpfend ist der vorliegenden Arbeit eine Synthese der aufgeführten Definitionen zugrundegelegt, mit der es im weiteren Abschnitt gilt, die Umrisse eines durch die Postmoderne beeinflussten Diskurses zum Konzept der Ethnizität darzustellen - gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Erkenntnisse der Ethnizitäts- und Nationalismusforschung kaum oder unzureichend in die inzwischen breite Palette sogenannter kurdologischer Literatur eingeflossen sind.

2.1 Faktoren der Selbst- und Fremdethnisierung oder über Ethnizität und ihre verschiedenen Erklärungsansätze

Als Leitfaden des Zugangs zur Problematik „Ethnizität“ sollen einige allgemeine terminologische Begriffe oder Bezeichnungen wie Ethnie, Volk, Nationalität, Nation,

Nationalismus und Minderheit definiert oder näher beleuchtet werden.[23] Hier sehe ich eine Begriffsdefinition deshalb als notwendig, weil der Diskussion des Ethnizitätsbegriffs die Diskussion um den Begriff der „Kultur“ vorausging, welcher im englischen Sprachraum 1871 von Edward B. Tylor (1832-1917) in seinem Werk „Primitive Culture“ eingeführt wurde. Als Begründer der modernen Anthropologie und Ethnologie ging er von folgender Grundannahme aus: „Kultur“, schrieb er, ist „der kompliziertes vollständiges, das Wissen, Glaube, Kunst, Moral, Gesetz, Gewohnheit und alle mögliche anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten, die vom Mann als Mitglied der Gesellschaft“ erworben werden, umfasst (vgl. Tylor 1924 [orig. 1871], S.1). Im deutschen Sprachgebrauch analysierte ihn erstmals der Soziologe Norbert Elias (1980, S.1ff.) im Jahre 1936 - wie folgt - kritisch: „Das Wort, durch das man im Deutschen sich selbst interpretiert, durch das man den Stolz auf die eigene Leistung und das eigene Wissen in erster Linie zum Ausdruck bringt, heißt Kultur.“ Bereits hier kann behauptet werden, dass die Funktionen von Kultur im weiten Feld der Sinnkonstitutionen und Identitätsbildung, sowohl für die Gruppe als auch für den Einzelnen, liegen. Deshalb sollte Kultur immer als ein prozesshaftes, unabgeschlossenes und sich in Bewegung befindliches System verstanden werden: „Unterschiedliche soziale Gruppen bzw. Individuen setzen sich miteinander auseinander, definieren sich selbst und andere immer wieder neu, erarbeiten sich auf diese Weise ihre ,Identität’, indem sie ihre ,Landkarten der Bedeutung’ und das mitgebrachte kulturelle Material den aktuellen Lebensbedingungen entsprechend transformieren“ (s. Kalpaka 1986, S.24). Daraus kann schlussgefolgert werden, dass auch die Identitätsbildung als ein lebenslanger und alles andere als statisch seiender Prozess aufzufassen ist, jedoch wurde diese Erkenntnis lange Zeit nicht als selbstverständlich erachtet. Die Gründe dafür dürften ersichtlich werden, wenn man sich im folgenden kritisch der hierfür verantwortlichen Argumentationslinie annähert.

Vergleicht man im Kontext des Ethnizitätsbegriffs etwa die verschiedenen Ansätze, die sich überwiegend aus der Definition dieser Vorgängerbegriffe evaluiert haben dürften, so stellt man alsbald fest, welchem weitreichenden inhaltlichen Entwicklungsprozess diese Begrifflichkeiten unterzogen wurden. Ursprünglich entwickelt aus dem Studium überschaubarer Gruppen (Ethnologie/Kulturanthropologie), in denen alle Mitglieder einander durch bestimmte kulturelle, territoriale, historische und genetische Indikatoren bekannt waren, wurden ethnische Kriterien in den sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts auch auf komplexe, multikulturelle Gesellschaften, besonders im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen, angewendet. Folglich erfuhren die Zugehörigkeitsindikatoren eine Erweiterung und erhielten darüber hinaus teilweise Symbolcharakter, so dass bald moderne Indikatoren wie Staatsangehörigkeit, gemeinsame Kunst und Literatur zu den eben genannten Charakteristika einer jeweiligen Kultur bzw. Ethnie hinzukommen sollten.

So gesehen, wurde Ethnizität bis zur Formulierung des Konzepts der ethnischen Grenzziehung durch Fredrik Barth (1969) ausschließlich über kulturelle Substanz wie gleiche Kultur, Sprache, Rasse, Religion und Klasse definiert. An dieser Stelle kritisiert Ammann (2001, S.52) diese frühe Vorstellung von Kultur und Ethnizität vehement und fügt hinzu:„Die Welt ist zu schnelllebig, zu vernetzt und zu komplex geworden, um die Ethnizität ausschließlich mittels einer Checkliste materieller und immaterieller Zugehörigkeitskriterien definieren zu können. Ein solcher Versuch wäre zum Scheitern verurteilt, da er unabhängig von der Beschaffenheit solcher Merkmale diese auf winzige Einheiten herunterbrechen und präzisieren und zudem laufend sich ständig verändernden Kontexten anpassen müßte.“

Dagegen betrachte erst der Anthropologe Barth in seiner Theorie den „Subjektivismus“ als das einzige Kriterium für die „ethnic boundaries“. Nach seiner Meinung ist nur die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe der ausschlaggebende Faktor (vgl. Barth 1969, S.10). Danach kann also ethnische Identität auch als das Bewusstsein von Andersartigkeit oder kultureller Eigenständigkeit interpretiert werden. Er schreibt (Barth 1969, S.10): „Zuvorderst legen wir die Hauptbetonung auf den Umstand, daß ethnische Gruppen Kategorien der Zuschreibung und Identifizierung durch die Handelnden selbst darstellen.“ Entsprechend definiert u.a. auch einer der Gründungsväter der modernen Soziologe, Max Weber (1972), die „ethnische Gruppe“ und die „Nation“ nicht nach empirischen gemeinsamen Qualitäten bzw. „objektiven“ Kriterien, sondern primär nach subjektiven Einschätzungen der Einzelnen, wenn er z.B. in seiner Konsequenz den Begriff der Nation dadurch kennzeichnet, „dass gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei, [der Begriff, Anm. d. Verf.] gehört also der Wertsphäre an.“ (Weber 1972, S.528)

Eine ethnische Gruppe, ein indigenes Volk oder eine nationale Minderheit kann jedenfalls innerhalb des Rahmens soziopolitischer und völkerrechtlich relevanter Kategorisierung als eine Nationalität[24] verstanden werden.

Im Diskurs zur Minderheitenfrage in der – zwischenstaatlichen – Politik hat sich in der letzten Zeit vermehrt das Begriffspaar der nationalen Minderheit durchgesetzt. Dies ist eine Folge der vermehrten Aufmerksamkeit, die sich in Europa nach dem „Kalten Krieg“ auf die Konflikte bzw. die Frage der Minderheiten gerichtet hat, wobei die Minderheitenfrage immer eng mit der Frage der Menschenrechte verbunden geblieben ist.

In Bezug auf die Kurden stellt sich in diesem Zusammenhang nun folgende Frage: Wer oder was sind die Kurden? Sind sie eine ethnische oder nationale Minderheit, ein Volk oder doch eine Nation?

Nach dem deutschen Universal-Wörterbuch Duden stammt das Wort Ethnie aus dem griechischen Wort éthnos = Volk(sstamm) und bedeutet Menschengruppe (insbesondere Stamm oder Volk) mit einheitlicher Kultur. Die Gruppe der kurdischen Menschen haben zwar bisher keine einheitliche Standard- bzw. Schriftsprache (sondern zwei „Schriftdialekte“: Kurmanci und Sorani bzw. Nord- und Südkurdisch), aber sie besitzen offenkundig eine gemeinsame Kultur, sie sind durch das Zugehörigkeitsgefühl miteinander verbunden und sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht von allen anderen benachbarten Ethnien, die sie und ihr Siedlungsgebiet zwischen sich – innerhalb ihrer „Nationalstaaten“ – aufteilen. Die Kurden stellen daher eine selbständige Ethnie dar. Aber sind die Kurden damit auch eine Nation?

Das französische Wort nation stammt ursprünglich aus dem lateinischen Wort natio = Geschlecht, Volk(sstamm) und sie ist: Eine mehrdeutige Bezeichnung einer in einem Sozialverband zusammengeschlossenen Großgruppe von Menschen, die sich von anderen Großgruppen entweder durch Abstammung, Sprache, Wohngebiet, kulturelle Gepflogenheiten oder Zugehörigkeitsgefühl unterscheiden – im Sinne der „Staatsnation“ in einem gemeinsamen „Nationalstaat“ bzw. Nationalitätenstaat, und im Sinne von „Volksnation“ oder „Kulturnation“, auch wenn ihre Mitglieder nicht in einem gemeinsamen Staat leben. (vgl. hierzu: Wörterbuch zur Politik 1995, S.630-631).

Die Kurden sind demzufolge mehr eine geteilte staatslose (Volks-)Nation oder „non state-nation“. Ihr kurdisches Bewusstsein hat sich entgegen allen Widerständen erhalten und gestärkt, mit dem sie ihre kurdische Identität gegen die Zwangsassimilierung und ihre Existenz gegen die Vernichtungsfeldzüge ihrer Nachbarvölker – seit Jahrhunderten – verteidigen. Sie verfügen nun über Nationalbewegungen in allen Teilen Kurdistans bzw. in allen Teilungsstaaten, welche nationale Emanzipation von den dominanten Nationen – auf der Basis von Autonomie und Föderation[25] – oder die politische Selbstbestimmung der kurdischen Nation und deren Einigung in einem zukünftigen einheitlichen und souveränen Nationalstaat bestreben. So tritt der kurdische Nationalismus – seit seiner Entstehung bzw. Entwicklung – im Rahmen einer neutraleren Definition des Begriffs Nationalismus[26] hervor.

Für unseren Zusammenhang lässt sich mit einer Überleitung konstatieren, dass Ethnizität samt ihren Verflechtungen mit anderen Begrifflichkeiten wie Kultur, Nation und Minderheit eine der wesentlichen Grundlagen für das Leben in der Diaspora markiert.

Birgit Ammann geht allerdings entgegen dem Allgemeinverständnis von Ethnizität als eines auf dem Glauben von Objektivität und biologisch fixierten Attributen bzw. auf einem starren Kulturbegriff beruhenden Terminus vielmehr davon aus, dass „Ethnizität aus reflektierter Sicht zwischen Abstraktion und Konstruktion anzusiedeln [ist]; sie stellt sich dar als eine verwobene Kombination verschiedener Gesichtspunkte: Primordiale Substanz spielt dabei ebenso eine Rolle wie interaktive, milieuabhängige Prozesse und imaginative Ansätze mit einem entsprechenden Instrumentalisierungspotential“ (vgl. Ammann 2001, S.54). In diesem Sinne stellt auch Brieden in seiner vergleichenden Analyse zu „Konfliktimport durch Immigration“ fest: „Ergebnis dieser Fremd- und Selbstethnisierungsprozesse ist die ,faktische’ ethnisch-plurale oder multikulturelle Gesellschaft, in der Ethnizität sozial konstruiert und seitens der ethnischen Mehrheit als Ressource im Verteilungskampf um Macht und Geld eingesetzt wird“ (Brieden 1996a, S.32; Hervorh. i. Orig.).

Mit einem Rückgriff auf Tölölyan (1996) beschreibt Ammann deshalb Diasporen als exemplarische Ausprägungen des transnationalen Moments, wonach sich diese jenseits des letztendlich dekonstruierten Ethnizitätsbegriffes als Bestandteile von Globalisierungsprozessen auszeichneten. Daher sei ihrer Beurteilung nach Transnationalismus[27] der eigentliche Schlüsselbegriff von Diasporen (Ammann 2001, S.56).

Insbesondere die Konzepte der Rolle von Identität und Ort stehen dabei im Vordergrund des Interesses, dem wir uns im nächsten Abschnitt zuwenden wollen.

2.2 Transnationalismus: Bezugspunkte und Funktionen

Innerhalb der ethnologischen Debatte führten zu Beginn der 1990er Jahre Nina Glick Schiller, Linda Basch und Cristina Scanton Blanc die Begriffe „Transmigration“ sowie „Transnationalismus“ in der Migrationsforschung ein, erörtert „am Beispiel der Netzwerke und Lebensentwürfe von Migranten aus Zentralamerika und der Karibik, zwischen ihren Herkunftsorten und in den USA“[28]. Waltraud Kokot formuliert diesen Paradigmenwechsel folgendermaßen:

„Ging die herkömmliche Migrationsforschung noch von einer linearen und endgültigen Bewegung zwischen dem Ort der Herkunft und dem neuen Residenzort aus und fragte vor allem nach dem Grad der Integration am neuen Residenzort, stehen heute multiple Beziehungen und Netzwerke zwischen mehreren Orten und über nationalstaatliche Grenzen hinweg im Mittelpunkt des Interesses.“ (Kokot 2002, S.99)

Die genannten Stifter jener Neologismen lassen an dem Titel ihrer Arbeit von 1995 „From Immigrant to Transmigrant […]“ erkennen, dass es ihnen nicht nur um eine neue Terminologie geht, sondern dass sich auch die tatsächlichen zu untersuchenden Prozesse scheinbar verändert haben. Der im Folgenden zu untersuchende Aufsatz von Arjun Appadurai „Plädoyer für eine transnationale Anthropologie“[29] (Appadurai 1998, S.11) setzt teilweise vergleichbare Prämissen; gemeinsam mit einer bereits erahnbaren Kritik an den Beschreibungen jener behaupteten Neuheit der Prozesse ergibt sich ein erster Einblick in die theoretischen Schwierigkeiten, welche auch jeden Versuch, die Entstehung kurdischer Identitäten angemessen zu erfassen, begleiten.

Bezeichnend ist, wie Appadurai sich selbst als Beispiel für seine Thesen anführt. So sei er „Brahmane aus Tamilien, aufgewachsen in Bombay und in den USA zu einem Homo academicus verwandelt“ (Appadurai 1998, S.25; Hervorh. i. Orig.). Seine Verwendung des Bildes der „Verwandlung“ ist nur ein Hinweis auf die Schwierigkeiten, sich einer „entgrenzten“ wissenschaftlichen Terminologie anzunähern; schließlich ist es ja gerade demgegenüber sein Engagement, dieser sprachtheoretischen Herausforderung gerecht zu werden. Auch er versucht, mit Hilfe der Prägung neuer Termini sein Plädoyer zu unterstreichen; aus den „kulturellen Dynamiken der Enträumlichung“ konstituieren sich für ihn „Ethnoscapes“ (im Titel der deutschen Publikation als „[g]lobale ethnische Räume“ umschrieben) (Appadurai 1998, S.11 und 13; Hervorh. i. Orig.). Mit anderen Worten: der dazugehörige Typ von Migrant, also der Transmigrant zeichnet sich dadurch aus, dass er aus der Perspektive einer globalen Ordnung, in der supranationale politische Institutionen generell eine immer größere Rolle spielen, im Stande ist, ein komplexes soziales Beziehungssystem zu schaffen und aufrechtzuerhalten, welches die Ursprungsgesellschaft und die Gesellschaft, in der er aktuell lebt, miteinander verbindet. Für Angehörige der Diaspora ergebe sich nach Ashkenasi (1993, S.112) eine Vielfalt von Beziehungen aus geschichtlichen und psychologischen Bindungen an mindestens zwei, womöglich in sich fragmentierte und asymmetrische Kulturen, aus der sie eine Synthese zu bilden haben. Schiller et al. (1992 und 1995) zufolge stelle dies ein Modell dar, „welches die lange Zeit gültige Vorstellung von Migration als Einbahnstraße, als Entwurzelung und Aufgabe der ursprünglichen Heimat verwirft und im hiesigen Zusammenhang vor allem die Ausschließlichkeit von Begriffen wie Nationalismus und Ethnizität in Frage stellt“ (hier zit. aus Ammann 2001, S.57). Dabei vertreten Diasporagruppen einerseits ihre eigenen Interessen; andererseits erfüllen sie aber auch Funktionen im internationalen System, dessen Interdependenzen ständig wachsen, indem sie den klassischen Nationalstaat hinterfragen. In dieser Hinsicht unterstützen internationale Migration und Diasporen den weltweiten Trend hin zu einer transnationalen und multinationalen Situation, in der Staaten keine uneingeschränkt autonome oder unabhängige Organisationen mehr sind, sondern vielmehr ein System aus einer Vielzahl an Mitgliedschaften auf unterschiedlichen Grundlagen existiere. Im Rahmen der Menschenrechtsdebatte beispielsweise könnten dann Diasporen unabhängig von nationalstaatlicher Zugehörigkeit einen entscheidenden Faktor in der zunehmenden Bedeutung internationaler Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) darstellen und damit zu einem Bestandteil eines Netzwerkes korrespondierender Interessenvertretungen an unterschiedlichen Standorten werden.

Für unsere Untersuchung hinzuzufügen bleibt, dass im Falle der Kurden als eine staatlose (Volks-) Nation besonders unter diesem Gesichtspunkt zwischen staatsgestützter und staatenloser Diaspora zu unterscheiden ist.[30] Während sich die kollektive Identität im ersten Fall auf die gemeinsame Herkunft aus einem bestimmten Staat bezieht, findet diese für die Kurden als Rückgriff auf einen gemeinsamen, jedoch staatenübergreifenden Siedlungsgebiet bei gemeinsamer ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit ihre Konturen.

Mit einem weiteren bedeutsamen Aspekt in der Diasporadebatte einhergehend, lässt sich mit Tölölyan (1996, S.193f.) abschließend sagen, dass die Kurden in diesem Zusammenhang, neben anderen ethnischen Gruppen (wie z.B. den Armeniern) an einer neuen Konzeption der Diaspora arbeiten, indem sie „[sich] bemühen überwiegend auf künstlerischem und intellektuellem Weg, einer Diaspora-Identität Ausdruck zu verleihen.“

2.3 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Wie wir also sehen konnten, führt die „postmoderne“ Diskussion um eine Revidierung alter noch aus kolonialistischer Provenienz stammender Grundbegriffe sowie um die als neues Phänomen wahrgenommenen Folgen der sogenannten „Globalisierung“ zur Etablierung neuer theoretischer Konzepte. Die einer oft als überholt markierten „Moderne“ entstammende Terminologie wies Schwächen auf, innerhalb ihrer Beschreibungsversuche die aktuellen Prozesse und Entwicklungen überhaupt angemessen erfassen zu können. Insbesondere die monadische Abgeschlossenheit alter Konzepte, ihr absoluter Anspruch, ihre implizite „Metaphysik“ – z.B. einer „objektiven Wirklichkeit“ – führten in den Diskursen zu einer immer wieder neuansetzenden Dekonstruktion der eigenen Methodik.

Ein Beispiel für diese Entgrenzung der Grundbegriffe ist die Debatte um Transnationalität bzw. Transnationalismus, die hier anhand einer kritischen Betrachtung jenes „Plädoyer[s] für eine transnationale Anthropologie“ von Arjun Appadurai vorgestellt wurde.

Erst das in diesem Rahmen entstandene Analysekonzept des Transnationalen Sozialen Raumes von Ludger Pries (1997), welches verschiedene Autoren wie u.a. Ammann (2001, S.56f.) auch auf die kurdische Gesellschaft beziehen wollen, stellt ein geeignetes Instrument dar, um das Verhältnis zwischen Kurden in den originären Siedlungsgebieten, im Westen der Türkei, in Westeuropa und anderen Orten zu untersuchen. In seinem herausgegebenen Buch „Transnationale Migration“ konstatiert Pries eine quantitative und qualitative Veränderung der historischen Wanderungsbewegungen. Danach sei eine „Neubestimmung des Verhältnisses von geografischem Raum und sozialem Raum“ festzustellen, „eine Form der transnationalen Migration, bei der sich die Lebenspraxis und die Lebensprojekte der »Transmigranten«, also ihre »sozialen Räume« zwischen verschiedenen Wohnorten bzw. »geographischen Räumen« aufspannen“ (vgl. Pries 1997, S.16). Die neuen Verflechtungszusammenhänge würden durch eine zunehmende flächenräumliche Wanderung entstehen, die nunmehr nicht mehr einmal im Laufe des Lebens und in eine Richtung stattfinde, sondern unter gewissen Umständen mehrfache, mehrdirektionale, erwerbs- und lebensphasenbezogene als auch etappenweise Konturen annähme: „Es entstehen Transnationale Soziale Räume, innerhalb derer sich Lebensverläufe und Lebensprojekte in sozialen Beziehungen und Institutionen strukturieren“ (ebd., S.35). Erforderlich sei daher unbedingt auch eine Erweiterung der klassischen Migrationsforschung um den qualitativ bedeutsamen Faktor der durch die Migration entstandenen und weitere Migration produzierenden und beeinflussenden Transnationalen Sozialen Räume, weil sich gegenwärtig der Beginn einer tendenziellen Entkoppelung von Flächenraum und sozialem Raum abzeichne. „Diese führt – hinsichtlich sozialer, ökonomischer und kultureller, nicht unbedingt politischer Prozesse – zu einer Bedeutungsausdünnung des nationalgesellschaftlichen Referenzrahmens »nach oben« (»Globalisierung«) und »nach unten« (»Regionalisierung«, Re-Lokalisierung)“ (vgl. ebd., S.29).

In einem wie hier beschriebenen Sinne vom transnationalen Raum „entwickelt sich seit mehr als hundert Jahren die kurdische Gesellschaft“, behauptet neben anderen auch Sabine Skubsch (2000, S.88), weil sie die KurdInnen in geografischen Räumen platziert gesehen haben möchte, in denen mehrere sehr unterschiedliche, nicht zwingend miteinander korrespondierende soziale Räume, wie etwa ethnisch oder kulturell differenzierte Bevölkerungsgruppen entstünden.

Mit einem Rückblick auf unsere oben vorgenommenen Definitionen zum Begriffshintergrund von Ethnizität und Kultur, können wir nun mit Ammann schlussfolgern (2001, S.61f.): „Bemühungen um die weitere Klärung des Begriffs der Diaspora könnten zu einem ähnlichen Schluß gelangen wie der Diskurs um das ihm (mit anderen) zugrundeliegende Konzept der Ethnizität. Wie weiter oben dargestellt wurde, ergibt dieser Diskurs letztlich, daß durchgängige Definitionen nicht greifen und lediglich der Umstand momentaner Selbstzuschreibung eine gewisse Gültigkeit haben kann.“ Parallel dazu antworteten bei der von Ammann durchgeführten Untersuchung auf die Frage „Wer ist Kurde?“ alle Befragten, Kurde sei, wer sich selbst als Kurde bezeichne (vgl. ebd., S.31). In manchen Äußerungen wurden aber durch die Erklärung, wer ein „guter“ Kurde sei, Einschränkungen gemacht.

Unter Bezugnahme zu den in diesem Sinnabschnitt ausgeführten Kriterien zur Bestimmung der ethnischen Orientierung eines Volkes werden deshalb im folgenden Kapitel die Kurden zunächst aus historischer und gegenwärtiger Perspektive vorgestellt, um es uns in einem nächsten Schritt zu ermöglichen, den Bogen zu dem Erkenntnisinteresse dieser Arbeit zu schlagen und sich - ausgehend vom internen Gruppenverständnis - intensiv mit den Jugendlichen kurdischer Herkunft zu befassen. So haben zur kurdischen Frage etwa die Medien jahrelang schlechte Vorarbeit geleistet, wobei bis zum heutigen Tage magere Sachkenntnisse zusätzlich vereinseitigt, Mitleid für Giftgasopfer oder Angst vor PKK-Terror unnötig emotionalisiert und in dem ganzen die faktischen Hintergrundinformationen scheinbar bewusst ausgeblendet werden.

Wie wir noch genauer sehen werden, ist eine angemessene Antwort auf „Was ist kurdisch?” oder „Wer sind die KurdInnen überhaupt?“ nicht zuletzt auch angesichts der schwierigen Ausgangslage bei der Recherche zu dieser Frage äußerst vielschichtig und verändert sich je nach den gegebenen, epochaltypischen Ereignisstufen bzw. der entsprechenden forschungsrelevanten Fragestellungen hinsichtlich der historischen Genese eines Volkes wie das der KurdInnen. So fallen in unserem Zusammenhang auf den ersten Blick viele verschiedene Überlappungen auf, die wohl eher die Regel als die Ausnahme sein dürften. Im Allgemeinen sagt man z.B.: KurdInnen könnten sich zugleich als Muslime, Yezide[31] oder Atheisten, aber eben auch als Deutsche oder Syrer beschreiben; sie müssten, um sich als Kurde bzw. Kurdin bezeichnen zu dürfen, nicht zwingen aus einem kurdischen Gebiet und/oder von kurdischen Eltern stammen, genauso wenig wie sie dafür unbedingt kurdisch als Muttersprache sprechen oder kurdische Politikansätze verfolgen müssen. Speziell zur Funktion der Muttersprache Kurdisch meint auch Nebez (1985, S.12): „Obgleich die Kenntnis der kurdischen Sprache ein sehr wichtiges Merkmal für die Unterscheidung zwischen Kurden und Nicht-Kurden ist, ist es nicht immer zutreffend und kann deshalb nur bedingt als Indikator für die kurdische Zugehörigkeit gelten.“ Auch ihre Ethnizität wird je nach Umgebung und Situation mobilisiert oder gänzlich verleugnet. Nicht selten entstehen dadurch auch Konkurrenzen der einzelnen Identitätskriterien und Loyalitäten unter einander, die es den nachfolgenden Generationen zusätzlich erschweren, sich im Zuge gesellschaftlicher Positionierungsprozesse produktiv mit ihrer kurdischen Herkunft zu beschäftigen.[32] Denn auch in ihrem Falle redet es sich schnell daher bzw. fühlt sich eine große Mehrheit der Menschen in Europa des öfteren m.E. vorschnell dazu aufgefordert, aus politischen oder wie auch immer gearteten Gründen, Meinungen über Selbst- und Fremdbilder eines Volkes zu äußern, deren Bevölkerung von dem (irakischen) Kurdenführer Barzani einmal als die „Waisen des Universums“ bezeichnet wurde (siehe dazu das Vorwort der Bundesbeauftragten, Marieluise Beck, in: Schmidt 2000, S.5). Im übrigen legen doch vor allen anderen diese zumeist veröffentlichen Meinungen über die KurdInnen in der Bundesrepublik ein deutliches Zeugnis der eigenen mangelnden Kenntnisse hinsichtlich einer solchen Thematik ab, zu deren Abhilfe der uns nun bevorstehende historisch-chronologische Abriss über Kurden und Kurdinnen gleichfalls einen exemplarischen Beitrag leisten könnte.

[...]


[1] Auszug aus dem Gedicht „Deine Kirschlippen“ von Nazif Telek, das 2001 von der Nationalbibliothek des Deutschsprachigen Gedichtes als bestes Gedicht des großen Wettbewerbs ausgewählt wurde. Vgl. Nazif Telek: Kurdistan in Prosa und Lyrik, Online-Ressource im Internet zu ersehen unter: http://www.lux-netz.de/Nazif-Web-Neu/index.html [zuletzt aufgerufen am 9.Dezember 2005]. Der heutige Dichter und Schriftsteller wurde am 3. Februar 1957 in der kurdischen Stadt Bıtlis geboren. Nachdem er 1980 in die BRD übersiedelte, wurde er 1991 deutscher Staatsbürger, der aus seiner Beschäftigung mit Kindern die Idee entwickelte, zweisprachige Erzählungen zu verfassen, die sich an Erwachsene ebenso richten wie an Kinder und Jugendliche.

[2] Das Gesamtziel meiner Arbeit ist es nun, am Beispiel des obigen Auszugs aus dem Gedicht von Nazif Telek gleichfalls zu unterstreichen, dass die Mehrheit der hier vorzustellenden Jugendlichen kurdischer Herkunft sich - trotz widriger Umstände! - sowohl mit der jeweiligen Herkunftsregion als auch mit der Residenzregion in Deutschland arrangieren kann und zunehmend ein progressives Leben zwischen den genannten drei Kulturkreisen auswählt. Ausgehend von der Fragestellung im Titel dieser Diplomarbeit, ob denn Heranwachsende kurdischer Herkunft tatsächlich mit gesellschaftlicher Erfahrung von Inklusion und Exklusion aufwachsen, werde ich deshalb versuchen die zunächst mit einem Fragezeichen markierte Hypothese mit Hilfe des mir zur Verfügung stehenden empirischen Materials durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen, wenn ich gegen Ende dieser Untersuchung zu der Überzeugung gelange, dass neben anderen Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft auch die hier interessierende pädagogische Zielgruppe der KurdInnen besonders in (Berufs-) Schule und Schulumfeld sowohl integriert als auch angepasst und ausgegrenzt ist!

[3] Im Sinne eines von verschiedenen kurdischen Institutionen und Navend e.V. - Zentrum für kurdische Studien - vertretenen Selbstverständnisses werden in der Regel die Herkunftsgebiete der KurdInnen mit „Nordkurdistan“ (türkischer Teil), „Südkurdistan“ (irakischer Teil), „Westkurdistan“ (syrischer Teil) und „Ostkurdistan“ (iranischer Teil) bezeichnet, doch wollen wir uns im folgenden ausschließlich auf das türkische Siedlungsgebiet, demnach also auf „Nordkurdistan“ als Herkunftsort der Jugendlichen und ihrer Eltern beziehen, um den Rahmen dieser Diplomarbeit nicht unnötig auszuweiten.

[4] Hinweis zur Zitierweise: Um das ständige Hin- und Herwandern des Blickes zwischen Text und Fußnote zu verhindern, entschließe ich mich als Verfasser zu der Verwendung der amerikanischen Zitierweise. Lediglich größere Anmerkungen und Problematisierungen erfolgen in Form von Fußnoten. Ein Gesamtliteraturverzeichnis lege ich in Form der letzten Seiten bei, so dass ich in den Klammern jeweils die kurze Quellenangabe (mit Hinweis auf Autor, Erscheinungsjahr und Seitenangabe) bevorzugt erwähne. Längere Passagen als Zitate werde ich mit Hilfe einer veränderten Schriftgröße und durch entsprechendes Einrücken von dem allgemeinen Text hervorheben.

[5] Zum aktuellen Forschungsstand unter der Prämisse der Nichtbeachtung von KurdInnen in Migrationsforschung und Ausländerpädagogik folgt weiter unten ein gesondertes Kapitel, indem ausgehend von verschiedenen Institutionen der Kurdischen Studien in Europa und in den USA, das momentane Defizit historisch belegt und mit einem Ausblick für die Bundesrepublik versehen wird.

[6] Hierbei beziehe ich mich auch auf teilnehmende Beobachtungsphasen in den Kurdischen Gemeinden Gießen und Fulda, die beide von ausgebildeten Sozialarbeitern kurdischer Herkunft geleitet werden. Die Erkenntnisse und Ergebnisse aus diesen hospitierenden Teilnahmen an jugendlichen Freizeitaktivitäten und vereinstechnisch organisierten Angeboten der Jugend(bildungs)arbeit habe ich in einem Feldforschungstagebuch festgehalten und werde relevante Passagen daraus an entsprechender Stelle in den laufenden Text einstreuen.

[7] Das Projekt mit dem Titel „Entwicklung und Erprobung eines adressatenspezifischen Integrationskonzeptes für kurdische MigrantInnen in NRW mit Schwerpunkt auf Jugendarbeit“ wurde von Navend e.V.- Zentrum für kurdische Studien e.V., das seinen Sitz in Bonn hat, initiiert und 1997 begonnen.

[8] Bezüglich der Repräsentativität ihrer Studien verweist die Forscherin an mehreren Stellen ihrer Bücher auf folgendes Eingeständnis: „Selbstverständlich kann aber ein Sample von 21 keine repräsentativen, geschweige denn statistischen Aussagen zulassen (...). Die Auswertung (der qualitativen Untersuchung; Anm. d. Verf.) hebt fast ausschließlich Einzelfälle hervor, die exemplarisch bestimmte Aspekte der sozialen Lage der Jugendlichen ansprechen (Schmidt 1998,S.141). Allerdings werde bei einer detaillierten Betrachtung ihrer Ergebnisse auch deutlich, „daß die Daten aufgrund der individuell sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Jugendlichen ein breites Spektrum an Informationen enthalten, deren Interpretation zwar nur Sinn im Hinblick auf das Individuum macht, aber eine Vielzahl von Aspekten der spezifischen Situation kurdischer Jugendlicher bereithält“ (vgl. ebenda,S.142).

[9] Zum internationalen bzw. europäischen Vergleich dienen mir an dieser Stelle zum einen die Feldstudie von Mohseni (2003) aus Frankreich sowie ferner eine empirische Untersuchung anhand von Leitfadengesprächen aus Österreich, die von Ingrid Ausserer et al. (2003) dargestellt werden. Siehe zu beiden Studien: Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e.V. (2003, S.87-134).

[10] Dem Themenblock VII des Fragebogens (vg. Schmidt 1998,S.107f.): „Erleben und Verarbeiten von Alltagsrassismus und Ausgrenzung“ steht die Frage „Erlebst du Diskriminierung/Ausgrenzung im Alltag?“ voran. Diese Frage beantworten zehn GesprächspartnerInnen mit „nein“/„nie“, vier mit „selten“, vier mit „manchmal“ und drei mit „ja“.

[11] „Unter Erfahrung von Rassismus sei jede Erfahrung von Angriff oder von Geringschätzung der eigenen Person oder nahestehender Personen durch andere verstanden, die willkürlich gewählte physiognomische Merkmale (Haut-, Haarfarbe) oder soziale Merkmale (andere Sprache, Kleidung) vor dem Hintergrund der Abstammungs- oder Herkunftskonstruktionen als Hinweise auf moralische oder intellektuelle Unterschiede lesen, die zu ihren Gunsten laufen und die bei dieser Art von Unterschieden das Recht auf Angriff unterstellen.“ Definition von Paul Mecheril auf dem Seminar „Familie im Spannungsfeld globaler Mobilität“, am 1./2. Oktober 1997 in der Forschungsstelle für interkulturelle Studien an der Universität zu Köln; hier zit. aus: Schmidt 1998,S.107.

[12] Der häufig verwendete, aber selten definierte Begriff steht im Gegensatz zu „autochthon“ (alteingesessen) und „umschreibt verschiedene Aspekte von Menschen, die nicht den ,Alteingesessenen’ der Mehrheitsgesellschaft zugerechnet werden. Neben der subjektiven Komponente der Bestimmung des individuellen Bezugsrahmens (z.B. zur Mehrheits- oder Minderheitsgesellschaft) dient der Begriff Zuschreibungen bzw. Ausgrenzungen entweder nach staatsrechtlichen, ethnischen und/oder sozialen Kategorien“ (Schmidt 2000,S.29f.). Nach Bukow unterscheiden sich allochthone Jugendliche von autochthonen insbesondere darin, dass bei ihren gesellschaftlichen Positionierungsprozessen Überpointierungen stattfinden, die für viele von ihnen marginalisierende Konsequenzen hätten: „Der Begriff eröffnet die Perspektive auf das individuell unterschiedliche Gelingen von Identitätsbildung und Integration. Er weist darauf hin, dass allochthone Jugendliche bei ihren Positionierungsprozessen unter den besonderen Herausforderungen und Risiken entweder herausragende Leistungen (der Anpassung, des Aushandelns, des Bildungserfolgs) gelangen, oder, bei Misserfolg, dauerhaft marginalisiert werden können“ (s. Bukow 1999,S.30).

[13] Von der erwähnten Gesellschaft in Berlin wird eine Reihe wissenschaftlicher Fachbücher mit dem Reihentitel Kurdologie herausgegeben. Ferner erscheinen im internationalen Rahmen wissenschaftliche Fachzeitschriften mit Titeln wie Journal of Kurdish Studies (in Illinois und Paris), International Journal of Kurdish Studies (in New York), Studia Kurdica (in Paris) oder Kurdica (in Edinburgh). Als eigenständiger Studiengang kann Kurdologie gegenwärtig in Paris am Institut National des langues et civilisations orientales (INALCO) und in London als institutionalisierter Bestandteil von Lehre und Forschung an der School of Oriental and African Studies (SOAS) studiert werden. Dazu siehe u.a.: Ottersbach & Weiland (1999,S.44).

[14] Anhand des Phänomens „Konfliktimport“ möchte man Konflikte identifizieren, die in den Herkunftsstaaten der KurdInnen - insbesondere in der Türkei - existieren und die sich dann auch in der Migrationssituation widerspiegeln. Die Rede vom „Konfliktimport“ nach Brieden (1996) ist jedoch problematisch und irreführend, da sie suggeriert, dass die Ursache und somit auch die Schuld für den Konflikt bei den Einwanderern, in unserem Fall also verstärkt bei den KurdInnen zu suchen ist.

Zur Konfliktimportthese und ihren evidenten Auswirkungen auf die Beziehungen von kurdischen und türkischen MigrantInnen in der Bundesrepublik habe ich deshalb unter Kapitel I, Gliederungspunkt 3.2.1 einen gesonderten Abschnitt vorgesehen, indem ich noch einmal kritisch-konstruktiv auf diese Hypothese eingehen möchte.

[15] Zur Wahrnehmung der KurdInnen in der Tagesberichterstattung von Presse und Fernsehen vgl. die Studie von Siegfried Quandt (1995).

[16] Unter den Bibliographien außerordentlich umsichtig annotiert und bzgl. Orientalistik mit vielen weiterführenden Hinweisen versehen, ist das Buch von Kren, Karin (2000)

[17] Ein Beispiel für solche Forschungsansätze ist die kürzlich am Forschungsinstitut für Soziologie der Universität Köln unter der Leitung von Robert Kecskes erschienene Studie „Soziale und identifikative Assimilation türkischer Jugendlicher“. Wenngleich unter den 614 Jugendlichen türkischer Herkunft wahrscheinlich ein Viertel kurdischer Herkunft sein dürfte, werden sie nirgends als solche benannt. Ein weiteres Exempel für eine undifferenzierte und zudem empirisch unkorrekte Umgangsweise mit der Problematik ist die 1997 von Wilhelm Heitmeyer et al. vorgelegte Untersuchung unter dem Titel „Verlockender Fundamentalismus“. Auch hierin wurden 1221 Jugendliche aus der Türkei befragt, wobei an keiner Stelle auf die mindestens ein Drittel der Jugendlichen Ausmachenden eingegangen wird, die kurdischer Herkunft sind (vgl. kritisch zur Methodik dieser Studie Auernheimer 1999, in: Bukow u. Ottersbach (Hrsg. 1999, S.119-133).

[18] Hierzu zählen die Studien des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Vgl. hierzu z.B.: Zentrum für Türkeistudien (Hg.): Jahrbuch 1999/2000, Münster 1999. Ein weiteres Beispiel für diese Art des Umgangs mit dieser Thematik bietet der 1994 erschienene „Landessozialbericht AusländerInnen und Ausländer in Nordrhein-Westfalen“, der von Dieter Thränhardt im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales/NRW erstellt worden ist.

[19] Vgl. hierzu z.B.: Auernheimer (1999a), hier in: Navend e.V.1999, S.217-229. Ebenfalls in diesem Band (ebd.,S.231-245): Borck (1999). Des Weiteren Studien von: Ammann (2001); Wahlbeck (1999); Meinolf Berendes (1997): Kurden in Bottrop - Eine sozialgeographische Untersuchung der Situation kurdischer Familien. Bottrop, aber auch die Studien von: G.T. Farshi (1996) [Unveröffentlichte Dipl. Arbeit], Köln. Zur Lebensgeschichte und –situation kurdischer Frauen in der Bundesrepublik Deutschland vgl. Savelsberg et al. (2000); Exemplarisch zur vorliegenden Thematik sei auch eine der Buchveröffentlichungen genannt, eine an der FH Köln entstandene Diplomarbeit aus einer sozialpädagogischen Perspektive (s. Şenol 1992).

[20] Der Begriff der Migration entstammt dem lateinischen Sprachgebrauch und bedeutet allgemein Wanderung. Um aber mit diesem Terminus die Migrationsphänomene ganzheitlich zu erfassen, d.h. auch das unfreiwillige Verlassen des Heimatlandes zu berücksichtigen, wenden wir uns dem sozialwissenschaftlichen Gebrauch dieses Begriffes zu, der unter Migration den Wechsel von einem regionalen oder sozialen Raum in einen anderen verstanden haben will. Fluchtbewegungen sind dabei Migrationsvorgänge, die intern oder international als aber auch temporär oder permanent verlaufen können. Sie haben insofern spezifischen Charakter, als dass sie de facto immer gezwungenermaßen geschehen. Selbst wenn sie scheinbar freiwillig unternommen wurden, sind wirtschaftliche, politische, soziale und ideologische Faktoren im Heimatland dabei nur einige von mehreren zusammenwirkenden Faktoren, die eine Flucht geradezu unausweichlich machen (vgl. Opitz 1988,S.14f.).

[21] Wolfgang Klafki (geb. 1927; Professor em. Dr. am Fachbereich 021 Erziehungswissenschaft an der Philipps-Universität zu Marburg) hat eine kritisch-konstruktive Didaktik entwickelt, die unter curricularen Gesichtspunkten die „Konzentration auf epochaltypische Schlüsselprobleme“ umfasst, von denen er in seiner Konzeption einer (neuen) Allgemeinbildung, ausgehend von dem sog. Kanonproblem folgende aufführt: Die Friedensfrage, die Umweltfrage, die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit, die Gefahren und Möglichkeiten der neuen technischen Steuerungs-, Informations- und Kommunikationsmedien, das Phänomen der Ich-Du-Beziehung. „Zunächst“ fügt Klafki an dieser Stelle hinzu: „Die Anzahl solcher Probleme ist keineswegs beliebig erweiterbar. Denn es geht ja um typische Schlüsselprobleme unserer historischen Epoche von übernationaler, meistens weltumspannender Bedeutung, die zugleich jeden einzelnen von uns zentral betreffen, wenn ihm das vielleicht zunächst nicht bewusst ist.“ (s. hierzu: Klafki 1998,S.6). Auf Klafkis Bildungskonzept komme ich auch im Rahmen meines Resümees zum „interdisziplinären Dialogs“ zurück.

[22] Rainer Tetzlaff spricht in Bezug auf Afrika mit Verweis auf die Konstruktivität des Begriffes einer „Ethnie“ von einer „Gruppe von Gleichgesinnten“; vgl. derselbe, (1992): Staatszerfall und staatliche Neugliederung, in: Afrika-Jahrbuch, S.22-33. Zitat auf S. 32. Vgl. dazu auch das nächste Kapitel.

[23] Für mehr Details zum Begriff der „Ethnizität“ vgl. Ammann (2001, S.45–56).Und für eine grundlegende Diskussion über das Ethnizitätskonzept siehe Heckmann (1992) sowie Elwert (1989) und zum Begriff der Nation siehe Anderson (1988).

[24] Nationalität bedeutet: Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation im Sinne einer „Volks-“ oder „Kulturnation“, oder die Staatsangehörigkeit von Bürgern, die in einem gemeinsamen Staat – einschließlich der Vielvölkerstaaten – leben (vgl. Wörterbuch zur Politik 1995,S.637).

[25] Innerhalb dieser Teilungsstaaten stellen die kurdischen Gebiete trotz des Vorhandenseins von Bodenschätzen und Wasserreserven die ökonomische Peripherie dar (vgl. Falk 1998,S.120).

[26] Der Begriff Nationalismus stammt ursprünglich aus dem französischen Ausdruck nationalisme, welcher „mehrdeutig ist und eine teils neutral-beschreibende, teils kritisch-distanziert verwendete Bezeichnung für nationale Bestrebungen darstellt. Im neutral-beschreibenden Sinne bezeichnet Nationalismus Ideen und Bestrebungen, die auf Durchsetzung nationaler Ziele, besonders die Schaffung eines Nationalstaates, gerichtet sind. Aber im negativen Sinne bezeichnet Nationalismus – distanziert und abschätzig – ein übersteigertes, meist intolerantes und militantes Streben, welches auf die als höchsten Wert verstandene Macht und Ehre der eigenen Nation zielt“ (Falk 1998,S.636).

[27] Vorweggenommen sei an dieser Stelle, dass in dieser Arbeit der Begriff einen Methodenwechsel anzeigen soll: nicht die zu untersuchenden Prozesse sind neuerdings transnational geworden, ihre wissenschaftliche Analyse jedoch sollte sich von jener sich an nationalen Grenzen orientierenden Methode verabschieden, welche sich in der Disziplinengeschichte etwa durch die teilweise noch bestehende Fächerzuständigkeitsaufteilung von „Völkerkunde“ versus „Volkskunde“ in Deutschland spiegelt. Auf der anderen Seite soll aber auch nicht ausgeblendet sein, dass die Einschreibung der Identitätskategorie „Nationalität“ in staatliche Bürokratien und Medien starken Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse genommen hat bzw. nimmt, so dass diesen Einschreibungen durchaus mehr oder weniger „transnationale“ Identitätsbeschreibungen gegenüberstehen können.

[28] Glick Schiller et al. (1992) und (1995); zitiert nach Kokot (2002,S.99).

[29] Im angloamerikanischen Sprachgebrauch wird ethnologische Forschung unter dem „Label“ „Anthropology“ betrieben.

[30] Zurecht befindet Sheffer (1993,S.269, hier zit. aus: Ammann 2001,S.58) in diesem Zusammenhang, dass diesem Umstand in der Literatur bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde und führt dazu die Begriffe statebased und stateless Diasporas.

[31] Der Name der „Yezidi“ (,die an Gott glauben’, von Ezdai, Yezdan, ,der Schöpfer’) bezeichnet heute eine religiöse Gemeinschaft deren Angehörige auf etwa 500.000 geschätzt werden, wovon ca. 20.000 in Nordkurdistan (also in der Türkei) leben. Die Yezidengemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland wird auf 25.000 Mitglieder geschätzt (siehe dazu Kizilhan 1997 und Schmidt 1998, S.67f.). Die Yeziden bilden eine in sich streng abgeschlossene Gruppe, was manche Autoren in Zusammenhang mit der Verfolgungs- und Vertreibungspolitik der türkischen Regierung stellen. Im 11.Jahrhundert führten Reformen der Yeziden zur Ausbildung eines Kastensystems. Das Endogamiegebot (Heiraten nur unter Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft) erstreckte sich von da an auf die jeweilige Kaste. Von den sieben Engeln im yezidischen Glaubenssystem spielt Melek Ta´us (Engel Pfau) eine besondere Rolle. Während Gott, der Schöpfer, eine passive Rolle innehat, wird Melek Ta´us die aktive Rolle für die Bestimmung des weltlichen Geschehens zugeschrieben. Aufgrund historischer Verfälschungen wurden die Yeziden über Jahrhunderte von Muslimen ausgegrenzt und diskriminiert. Unter anderem wurden sie von diesen als Ungläubige bezeichnet, weil ihre zwei Schriften, das schwarze Buch (Kitab-i Reş) und das Buch der Offenbarung (Kitab Jivle), nicht anerkannt sind. Die Yeziden sind ausschließlich Kurden. Einige ihrer Praktiken ähneln denen der Aleviten. Zur Gemeinschaft der Yeziden in Deutschland siehe: Ackermann (2003).

[32] In der noch anstehenden Diskussion (s. Kapitel II und III) werden daher auch zahlreiche kurdische Selbstverständlichkeiten aus der Perspektive der hier interessierenden Jugendlichen kritisch-konstruktiv hinterfragt, um einer synergetischen Zusammenführung der Erkenntnisse im Lichte wissenschaftlicher Bemühungen mit der in der Bundesrepublik lebenden zweiten und dritten Generation von Jugendlichen kurdischer Herkunft den Vorrang zu geben.

Details

Seiten
127
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640191499
ISBN (Buch)
9783640193288
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110862
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Schlagworte
Zwische Inklusion Exklusion Generation Jugendlichen Herkunft Bundesrepublik

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Titel: Zwischen Inklusion und Exklusion? Die zweite Generation von Jugendlichen kurdischer Herkunft in der Bundesrepublik