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Der Alpenkönig undder Menschenfeind - Interpretation

Facharbeit (Schule) 2007 6 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Ferdinand Raimund, Der Alpenkönig und der Menschenfeind (literarische Facharbeit)

Ferdinand Raimund wurde am 1. Juni 1790 in der Wiener Vorstadt Mariahilf als Sohn eines Handwerkers geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern beginnt er eine Zuckerbäckerlehre, die er aber 1809 abbricht, um sich der Hainschen Theatergesellschaft anzuschließen. Raimund spielt die verschiedensten Rollen, kann seine Vielseitigkeit erproben. Nach Auflösung der Gruppe wird er von der Truppe des Direktors Kuntz engagiert, die hauptsächlich in Ödenburg und Raab gastiert. Raimund kopiert vorerst den Stil bekannter Schauspieler, wie zum Beispiel Ferdinand Ochsenheimers. Er bevorzugt die Rollen von Intriganten und Tyrannen. 1914 erhält Raimund ein Engagement am Theater an der Josefstadt, danach eines am Theater an der Wien. 1817 unterzeichnet er am Leopoldstädter Theater einen Zehnjahresvertrag, wo er als Schauspieler, Regisseur und Stückeschreiber tätig ist. Sein Bemühen um die Gunst des Publikums war vor allem seiner „neuen Komik" förderlich. 1818 hat Raimund ein Verhältnis mit der Schauspielerin Therese Grünthal, die ihn allerdings nach kurzer Zeit verlässt. 1819 lernt er die Tochter eines bekannten Kaffeehausbesitzers, Antonie Wagner, kennen und lieben, wird aber von deren Eltern abgewiesen. Enttäuscht wendet er sich der Schauspielerin Louise Gleich zu, die bald darauf ein Kind erwartet. Widerstrebend, aber durch den Druck der Öffentlichkeit gezwungen, heiratet Raimund sie am 8. April 1820. Die Tochter stirbt kurz nach der Geburt, die Ehe zerbricht. Am 22. Jänner 1822 wird die Scheidung ausgesprochen[1]. Seine Werke sind: Der Barometermacher auf der Zauberinsel 1823, Der Diamant des Geisterkönigs 1824, Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär 1826, Moisasurus Zauberfluch 1827, Der Alpenkönig und der Menschenfeind 1828, Die gefesselte Phantasie 1828, Die unheilbringende Krone 1829 und Der Verschwender 1834.

Herr von Rappelkopf, ein sehr wohlhabender Gutsbesitzer, der es zu einigem Vermögen und Ansehen gebracht hat, wird durch seine Leichtgläubigkeit und Großzügigkeit von seinem Schwager an den Rand des finanziellen Ruins gebracht. Aufgrund seiner daraus resultierenden Fehleinschätzung der Menschen beginnt Rappelkopf die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Er erkennt, dass die Bilder, die sich ihm bieten, oft falsch sind und dass man zu niemandem, auch zu sich selbst, kein Vertrauen mehr haben kann. Alles schmeckt nur mehr bitter und sauer und ist vergiftet. Er lebt in totaler Isolation – in einem Vakuum ohne reale Zukunftsperspektive. Keiner geht mehr einer sinnvollen Tätigkeit nach – das Leben wird zum Zweck. Obwohl er eine übersteigerte Sehnsucht nach Harmonie und Geborgenheit hat, misstraut er der herkömmlichen Idylle und tyrannisiert seine Umgebung mit Misstrauen, Eifersucht und Wutanfällen. Malchen, Rappelkopfs Tochter, ist in den jungen Künstler August verliebt. Als die beiden aber den Vater als unüberwindliches Hindernis ihrer Liebe erkennen und in Resignation verfallen, verspricht der Alpenkönig Hilfe und zeigt ihnen, dass Rappelkopfs derzeitiges Verhalten kein endgültiges ist und er ihn wieder auf den rechten Weg zurückbringen wird. Indessen hat sich im Hause Rappelkopf die Situation zugespitzt. Sophie gelingt es nur mit Mühe, die Dienerschaft noch einmal zu beschwichtigen und zum Bleiben zu überreden. Der Hausherr bohrt so lange nach, bis er tatsächlich auf Geheimnisse und Intrigen gegen ihn stößt. Nun hält er es selbst nicht mehr aus. Seine Aggression richtet sich auch gegen ihn selbst – er zerschlägt sein Spiegelbild und verlässt das Haus. Mit dem Zerschlagen seines eigenen Spiegelbildes ist nicht mehr nur die Umwelt ohne Harmonie, sondern auch er selbst in seiner Persönlichkeit völlig gespalten. Er zieht sich in die Abgeschiedenheit einer Köhlerhütte im Wald zurück. Diese kauft er den ursprünglichen Besitzern ab und schmeißt sie innerhalb weniger Minuten hinaus. Die Köhlerfamilie spiegelt ein verzerrtes Bild der eigenen Familie wider. Der Köhler, der nicht fähig ist, die Rolle des Familienhauptes zu erfüllen, ist ein Zerrbild seiner selbst. In dieser Einsamkeit kommt es zum Kernstück des Dramas – zum Dialog zwischen Alpenkönig und Menschenfeind. Als Rappelkopf sich nicht zur Umkehr überreden lässt, wird er von Visionen der drei toten Ehefrauen heimgesucht. Diese Bilder werden immer bedrohlicher, und es kommt fast zu seiner Vernichtung. In höchster Todesangst – man rebelliert nicht ungestraft gegen die Weltordnung – ist Rappelkopf bereit, sich dem Alpenkönig auszuliefern. Die Auflösung des Konflikts erreicht der Alpenkönig, indem er die Seele Rappelkopfs mit der seines Schwagers vertauscht, um ihm einen Einblick in die Leiden seiner Familie zu gewähren und Rappelkopf seinen eigenen boshaften Charakter aus der Perspektive eines Dritten fühlen zu lassen. Zum Schluss hat der Alpenkönig gesiegt, Malchen kann ihren August heiraten. Die Familie versammelt sich noch einmal um den ehemaligen Menschenfeind.[2]Fast tonlos kommen seine letzten Sätze:"Kinder, ich bin ein pensionierter Menschenfeind, bleibt bei mir. Erkenntnis, du lieblich erstrahlter Stern, dich suchet nicht jeder, dich wünscht mancher fern. Ich hab mich heute erkannt, ich weiß, wer ich bin."[3]

Rappelkopf ist ein Mann, bei dem der Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit offen zum Vorschein kommt. Man erkennt die Zerrissenheit, deren Kennzeichen vor allem das Spiegelmotiv und der Doppelgänger sind. Indem er sich als Fremder betrachtet, wird die Seelenkrankheit als Zerrissenheit noch vertieft und erhält ein tragisches Moment, das vor allem in der Duell-Szene sichtbar wird.

Der Alpenkönigist eine an Rübezahl erinnernde volkstümlich-märchenhafte Figur. Seine Geistermacht hat sich auf die heilende Korrektur zurückge-zogen. Sie beschränkt sich auf Demonstration biedermeierlicher Wertbegriffe. Astragalus ist keine überirdische Verkörperung eines Weltprinzips, sondern ein weiser Vertreter der Vernunft, der für Rappelkopf die Rolle eines Seelenspiegels einnimmt, damit dieser sein Inneres erkennt und wieder vernünftig wird[4].

„Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ von Ferdinand Raimund ist in meinen Augen nur im Vordergrund ein romantisch-komisches Zauberspiel. Wenn man sich genauer mit der Persönlichkeit Raimunds und der des Herrn von Rappelkopf befasst, findet man einige stark autobiographisch angehauchte Züge an zweiterem: beispielsweise die bitteren Erfahrungen seiner bald zerbrochenen ersten Ehe mit Luise Gleich, die unerfüllte Liebe zu Antonie Wagner oder die Gleichgültigkeit, mit der einige Werke Raimunds vom Publikum angenommen wurden. Es könnte sein, dass Raimund versuchte, der Welt mit diesem Stück die Augen zu öffnen. Menschenfeindlichkeit und Pessimismus waren zu seiner Lebzeiten beinahe schon zu einer Art Modeerscheinung geworden. An Vorbildern mangelte es Raimund gewiss nicht. Das Bemerkenswerte an diesem Stück ist für mich jedoch, dass man den Vergleich mit einigen der größten Dichter bei diesem Stück nicht scheuen sollte. Dies ist unumstritten eines der besten Werke Raimunds und es ist immer wieder ein Genuss, sich damit auseinanderzusetzen. Obwohl „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ bereits vor knapp 200 Jahren verfasst wurde, beschäftigte sich Raimund in diesem Werk mit einem Thema, welches bis heute an Präsenz nichts verloren hat. Man könnte auf Hunderte Aspekte des Buches eingehen, jedoch werde ich mich kurz und prägnant auf die Menschenfeindlichkeit konzentrieren. In meinen Augen erkennt man diese sehr gut in folgender Passage. Ich will nichts mehr hörn von den boshaften Leuten, Verachte die Dummen und fliehe die Gscheidten. Und ob sie sich raufen, und ob sie sich schlagen, Und ob sie Prozesse führn und sich verklagen, Und ob sie sich schmeicheln, und ob sie sich küssen, Und ob sie der Schnupfen plagt, wie oft sie niesen, Und ob sie gut schlafen, und was sie gegessen, Und ob sie vernünftig sind oder besessen, Und ob wohl in Indien der Hafer ist teuer, Und obs in Pest regnt und in Ofen ist Feuer, Und ob eine Hochzeit wird oder ein Leich: Ha! das ist mir einerlei, das gilt mir gleich. Ich lebe zufrieden im finsteren Haus Und lache die Torheit der Menschen hier aus. Und wollte die Welt sich auch gänzlich verkehren, Und brächte der Galgen die Leute zu Ehren, Und läge die Tugend verpestet am Boden, Und tanzten nur Langaus die Kranken und Toten, Und brauchten die uralten Weiber noch Ammen, Und stünde der Nordpol in glühenden Flammen, Und schenkte der Wucher der Welt Millionen, Und würden so wohlfeil wie Erbsen die Kronen, Und föcht man mit Degen, die ganz ohne Klingen, Und flögen die Adler und fehlten die Schwingen, Und gäbs eine Liebe, gereinigt von Qualen, Und schien’ eine Sonne, beraubt ihrer Strahlen: Ich bliebe doch lieber im finsteren Haus, Und lachte die Torheit der Menschen hier aus[5].Für mich ist diese Stelle eine der bedeutendsten im gesamten Buch. Der Hass und die Verachtung, die Rappelkopf gegenüber Mitmenschen empfindet, wird in dieser Passage so deutlich widergespiegelt wie in keiner anderen. In meinen Augen offenbart uns Raimund mit diesem Werk einen großen Teil seiner selbst, verpackt dies jedoch so gut, dass es nur aufmerksamen Lesern, die sichauchmit der Person Raimunds auseinandergesetzt haben, auffällt. Weiters sei zu bemerken, dass Sophie ursprünglich Antonie hieß. Dies ist der Name der Frau, die Raimunds Herzen am nächsten stand und die er so oft durch seine Hypochondrie gekränkt und verletzt hatte. Und er schrieb nicht nur für das Volk, sondern auch über das Volk. „Der Alpenkönig und Menschenfeind“ gehört zu seinen besten Stücken und wird immer noch gespielt, auch außerhalb seiner österreichischen Heimat. Das mag verschiedene Ursachen haben, von denen die wichtigste die unvergleichliche poetische Qualität dieses Zauberspieles ist.

Nun noch ein kurzes Résumé meiner Arbeitsschritte. Zuerst habe ich einen kurzen biographischen Text geschrieben und anschließend das Zauberspiel kurz zusammengefasst. Als Nächstes ging ich auf die meiner Meinung nach wichtigsten Charaktere ein und interpretierte danach das Buch. Im Anschluss hänge ich noch eine kurze persönliche Wertung an.

Am Ende meiner Arbeit stelle ich fest, dass mich das Buch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ doch mehr in seinen Bann gezogen hat, als ich es mir je im Vorhinein erwartet hätte. Zusätzlich kam ich noch einmal zu der Erkenntnis, dass es sehr oft auf die Lesesituation ankommt, ob ein Buch gefällt oder nicht. Das Zauberspiel „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein grandioses Buch und es ist ein Genuss, über ein derartiges Werk schreiben zu dürfen.

[...]


[1]http://members.yline.com/~schovi/biografie.htm (bearb. und korr., 17. März 2007, N.P.)

[2]http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Alpenk%C3%B6nig_und_der_Menschenfeind“ (bearb. und korr., 17. März 2007, N.P.)

[3]Raimund, Ferdinand: Der Alpenkönig und der Menschenfeind. Stuttgart: Reclam 1952. (=RUB 180) S.92, Schlussgesang

[4]http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Alpenk%C3%B6nig_und_der_Menschenfeind“ (bearb. und korr., 17. März 2007, N.P.)

[5]Raimund, Ferdinand: Der Alpenkönig und der Menschenfeind. Stuttgart: Reclam 1952. (=RUB 180) S.41, 17. Auftritt, Lied mit Chor

Details

Seiten
6
Jahr
2007
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110714
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Alpenkönig Menschenfeind Interpretation

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