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Katharina von Siena, Visionärin des 14. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 35 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Quellenbefund

2. Auf der Suche nach Gott
2.1. Mystische Schau
2.2. Keuschheitsgelübde
2.3. Die innere Zelle
2.4. Mantellatin
2.5. Werke der Barmherzigkeit

3. Die Worte Gottes in der Welt
3.1. Berufung zum prophetischen Dienst
3.2. Die religiöse Krise des 14. Jahrhunderts
3.3. Kampf um die Erneuerung der Kirche
3.4. Friedensbemühungen
3.5. Ein neuer Kreuzzug

Resümee

Bibliografie

Einleitung

Im Jahre 1347 wütete in Europa erstmals die Pest und raffte innerhalb nur weniger Jahre ein Drittel der Bevölkerung dahin. Für die Zeitgenossen trug die Seuche apokalyptischen Charakter, war gleichsam die Konsequenz eines Verfalls göttlicher Gebote und Werte. Denn Anfang des Jahrhunderts hatte der Vertreter Christi auf Erden als Marionette des französischen Königs seinen Amtssitz in Avignon bezogen, ein zum Zeitpunkt des Pestausbruchs unveränderter Zustand. In den Augen vieler Christen war die Seuche ein konsequentes Strafgericht, das gerade im moralischen Niedergang der Amtskirche seine konkrete Ursache hatte. Der Papst stand mehr denn je im Zentrum politischer Konflikte, deren Lösung auch von kirchlicher Seite mit Waffengewalt angestrengt wurde. Das Leid der Menschen auf der Straße ging so mit einem erheblichen Prestigeverlust kirchlicher Würdenträger einher.

In eben diesem Katastrophenjahr 1347 wird in Siena das Mädchen Katharina Benincasa geboren. Von früher Jugend an erfährt sie Visionen und hält Zwiesprachen mit Gott. Die thematische Verknüpfung ihrer Visionen mit den Probleme der Zeit und nicht zuletzt ein überzeugtes Auftreten verschaffen ihr bald Gehör selbst bis in die Spitze der Kurie. Seit Beginn der „babylonischen Gefangenschaft“ kämpfen nicht nur politisch motivierte Gruppen für eine Rückkehr des Papstes nach Rom, sondern gerade auch einfache Gläubige, die sich durch ihre Visionen zu solchen Aufrufen göttlich legitimiert sehen. Katharina von Siena ist eine von ihnen.

Die vorliegende Arbeit versucht, die Person Katharinas anhand ihrer Visionen zu erhellen, sie gleichzeitig aber auch in den Kontext der Krise der Kirche des 14. Jahrhunderts zu stellen. Diese Vorgehensweise scheint mir deshalb lohnend, weil ihr gesamtes Leben durch Visionen geprägt ist, der Verfall der Amtskirche aber auch jenen neuen miles christi geradezu heraufbeschwört, den Katharina beispielhaft verkörpert. Denn in die Domäne treten nun immer mehr Laien (besonders auch Frauen), die nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi die imitatio christi vorleben und gleichzeitig ihre Visionen als Sendung an die Welt verstehen.

Der methodische Zusammenhang der vorliegenden Arbeit setzt die Visionen Katharinas als Grundlage für ihr Sendungsbewusstsein, ihre Überzeugungen und ihre Werke der Barmherzigkeit. Chronologisch vorgehend konzentriere ich mich in der Unterteilung auf jeweils herausragende Visionen, die in ihrer Folge nicht selten wieder herausragende Ereignisse nach sich ziehen.

1. Quellenbefund

Katharina von Siena wurde 1970 von Papst Paul VI. zur Kirchenlehrerin erhoben.[1] Der Kreis dieser von der katholischen Kirche offiziell als bedeutende theologische Lehrer ausgerufenen Individuen ist bis heute elitär, quantitativ wie qualitativ. Nur insgesamt 32 Personen, darunter Ambrosius, Augustinus und Thomas von Aquin, wurde dieser Titel bisher verliehen. Zwei Voraussetzungen für einen Kirchenlehrer sieht die Kurie dabei als unerlässlich an: Die Person muss „ein kanonisierter Heiliger oder eine Heilige sein und sich durch ihre Rechtgläubigkeit sowie durch ihre Gelehrsamkeit ausgezeichnet haben.“[2]

Die Kirche erkennt mit der Verleihung somit den individuellen Beitrag des(r) Heiligen zur Lehre und zum Verständnis des christlichen Glaubens an. Diese Feststellung führt zwangsläufig zur Frage nach den Zeugnissen, die den jeweiligen Beitrag formulieren oder zumindest dokumentieren. Augustinus zum Beispiel hat uns seine Lehre wie auch seinen ganz persönlichen Leidensweg hin zu Gott in vielen Büchern hinterlassen. Dazu treten ein umfassendes Briefwerk und nahezu tausend Predigten. Augustinus hat mehrmals studiert, gab dann als Rhetorikprofessor über eine Dekade lang Vorlesungen. Als polyglotter, viel belesener Geist verfügte er somit rein handwerklich (im Gegensatz zur ideellen Ausprägung seines Werkes) schon über einen enormen Fundus.

Die Grundlagen Katharinas fallen im Vergleich dazu viel bescheidener aus. Mit 20 Jahren soll sie lesen, kurz vor ihrem Tod erst schreiben gelernt haben.[3] Ihr theologisches Wissen erlangte sie durch die Bekanntschaften mit Ordensgeistlichen, durch die Gespräche mit ihren späteren Seelenführern und durch den Briefkontakt zu Päpsten, Prälaten, Priestern und nicht zuletzt zu Laien aller Stände.[4] Aus der Zeit von 1367 bis 1380 sind insgesamt 382 Briefe von ihr überliefert.[5] Während jeder einzelne Brief aus aktuellem Anlass an eine ganz bestimmte Person gerichtet ist, somit nicht für ein großes Publikum als Teil eines „Werkes“ konzipiert wurde, muss ihre Schrift Dialog von Gottes Vorsehung, in der sie Gott zu den Menschen sprechen lässt, bewusst als Anleitung für den die göttliche Liebe suchenden Christen verstanden werden. In ihrem Buch[6] stellt Katharina konkrete Fragen an Gott, die dieser detailliert zu beantworten scheint. Nicht zuletzt diese Direktheit, diese vermeintliche Nähe zu Gott, machte ihren Dialog bald zu einem Verkaufsschlager des durch den Buchdruck aufstrebenden italienischen Verlagswesens. Schon fünf Jahre nach dessen Einführung gehörte der Dialog neben Schriften von Cicero und Augustinus zu den am meisten aufgesetzten Werken.[7]

Neben ihren Briefen und ihrem Buch sind nur noch einige wenige Gebete, die ihre Beichtväter und Sekretäre mitgezeichnet haben, auf uns gekommen. Die Quantität der von ihr intendierten Schriften bleibt somit vergleichbar gering. Die erstaunliche Homogenität ihrer Aussagen ist jedoch weniger dem Umfang ihres Werkes, als vielmehr ihrer unzerstörbaren Überzeugung geschuldet, dass die von ihr übermittelten Anliegen Gottes universalen Wahrheitscharakter tragen. Aus dieser Perspektive müssen die inhaltlichen Redundanzen und Überschneidungen ihres gesamten Schaffens betrachtet werden.[8]

Drei hagiographische Schriften über Katharina entstanden kurz nach ihrem Tod. Diese den Zeitgeist vermittelnden Dokumente dienen zweifelsohne der Stilisierung Katharinas, haben nichts desto trotz herausragenden Charakter, da die Schriftsteller nicht nur Katharina kannten, sondern sogar eng mit ihr vertraut waren. Die ausführlichste Lebensbeschreibung, die Legenda maior, stammt aus der Feder ihres Beichtvaters Raimund von Capua. Eine kürzere Variante besorgte Tommaso da Siena, die Legenda minor. Dieser unternahm schließlich auch eine Ergänzung zu Raimund von Capua, das sogenannte Libellus de supplemento.

2. Auf der Suche nach Gott

2.1. Mystische Schau

Schon mit sieben Jahren (1354) erfuhr Katharina ihre Berufung zu Gott durch eine Vision. Zusammen mit ihrem Bruder befand sie sich gerade auf dem Heimweg von einem Verwandtenbesuch, als sie mitten in den Gassen Sienas in Ekstase geriet. Über dem Dach der Dominikanerkirche auf der ehemaligen Valle Piatta schwebte ein herrliches Zelt. Raimund von Capua berichtet, dass sich "in seinem Inneren der Erlöser der Welt, der Herr Jesus Christus, auf kaiserlichem Thron niedergelassen [hatte], angetan mit den priesterlichen Gewändern und mit der Tiara, der König- und Papstkrone, gekrönt."[9] Neben Christus standen die Apostel Petrus und Paulus sowie der Evangelist Johannes. Der Herr habe sich von seinem Thron erhoben und Katharina gesegnet. Sein persönlicher, unmittelbarer Blick soll dabei das Herz des Kindes mit göttlicher Liebe ausgefüllt haben.[10]

2.2. Keuschheitsgelübde

Ob Katharina unmittelbar nach ihrer mystischen Schau ein Jungfräulichkeitsgelübde ablegt hat, ist umstritten. Bernhard Gertz datiert dieses erst in Katharinas 12. Lebensjahr, während Lohrum das Gelübde als eine stille Entscheidung für Gott als direkte Folge der Gottesschau sieht.[11]

Fest steht, dass Katharina mit Beginn ihres 12. Lebensjahres von ihrer Familie, den Bräuchen entsprechend, auf ihre Hochzeit vorbereitet wurde. Der Vater, Giacomo Benincasa, ein angesehener Färbemeister, und die Mutter Lapa wollten ihr 24. Kind[12] gut verheiraten. Einige ihrer Schwestern hielten die junge Katharina daraufhin immer wieder an, sich hübsch zu kleiden und das gesellschaftliche Leben zu suchen.

Doch Katharina wollte von solchen Anstrengungen nichts wissen. Es scheint zumindest möglich, dass Katharina in dieser Situation ihre bisherigen Gebete und asketischen Übungen noch durch ein Keuschheitsgelübde heiligen wollte.

Darüber hinaus gibt Helbing zu bedenken, dass zwischen dem Kindersegen im Hause Benincasa und Katharinas Keuschheitsgelübde ein kausaler Zusammenhang bestehen könnte. Die "triumphierende Fruchtbarkeit der Mutter" hätte geradezu das Gegenteil, das Bild "unberührter Reinheit" in Katharina heraufbeschworen. Auch hätte ein gottgeweihtes Leben einen möglichen "Weg aus einem bedrängenden Kollektiv" eröffnet.[13]

Die empfundene Bedrängung könnte sogar über die Zwänge der Großfamilie und der damit verbundenen Heiratsvorbereitungen hinausgereicht haben. Das Leben im Stadtstaat Siena war ein "Raster festgelegter Bezüge". Die Stadt war in Nachbarschaften (Contraden) aufgeteilt, die sich wiederum zu sogenannten Stadt-Dritteln zusammengeschlossen hatten.[14]

Der Konflikt zwischen Katharina und ihrer Familie fand in einem beispielhaften Akt ihren Höhepunkt. Um ihrer Weihe an Christus auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, schnitt sich Katharina ihre Haare ab. Den kurzgeschorenen Kopf bedeckte sie mit einem Tuch. Damit war auch für die Familie an eine Heirat nicht mehr zu denken.

2.3. Die innere Zelle

Katharinas temperamentvolle Mutter[15] war entsetzt über so viel Nonkonformismus und überschüttete ihre Tochter mit Hausarbeit, „so dass ihr Raum und Zeit für das Gebet ... gänzlich genommen waren.“[16]

Das Gebet aber war die Grundlage für Katharinas Kommunikation mit Gott. Später wird sie in ihren Briefen wiederholt fordern, das Gebet nie zu unterlassen, auch wenn Körper und Geist durch äußere Strapazen ermüdet sind. Denn das Gebet ist Zwiesprache mit Gott. Die Seele kann nur über das Gebet zur Heiligkeit gelangen und sich mit Gott vereinen.

Da die auferlegten Strapazen Katharina jegliche Stille und Zurückgezogenheit nahmen, schuf sie sich in ihrem Inneren einen Freiraum, der durch keine noch so schwere körperliche Arbeit eingenommen werden konnte. Im Außen diente sie der Familie, ihr Inneres hielt sie frei und offen für Gott.

Die innere Zelle, die Katharina von nun an auch „die Zelle der Selbsterkenntnis“ nennt, wird zu einem zentralen Topos ihrer Lehre. Im Dialog schreibt sie: „Die Leute sollen ... begreifen, dass die Vollkommenheit nicht bloß in Züchtigung und Ertötung des Leibes besteht, sondern in der Vernichtung des verderbten Eigenwillens.“[17]

Ort dieser Vernichtung ist die innere Zelle. Durch demütiges, unablässiges Gebet müsse die Zelle erst vom „Hauptfeind“, der Sinnlichkeit, und dessen „Hauptgehilfen“ Eitelkeit und Teufel[18] gesäubert werden, damit sie anschließend mit „Tugendschmuck“ gefüllt werden könne. Dann erlangt die Seele Selbsterkenntnis, denn sie spiegelt sich nur noch in Gott. Und da der Mensch nach dem Bilde des Herrn geschaffen wurde, könne der Mensch die Güte auch nur in sich selbst schauen. „Die Menschenseele ist wie eine Zelle, in die wir immer wieder einkehren müssen, um der Wahrheit ansichtig zu werden. Die innere Zelle der Seele ist bedeutsamer als jedes Haus.“[19]

Katharina findet in ihren Schriften viele Synonyme für die innere Zelle, so z.B. Hütte, Stall, Gefäß, Haus, Tempel oder Grab. Sie zeugen von der Bildhaftigkeit ihrer Sprache, deren Substrat die heilige Schrift ist. Die konnotativen Werte der Synonyme verweisen auf bestimmte Bibelstellen genauso wie auf Aussagen, die Katharina selbst getroffen hat. So deutet einerseits der „Stall“ auf die Geburtsstätte in Bethlehem hin, das „Gefäß“ andererseits auf Katharinas Vorstellung von der Spiegelung des Menschen im kostbaren Blut des Gottessohnes. „Spiegelt Euch also wider in diesem ... Blut, das ihr in dem Gefäß, das Eure Seele ist, findet.“[20]

Die innere Zelle ist Katharinas Begegnungsort mit Gott, es ist ihre von außen unangetastete Seele. Hier hält sie ganz unvermittelt über das Gebet Zwiesprache mit Jesus Christus, dem sie sich in ihrem Keuschheitsgelübde versprochen hat. Im Prozess der Selbsterkenntnis gelangt Katharina zur für sie universellen und einzigen

Wahrheit, dass Gott allein die Ursache aller Dinge ist. Sie lässt sich von Gott im Dialog diktieren: „Alle Dinge sind veränderlich und voller Mängel, sie unterstehen nicht deiner Herrschaft. Nur meine Gnade ist beständig.“[21]

Die Vorraussetzung ihrer Lehre, dass sie nichts ist, und nur Gott ist, erklärt das Selbstbewusstsein, mit dem sie später Päpste und Könige in scharfem Ton adressiert. Katharina warnt bzw. droht nicht als Person, sondern als Medium des Wortes Gottes. „Sie ließ sich ganz von ihren Visionen leiten ... und besaß eine derart außergewöhnliche Willenskraft, dass sie alles, was ihr durch diese Schau offenbart wurde, sofort zur Richtschnur ihres Verhaltens machte.“[22]

2.4. Mantellatin

Katharinas Vater, nachdem er die Ernsthaftigkeit erkannte, mit der seine Tochter ihren Dienst an Gott versah, ohne dass die ihr im Haushalt auferlegten Pflichten eine Einschränkung dieser Hingabe bedeutet hätten, verbot allen Familienmitgliedern, seiner Tochter fortan auf dem von ihr gewählten Weg Schwierigkeiten zu bereiten. Das Wort des Vaters muss eine derartige Veränderung im Hause Benincasa ausgelöst haben, dass die junge Katharina bald den Mut fasste, ihre Mutter zu drängen, „sie möchte bei den Bußschwestern des hl. Dominikus für sie um Aufnahme bitten.“[23]

Schon früh war Katharina mit den Dominikanern in Berührung gekommen. Unweit von ihrem Elternhaus hatten die Predigerbrüder ein Jahrhundert zuvor Kirche und Kloster San Domenico errichtet. Seit ihrer Kindheit diente diese Kirche Katharina als ein Ort des Rückzugs und Gebets.

Dem religiösen Kind hatten die Nachbarn bald den Kosenamen Eufrosyna gegeben, ein Indiz dafür, dass neben der Bibel die Legende dieser Heiligen zu jener Zeit in den Stuben Sienas erzählt oder vorgelesen wurde.[24]

Die persönliche Bekanntschaft mit dem Leben der Dominikaner, ihr Einsatz für das Heil der Menschen in Verbindung mit dem Wissen über das Schicksal der hl. Eufrosyna hat zweifelsohne den späteren Wunsch Katharinas mitformuliert, das Kleid der Bußschwestern nehmen zu wollen. Der Anlass, diesen Wunsch in die Realität zu überführen, war jedoch wieder eine Vision. Raimund von Capua berichtet, dass Katharina viele Ordensstifter versammelt gesehen hätte, die sie alle aufforderten, einen Orden zu wählen. „Ohne einen Augenblick zu zögern, richtete sie ihre Augen auf den hl. Dominikus und schritt auf ihn zu, während er ihr mit einem Schwesternkleid auf dem Arm entgegenkam. Das Kleid war das Gewand der Bußschwestern des hl. Dominikus.“[25]

Eufrosyna hatte das monastische Leben in Kontemplation gesucht. Katharinas Vision wies sie auf einen anderen Weg. Im Gegensatz zu den in strenger Klausur lebenden Dominikanerinnen des sogenannten Zweiten Ordens bestand die Gruppe der Bußschwestern aus ehelosen Frauen, die ein religiöses Leben in der Welt, also keineswegs in der Abgeschiedenheit klösterlicher Mauern führten, in ihren Familien wohnten und sich dem Gebet und Werken der Barmherzigkeit widmeten. Nur zu Gottesdiensten und Versammlungen traten sie als Gemeinschaft zusammen.[26]

Diese lose Bindung an einen Orden war kein isoliertes Phänomen. Seit Beginn des 13. Jahrhunderts verstärkte sich in ganz Europa die Tendenz, dass Männer und Frauen sich entschlossen, ein bewussteres Christenleben zu führen, ohne dafür in ein Kloster einzutreten. Die geistliche Führung dieser oft zu bruderschaftlichen Gemeinschaften zusammengewachsenen Büßer oblag jedoch Ordensleute, die in den meisten Fällen aus den jungen Bettelorden stammten. Eine Großzahl der lose organisierten Gläubigen nahm dann folgerichtig die von Franziskanern und Dominikanern aufgestellten Drittordensregel an und wurde damit als Terziaren bzw. Mantellaten[27] den Bettelorden angegliedert.[28]

Einen ersten Antrag, überbracht durch Katharinas Mutter, lehnten die Sieneser Bußschwestern mit der Begründung ab, sie würden keine Mädchen bzw. jungen

Frauen aufnehmen. Erst als die Schönheit der Sechzehnjährigen durch einen krankhaften Ausschlag entstellt war, stimmten die zumeist älteren Damen einer Aufnahme zu.[29]

Von nun an bis zu ihrem 20. Lebensjahr konzentrierte sich Katharinas Leben auf asketische Bußübungen und trostbringende Visionen. In einem Kämmerchen im Haus ihrer Familie schloss sie sich ein, um durch einsames, meditatives Gebet Jesus Christus und sich selbst kennen zu lernen. Nach dem Vorbild des hl. Dominikus kasteite sie sich bis aufs Blut, entzog sich Schlaf und reduzierte ihren Lebensmittelkonsum auf ein so unvorstellbares Minimum, dass Raimund von Capua „keine natürliche Quelle“ am Werk sah. Auf die Frage, warum sie sich immer wieder von der Welt abschloss, antwortet sie mit Gottes Worten im Dialog: „Aus Furcht, weil sie ihre Unvollkommenheit kannte und vom Wunsch beseelt war, zu reiner, großmütiger Liebe zu gelangen. Denn sie sieht ein, dass sie anders nicht dahin gelangen kann.“[30]

Gerade in einer Zeit wo Katharina zur Frau heranreifte, führte sie auf der Suche nach ihrem Schöpfer jenen so schmerzhaften Kampf gegen den von ihr ausgemachten „Hauptfeind“. Ihre Seele wird von Wahnvorstellungen und Trugbildern gequält, oft regieren Mutlosigkeit und Widerwillen. Dazu trat die äußerliche Erfahrung der für sie immer offenbarer werdenden moralischen Zerrüttung in Kirche und Gesellschaft. Diese Läuterungszeit endete schließlich mit einer Vision (1367), in der sich ihre Bitte um unerschütterlichen Glauben erfüllt, indem sich Christus ihr vermählt. Im Beisein von David, Maria, Johannes, Paulus und Dominikus steckt ihr Christus als Zeichen der innigsten Treue und Verbundenheit einen Ring an die Hand.[31]

War Katharinas Glaube von Beginn an „marianisch“ gewesen, so vereint sie sich jetzt im Glauben völlig mit ihrem Geliebten. Diese hochzeitliche Vereinigung (oder auch der Austausch im Sinne des heilsgeschichtlichen Commercium) ist gleichzeitig auch Katharinas Einweihung in ihre spätere Sendung.[32]

Katharina wurde hier schon mit nichts weniger als der Rückführung der im Verfall begriffenen Kirche als göttliche Braut in die Arme ihres Herrn Jesus Christus betraut. Die mystische Vermählung brachte Katharina jedoch erst einmal aus ihrer langen persönlichen Abgeschlossenheit zurück in die Alltagswelt ihrer Familie, für die sie nun freiwillig und mit Hingabe in Haus und Küche zu arbeiten beginnt. Auch hatte Katharina durch die empfangene göttliche Liebe und Treue „ihren Willen gestärkt, um Leiden zu ertragen und ... ihr Haus zu verlassen und im Nächsten das rechte Verhalten zu erwecken.“[33]

2.5. Werke der Barmherzigkeit

Katharina begann, sich intensiv dem Leid auf der Straße, den Armen, Kranken und Notleidenden anzunehmen. Ihr anfängliches Ressentiment, ihre Einsamkeit mit Gott verlassen zu müssen[34], wandelte sich schnell in rücksichtslose Hingabe beim Dienst an bedürftigen Menschen.

Gott war für Katharina immer die reine Liebe gewesen. Nun, da sie durch ihre Vermählung mit dem Schöpfer vereint war, begriff sie, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten ein und die selbe sind. Die caritas bedeutete somit in der Folge für Katharina die einzigen Art und Weise, Gott wirklich zu lieben.[35]

Das Ideal der imitatio christi bzw. sequela christi, die Verbindung von Askese und Armut mit dem Dienst der Nächstenliebe, hatten seit dem Ende des 11. Jahrhunderts unzählige Männer und Frauen vorgelebt. Den Wandel vom monastischen Ideal der Kontemplation über das unendliche Geheimnis eines entrückten Gottes hin zur Nachahmung Christi, als sichtbares Ebenbild eines nur unsichtbaren Gottes[36], verdeutlicht im besonderen das Beispiel des hl. Franziskus von Assisi. Die Bekehrung das gut situierten Kaufmannssohnes vollzog sich, als dieser in den Gesichtern von Aussätzigen, deren Anblick in ihm bisher nur Ekel hervorgerufen hatte, eines Tages das Antlitz Gottes erkannte. Franziskus folgerte, wenn Gott das

Gesicht der Menschen angenommen hat, dann hat auch jeder Mensch, nicht nur der Mönch und der gläubige Christ, das Antlitz Gottes angenommen.[37] Franziskus wurde zum Armen von Assisi. Sein Leben bestand fortan aus innerlicher Gotteserfahrung und einer damit verbundenen Liebe, die sich um das Heil aller Menschen bemühte.

In Thüringen hatte zur selben Zeit die hl. Elisabeth den Weg der imitatio christi beschritten. Ihrer mystischen Versenkung in das Leiden Christi entsprach sie in der Praxis als Pflegerin von Aussätzigen und von Krankheit entstellten Ausgestoßenen. Ihr Beichtvater Konrad von Marburg musste ihren karitativen Eifer sogar aus Gründen des Selbstschutzes gelegentlich dämpfen. So ließ er einmal eine Leprose aus Elisabeths Haus entfernen, die diese kurz zuvor dort aufgenommen hatte.[38]

Katharina verfolgt über 100 Jahre später bei ihrem Wirken unter den Nächsten die gleiche Rücksichtslosigkeit gegenüber dem eigenen Körper. Zwei herausragende Beispiele sollen dies verdeutlichen:

Seitdem die Pest 1347 auf Europa übergesprungen war[39], verheerte sie in immer neuen Wellen den alten Kontinent. In Siena hatte der „Schwarze Tod“ im Geburtsjahr Katharinas nahezu 80.000 Menschen dahingerafft, wie durch ein Wunder blieben ihre Verwandten zunächst verschont. Die zweite große Seuchenwelle im Jahre 1374 forderte jedoch auch im Hause Benincasa einen hohen Opferzoll. Katharina versuchte zu helfen, wo sie nur konnte, pflegte die Pestkranken in den Armenvierteln, tröstete sie, betete mit ihnen. Laut Tommaso da Siena war sie nie bewunderungswürdiger als in dieser Zeit. Katharina habe die Kranken auf den Tod vorbereitet und sie dann mit eigenen Händen begraben.[40]

Aber auch Wunderheilungen werden Katharina in dieser Situation zugeschrieben. Als Raimund von Capua, nachdem er Katharinas Beispiel gefolgt war, Angst und Ekel überwunden hatte und den Leidenden Trost zu spenden begann, selbst siechend daniederlag, legte Katharina ihre Hand auf seine Stirn und betete innig. „Ich hatte das Gefühl, als würde etwas mit Gewalt allen meinen Körperteilen entzogen. ... Ehe Katharina aus ihrer Entrückung zu sich gekommen war, hatte die Krankheit von mir gelassen.“[41]

Katharinas Dienst an den Kranken kann nicht im Sinne einer ärztlichen Versorgung verstanden werden, dafür war sie erstens nicht ausgebildet, und die Erkenntnisse der Medizin waren der Seuche zweitens in keiner Weise gewachsen[42]. Pflege bedeutete vor allem das Spenden von Trost, Hilfestellung bei Verrichtungen wie Essen und Baden und nicht zuletzt die Vorbereitung auf den Tod, wenn nötig, durch eine vermittelte Versöhnung mit Gott. Ein solches Angebot zur Versöhnung liegt gerade dem zweiten Beispiel für ihre Nächstenliebe zugrunde.

Neben Armen und Kranken schenkte Katharina auch Verurteilten auf dem Weg zum Schafott ihren Beistand. Niccolò di Toldo aus Perugia war schon zum Tod bestimmt, als Katharina ihn besuchte. Diese Zuwendung „gab ihm so viel Mut, dass er beichtete und sehr gefasst wurde.“ Sie musste dem jungen Mann jedoch versprechen, ihm auch im Augeblick der Hinrichtung beizustehen. In einem Brief an Raimund von Capua berichtet sie daraufhin weiter:

„Ich führte ihn in die Messe, und er empfing die heilige Kommunion, was er vorher nie getan hatte. ... Und als ich ... seine Furcht spürte, sagte ich zu ihm: <Sei getrost mein geliebter Bruder; ... Benetzt vom köstlichen Blut des Gottessohnes, ... der Dir nie mehr aus dem Gedächtnis gehen soll, wirst Du dorthin gelangen. Und ich werde Dich auf dem Richtplatz erwarten.>“

Am folgenden Tag wartete Katharina wie versprochen vor dem Schafott.

„Nachdem ich ihn mit dem Kreuz gesegnet hatte, sagte ich: <Auf die Knie! Zur Hochzeit, mein geliebter Bruder! Bald wirst Du im ewigen Leben sein.> ... Aus seinem Mund kamen nur die Worte Jesus und Katharina. Und während er so sprach, fiel mir sein Haupt in die Hände.“ Im Blut des Hingerichteten leuchtet Katharina das „Feuer heiligen Verlangens, das Gottes Gnade seiner Seele eingegeben ... hatte.“ Katharina erholte sich von dieser Schau „bei dem starken Geruch seines Blutes, von dem ich über und über besudelt war und das ich mir nicht abwaschen wollte.“[43]

Diese Bekehrung, die Versöhnung der Seele mit Gott, zelebriert Katharina durch

Lobpreisung des wirklichen und „geschauten“ Blutes, eine Unterscheidung die Katharina so nicht kennt. Das Blut ist lebensspendender Saft und mit dem Feuer der göttlichen Liebe verbunden. Katharina nimmt damit direkt Bezug auf das Evangelium nach Johannes, wo geschrieben steht:: „Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in Euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken.“[44]

Niccolò di Toldo hatte vor seiner Hinrichtung die Kommunion erhalten, war somit in Gott aufgegangen, da Gott alles in sich trägt, „was an ihm Anteil hat.“[45] Das Blut des jungen Mannes war für Katharina nichts anderes als das Blut Gottes und somit das Symbol uneingeschränkter göttlicher Liebe. Diese Überzeugung muss (im Verbund mit der Konzeption der inneren Zelle) Katharinas Schriften immer zugrunde gelegt werden, sprachlich wie inhaltlich[46].

3. Die Worte Gottes in der Welt

3.1. Berufung zum prophetischen Dienst

Das Jahr 1370 markiert eine Zäsur im Leben Katharinas. Die von ihr drei Jahre zuvor begrüßte Rückkehr des Papstes von Avignon nach Rom entpuppte sich als kurzlebiges Interim. Am 27. September traf Papst Urban V. wieder in Avignon ein und machte die Hoffnung vieler zunichte, dass der Vertreter Christi unabhängig vom Diktat der französischen Krone dem Heil aller Menschen dienen könne. Verschiedene Schriftsteller hatten den Papst wiederholt gedrängt, den angestammten Stuhl des hl. Petrus einzunehmen, unter ihnen Francesco Petrarca und Birgitta von Schweden. Nun sahen sie sich gescheitert. Die Jungfrau Maria resümierte in einer Prophezeiung, die Birgitta von Schweden empfangen hatte, „wie eine Mutter ihr Kind ... führt, ... so habe ich Papst Urban ... nach Rom geleitet. ... Jetzt kehrt er mir den Rücken zu und wendet sich von mir ab...“.[47] Maria sagte in dieser Offenbarung den baldigen Tod des Papstes voraus, der am 18. Dezember auch wirklich eintrat. Zum Nachfolger wurde Kardinal Pierre Roger de Beaufort als Gregor XI. gewählt.

Vor diesem kirchenpolitischen Hintergrund erfuhr Katharina eine Vision, die ihre schon 1367 partiell aufgegebene Isolation in ein prophetisches Wirken in der Welt wandelte. Raimund von Capua berichtet, dass Christus, ihr ewiger Gemahl, in gewohnter Weise während eines intensiven Gebets in ihrer inneren Zelle auf sie zutrat. „Da öffnete er ihre Brust und nahm ihr Herz heraus ... Während einiger Tage beteuerte sie wieder und wieder, sie lebe ohne Herz ... eines Morgens ... umzuckte sie jäh himmlisches Licht ... Der Herr neigte sich ... herab, öffnete abermals die linke Seite ihrer Brust und bettete behutsam [ein] Herz hinein.“ Daraufhin habe er gesagt: „Ich habe dir dein Herz genommen, um dir dafür meines zu geben.“[48]

Wie schon bei Katharinas mystischer Hochzeit tritt Gott als Geber auf und erneut findet ein Tausch (im Sinne von Commercium) statt. Diesmal aber repräsentiert keine Äußerlichkeit (Ring etc.) die Verbindung, sondern ein neuer menschlicher Kern, der nach biblischer Vorstellung das Herz ist.

Katharina wusste, dass Jesus seinen Jüngern gelehrt hatte, „aus dem Herz kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis,

Lästerung.“[49] Ihr ständiger innerer Kampf gegen die Versuchungen und ihr schmerzlich empfundenes Ungenügen ließen in ihr den Wunsch nach einem neuen, reinen Herzen reifen, ganz nach dem Vorbild der Worte Ezechiels: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will ... solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“[50]

Für Katharina wird die frühe Erkenntnis, dass nur Gott ist, nun auch zur körperlichen Erfahrung. Raimund von Capua bezeugt sogar eine zurückgebliebene Narbe. Der Tausch der Herzen war der Höhepunkt Katharinas mystischer Vereinigung mit Gott. Sie hatte von nun an das Bewusstsein des Herrn. Diese Überzeugung verlieh ihr eine bis dato ungekannte psychische Stärke, schuf ein Selbstbewusstsein, das ihren Platz in der Gesellschaft und der Welt per se einen anderen werden ließ.[51]

Doch auch Gott selbst hatte sie ganz explizit zum prophetischen Dienst bestellt. Als Katharina nach einem Zusammenbruch, den Raimund von Capua später als mystischen Tod beschreibt[52], wieder zurückgekehrt war, weinte sie mehrere Tage bitterlich, darüber dass Gott sie zurück ins irdische Leben gesetzt hat. Christus bedeute ihr daraufhin einen Auftragt. Sie solle ihre Abgeschlossenheit gänzlich verlassen und in der Welt seinen Namen und seine Lehre vor Großen und Kleinen vertreten. „Ich werde dich vor Päpste und Leiter der Kirchen sowie vor die Lenker des christlichen Volkes führen, um den Stolz der Mächtigen durch die Schwachen zuschanden zu machen.“ Dafür werde er ihr „die Gabe der Rede und Weisheit geben, der niemand widerstehen kann.“[53]

Hatte Katharina bis zu ihrem 20. Lebensjahr (1367) in kontemplativer Gottesdemut gelebt und sich danach dem Beispiel des heiligen Franz von Assisi folgenden zusätzlich Werken der Barmherzigkeit gewidmet, führt Gott sie 1370 auf einen völlig neuen Lebensweg. Katharinas Dasein wandelt sich graduell von einer vita passiva zu einer vita activa. Neben Birgitta von Schweden trug von nun an auch Katharina Gottes kritische Worte in die Welt.

3.2. Die religiöse Krise des 14. Jahrhundert

Bonifaz VIII. (1294-1303) hatte unter der Maxime, dass der Papst nicht nur der irdische Vertreter der Kirche, sondern sozusagen in entgegengesetzter Richtung auch der Stellvertreter (Vikar) Gottes auf Erden ist, die Kirche in das 14. Jahrhundert geführt. Dieser Grundsatz hielt die mächtigen Familien Roms (Colonna und Caetani) jedoch nicht davon ab, gegeneinander zu intrigieren. Das Papsttum blieb Streitobjekt weltlicher Machtinteressen. Bonifaz VIII., als Familienmitglied der Caetani, fiel schließlich einer Konspiration des französischen Königs Philipp des Schönen und der Colonnas zum Opfer. Philipps Kalkül war dabei rein monitärer Art, stieß er doch bei dem Vorhaben, Gelder für seinen Krieg gegen England auch durch Besteuerung Geistlicher einzutreiben, auf erbitterten päpstlichen Widerstand. Sein zweiter Nachfolger, Clemens V., war ein Franzose, der sich ab 1305 dauerhaft in Frankreich aufhielt und schließlich 1309 den Sitz des Papsttums offiziell nach Avignon verlegte.[54]

Im Vorhof der französischen Macht verfiel die beanspruchte universale Bedeutung der Kurie. Insbesondere die oberitalienischen Städte fühlten sich ermuntert, gegen das Papsttum zu paktieren. Die Konsequenz dieser Entwicklung war der sinkende politische Einfluss des Papstes in Italien, vor allem im Kirchenstaat selbst. Bedient man sich in diesem Zusammenhang des Begriffes der „Babylonischen Gefangenschaft“, wird per se die Vorstellung vieler Zeitgenossen von Avignon als Abbild des Sündenbabels der Offenbarung des Johannes evoziert - ein Bild das gerade Petrarca zu malen verstand. An einen in Avignon lebenden Freund schreibt er 1358: „Was bleibst du immer noch hängen? ... Die eine Kraft hat dich nach Babel gezogen, die andere hält dich fest. ... Alles Gute wird dort verderbt. ... Die Hoffnung auf das künftige Leben hält man dort für eine leere Fabel, ... Wahrheit ist dort Wahnsinn, Enthaltsamkeit bäurische Einfalt, Keuschheit schlimmste Unzucht. Zügelloses Sündigen dagegen gilt für Hochherzigkeit ..., je befleckter ein Leben, um so glänzender ist es. ... Der gute Name ist wertloser als Kot.“[55] Zur Veranschaulichung seiner Behauptungen schließt Petrarca die Geschichte eines siebzigjährigen Kardinals an, den er, wie er versichert, persönlich kannte. Der Greis habe mit seiner „Bocksgeilheit“ einem Jungfräulein nachgestellt und, als diese sich

nicht berühren lassen wollte, seinen roten Kardinalshut aufgesetzt und durch die Repräsentanz der kirchlichen Macht letztlich doch noch sein Ziel erreicht.[56]

Zwar hat die Forschung auf die Einseitigkeit der Schriften von Petrarca, Birgitta von Schweden und auch Katharina von Siena bezüglich der Avignon-Päpste hingewiesen, ihr ungünstiges Urteil repräsentiert jedoch nur zu gut die vorherrschende Stimmung unter den Gläubigen, auch wenn die politische Realität dabei möglicherweise zu kurz gekommen war.[57]

Konnte ein Klerus, der als reiner Machtapparat in Erscheinung trat und darüber hinaus scheinbar die grundlegendsten Gesetze Gottes missachtete, noch als Mittler zwischen Mensch und Gott stehen?

Das Beispiel der Büßerbewegungen zeigt, dass Gläubige als kritische Reaktion auf das institutionalisierte Mönchtum schon im 12. Jahrhundert begannen, ohne Heilsmittler in der Innerlichkeit Gott direkt zu suchen. Mit Avignon verschärfte sich der Prozess der Institutionalisierung der Kirche weiter. Das Papsttum verlor sich in ausuferndem Stellungsbesetzungswesen und Fiskalismus. Der Aufschwung des Mystizismus war nur eine konsequente Folge dieser Entwicklung.[58]

Im Zuge der Definition eines umfassenden Krisenbegriffs konstatiert Ferdinand Seibt: „Es ist das Bewusstsein von ... der Funktionsunfähigkeit [einer] gegebenen Ordnung, das sich ... im Krisenempfinden verdichtet und entsprechende Reaktionen auslöst.“[59] Im Spätmittelalter habe die eintretende strukturale Disfunktionalität (auf allen gesellschaftlichen Sektoren) zusammen mit dem prädominanten Thema der Apokalypse, welches durch die Machtlosigkeit gegenüber Massensterben und Naturkatastrophen hervorgetreten ist, eine Tendenz der „Kultivierung des Individuellen“[60] nach sich gezogen.

Gerade im religiösen Leben zeichnete sich der Gegensatz von bestehender Ordnung einerseits und wachsendem Individualismus andererseits deutlich ab. Dem Klerus stand eine Laienkultur gegenüber, die von ihm entweder als elitäre Laienfrömmigkeit instrumentalisiert oder als unkirchliche Mentalität (Paganismus, Häresie) abgelehnt bzw. verfolgt wurde.[61]

Die laikale Individualität der mystische Bewegung verlief „an der Kirche vorbei“[62], musste aber nicht zwangsläufig im Gegensatz zu ihr stehen. Solange das Monopol der Kirche nicht in Frage gestellt wurde, durfte sich der Mystizismus durchaus „neben“[63] ihr behaupten. Die Popularität vieler Mystiker(innen) machte sich die Kirche immer häufiger post mortem zu eigen, indem sie diese durch das Instrument der Heiligsprechung[64] inkorporierte und dann im ideologischen Kampf gegen andere, ihr kritisch eingestellten Bewegungen und Personen nutzte.

Wie schmal der Grat zwischen Häresie und Heiligkeit wirklich war, bekam Katharina im Jahre 1374 selbst zu spüren. Das dominikanische Generalkapitel sah sich veranlasst, Katharina nach vier Jahren politischen Engagements auf ihre Rechtgläubigkeit hin zu prüfen. Der Bescheid fiel zu Gunsten Katharinas aus, doch beauftragte der Ordensmeister vorsorglich Raimund von Capua Katharina als geistiger und geistlicher Führer zur Seite zu stehen.

Der eigentliche Anlass dieser Untersuchung kann heute nur spekuliert werden. Hanno Helbing vermutet, dass sich Katharina mit ihrer Klage über Egoismus und Habsucht der Priester selber in die Nähe der „Fraticelli“ gerückt habe.[65] Die einstigen „Spiritualen“, die innerhalb des Franziskanerordens das Ideal absoluter Armut vertreten und dies auch von der Kirche gefordert hatten, waren im sogenannten Armutsstreit von Papst Johannes XXII. (1316-1334) verurteilt wurden und lebten seither in sektenartigen Verbindungen, als Häretiker verfolgt. Grundlage des Streits war die Frage gewesen, ob es dem einzelnen Gläubigen möglich sei, Gott zu schauen. Johannes XXII. entschied Nein und manifestierte damit die Mittlerrolle der Kirche.[66]

Das Sendungsbewusstsein Katharinas musste somit folgerichtig einmal das Misstrauen einer um ihre Vormachtstellung kämpfenden Kirche herausfordern.

3.3. Kampf um die Erneuerung der Kirche

Seit jenem Schicksalsjahr 1370, in dem Urban V. wieder nach Avignon zurückgekehrt war, wirkte Katharina in ihren Briefen mit göttlicher „Weisheit“ und Beredsamkeit vor allem in drei Richtungen: Sie forderte eine Erneuerung der theokratischen Institution Kirche; dafür grundlegend war für sie die Rückkehr des Papstes nach Rom. Auf die großen Häuser Europas sowie den Papst drängte sie unablässig ein, Frieden herzustellen und unter dem Banner des Kreuzes einen neuerlichen Zug ins heilige Land anzustrengen.

So unterschiedlich diese Aktivitäten auf den ersten Blick anmuten, so prinzipiell ist die von Katharina verfolgte Grundüberlegung. Die universale Bedeutung der Kirche konnte ihrer Meinung nach nur durch ein starkes Papsttum wieder hergestellt werden, gleichsam durch Reformen „von oben“[67] und nicht durch das Werk der breiten Masse. Universalität bedeutete aber auch, dass die Kirche einen Ort des Friedens repräsentierte, an dem sich alle Menschen, nicht nur Christen, auf Gott berufen konnten.[68]

An den päpstlichen Nuntius in der Toskana schrieb Katharina 1375 bezüglich der notwendigen Reformen: „Zwei Dinge besonders muss unser süßer Christus auf Erden beseitigen, weil sie die Braut Christi verheeren. Das eine ist die zu große Nachgiebigkeit und Sorglichkeit seinen Verwandten gegenüber. ... Das andere ist die zu große Weichheit, begründet in einem übergroßen Mitleid.“[69]

Katharina mahnt hier mit dem Selbstverständnis einer Braut Christi, die Kirche, die ebenfalls nach Paulus als Braut Christi verstanden wird, nicht zu schänden. Statt päpstlichen Nepotismus fordert sie Zurückhaltung.[70] Statt Bischöfen, die sich als Geschäftemacher, „als feile Verkäufer des Göttlichen“[71] hervortun, fordert sie Diener Gottes, die sich im Dienst der Kirche, somit im Dienst Gottes, verzehren. Daraufhin führt Katharina die Untugenden vieler Prälaten an – eine Aufzählung, die erstaunliche inhaltliche Übereinstimmung mit den Worten Petrarcas aufweist: „Drei Laster besonders missfallen Christus: die Unkeuschheit, die Habsucht und der

aufgeblähte Stolz.“[72] Ihre Ausführungen enden mit dem Resümee: „Ich sage nicht, die Braut Christi sei selbst angegriffen. Sie wird auch in Zukunft blühen, das ist mein Glaube! Aber es ist notwendig, sie bis zu den Fundamenten zu reinigen, wenn sie wieder blühen soll.“[73]

Mit der Wahl Gregor XI. zum Papst war die Chance auf eine baldige Rückkehr nach Rom wieder gestiegen. Zwar zögerte der Papst angesichts der großen Widerstände des französischen Königs, der Kardinäle und nicht zuletzt seiner beamteten Verwandten, doch trug er den Gedanken an eine Übersiedlung scheinbar permanent in sich. An den deutschen Kaiser Karl IV. schrieb Gregor: „Seit unserer Berufung in das höchste Amt ... haben wir uns ständig danach gesehnt und sehnen uns weiter unablässig danach, an den Ort zurückzukehren, an dem unser päpstlicher Thron steht.“[74] Katharina drängte den Papst in ihren Briefen immer wieder, den Stuhl Petri einzunehmen. Mit ihren Mahnungen und Gebeten hat sie somit einen zögerlichen Pontifex bestärkt, einen Entschluss in die Tat umzusetzen, der höchstwahrscheinlich ohne ihr Zutun zustande gekommen war.

Begünstigend für Katharinas Einfluss wirkte sich zweifelsohne die Vorliebe Gregors aus, Visionäre nach dem Willen Gottes zu befragen. Schon Birgitta von Schweden hatte auf seine Bitte hin vorausgesagt, dass er seine weltliche Herrschaft wie auch sein geistliches Amt verlieren würde, wenn er nicht nach Rom zurückkehre. Als Birgitta 1373 in Rom starb, nahm Katharina ihren Platz als Seherin ein.[75] In einem 1376 verfassten Brief mahnt sie Gregor: „Verzögern Sie ihre Rückkehr nicht. ... Lassen sie sich nicht davon abbringen, ... durch keine Rebellion von Städten[76]. ... Kommen Sie doch bald voller Milde, ich beschwöre Sie. Antworten Sie auf den Ruf des Heiligen Geistes. Ich sage Ihnen, kommen Sie, kommen Sie, warten Sie nicht auf die Zeit! Denn die Zeit wartet nicht auf Sie.“[77]

Gregor, der Katharina für eine Heilige hielt, befahl die Jungfrau nach Avignon und ließ von drei Theologen erneut ihre Rechtgläubigkeit prüfen. Als der Papst bald darauf seine Rückkehr nach Rom beschloss, bediente sich die französische Partei eines Tricks, indem sie einen Brief fälschte, der angebliche von einem bekannten heiligmäßigen Mann stammte. Darin wurde Gregor im Namen Gottes vor einer Rückkehr gewarnt. Der Papst übergab das Dokument Katharina zur Prüfung, die zu dem Schluss kam, der Brief sei gefälscht „und nicht einmal gut gefälscht“. Der Verfasser müsse ganz in der Nähe seinen Sitz haben und darauf aus sein, den Papst als Lügner bloß zu stellen, hatte er seine Rückkehr doch kurz zuvor offiziell bekannt gegeben. Katharina appelliert noch einmal eindringlich (es ist verwunderlich, wie weit Katharina verbal gehen konnte) an Gregor: „Darum bitte ich Sie im Namen des gekreuzigten Christus, seien Sie nicht ein ängstlicher Säugling, sondern ein Mann!“[78]

Noch im selben Jahr (1376) verlässt Gregor Avignon Richtung Rom und beendet damit das siebzigjährige Exil der Kurie. Aber nur zwei Jahre später, nach dem Tod Gregors, nahm ein noch größeres kirchengeschichtliches Trauma seinen Lauf. Mit der Wahl von Papst und Gegenpapst setzt ein dynamischer Prozess von Niedergang und daraus resultierendem Reformwillen ein, der viele Jahre später mit der Reformation seine praktische Umsetzung fand.

Für Katharina bedeutete das Schisma die Umkehrung dessen, wofür sie mit ihrem prophetischen Dienst immer gestritten hatte – die Einigkeit und Universalität der Kirche, der Braut Christi. Sie kämpft verzweifelt für die Anerkennung Papst Urban VI, doch scheitert sie letztendlich, denn das Schisma bleibt weit über ihren Tod (1380) hinaus bestehen. An die einzigen drei italienischen Kardinäle, die sich in den Aus-einandersetzungen bewusst neutral verhalten hatten, schreibt sie Ende 1378 voller Zorn: „Wohin seid Ihr gekommen, da Ihr die Verpflichtung Eurer Würde nicht erfüllt habt? ... Heute habt Ihr uns den Rücken gekehrt, Ihr feigen, erbärmlichen Ritter. ... Was ist der Grund Eures Verhaltens? Das Gift der Selbstsucht, das die ganze Welt verseucht hat. ... Nun seid ihr selber Teufel geworden!“[79] Nach eindringlichen Aufforderungen, zu Urban VI. zu stehen, schließt sie: „Kehrt also um, und zögert nicht, bis die Zuchtrute der göttlichen Gerechtigkeit Euch erreicht! Denn den Händen Gottes können wir nicht entrinnen.“[80]

3.3. Friedensbemühungen

Katharinas Engagement für den Frieden begann zunächst im Kleinen, in ihrer Heimatstadt. Wie in vielen anderen Städten Italiens so war auch das politische Leben in Siena durch die Machtkämpfe zwischen einflussreichen Familien geprägt. Katharinas Wille und die ihr durch Gott gegebenen Fähigkeiten beendeten bald langjährige Feindschaften und Familienfehden und verliehen ihr den Ruf einer Friedensstifterin weit über die Grenzen Sienas hinaus. Thematische Grundlage ihre Vermittlungsarbeit war wieder der Gnadetod Christi: „Gott hat durch seinen Sohn und der Sohn mit seinem Blut uns von der Feindschaft befreit und uns den Frieden geschenkt.“[81]

Die Heilige wurde daraufhin immer öfter in andere Städte und Dörfer eingeladen bzw. in Briefen um Rat gefragt, teilweise sogar aufgefordert eine Entscheidung in unlösbar scheinenden Streitfällen zu treffen.

Die Lage in Italien hatte sich seit dem Auszug der Kurie nach Avignon in mitunter anarchische Zustände verwandelt. Städte des Kirchstaates rebellierten mit der Unterstützung oberitalienischer und toskanischer Städte wiederholt gegen die administrative Gewalt päpstlicher Kardinallegaten, die zu allem Überfluss in den meisten Fällen importierte Franzosen waren. Vor allem die Expansionspolitik des Mailänder Herrschers Bernabò Visconti musste zwangsläufig zu einem Konflikt mit der Kirche als weltlicher Gewalt führen. Schon Papst Urban V. hatte Visconti wegen der Einnahme der Stadt Reggio exkommuniziert. Gregor XI. erneuerte dann diesen Bann, nachdem Visconti auch seine Einigungsversuche zurückgewiesen hatte.[82] Gregor verbündete sich daraufhin mit den Königen von Neapel und Ungarn und erklärte 1372 Visconti den Krieg. Dessen englische Söldnertruppe unter John Hawkwood wechselte schnell auf die Seite des Papstes.[83]

Visconti stand vor dem Aus. Er verzichtete auf eine militärische Auseinandersetzung und schickte eine Gesandtschaft nach Siena, die Katharina bitten sollte, sein Verhalten postum zu rechtfertigen. In mehreren Briefen hatte Katharina zuvor an den die päpstlichen Truppen befehlenden Legaten appelliert: „Friede, Friede, Friede, liebster Vater! ... Macht dem Heiligen Vater deutlich, mehr an den Verlust der Seelen als an den Verlust der Städte zu denken.“[84] Nun adressierte sie an Visconti, der wohl gehofft hatte, Katharina instrumentalisieren zu können, eine unmissverständliche Botschaft: „Wir können uns durch keine Herrschaft, die wir in der Welt ausüben, als Herren erachten ... Man ist eher Verwalter, und dies nur auf Zeit ... Besitzt Eure eigenen Städte in Frieden ... Ich fordere Euch nun auf, im Namen Christi des Gekreuzigten, zu wahrem und vollkommenem Frieden mit dem gütigen Vater, dem Christus auf Erden.“[85] Visconti und der Kardinallegat schlossen Frieden und entließen ihre Truppen.

Katharina wusste, dass die Kirche solange keine universale Gemeinschaft bilden konnte, solange sich ihre Völker bekriegten und sie selbst als Macht Teil dieser Konflikte war und somit Lösungen durch Waffengewalt nicht nur akzeptierte, sondern auch vorantrieb.[86]

Doch das Fundament eines Friedens wird immer nur durch die Bereitschaft aller Konfliktpartein hart gegossen. Mit den englischen Freischärlern stand nach der Beilegung des Mailänder Konflikts eine unberechenbare militärische Größe auf italienischem Boden. John Hawkwood führte seine arbeitslosen Berufssoldaten vor die Tore Florenz, welches nur durch ein enormes Lösegeld Plünderungen und Brandschatzungen verhindern konnte. Florenz suchte diese Niederlage in einen Sieg umzumünzen und streute das Gerücht, die Söldnerheere stünden unter direktem Befehl der Kurie mit dem Auftrag, die freien Städte unter kirchliche Herrschaft zu bringen. Das Ergebnis dieser Propaganda war eine antipäpstliche Liga, der sukzessive alle toskanischen Städte beitraten. Im Kirchenstaat hatte der Aufstand Perugias Signalwirkung für anderer Städte, die mit Unterstützung der Liga vom Kirchenstaat abfielen.[87]

Katharina forderte den Papst auf, sich der Lösung dieser Auseinandersetzung persönlich, nicht durch einen Legaten, anzunehmen, auf milde, barmherzige Art und Weise: „Ich bitte Sie bei Christus dem Gekreuzigten, nehmen Sie ihn zum Vorbild, ... um die verirrte Herde des menschlichen Geschlechts den Dämonen zu entreißen. ... Trotz der ihm angetanen Beleidigung handelt die göttliche, ewige Weisheit nicht danach. Sie tut es ... mit einer Milde, wie sie süßer und lieber nicht gefunden werden

kann.“[88]

Gregor entsprach der Bitte Katharinas und versuchte, auf dem Verhandlungsweg über die Königin von Neapel und den Dogen von Venedig als Mittler eine friedliche Lösung mit Florenz zu erreichen. Als die Bemühungen aber an der ablehnenden Haltung der Stadt scheiterten, eröffnete der Papst einen kirchlichen Strafprozess, der ihr das Interdikt androhte. Katharina forderte beide Seiten mit Leidenschaftlichkeit auf, die Gegensätze nicht bis zum offenen Bruch zu verschärfen und bot sich als Mittlerin an. Kurz nachdem aber die Stadt Bologna mit Hilfe der Florentiner gegen die päpstliche Macht revoltiert hatte, traf Gregor eine Entscheidung. Am 31. März verhängte er das Interdikt[89] über Florenz, das nach weiteren sechs Wochen des Hoffens auf ein Einlenken der Republik am 11. Mai offiziell in Kraft trat.[90]

Gleichzeitig rüstete der Papst zum Krieg. Katharina ging daraufhin nach Florenz und schrieb dort an die Signori der Stadt: „Versöhnt Euch und schließet Frieden ... Werft Euch in die Arme Eures Vaters, und er wird Euch mit Wohlwollen aufnehmen.“[91] Man bat Katharina, nach Avignon zu reisen und beim Papst Fürsprache einzulegen, was diese auch ohne Aufschub tat. Nur stellte sich bald heraus, dass Katharina wieder einmal instrumentalisiert werden sollte. Der Papst hatte dem von Katharina vorgebrachten Friedenswillen der Stadt wohlwollend gegenübergestanden. Die ihr nachfolgenden florentinischen Gesandten taten jedoch so, als hätte Katharina nie einen Vermittlungsauftrag erhalten. Der Kriegsaktivitäten ging weiter.[92]

Obwohl Katharinas Friedensbemühungen gescheitert waren, blieb sie bis zu ihrem Lebensende weiterhin bemüht, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden. Dieses Engagement beinhaltete auch Kritik an ihrer Meinung nach überzogenen Forderungen des Papstes: „Wenn Sie ... irgendeinen Ausweg erblicken, der zugleich Ihnen Genugtuung verschafft und sie [die Städte der Liga] doch nicht mit ihren bisherigen Verbündeten verfeinden lässt, dann schlagen sie diesen Weg ein.“[93]

3.4. Ein neuer Kreuzzug

Im Sommer 1375 richtet Katharina erstmals einen Brief an die Königin von Neapel, Johanna von Anjou. Darin bittet sie die Potentatin: „entzünden Sie in sich ein heiliges Verlangen, alle Hilfe und die nötigen Vollmachten zu gewähren, ... damit endlich das Heilige Land unseres Erlösers den Ungläubigen entrissen sei und ihre Seelen durch die Teilnahme am Blut Gottes gerettet werden.“[94]

Hintergrund war eine kurz zuvor erlassene Papstbulle, die Bischöfe und Ordensleute aufforderte, für einen neuen Kreuzzug unter den Gläubigen zu werben. Doch die letzte große Unternehmung dieser Art lag schon über 100 Jahre zurück, die Kreuzfahrerstaaten waren aufgerieben, und auch Akkon war als letzte europäische Bastion schon 1290 gefallen.

Die Bulle von 1375 repräsentierte neben religiösen Überlegungen vor allem päpstliche Machtpolitik, denn die Türken waren in den 1360er Jahren auf den Balkan vorgestoßen. Gregor XI. (wie die Päpste vor ihm) suchte in dieser Situation, abendländische Fürsten für einen Kreuzzug auf den Balkan zu gewinnen. Diese Konstellation war der Zeit vor dem ersten Kreuzzugsaufruf (1095) nicht unähnlich. Damals hatte Urban II. die europäischen Ritter unter dem Kreuzbanner gesammelt, um in erster Linie Hilfegesuchen des byzantinischen Reiches zu entsprechen, welches dem übermächtigen Druck der Seldschuken nicht mehr lange stand zu halten schien. Urban II. verband mit einer Hilfeleistung die Hoffnung auf eine Kirchenunion mit den schismatischen Griechen unter lateinischem Diktat. Doch der anfänglich defensive Charakter des Kreuzzuges wandelte sich durch die Zielsetzung Jerusalem schnell in ein offensives Vorgehen. Viele Kreuzfahrer wollten nicht nur das Heilige Grab befreien oder eschatologische Vorstellungen tatkräftig Realität werden lassen, sondern sich gerade auch in eigenen Herrschaften etablieren.[95] Denn viele derer, die ins heilige Land gezogen waren, hatten entweder als Nachgeborene keine Aussicht auf eigene europäische Besitzungen oder hatten (wie einige wenige) ihre Güter verkauft, in der Hoffnung, ihren Erlös in den eroberten Gebieten multiplizieren zu können.

Auch Katharina ging es um Jerusalem, wenn auch aus anderen Gründen. Von einem Kreuzzug, der nicht ins heilige Land führte, hielt sie nichts. Ein „heiliger“ Krieg auf

dem Balkan kam für sie deshalb auch nicht in Frage. In ihren Briefen spricht sie immer nur vom „santo passaggio“, der heiligen Überfahrt.

Früh hatte der Kreuzzugsgedanke auf Katharina Einfluss genommen. Predigten über die Züge ins gelobte Land waren weit verbreitet. Papst Urban V. hatte 1364 von allen Kanzeln eindringlich für eine Neuauflage der Kreuzzugsunternehmungen werben lassen, und König Peter I. von Zypern hatte im Dominikanerkloster von Siena, ganz in der Nähe von Katharinas Geburtshaus, 1368 Station gemacht, um für Unterstützung zu suchen.[96]

Katharina betrachtete, wie viele vor ihr, den Tod unter dem Kreuzbanner als heilige Sache, als Martyrium. Doch verraten ihre damit verbundenen Ziele kein macht-politisches Kalkül. Ihr ging es um die Bekehrung der Ungläubigen. Ein Kreuzzug sollte dem heiligen Land und den dort ansässigen Moslems den „wahren“ Glauben bringen. Der Papst müsse „das Banner des heiligen Kreuzes gegen die Ungläubigen aufrichten.“ Dann könne er „das Blut des Lammes den armen Heiden reichen.“[97]

Katharinas unermüdliche Agitation für einen neuen Kreuzzug muss auch im Kontext ihrer beiden anderen großen Anliegen (Kirchenreform und Frieden) gesehen werden. Dem Papst oblag ihrer Ansicht nach nicht nur die Aufgabe, gute Hirten einzusetzen und schlechte Christen zurück in den Schoß der Kirche zu führen, sondern auch Nicht-Christen zu bekehren, denn nur so konnte die Kirche Gottes auch wirklich universal werden. Gleichzeitig trug ein gemeinsames Ziel (Feindbild) aller Christen die Möglichkeit schwanger, Kriege und Fehden im eigenen Haus beizulegen. Dass sich Katharina solcher Kausalitäten durchaus bewusst war, zeigt ein Brief an Gregor XI., in dem sie zur Milde gegenüber Florenz und anderen Städten der Liga mahnt: „Entrollen Sie bald das Banner des heiligen Kreuzes, mein Vater. Dann werden Sie sehen wie die Wölfe zu Lämmern werden. Friede, Friede, Friede.“[98]

Man möchte meinen, in diesen Worten doch so etwas wie politisches Kalkulieren zu entdecken. Doch die Einordnung der Kreuzzugsidee Katharinas in ihren Heilsplan, führt zu dem Schluss, dass sie nicht die bewusste Verlagerung der Konflikte in ein anderes, nicht-christliches Land propagierte sondern ausschließlich die Bündelung der christlichen Kräfte zur Durchsetzung der göttlichen Universalität.

Resümee

Bei der Annäherung an die Person Katharina von Siena hat sich die Vorgehens-weise, herausragende Visionen als Grundlage für ein äußeres Handeln zu verstehen, als fruchtbar erwiesen. Durch die Worte Christi angeleitet, vollzog Katharina eine tiefgreifende Veränderung ihres Lebensstils. Anfangs kontemplativ in Gott versunken, tritt sie nach göttlichem Aufruf zum prophetischen Dienst an, der sie in die Machtzentren der Zeit wie auch an die Portale vieler Leidender führt.

Ihre Biografie zeigt somit auch den elementaren Wandel der zeitgenössischen Vorstellung von einem miles christi an. Elisabeth von Thüringen hatte schon als Laie das Armutsideal nach dem Vorbild des Franziskus von Assisi in karitativer Hingabe weitergelebt. Im 14. Jahrhundert traten nun mit Birgitta von Schweden und Katharina von Siena zwei Frauen auf den Plan, die zusätzlich mit göttlichem Selbstvertrauen zu den Konflikten und Problemen der Zeit in Schriftwerken aktiv Stellung bezogen.

Katharinas Visionen nehmen direkten Bezug auf das Papstexil, wuchernde Theokratie und Kriegszustände, sie spiegeln gleichsam die Krisenerscheinungen subjektiv wieder.[99] Katharina muss deshalb gerade auch als Heilige in ihrer Zeit, in ihrem historischen Kontext gesehen werden, denn die Konzeptionen von Heiligkeit sind historisch bedingt, variieren und verändern sich.[100] Eine junge Frau findet ohne die Mittlerfunktion der Kirche zu Gott und wagt es, mit ihren Visionen an die Öffentlichkeit zu treten, ohne dabei auf Stand und Amt Rücksicht zu nehmen. Der Grat zwischen Häresie und Heiligkeit war schmal. Katharina forderte Reformen, übertrat verbal viele Schwellen und wurde dennoch in den Kanon aufgenommen. Entscheidend dafür war ihre tiefe Überzeugung, dass nur eine universale Kirche (also auch die Institution) in der Lage war, die Christenheit zu führen und die Einhaltung göttlicher Werte zu überwachen. Mit dieser Ansicht konnte Katharina im System aufgehen und musste nicht den Gang auf den Scheiterhaufen antreten.

Ereignisgeschichtlich resümiert sind die großen Anliegen Katharinas gescheitert. Statt der ersehnten Reform stürzt die Amtskirche ins Schisma, der Klerus bleibt machtpolitisch engagiert. Ein Kreuzzug wird trotz namhafter Unterstützung nicht die heilige Überfahrt antreten, und Mitteleuropa ist unverändert Schlachtfeld der Großen.

Das Scheitern führt jedoch zum Kern ihrer Visionen zurück und wird somit zu ihrer eigentlichen Sendung: „Ich bin, der ist, und du bist, die nicht ist.“

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[...]


[1] Neben Katharina wurde auch Theresia von Avila zur Kirchenlehrerin erklärt. Erstmals erhob man damit auch Frauen in diesen Rang.

[2] Siehe Ökumenisches Heiligenlexikon unter: http://www.heiligenlexikon.de/index.htm?Glossar/Kirchenlehrer.htm, Zugriff am 8.12.2002.

[3] Die Meinungen gehen hierbei weit auseinander. Während Adolf Hoffmann auf die Schreibfähigkeit Katharinas zumindest hinweist, vernachlässigt Hanno Helbing in seinem vor kurzem publizierten Band diesen Aspekt. Meinolf Lohrum behauptet sogar, indem er sich auf Raimund von Capua bezieht, dass selbst Katharinas Versuch, Lesen zu lernen, letztendlich gescheitert sei. Vgl. dazu: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S.15; Helbing, Hanno: Katharina von Siena, München 2000, S. 154 und Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.107.

[4] Ob dieser Kontakt wirklich immer eine Korrespondenz darstellte, ist fraglich. Briefe an Verwandte und nähere Bekannte nehmen oft auf konkrete vorangegangene Fragen Bezug. Briefe an Könige und Päpste hingegen dienen eher der Ermunterung oder Ermahnung, ohne dass offensichtlich um eine solche Stellungnahme gebeten wurde.

[5] Einen komprimierten und dennoch die Standardwerke erschöpfenden Überblick bietet Claudio Leonardi in seinem Aufsatz Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 250f.

[6] Katharina sprach selbst auch nur von ihrem „Buch“. Eine Tatsache, welche die Singularität ihres mystisch-literarischen Schaffens unterstreicht.

[7] Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S.24.

[8] Hoffmann weist darauf hin, dass die Briefe zweifellos die selbe Lehre enfalten, wie der Dialog, nur in einem etwas „lebendigeren“ Duktus. Helbing zu diesem Thema lakonisch: „Katharina sagt immer das gleiche, und sie sagt es allen gleich.“ Vgl. dazu: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S.24 und Helbing, Hanno: Katharina von Siena, München 2000, S. 152.

[9] Legenda maior zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.11.

[10] Ebd., S. 11ff.

[11] Vgl. dazu: Gertz, Bernhard: Mehr sage ich nicht, Die prophetische Kirchenkritik der Caterina von Siena, in: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 31 und Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 12.

[12] Im Jahre 1347 hatte Lapa Zwillinge zur Welt gebracht, doch Katharinas Schwester starb kurz nach der Geburt. Überlegungen, die sich damit beschäftigen, ob Katharina nun das 23. oder 24. Kind der Benincasas gewesen sei, entbehren meiner Meinung nach vor diesem Hintergrund jeglicher Ernsthaftigkeit.

[13] Helbing, Hanno: Katharina von Siena, München 2000, S. 146.

[14] Gertz, Bernhard: Mehr sage ich nicht, Die prophetische Kirchenkritik der Caterina von Siena, in: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 31.

[15] Trotz ihrer vielen Geburten und der zyklisch wiederkehrenden Pestwellen ist Lapa fast 90 Jahre alt geworden. Kurz vor dem Tode ihrer widerspenstigen Tochter wurde sie sogar noch deren geistige Schülerin.

[16] Legenda maior zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.14.

[17] Dialog zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 32.

[18] Der Teufel Katharinas ist nicht die absolute Personifikation des „Bösen“, er ist nur ein Gehilfe, der Verführer. Ernst Schubert hat auf dieses Phänomen anhand von mittelalterlichen Alltags-Flüchen hingewiesen. Die „wenig profilierte Rolle des Teufels in den ... Verwünschungen läuft auf die Relativierung all jener Forschungsbemühungen hinaus, die den Teufel im Mittelalter monographisch behandelten ... Der Teufel muß in das Ensemble des heilsgeschichtlichen Spiels gestellt werden; und hier hat er ... nur eine Nebenrolle inne.“ Vgl. dazu: Schubert, Ernst: Flüche und Segen: Gott und seine Heiligen im alltäglichen Umgang, in: Alltag im Mittelalter, Darmstadt 2002, S. 186-193.

[19] Zusammengestellt aus verschiedenen Briefen Katharinas, zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 59-70.

[20] Brief an Monna Caterina und Monna Orsola aus Pisa, zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 65.

[21] Dialog zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 70.

[22] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 224.

[23] Legenda maior zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.18.

[24] Die hl. Eufrosyna hatte sich dem Willen ihrer Eltern, eine reichen jungen Mann zu heiraten, widersetzt und hatte als Mönch verkleidet 30 Jahre unerkannt in einem Kloster gelebt.

[25] Legenda maior zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.16f.

[26] Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.18.

[27] Während der Ausdruck „Terziaren“ nichts anderes als die Zugehörigkeit zu einem dritten Orden (tertius ordo) bezeichnet, führt der Name „Mantellaten“ auf die typische Kleidung der affilierten Büßer zurück. Die Büßer(innen) der Franziskaner trugen graue Mäntel, die der Dominikaner schwarze. Das Kleid, das Katharina in ihrer Vision auf dem Arm des hl. Dominikus erblickt hatte, war eben jener Mantel. Seit ihrem Beitritt zu den Bußschwestern in Siena hat sich Katharina nur noch mit schwarzem Mantel und weißem Unterkleid angetan.

[28] Elm, Kaspar: Die Stellung der Frau in Ordenswesen, Semireligiosentum und Häresie zur Zeit der heiligen Elisabeth, in: Sankt Elisabeth, Fürstin, Dienerin, Heilige, Marburg 1981, S.16f.

[29] Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.18.

[30] Dialog zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 31.

[31] Die Gruppe der Anwesenden repräsentiert gleichzeitig einen neuen, sozusagen dritten göttlichen Bund. Dem Alten Testament (der Bund mit dem Volk Israel), vertreten durch David, und dem Neuen Testament (der Bund mit dem vereinten Bundesvolk), vertreten durch Johannes und Paulus, folgt die Verbindung Gottes mit den miles christi der Ist-Zeit (über die Person Katharinas), vertreten durch Dominikus.

[32] Gertz, Bernhard: Mehr sage ich nicht, Die prophetische Kirchenkritik der Caterina von Siena, in: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 33f.

[33] Legenda maior zitiert nach: Gertz, Bernhard: Mehr sage ich nicht, Die prophetische Kirchenkritik der Caterina von Siena, in: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 42.

[34] Katharina gestand später gegenüber Raimund von Capua, dass anfänglich das Gebot des Herrn „ihr Zimmer zu verlassen und sich unter die Menschen zu mischen“, sie so hart getroffen hätte „dass sie für ihr Herz fürchtete, es möge brechen.“ Vgl. dazu: Ebd.

[35] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 246.

[36] Vauchez, André: Der Heilige, in: Der Mensch des Mittelalters, hrsg. von Jaques LeGoff, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 1990, S. 353.

[37] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 246.

[38] Beyreuther, Gerald: Elisabeth, thüringische Landgräfin und Heilige, in: Fürstinnen und Städterinnen, Frauen im Mittelalter, hrsg. von Gerald Beyreuther, Barbara Pätzold und Erika Uitz, Freiburg/Basel/Wien 1993, S.28.

[39] Ursache war eine frühe biologische Kriegsführung. Im Jahre 1347 belagerten Truppen der Goldenen Horde den genuesischen Handelsstützpunkt Kaffa auf der Insel Krim - einer von vielen Konflikten im Kampf um die Vormachtstellung im lukrativen Ost-West-Handel. Die Pesterreger waren Jahrhunderte lang auf die Steppen Zentralasiens beschränkt gewesen, nun katapultierten die mongolischen Belagerer Pestleichen in den europäischen Stützpunkt. Die daraufhin flüchtenden Bewohner verbreiteten die Seuche in nur wenigen Monaten über ganz Italien. Vgl. dazu: Bröning, Wulf: Die Goldene Horde, in: P.M. History, November 2002, S. 14-21.

[40] Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.71f.

[41] Legenda maior zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S.72f.

[42] Die Akademien konnten nur ein Heilmittel empfehlen: Flucht.

[43] Alle Zitate nach: Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 246-248.

[44] Johannes 6, 53-54.

[45] Brief an Raimund von Capua, zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 65.

[46] Diese Dichotomie soll betonen, dass Katharina nicht nur die biblische Inhalte vertritt, sondern auch ganz bewusst deren Codierung in Sprache adoptiert. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der Bilderreichtum ihrer Schriften erklären.

[47] Zietiert nach: Tanz, Sabine: Birgitta von Schweden – Heilige im Spannungsfeld von Politik und Visionen, in: Fürstinnen und Städterinnen, Frauen im Mittelalter, hrsg. von Gerald Beyreuther, Barbara Pätzold und Erika Uitz, Freiburg/Basel/Wien 1993, S. 98.

[48] Legenda maior zitiert nach: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 37.

[49] Matthäus 15, 19.

[50] Ezechiel, 36, 26-27.

[51] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 232.

[52] Brüder und Schwestern ihres Ordens sollen bezeugt haben, dass sie vier Stunden ohne Atem gewesen war.

[53] Zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S48. Siehe dazu auch: Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 232f.

[54] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 231.

[55] Aus einem Brief an Francesco Nelli, zitiert nach: Petrarca, Dichtung, Briefe, Schriften, hrsg. Hans W. Eppelsheimer, Frankfurt a.M. 1980, S. 128f.

[56] Aus einem Brief an Francesco Nelli, zitiert nach: Petrarca, Dichtung, Briefe, Schriften, hrsg. Hans W. Eppelsheimer, Frankfurt a.M. 1980, S. 134ff.

[57] Gerade „der Vorwurf der servilen Abhängigkeit von Frankreich kann nicht aufrechterhalten werden.“ Siehe dazu: Wörterbuch der Geschichte unter „Avignoneser Exil“, hrsg. von Konrad Fuchs und Heribert Raab, 10. Auflage, München 1996, S. 75f.

[58] Vauchez, André: Der Heilige, in: Der Mensch des Mittelalters, hrsg. von Jaques LeGoff, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 1990, S. 357.

[59] Seibt, Ferdinand: Zu einem neuen Begriff von der „Krise des Spätmittelalters“, in: Europa 1400, hrsg. von Ferdinand Seibt und Winfried Eberhard, Stuttgart 1984, S. 13.

[60] Ebd., S. 18.

[61] Eberhard, Winfried: Krise des Spätmittelalters, in: Europa 1400, hrsg. von Ferdinand Seibt und Winfried Eberhard, Stuttgart 1984, S. 318.

[62] Gertz, Bernhard: Mehr sage ich nicht, Die prophetische Kirchenkritik der Caterina von Siena, in: Katharina von Siena, Ausgewählte Texte aus den Schriften einer großen Heiligen, hrsg. von Adolf Hoffmann, Düsseldorf 1981, S. 35.

[63] Tanz, Sabine: Aspekte weiblicher Heiligkeit im Mittelalter, in: Frauenforscherinnen stellen sich vor, hrsg. von Ilse Nagelschmidt, Leipzig 1999, S. 18.

[64] Die verschiedenen Ausprägungen des Heiligenkults wurden durch das Verfahren der Heiligsprechung (päpstliche Kanonisierung), das seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts durch die Amtskirche normiert war, zusammengefasst.

[65] Helbing, Hanno: Katharina von Siena, München 2000, S. 156.

[66] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 232.

[67] Vauchez, André: Der Heilige, in: Der Mensch des Mittelalters, hrsg. von Jaques LeGoff, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 1990, S. 358.

[68] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 239.

[69] Brief an Abt Berengar von Lézat, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 83.

[70] Der amtierende Papst Gregor XI. (1370-1378) war mit 18 Jahren von seinem Onkel, dem damaligen Papst Clemens VI., zum Kardinal ernannt worden. Gregor selbst berief noch im Jahr 1375 drei seiner Verwandten ins Kardinalskolleg.

[71] Brief an Abt Berengar von Lézat, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 84.

[72] Brief an Abt Berengar von Lézat, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 84.

[73] Ebd.

[74] Zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 92.

[75] Ebd., S. 93.

[76] Gerade Bologna, als Stadt im Kirchenstaat, hatte mit florentinischer Unterstützung gewagt, gegen die weltliche Macht des Papstes aufzubegehren.

[77] Brief an Gregor XI., 1376, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 36.

[78] Brief an Gregor XI, als sie in Avignon war, September 1376, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 41ff.

[79] Brief an drei italienische Kardinäle, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 140ff.

[80] Ebd.

[81] Zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 60.

[82] Die Exkommunikation schließt die betroffene Person von den Sakramenten oder ganz aus der kirchlichen Gemeinschaft aus, je nach Schwere des Vergehens. Visconti kleidete als Reaktion auf den zweiten Kirchenbann einen armen Trottel in Priestergewänder und befahl ihm, Gregor XI. seinerseits zu exkommunizieren.

[83]: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 62f.

[84] Zitiert nach: Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 63.

[85] Ebd., S. 63-64.

[86] Leonardi, Claudio: Katharina, die Mystikerin, in: Heloise und ihre Schwestern, hrsg. von Ferruccio Bertini, München 1991, S. 240.

[87] Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 85ff.

[88] Brief an Gregor XI, März 1376, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 41ff.

[89] Im Gegensatz zur persönlichen Exkommunikation Viscontis wurden alle Florentiner von den Sakramenten ausgeschlossen, wurden gleichzeitig auch zu bürgerlich Geächteten. Alle Handelsbeziehungen und Verträge der Stadt wurden für nichtig erklärt, das Vermögen aller Florentiner beschlagnahmt. Diese Vermischung geistlicher und politischer Maßnahmen muss im Zusammenhang mit dem Status der Kirche als geistliche und weltliche Macht gesehen werden.

[90] Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 90.

[91] Zitiert nach: Ebd., S.89.

[92] Ebd., S 91.

[93] Brief an Gregor XI in Rom, 1377, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 55. Gregor hatte von den neutralen wie auch von den mit Florenz verbündeten Staaten die Ausweisung aller Florentiner verlangt.

[94] Brief an Johanna von Anjou, Juli 1375, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 74.

[95] Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz und die Kreuzfahrerstaaten, München 1981, S. 238.

[96] Lohrum, Meinolf: Katharina von Siena: Lehrerin der Kirche,2. Auflage, Leipzig 1997, S. 79.

[97] Brief an Gregor XI., 1375, zitiert nach: Katharina von Siena, Ich will mich einmischen in die Welt, Engagierte Briefe des Glaubens, hrsg. von Manfred Baumotte, Zürich/Düsseldorf 1997, S. 44.

[98] Brief an Gregor XI., März 1376, zitiert nach: Ebd., S. 32.

[99] Tanz, Sabine: Aspekte weiblicher Heiligkeit im Mittelalter, in: Frauenforscherinnen stellen sich vor, hrsg. von Ilse Nagelschmidt, Leipzig 1999, S. 10.

[100] Dinzelbacher, Peter: Heiligkeit als historische Variable, in: Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Peter Dinzelbacher und Dieter R. Bauer, Ostfildern 1990, S. 12f.

Details

Seiten
35
Jahr
2002
ISBN (Buch)
9783640315741
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110594
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Schlagworte
Katharina Siena Visionärin Jahrhunderts Frau Mittelalter

Autor

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Titel: Katharina von Siena, Visionärin des 14. Jahrhunderts