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Akupunktur. Modeerscheinung oder unverzichtbarer Alternative zur Allopathie?

Facharbeit (Schule) 2001 32 Seiten

Biologie - Krankheiten, Gesundheit, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Aufgabenstellung vorliegender Facharbeit

2. Der Untersuchungsgegenstand: Was ist Akupunktur?
2.1 Begriffsabgrenzung
2.2 Die westliche Bezeichnung für eine fernöstliche Heilmethode
2.3 Akupunktur als Teil der chinesischen Volksmedizin (TCM)
2.4 Formen der Akupunktur

3. Aus der Geschichte der Akupunktur
3.1 Die historische Entwicklung
3.2 Der Weg der Akupunktur in den Westen

4. Die traditionelle Akupunktur
4.1 Die Schlüsselbegriffe
4.1.1 Die Lebensenergie Qi
4.1.2 Yin und Yang
4.1.3 Die fünf Elemente und ihre Zyklen
4.2 Die Meridiane und ihre Bedeutung
4.2.1 Die Primärmeridiane
4.2.2 Die Sekundärmeridiane
4.2.3 Der prinzipielle Verlauf der Meridiane
4.2.4 Die allgemeinen Funktionen der Meridiane
4.2.5 Die speziellen Funktionen der Meridiane
4.3 Die Akupunkturpunkte
4.3.1 Die Punkte als „Pforten“ zu den Meridianen
4.3.2 Besondere Funktionen der Akupunkturpunkte

5. Die Akupunktur aus der Sichtweise westlicher Wissenschaft
5.1 Die Existenz der Akupunkturpunkte
5.1.1 Der Schmerzschwellen-Versuch
5.1.2 Die Wirkung der Akupunktur im Gehirn
5.2 Ein ungelöstes Rätsel: Die Meridiane

6. Wissenschaftliche Erklärungsansätze
6.1 Vier Mechanismen
6.2 Die schmerzstillende Wirkung

7. Ein Fallbeispiel: Akupunktur am eigenen Leib

8. Die Akupunkturkontroverse
8.1 Traditionalismus oder neue Auffassung der Akupunktur
8.2 Akupunktur und Schulmedizin

9. Möglichkeiten und Grenzen der Akupunktur
9.1 Anwendungsbereiche
9.2 Kontraindikationen und Risiken

10. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang

Lange bevor die Chinesen das Pulver erfanden, das Papier, den Kompass und das Porzellan, gingen sie ihre Gebrechen schon mit Akupunktur an.

Vorbemerkung

Heilen durch harmlose Nadelstiche statt durch den Einsatz von Chemieprodukten mit bekannten und unbekannten Nebenwirkungen. Eine solche Vorstellung fasziniert Fachleute, Laien und Patienten gleichermaßen. Als Akupunktur macht diese Heilmethode der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) seit einigen Jahrzehnten auch in Amerika und Europa Furore. Längst wird sie von Ärzten in Deutschland erlernt und praktiziert. Aber der „Schulmedizin“ fällt es von jeher schwer, alternative Heilmethoden zu akzeptieren oder zu übernehmen. Allerdings gehören Akupunktur und Akupressur nicht zu den Methoden, die als Hokuspokus oder Aberglaube abgetan werden können.

Die Verfechter der Akupunktur verweisen auf Erfolge, die die Methode geradezu als „Wunderwaffe“ erscheinen lassen. Marc Duke berichtet über Aufsehen erregende Heilungen. So seien im Jahr 1966 124 von 151 Querschnittsgelähmten im Krankenhaus für chinesische Medizin in Peking erfolgreich behandelt worden. Kranke, die in der westlichen Schulmedizin als hoffnungslose Fälle galten, um nur eines von zahllosen Beispielen zu nennen.

Die Wirkung dieser Methode sei wissenschaftlich nicht eindeutig erwiesen, heißt es üblicherweise. Praktische Konsequenz für die Patienten: Die Übernahme der Behandlungskosten durch die Krankenkassen ist nicht generell gesichert. Das gilt auch für die Akupunktur.

Es mag sein, dass die philosophische und nach westlichen Vorstellungen unwissenschaftliche Fundierung einer Akupunktur der allgemeinen Akzeptanz entgegensteht.

Die Frage stellt sich, was „dran ist“ an dieser vielleicht ältesten noch bestehenden Heilmethode der Menschheit.

1. Aufgabenstellung vorliegender Facharbeit

Die vorliegende Facharbeit im Fach Biologie setzt es sich zum Ziel, zu einer fundierten Einordnung der Akupunktur in den Spannungsbogen zwischen überschätzter Modeerscheinung und unverzichtbarer Alternative zur Allopathie beizutragen.

Dargelegt wird die Geschichte der Akupunktur im Rahmen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) sowie was Akupunktur eigentlich ist. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Gegenüberstellung von traditioneller Theorie und den naturwissenschaftlichen Erklärungsansätzen für die Wirkungsweise der Akupunktur.

Der Konkretisierung und Veranschaulichung dient ein Fallbeispiel des Einsatzes der Akupunktur gegen eine Pollenallergie und Histamine.

2. Der Untersuchungsgegenstand: Was ist Akupunktur?

2.1 Begriffsabgrenzung

Der Begriff Akupunktur bezeichnet die Behandlung mit Nadeln, die an bestimmten Punkten des Körpers eingestochen werden, um Erkrankungen und Störungen von Organen zu heilen, Schmerzen zu beseitigen oder eine Anästhesie-Wirkung zu erzielen. In welche Stellen der Haut das geschieht, hängt von der zu behandelnden Erkrankung bzw. dem Zweck des Nadelns ab.

Die Akupunkturpunkte sind nicht regellos über dem Körper verteilt, sondern liegen auf meist oberflächlich verlaufenden Bahnen oder Leitlinien, den so genannten Meridianen.

2.2 Die westliche Bezeichnung für eine fernöstliche Heilmethode

Die chinesische Originalbezeichnung für diese Therapieform ist Zhen Jiu, was soviel heißt wie „stechen und wärmen“. In China ist die Reizung der relevanten Punkte durch Wärme, das heißt, durch Abbrennen von Beifuß auf der Haut, mindestens so geläufig wie das Setzen von Nadeln.

Der heute im Westen verwandte Begriff Akupunktur geht auf einen Arzt der ostindischen Handlungskompanie, Dr. Willem Ten Rhyne, zurück, der im Jahr 1683 einen Bericht über die Nadelstich-Therapie verfasste. 1

Abgeleitet ist der Begriff von den lateinischen Wörtern für Nadel „acus“ und stechen „pungere“.

2.3 Akupunktur als Teil der chinesischen Volksmedizin (TCM)

Akupunktur kann als Bestandteil der so genannten traditionellen chinesischen Medizin (TCM) aufgefasst werden. Darunter sollen hier alle (therapeutischen) Verfahren verstanden werden, die auf Erfahrung beruhen und auf ein Energiegleichgewicht im Menschen abzielen. Gesund ist ein Mensch dann, wenn sich alle seine Energien in Harmonie und Gleichgewicht befinden. 2 Diese Denkweise hat weniger einen medizinischen als vielmehr einen philosophischen Hintergrund, denn sie wurzelt im Taoismus (auch Daoismus) und im Konfuzianismus. Teilgebiete der TCM sind neben der Akupunktur und Moxibustion (Erwärmung) unter anderem die chinesische Massage, die Diätetik und Ernährungslehre, die Lehre von Heilpflanzen, Yoga sowie Akupressur und die Entspannungsmethode des Qi Gong. 3

Von den Verfahren, die mehrere Methoden integrieren sei „Inhoa“ genannt. 4

Die philosophisch und nicht naturwissenschaftlich fundierte Theorie der Akupunktur erschwert eine Akzeptanz durch die westliche Schulmedizin, ein Umstand, der eingehend zu erörtern sein wird.

2.4 Formen der Akupunktur

In den letzten Jahrzehnten wurden im Westen Sonderformen der Akupunktur entwickelt, die unter Umständen Alternativen oder Ergänzungen zur herkömmlichen Nadelung darstellen.

Im Folgenden beschränken sich die Ausführungen auf die klassische chinesische Akupunktur, die auch außerhalb Chinas die am häufigsten praktizierte Methode darstellt.

Bei Patienten mit unüberwindlicher Angst vor Nadeln oder extremer Schmerzempfindlichkeit kann Laserakupunktur eingesetzt werden. Dabei werden die Punkte mit schwachen Lasern (2 Milliwatt) gereizt.

Unter dem Begriff Elektroakupunktur werden in Deutschland drei unterschiedliche Verfahren gefasst. Da gibt es einmal die Stimulation der Punkte mit schwachem elektrischem Strom über eine Nadel, die in der Haut steckt. Zur Schmerzbehandlung gibt es andererseits Geräte, die der Patient mit nach Hause nehmen kann. Diese Apparate zur transkutanen elektrischen Nervenstimulation haben keine Nadeln, sondern zwei Elektroden. 5

Man befestigt diese Elektroden auf der Haut und lässt einen Schwachstrom fließen. Schließlich sind als dritte Möglichkeit Geräte in Gebrauch, bei denen aus einer spitzen Elektrode elektrische Impulse an die Haut abgegeben werden.

3. Aus der Geschichte der Akupunktur

3.1 Die historische Entwicklung

Die Heilmethode der Akupunktur ist weitaus älter als unsere Zeitrechnung. Deshalb lässt sich weder ein historischer Anfangspunkt der Behandlungsmethode noch ein „Erfinder“ benennen.

Die Spurensuche nach den Anfängen verliert sich im Dunkel von Mythen und Legenden. 6

Einer Legende zufolge wurde die Akupunktur entdeckt, als man einem durch einen Pfeil verwundeten Soldaten diesen Pfeil herauszog. Die Wunde heilte und sogleich auch eine andere Krankheit an einer anderen Körperstelle. 7

Zutreffend daran mag sein, dass der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt hat. Wahrscheinlich hatten die Menschen vor 5000 Jahren bemerkt, dass sich durch Druck auf bestimmte Körperstellen Schmerzen lindern lassen. Man benutzte dazu anfangs neben den Fingern Steine, Tierknochen oder Bambussplitter. Die Anfänge einer Akupunktur wurden dann entweder von wandernden Mönchen verbreitet oder mit religiösen Riten und Auffassungen eng verknüpft und als eine Art Geheimwissen von einem Dorfheiligen oder Medizinmann an den nächsten weitergegeben. 8

Irgendwann hat man beobachtet, dass viele Erkrankungen in bestimmte Hautbereiche, weit entfernt vom erkrankten Organ, Schmerzen projizieren und dass man durch massieren und drücken auf diese empfindlichen Stellen die Erkrankungen bessern, wenn nicht gar heilen konnte. 9

Als erstes Lehrbuch der Akupunktur gilt das „Nei Jing Huan Ti“, dass dem sagenumwobenen Gelben Kaiser zugeschrieben wird und etwa 2600 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden sein soll. Es ist nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Kaiser Huan Ti je gelebt hat. Das Nei Jing liegt heute noch vor, allerdings hat es möglicherweise mehrere Verfasser und wurde erst etwa 300 vor Christus beendet. Es enthält bereits Beschreibungen der Meridiane mit ihren Funktionen und Indikationen und Kontraindikationen der Nadelungspunkte. 10

Die Kenntnisse konnten nur aus Erfahrung und genauester Beobachtung entstanden sein, denn Leichenöffnungen waren verboten und die Kranken entkleideten sich nicht, wenn der Arzt sie untersuchte. Auf die Konsequenzen, die das auf die Diagnose haben musste, werde ich weiter unten eingehen. Zunächst ist festzuhalten, dass die Chinesen damals nur über begrenzte anatomische Kenntnisse verfügt haben können.

Vom Akupunktur-Lehrbuch „Zhen Jin Ja Ya Jing“ ist nicht nur die Entstehungszeit, sondern auch der Verfasser bekannt. Es wurde von Huangfu Mi geschrieben, der von 215 bis 282 nach Christus lebte. Das Buch benennt 649 Akupunkturpunkte und erläutert die Technik der Akupunktur. 11

In den letzten 2000 Jahren erlebte die Akupunktur in China eine wechselvolle Geschichte.

Während der Tang-Dynastie (618 bis 907) errichtete man an den Universitäten Lehrstühle für Akupunktur. Sie gehörten zu den Pflicht- und Prüfungsfächern der Ärzte.

Während die Akupunktur in der Ming-Dynastie (1368 bis 1644) eine Blütezeit erlebte, wenden sich Oberschicht und Staat in den folgenden drei Jahrhunderten von ihr ab; die Methode bzw. ihre weitere Erforschung wird nicht länger gefördert. Akupunktur ist nun Volksmedizin, das heißt, das chinesische Volk, das sich kostspielige Behandlungen bei einem der (relativ) wenigen Ärzte ohnehin nicht leisten kann, praktiziert sie weiterhin.

In den Zeiten des Imperialismus wird die Akupunktur offiziell abgeschafft - ohne in Vergessenheit zu geraten.

Erst durch die kommunistische Partei und Mao Tse Tung erfährt die Akupunktur wieder eine Aufwertung, das heißt, sie erhält ihren früheren Rang zurück. Schließlich erregte die neu- bzw. weiterentwickelte Akupunktur-Anästhesie Aufmerksamkeit im Westen und gibt dem Interesse an diesem Verfahren neue Impulse.

3.2 Der Weg der Akupunktur in den Westen

Die Annahme, dass die Akupunktur in Amerika und Europa erst durch die „Schauoperationen“ bekannt wurde, also den erwähnten Operationen unter Nadelanästhesie, aber bei vollem Bewusstsein des Patienten, wäre falsch. Laut WDR (Westdeutscher Rundfunk) weiß man, dass manche Patienten zusätzlich Schmerzmittel erhielten, was die Leistung der Akupunktur nicht mindert. Das Verfahren war lange vorher bekannt. Allerdings bewirkte der US-Präsident Nixon mit seiner Chinareise im Jahr 1971, dass das Land für westliche Journalisten wieder interessant wurde. 12

Einer von ihnen, James Reston, konnte berichten, dass man bei ihm mit Akupunktur Schmerzen und Blähungen beseitigt hatte, die nach einer Blinddarmoperation in Peking aufgetreten waren. Und es kam die Zeit der erwähnten Schauoperationen.13

In Deutschland zitiert der „Stern“ Nixons Leibarzt mit positiven Äußerungen über die Akupunktur und der „Spiegel“ erscheint mit der Titelzeile „Akupunktur - Sieg über den Schmerz?“. 14

Tatsächlich berichten bereits im 13. Jahrhundert die ersten westlichen Entdecker, die nach China reisten, von dem spektakulären Verfahren mit Nadeln Kranke zu kurieren. Im Jahr 1675 werden in einer Schrift mit dem Titel „De utriusque Indiae“ Akupunkturpraktiken aus Japan berichtet.

Wenige Jahre später erhält die Methode ihren westlichen Namen.

Eine erste deutschsprachige Veröffentlichung zur Akupunktur erschien 1824 und zwar als Übersetzung von James M. Churchills „A Treatise on Acupunturation“. Bereits im Jahr darauf wird die erste Diskussion zum Thema Akupunktur veröffentlicht.

Die Nadelstichtherapie wird jedoch nicht praktiziert, sondern gerät hierzulande ebenso in Vergessenheit wie in Frankreich, wo im 19. Jahrhundert einige Ärzte ihre Patienten mit Akupunktur behandelt hatten.

Vollkommen vergessen wurde die TCM aber offensichtlich nicht, denn die Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Akupunktur erfolgte im Jahr 1951, 20 Jahre vor Nixons Chinareise.

Spektakuläre Pionierleistungen europäischer Ärzte aus den 70er Jahren beziehen sich nicht auf die Heilwirkung der Akupunktur, sondern erneut auf die Anästhesie- Wirkung. 15

1972 operierte in Wien Professor Johannes Bischko einem Patienten unter Nadelnarkose die Mandeln heraus. Ein Jahr später wurde in Gießen eine Herzoperation mit Akupunktur-Unterstützung erfolgreich durchgeführt. 16 Inzwischen bieten 40 bis 50.000 Ärzte in Deutschland Akupunktur an. Sie wird unter anderem in der Orthopädie, der Sportmedizin, der Gynäkologie und der Geburtshilfe eingesetzt.

Die Ausbildung umfasst nach einer Übereinkunft der führenden Akupunkturgesellschaften 350 Unterrichtsstunden.

Andererseits führte die Bundesärztekammer bislang keine Qualitätsstandards für die Bezeichnung „Akupunktur“ ein und schreibt auch keine Weiterbildung vor, weil die Akupunktur von der Schulmedizin noch immer an den Rand gedrängt wird.

4. Die traditionelle Akupunktur

Es ist heutzutage durchaus möglich, die Akupunktur ohne Rückgriff auf ihre philosophischen Grundlagen und ohne Anerkennung der Energetik als Basis der Heilmethode erfolgreich zu praktizieren. An dieser Stelle soll jedoch zunächst die Akupunktur der TCM dargestellt werden.

4.1 Die Schlüsselbegriffe

4.1.1 Die Lebensenergie Qi

Für den chinesischen Begriff Qi (oder auch Chi) gibt es im Deutschen kein adäquates Wort. Es kann mit Dämpfe, Luft, Gas, Wolke, aber auch mit Atem, Nahrung oder Lebensenergie übersetzt werden.

Im Zusammenhang der TCM umschreibt es in etwa das, was wir als Lebensenergie bezeichnen würden und ist mit dem hinduistischen Lebensatem Prana vergleichbar. Qi ist eine universelle Naturkraft oder Energie - vielleicht der Schlüssel zum Geheimnis des Lebens. Der chinesische Arzt Gehong schrieb bereits im Jahr 341 nach Christus: „Der Mensch ist von Qi umgeben und das Qi ist im Menschen. Himmel und Erde sind erfüllt von Qi, und von allen Lebewesen der Welt gibt es keines, das ohne Qi leben könnte.“17

Im Zusammenhang der TCM ist Qi „... die treibende Kraft hinter den physiologischen Funktionen der Organe und Lebensvorgänge.“.18

Laut Kuan Hin setzt sich die Lebenskraft aus drei Energien zusammen: Der Erbenergie, der Nahrungsenergie und der kosmischen Energie, die der Mensch durch die Atmung aus der Atmosphäre aufnimmt.19

Diese Lebensenergie fließt über ein Leitungssystem, den Meridianen, im festen Rhythmus durch den menschlichen Körper und zwar 50-mal in 24 Stunden. Krankheit ist in diesem Verständnis ein Ausdruck für die Störung dieses Flusses, gleichgültig, ob ein Überschuss oder ein Mangel an Qi vorliegt. Qi hat eine stoffliche Qualität, es ist Materie. Doch genau das ist wissenschaftlich nicht nachweisbar. Verfechter der TCM verweisen darauf, dass Qi ein Naturphänomen ist, das prinzipiell von jedem erlebbar und erfahrbar ist, nämlich durch das so genannte De Qi oder „Nadelgefühl“: Während die Akupunkturnadeln gesetzt sind, empfinden die Patienten nämlich ein eigenartiges Gefühl des Fließens. Außerdem kann man Qi individuell in anderer Weise an bestimmten Körperstellen wahrnehmen, so etwa als Wärmegefühl, als Spiralbewegung oder als Farbe, die man innerlich sehen kann.

Kritikern, die Qi in das Reich der Fantasie verweisen möchten, müsste man entgegenhalten, dass die westliche Medizin Krankheiten der Seele kennt und behandelt, obwohl streng wissenschaftliche Beweise über ihre Existenz nicht vorliegen, geschweige denn über ihren Ort oder ihr Aussehen. Dennoch wird niemand die Psychotherapie generell als Fantasterei abtun.

4.1.2 Yin und Yang

Nach Auffassung der TCM wirken in allen Dingen der Welt zwei gegensätzliche Kräfte, Yin und Yang; auch die Lebensenergie besteht aus ihnen.

Sie sind Gegenpole, die in einem ständigen Wechselspiel stehen, sich aber dabei einander nicht ausschließen, sondern bedingen. Yin und Yang sind sozusagen zwei Seiten ein und derselben Medaille oder wenn man so will siamesische Zwillinge. Keines von beiden ist besser oder schlechter als das andere. Von der ursprünglichen Wortbedeutung her sind Yin und Yang die sonnenbeschienene Südseite und die beschattete Nordseite eines Hangs.

In der Philosophie des Laotse stehen sie als Synonym für eine allgegenwärtige „Polarität“ wie sie beispielsweise in der Natur oder im täglichen Leben auftritt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zuordnung ist relativ: In Beziehung zu den Armen sind die Beine Yin, in Beziehung zum Rumpf sind sie jedoch Yang. Auf die Medizin übertragen führen diese Kategorien zu einer Gruppierung der Organe. Yin sind demnach Lunge, Milz, Niere, Leber und Herz und Yang sind die Hohlorgane wie Magen und Darm. Die Theorie von Yin und Yang führt zu einem vom westlichen Denken stark abweichenden Verständnis von Krankheit: Ein gestörtes Gleichgewicht der Energien führt zunächst zu einer funktionalen Störung und schließlich zu einer dauerhaften Störung des Organs.

Dazu ein Beispiel: Die mit Anspannung verbundene Einatmung ist Yang, die entspannte Ausatmung ist Yin. Ist das Gleichgewicht gestört, so entsteht daraus Kurzatmigkeit, Stottern oder Asthma bronchiale.20

4.1.3 Die fünf Elemente und ihre Zyklen

Mit ihrer sehr bildhaften Symbolik muss die Fünf-Elemente-Lehre mit ihren Zyklen für Europäer noch wesentlich „exotischer“ anmuten als die oben dargelegte Theorie. Dennoch muss sie kurz erwähnt werden. Die fünf Elemente oder Wandlungsphasen sind Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. In dieser Reihenfolge bilden sie den erschaffenden oder fördernden Zyklus, während der zerstörende Zyklus folgendes Aussehen hat: Holz - Erde - Wasser - Feuer - Metall.

Ordnet man den Elementen die entsprechenden Organe zu, so gibt ein Zyklus den möglichen Ablauf einer Erkrankung an. Auch dies soll an einem Beispiel erläutert werden, das Stahlhacke anführt21: Eine unbehandelte Nierenerkrankung (Wasser) führt zu einer Erkrankung des Herzens (Feuer).

Arbeitet das Herz nicht richtig, werden die Lunge (Metall) sowie die Leber (Holz) und die Milz (Erde) angegriffen bis ein Versagen der Niere (Wasser) zum Exodus führt. Eine solche Beschreibung ist umso erstaunlicher, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass man im alten China keine genauen Kenntnisse über die (chemischen) Vorgänge in den Organen hatte, sondern alles nur auf Erfahrung und sorgfältiger Beobachtung beruhte.

4.2 Die Meridiane und ihre Bedeutung

Jing Mo (pulsierende Gefäße) nennen die Chinesen die Leitbahnen oder Meridiane, auf denen das Qi durch den (menschlichen) Körper fließt. Da auch neue Meridiane entdeckt werden, lässt sich keine zweifelsfreie Angabe machen; die für eine Behandlung entscheidenden Meridiane stehen allerdings fest.

Die TCM unterscheidet zwischen Haupt- und Nebenmeridianen, wobei hier bei der Vorstellung der Akupunktur die Hauptmeridiane von Interesse sind. Sie wiederum lassen sich in Primär- und Sekundärmeridiane unterteilen.

4.2.1 Die Primärmeridiane

Man kennt zwölf Primärmeridiane, die die inneren Organe miteinander verbinden, und zwar jeweils sechs Yin- und sechs Yang-Meridiane. Ihren jeweiligen Namen erhalten sie von dem Organ, das sie mit Qi versorgen. Hier ist allerdings zu beachten, dass der Organbegriff der traditionellen chinesischen Lehre nicht mit dem der westlichen Medizin identisch ist. So gibt es beispielsweise den so genannten „Dreifachen Erwärmer“, für den sich kein uns bekanntes Organ angeben lässt.

Die Primärmeridiane sind jeweils doppelt vorhanden, nämlich je einmal auf jeder Körperseite.

Als die sechs Yang-Meridiane gelten: Dünndarmmeridian, Dreifacher Erwärmer, Dickdarmmeridian, Blasen-, Magen- und Gallenmeridian.

Die sechs Yin-Meridiane sind: Herzmeridian, Herzbeutelmeridian, Lungen-, Nieren-, Milz- sowie Lebermeridian.

4.2.2 Die Sekundärmeridiane

Als Sekundärmeridiane gelten diejenigen, die nicht mit Organen verbunden sind. Die zwei wichtigsten von ihnen - der Empfängnismeridian (auch: Dienergefäß) und der Lenkermeridian - bilden mit den Primärmeridianen die 14 Hauptmeridiane der chinesischen Akupunktur.22

4.2.3 Der prinzipielle Verlauf der Meridiane

Der Lungen-, der Herz- und der Zirkulationsmeridian (Yin) verlaufen von der Brust über die Innenseite der Arme und die Handflächen bis in die Daumen- oder eine Fingerspitze.

Entsprechende Verlaufsstationen der anderen zwölf Primärmeridiane sind die folgenden:

Dickdarm-, Dünndarmmeridian, Dreifacher Erwärmer (Yang): Fingerspitze - Außenseite der Arme - Nacken - Gesicht.

Milz-, Leber-, Nierenmeridian (Yin): Fußzehe - Innenseite des Beines - Bauch - Brust.

Magen-, Gallen- und Blasenmeridian (Yang): Kopf - Gesicht - Rumpf - Fußzehe. Der Magenmeridian läuft über den Bauch und der Blasenmeridian läuft über den Rücken.

4.2.4 Die allgemeinen Funktionen der Meridiane

Die Meridiane sind so etwas wie das „Flussbett“ der Energieströme oder -bäche im Körper, wobei sich zwei Energiekreisläufe unterscheiden lassen: Der große Energiekreislauf des Qi auf den Primärmeridianen und der kleine Kreislauf auf den Sekundärmeridianen.

Eine kleine Einschränkung ist hier allerdings erforderlich. Als „Energiebäche“ gelten

vor allem die Primärmeridiane; „Energieseen“, in denen Energie auch gespeichert und bei Bedarf in die „Bäche“ geleitet werden kann, sind die Sekundärmeridiane. Eine besondere Eigenschaft der Meridiane gibt ihnen eine ausschlaggebende Bedeutung für die Akupunktur (und ebenso für die Akupressur): Sie können wie Nerven Reize an entfernte Stellen des Körpers „transportieren“ - von außen ins Körperinnere, von Stellen in oder unter der Haut zu inneren Organe.

4.2.5 Die speziellen Funktionen der Meridiane

Eine detaillierte Darlegung der Funktionen aller Primärmeridiane würde den Rahmen vorliegender Arbeit sprengen. Ausgewählte Beispiele sollen verdeutlichen, dass nicht nur das Organ beeinflusst wird, das dem Meridian seinen Namen gibt.

Der Dickdarmmeridian:

Mit Hilfe des Dickdarmmeridians werden Störungen im Bereich der Zähne, der Nase oder des Darms behandelt: Ungleichmäßiger Stuhlgang, Heuschnupfen,

Halsentzündungen, Taubheit (!), Ohrensausen bzw. -schmerzen.

Der Magenmeridian:

Der Magenmeridian ist unter anderem zuständig für die Überwachung der Verdauung, die Verteilung von Nährstoffen und dadurch für das Wachstum. Akupunktiert wird er bei Magenbeschwerden, Halsschmerzen, Asthma, Blasenstörungen oder Regelschmerzen, um nur einige der „Zuständigkeiten“ zu nennen.

Der Herzmeridian:

Wie sein Name besagt, kontrolliert er das Herz sowie die Blutverteilung. Wenn man weiß, dass für die Chinesen das Herz nicht in erster Linie der „Ort“ des Gefühls ist, sondern vor allem der Sitz der Seele oder vielleicht sollte man besser sagen der Psyche, dann wird verständlich, wieso dieser Meridian als „heißer Draht“ zur Psyche gilt.

4.3 Die Akupunkturpunkte

4.3.1 Die Punkte als „Pforten“ zu den Meridianen

Wenn die Rede davon ist, dass bei bestimmten Beschwerden der eine oder andere Meridian akupunktiert wird, so heißt das nicht, dass man die Nadeln an beliebige Stellen auf diesen Meridian setzt. Tatsächlich sind es besondere Punkte, die eine Fernwirkung entlang des Meridians ermöglichen. Man kann sie als Zugangspforten zu diesen Leitlinien bezeichnen. Die Punkte haben nicht nur für die Therapie eine Bedeutung. Vielmehr unterscheidet die TCM verschiedene Qualitäten von Punkten. Da es in der Akupunkturlehre - wie in der westlichen Medizin - unterschiedliche „Schulen“ und Lehrmeinungen gibt, variiert die Anzahl der anerkannten Punkte. Es existieren mindestens 361 klassische Punkte; die Zahlenangaben reichen aber bis über 700.23

4.3.2 Besondere Funktionen der Akupunkturpunkte[1]

Harmonisierungspunkte (H-P):

Mit ihrer Hilfe sollen gestörte Organfunktionen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Beispielsweise harmonisiert ein Punkt auf dem Herzmeridian ein gestörtes Verhältnis von Herzarbeit und peripherem Kreislauf. Die Punkte befinden sich an beiden Enden der jeweiligen Meridiane.

Anregungspunkte (A-P):

Mit ihrer Hilfe kann die Aktivität und Energie eines Organs verstärkt werden. Jeder Meridian hat einen solchen Punkt. Bei Durchblutungsstörungen wird beispielsweise der A-P 1 (= Anregungspunkt auf dem Herzmeridian) 10 Sekunden lang im 90 -Winkel mit einer kleinen Goldnadel akupunktiert.24 Beruhigungspunkte (B-P):

Die Nadelung dieser Punkte leitet einen Energieüberschuss im betreffenden Meridian ab und beruhigt so das jeweilige Organ. Jeder Meridian hat einen Punkt dieser Art. Gegen ein nervöses Darmleiden geht man beispielsweise durch „Anstechen“ der Beruhigungspunkte des Leber- und Darmmeridians.

Alarmpunkte (Mu-P):

Alarmpunkte schmerzen bei intensiver Berührung oder Nadelung und sind dadurch ein sicheres Indiz für das Vorliegen bestimmter Erkrankungen. Sie unterstützen also die Diagnose, sind aber für die Therapie ohne Bedeutung. Sonstige Punkte:

In der Literatur finden sich weitere Bezeichnungen von Punkten, die geringere praktische Bedeutung besitzen und deshalb hier nur aufgezählt werden: Quellpunkte, Durchgangspunkte, Zustimmungspunkte, Kardinalpunkte sowie persönliche Punkte.

5. Die Akupunktur aus der Sichtweise westlicher Wissenschaft

Die theoretisch-philosophische Wirkungsbegründung der Akupunktur (Qi, Yin und Yang, fünf Wandlungsphasen) ist für uns Europäer nicht leicht nachvollziehbar. Und die Namensgebung der Akupunkturpunkte („Göttlicher Gleichmut“, „Grausame Bezahlung“ oder ähnliche) verleiht der Akupunktur vielleicht einen exotischen Reiz, aber nicht unbedingt ein Image der Seriosität. Trotz der nachgewiesenen Erfolge in der Anästhesie und bei der Therapie wird immer wieder versucht, die Wirkung der Nadelung als Placebo-Effekt zu entlarven oder zu verifizieren.

5.1 Die Existenz der Akupunkturpunkte

Vermeintliche Arzneimittel, zum Beispiel Pillen ohne wirksame Bestandteile (Placebo), können bisweilen eine ähnliche Wirkung entfalten wie das „echte“ Medikament. Höchstwahrscheinlich wirken hier Selbstheilungskräfte der Probanden oder, wenn man so will, die pure Einbildungskraft. Ein solcher Effekt kann für die Akupunktur ausgeschlossen werden.25

5.1.1 Der Schmerzschwellen-Versuch

Ein Forscherteam der Universität München ermittelte mit Hilfe eines Drucks auf die Schienbeinmitte der Versuchspersonen die individuelle Schmerzschwelle. Anschließend wurden die Punkte 36 und 46 auf dem Magenmeridian akupunktiert und die Stimulation verstärkt, indem Spannung an die Nadeln gelegt wurde.

Nach Ausschalten des Stromes wurde die Schmerzschwelle erneut bestimmt: Sie war deutlich erhöht. Ein ähnliches Ergebnis erhielt man allerdings auch als andere willkürlich gewählte Punkte auf dem Meridian gereizt wurden.

5.1.2 Die Wirkung der Akupunktur im Gehirn

Bei einem Versuch, der in Kalifornien durchgeführt und an der Uniklinik Köln wiederholt wurde, akupunktierte man einen Punkt am kleinen Zeh. Der betreffende Punkt wird gegen Augenleiden stimuliert. Im Kernspintomogramm konnte bei den Versuchspersonen, deren Augen verbunden waren, „... eine Aktivität des Sehzentrums im Gehirn nachgewiesen werden, wie sie sonst nur durch die Reizung der Augen mit Licht entsteht.“.26

5.2 Ein ungelöstes Rätsel: Die Meridiane

Die Meridiane haben keine anatomische Grundlage oder vielleicht sollte man vorsichtiger sagen, dass sie sich mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden bisher nicht nachweisen lassen.

So ungewöhnlich ist das nicht. Man denke nur daran, dass telepathische Phänomene mit keiner bisher bekannten Energieform in Zusammenhang stehen. Einen Hinweis auf die Existenz der Meridiane liefern vielleicht die so genannten Headschen Zonen. Besagter Wissenschaftler hat festgestellt, dass nervliche Verbindungen zwischen den inneren Organen und bestimmten Hautzonen bestehen. Durch Massage der Zonen können positive Effekte auf die Organe ausgeübt werden. Ein zweites Indiz sind die subjektiven Empfindungen der akupunktierten Patienten.

Es wird behauptet, dass die elektrische Leitfähigkeit der Haut entlang der Meridiane besser sei als quer zu ihnen oder sogar, dass sie hörbar gemacht werden können. Wenn man mit einem besonderen Stethoskop an den Meridianen entlang fährt, ergibt sich ein charakteristisches Geräusch. Streng wissenschaftlichen Kriterien können derartige „Erkenntnisse“ nicht standhalten.

6. Wissenschaftliche Erklärungsansätze

Die Ansichten über die Einsatzbereiche und Erfolgsaussichten der Akupunktur mögen auseinander gehen, ihre prinzipielle Wirksamkeit lässt sich nicht in Frage stellen.

Je ernster man sie nehmen musste, umso stärker wurde das Interesse für die wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Wirksamkeit. Eine umfassende Theorie existiert noch nicht, wohl aber fundierte Erklärungsansätze.27

6.1 Vier Mechanismen

Im Wesentlichen werden heute vier Mechanismen für die Akupunkturwirkung verantwortlich gemacht. Die Nadelung löst erstens die Bildung von körpereigenen morphinartigen Substanzen, so genannte Endorphine und Enkephaline, sowie von Neurotransmittern aus.

Diese Stoffe haben eine schmerzstillende und eine psychisch entspannende Wirkung.

Zweitens führt die Akupunktur zur Aktivierung von Schmerzkontroll-mechanismen.

Außerdem wird der Akupunktur eine Reflexwirkung zugeschrieben.

Der Medizin ist bekannt, dass krankhafte Veränderungen an inneren Organen zu bestimmten Erscheinungen an der Körperoberfläche wie Verspannungen der Muskulatur oder Durchblutungsveränderungen führen können. Die Akupunktur nutzt die offenbar vorhandenen nervlichen Verbindungen, um umgekehrt durch Reizung von Haut und Muskelarialen die zugehörigen Organe zu beeinflussen. Schließlich gibt es noch die regulatorische bioelektrische Wirkung der Akupunktur. Nach Pischinger ist durch das System der Grundregulation jede Körperzelle über das Bindegewebe mit jeder anderen verbunden. Die Reizung durch einen Nadelstich an einer Stelle bewirkt einen Informationsimpuls, der unter anderem zur Veränderung von Abwehrzellen führt.

6.2 Die schmerzstillende Wirkung

Die Erklärungen für die Wirkung der Akupunktur gegen Schmerzen finden die stärkste Anerkennung. Deshalb sollen sie herausgegriffen und etwas näher betrachtet werden. Schmerz entsteht, wenn Nervenzellen unter der Haut beispielsweise durch Druck oder Temperaturveränderungen gereizt werden oder wenn Veränderungen des Gewebes entstehen. Der Schmerzreiz wird zum Rückenmark geleitet, wo er auf andere Nervenzellen übertragen wird, die ins Gehirn laufen. Im sensiblen Teil der Großhirnrinde wird registriert, woher der Schmerz kommt und im so genannten limbischen System wird das Es-tut-weh-Gefühl „erzeugt“.

Die Akupunktur nutzt die Tatsache, dass das Gehirn die eingehenden Reize bewertet und nach ihren Bedeutungen sortiert, das heißt, nicht jeder Reiz oder Sinneseindruck muss uns bewusst werden. Dabei wirken bereits die Nerven auf der Rückenmarksebene mit. Endet die Nervenzelle, die durch die Nadelung gereizt wird im selben Rückenmarkssegment wie der Schmerz, der bekämpft werden soll, so hemmt der Akupunkturreiz die Umlegung dieses Schmerzreizes auf die zweite Nervenzelle. Eine kurzfristige Schmerzblockade entsteht.

Weil der Nadelreiz für das Nervensystem Stress bedeutet, reagiert das Gehirn und es werden schmerzlindernde morphiumähnliche Botenstoffe, Endorphine, freigesetzt. Zugleich steigt der ACTH-Spiegel (Adrenocorticotropes-Hormon), wodurch in der Nebennierenrinde die Produktion von schmerzlindernden und entzündungs- hemmenden Stoffen angeregt wird, zum Beispiel Cortison. Für das An- dauern der Schmerzhemmung wird vor allem das Endorphin verantwortlich gemacht, das solche Nervenbahnen aktiviert, die im Rückenmark für längere Zeit die Schmerzleitung blockieren. Akupunkturpunkte sind aus dem Blickwinkel dieses Erklärungsmodells Stellen mit besonderer Dichte von druckempfindlichen Nervenenden.

7. Ein Fallbeispiel: Akupunktur am eigenen Leib

Ende 1999 begab sich die Verfasserin in Akupunkturbehandlung. Der Grund waren starke allergische Beschwerden sowie häufiger auftretende Kopfschmerzen und Erkältungen mit Reizhusten.

Am Beginn der Behandlung stand nicht die traditionelle chinesische Diagnose mit Pulsbefühlen und ähnlichem, aber eine eingehende Anamnese (Befragung) und eine Aufklärung über den Umfang der erforderlichen Behandlung.

Am 3. Januar 2000 wurden die folgenden Punkte genadelt: Gb 20 (Gallenmeridian)

Lg 14 (Lenkergefäß)

Di 14 (Dickdarmmeridian)

Ma 36 (Magenmeridian)

MP 6 (Milz-Pankreas-Meridian) Ni 3 (Nierenmeridian)

Lg 20

Lu 9 (Lungenmeridian)

3 E 5 (Meridian des Dreifachen Erwärmers)

sowie mit Laser die Punkte Di 20, B 12 (Blasenmeridian), die sich am Kopf, Rücken, Genick, Armen und Beinen befinden.

Allergien werden nach traditioneller Auffassung durch Wind oder Zugluft, Hitze und/oder Feuchtigkeit verursacht und dabei von einer ausgeprägten Abwehrschwäche begünstigt: Biotrope Faktoren dringen in den Körper ein und führen über eine Veränderung des Blutes zu Allergien.

Für die Punktwahl gilt folgendes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für eine Stärkung der Abwehrenergie werden die Punkte Di 4, Di 11, 3 E 5,

Dü 3 (Dünndarmmeridian), Lu 7, Ma 36, MP 6, Le 3 (Lebermeridian), Bl 60

(Blasenmeridian) empfohlen, allerdings berücksichtigt jeder Akupunkteur seine eigenen Erfahrungen.

Die Nadelung bei den erforderlichen zehn Sitzungen wurde bisweilen als leicht unangenehm, manchmal aber so gut wie gar nicht wahrgenommen. Es stellte sich ein Gefühl ein, als ob Spannung anliegt.

Der Auszug aus den Protokollaufzeichnungen der Behandlerin, Frau Petrick, belegt den Erfolg der Behandlung nach Abklingen einer leichten Erstverschlimmerung:

07.01.2000: Husten gebessert

10.01.2000: Erkältung gebessert

24.01.2000: (Inzwischen aufgetretener) Schnupfen wieder weg, hat ohne Probleme Apfel gegessen

17.02.2000: Kein Heuschnupfen bisher, sonst immer um diese Zeit

03.03.2000: Starker Heuschnupfen

17.03.2000: Keine Beschwerden, keine Tabletten

Die Anwendung der Akupunktur hat die Beschwerden der Verfasserin deutlich gebessert, jedoch bisher nicht eindeutig beseitigt, so dass weitere Behandlungen erforderlich sind.

Ohne Frage war die Wirkung der Therapie deutlicher als die bei herkömmlicher medikamentöser Behandlung.

Seit Beendigung dieser Behandlungsphase sind keine Beschwerden mehr betreffend Allergien aufgetreten.

8. Die Akupunkturkontroverse

8.1 Tradititionalismus oder neue Auffassung der Akupunktur

Wolf Ulrich bricht kurzerhand den Stab über die traditionelle Akupunktur: „Es gibt keine „allgegenwärtige Urenergie“, kein „Yin“ oder „Yang““, denn es sei wissenschaftlich erwiesen, „dass die magische Theorie von den Energieströmen (...) falsch ist.“.28

Außerdem sei die Zahl Fünf allein durch mystische Überlegungen vorgegeben gewesen.

Andere Verfasser einschlägiger Literatur unterstreichen die altchinesische Theorie (Kuan Hin) oder stellen sie kommentarlos in den Raum (Hermanns und Vogel). In der Tat kann Akupunktur ohne Rückgriff auf überlieferte Anschauungen betrieben werden; zumindest hat die Verfasserin die Erfahrung gemacht, dass während ihrer Behandlung von Qi, Yin oder Yang nicht die Rede war. Vermutlich ist es unter westlichen Akupunkteuren die Regel, ohne traditionelle Theorie zu praktizieren. Dennoch sollte die Energetik nicht leichtfertig über Bord geworfen werden. Angesichts der phänomenalen Beobachtungsgabe der Chinesen sollte nachgeforscht werden, welche Wahrheit darin steckt.

8.2 Akupunktur und Schulmedizin

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Akupunktur, die amerikanische Gesundheitsbehörde erkennt ihren Wert an und in Deutschland und Österreich vertrauen nicht nur immer mehr Patienten auf die Akupunktur, sie hat auch klinische Tests bestanden. Dennoch verweigert ihr die Schulmedizin und die Gesundheitspolitik die volle Anerkennung. „Ärzte dürfen in Köln Akupunktur auch weiterhin nicht auf Krankenschein verordnen. Der zuständige Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen ließ am Dienstag (17.10.2000, die Verfasserin) in Köln lediglich einen dreijährigen Modellversuch für bestimmte Schmerzkranke zu. Das Gremium begründete seine Entscheidung damit, dass der Nachweis des Nutzens der Akupunktur nach derzeitigem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht erbracht werden könne.“29

Ausnahmen bilden insbesondere chronische Kopfschmerzen, Lendenwirbelsäulenerkrankungen und entzündliche Gelenkerkrankungen.

Man fragt sich unwillkürlich, ob hinter solchen Haltungen die Zweifel an der Wirksamkeit der Akupunktur oder nicht doch die Sicherung von Einkünften stehen. Erfolgreiche Akupunktur könnte die Einnahmen von Ärzten und Pharmaunternehmen schmälern.

Vernünftig erscheint letztlich nur ein Weg: Intensivierung der Forschung und das Sammeln von Erfahrungen mit einer breiten Anwendung. Notwendig wäre eine

Aufnahme der Akupunktur in den Leistungskatalog der Krankenkassen und geeignete Maßnahmen zur Qualitätssicherung.

9. Möglichkeiten und Grenzen der Akupunktur

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Akupunktur wenig ausrichten kann, wenn bereits Gewebeveränderungen eingetreten sind. Behandelt werden kann, was noch nicht zerstört ist. „Das bedeutet, dass vor allem funktionelle, prinzipiell rückbildungsfähige Erkrankungen von der Akupunktur geheilt werden können.“30 Konkret gesagt, Akupunktur kann keinen Krebs heilen, allerdings die Schmerztherapie unterstützen.

9.1 Anwendungsbereiche

Eindrucksvoll bestätigt hat sich die Wirksamkeit der Akupunktur bei der Anästhesie und der Schmerztherapie. Doktor med. Garten verweist auf den psycho-vegetativ entspannenden, das Abwehrsystem regulierenden und den motorisch aktivierenden Effekt der Akupunktur. Als „die der Akupunktur zugängliche Krankheitsbilder“ nennt er:

Kopfschmerzen (zum Beispiel Migräne), orthopädische Krankheitsbilder (zum Beispiel Hexenschuss), gynäkologische und urologische Beschwerden (zum Beispiel Menstruationsstörungen, Potenzprobleme), Magen-Darm-Beschwerden (zum Beispiel Durchfall), Atemwegserkrankungen ( zum Beispiel Asthma), psycho- vegetative Störungen (zum Beispiel Esssucht), Augenerkrankungen (zum Beispiel Grüner Star).

9.2 Kontraindikationen und Risiken

Akupunktur kann nicht in jedem Fall angewendet werden. Als Kontraindikationen gelten Erkrankungen mit unklarer Diagnose, schwere psychiatrische Erkrankungen sowie manche Herzerkrankungen. Ein Herzschrittmacher stellt eine absolute Kontraindikation für Elektorakupunktur dar.

Einer der führenden Akupunkturexperten Europas, Professor Johannes Bischko, schreibt, dass es keine schwerwiegenden Zwischenfälle gebe, wobei er seine eigenen Erfahrungen im Blick hat. Dennoch ist die Behandlung nicht ohne Risiko, so könne in seltenen Fällen ein Kollaps aus psychischen Gründen eintreten (Nadelangst). Aus dem Jahr 1981 ist der Einzelfall des Todes einer Patientin bekannt.31

Schnorrenberger, ein erfahrener Akupunkteur, verweist unter anderem auf folgendes:

- Pneumothorax
- Anstechen der Medulla ablongata (Halsmark mit Atem- und Kreislaufzentrum)
- Anstechen des Herzens
- Blutungen im Unterhautgewebe (Hämatom)

10. Schlussbemerkung

Aus eigener Erfahrung kennt die Verfasserin die Wirksamkeit der Akupunktur und bedauert von daher, dass die Kosten der Behandlung noch nicht vollständig von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Ziel der Bemühungen von Medizin, Forschung und Politik sollte es sein, die Möglichkeiten, die in der Akupunkturbehandlung liegen zu erkennen und den Kranken voll nutzbar zu machen. Es darf nicht übersehen werden, dass die Akupunktur in Fällen geholfen hat, in denen die Schulmedizin „versagt“ hat.

Die unterschiedlichen Auffassungen über die traditionelle Theorie darf kein Alibi für die Vernachlässigung der Akupunktur sein.

Im Übrigen sind Theorie und Praxis der Akupunktur weitaus vielfältiger als im Rahmen vorliegender Arbeit behandelt werden konnte. Eine Auseinandersetzung jedes/jeder Gesundheitsbewussten mit der TCM ist in jedem Fall lohnend.

Literaturverzeichnis:

Duke, Marc

Akupunktur

Scherz Verlag, Bern und München 1973

Fabriek, Albert

Akupunktur in der Allergiebehandlung Hippokrates Verlag, Stuttgart 1999

Garten, H.

Akupunktur-Therapie

Gesundheits-Dialog Verlag, Oberhaching o. J.

Hermann, P. und Vogel, H. Handbuch für den Patienten Mosaik-Verlag, München o. J.

Hin, Kuan

Chinesische Massage und Akupressur

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1993

Ho-Fang, Yu

Wege der Heilung & Erkenntnis - Akupressur Moewig-Verlag, Rastatt o. J.

Koenigstein, Ch.

Bewusste Gesundheit durch Qi Gong Knaur Verlag, München

Köhnlechner

Handbuch der Naturheilkunde Kindler Verlag, München 1975

Pálos, Stephan

Chinesische Heilkunst

ECON-Taschenbuch-Verlag, Düsseldorf und Wien 1990

Scheithauer, Falk et. al.

Mit Qi Gong die Lebensernergie stärken Südwest Verlag

o. J.

Stahlhacke, Rainer

Wege der Heilung & Erkenntnis - Akupunktur Moewig-Verlag, Rastatt

o. J.

Ulrich, Wolf

Schmerzfrei durch Akupunktur und Akupressur

ECON-Taschenbuch-Verlag, Düsseldorf und Wien 1984

Worsley, J. R.

Akupunktur, Heilung für Dich

Ryvellus Medienverlag, Seeshaupt und München 1994

www.akupunktur.ch

www.akupunktur-aktuell.de www.de.news.yahoo.com

www.gesundheitsdialog.de/Akupunktur/Allergien/allergien.html www.meine-gesundheit.de

www.member.aol.com/kraemer96/histor.htm

www.member.aol.com/kraemer96/meridian.htm www.netdoktor.de

www.quarks.de/akupunktur/02.htm

[...]


1 www.netdoktor.de

2 www.meine-gesundheit.de

3 Scheithauer, F. et. al.: Mit Qi Gong die Lebensenergie stärken

4 Hin, K.: Chinesische Massage und Akupressur, vgl. S. 18

5 Stahlhacke, R.: Wege der Heilung und Erkenntnis - Akupunktur, vgl. S. 42

6 ebenda, vgl. S. 10

7 Hermanns, P. und Vogel, H.: Handbuch für den Patienten, vgl. S.105

8 Stahlhacke, R.: Wege der Heilung und Erkenntnis - Akupunktur, vgl. S. 10

9 Hermanns, P. und Vogel, H.: Handbuch für den Patienten, vgl. S. 105

10 Hin, K.: Chinesische Massage und Akupressur, vgl. S. 24

11 www.members.aol.com/kraemer96/histor.htm, vgl. S.1

12 www.quarks.de/akupunktur/02.htm

13 ebenda

14 ebenda

15 www.netdoktor.de, vgl. S.1

16 Stahlhacke, R.: Wege der Heilung und Erkenntnis - Akupunktur, vgl. S.14

17 zitiert nach Scheithauer, F. et. al.: Mit Qi Gong die Lebensenergie stärken, S.

18 zitiert nach www.akupunktur-aktuell.de

19 Hin, K.: Chinesische Massage und Akupressur, vgl. S. 73

20 Hermanns, P. und Vogel, H.: Handbuch für den Patienten, vgl. S. 108

21 Stahlhacke, R.: Wege der Heilung & Erkenntnis - Akupunktur, vgl. S. 23

22 Ho-Fang, Y.: Wege der Heilung & Erkenntnis - Akupressur, vgl. S. 26

23 Hermanns, P. und Vogel, H.: Handbuch für den Patienten, vgl. S. 113

24 Ulrich, W.: Schmerzfrei durch Akupunktur und Akupressur, vgl. S. 134

25 www.quarks.de/akupunktur/02.htm

26 ebenda

27 Garten, H.: Akupunktur-Therapie

28 Ulrich, W.: Schmerzfrei durch Akupunktur und Akupressur, vgl. S. 12 und S. 13

29 www.de.news.yahoo.com

30 Garten, H.: Akupunktur-Therapie

31 Hermanns, P. und Vogel, H.: Handbuch für den Patienten, vgl. S. 117

Details

Seiten
32
Jahr
2001
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110438
Institution / Hochschule
Real Centro Universitario Maria Cristina
Note
1,0
Schlagworte
Akupunktur Biologie

Autor

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