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Die religiöse Funktion von Bertolt Brechts Lehrstück "Die Maßnahme"

Seminararbeit 2006 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religiöse Elemente in der „Maßnahme“
2.1 Grablegung
2.2 Partei und Kontrollchor
2.3 Mönchsorden
2.4 Analogien zur katholischen Liturgie
2.5 Merkmale geistlicher Musik

3. Ansätze zur Erklärung der religiösen Elemente
3.1 Poetische Verwendung der Bibel ohne religiöse Motivation
3.2 „Die Maßnahme“ als säkularisierte Religion
3.3 Problematisierung

4. „Die Maßnahme“ als säkulare Religion
4.1 Funktionale Religionsdefinition (Geertz)
4.2 Theater als Religion (Lyden)
4.2.1 Religiöse Funktion der griechischen Tragödie
4.2.2 Theater als Religion
4.2.3 Ritualcharakter des Theaters
4.3 Mythos der „Maßnahme“
4.3.1 Weltanschauung
4.3.2 Ethik
4.4 Ritualcharakter der „Maßnahme“
4.5 Appellative und verhaltensändernde Wirkung der „Maßnahme“
4.6 „Die Maßnahme“ als säkulare Religion

5. Die religiöse Funktion der „Maßnahme“ im Kontext der Lehrstücktheorie Brechts
5.1 Lehrstücktheorie
5.2 Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis
5.3 Wirkungsintention Brechts in Bezug auf das Publikum

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vor fünfzig Jahren starb mit Bertolt Brecht ein Schriftsteller, dessen Werk zumeist auf seine Extreme reduziert wird. Selbst Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki wies in der anlässlich des Todestags produzierten Sondersendung des Literarischen Quartetts auf die beiden Pole des Brechtschen Oeuvres hin: Brecht, der marxistische Propagandaautor - Brecht, der Dichter beeindruckender Liebeslyrik. Exemplarisch für Letztere stehen die in den späten Jahren entstandenen Buckower Elegien; als Präzedenzstück für den Marxisten Brecht wird meist „Die Maßnahme“ genannt. Mit diesem Stück scheint Brecht dem Klischee des kommunistischen Agitators tatsächlich gerecht geworden zu sein. Ein junger Mensch wird getötet, weil er durch sein untaktisches, zu emotionales, schlicht durch sein menschliches Verhalten den Sieg der Revolution gefährdet. Zwischen die einzelnen Handlungsteile platziert Brecht Loblieder auf den Kommunismus, auf die UdSSR, auf die Partei. „Die Maßnahme“ erscheint auf den ersten Blick als unmenschliches, den Sowjetkommunismus auf eine primitiv-offensichtliche Weise verherrlichendes Propagandastück. Brecht, der marxistische Demagoge also?

Allerdings: Die Beschränkung Brechts auf die zwei Extreme seines Gesamtwerks im Allgemeinen sowie die der „Maßnahme“ auf ihre propagandistische Wirkung im Besonderen wird der Tiefe des Brechtschen Lehrstücks nicht gerecht, die bei genauerer Analyse des Stücks offenbar wird. So weist eine erstaunlich hohe Anzahl an religiösen Motiven, biblischen Zitaten und rituellen Komponenten darauf hin, dass es sich bei der „Maßnahme“ um ein bedeutend vielschichtigeres Werk handelt, als auf den ersten Blick angenommen werden kann.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, herauszufinden, was Brecht mit dem religiösen Duktus seines Lehrstücks „Die Maßnahme“ bezweckt hat. Dabei wird auf das Konzept des US-amerikanischen Religionswissenschaftlers John C. Lyden zurückgegriffen, der Theaterstücke und Filme als religiös funktionierend betrachtet. Es wird gezeigt, dass auch „Die Maßnahme“ religiös funktioniert und also als eine eigenständige, säkulare Religion verstanden werden kann, die potentiell eine für Religionen typische und von Brecht bewusst intendierte appellative Wirkung - also die Veränderung der Weltanschauung, der ethischen Einstellung und des moralischen Verhaltens des Betrachters - bewirken kann.

2. Religiöse Elemente in der „Maßnahme“

2.1 Grablegung

„Die Grablegung“ des jungen Genossen weist schon in der Szenenüberschrift auf die Kreuzigung Christi hin. Auch inhaltlich lassen sich Parallelen finden:

- Der junge Genosse ist einverstanden mit seinem Tod, weil er dessen Notwendigkeit für das Gelingen der Revolution erkennt, so wie auch Jesus mit seinem Tod als Element des göttlichen Heilsplans einverstanden war.
- Der Sinn der Tötung sowohl des jungen Genossen als auch Jesu besteht nicht in der Bestrafung von Schuld. Zwar sind beide in gewisser Weise schuldig (Jesus wird offiziell wegen Gotteslästerung gekreuzigt, der junge Genosse hat die Weisungen der Agitatoren nicht beachtet), dennoch wird der junge Genosse nicht wegen seiner Schuld bestraft (die Tötung ist schlicht eine notwendige Maßnahme für die Sicherung der Revolution), so wie auch Jesu Kreuzigung eine notwendige Maßnahme in Gottes Heilsplan ist.
- „Lehne deinen Kopf an unseren Arm / Schließ die Augen / Wir tragen dich“ 1: Die Körperhaltung des jungen Genossen bei seinem Tod erinnert an das Pietà-Motiv, das Bild der trauernden Maria, die ihren gekreuzigten Sohn in den Armen hält.

Die der Tötung des jungen Genossen vorausgehende Entscheidung „Also beschlossen wir: jetzt abzuschneiden den eigenen Fuß vom Körper“ 2 ist eine Variation des Bibelworts „Wenn dir deine rechte Hand Ärgernis schafft, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, dass eines deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“ (Matthäus 5,30).

2.2 Partei und Kontrollchor

Im „Lob der Partei“ wird die Partei zu übermenschlicher Größe stilisiert und mit den Attributen Allgegenwart, Allwissenheit und Unsterblichkeit versehen. Sie kann somit zum einen als Analogie zum allmächtigen Gott 3, zum anderen als säkularisierte Form der Kirche 4 verstanden werden. Ebenso steht der Kontrollchor als eine die Absolution erteilende Instanz für den richtenden und vergebenden Gott.

2.3 Mönchsorden

Die Auslöschung (Szene 2) ähnelt einem Mönchsgelübde: Die Agitatoren und der junge Genosse werden ihrer alten Namen beraubt, so wie auch der Mönch bei seinem Gelübde einen neuen geistlichen Namen erhält. Beide Namenswechsel symbolisieren ein Aufgeben der alten Identität. Zudem kann das Einverständnis des jungen Genossen in seine Tötung als sprichwörtlicher Mönchsgehorsam bezeichnet werden 5.

2.4 Analogien zur katholischen Liturgie

Lazarowicz macht in seiner Untersuchung der „Maßnahme“ formale Analogien zwischen Brechts Lehrstück und der katholischen Liturgie aus 6. So entspreche die Meldung der Agitatoren im Prolog („Halt, wir müssen euch etwas sagen! Wir melden den Tod eines Genossen“ 7 ) dem Confiteor, dem allgemeinen Schuldbekenntnis zu Beginn der Messe. Das Gloria, das Gotteslob, finde sich in den Liedern „Lob der illegalen Arbeit“, „Lob der UdSSR“ und „Lob der Partei“ wieder. Die Auslöschung (Szene 2) sei eine Variante der vom Priester vollzogenen eucharistischen Wandlung: Die Agitatoren und der junge Genosse geben ihr bisheriges Leben auf („Dann seid ihr nicht mehr ihr selber [...], sondern allesamt ohne Namen und Mutter, leere Blätter, auf welche die Revolution ihre Anweisung schreibt“ 8 ), so wie die Eucharistie die Teilhabe der Gläubigen an Tod und Auferstehung Jesu bedeutet. Diese Analogien deuten, so Lazarowicz, „darauf hin, daß der Autor der >Maßnahme< sein sogenanntes Lehrstück nach der katholischen Meßfeier stilisiert hat.“ 9

2.5 Merkmale geistlicher Musik

Text und Musik der „Maßnahme“ weisen Merkmale geistlicher Musik auf. Die Verwendung von Eingangschor, Arien, Rezitativen, kanonischen und homophonen Chorsätzen sowie kirchentonartlichen Wendungen sind im Vergleich zu den anderen Lehrstücken Brechts einmalig 10. Mehrere deutliche Zitatbezüge auf bedeutende Werke geistlicher Musik verdeutlichen die Parallelen: Während sich der Brechtsche Eingangstext an Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion orientiert, kopiert Eisler in seiner Eingangsmusik die der Matthäus-Passion. Der Chor „Ändere die Welt, sie braucht es“ bezieht sich auf den Schlusschor des ersten Teils von Georg Friedrich Händels „Israel in Ägypten“ 11.

3. Ansätze zur Erklärung der religiösen Elemente

Die auffällig hohe Anzahl biblischer Anspielungen und theologischer Motive zeigt, dass Brecht in der „Maßnahme“ bewusst einen „religiösen Hypertext“ 12 geschaffen hat. Im Folgenden werden zwei Thesen erläutert, die zu erklären versuchen, was Brecht mit der christlichen Symbolik des Stücks bezweckt hat. Zum einen können die biblischen Anspielungen auf eine rein poetische Verwendung der Heiligen Schrift reduziert werden; zum anderen kann vermutet werden, Brecht habe mit der „Maßnahme“ ein Stück politischer Theologie im Sinne Carl Schmitts entworfen. Die Schwierigkeiten, die sich mit beiden Thesen verbinden, lassen deutlich werden, dass ein dritter Ansatz notwendig ist, der anschließend im vierten Kapitel dargestellt wird.

3.1 Poetische Verwendung der Bibel ohne religiöse Motivation

Brecht lehnte als Vertreter eines dezidierten Atheismus jegliche Religiosität und jeden Moralismus strikt ab 13. Allerdings schätzte er die Bibel als poetisches Buch mit einer gewaltigen Sprachkraft. Offene und versteckte biblische Zitate und Motive finden sich in nahezu allen seinen Werken 14. Die christlichen Anspielungen in der „Maßnahme“ können demnach als poetische Ausschmückung des Werks betrachtet werden, ohne dass eine theologische Aussage zu vermuten ist.

3.2 „Die Maßnahme“ als säkularisierte Religion

In seiner Schrift „Politische Theologie“ entwirft der Staatsrechtler und Schriftsteller Carl Schmitt die These, alle prägnanten Begriffe der modernen Staatsrechtslehre seien säkularisierte theologische Begriffe. So handle es sich beispielsweise beim Ausnahmezustand um eine säkularisierte Form des theologischen Ausdrucks „Wunder“, der politische Begriff „Souveränität“ sei eine Verweltlichung der Allmacht Gottes, und das juristische Gesetz sei eine Analogie zur Bibel als ein Buch mit Offenbarungen und Anordnungen 15.

Die von Schmitt beschriebene Tendenz zur Säkularisierung theologischer Begriffe wird am Marxismus deutlich 16. So kann Marx als vorläufiger Höhepunkt eines eschatologischen Säkularisierungsprozesses beschrieben werden, der bereits im frühen Mittelalter in der Eschatologie Joachim von Fiores seinen Ausgangspunkt nahm. Nach Emmerich können zentrale Begriffe der marxistischen Theorie als umfunktionierte eschatologische Begriffe verstanden werden: Das Proletariat ist danach eine Umdeutung des auserwählten Volks, die Weltrevolution eine Verweltlichung des Jüngsten Gerichts und das Himmelreich auf Erden eine Säkularisierung des himmlischen Paradieses 17.

Der christlich-messianische Gehalt marxistischer Ideen wurde gerade in den von einer religiösen Sinnleere geprägten 1920er Jahren, also in der Phase der beginnenden intensiven Auseinandersetzung Brechts mit dem Kommunismus, offen thematisiert 18. So etablierte sich in dieser Zeit der Religiöse Sozialismus, der auf eine Übereinstimmung von sozialistischen Inhalten und Zielvorstellungen mit dem Evangelium und dem Wesen des christlichen Glaubens hinwies und im Marxismus einen ethischen Anspruch an das Individuum erkannte 19.

Für die These, dass Brecht in der „Maßnahme“ Schmitts Lehre von der Politischen Theologie bewusst umgesetzt und mit dem Werk eine säkularisierte Religion entworfen hat, spricht zum einen, dass sich Brechts intensive Auseinandersetzung mit den Ideen Carl Schmitts in seinen Lehrstücken nachweisen lässt 20. So erscheinen in vielen Stücken Figuren, die Schmitts Namen tragen (in der „Maßnahme“ heißt einer der Agitatoren vor der Auslöschung Karl Schmitt) oder als Parodien auf Schmitt verstanden werden können. Zudem verwendet Brecht in seinen Dramen zentrale Begriffe und Ideen Schmitts; die Herstellung einer Norm durch ihre Brechung ist eine wesentliche Denkfigur Schmitts, die dieser ebenso wie Brecht mit dem Begriff „Maßnahme“ bezeichnet 21 Zum anderen trägt auch Brechts Marxismus trotz seines dezidierten Atheismus „sowohl Züge von Wissenschaftsgläubigkeit als auch eines gerade nicht wissenschaftlich verifizierbaren Glaubens an den Menschen als sittliches Wesen“ 22, was, so Emmerich, durchaus als Religiosität bezeichnet werden kann. Wenn Brecht mit der „Maßnahme“ bewusst ein Stück Politischer Theologie im Sinne Schmitts entworfen hat, so könnte die damit verbundene Absicht gewesen sein, „die Begriffs- und Erfahrungswelt des Katholizismus marxistisch umzufunktionieren; das demütige Einverständnis mit einer transzendenten Ordnung, die zentrale Denkfigur des Christentums, wird dabei von Brecht in seine Vorstellungen vom Marxismus hineingenommen.“ 23

3.3 Problematisierung

Die erste These, die die christlichen Motive des Stückes mit Brechts rein poetischem Interesse an der Bibel zu erklären versucht, ist abzulehnen, da die religiösen Anspielungen in zu großer Zahl und zu deutlich vorzufinden sind. Hinzu kommt die in der Dramenhandlung zentrale Stellung der durch die Szenenüberschrift explizit als christliches Motiv kenntlich gemachte „Grablegung“ des jungen Genossen. Demzufolge können die biblischen Zitate und theologischen Anspielungen nicht als zweckfreie poetische Mittel betrachtet werden.

Ebenso ist der Gedanke, Brecht habe in Anlehnung an Schmitts „Politische Theologie“ christliche Begriffe säkularisiert, um den biblischen Gedanken des demütigen Einverständnisses mit einer transzendenten Ordnung auf den Marxismus zu übertragen, zu verwerfen. Brecht hegte eine heftige Abneigung gegen metaphysische Begründungen jeder Art und wehrte sich entschieden gegen den Vorwurf, mit der „Maßnahme“ eine säkularisierte Moraltheologie entworfen zu haben, wollte er doch gerade die tragische oder religiös motivierte Annahme unabänderlicher Gesetzmäßigkeiten verhindern und nicht propagieren 24. Zur These, Brecht wolle die christliche Idee der Demut in Form des Selbstopfers für eine höhere Idee predigen, meint Müller-Schöll: „Wenn nicht von den Vorwürfen, so haben sich Brechts Lehrstücke doch zumindest von solchem Lob nie mehr richtig erholt.“ 25

4. „Die Maßnahme“ als säkulare Religion

4.1 Funktionale Religionsdefinition (Geertz)

Der Begriff „Religion“ lässt sich nicht auf Formen institutionalisierten Glaubens beschränken, die von einer begrenzten Zahl an Menschen vollzogen werden. So definiert bereits Schleiermacher Religion als ein allen Menschen innewohnendes Gefühl der „schlechthinnigen Abhängigkeit“ 26 von einem höheren Wesen. Paul Althaus weist auf das in allen Menschen vorhandene Bewusstsein für die Existenz Gottes hin 27. Demnach kann man von einer allen Menschen innewohnenden Religiosität sprechen, die vom Einzelnen auf unterschiedliche Weise ausgefüllt wird. Allerdings wird der Begriff „Religion“ beschränkt, wenn er an das Kriterium eines transzendenten Wesens (Schleiermacher, Althaus) oder des Heiligen (Eliade 28 ) gebunden wird. Es gibt Phänomene, die diese Kriterien nicht erfüllen, und die dennoch eine religiöse Funktion wahrnehmen und somit als Religion verstanden werden können. Dementsprechend ist eine Definition notwendig, die Religion nicht über ihre Inhalte, sondern über ihre Funktion definiert 29.

Clifford Geertz definiert Religion funktional als ein „Symbolsystem, das darauf zielt, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, indem es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und diese Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß die Stimmungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen.“ 30 Religion bietet als Symbolsystem eine Weltanschauung, die erklärt, wie die Welt ist und warum sie so ist, sowie eine Ethik, die das menschliche Handeln be- und vorschreibt. Beide – Weltanschauung und Ethik – sind Komponenten des Mythos einer Religion. Durch Rituale wird ein Mythos realisiert, also erfahren. Dadurch scheint er, selbst wenn er offenkundig fiktiv ist, „völlig der Wirklichkeit zu entsprechen“, so Geertz. Die Realisierung des Mythos durch dessen Ritualisierung wirkt sich – bewusst oder unbewusst – auf die Weltanschauung, die ethische Einstellung und das moralische Handeln des Einzelnen aus 31.

Mit dieser funktionalen Definition von Religion ist es möglich, die religiöse Wirkung von Phänomenen zu beschreiben, die im Allgemeinen nicht als Religion betrachtet werden. Im Folgenden wird dargestellt, wie das Theater als religiös funktionierend verstanden werden kann.

4.2 Theater als Religion (Lyden)

4.2.1 Religiöse Funktion der griechischen Tragödie

Die griechische Tragödie als Grundlage des europäischen Theaters hat sich aus einem religiösen Ritual entwickelt, das zu bestimmten Festen am Opferaltar des Dionysos veranstaltet wurde 32. Nach Lyden kann dem antiken Drama auch unabhängig von seinen Wurzeln eine religiöse Funktion zugesprochen werden. Der Held griechischer Tragödien, mit dem sich das Publikum identifiziert, erleidet aufgrund eines tragischen Fehlers schweres Unglück und erfährt dadurch Katharsis. Durch das Leiden des Protagonisten werden beim Zuschauer eleoς und jwboς (nach Lessing „Mitleid und Furcht“, nach Schadewald „Jammer und Schaudern“ 33 ) hervorgerufen. Die Identifikation mit der Hauptperson hat für das Publikum eine ebenso kathartische Wirkung. Der Zuschauer lernt, seine eigene Imperfektion wahrzunehmen und mit ihr umzugehen. Laut Lyden ist die Vermittlung von Katharsis sowohl die Funktion des griechischen Dramas als auch einer Religion. Dementsprechend können beide nicht voneinander unterschieden werden 34.

4.2.2 Theater als Religion

Nach Lyden kann jedes Theaterstück als eigenständige Religion im Sinne der Definition von Geertz betrachtet werden. Theater erzählt einen Mythos, übermittelt also dem Zuschauer eine Weltanschauung und eine Ethik. Der Mythos eines Theaterstücks funktioniert wie der Mythos „klassischer“ Religionen: Er führt den Menschen in eine gesonderte Zeit und einen gesonderten Raum. Dennoch bleibt er auf eine besondere Weise realistisch, da er von fundamentalen Spannungen und Konflikten handelt, die durch den Mythos selbst nicht gelöst, aber durch ihn offenbar werden.

Der Mythos des Theaterstücks wird durch Ritualisierung (siehe 4.2.3) realisiert, sodass er dem Publikum als „wahr“ erscheint, obgleich es sich der Konstruiertheit dieser „anderen Realität“ bewusst ist. Die Realisierung des Mythos kann sich auf die Weltanschauung, die ethische Einstellung und das moralische Handeln des Zuschauers auswirken 35.

4.2.3 Ritualcharakter des Theaters

Lydens Ansatz, dem Theater eine religiöse Funktion zuzuschreiben, setzt voraus, dass es sich bei der Aufführung eines Stücks um ein Ritualgeschehen handelt. Lyden belegt diese Behauptung, indem er Komponenten beschreibt, die nicht nur für herkömmliche Rituale, sondern auch für Theateraufführungen konstitutiv sind. Als solche können genannt werden:

- Opferung: Nach René Girard hat das Ritual der Opferung in fast allen Religionen die Funktion, die Gemeinschaft durch das Kanalisieren von Wut auf ein Lebewesen oder einen Gegenstand zu sichern. Schecher knüpft an Girard an, indem er theatrale Gewalt als in der Lage sieht, unkontrollierbare Gewaltausbrüche und destruktive Formen von Sexualität in geregelter Form zu substituieren. Gewaltdarstellungen in Theater und Film führen also zu einer kathartischen Wirkung beim Publikum, da dessen Wut auf den Protagonisten kanalisiert wird. Theater erfüllt somit das Bedürfnis der Menschen, negative Emotionen in gesellschaftlich akzeptierter Form auszudrücken 36.
- Liminalität: Der US-amerikanische Anthropologe Victor Turner beschreibt mit dem Begriff Liminalität einen Schwellenzustand, in dem sich Individuen für kurze Zeit im Rahmen von Ritualen aus der herrschenden Sozialordnung lösen und in ein undifferenziertes Gesellschaftssystem eintreten, in dem bestimmte Normverstöße gestattet sind 37. Durch das Durchlaufen einer liminalen Phase wird sowohl die kurzfristig herausgeforderte soziale Struktur als auch das Individuum langfristig stabilisiert oder positiv formiert. Turner selbst weist darauf hin, dass liminale Erfahrungen auch im Rahmen ästhetischer Prozesse wie Theater, Kunst und Literatur auftreten können 38. Lyden, für den solche ästhetische Erfahrungen religiöse Erlebnisse sind, beschreibt Theater als liminale Phase, die eine kurzzeitige Flucht in ein System erlaubt, in dem Normverstöße legitim sind, da sie von den dargestellten Personen begangen werden und somit folgenlos bleiben 39. Die Zuschauer gehen „renewed and refreshed“ 40 aus der Flucht in die Welt des Theaterstücks hervor.
- Musik: Kaum eine Religion funktioniert in ihren Ritualen ohne musikalische Formen im weitesten Sinne. Die römisch-katholische Liturgie, das protestantische Kirchenlied, indianische Gesänge oder das buddhistische „Om“ sind in ihrer jeweiligen Religion unverzichtbare Bestandteile im Prozess der Verinnerlichung von Inhalten, also der Realisierung von Mythen.
- Nach Warstat sind sowohl Theater als auch Rituale „kulturelle Aufführungen, die der Inszenierung bedürfen, leibliche Kopräsenz erfordern und transformative Wirkungen (Heilung, Katharsis, Aktivierung) entfalten.“ 41

4.3 Mythos der „Maßnahme“

4.3.1 Weltanschauung

Elemente der Weltanschauung, die Brecht in der „Maßnahme“ entwirft, sind unter anderem

- die Weltrevolution als höchstes Prinzip (in Bonhoeffers Terminologie das „Letzte“), nach dem sich alle dogmatischen Lehrsätze und menschlichen Handlungen (Bonhoeffer: das „Vorletzte“ 42 ) auszurichten haben,
- die Vorrangstellung des Verstands vor dem Gefühl 43,
- die Vorrangstellung der Gemeinschaft vor dem Individuum 44,
- die Sinnhaftigkeit des Opfertods. Im Ersten Weltkrieg wurde der Tod als Sinnlosigkeit empfunden, da es sich um einen technischen Krieg handelte, in dem der einzelne Soldat nicht mehr als klassischer Kriegsheld starb. Brecht hingegen bejaht das sinnvolle Opfern des eigenen Lebens für einen höheren Sinn.

4.3.2 Ethik

Brecht stellt in seinem Stück zwei ethische Systeme einander gegenüber: Der junge Genosse folgt einer deontologischen, an festen Prinzipien orientierten Ethik. Seine Grundsätze, nach denen er konkrete Handlungsentscheidungen ausrichtet, sind, seinen Mitmenschen in akuten Notsituationen zu helfen (Szene „Der Stein“), nicht gegen das eigene Gewissen zu verstoßen (Szene „Was ist eigentlich ein Mensch?“) sowie begangenes Unrecht aufzudecken (Szene „Gerechtigkeit“). Nach diesen Prinzipien handelt der junge Genosse unabhängig von den langfristigen Folgen seiner Taten. Demgegenüber steht die teleologisch-utilitaristische Ethik der Agitatoren, die sich an nur einem Prinzip orientieren: dem optimalen gesamtgesellschaftlichen Nutzen, der durch den Kommunismus verkörpert wird („Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: daß er für den Kommunismus kämpft.“ 45 ). Die Handlungen des jungen Genossen sind aus dieser Perspektive ethisch falsch, da sie den Sieg der kommunistischen Weltrevolution gefährden. Moralisch richtig hingegen ist die Tötung des jungen Genossen, die für die Ausbreitung der Revolution zwingend erforderlich ist. Das Individuum muss sich nach der utilitaristischen Ethik der Agitatoren hinter die Revolution stellen und sich notfalls für sie opfern.

Durch das Einverständnis mit seinem Tod erkennt der junge Genosse seine deontologische Ethik als Irrtum an. Der Konflikt zwischen den beiden sich widersprechenden ethischen Systemen wird also von Brecht als dem Schöpfer des Mythos zugunsten der utilitaristischen Moral der Agitatoren gelöst. Diese gilt, solange die Weltrevolution als einzige Orientierungsnorm nicht erreicht ist; hat sich der Kommunismus weltweit ausgebreitet, so sind neue ethische Maßstäbe zu finden. Eine deontologische Moral, wie sie der junge Genosse vertritt, ist dann nicht auszuschließen („Furchtbar ist es, zu töten. Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut / Da doch nur mit Gewalt diese tötende / Welt zu ändern ist, wie / Jeder Lebende weiß. Noch ist es uns, sagten wir / Nicht vergönnt, nicht zu töten.“ 46 ).

4.4 Ritualcharakter der „Maßnahme“

Die Aufführung des Lehrstücks „Die Maßnahme“ kann als Ritual verstanden werden. Die „hochgradig rituelle“ 47 Wirkung des Werks ist von Brecht selbst als solche aufgezeigt worden 48. Sie wird durch den liminalen Charakter des Theaters konstituiert und unter anderem durch folgende rituelle Elemente verstärkt:

- Opferung auf der Ebene des Textes: Der junge Genosse opfert sich nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern auch auf der des Textes. Durch die Darstellung des Gewaltakts werden die negativen Emotionen der Zuschauer kanalisiert.
- Musik: Die religiöse Wirkung der Musik Eislers ist nicht nur von der Forschung, sondern auch von Brecht selbst hervorgehoben worden. Brecht schreibt: „Die Musik zum Teil 2 (Die Auslöschung) stellt einen Versuch dar, eine gesellschaftliche Umfunktionierung als heroischen Brauch zu konstituieren. Es ist denkbar, daß so etwas gefährlich ist, denn ohne Zweifel wirkt dadurch der Vorgang rituell.“ 49 Lucchesi spricht angesichts des enormen Volumens von Orchester und Chor von einer „Gewalt der Musik“ 50. Kiesel bezeichnet Eislers Musik als „Narkotikum“ 51, und Völker sieht in der Musik eine „religiöse [...] Komponente“ 52.
- Religiöser Duktus: Der religiöse Duktus von Brechts Text und auch der Musik Eislers ist bereits im 2. Kapitel beschrieben worden. Die theologische Metaphorik verstärkt die rituelle Wirkung, indem sie den Mythos des Stücks einem verbindlichen Gesetz gleichstellt 53.
- Reduktion: Die Darsteller der Agitatoren sollen ihre Rollen nicht spielen, sondern „zeigen.“ 54 Durch diese Reduktion wird der Ritualcharakter der Aufführung verstärkt.
- Masken: Nachdem die vier Agitatoren und der junge Genosse ihre alte Persönlichkeit aufgegeben haben und nun „leere Blätter, auf welche die Revolution ihre Anweisungen schreibt“ sind, erhalten sie eine neue Identität durch das Aufsetzen von Masken („Dann seid ihr von dieser Stunde an nicht mehr Niemand, sondern [...] unbekannte Arbeiter, Kämpfer, Chinesen.“ 55 ). Die Maskierung hat hier wie in nicht wenigen anderen Religionen die Funktion der Verhüllung und Nicht-Identifizierbarkeit von aktiven Ritualteilnehmern 56.

4.5 Appellative und verhaltensändernde Wirkung der „Maßnahme“

Nach Geertz wirkt sich die Realisierung eines Mythos bewusst oder unbewusst auf die ethische Überzeugung und das moralische Handeln des Einzelnen aus. So geht auch von der „Maßnahme“ durch die theatrale Ritualisierung ihrer Weltanschauung und ihrer Ethik eine appellative und verhaltensändernde Wirkung aus. Das Stück ist keine direkte Anleitung zum politischen Handeln 57, kann aber die Einstellung des Zuschauers verändern (Erkennen der Notwendigkeit einer umfassenden Veränderung des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems) und vom Autor als dem Urheber des Mythos intendierte Handlungen bewirken (aktives Handeln für eine solche Veränderung).

4.6 „Die Maßnahme“ als säkulare Religion

Laut Lyden besteht zwischen Säkularität und Religion kein Gegensatz. Stattdessen ist Säkularität selbst eine Form von Religion. Dementsprechend kann man in Bezug auf kulturelle Phänomene von säkularen Religionen sprechen 58. Bei der „Maßnahme“ handelt es sich also nicht um eine Säkularisierung christlicher Religion, wie bereits in Kapitel 3 gezeigt wurde, sondern um eine eigenständige säkulare Religion.

5. Die religiöse Funktion der „Maßnahme“ im Kontext der Lehrstück-theorie Brechts

Es wurde gezeigt, dass Brechts Stück „Die Maßnahme“ durch die Ritualisierung eines Mythos und die sich daraus entwickelnde Potenz zur appellativen und verhaltensändernden Wirkung religiös funktioniert. Zum Abschluss wird untersucht, inwieweit diese Wirkung von Brecht intendiert ist bzw. ob sie Brechts Lehrstücktheorie widerspricht.

5.1 Lehrstücktheorie

„Der Zweck des Lehrstücks ist also, politisch unrichtiges Verhalten zu zeigen und dadurch richtiges Verhalten zu lehren“ 59, so Brecht. Diese pädagogische Funktion des Lehrstücks gilt allerdings nicht für das Publikum der Aufführung, sondern allein für die Darstellenden. Die Schauspieler sollen durch das Einüben von Handlungsmustern zur Nachahmung oder aber zur Kritik an diesen Mustern durch ein überlegtes Andersspielen angeregt werden. Das Lehrstück ist Kunst allein für den Produzenten; ein Publikum hält Brecht für nicht erforderlich 60.

5.2 Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis

„Die Maßnahme“ gehört zu den von Brecht als Lehrstücken bezeichneten Dramen. Allerdings zeigen sich bei diesem Werk auffällige Diskrepanzen zwischen der Lehrstücktheorie und ihrer praktischen Umsetzung. So können die Mitwirkenden über alternative Lösungsmodelle nicht nachdenken, da der Tod des jungen Genossen „fugendicht austhematisiert“ 61, also analog zum Verlauf einer Tragödie unausweichlich ist. Brecht selbst verwarf Teile seiner Theorie bereits in der Uraufführung der „Maßnahme“, bei der eine enorme Anzahl an Mitwirkenden das geforderte Rotationsprinzip (also den Austausch der Rollen) unmöglich machte und Berufsschauspieler und –sänger sowie ein professionelles Bläserensemble dem laienpädagogischen Charakter des Lehrstücks widersprachen 62. „Es zeigt sich nicht zum ersten Mal, daß gängige Leitsätze aus Brechts Lehrstücktheorie erhebliche Probleme bereiten oder sich als unaufführbar erweisen, wenn sie in der Praxis umgesetzt werden sollen.“ 63

5.3 Wirkungsintention Brechts

Es wurde also festgestellt, dass zum einen Brecht seine Lehrstücktheorie nur teilweise auf die „Maßnahme“ angewandt hat; zum anderen, dass eine erzieherische und verhaltensändernde Wirkung nur bei den Darstellenden erreicht werden soll. In Bezug auf das Publikum hat das Stück, wie bereits nachgewiesen wurde, eine religiöse Funktion: Durch die Ritualisierung des von Brecht entworfenen und in der „Maßnahme“ erzählten Mythos werden die Zuschauer befähigt, ihr moralisches Denken und Handeln zu verändern. Diese religiöse, also auch emotionale Wirkung widerspricht nicht dem rationalen Denken Brechts, der selbst darauf hingewiesen hat, dass „gerade die rationellste Form, das Lehrstück, die emotionellsten Wirkungen“ beim Zuschauer zeigt 64. Der auffällige religiöse Duktus der „Maßnahme“ weist darauf hin, dass Brecht bezüglich der Zuschauer eine religiöse Wirkung intendiert hat.

6. Zusammenfassung

Das Lehrstück „Die Maßnahme“ von Bertolt Brecht und Hanns Eisler weist in Text und Musik eine auffällige Anzahl an biblischen Zitaten, christlichen Motiven und religiösen Themen auf. Dieser religiöse Duktus des Stücks lässt sich weder durch ein rein poetisches Interesse Brechts an der Bibel noch durch die These erklären, Brecht habe mit der „Maßnahme“ eine politische, also säkularisierte Theologie im Sinne Carl Schmitts verfasst. Er weist jedoch auf eine religiöse Funktion des Stücks im Sinne Lydens hin, welcher in seinem Buch „Film as Religion“ Filme und Theaterstücke als eigenständige Religionen beschreibt. Lyden geht von der funktionalen Religionsdefinition von Clifford Geertz aus, nach der Religion das rituelle Erfahrbarmachen eines aus Weltanschauung und Ethik bestehenden Mythos ist, das sich auf die Einstellung und das Handeln des Individuums auswirken kann. Nach Lydens Ansicht trifft dies auch auf Theaterstücke und Filme zu. Der Ansatz Lydens kann auf Brechts und Eislers „Die Maßnahme“ angewendet werden: Das Stück übermittelt eine Weltanschauung (Elemente u.a.: die Weltrevolution als letztes Prinzip, Vorrangstellung des Verstands vor dem Gefühl, Vorrangstellung der Gemeinschaft vor dem Individuum, Sinnhaftigkeit des Todes) und eine teleologisch-utilitaristische Ethik, die sich am optimalen gesamtgesellschaftlichen Nutzen (hier: dem Kommunismus) orientiert. Der Mythos der „Maßnahme“ wird durch die Ritualisierung des Stücks erfahrbar gemacht, wodurch sich die Einstellung des Zuschauers (also seine Weltanschauung und seine ethischen Prinzipien) verändern kann und von Brecht und Eisler intendierte moralische Handlungen bewirkt werden können.

Der Lehrstücktheorie widerspricht diese religiöse Wirkung auf den Zuschauer nicht, da sich deren rationaler und einer religiösen Wirkung widersprechender Charakter nur auf die Darstellenden und nicht auf das Publikum bezieht. Die Tatsache, dass Brecht „Die Maßnahme“ vor Zuschauern aufführen ließ und bereits in der Uraufführung seine eigene Theorie vernachlässigte, macht deutlich, dass er auch in Bezug auf das Publikum eine Wirkung erzielen wollte, die entsprechend seiner Idee des Lehrstücks nicht dieselbe sein konnte, die für die Darstellenden galt. Brecht war sich der religiösen Funktion der „Maßnahme“ also nicht nur bewusst, sondern hat sie durch rituelle Elemente wie den religiösen Duktus des Stücks, der Musik, dem Einsatz von Masken u.a. selbst bewirkt, um auf diesem Weg eine Veränderung in der Denkweise und im Verhalten des Zuschauers zu erreichen.

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

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Böckenförde, Ernst Wolfgang: Politische Theorie und politische Theologie. Bemerkungen zu ihrem gegenseitigen Verhältnis. In: Jacob Taubes (Hrsg.): Der Fürst dieser Welt. Carl Schmitt und die Folgen. (= Religionstheorie und Politische Theologie; 1). München, Paderborn, Wien, Zürich: Finck / Schöningh, 1985². S. 16-25

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Brecht, Bertolt: Die Maßnahme. Zwei Fassungen. Anmerkungen. Frankfurt (Main): Suhrkamp, 1998

Eliade, Mircea: Die Religionen und das Heilige. Elemente der Religionsgeschichte. Frankfurt (Main), Leipzig: Insel, 1998

Emmerich, Wolfgang: Verkappte Religionen. Eschatologischer Marxismus in den 20er Jahren und die Position Brechts. In: Sebastian Kleinschmidt, Therese Hörnigk (Hrsg.): Brechts Glaube. Religionskritik, Wissenschaftsfrömmigkeit, Politische Theologie. (= Recherchen; 11). Berlin: Theater der Zeit, 2002

Geertz, Clifford: Religion als kulturelles System. In: ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt (Main): Suhrkamp, 1987. S. 44-95

Gellert, Inge, Gerd Koch, Florian Vaßen (Hrsg.): Maßnehmen. Bertolt Brecht / Hanns Eislers Lehrstück „Die Maßnahme“. Kontroverse, Perspektive, Praxis. (= Recherchen; 1). Berlin: Theater der Zeit, 1998

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[...]


1 Brecht (1998), S. 82.

2 Ebd., S. 81.

3 Vgl. Hanke (1972), S. 188f.

4 Vgl. Lauermann (1998), S. 54.

5 Vgl. Hanke (1972), S. 204f.

6 Vgl. Lazarowicz (1975), S. 215ff.

7 Brecht (1998), S. 11.

8 Ebd., S. 19ff.

9 Lazarowicz (1975), S. 217.

10 Vgl. Lucchesi (1998), S. 190.

11 Vgl. Rienäcker (1998), S. 180f u. 188; Highkin (1996), S. 158ff.

12 Lauermann (1998), S. 44.

13 Vgl. Kohlhase (1965), S. 186ff.

14 Vgl. Emmerich (2002), S. 38.

15 Vgl. Schmitt (1922), S. 37f; Böckenförde (1985²), S. 19.

16 Die Begriffe „Marxismus“ und „Kommunismus“ werden im Folgenden weitgehend synonym verwendet. Auf eine eigentlich notwendige Differenzierung muss aus Platzgründen verzichtet werden.

17 Vgl. Emmerich (2002), S. 29ff.

18 Vgl. ebd., S. 27.

19 Vgl. Rolfes (1992), S. 248.

20 Vgl. Müller-Schöll (1997), S. 113; ders. (2004), S. 508.

21 Vgl. Brecht (1998), S. 81: „Furchtbar ist es, zu töten. Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut / Da doch nur mit Gewalt diese tötende / Welt zu ändern ist, wie / Jeder lebende weiß.“

22 Emmerich (2002), S. 41.

23 Kohlhase (1965), S. 201.

24 Vgl. Hanke (1972), S. 204f; Müller-Schöll (2004), S. 516.

25 Müller-Schöll (2004), S. 516.

26 Schleiermacher (2003), S. 32.

27 Vgl. Althaus (1952³), S. 37ff.

28 Vgl. Eliade (1998), S. 21ff.

29 Vgl. Lyden (2003), S. 41.

30 Geertz (1987), S. 48.

31 Vgl. ebd., S. 44ff.

32 Vgl. Barth (2002), S. 189; Turner (1989b), S. 162f.

33 Vgl. Girshausen (2005), S. 163.

34 Vgl. Lyden (2003), S. 89f.

35 Vgl. ebd., S. 53f.

36 Vgl. ebd., S. 83ff; Warstat (2005b), S. 277.

37 Zur Verdeutlichung: Zur Weiberfastnacht ist es im Rheinland üblich, dass Frauen die Krawatten von Männern abschneiden dürfen. Obwohl an jedem anderen Tag diese Verletzung der Norm, anderer Leute Eigentum nicht zu beschädigen, nicht toleriert wurde, sind sich zur Weiberfastnacht sowohl „Opfer“ als auch „Täterinnen“ des Ritualcharakters der Handlung bewusst, weswegen das Abschneiden der Krawatte gestattet wird. Solche Feste (also Rituale), bei denen soziale Normen verletzt werden dürfen, sind für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig.

38 Vgl. Turner (1989a), S. 94ff; Warstat (2005a), S. 187.

39 Vgl. Lyden (2003), S. 95.

40 Ebd., S. 53.

41 Vgl. Warstat (2005b), S. 274.

42 Vgl. Bonhoeffer (1992), S. 137ff.

43 Vgl. Krabiel (2001), S. 253.

44 Vgl. Hanke (1972), S. 189f.

45 Brecht (1998), S. 21.

46 Ebd., S. 81.

47 Kiesel (2003), S. 29.

48 Vgl. ebd. , S. 90.

49 Brecht (1998), S. 91. Hervorhebungen vom Verfasser.

50 Lucchesi (1998), S. 193.

51 Kiesel (2003), S. 22.

52 Völker (1998), S. 20.

53 Vgl. Hanke (1972), S. 204.

54 Brecht (1998), S. 92.

55 Ebd., S. 21.

56 Vgl. Röschenthaler (1998), S. 116.

57 Vgl. Tatlow (1998), S. 172.

58 Vgl. Lyden (2003), S. 104ff.

59 Brecht (1998), S. 87.

60 Vgl. ders. (1978), S. 177f.

61 Lucchesi (1998), S. 193.

62 Vgl. ebd., S. 190ff.

63 Lucchesi (1998), S. 192.

64 Brecht (1978), S. 178.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110361
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Funktion Bertolt Brechts Lehrstück Maßnahme Seminar Lehrstücke

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Titel: Die religiöse Funktion von Bertolt Brechts Lehrstück "Die Maßnahme"