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Die Christliche Rechte in den USA

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhalt

1. Transatlantischen Differenzen

2. Die christliche Rechte
2.1. Beschreibung
2.1.1. Vorstellungswelt
2.1.2. Gruppierungen
2.1.3. Evangelikale und US-Politik
2.2. Die Bedeutung der Christlichen Rechten im politischen System der USA
2.3. Die „culture-war“-These
2.4. Historische Entwicklung
2.4.1. Vor den 80ern
2.4.2. Die 80er Jahre
2.4.3. Die Präsidentschaftskandidatur Robertsons
2.4.4. Die 90er Jahre
2.5. Die „neue“ Christliche Rechte
2.5.1. Ein Wandel in der Organisationsstruktur
2.5.2. Die Etablierung im System
2.6. Die christliche Rechte und die Bush-Administration
2.6.1. Der Präsident
2.6.2. Außenpolitische Agenda

3. Zusammenfassung und Ausblick

1. Transatlantischen Differenzen

Heute, in Zeiten zahlreicher Meinungsverschiedenheiten über außenpolitische Zielsetzungen zwischen dem „alten“ Europa und der „neuen“ Welt, den USA, stellt sich mehr denn je die Frage, worauf sich diese unterschiedlichen Ansichten gründen. Die Ursachen sind sicherlich in der unterschiedlichen historischen, kulturellen und politischen Entwicklungen zu suchen, denen sich diese Regionen der Welt unterworfen sahen. Eine Rolle spielen mit Sicherheit auch die zahlreichen und kaum durchschaubaren wirtschaftlichen Verflechtungen, die längst die Politik dominieren und unser aller Leben mitbestimmen.

In dieser Arbeit soll neben einer allgemeinen Betrachtung unter anderem der Frage nachgegangen werden, ob – wie manche Autoren vermuten – auch der Christlichen Rechten eine Rolle in dem Prozess zukommt, durch den die Außenpolitik der USA konstituiert wird. So identifiziert beispielsweise Braml (2005) die Christliche Rechte gar als „Triebfeder der transatlantischen Entfremdung.“ Ob derartige Behauptungen gerechtfertigt sind, lässt sich nicht einfach beantworten. Mit Sicherheit ist die Christliche Rechte ein sehr komplexes Phänomen und tief in der US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelt. Obwohl sich darüber streiten lässt, ob die Christliche Rechte die aktuelle Außenpolitik der USA aktiv mit beeinflusst, ist es sehr wahrscheinlich, dass zumindest ein nicht zu unterschätzender indirekter Einfluss existiert, zumal „deutsche und europäische Intellektuelle“ dazu neigen, „den gegenwärtigen Einfluss einer vom persönlichen Glaubenserlebnis geprägten evangelikalen Rechten in den USA zu verkennen.“ (Voigt 2004)

2. Die christliche Rechte

Betrachtet man das Phänomen, das hier Christliche Rechte genannt, aber auch unter den Namen „Christian Right“, „Religious Right“, „Christian Conservative“, oder – etwas allgemeiner – „people of faith“ und Religiös-Konservative zu finden ist, so muss man sehr differenziert vorgehen. Diese Gruppe rekrutiert sich aus zahlreichen unterschiedlichen christlichen Glaubensgemeinschaften. Zudem ist es nötig, auch nach Form und Grad der Organisationen, Art der politischen Betätigungsfelder, sowie nach Grad der Einbindung einzelner Personen in die Organisationen zu unterscheiden.

Letztendlich kann die Christliche Rechte als soziale Bewegung gelten, die nicht durch eine Einzelorganisation vertreten ist. Wilcox (2000) bezeichnet sie unter anderem als „decentralised, differentiated, and sometimes disorganized“.

2.1. Beschreibung

Die christliche Rechte ist zu verstehen als „politische und soziale Bewegung“ (Minkenberg 2003; S. 24), die versucht, evangelikale Protestanten und andere Christen durch ihre Organisationen für eine konservative Politik zu begeistern. Eine „soziale Bewegung“ bedeutet hierbei eine um eine gesellschaftliche Problemlage konzentrierte und einen besonderen Aspekt fokussierende, viele Menschen ergreifende und vernetzende Gruppierung.

Aktiv vor allem seit den 70er Jahren, versuchen ihre Mitglieder und Anhänger, eine kulturelle Dominanz christlich-evangelikalen Gedankenguts herzustellen. Eine übergeordnete Rolle spielten dabei lange Zeit vor allem die christlichen Fundamentalisten. Die Christliche Rechte kann damit auch gesehen werden als eine anti-modernistische Bewegung, die sich unter dem Eindruck der starken Veränderungen, v. a. der 60er u. 70er Jahre, formierte, und sich vornehmlich gegen alternative Lebensstile und Säkularisierung wendet.

Gewissermaßen den „harten Kern“ der Christlichen Rechten bilden also die Fundamentalisten. Fundamentalismus bedeutet hierbei eine „… ausgeprägte religiöse Orthodoxie, die sich auf die Unfehlbarkeit des biblischen Wortes und eine selektive Adaption religiöser Traditionen gründet und in einer diesseitigen Haltung dezidiert gegen bestimmte Ausprägungen der Moderne wie Liberalisierung und Säkularismus Stellung bezieht.“ (Minkenberg 2003; S. 24)

Eine weitere wichtige Unterscheidung die zu treffen ist, betrifft die Struktur der einzelnen Organisationen. Hier muss man zwischen den Führern christlich-rechter Organisationen, ihren Mitgliedern bzw. Aktivisten, ihren Unterstützern und bloßen Sympathisanten differenzieren.

Die Führer, in der jüngeren Entwicklung der Christlichen Rechten meist Geistliche, heute aber vornehmlich politische Aktivisten, sind diejenigen, welche die Organisationen der Christlichen Rechten ins Leben riefen und anschließend eine politische Mobilisierung in ihrem Sinne vorantrieben. Dabei wurden und werden sie von Aktivisten unterstützt, die sich in besonderem Maße für die Organisationen engagieren. Ihnen gegenüber stehen die formalen Mitglieder, die zwar regelmäßig ihre Beiträge entrichten und die Organisationen moralisch unterstützen, aber sonst weitgehend inaktiv sind. Die Sympathisanten zuletzt dienen gewissermaßen als „Mobilisierungsmasse“ die es z. B. für relevante Wahlen und Abstimmungen, oder etwa Unterschriftensammlungen etc. zu gewinnen gilt.

2.1.1. Vorstellungswelt

Die Vorstellungswelt der Vertreter der christlichen Rechten ist geprägt von teilweise apokalyptischen Endzeitvorstellungen, auf die auch Wilcox (2000) eingeht, darunter:

Premillenialism: Beginn eines moralischen Verfalls bis zum Erscheinen des Anti-Christen. Daran anschließende Wiederkunft Christi, der die Rechtschaffenen in eine epische Schlacht führt und die Gläubigen nach dem Sieg mit in den Himmel nimmt. Obwohl diese Vorstellung bei Fundamentalisten sehr verbreitet ist, war sie einer Mobilisierung der Anhängerschaft eher hinderlich. Dies deshalb, da vor dem Hintergrund eines premillenarischen Glaubens Politik als ein hoffnungsloses, sinnloses Unterfangen erscheinen muss.

Postmillenialism: Wiederkunft Christi nach dem Millennium, einer tausendjährigen Friedensperiode, für deren Entstehung menschliche Bemühungen von zentraler Bedeutung sind.

Dispensationalism: Ablauf einer episodischen Heilsgeschichte während der den Menschen Gottes Gnade zu Teil wird. In diesem Zusammenhang wird jedoch ebenfalls der Anbruch eines neuen Zeitalters erwartet.

Creationism: Die biblische Schöpfungsgeschichte, die genau wie die Bibel im Allgemeinen, meist wortwörtlich genommen wird. Zugrunde liegt jedoch meist eine englische Übersetzung, die wie jede Art von Übersetzung jedoch bereits Interpretation sein müsste.

Dieser Weltsicht ist es zu verdanken, dass beispielsweise Robertson, den 09.11.2001 gar als ein „Strafgericht Gottes“ für die ihm missliebigen Lebensweisen und gesellschaftlichen Praktiken dargestellt hat. (Wilcox u. Larson 2005; S. 89) Auch wenn man annimmt, dass eine solche Aussage in provozierender Weise und inhaltlich überspitzt gemacht ist, so ist es dennoch nicht unwahrscheinlich, dass der Redner durchaus selbst davon überzeugt ist. Trotzdem hat sich Robertson mit einer solchen Ansicht bestimmt nicht in jedermanns Augen der Lächerlichkeit preisgegeben. Derartige Aussagen passen offenbar zur Weltsicht mancher US-Amerikaner, so dass viele durchaus geneigt sein könnten, ihnen zu glauben.

Bis heute lässt sich bei Teilen der Christlichen Rechten eine Fokussierung auf individuelle Bekehrung und Weltabgewandtheit erkennen. (Wilcox u. Larson 2005; S. 92) Dies ist auch einer der Gründe für die lange vorherrschende politische Inaktivität. Man kann vermuten, dass vor allem diejenigen Teile der Christlichen Rechten, welche premillenarische Glaubensvorstellungen haben, von dieser Inaktivität stärker betroffen sind und sich weniger leicht mobilisieren lassen.

2.1.2. Gruppierungen

Die Rekrutierungsbasis für eine politische Mobilisierung durch Geistliche und Aktivisten der christlichen Rechten, stellt vor allen Dingen die Gruppe der Evangelikalen dar. Diese sehen die Verkündigung des Evangeliums als eines ihrer Kernanliegen und proklamieren teilweise so genannte „Erweckungserlebnisse“ für sich. Zusammen genommen stellen sie ca. 25 % der US-Bevölkerung. Traditionell eher Nicht-Wähler erlebten sie historisch mehrere Phase der politischen Mobilisierung des Evangelikalismus durch die Christliche Rechte. Zu den Evangelikalen sind nach Wicox (2005) folgende Gruppierungen zu rechnen:

Fundamentalisten: Diese praktizieren eine wortwörtliche Bibelauslegung und leben eher zurückgezogen. Vor den 80er Jahren waren sie politisch inaktiv und stehen Pfingstlern und Charismatikern eher kritisch gegenüber. Bereits erwähnte Endzeitvorstellungen sind bei ihnen besonders verbreitet. Sie stellen ca. 9 % der US-Bevölkerung und viele der Führer der christlichen Rechten sind dieser Gruppe zuzuordnen.

Pfingstler: Sie halten die Offenbarung ebenfalls für wahr, glauben zudem aber auch an eine zweite Taufe durch den heiligen Geist. Als einzige Gruppe bilden sie eigenständige, unabhängige Glaubensgemeinschaften.

Charismatiker: Bei ihnen herrschen ähnliche Glaubensüberzeugungen wie bei den Pfingstlern vor. Anders als diese gründen sie jedoch freie Assoziationen.

Neo-Evangelikale: Diese Gruppe kann als relativ gemäßigt angesehen werden. Zwar sind auch sie von der Unfehlbarkeit der Bibel überzeugt, halten sie aber nicht unbedingt für wortwörtlich wahr. Auch sie halten eine Geistestaufe für möglich, akzeptieren sie jedoch nicht als Massenphänomen.

Hierzu sei noch angemerkt, dass weder alle der Christlichen Rechten zuzuordnenden Personen sich als „evangelikal“ bezeichnen, noch alle Evangelikalen Gruppierungen sich der Christlichen Rechten zuordnen lassen.[1]

2.1.3. Evangelikale und US-Politik

Es sind historisch und traditionell bestimmte Politikfelder der US-Politik, die die Meinungen polarisieren, und gleichzeitig Ansatzpunkte für die Verbreitung religiös-konservativen Gedankengutes bieten. Zu diesen sensiblen Themengebieten bezieht die christliche Rechte eindeutig Stellung und kann damit bestimmte religiöse Gruppen für ihre Positionen gewinnen. Wilcox (2005) unterscheidet hierbei folgende Kategorien.

Familie und Sexualität

Hier wird das 50er Jahre Familienmodell propagiert, ebenso sexuelle Abstinenz vor der Ehe. Maßnahmen hierfür sind Versuche, an staatlichen Schulen eine Förderung für „abstinence only“-Progamme zu erreichen. Was Homosexualität betrifft, so reichen die Positionen über die Forderungen nach verschiedenen Benachteiligungen über Diffamierung bis hin zur Kriminalisierung. Eine etwas kurios anmutende Form des Umgangs mit diesem Thema stellen „Bekehrungsversuche“ dar, wie sie z. B. von „Focus on the Family“ versucht wurden. Die Rolle der Frau wird als die der Hausfrau und Mutter gesehen, was aber politische Betätigung nicht auszuschließen scheint. Programmatisch wird hierbei beispielsweise gegen staatliche Begünstigung weiblicher Berufstätigkeit vorgegangen.

Öffentliche Rolle der Religion

Die USA gelten der christlichen Rechten als christliches Land, das ähnlich oder in der Tradition von Israel von Gott erwählt ist und von ihm belohnt und bestraft wird. Daraus resultieren die Forderungen nach Raum für Religion im öffentlichen Bildungswesen bis hin zur Beseitigung „säkular-humanistischer“ Lehrinhalte. Das Paradebeispiel hierfür wäre die Ablehnung und Bekämpfung der Darwin’schen Evolutionstheorie, die als direkter Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte gesehen wird und damit das Weltbild der christlichen Rechten bedroht. Als Alternative wird momentan die Theorie des „Intelligent Design“ (ID) propagiert, welche unter anderem die Entstehung der Arten auf periodische Eingriffe eines übernatürlichen Wesen in die Erbsubstanz zurückführt. Hier ist man aktuell dabei, zumindest eine Gleichwertigkeit beider Theorien zu erkämpfen. Ebenso kann man auch hier die Einführung von „abstinence-only“-Programmen nennen, die in einigen Staaten sogar vom Bunde unterstützt werden dürfen. Zudem gibt es bereits in 35 Staaten und Washington D. C. die Möglichkeit einer Befreiung von Unterrichtseinheiten die den religiösen Vorstellungen (der Eltern) widersprechen. Allgemein wird versucht, Konzessionen für Konfessionsschulen leichter und zahlreicher zu erhalten, um Kindern und Jugendlichen leichter religiös-konservatives Gedankengut vermitteln und sie gleichzeitig von säkular-humanistischem isolieren zu können.

So wird versucht, der Religion im öffentlichen Leben eine größere Rolle zukommen zu lassen und somit das herrschende Verhält von Kirchen und Staat zumindest zu beeinflussen, ohne dabei jedoch das first amendment in Frage zu stellen. Um dessen Interpretation wird jedoch bereits eine lang anhaltende Debatte geführt, in welcher eine ganze Bandbreite von Positionen vertreten wird.[2]

Wirtschafts- und Sozialpolitik

Bis 70er Jahre wurden in diesem Bereich eher linke Positionen vertreten, die jedoch später einer Annäherungen an die Positionen der Republikanischen Partei wichen. Wohlfahrtsprogramme für Arme würden gerne in den Händen kirchlicher Einrichtungen gesehen werden.

Außenpolitik

Was die Außenpolitik betrifft, so ist die christliche Rechte traditionell eher isolationistisch ausgerichtet. Dennoch herrscht eine generelle Unterstützung für Truppen im Ausland vor. Eine eindeutige außenpolitische Position ist in einer unbedingten Beistandspflicht für Staat (und Volk) von Israel zu finden, welche durchaus auch auf heilsgeschichtliche Vorstellungen zurückgeht. [Auf die neueren Entwicklungen in der US-Außenpolitik soll später noch genauer eingegangen werden.]

2.2. Die Bedeutung der Christlichen Rechten im politischen System der USA

Die Religion spielt seit jeher eine große Rolle im politischen System der USA. Nicht zuletzt deshalb, da anfangs viele der Einwanderer zum Teil auch religiöse Flüchtlinge waren. So schlägt sie sich unter anderem auch als abstrakte Legitimation der Zentralregierung bis heute im Selbstverständnis der USA nieder.[3] Neben diesem religiösen Charakter hat sich zudem ein besonderer Wertekomplex herausgebildet, der in vielerlei

Hinsicht die US-Gesellschaft konstituiert, und in den ebenfalls vormals religiöse Elemente mit eingeflossen sind. Gerade deshalb besaßen und besitzen Moral- und Wertfragen immer einen herausragenden Stellenwert im politischen Diskurs der USA.

Davon abgesehen besitzt das US-System eine relativ föderale Struktur. Deshalb werden in den USA auch spezifische Formen politischer Willensbildung praktiziert, in denen sozialen Bewegungen ein besonderer Stellenwert zukommt.

So weist Brocker auch (2004) darauf hin, dass das politische System in den USA in hohem Maße auf die Etablierung und Mitwirkung vielfältiger sozialer Bewegungen hin ausgerichtet ist. Auch die Christliche Rechte ist unter diesem Aspekt „nur“ eine soziale Bewegung, obgleich sie überdurchschnittlich viel Rückhalt in der Bevölkerung hat und sich, anders als viele andere, fest im politischen System etabliert zu haben scheint.

2.3. Die „culture war”-These

Seit jeher herrscht im politischen System der USA eine starke Konkurrenz von Weltbildern und Glaubensgemeinschaften. Mitverantwortlich ist hierbei das traditionelle religiöse Unternehmertum, welches noch die erste Gründungswelle der Organisationen der Christlichen Rechten prägte. Die Christlich Rechte jedoch kann allein mit religiösen Unternehmertum nicht mehr erklärt werden.

In der Tat hat die Auseinandersetzung zwischen Wertkonservativen und Liberalen in jüngerer Zeit wieder an Schärfe gewonnen. Dies hat einige Autoren dazu veranlasst, die These aufzustellen bzw. zu verfechten, dass in den USA ein regelrechter „Kulturkampf“ zwischen der Christlichen Rechten und Vertretern des säkularen Humanismus entbrannt sei. Diese These geht nach Wilcox (2000) auf den US-Soziologen James Davison Hunter zurück. Die mit ihr umschriebene Auseinandersetzung betrifft sowohl den individuellen Bereich, als auch die öffentliche politische Auseinandersetzung und gründet augenscheinlich in zwei verschiedenen divergierenden Weltsichten.

Betrachtet man die zahllosen gerichtlichen Auseinandersetzungen, die sich beide Parteien auf Grund strittiger Themen leisten (müssen), so klingt diese Auffassung gar nicht so abwegig. In der Tat scheiden sich gerade in den USA am Thema Religion die Geister: So nimmt die Religion einen für europäische Verhältnisse relativ hohen Stellenwert ein. Dies mag daran liegen, dass die Zugehörigkeit in einer Religionsgemeinschaft für Teile der Bevölkerung eine wichtige Identifikationsgrundlage darstellt. Dem gegenüber steht jedoch eine wachsende Zahl derer, in deren Leben Religion nur eine vergleichsweise geringe Rolle spielt. Trotzdem vertritt Hunter die Auffassung, dass die Auseinandersetzung vor allem auf verschiedene Ansichten zu und Auffassungen von moralischer Autorität zurückgeht. Daran, dass die Auseinandersetzung inzwischen anders wahrgenommen wird, seinen im Wesentlichen die Führer der christlichen Rechten verantwortlich. Sie sei als eine Meinungsverschiedenheit zwischen religiösen und nicht-religiösen US-Amerikanern umgedeutet worden, was zu vereinfachend ist: „Yet the Idea of a culture war oversimplifies the dimension of conflict over moral and social issues.“ (Wilcox 2000; S. 19)

Weiterhin verdeutlicht Wilcox, dass die Ansichten säkularer und streng religiöser US-Amerikaner zwar sehr wohl auseinander gehen würden, besonders was die Themen Sexualität und Erziehung anbetrifft, dies sei jedoch genauso der Fall innerhalb der zur Gruppe der streng Religiösen zu rechnenden. Außerdem stünden säkulare US-Amerikaner der Religion nicht unbedingt feindlich gegenüber. Ein gewisses Konfliktpotntial sei zwar nicht zu leugnen, doch es ließen sich dabei mehr als zwei Parteien ausmachen. Zudem würde ein großer Teil der US-Amerikaner gar nicht Partei ergreifen. Selbst wenn religiöse und moralische Werte in der US-Gesellschaft eine große Rolle spielten, würde selbst bei Verfechtern eine Federführung durch die Christliche Rechte nicht unbedingt anerkannt. (vgl. Wilcox 2000; S. 20)

Trotzdem sieht sich gerade die Christliche Rechte offenbar unter Zugzwang und ist enorm streitbar .Sie vertritt eine Sichtweise in der die USA als christliche Nation gelten, die vom säkularen Humanismus bedroht wird. Darum stellt sie auch „die Forderung nach einer starken staatlichen Rolle zur Aufrechterhaltung traditioneller religiös-moralischer und sozialer Werte und Institutionen (family values, law and order).“ (Minkenberg 2003; S. 24)

Auch kann man eine gewisse Kontinuität der Auseinandersetzung ausmachen, welche für beide Parteien, wenn man nun doch einen „Kulturkrieg“ annimmt, mit wechselndem Erfolg verlief: „Bis in die 20er Jahre hinein waren Evangelikalismus und protestantischer Fundamentalismus in den USA soziokulturell einflussreich.“ (Brocker 2004; S. 39) Doch bereits der Scopes-‚Monkey-Trial’ (1925) war eine herbe Niederlage für Verfechter eines religiösen Fundamentalismus. Aber „erst seit der Zeit des New Deal und dann vor allem seit der Zeit des späten 20. Jhdts. erlebte ihr Gegenspieler, der Liberalismus, eine Renaissance und konnte für fast zwei Jahrzehnte zur dominierenden „Richtungsideologie“ (Vorländer 1996; 434) werden.“ (Brocker 2004; S. 39). Damit verbunden waren eine Stärkung der Bürgerrechte und eine Etablierung alternativer Lebensweisen. Als eine weitere Niederlage des religiös-konservativen Lagers wäre das gescheiterte Impeachment-Verfahren gegen Clinton 1999 zu deuten. Unter dem Eindruck dieses Ereignisses wurde der „Kulturkrieg“ von Paul Weyrich, einem wichtigen Strategen der Christlichen Rechten, für bereits für verloren erklärt und gleichzeitig ein Rückzug aus Politik und Kultur empfohlen. (vgl. Minkenberg 2003; S. 23) Dieser fand jedoch bislang nicht oder nur partiell statt und auch die Auseinandersetzungen sind vor allem in den Einzelstaaten noch in vollem Gange.

Zuletzt ist noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Auseinandersetzungen als nahezu vollständig in institutionellen Bahnen verlaufend bezeichnet werden können. Als Gründe dafür, dass es im Falle der Christlichen Rechten letztlich nicht zu einer Radikalisierung und gewalttätigen Konflikten mit dem ideologisch-politischen Gegner kam, nennt z. B. Brocker (2004; S. 320) folgendes:

- Das auf eine pluralistische Einflussnahme ausgerichtete politische System der USA, welches gemäßigte, bzw. systemintegrierte Strategien der Einflussnahme begünstigt.
- Die gesamtgesellschaftliche Resonanz auf die durch die Christliche Rechte aufgegriffenen Themen, wodurch es zu einer frühen Unterstützung von Teilen bereits etablierter Gruppen kam. Inakzeptable oder gar illegitime Aktionsformen hätten diese Unterstützung gefährdet.
- Die libertäre Haltung des Staates im Umgang mit sozialen Bewegungen und politischen Organisationen.
- Die weitgehend zivilen Strategien des politischen Gegners, die keine Gewalt provozierten und sukzessive adaptiert wurden.

2.4. Historische Entwicklung

Im Laufe ihrer Entwicklung durchlebte die christliche Rechte mehrere Phasen ihrer Mobilisierung durch ihre geistigen Führer. Nach Clyde und Larson (2005) lassen „sich vier historische Phasen ausmachen, in denen Evangelikale durch Aktivisten sozialer Bewegungen politisch mobilisiert werden konnten.“ (S. 92)

Wie bereits erwähnt, waren diese Aktivisten und Führer anfangs vor allem Geistliche, wurden aber sukzessive in ihrer Funktion von religiös-konservativen Politikern verdrängt. Außerdem lassen sich, ausgehend von Qualität und Struktur der Organisationen, verschiedene Abschnitte unterscheiden.

2.4.1. Vor den 80ern

Um die Jahrhundertwende – Wilcox und Larson (2005) sprechen auch von der ersten Mobilisierungswelle – formierte sich die christliche Rechte als Gegenreaktion auf die Entwicklung einer modernen Auslegung von Glaubensinhalten in Bezug auf Sozialpolitik und Evolutionstheorie. Der aufkommenden Vorstellung von der Wirksamkeit eines Sozialdarwinismus begann man von Seiten der Kirchen und Religionsgemeinschaften soziales Engagement entgegenzusetzen.

Im Zuge dieser Entwicklung wurde 1919 die World Christian Fundamentals Association (WCFA) gegründet. Ab 1920 fand schließlich eine explizitere Auseinandersetzung mit der Darwin’schen Evolutionstheorie quer durch die Religionsgemeinschaften statt.

Als weitere Organisationen wurden in der Folgezeit die „Bible League of North America“, „Bible Crusaders of America“ und „Defenders of the Christian Faith“ gegründet.

Die Vorgehensweisen beschränkten sich zu dieser Zeit auf „stille“ Überredungsversuche der Führer an den Gesetzgebern und Aufbau von öffentlichem Druck. Ein Problem war jedoch die bislang unter religiös-konservativen weit verbreitete Auffassung von „politics as an ultimately futile endeavor“ (Wilcox 2000). Trotzdem gipfelte die Auseinandersetzung schließlich im so genannten Scopes ‚Monkey-Trial’ (1925), der mit einer großen Niederlage für die Fundamentalisten endete.

Weitere Organisationen welch dieser Mobilisierungswelle entsprangen waren „American Council of Christian Churches“ und „National Assotciation of Evangelicals”.

In den 50er Jahren beteiligten sich Gruppierungen der Christlichen Rechten an antikommunistischen Hetzen, losgetreten von Senator Joe McCarthy. Hier kämpfte man für ein Verbot des Kommunismus. Obwohl bislang Sozialpolitik eher ein Anliegen gewesen war, begann man sich von der Idee eines Wohlfahrtsstaates zu distanzieren, da dieser gewissermaßen als „Vorform des Sozialismus“ (Wilcox u. Larson 2005; S. 93) angesehen wurde. Mit der Unterstützung der Präsidentschaftskandidatur Goldwaters und dessen Niederlage verlief sich diese zweite Mobilisierungswelle.

2.4.2. Die 80er

Bereits Ende der 70er Jahre beginnend formierte sich in den 80er Jahren schließlich eine dritte Mobilisierungswelle, „die weit größer war als die beiden vorigen.“ (Wilcox u. Larson 2005; S. 93) Nachdem es dem Demokratischen Präsidentschaftskandidaten Carter 1976 erstmals gelungen war, Evangelikale in größerer Zahl zur Wahlurne zu bewegen, begannen konservative Kreise, denen Evangelikale ideologisch ja eigentlich näher stehen, diese mittels politischer Organisationen und geeigneter geistiger Führer in ihr Lager zu holen. In der Folgezeit entstanden Organisationen wie „Religious Roundtable“, „Christian Voice“ und „Moral Majority“. Letztere Organisation sollte letztlich an ihrer Intoleranz maßvolleren christlichen Glaubensrichtungen gegenüber scheitern. In die Programme wurden jetzt auch wirtschafts- u. sozialpolitische, sowie außen- u. sicherheitspolitische Forderungen aufgenommen.

Zu den Aktivitäten in den 70er u. 80er Jahren gehörte vor allem die Unterstützung konservativer Kandidaten durch Werbebroschüren und Wählerregistrierung von Seiten der Organisationen der Christlichen Rechten. So behauptete unter anderem der Gründer von „Moral Majority“ Jerry Falwell entscheidend zu Reagans Wahlsiegen 1980 u. 1984 beigetragen zu haben. Daran anschließende Lobby-Bemühungen blieben jedoch relativ erfolglos, bis sich „Moral Majority“ schließlich 1986 auflöste. Ende 80er Jahre kam es schließlich zu einer Phase des Niedergangs, auch vieler weiterer Organisationen, auf Grund von Ressourcenmangel. (Wilcox u. Larson 2005; S. 93/ 94)

2.4.3. Die Präsidentschaftskandidatur Robertson

Die Kandidatur des Fernsehpredigers Marion „Pat“ Robertson, einem Charismatiker mit eklektizistischen religiösen Vorstellungen, stellte gewissermaßen eine Zäsur dar und leitete die vierte Mobilisierungswelle der Christlichen Rechten ein:

1987 kündigte er an, die Nominierung für die Republikanische Partei anzustreben. Seine populistisch anmutende Kampagne begann mit einem guten Start und bekam zunächst große Unterstützung von Pfingstlern und Charismatikern, weniger aber von Fundamentalisten. Sein Programm beinhaltete soziomoralische und religionspolitische Kernforderungen der christlichen Rechten.

Schließlich traten jedoch zunehmend Ungereimtheiten in seiner Selbstdarstellung auf, als er unter anderem unhaltbare Behauptungen verlauten ließ und er Wähler durch unbedachte Äußerungen verprellte. Außerdem verhinderten theologische Differenzen eine vollständige Mobilisierung. Am Ende musste sich Robertson schließlich geschlagen geben: Statt ihm wurde George H. W. Bush als Kandidat der Republikaner nominiert. Trotzdem gab Robertson seine politischen Ambitionen noch nicht auf. Vielmehr ermunterte er seine Anhänger dazu, die einzelstaatlichen Parteiorganisationen zu infiltrieren. Dies war der Beginn einer systematischen Unterwanderung der Republikanischen Partei. Eine weitere Errungenschaft in ihrem Sinne waren die Tendenzen zur Bildung einer ökumenischen Christlichen Rechten.

2.4.4. Die 90er Jahre

An seine Niederlage anschließend gründete Robertson im Folgejahr die „Christian Coalition“, mit deren Führung er Ralph Reed, einen Republikanischen Parteiaktivisten betraute. (Wilcox u. Larson 2005; S. 94)

Diese und sowie auch andere Organisationonen dieser „neuen Generation“ unterschieden sich von den Älteren, sowohl was ihren Aufbau, als auch was ihre Vorgehensweisen anbetraf. So setzten sie beispielsweise keine Geistlichen mehr für den lokalen und regionalen Organisationsaufbau ein, gaben Schulungsbroschüren aus und hielten Trainingsseminare für „organization building“ ab. In der Öffentlichkeit versuchten sie theologische Streitfragen zu umgehen und Verbindung zu allen „people of faith“ aufzunehmen.

Die CC wurde zu einem der wichtigsten Wahlkampfhelfer der Republikanischen Partei: So wurden beispielsweise „voter guides“ sehr kurzfristig vor der Wahl in Kirchen verteilt (1992 und 1994 angeblich 40 Millionen Stück)

Das erklärte Ziel Robertsons war es, eine Republikanische Dominanz im Kongress zu schaffen und einem Republikanischen Präsidenten zum Wahlsieg zu verhelfen. Diese Ziele wurden 1994 u.2000 erreicht. Doch auch in dieser Phase war den Lobby-Bemühungen relativ wenig Erfolg beschieden. Ende 90er Jahre trat ein finanzieller Engpass auf, der zur Entlassung der Lobbyisten und zum Zurückfahren sonstiger Aktivitäten führte. (Wilcox u. Larson 2005; S. 95) Was die Lobby-Tätigkeit anbelangt, war „Focus on the Family“ weitaus erfolgreicher. Aus dessen Tätigkeit ging zudem das „Family Research Council“ hervor, das sich lange Zeit der wissenschaftlichen Verpackung christlich-rechten Gedankenguts widmete.

2.5. Die „neue“ Christliche Rechte

Diese Bezeichnung ist nur ein neuer Begriff für dieselbe gesellschaftlich-politische Strömung. Worauf er hinweist, ist vor allem ein Wandel in Qualität und Struktur der Organisationen. Diese haben sich den Anforderungen einer modernen Gesellschaft inzwischen angepasst. Durch diese Umstrukturierung gelang der Christlichen Rechten zudem ein großer Schritt: Sie konnte sich anscheinend fest in das politische System der USA integrieren. Dabei „büßte die Christliche Rechte ihren Bewegungscharakter“ allerdings „weitgehend zu Gunsten institutioneller pressure group politics ein.“ (Brocker 2004; S. 319)

2.5.1. Ein struktureller Wandel

Wie bereits erwähnt, begannen sich Strategien und Aktionsformen der „neuen“ Christlichen Rechten nach Robertsons Niederlage bei der Kandidatur um das Präsidentenamt zu wandeln.

Diese Umstrukturierung nennt Minkenberg (2003; S. 24) eine „äußerst wirkungsvolle strategische Erneuerung“. Für ihn beinhaltet sie zwei zentrale Elemente: Zum einen eine Forcierung der Kulturkampfrhetorik unter Vermeidung religiöser Reizworte und ihre Ersetzung durch ein Grundrechtsvokabular, zum anderen die Rückkehr zu einer grass-roots-Strategie, eine von der Basis ausgehende, indirekte bzw. auf Umwegen statt findende beeinflussung der Politik. Nicht zuletzt durch diese gelang eine zunehmende Unterwanderung von Ortsverbänden und Einzelstaatsorganisationen der Republikanischen Partei.

So stellt Minkenberg (2003; S. 26) fest, dass die Christliche Rechte „überaus erfolgreich in der Durchdringung der Republikanischen Einzelstaatsorganisationen“ war.

Allein dieser Strategie zu verdanken, dass es sukzessive wieder zu einer stärkeren Präsenz auf nationaler Ebene kam.

Charakteristisch für die Organisationen dieser neuen Gründungswelle ist ebenso ein höherer Grad an Professionalisierung. (Minkenberg 2003; S. 25) Auch spielen persönliche Kontakte im Organisationsumfeld eine wesentlich größere Rolle. Dies kann man z. B. daran erkennen, dass es in den Führungsgremien der Organisationen der Christlichen Rechten starke personelle Überschneidunge gibt.

Weiterhin nennt auch Broker (2004; S. 180-259) zahlreiche Neuerungen, was die Strategien und Aktionsformen anbelangt: Zu nennen wären hierbei adressatenorientierte Kommunikation unter Nutzung moderner Kommunikationsmittel neben den traditionellen Drucksachen. Dazu kommt eine Differenzierung, zum einen in Binnenkommunikation und zum anderen in gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Eine neuere Entwicklung ist die systematische Ermittlung von Sympathisanten, z. T. durch professionelle Unternehmen, welche dann kontaktiert werden.

So findet auch die Wählermobilisierung inzwischen gezielter statt. Vor allem die CC engagiert sich stark in diesem Bereich, indem sie ihre zahlreichen Kontakte nutzt. Sie verfügt über ausreichend zahlreiche Anhänger und erfahrene Aktivisten, verteilt voter guides und initiiert automatisierte Telefonanrufe.

Weiterhin findet eine engere Kooperation und Ressourcenbündelung zwischen den Organisationen statt. Auch in diesem Zusammenhang ist auf die enge personelle Verflechtung der Führungsebenen verschiedener Organisationen hinzuweisen.

Und ebenso versuchen die Organisationen der Christlichen Rechten nach wie vor Lobbying im US-Kongress zu betreiben und die Bundesexekutive zu beeinflussen. Dazu rekrutieren sie Personal und arbeiten Agenden aus. Die Orientierung ist dabei jedoch sehr viel regionaler geworden, was z. T. ebenso auf die grass-roots-Strategie (von der Basis ausgehende Einflussnahme) zurückgeht.

Zudem werden Initiativen und Referenden auf Einzelstaatsebene durchgeführt, z. B. im Falle von Verfassungsänderungen. Darüber hinaus finden weitere lokale Aktivitäten (z. B. Engagement in der Schulpolitik) statt.

Auch wird versucht Einfluss auf die Rechtssprechung zu nehmen, z. B. durch Richterbestellung, Etablierung von juristischen „Gegendiskursen“, Führen von Musterprozessen und Einreichung von Rechtsgutachten in bestimmten Verfahren.

Eine weitere strategische Erneuerung, die Erfolg hatte, war auch die systematische Unterwanderung der Republikanischen Partei.

Zudem hat sich die klassische Struktur der Organisationen verändert: Waren sie zuvor je nach „Grad der Zughörigkeit“ eher hierarchisch gegliedert, ist ihr Aufbau heute einfacher. Es existiert nur noch ein harter Kern aus Führern und Basis-Aktivisten bzw. Mitgliedern, an die im Bedarfsfall Aufgaben delegiert werden können. Erst wenn der Bedarfsfall eintritt soll das Mobilisierungspotential ausgeschöpft werden.

Allgemein bestehen die Ziele der Organisationen in der Mobilisierung der ca. 50 bis 60 Millionen[4] Christlichen Rechten in den USA. Die Führer der Bewegung sind jedoch teilweise ambitionierter und wollen ein größeres Publikum ansprechen (so z. B. Falwell: „Protestants, Jews, Catholics, Mormons and fundamentalists“), obwohl Intoleranz anderen Glaubensgemeinschaften gegenüber lange Zeit ein Problem, vor allem der Fundamentalisten, war. Sie begnügen sich aber nicht länger mit dem traditionellen „Bewegungscharakter“ der Christlichen Rechten, sondern bemühen sich immer mehr um den Aufbau einer politischen Organisationsstruktur, für die die Mitarbeiter eigens rekrutiert und ausgebildet werden.

Die politischen Ziele sind jedoch nach wie vor von Organisation zu Organisation sehr verschieden, obwohl sie sich teilweise überschneiden. Sie beinhalten beispielsweise oft eine Gegnerschaft zur Abtreibung, befürworten den Ausbau von homeschooling, richten sich gegen Homosexualität und gegen sexuelle Freizügigkeit in der Gesellschaft ganz allgemein. Was die Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat betrifft, so sei nur gesagt, dass auch die Christliche Rechte im eigenen Interesse den hohen Stellenwert, den die US-Verfassung in der von ihr konstituierten Gesellschaft einnimmt, respektiert. Es geht ihr eher um eine Aufweichung bestimmter Regelungen, die das first amendment impliziert.

Manche Organiationen vertreten alle, manche nur einzelne dieser Ziele. Die aktuellen Absichten der Führer der Christlichen Rechten kann man kurz derart charakterisieren: Nämlich auf der Grundlage des politischen Systems der USA eine kulturelle Dominanz christlich-rechten oder zumindest wertkonservativen Gedankenguts zu erreichen.

Zusammenfassend lässt sich der Wandel in Ausrichtung und Organisation noch einmal folgendermaßen charakterisieren: Bis 1990 waren v. a. Antikommunismus und Erziehung durchgehende Themen. Eine Mobilisierung fand durch Infrastruktur und eigens eingerichtete Kommunikationskanäle statt. Prediger waren die zentralen Figuren und es fand eine zunehmende Nutzung der Massenmedien statt.

Die ersten drei Wellen der Mobilisierung basierten vorwiegend auf dem fundamentalistischen Segment der Christlichen Rechten. Deren Intoleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen entpuppte sich als großes Problem, welches auch eine Mobilisierung und politische Instrumentalisierung stark behinderte. Robertsons Kampagne schließlich erbrachte als Neuerungen die Bildung von Basisorganisationen und eine Ökumenisierung der Bewegung (Ausweitung des Klientels sogar auf konservative Juden). Dies erstaunt umso mehr, weil die Christliche Rechte in den 80er Jahren ja bereits als gescheitert galt. Die aktuellen Aktivitäten der Christlichen Rechten sind vor allem geprägt durch neue Konzepte im Umgang mit ihrem Publikum. Es findet eine Vermeidung religiöser Sprache statt. Trotzdem werden dabei konservative Inhalte vermittelt. Die Christliche Rechte stellt sich selbst zunehmend als eine in ihren Rechten bedrohte Minderheit dar. Sie versucht aktuell die Etablierung einer breiter angelegten sozialen Bewegung durch ihre Organisationen voranzutreiben. Gerade diesem Ziel kommt eine Angliederung an die Republikanische Partei sehr zu gute.

2.5.2. Die Etablierung im System

Im Laufe ihrer Geschichte hat es sich aus mehrerlei Gründen, die bereits angeklungen sind, ergeben, dass die Christliche Rechte sich immer weiter an die Republikanische Partei angenähert hat und inzwischen sogar als fest etablierter Parteiflügel gelten kann. Diese „Zweckallianz“ ist jedoch nicht ganz unproblematisch und bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die politischen Verhältnisse. Braml (2005; S. 39) bezeichnet die Allianz von Republikanischer Partei und Christlicher Rechter als tendenziell problematisch: So sei es „für die Strategen der Republikaner (…) ein schwieriger Balanceakt, sich die Christliche Rechte gewogen zu halten, ohne dabei die Unterstützung gemäßigter, werteliberaler Republikaner aufs Spiel zu setzen.“ Ebenso sei es „für die Strategen der Christlichen Rechten (…) eine heikle Gratwanderung“, da das „Ringen um politische Macht (…) pragmatische Zugeständnisse“ erfordere.

Trotzdem ist „das christlich rechte Wähler- und Wahlkampfpotential (...) für den Machterhalt der Republikaner im Weißen Haus und im Kongress notwendig.“ (Braml 2005; S. 42)

Anders als in der Phase ihrer Formierung, als die Christliche Rechte noch zwischen weltabgewandtem Rückzug und politischem Engagement schwankte, scheint dieses heute außer Frage zu stehen.

Der Professionalisierungsschub auf nationaler Ebene wurde in den Einzelstaaten weitgehend mit vollzogen, aber die Grenzen der Mobilisierung und Einflussnahme sind wahrscheinlich weitgehend erreicht. (Wilcox 2000; S. 136 ff.)

Der große Erfolg bei der Durchdringung der Republikanischen Partei äußerte sich darin, dass sie in vielen Einzelstaaten sogar ein fester Bestandteil der Parteiorganisation geworden ist. Dafür hat die Christliche Rechte jedoch ihre Eigenständigkeit und ihr ursprüngliches Profil weitgehend verloren: „From an outsider social movement to a conventional interest group to a durable faction within a major party”. (Wilcox 2000)

2.6. Die christliche Rechte und die Bush-Administration

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob mit den Wahlsiegen des derzeitigen US-Präsidenten George W. Bush eine neue Etappe in der Entwicklung der christlichen Rechten begonnen hat. Minkenberg (2003) stellt hierbei die These auf, dass zwar ein neuer Höhepunkt erreicht wurde, die Christliche Rechte dabei jedoch viel von ihrer Eigenständigkeit verloren hat. Gemeint ist hiermit der Preis für die institutionelle Anbindung an die Republikanische Partei. Die Republikaner können nun nicht mehr länger als „Partei der Bewegung gelten“, sondern die Christliche Rechte als Bewegung der Partei“. (Minkenberg 2003; S. 23) Für die Republikaner scheint die Unterstützung der Christlichen Rechten aber unabdingbar geworden zu sein.

Deshalb begannen US-Präsident George W. Bush und seine Partei auch, nach dessen erster Amtsperiode gezielt um die Stimmen der christlichen Rechten zu werben (Wilcox u. Larson 2005; S. 89), um eine Wiederwahl sicher zu stellen. Dabei waren sie fraglos erfolgreich und erhielten zumindest ausreichend Unterstützung aus dem Lager der Christlichen Rechten.

Auch Voigt (2004) hält das „Umfeld der gegenwärtigen US-Administration“ für „von der religiösen Rechten beeinflusst“.

2.6.1. Der Präsident

Präsident Bush, der als born-again gilt, obwohl er sich selbst keineswegs derart bezeichnet, steht den Fundamentalisten und der Christlichen Rechten ideologisch nahe. Ja wahrscheinlich näher, als alle anderen US-Präsidenten zuvor. Nicht zuletzt deshalb könnte man von einem neuen Höhepunkt in der Entwicklung der Christlichen Rechten sprechen. Auch Minkenberg (2003; S. 23) bezeichnet Präsident Bush als „Fundamentalisten und der Christlichen Rechten besonders nahe“ stehend. Man kann also die Bush-Administration durchaus als „rechtslastig“ bezeichnen, obgleich sie versucht, es auch dem gemäßigteren Flügel der Partei recht zu machen. Ein religiöser Aspekt, der über zivilreligiöse Standards hinausgeht lässt sich jedoch kaum ausmachen, wenn man vom religiösen Bekenntnis des Präsidenten ausgeht. Nichtsdestotrotz ist eine religiöse Selbstdarstellung vor allem für einen US-Präsidenten von höchster Wichtigkeit.

Das einschneidendste und damit aufschlussreichste Ereignis während Bushs Amtszeit waren bislang mit Sicherheit die Anschläge des 11.09.2001. Dieses „vermochte es mehr als irgendein Ereignis seit dem Fall der Mauer, traditionell vorwiegend innenpolitisch und nicht selten sogar isolationistisch orientierte Amerikaner für außenpolitische Themen zu interessieren.“ (Voigt 2005) Da die Anhänger der Christlichen Rechten durch eben eine solche Orientierung charakterisiert werden können, ist anzunehmen, dass dieses Ereignis und seine Folgen bzw. die Reaktionen darauf – die zwar politisch motiviert, aber durchaus religiös aufgeladen waren – Unterstützung für den außenpolitischen Kurs des Präsidenten gerade auch bei der Christlichen Rechten provoziert hat. Dieser vermochte zudem noch, sich durch dieses Ereignis „als starke Führungspersönlichkeit zu bewähren und die Nation hinter sich zu vereinigen“ (Voigt 2004), zumal er auch eine klare, religiös-moralisch aufgeladene Sprache wählt und vermeintlich klar unterscheidet. Die dabei verwendeten Begriffe differenzieren oftmals nur zwischen den Kategorien „gut und böse“, wobei sie die USA und die außenpolitischen Entscheidungen ihrer Regierung eindeutig auf der Seite des Guten verorten sollen. Gerade auch hier sind Menschen, die ohnehin dazu neigen, ihre Lebenswelt zu vereinfachen, besonders anfällig für ein derartiges Vokabular.

2.6.2. Außenpolitische Agenda

Da nach Braml (2005; S.39) bei innenpolitischen Auseinandersetzungen die Gefahr bestünde, moralische Prinzipien preiszugeben und Christliche Fundamentalisten die Welt in den Kategorien „Gut und Böse“ wahrnähmen, würde das Eingehen zu vieler Kompromisse, die in der Tagespolitik von einer großen Partei nun mal eingegangen werden müssen, eine Mobilisierung der eigenen Basis erschweren. Aus diesem Grunde sind „konsensfähige außenpolitische Themen wichtig, um eine dauerhafte Koalition zu schmieden.“ Gerade das Thema nationale Sicherheit kann diesen Bedarf decken und hat sich bereits als Wahlkampfthema bewährt. So legt sich auch der Verdacht nahe, dass in der US-amerikanischen Öffentlichkeit gezielt ein Bedrohungszenario durch bestimmte politische Akteure aufgebaut bzw. aufrechterhalten wird. Deshalb scheint auch der von Bush propagierte „war on terrorism“ längerfristig angelegt zu sein. Dies dient wohl dazu, die Republikanische Wählerkoalition zusammenzuhalten und auch von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass drastische Mittel von Nöten sind, um die eigenen Interessen zu waren.

Vor allem die in der Republikanischen Partei sehr etablierte Gruppe der Neokonservativen, welche im Besonderen die Interessen der US-Wirtschaft und damit der Wohlhabenden vertritt, scheint die aktuelle Außenpolitik zu dominieren. Der Verdacht liegt nahe, dass diese Kreise aus wirtschaftlichen Gründen die beiden Angriffskriege der jüngeren Zeit nach Kräften mit auf den Wege gebracht haben.[5] Auch mit der Christlichen Rechten, mit der sie ja eine Interessengemeinschaft bilden, scheinen sich die Neokonservativen gut arrangieren zu können und bei ihnen aus verschiedenartigen Gründen Unterstützung bei Teilen der Christlichen Rechten für ihre Linie zu finden.

Auch laut Braml (2005; S. 38/ 39) trägt die Etablierung der Christlichen Rechten dazu bei, die außenpolitische Agenda der Bush-Administration weiter zu tragen, da sie dieses sowohl mit Moral- und Wertfragen, aber auch mit Sicherheitsinteressen verbunden sieht. Zum anderen ist sie in der Lage, für den notwendigen innenpolitischen Rückhalt zu sorgen.

Andererseits sieht Braml (2005; S. 41) den außenpolitischen Spielraum des Präsidenten durch den Einfluss der Christlichen Rechten auch begrenzt: Da die öffentliche Meinung angesichts der Irak-Frage stark polarisiert war, war Bush auf die Unterstützung der Christlichen Rechten angewiesen, was ihn jedoch im Gegenzug zu einer konsequenten Verfolgung seiner Linie verpflichtete.

Neben dem Einsatz gegen die so genannte „Road Map“, welche auf eine zwei Staaten Lösung auf israelischen, israelisch besetztem und teilautonomem Gebiet vorsieht, nennt Braml (2005; S. 42) auch Lobbying für Sanktionen gegen Syrien und den Iran.

Zusammenfassend kann man sagen, dass religiös-konservative Strömungen – natürlich nicht nur in den USA – anfällig für eine politische Instrumentalisierung zu sein scheinen und damit eine aggressive Außenpolitik offenbar sehr erleichtern.

3. Zusammenfassung und Ausblick

Wie wir gesehen haben, ist der Einfluss der Christlichen Rechten durchaus in der aktuellen US-Außenpolitik spürbar. Wenn auch die Angriffskriege in Afghanistan und im Irak nicht auf direktes Betreiben der Christlichen Rechten stattgefunden hat, so hat sie durchaus dazu beigetragen, diese innenpolitisch mit zu legitimieren. Außerdem gibt es auch aus dieser Ecke Vertreter, die sich für weitere „Regimewechsel“ stark machen. Inwieweit dies auf missionarischen Eifer oder Sendungsbewusstsein zurückgeht ist fraglich, denn es stehen wie immer auch handfeste wirtschaftliche Interessen hinter derartigen militärischen Interventionen. Die Verantwortung dafür tragen Gruppierungen, die in der Lage sind, die Politik weitaus aktiver mitzugestalten. Die Tatsache, dass bislang größtenteils islamische Staaten die betroffenen solcher Interventionen waren, wirft natürlich die Frage nach den Gründen auf, vor allem wenn man an das Sendungsbewusstsein der USA und den missionarischen Eifer bestimmter religiöser Gruppen denkt. Zu vermuten steht, dass gerade islamische Staaten, in denen es demokratische Strukturen offenbar nur sehr schwer haben, sich zu etablieren, die innenpolitische Rechtfertigung eines Angriffskrieges am ehesten erleichtern. Dies wird zudem durch die wirtschaftlichen Interessen vieler US-Konzerne begünstigt, die Gewinnchancen wittern, und dementsprechend Lobbyarbeit betreiben. Gerade aber aus Kreisen der Christlichen Rechten finden solche Unternehmungen erstaunlich viel Unterstützung. Eine mögliche Erklärung dafür könnte schlichtweg eine, vor allem dem religiösen Fundamentalismus inne wohnende Intoleranz sein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich der Islam nach wie vor pauschalisierenden Anfeindungen von Seiten christlich-rechter Führer gegenüber sieht. Auch der US-Präsident bedient nach wie vor mit seiner Kreuzzugsrhetorik religiös-konservative Kreise. Ohne aber den Islam direkt zu kritisieren, weil er seine islamischen Verbündeten nicht verprellen darf, malt er das diffuse Schreckgespenst des internationalen Terrorismus an die Wand. Dessen Ursachen sind jedoch unter anderem in mangelnden Artikulationsmöglichkeiten und Verbreitung von materieller Not, verursacht durch eine zunehmend deregulierte Weltwirtschaft zu finden. Kriege, die neue Formen von Imperialismen wie kulturelle Abwertung und weitere wirtschaftliche Abhängigkeitsstrukturen mit sich bringen, sind denkbar ungeeignet, internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Bei der Rechtfertigung ihrer Außenpolitik jedenfalls muss die US-Regierung aktuell bereits auf zunehmend dünnem Eis wandern, zumal auch die Zahl der Gegner im eigenen Land groß ist und eine „Demokratisierung“ der besetzten Länder auf sich warten lässt.

Literatur:

- Braml, Josef: Die religiöse Rechte in den USA – Triebfeder der transatlantischen Entfremdung; in: Internationale Politik (April 2005) 4, Themenheft: Das Kreuz mit den Religionen, S. 36-43
- Brocker, Manfred: Protest – Anpassung – Etablierung, Die christliche Rechte im politischen System der USA; Frankfurt/ New York 2004
- Hennes, Michael: Der neue Militärisch-Industrielle Komplex in den USA; in: Aus Politik und Zeitgeschichte; B 46/ 2003 (S. 41-46)
- Kienzler, Klaus: Der religiöse Fundamentalismus; München 1996
- Minkenberg, Michael: Die christliche Rechte und die amerikanische Politik von der ersten bis zur zweiten Bush-Administration; in: Aus Politik und Zeitgeschichte; B 46/ 2003 (S. 23-32)
- Neuss, Beate: Elitenwandel und außenpolitische Orientierung – Ein Grund für das transatlantische Zerwürfnis?; Inhalt PM 412/ 2004
- Scherer-Emunds, Meinrad: Die letzte Schlacht um Gottes Reich; Münster 1989
- Voigt, Karsten D. (Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt): „Deutschland-USA: Eine sich verändernde Partnerschaft“ – Rede an der Humboldt Universität Berlin (27.05.2004)
- Wilcox, Clyde/ Larson, Carin; In den Schützengräben: Amerikanische Evangelikale und der Kulturkampf; in :Brocker, Manfred (Hrsg.); God bless America – Politik und Religion in den USA; 2005
- Wilcox, Clyde: Onward Christian Soldiers? – The Religious Right in American Politics; Colorado/ Oxford 2000

Internetseiten:

http://www.bpb.de/

http://www.nhc.rtp.nc.us/

http://www.swp-berlin.org/

http://www.gazette.de

http://www.politik-kommunikation.de

[...]


[1] genauer siehe Brocker (2004); S. 62 ff.

[2] vgl. hierzu Wilcox 2000; S. 13-15

[3] Stichwort „Zivilreligion“

[4] eigene Angaben sind hier immer optimistischer: sie reichen bis zu 70 Millionen

[5] vgl. hierzu Hennes (2003)

Details

Seiten
24
Jahr
2006
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110167
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Schlagworte
Christliche Rechte Politik Religion

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Titel: Die Christliche Rechte in den USA