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Grenzsituationen- Eine Begegnung mit dem existentiellen Denken Karl Jaspers'

Facharbeit (Schule) 2005 22 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Situationen und Grenzsituationen
2.1 Situation
2.2 Grenzsituation
2.3 Die einzelnen Grenzsituationen
2.4 Die Besonderheit des Erlebens von Grenzsituationen

3. Nachwort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im 5. Semester stand der Studienfachkurs Philosophie unter dem Motto: „Die Philosophie Kierkegaards“.

Wir haben uns also innerhalb dieses halben Jahres unter anderem mit dem Glaubensbegriff Kierkegaards beschäftigt.

Aus seinem Aufsatz „Furcht und Zittern“ haben wir einen Text gelesen und bearbeitet, in dem Kierkegaard mehrere Variationen beschreibt, wie Abraham in „Genesis 22“ ethisch oder ästhetisch hätte handeln können. In diesen Variationen verliert Abraham teilweise den Glauben an Gott oder das Verhältnis zu seinem Sohn Isaak.

Abraham kommt in Berührung mit dem Fremden. Etwas völlig Ungewolltes tritt in sein Leben, etwas Absurdes: Er soll seinen Sohn Isaak opfern. Er muss plötzlich eine Entscheidung treffen, und er kommt mit dem rationalen Denken hier nicht mehr weiter. Aber, indem er diese Situation als solche annimmt, kann er zu wahrem Glauben finden. Er scheitert mit ethischem und im ästhetischen Handeln, kommt mit dem gewohnten Handeln also nicht mehr weiter. So durchbricht er beide Stadien, das ethische und das ästhetische und kommt ins religiöse Stadium, zum wahren Glauben, wo sich ihm Gott offenbart. Der Mensch findet also in einer existentiellen Situation zum wahren Glauben.

Die Intention meiner Facharbeit, die sich mit dem Begriff der Grenzsituation bei Karl Jaspers auseinandersetzt, liegt genau in diesem Thema, dieser existentiellen Situation, die den Menschen aus seinem Alltag reisst und ihn in eine Situation hineinstellt (ek- sistere = aus sich heraus stehen; aus dem Sinn heraus, hinein in das Absurde) in der er mit rationalen Problemlösungsverfahren nicht mehr weiter kommt. Jaspers nennt diese Situationen, die die Existenz des einzelnen Menschen betreffen, Grenzsituationen. Bei ihm geht es in diesen Grenzsituationen jedoch um das Selbstwerden, das Sich-Selbst-Finden.

Gemeinsam bei Kierkegaard und Jaspers ist die Freiheit, die der Mensch in dem Erleben dieser Situationen erfährt. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass Jaspers der Meinung ist, dass solche Grenzsituationen in jedem Leben mehr als einmal vorkommen, jeder Mensch sie erfahren kann, wenn er sie wahrnimmt. Kierkegaard sagt dagegen, dass die wenigsten Menschen in das religiöse Stadium treten.

Ich möchte in meiner Arbeit nicht Jaspers mit Kierkegaard vergleichen, sondern möchte Jaspers Denken unvoreingenommen begegnen, mich damit auseinandersetzen, was Jaspers´ Philosophie geprägt hat, der ja auch von Kierkegaards Denken beeinflusst war und circa 30 Jahre nach Kierkegaards Tod das Licht der Welt erblickte.

So wie ich der Philosophie Kierkegaards ein halbes Jahr lang begegnete und mich mit seiner Existenzphilosphie bekannt machte, begegne ich hier Jaspers, blicke von einer anderen Seite auf den möglichen oder notwendigen Moment in dem Leben eines Menschen, in dem der persönliche Rationalismus scheitert.

2. Situation und Grenzsituation

Situationen und Grenzsituationen sind die Grundlage jedes Daseins. Der Mensch befindet sich immer in einer Situation. Befindet man sich in einer Situation, die nicht wandelbar, nicht veränderbar ist, ist dies eine Grenzsituation. In ihr kann man sich selbst verwirklichen.

Das Dasein ist Gegenstand der Situationen, die Existenz ist Gegenstand der Grenzsituationen. Im folgenden werde ich versuchen, dies näher zu erläutern.

2.1 Situationen

Nach Jaspers befindet sich der Mensch immer in Situationen. Er gerät von einer in die nächste, bewusst oder unbewusst, durch sie ist ihm Veränderung möglich, durch sie befindet sich der Mensch im Werden. Er kann sich bewusst für Veränderung entscheiden, indem er von der einen in die nächste Situation tritt. Die einzelne Situation ist jedoch zufällig. Sogenannte Grenzsituationen sind die Situationen, die „unvermeidbar gegeben sind“[1], sie sind unveränderlich und unvermeidlich. Der Mensch kann aus einzelnen Situationen heraustreten, aber schon in dem Moment, in dem er dies tut, befindet er sich in der nächsten. „Das menschliche Leben [ist somit] notwendig situationsgebunden“[2], schreibt Kurt Salumun.

Der Unterschied zwischen Situation und Grenzsituation ist der, dass in den Situationen der Mensch als Dasein in bezug auf die Welt steht, in den Grenzsituationen scheitert der Mensch als eben dieses Dasein. Um sie zu erfahren, muss er zu seiner Existenz werden.

2.2 Grenzsituationen

In diesen Situationen gelangt der Mensch an eine unüberschreitbare Grenze, findet sich in einer Situation wieder, durch die er nicht einfach wie durch die anderen Situationen hindurch, zur nächsten Situation gehen kann. „Auf Grenzsituationen reagieren wir daher sinnvoll nicht durch Plan und Berechnung, um sie zu überwinden, sondern durch eine ganz andere Aktivität, ‚das Werden der in uns möglichen Existenz‘; wir werden wir selbst, in dem wir in die Grenzsituation offenen Auges eintreten. Sie werden dem Wissen nur äußerlich kennbar, als Wirklichkeit nur für Existenz fühlbar.“[3] Grenze bedeutet so viel wie, es gibt ein Anderes, hinter der Grenze. Dieses Andere ist jedoch nicht für das Bewusstsein im Dasein erfahrbar, sondern nur als Existenz.[4] Gonzalo Díaz Díaz beschreibt: „Als Sein in der Welt bin ich nicht nur Betrachter ihres horizontlosen Panoramas, nicht nur Bewußtsein der unbegrenzten Möglichkeiten des Wirklichen, sondern ein Mensch, eine mögliche Existenz, das heißt, ein seiner selbst als Möglichkeit bewußtes Wesen, das auf dem Wege zu seiner Wirklichkeit den Abgrund sich erhellen muß, der sich zwischen den wirklichen Möglichkeiten seines Seins und der möglichen Wirklichkeit des Seins überhaupt öffnet“[5] In eine solche Grenzsituation, die z.B. bei dem Erfahren von Leid, Schuld oder Tod auftritt, gerät der Mensch zwangsweise in seinem Leben, es ist keine Ausnahme. Jedoch hat er zwei Möglichkeiten, dieser Situation zu begegnen. Entweder er nimmt sie als Grenzsituation an (Selbstverwirklichung) oder er versucht ihr zu entgehen, flieht vor ihr und kann sich so ein Stück weit von ihr entfernen. Beim Ersteren, bei dem bewussten Annehmen dieser Situation als Grenze, eröffnet sich dem Menschen so die Möglichkeit zu seiner eigenen Existenz heran zu schreiten. Er legt in diesem Moment der Grenzerfahrung sein Dasein als Dasein ab und erreicht seine Existenz, sein Selbstsein. Als Dasein kann der Mensch die Grenzsituation mit ihrer Herausforderung zur Selbstverwirklichung an ihn nicht sehen, er nimmt sie nur objektiv auf, ignoriert sie. „Grenzsituationen erfahren und Existieren ist dasselbe“.[6]

In Grenzsituationen kann man seine Existenz erhellen. „Existenzerhellung“[7] kann alles Philosophieren heißen, ist aber im besonderen Ursprung und Möglichkeit der Verwirklichung seiner Selbst. Somit bilden die Grenzsituationen den Ausgangspunkt für die „Existenzerhellung“, das Selbstwerden und die mit ihnen verbundenen Erfahrungen von Einsamkeit und Sinnlosigkeit. Die Herausforderung des Menschen ist somit die Existenz nicht nur als mögliche, sondern als wirkliche zu erleben.

In einer Grenzsituation erlebt sich der Mensch als Subjekt.

Eine Grenzsituation ist erst einmal eine Situation, die nicht gewollt ist, sie geht mit negativen Emotionen einher, hat jedoch einen positiven Sinn, denn nur in ihr kann der Mensch zu seinem Sein heran schreiten. Um sie zu erfahren, muss man dieses Nicht - Gewollte in Kauf nehmen.

Grenzsituationen erschüttern die Ruhe des Alltags, man wird aus der Selbstverständlichkeit herausgerissen, wenn man sich auf sie als solche einlässt. Sie erwecken zum eigentlichen Menschsein.

Existenz ist immer auf Transzendenz bezogen, der sie ihr Sein verdankt.[8] Die Transzendenz bildet also den Ursprung für die Existenz. Transzendenz heißt soviel wie „das Übersteigen“[9]. Es charakterisiert den Übergang zwischen Objekt (Aussenwelt) und Subjekt (Innenwelt), zwischen Dasein und Existenz. Trotzdem bildet das Dasein den Ausgangspunkt für die Transzendenz. Ohne Dasein ist keine Transzendenz und somit auch keine Existenz möglich. Jaspers Transzendenzbegiff lässt sich in „das Umgreifende“[10] übersetzen. Existenz und Transzendenz sind zwar nicht gegenständlich, also keine objektiven Wahrheiten und nicht rational erfassbar, bilden jedoch die eigentlichen Gegenstände der Philosophie.[11]

In Grenzsituationen scheitert man als Dasein. Man kann sie nur als Existenz erkennen. Hier wird der Gegensatz der Innen- und Aussenwelt klar. Existenz ist nur in der subjektiven Welt möglich, hier offenbart sich Unendlichkeit und man stößt in der Endlichkeit des Daseins an seine Grenzen. In der Verwirklichung möglicher Existenz wird außerdem unbedingte Freiheit frei gesetzt, die im Gegensatz zu der Freiheit der gegenständlichen Daseins- Welt nicht rational nachvollziehbar ist und jeweils auf das Subjekt bezogen werden muss. Grenzsituationen sind jedoch auf das Dasein bezogen, das Dasein ist Vorraussetzung für die Selbstverwirklichung, man kann nicht aus dem Nichts zur Existenz durchbrechen. „Sie wandeln sich nicht, sondern nur in ihrer Erscheinung; sie sind auf unser Dasein bezogen, endgültig. Sie sind nicht überschaubar; in unserem Dasein sehen wir hinter ihnen nichts anderes mehr. Sie sind wie eine Wand, vor die man stößt. Das Dasein als solches scheitert in ihnen. Das Ziel ist es, sie zur Klarheit zu bringen.“[12]

2.3 Die einzelnen Grenzsituationen

In Jaspers zweitem Band „Existenzerhellung“ der „Philosophie“ unterscheidet er sechs verschiedene Möglichkeiten von Grenzsituationen. Das ist die der geschichtlichen Bestimmtheit der Existenz, die des Todes, des Leidens, die des Kampfes, die der Schuld und die Grenzsituation der Fragwürdigkeit allen Daseins und der Geschichtlichkeit des Wirklichen überhaupt[13]. In seinem früheren Werk „Psychologie der Weltanschauungen“ führt er noch die des Zufalls an und die allgemeine Grenzsituation der antinomischen Grundstruktur des Daseins und des Leidens[14], die jedoch im Grunde die Grenzsituation der Fragwürdigkeit allen Daseins und der Geschichtlichkeit des Wirklichen überhaupt darstellt und nur anders benannt wird.

Ich habe mich in meiner Arbeit nur auf die Grenzsituationen, die in der „Philosophie“ benannt werden, bezogen, denn ich denke, das diese alle umfassen. So ist zum Beispiel die Grenzsituation des Zufalls der „Grenzsituation der geschichtlichen Bestimmtheit der Existenz“ zuzuordnen.

Man kann im Grunde nochmals betonen, dass es jeweils zwei Möglichkeiten gibt, Grenzsituationen zu begegnen, ihnen aus dem Weg zu gehen oder sie zu erfahren (existieren), sich der Grenzsituation bewusst zu werden, sie anzunehmen, als endgültige.

- Geschichtliche Bestimmtheit der Existenz

Als Dasein ist man situationsgebunden, man ist also nie ganz frei. Und so ist „meine unvermeidbare Abhängigkeit von Naturgesetzen und von Willenspositionen anderer das Gesicht der Grenzsituation, sofern sie mich einengt“[15]. In dem man sich dieser Einengung bewusst wird, sie als subjektives Schicksal anerkennt, hat man die Chance, sich zu verwirklichen. Hier zeigt sich auch die Grenzsituation der Herkunft. In dem man nach seiner Herkunft sucht. „Was als geschichtlicher Grund ins Unabsehbare taucht, ist als Grenzsituation das mich zugleich Beschränkende und Erfüllende. Ich verhalte mich zu meiner Herkunft, wenn ich, durch sie schon geworden, ihrer bewußt werde“.[16] Die gleiche Bewegung, nur dieses Mal nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft, vollzieht sich mit der Grenzsituation des Zufalls, gemeinsam ist immer das Eingeengtsein, die Abhängigkeit von objektiver Wirklichkeit, die man erfährt. Ich muss den Zufall als mein Schicksal akzeptieren[17], er schreibt meinen Weg vor. Díaz Díaz beschreibt, wie man in dieser Grenzsituation zur Existenz durchbrechen kann: „Ich vermähle mich mit meiner Lage, weil sie die meine ist, ich identifiziere mich mit ihr, verschmelze gleichsam als Liebender mit meinem Schicksal und erlebe die Wirklichkeit meiner Situation, ohne weitere Fragen zu stellen noch weitere Antworten zu erhoffen. Dem uneigennützigen Wissenseifer folgt der Ernst des Existierens [...]“[18] Jaspers sagt, dass man in dem „was objektiv Einschränkung ist, existentiell das Sein“[19] erfährt. Wenn man diese Grenzsituation erfährt, ist sie der Ausgangspunkt der Selbstverwirklichung, obwohl sie auf den ersten Blick die Einschränkung des empirischen Daseins bedeutet.[20]

- Leiden

An die Grenzsituation des Leidens stößt jeder Mensch unausweichlich in seinem Leben. Sie kann z.B. in Form von Krankheit oder Schmerz auftreten. Als Dasein ist der Mensch der Welt, der objektiven, gegenständlichen Wirklichkeit, als selbst ein Teil von ihr, unterworfen. Das Leiden kann den Menschen also sozusagen einfach überfallen, der Mensch hat keinen Einfluss darauf. Der Mensch hat die Möglichkeit, das Leiden zu verneinen, es als solches nicht anzunehmen, es zu verdrängen, es vor sich selbst zu verstecken, es als einfachen vorübergehenden Moment, der vorbeigeht, anzusehen, zu hoffen, dass das Leiden ihn wieder verlässt, so wie es ihn aufgesucht hat. „Verhalte ich mich als ob Leiden nichts Endgültiges, sondern vermeidbar wäre, so stehe ich noch nicht in der Grenzsituation, sondern fasse die Leiden als zwar endlos an Zahl, aber nicht als notwendig zum Dasein gehörend auf“[21] Wenn der Mensch so handelt, mit so einem Nichtverstehen des Leidens, verbirgt sich jedoch die eigentliche Grenzsituation. Um die Grenzsituation zu erfahren und sich selbst zu verwirklichen, vom Dasein zur Existenz heran zu schreiten, muss der Mensch das Leiden als solches annehmen, er muss es bewusst bekämpfen, oder wenn das nicht möglich ist, es sich „tapfer aneignen“.[22] Der Mensch, der sich in dieser Grenzsituation befindet und sie als solche wahrnimmt, was Grundlage für die Selbstverwirklichung ist, erlebt die Endlichkeit des eigenen Daseins und durch diese Erfahrung der Endlichkeit erwacht in ihm ein Bewusstsein des Selbstseins.[23] Wenn der Mensch diese Grenzsituation existentiell erfährt, ist die Grenze nicht mehr Grenze, im Sinne von etwas unüberschreitbaren, endgültigen, sondern wird durch die Transzendenz, durch den Übergang vom Objekt zum Subjekt, dem Punkt, an dem der Mensch vom Dasein, von einer möglichen Existenz zu sich selbst, seiner wahren Existenz durchbricht, durchsichtig, er kann sie also durchbrechen.

- Kampf

Auch dem Kampf begegnet jeder Mensch in seinem Leben. Den Kampf als Grenzsituation ignorieren, kann man auf zwei verschiedene Arten: Erstens kann man versuchen, kampflos durch das Leben zu gehen. Dies ist jedoch eine Flucht, nur eine Scheinlösung, denn ein kampfloses Leben ist nach Jaspers nicht möglich.[24] Man lebt irgendwann immer mal auf Kosten anderer, führt Gewalt aus oder erleidet sie: „Mein Dasein als solches nimmt anderen weg, was andere mir wegnehmen. Jede Stellung, die ich gewinne, schließt einen anderen aus, nimmt aus dem begrenzten zur Verfügung stehenden solchen für sich in Anspruch. Jeder Erfolg den ich habe, verkleinert andere.“[25] Werner Schüßler sagt dazu in seiner Einführung in das Jasper’sche Denken: „Alles Lebendige führt einen Kampf ums Dasein“[26].

Die zweite Möglichkeit, der Grenzsituation auszuweichen, besteht darin, den Kampf nicht wie bei der ersten Möglichkeit absolut zu verneinen, sondern ihn, im Gegenteil, zu bejahen, zu kämpfen, um zu kämpfen.[27] In beiden Fällen wird ein klares Nein oder Ja zum Kampf ausgesprochen, dadurch wird die Grenzsituation aufgehoben, denn die Grenzsituation besteht ja gerade im Scheitern, im nicht Weiterkommen, im nicht Weiter- Wissen.

Die Grenzsituation erfahren kann man in der Synthese beider Möglichkeiten, im „liebenden Kampf“, der den Kontrast zum gewaltsamen Kampf um Daseinsinteressen darstellt. Der „liebende Kampf“ kämpft um Offenheit gegenüber sich selbst und anderen.

- Tod

Die Grenzsituation des Todes kann dem Menschen entweder mit dem herannahenden eigenen Tod oder aber mit dem Tod einer nahestehenden Person begegnen. Um den Tod als Grenzsituation zu erfahren, ist eine illusionslose Haltung notwendig, das heißt Vorstellung vom Leben nach dem Tode oder sonstige Vorstellungen die den Tod als etwas nicht Endgültiges sehen, sind im Erfahren dieser Grenzsituation nicht möglich. Um also zum Sein heran zu schreiten, muss man den Tod ohne Selbsttäuschung annehmen. Der Schrecken und die existentielle Angst vor dem Nichtsein sind also Vorraussetzung für die Tapferkeit, in der der Schlüssel zur Selbstverwirklichung liegt. Jaspers fordert hier „wahrhaft zu sterben ohne Selbsttäuschungen“[28] Die Tapferkeit, die Jaspers angesichts der Situation des Todes fordert, ist jedoch keine alltägliche, man muss diese immer wieder neu aufbauen, aus der Todesangst heraus, die wieder und wieder auftaucht, doch wenn man dies schafft, kommt man immer wieder zu der Erweckung seiner möglichen Existenz.

- Schuld

Man entgeht dieser Grenzsituation durch die eigene Rechtfertigung oder die Schuldzuweisung auf jemand anderen, in dem man also die Schuld von sich fernhält, sie nicht als eigene anerkennt. Um hier mögliche Existenz zu verwirklichen, muss man die Schuld uneingeschränkt auf sich laden und bewusst auf sich nehmen. Der Schuld als solche kann man auch nicht entgehen. Unschuldig kann man nicht sein Leben lang bleiben. Die Freiheit des Menschen impliziert quasi schon die Schuld, denn in dieser Freiheit muss der Mensch Entscheidungen treffen. Wenn man sich für eines entscheidet, weist man gleichzeitig etwas anderes zurück. Man kann der Schuld auch nicht durch Nichthandeln entgehen, denn auch dadurch kann man schuldig sein, denn genau dann, wenn man, wenn gutes Handeln möglich ist, es unterlässt. Und genau als das muss der Mensch die Schuld erkennen, als unvermeidbar, als unumgänglich und gleichzeitig die volle Verantwortung auf sich nehmen. So erhellt sich das Schuldbewusstsein und der Mensch erfährt in seinem Sein die Erschütterung der Grenze, die Verwirklichung seiner Selbst, das Hinausgehen vom Objektiven ins Subjektive.

- Grenzsituation der Fragwürdigkeit allen Daseins und Geschichtlichkeit des Wirklichen überhaupt

a) Fragwürdigkeit allen Daseins

Man entgeht dieser Grenzsituation in dem man sie verdrängt. Um sie zu erfahren, muss man sich der „Antinomik des Daseins“, also den Widersprüchlichkeiten in der Welt bewusst werden und sie akzeptieren. Die Antinomien des Daseins lassen sich am besten von Jaspers selbst so beschreiben: „Die Wirklichkeit erscheint als ein Spiel entgegengesetzter Kräfte, die jeweils ein Resultat durch Ausschließung, Ausgleich oder Synthese haben.“[29] und weiter: „Antinomien dagegen nennen wir Unvereinbarkeiten, welche nicht überwindbar sind, Widersprüche, die sich nicht lösen, sondern bei klarem Denken nur vertiefen, Entgegensetzungen, die kein Ganzes werden, sondern als unschließbare Brüche an der Grenze stehen.“[30] und weiter: „In dieser Grenzsituation sieht man das Wertvolle gebunden an Bedingungen, die selbst wertnegativ sind. Überall ist etwas in Kauf zu nehmen, was nicht gewollt ist. Die Gegensätze gehören so zueinander, daß ich die eine Seite, welche ich bekämpfe und aufheben möchte, nicht loswerden kann, ohne die ganze Polarität und also auch das, was ich als Wirklichkeit will, zu verlieren. Freiheit ist gebunden an Abhängigkeit, Kommunikation an Einsamkeit, [...], ich selbst als mögliche Existenz an die Erscheinung meines empirischen Daseins.“[31]

Dem Menschen, der diese Grenzsituation existentiell erfährt, ist bewusst, dass das Sein nur in den Grenzsituationen zu erfahren ist, die Grundlage für diese Grenzsituationen ist jedoch eine Welt voller Antinomien.

b) Geschichtlichkeit des Wirklichen überhaupt

Das Dasein ist die Grundlage für die Existenz, Existenz aber auch Transzendenz, ist ohne Dasein nicht möglich. Das Dasein an sich ist jedoch nicht das Ziel des Menschen. „Warum ist überhaupt Dasein?“[32]

Jaspers beschreibt diese Grenzsituation so: „Daß Sein nur ist, wenn Dasein ist; daß aber das Dasein als solches nicht das Sein ist. Doch wenn Dasein sein muß, damit Sein sei, so begreife ich dieses Müssen nicht.“[33] In diesem Unbegreiflichen sieht er die Grenzsituation der Geschichtlichkeit des Daseins (Wirklichen) überhaupt. Das Dasein ist also da, um sich zu verändern, sein Ziel ist es, sich zu wandeln.[34] Die Geschichtlichkeit des Daseins erkennt zunächst die Existenz, „die sich an der Grenzsituation gespannt sieht zwischen Daseinsbestand und Freiheit“[35] Es ist also in dieser Grenzsituation zu erkennen, dass das Dasein notwendig zur Existenz gehört, das Sein also nicht unabhängig ist, sondern abhängig vom Dasein.

3. Die Besonderheit des Erlebens von Grenzsituationen

Den Gewinn, den man aus dem Erfahren einer Grenzsituation erfährt, ist, dass mögliche Existenz in wirkliche transzendiert. Durch diese Erfahrung kann eine neue Grundeinstellung gewonnen werden. Die Grenzsituation erweckt zum eigentlichen Menschsein. Und was gibt es höheres in dem Leben eines Subjekts, als das Subjekt selbst? Den Gewinn, den man aus dem Erfahren einer Grenzsituation zieht, lässt sich in der objektiven Welt nicht gegenständlich greifen, doch denke ich, ist es der höchste Wert, den ein Mensch „besitzen“ kann. Durch das Erfahren einer Grenzsituation wird dem Menschen jedoch keine lebenslange Versicherung für die Verwirklichung seiner Selbst gegeben, sondern der Mensch muss diese immer wieder durch neue Grenzsituationen erfahren. Er muss immer wieder durch etwas Wertnegatives zum Positiven, der Existenz hindurch. Er muss etwas Nicht- Gewolltes in Kauf nehmen, um zu seiner Existenz durchzubrechen. Er muss erst verlieren, um zu „gewinnen“, genau diese Einsicht, ist auch selbst eine Grenzsituation, die „Grenzsituation der Fragwürdigkeit allen Daseins“, auf die ich nun bereits eingegangen bin.

4. Nachwort

Es fiel mir schwer, mich auf das Thema der „Grenzsituation“ einzuschränken. Dieser Begriff ist nur ein winziger Teil in Jaspers Existenzphilosophie. In der Sekundärliteratur über Jaspers, die ich fast nur verwendet habe, werden viele andere Begriffe benutzt, über die man jeweils eigene Hausarbeiten hätte schreiben können. Ich habe mir also Mühe gegeben, diese Begriffe in meine Arbeit nicht zu integrieren, bzw. die wichtigsten nur kurz anzuschneiden, wie zum Beispiel der Begriff der „antinomischen Struktur des Daseins“, den der „Transzendenz“, die „Subjekt- Objekt –Spaltung“ und viele mehr, um beim Thema zu bleiben und vor allem, um das Thema auf den Kern zu reduzieren. Denn schon über den Begriff der „Existenz“ oder den des „Daseins“ könnte man wahrscheinlich ganze Bücher schreiben. Ich weiß auch, dass ich noch viel mehr Zeit hätte investieren können, allein um verschiedene Aufsätze zu dem Thema zu lesen, um ein unabhängigeres und selbständigeres Bild von Jaspers Philosophie zu erhalten. Aber so habe ich mich wirklich nur auf Jaspers Begriff der Grenzsituation beschränkt und diese Arbeit stellt bloß eine kleine Einführung in das Thema dar.

Auch wenn es ganz und gar nicht meine Absicht ist, Jaspers mit Kierkegaard zu vergleichen, bleibt eine Feststellung mir nicht erspart. Kierkegaard sieht ganz klar die Auflösung der Grenzsituation im Erreichen des religiösen Stadiums, auch wenn dieses keinenfalls Bestandteil eines jeden Lebens ist. Der Mensch scheitert, das ist bei beiden gleich, er scheitert mit seinen rationalen Problemlösungsverfahren. Kierkegaard meint, dass der Mensch sowohl mit dem ethischen, als auch mit dem ästhetischen Handeln in der Situation, in der das Dasein als solches an seine Grenzen stößt, scheitert. Es ist dem Menschen hier nur noch möglich, ins religiöse Stadium durchzubrechen, quasi als Synthese.

Jaspers hingegen sieht dieses Scheitern zwar, kommt auch mit dem gewohnten rationalen Handeln nicht weiter, sieht jedoch wieder eine ethische Handelsweise, um zur Existenz zu werden. Er löst das Problem des ethischen Scheiterns durch ein neues ethisches Handeln. Wo ist hier also die wirkliche Transzendenz? Die Existenz befindet sich auch nur im Rahmen des ethischen, wo ist hier der Fortschritt, die Erkenntnis?

Auch wenn ich selbst nicht gläubig bin, sich mir also die Tür zum religiösen Stadium immer verschlossen bleiben wird, klingt es für mich sinnvoller den wahren Glauben als eine wirkliche Transzendenz von Dasein zur Existenz, wie es Jaspers nennen mag, zu sehen. Es ist ein innerer Wachstum, der alte Verfahren ablegt, da der Mensch in dem existentiellen Moment, dem Absurden. Scheitert mit den alten Methoden, die er in seinem Leben angewandt hatte und zu etwas Neuem durchbricht. Bei Jaspers gibt es nichts Neues, es gibt nur eine Verschiebung der Vernunft. Es wird nicht an die Grundlagen des Denkens gegangen, das Denken bleibt in seinem alten Rahmen, obwohl die Fehlerhaftigkeit doch schon bewusst geworden ist. Bei Kierkegaard wird ein neues Denken geboren, das religiöse.

Man erkennt also Jaspers psychologischen Hintergrund und es stellt sich, wo ich nun am Ende meiner Arbeit angekommen bin, die Frage, ob Jaspers je über die Psychologie hinaus gekommen ist, ob man ihn also einen „Philosophen“ nennen kann.

Literaturverzeichnis:

A) Werke

1. Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956,

2. Jaspers, Karl: Psychologie der Weltanschauungen, 4. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1954

B) Sekundärliteratur

3. De la Fuente, Santiago Rodriguez: Grenzbewusstsein und Transzendenzerfahrung. Eine Studie über die philosophische Theologie von Karl Jaspers, München 1983Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995

4. Díaz Díaz, Gonzalo: Begriff und Problem der Situation. Eine Untersuchung im Rahmen des Jasper’schen Denkens, Freiburg i. Br. 1961

5. Hersch, Jeanne: Karl Jaspers. Eine Einführung in sein Werk, München 1980

6. Metzler-Philosophen-Lexikon: von den Vorsokratikern bis zu den Neuen Philosophen, hrsg. v. Bernd Lutz, Stuttgart [u.a.] 2003

7. Salumun, Kurt: Karl Jaspers, München 1985

8. Schülerduden Philosophie, Mannheim 2002,

9. Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995

[...]


[1] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 202

[2] Vgl.: Salumun, Kurt: Karl Jaspers, München,1985, S. 65

[3] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 204

[4] Vgl.: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 203

[5] Díaz Díaz, Gonzalo: Begriff und Problem der Situation. Eine Untersuchung im Rahmen des Jasper’schen Denkens, Freiburg i. Br. 1961, S. 105

[6] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 204

[7] Vgl: Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995, S. 71ff

[8] Vgl.: Schülerduden Philosophie, Mannheim 2002, Stichwort: Transzendenz, S. 397

[9] Vgl.: Schülerduden Philosophie, Mannheim 2002, Stichwort: Transzendenz, S. 397

[10] Vgl.: Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995, S,71

[11] Vgl.: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 203

[12] Aus.: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 220ff.

[13] Vgl.: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, 249ff.

[14] Vgl.: Jaspers, Karl: Psychologie der Weltanschauungen, 4. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1954, S. 229ff.

[15] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956,, S. 213

[16] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 215

[17] Vgl.: Díaz Díaz, Gonzalo: Begriff und Problem der Situation. Eine Untersuchung im Rahmen des Jasper’schen Denkens, Freiburg i. Br. 1961, S. 121

[18] Aus: Díaz Díaz, Gonzalo: Begriff und Problem der Situation. Eine Untersuchung im Rahmen des Jasper’schen Denkens, Freiburg i. Br. 1961 121

[19] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 218

[20] Vgl.: Díaz Díaz, Gonzalo: Begriff und Problem der Situation. Eine Untersuchung im Rahmen des Jasper’schen Denkens, Freiburg i. Br. 1961, S. 122

[21] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S 230

[22] Vgl. Salumun, Kurt: Karl Jaspers, München 1985, S. 68ff.

[23] Vgl. Díaz Díaz, Gonzalo: Begriff und Problem der Situation. Eine Untersuchung im Rahmen des Jasper’schen Denkens, Freiburg i. Br. 1961, S. 129

[24] Vgl. Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995, S. 131

[25] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 235,

[26] Aus: Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995, S. 131

[27] Vgl. Schüßler, Werner : Jaspers zur Einführung, Hamburg 1995, S. 132

[28] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S.225

[29] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 249

[30] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 250

[31] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 250

[32] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 252

[33] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 153

[34] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 153

[35] Aus: Jaspers, Karl: Philosophie Bd. II, 3. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1956, S. 153

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22
Jahr
2005
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Sprache
Deutsch
Katalognummer
v110044
Note
noch sehr
Schlagworte
Grenzsituationen- Eine Begegnung Denken Karl Jaspers

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