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Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie bei Marx

Hausarbeit 2004 25 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ware, Wert, Arbeit und Geld: Grundlagen der Kritik der politischen Ökonomie
2.1 Wenn das Produkt zur Ware wird und Wert entsteht: Arbeit und Tausch
2.2 Die Austauschbarkeit von Werten: Warenfetisch und Geld

3 Kapital, Mehrwert und Ausbeutung
3.1 Geld oder Kapital, Schatzbildner oder Kapitalist?
3.2 Die Ausbeutung oder Handelt ein Kapitalist moralisch verwerflich?

4 Der Kapitalistische Produktionsprozess
4.1 Das Monster mit zwei Köpfen: Formen des Mehrwerts
4.2 Konkurrenz und Extramehrwert
4.3 Kapitalakkumulation und industrielle Reservearmee

5 Das Kapitalistische System
5.1 Die Zirkulation des Kapitals
5.2 Die Profitrate als Determinante kapitalistischen Handelns
5.3 Das fiktive Kapital: Zins, Kredit und Kapitalfetisch
5.4 Tendenzieller Fall der Profitrate,Zyklus und Krise:Geht der Kapitalismus zwangsläufig zu Grunde?

6 Kommunismus: Gesellschaft ohne Herrschaft als Schicksal ?

7 Verschwand ein Gespenst in Europa: Marx heute

1 Einleitung

Als Kritik der politischen Ökonomie bezeichnete Marx sein Vorhaben einer Analyse der kapitalitischen Produktionsweise „in ihrem idealen Durchschnitt“, also eine zeitunabhängige Darstellung der charakteristischen Eigenschaften der kapitalistischen Produktionsweise. Dennoch oder gerade deshalb ist „Das Kapital“ keine rein volkswirtschaftliche Theorie, denn sie zielt im Kontext der frühen philosophischen Schriften von Marx vom Ausgangspunkt der sozialen Frage auf eine Untersuchung der Vergesellschaftung innerhalb der kapitalistischen Produktion.

Mit seiner Kritik der politischen Ökonomie hat Karl Marx eines der wirkungsmächtigsten und zugleich meist kritisierten Werke ökonomischer Theorie verfasst. In den Nachkriegsjahren als Alternative zur liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gefeiert, wurde „Das Kapital“ nach dem Niedergang der Sowjetunion und ihrem Imperium anfang der neunziger Jahre endgültig zu Grabe getragen.

15 Jahre danach hat die freiheitlich-kapitalistische Ordnung mit massiven Problemen zu kämpfen: Reformen sollen die brenzlige Haushaltslage in vielen Staaten beheben, gehen aber auf Kosten des Volkes. Politische Apathie zerfrisst die repräsentative Demokratie und bedingt Legitimitätsprobleme besonders der internationalen Organisationen. Marxsche Kategorien sind wieder modern geworden und es findet eine ideologiebefreiter Diskurs über die Brauchbarkeit des Kapitals in der heutigen Zeit statt.

Im Folgenden soll versucht werden in aller Kürze ein Überblick über die hauptsächlichen Gegenstände der Kritik der poltitischen Ökonomie zu geben. Um den Rahmen nicht zu sprengen werde ich den ersten Band in den Kapiteln 1 bis 4 ausführlicher behandeln, aus den Bänden zwei und drei hingegen nur die zur Vervollständigung des Theoriegebäudes wichtigen Punkte herausgreifen und kurz darstellen (Kapitel 5). In Kapitel 6 soll Marx Prophezeihung vom Untergang des Kapitalismus zur Sprache kommen. Zum Abschluss werde ich noch auf Probleme der Theorie im Hinblick auf aktuelle Zustände zu sprechen kommen (Kapitel 7).

2 Ware, Wert, Arbeit und Geld: Grundlagen der Kritik der politischen Ökonomie

2.1 Wenn das Produkt zur Ware wird und Wert entsteht: Arbeit und Tausch

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine <ungeheure Warenansammlung>, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“[1]

Der Begriff Ware gilt als Synonym für ein im gesellschaftlichen Produktionsprozess hergestelltes Objekt. Zur Ware wird ein Produkt im Tauschprozess und nicht durch Konsum. Dementsprechend hat die Ware einen Doppelcharakter, sie hat sowohl Gebrauchswert als auch Tauschwert. Der Gebrauchswert ist nichts anderes als die Nützlichkeit eines Gegenstandes unabhängig von der dafür verausgabten Arbeit. Beispielsweise hat ein Stuhl den Gebrauchswert, dass man darauf sitzen kann. Der Tauschwert hingegen ist Wert der erst im gesellschaftlichen Zusammenhang, also im Tausch entsteht, dem Gegenstand nicht anhaftet und von allen brauchbaren Eigenschaften dieses Gegenstands abstrahiert, um beim Beispiel zu bleiben, unabhängig von der Möglichkeit ist, auf dem Stuhl sitzen zu können.

Mit diesem Verschwinden der Nützlichkeit eines Dings im Tausch verliert sich auch der konkrete Charakter der zur Herstellung dieses Dings verbrauchten Arbeit. Die Arbeit wird, unabhängig ob sie die Arbeit eines Elektrikers oder eines Schreiners ist, durch das Maß Zeit gemessen und verglichen, heißt daher abstrakte Arbeit und „ist eine abstrakt-genrelle Dimension, welche diese konkreten Arbeiten darstellt und durch diese dargestellt wird“[2]. Abstrakte Arbeit ist nicht anders als Produkte im gesellschaftlichen Produktionsprozess eine Ware, über die ihr Eigentümer, der Arbeiter verfügt. Diese Reduzierung der Arbeit auf den Zeitfaktor ist eine unbewusste gesellschaftlich erzeugte Austauschbarkeit der Arbeit. Nur austauschbare Arbeit ist demnach wertvoll.[3]

Grundlage der Wertbestimmung einer Ware ist nicht die individuell verausgabte, sondern die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die Arbeitszeit also, die notwendig ist, „um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen“.[4] Der durch Arbeitszeit gemessene Wert kommt den Waren aber nur in Beziehung zueinander zu, also nur wenn sie gegeneinander getauscht werden. „[…]Wert ist ihre gemeinsame Eigenschaft.“[5] Jedoch produziert nicht der Tausch den Wert, er vermittelt nur das Verhältnis zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit.

Der begriffliche Ausdruck dieser Beziehung sind relative Wertform und Äquivalentform. Dies bedeutet nichts anderes, als dass eine Ware in die Äquivalentform tritt, um den Wert der anderen Ware in Beziehung zu ihr, also relativ auszudrücken. Wenn beispielsweise ein Brot gegen vier Äpfel oder vier Birnen getauscht werden kann, so ist das Brot die Äquivalentform, weil die Äpfel bzw. Birnen ihren Wert durch das Brot ausdrücken.

Wert ist also wie Herrschaft etwas gesellschaftliches. Genau wie ein Herrscher seinen Untertan braucht, um seine Macht zu manifestieren, so braucht ein Produkt im Tauschprozess ein Äquivalent, um seinen Wert auszudrücken.

2.2 Die Austauschbarkeit von Werten: Warenfetisch und Geld

Die Äquivalentform ist gleichzeitig Ursprung der verdrehten Wahrnehmung in der kapitalistischen Gesellschaft. Das Geheimnisvolle der Warenform besteht darin, dass der gesellschaftliche Charakter von Arbeitsprodukten (ihr Wert) als natürliche Eigenschaft dieser Dinge erscheint, als hätten sie diesen ursprünglich. „Die Waren werden zu sinnlich übersinnlichen Dingen, sie sind als Gebrauchswerte sinnlich wahrnehmbar, aber ihr Wert und ihre Austauschverhältnisse sind außersinnlich, unsichtbar, hinter dem Rücken der Produzenten entstanden.“[6] Marx nennt diese Mystifizierung auch Warenfetisch.

Das Geheimnis der Warenform kommt aus der Gleichsetzung verschiedener Arbeit als abstrakte Arbeit durch das Maß Zeit. Nur so kann der Gebrauchswert einer Ware im Tauschverhältnis derart zurücktreten (schließlich hat ein Stuhl nicht für jeden und in jeder Situation die gleiche Nützlichkeit, trotzdem bleibt der Wert gleich) und gleichzeitig für diesen Gegenstand wertbildend sein, denn nur was Gebrauchswert hat, wird auch Tauschwert entwickeln.

Aus der Perspektive der Warenbesitzer ist eine allgemeine Wertform absolute Voraussetzung, um Waren im gesellschaftlichen Tauschprozess als Werte aufeinander zu beziehen. Dies ist die erste Funktion des Geldes. Geld ist dabei nicht als Vereinfachung im Tausch entstanden, sondern notwendig Basis dieses Tauschprozesses, da sich wertbildende Arbeitszeit nicht vor, sondern erst im Tausch messen lässt, ein Wert der privaten Arbeit also nicht zu bestimmen ist.[7]

Begrifflich wichtig ist die Unterscheidung von Preis und Wert. Die Wertgröße einer Ware drückt sich im Preis aus, kann sich aber infolge von Produktivitätssteigerungen auch verändern. Umgekehrt ist eine Preisveränderung nicht gleich einer Veränderung der Wertgröße. Preisveränderungen können auch aus einer Verschiebung von Angebot und Nachfrage folgen. Eine allgemeine Preisveränderung aller Waren hat ebenfalls nichts mit der Veränderung der Wertgröße all dieser Waren zu tun, sondern ist Folge einer Geldwertveränderung (Inflation oder Deflation). Schließlich können auch nach der Arbeitswertheorie[8] wertlose Dinge, wie beispielsweise ein Adelstitel, einen Preis haben.

Die zweite Funktion des Geldes ist die des Zirkulationsmittels in der Bewegung Ware- Geld-Ware

W – G – W,

in welcher Geld der Vermittlung des Produktentausches dient. Beispielsweise verkauft ein Schreiner seine Produkte, um sich für den Gegenwert etwas zu essen zu kaufen. Das Ziel dieser Aktion ist die Befriedigung der Bedürfnisse.

In seiner dritten Funktion entwickelt sich analog zum Warenfetisch der Geldfetisch. Geld gilt hier als selbstständige Gestalt des Werts, also abgekoppelt vom durch Arbeit erwirtschafteten Wert der Waren, der durch Geld ausgedrückt werden soll. Im Gegensatz zum Geld haben die Waren aber immerhin noch einen Gebrauchswert, der besonders dem Papiergeld, und heute noch extremer, dem „Plastikgeld“ (Kreditkarten) ruhigen Gewissens abzusprechen ist. Eine Kreditkarte hält mich weder warm, noch kann man sie essen. Aufgrund des Fetischismus von Ware und Geld finden alle menschlichen Handlungen in der kapitalistischen Gesellschaft in einem unbewusst gesetzten Rahmen statt, der nur sehr schwer zu durchbrechen ist.[9] Der Geldfetisch bedingt außerdem die Verwandlung von Geld in Kapital und ist damit für den entscheidenden Unterschied der kapitalistischen Gesellschaft zu allen vorherigen verantwortlich.

3 Kapital, Mehrwert und Ausbeutung

3.1 Geld oder Kapital, Schatzbildner oder Kapitalist?

Sehn wir ab vom stofflichen Inhalt der Warenzirkulation, vom Austausch der verschiedenen Gebrauchswerte, und betrachten wir nur die ökonomischen Formen, die dieser Prozeß erzeugt, so finden wir als sein letztes Produkt das Geld. Dies letzte Produkt der Warenzirkulation ist die erste Erscheinungsform des Kapitals.“[10]

Die Unterscheidung von Geld und Kapital markiert die Grenze zwischen zwei Sphären der kapitalistischen Produktionsweise, der Warenzirkulation (W-G-W) als Sphäre des Geldes und der Wertzirkulation mit der Formel

G – W – G’.

Dies Bewegung hat nur Sinn, sobald am Ende der Zirkulation ein um x vervielfachter Wert von G (G’) steht. Schließlich würde sich der Kauf und Verkauf einer Ware nicht lohnen, wenn am Ende nur wieder der Kaufpreis zur Verfügung stände. Kapitalbildung ist somit ein Geldkreislauf, bei dem sich Geld vermehrt und dessen einziges Ziel es ist, Geld zu vermehren. Infolge des Konkurrenzprinzips der kapitalistischen Produktionsweise ist der Kapitalist gezwungen nach dieser Rationalität zu handeln, reproduziert die Verhältnisse also und koppelt die Bedürfnisbefriedigung von seinem wirtschaftlichen Handeln ab. Das Streben nach immer größerem Kapital ist somit maßlos und endlos.

Die Differenz

G’ – G

bezeichnet den Mehrwert, also den Wertzuwachs der Zirkulation. Also ist Geld, das zirkuliert und sich dabei vermehrt gleich Kapital.[11] „Er [der Wert-der Verf.] hat die okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist. Er wirft lebendige Junge oder legt wenigstens goldne Eier“[12]

Freie Lohnarbeit und damit doppelt freie Arbeiter, rechtlich frei und frei von Produktionsmitteln, also von Besitz, sind historische Voraussetzung des Kapitalismus. Nur wenn der Arbeiter nicht selbst produzieren kann, ist er bereit seine Arbeitskraft zu verkaufen und nur wenn er persönlich frei ist, kann er sie verkaufen. Daraus folgt ein struktureller, noch unbewusster Klassengegensatz zwischen Unternehmern und Arbeitern.

3.2 Die Ausbeutung oder Handelt ein Kapitalist moralisch verwerflich?

Wie oben bereits erwähnt[13], wird die Arbeitskraft im gesellschaftlichen Produktionsprozess zur Ware und muss dementsprechend auch einen Wert besitzen.

Dieser Wert ist zu bestimmen durch die zur Erhaltung der Arbeitskraft des Arbeiters notwendige Lebensmittelmenge.[14] Die Festlegung dieser ist Ergebnis des historischen und moralischen Moments des Klassenkampfes ( heute: vergleichbar mit der Verhandlung der Tarifverträge).

Mit dieser Definition kann nun auch das Rätsel der Entstehung des Mehrwerts gelöst werden: Würde der Unternehmer die Arbeit, bzw. den Wert der Arbeit bezahlen, so könnte kein Mehrwert entstehen. Da er aber den Wert der Arbeitskraft bezahlt, also die zur ihrer Erhaltung notwendige Menge an Lebensmitteln, und die Arbeit des Arbeiters glücklicherweise mehr Wert erzeugt als für den Lohn erforderlich (eben den Mehrwert), ist die Differenz sein Eigentum. Man kann diesen Sachverhalt auch anders beschreiben: Bezahlt ein Unternehmer einem Arbeiter die Arbeitskraft von acht Stunden und nehmen wir an er bezahlt dafür 40 Euro, so sind diese 40 Euro, unabhängig vom in acht Stunden durch den Arbeiter produzierten Wert, die Summe der zur Erhaltung der Arbeitskraft nötigen Dinge. Nehmen wir weiter an, der Arbeiter erwirtschaftet diese 40 Euro mit seiner Arbeit in vier Stunden, so sind diese vier Stunden die notwendige Arbeitszeit. Da der Unternehmer aber acht Stunden bezahlt hat, verrichtet der Arbeiter vier Stunden Mehrarbeit, in denen er den Mehrwert erwirtschaftet, der demnach ebenfalls 40 Euro beträgt. Nichtsdestotrotz ist diese Mehrarbeit durch den Lohn bezahlt. Der tägliche Wert der Arbeitskraft ist eben geringer, als der Wert, der durch ihren Gebrauch pro Tag geschaffen werden kann.[15]

Die Bezeichnung Lohnarbeit ist lediglich eine Verdunkelung der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit, denn sobald Arbeit beginnt ist sie schon verkauft und nicht mehr Eigentum des Arbeiters.

Hier liegt die Quelle des Rechtsverstandes sowohl des Arbeiters als auch des Unternehmers. Die Bezeichnung Lohn suggeriert dem Arbeiter, dass er den Wert seiner Arbeit bezahlt bekommen müsste, dieser wird aber erst im Tausch bestimmt. Der Unternehmer zieht den besonderen Vorteil des Mehrwerts aus dem Gebrauchswert der Ware Arbeit. Die Aushandlungen der Verkaufsbedingungen der Ware Arbeitskraft erfolgt unter freien Warenbesitzern und es wäre ebenso vermessen dem Obsthändler im Nachhinein Geld zu erstatten, nur weil dieser bemerkt hat, dass sein Obst mehr Wert hatte, als ihm bezahlt wurde.[16]

Ausbeutung ist bei Marx also keine moralische Kategorie, da Wert und Mehrwert erst im Tausch bestimmt werden und somit außerhalb der Sphäre des Verkaufs der Arbeitskraft liegen.[17] Trotzdem ist der Grad der Ausbeutung messbar und definiert sich durch das Verhältnis von Mehrarbeitszeit (m) und notwendiger Arbeitszeit (v) :

m / v

Eine andere Bezeichnung für dieses Verhältnis heißt Mehrwertrate.

4 Der Kapitalistische Produktionsprozess

4.1 Das Monster mit zwei Köpfen: Formen des Mehrwerts

Mehrwert ist nicht gleich Mehrwert. Den eben beschriebenen, durch Verlängerung der Arbeitszeit erwirtschafteten Mehrwert nennt Marx absoluten Mehrwert. Diesem sind leicht nachvollziehbar natürliche Grenzen gesetzt. Ein Arbeitstag kann nicht 24 Stunden dauern, weil sich die Arbeitskraft sonst weder psychisch noch physisch regenerieren könnte. Dementsprechend muss es eine Möglichkeit geben den Mehrwert auch innerhalb der bestehenden Grenzen des Arbeitstages zu steigern.

Bevor dies näher erläutert werden kann, muss aber die Wertzusammensetzung der einzelnen Ware entschlüsselt werden. Wenn nun der Wert der Ware als Summe der in ihm enthaltenen Werte definiert wird, so ergibt sich die Gleichung

c + v + m

Dabei ist c das konstante Kapital wie Rohstoffe, Maschinen und Energie und v das variable Kapital, mit anderen Worten der Wert der Arbeitskraft. m ist die Differenz von Wert der Arbeit und Wert der Arbeitskraft, also der durch Mehrarbeit entstandene Mehrwert, der im Tausch realisiert wird. Bei konstantem Kapital muss noch zwischen fixem und zirkulierendem Kapital unterschieden werden[18], denn fixes Kapital überträgt nur einen Teil seines Werts auf das Produkt (vgl. Abschreibung), zirkulierendes Kapital wird in der Produktion verbraucht. Demgegenüber geht der Wert der Arbeitskraft nicht in das Produkt ein, durch ihren Gebrauch wird neuer Wert geschaffen. Die Unterscheidung in variables Kapital und Mehrwert verdeutlicht noch einmal, dass die Ware Arbeitskraft in den Besitz des Unternehmers übergeht, der Mehrwert aber erst durch den Gebrauch dieser Ware entsteht.

Zurück zum Mehrwert: Unterstellen wir, der Wert des auf das Produkt übergehenden konstanten Kapitals bleibt gleich, so lässt sich der Mehrwert nur durch ein Sinken des Werts des variablen Kapitals verwirklichen. Dies kann entweder geschehen durch eine Verbilligung der zur Erhaltung der Arbeistkraft notwendigen Dinge oder durch eine Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit.

Das Zauberwort heißt Steigerung der Produktivkraft. Neue, effektivere Produktionsmethoden erlauben die Produktion der gleichen Warenmenge und damit auch die Produktion der zur Bezahlung der Arbeitskraft aufgewendeten Werte in kürzerer Zeit. Die notwendige Arbeitszeit verkürzt sich, wobei die Länge des Arbeitstages gleich bleibt. Folglich verändert sich das Verhältnis von notwendiger Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit und genau aus diesem Grund nennt Marx den so gesteigerten Wert relativer Mehrwert. Ein Beispiel: Zur Erwirtschaftung seines Lohns muss der Arbeiter für seinen Unternehmer pro Tag 5000 Kerzen herstellen. Mit Hilfe neuer Maschinen braucht er für diese Arbeit statt vier Stunden nur noch drei Stunden. Er kann jetzt also fünf Stunden Mehrarbeit pro Tag leisten, erhöht den Mehrwert um 25%, steigert die Mehrwertrate (5/3 statt 4/4) oder anders gesagt: der Grad der Ausbeutung erhöht sich. Weitere Methoden zur Produktion des relativen Mehrwerts sind neben dem Einsatz neuer Maschinen die Kooperation zwischen Unternehmen und verschiedene Formen der Arbeitsteilung.

4.2 Konkurrenz und Extramehrwert

Dem Mehrwert liegt ein komplizierter Sachverhalt zu Grunde, denn er hat neben seiner gesellschaftlichen Gestalt auch noch ein individuelles Moment, wenn sich relativer Mehrwert in Extramehrwert verwandelt. Ist der Unternehmer einer der ersten, der durch neue Maschinen oder Methoden die Produktivität steigert, so produziert er mehr Waren als seine Konkurrenten und hat ein Absatzproblem, da diese nicht weniger produzieren werden. Weil er aber auch billiger produzieren kann als sein Konkurrenten, senkt er einfach den Preis seiner Waren. Versteht er zudem noch etwas von seinem Handwerk, so wird er den Preis gerade soweit drücken, dass er billiger verkaufen kann und trotzdem höheren Profit hat, als seine Konkurrenten. Ein Zahlenbeispiel: Angenommen die Produktion einer Kerze inklusive Logistik und Vertriebskosten kostet im gesellschaftlichen Durchschnitt 70 Cent, verkauft wird sie für einen Euro (Mehrwert = 30 Cent). Unser Unternehmer kann nun für 60 Cent produzieren, verkauft seine Kerze daher für 95 Cent. Er ist somit billiger als die Konkurrenz, hat aber trotzdem mehr Profit (Mehrwert = 35 Cent, Extramehrwert = 5 Cent).

Jetzt ist auch das Paradox, dass der Kapitalist ständig versucht den Tauschwert der Waren, also den Verkaufspreis zu senken, verständlich. Nur so ist es ihm möglich den Mehrwert noch einmal zu verwerten und seinen Profit zu erhöhen. Für Marx besteht wiederum kein Grund, dem Kapitalisten Vorwürfe zu machen, denn wie leicht einzusehen bleibt anderen Unternehmern im eben beschriebenen Fall keine andere Möglichkeit, als ebenfalls eine Produktivkraftsteigerung durchzusetzen, um die eigenen Unternehmen am Leben zu erhalten. Die Mechanismen des kapitalistischen Produktionsprozesses sind dem Einzelnen gegenüber Zwangsgesetze der Produktion.

Erstaunlicherweise ist im Zuge einer Produktivkraftsteigerung ein Erhöhung des Mehrwerts und des Lebensstandards der Arbeiterklasse möglich: Verringern sich die Lebenshaltungskosten der Arbeiter beispielsweise durch Produktivkraftsteigerungen im Lebensmittel produzierenden Sektor um die Hälfte (40€ statt 80€), so kann der Unternehmer dem Arbeiter 60 Euro zahlen und steigert seinen Mehrwert trotzdem um 20 Euro. Der Arbeiter wiederum hat ebenfalls 20 Euro mehr zur Verfügung. Die Nominallöhne (Löhne in Geld ausgedrückt) sind gefallen, die Reallöhne (Löhne ausgedrückt in Kaufkraft) sind gestiegen.[19] Dieser Sachverhalt wird uns in Kapitel 7 nochmals beschäftigen.

4.3 Kapitalakkumulation und industrielle Reservearmee

Anwendung von Mehrwert als Kapital oder Rückverwandlung von Mehrwert in Kapital heißt Akkumulation des Kapitals.“[20]

Akkumulation findet statt wenn am Ende des Verwertungsprozesses die um den Mehrwert gestiegene Wertsumme reinvestiert wird, die gewonnenen Werte also nicht zur Bedürfnisbefriedigung genutzt, sondern mit dem Ziel weiteren Gewinn zu machen eingesetzt werden. Bestimmend für die Geschwindigkeit und das Ausmaß von Kapitalakkumulation ist die Wertzusammensetzung c / v des Kapitals.[21] Akkumulation erfolgt typischerweise bei steigender Wertzusammensetzung, wenn das konstante Kapital schneller wächst als das variable Kapital.

Die Wertzusammensetzung regelt auch die Nachfrage der Arbeitskraft, da der Unternehmer immer die für ihn günstigste Konstellation wählen wird, also die, welche für ihn die geringsten Kosten mit sich bringt. Beispielsweise würde eine Erhöhung des konstanten Kapitals in der Regel auch eine erhöhte Nachfrage nach Arbeitskraft (variables Kapital) bedeuten, wodurch wiederum die Verkausbedingungen der Arbeitskraft sich bessern und in steigenden Löhnen resultieren würden. Dieser Umstand wird den Kapitalisten dann zum Einsatz arbeitsparender Maschinen zwingen und dies führt zu schlechteren Bedingungen für den Verkauf von Arbeitskraft. Marx spricht hier von einem gleichzeitigen Wirken antagonistischer Kräfte, nämlich von einem Freisetzungs- und einem Beschäftigungseffekt der Akkumulation.[22] Die Gesamtheit der arbeitslosen Bevölkerung bezeichnet er als industrielle Reservearmee und geht von einer tendenziellen Vergrößerung dieser aus, da der Freisetzungseffekt der Akkumulation im Zuge der Automation der Produktion der stärkere sein wird. Ein weiterer Faktor ist die Konzentration des gesellschaftlichen Gesamtkapitals in den Händen von immer weniger Kapitalisten, so dass viele kleine und mittlere Kapitalisten ebenfalls in die industrielle Reservearmee absteigen. Es besteht außerdem ein Interesse der Unternehmer an der Erhaltung der industriellen Reservearmee, da durch sie einerseits ein immenser Lohndruck auf die arbeitende Bevölkerung ausgeübt wird und andererseits eben eine Reserve für nachfragestarke Zeiten besteht.

Der arbeitende Teil der Bevölkerung reproduziert also die sie selbstgefährdende Akkumulation und gleichzeitig schlechter werdende Bedingungen für die nicht-arbeitende Bevölkerung, „ die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralische Degradation auf dem Gegenpol […]“.[23]

5 Die Funktionsweise des Systems Kapitalismus

5.1 Die Zirkulation des Kapitals

Der zweite Band des Kapital behandelt hauptsächlich den Geld- und Warenkreislauf im kapitalistischen Produktionsprozess. Die allgemeine Form des Kapitalkreislaufs W - G - W wird von Marx an dieser Stelle weiter ausgeführt. Demnach lässt sich diese Formel analog in drei Stadien aufteilen:

1) Im ersten Stadium tritt der Kapitalist auf dem Warenmarkt als Käufer auf. Er verwandelt die ihm zur Verfügung stehende Geldsumme in die Waren Arbeitskraft und Produktionsmittel.

2) Das zweite Stadium ist der Produktionsprozeß, die Ware Arbeitskraft wird produktiv konsumiert und es entsteht neue Ware mit größerem Wert als ihre Produktionselemente.

3) Zuletzt kehrt der Kapitalist auf den Warenmarkt zurück, tritt diesmal jedoch als Verkäufer der neu produzierten Ware auf.[24]

Ausführlicher könnte man den Kreislauf des Kapitals also auch folgerndermaßen schreiben:

G – W … P … W’ – G’

Diese Formel ist natürlich nur eine aus dem ständigen Kreislauf isolierte, vereinfachte Darstellung, im kapitalistischen Produktionsprozess sind die richtigen Proprotionen und Zeitabläufe für die Funktionsfähigkeit der Bewegung entscheidend. Investiert beispielsweise ein Kapitalist zu viel in die Waren Arbeitskraft, kann aber die Produktion nicht entsprechend steigern, so tritt in der Kreislaufbewegung ein Bruch auf, wodurch wiederum der Kapitalist die Zinsen des zur Finanzierung der Investitionen aufgenommenen Kredits nicht mehr bezahlen kann und bankrott geht.

Wertzusammensetzung und Umschlagszeit sind die Faktoren, welche über die Höhe der Profitrate entscheiden. Je kürzer die Umschlagszeit, desto höher die Profitrate.

5.2 Die Profitrate als Determinante kapitalistischen Handelns

Der dritte Band des Kapital bewegt sich nun endlich auf dem Niveau der realen wirtschaftlichen Verhältnisse. Hier geht Marx näher auf seine These ein, dass die Profitrate eines Betriebes umso höher ist, je kleiner der Anteil des konstanten Kapitals am Gesamtkapital ist.

Die Profitrate definiert sich durch das Verhältnis des Mehrwerts zum Kostpreis einer Ware. Der Kostpreis ist dabei einfach der Wert der zur Produktion aufgewendeten Mittel, also c + v. Nun könnte man einwenden, dass der Kostpreis nicht in Abhängigkeit von seiner Zusammensetzung steht, 60 Euro + 40 Euro ergeben schließlich dasselbe wie 50 Euro + 50 Euro. Wenn man aber in der Argumentationslinie von Marx verbleibt, so muss man angesichts der Abhängigkeit des Profits vom Mehrwert feststellen, dass Mehrwert nur aus Arbeit ensteht, die Profitrate also sehr wohl von der Zusammensetzung des Kapitals abhängt und damit auf die Mehrwertrate m / v reduziert werden könnte. Das konstante Kapital überträgt seinen Wert nur und schafft keine neuen Werte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten [25]

Für das praktische Handeln des Kapitalisten ist allerdings die Profitrate entscheidend, welche wie oben angemerkt, zwischen konstantem und variablem Kapital nicht differenziert. Das Kapital erscheint ihm als Ursache des Profits, die Bewegung durch den Produktionsprozess schafft in seinen Augen den Neuwert. Dies ist ein Folge der Mystifikation des Lohns, denn nur weil der Lohn als Bezahlung des Werts der Arbeit und nicht der Arbeitskraft erscheint, nimmt Mehrwert die Gestalt des Profits an, scheint also Frucht des Kapitals zu sein.

Der Zwang der Konkurrenz in Verbindung mit dieser Reduktion zwingt ihn nun zu ständiger Steigerung der Effizienz, die er durch eine Ökonomisierung in Anwendung des konstanten Kapitals (Schichtarbeit, Rohstoffeinsparung), bei Verbilligung der Produktionsmittel oder durch die Beschleunigung des Kapitalumschlags erreichen kann.[26]

Es entsteht der Eindruck, dass mit sinkendem Kostpreis der Profit steigen müsste. Der Kapitalist wird also versuchen seinen Kapitaleinsatz zu minimieren. Da aber in der in der stahlverarbeitenden Industrie grundsätzlich wesentlich mehr konstantes Kapital eingesetzt wird als beispielsweise in einer Gärtnerei, muss es eine ausgleichende Bewegung geben. Dieser Ausgleichsprozess entsteht durch die Konkurrenz anlagesuchender Kapitale und beginnt ständig von neuem. Investitionen werden immer in Branchen mit hohen Profitraten getätigt, wodurch infolge von Überproduktion die Preise und damit auch die Profitraten wieder fallen werden. Der gesellschaftliche Durchschnittsprofit hängt also vom gesamtgesellschaftlichen Mehrwert ab, jedes Kapital erzielt im Durchschnitt dieselbe Profitrate. Die Summe von Durchschnittsprofit und Kostpreis [(c+v) + 22%] heißt Produktionspreis.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[27]

Der prozentuale Gewinn ist für alle gleich, jeder erhält seinen Gewinn proportional zur Größe seines Anteils am gesellschaftlichen Gesamtkapital. Der Erlös der Unternehmen liegt dementsprechend über (+17) oder unter(-18) dem Produktwert. Da der Produktwert aber erst im Tausch bestimmt wird, den Unternehmen daher nicht bekannt ist, richten diese ihr Augenmerk auf einen gegenüber dem Kostpreis durchschnittlich höheren Ertrag. Der Durchschnittsprofit ist trotzdem keinesfalls Ausgangspunkt für die Kalkulation von Verkaufspreisen, er ist nur Resultat der durch Konkurrenz hervorgebrachten Produktionszustände.[28] Hier wird ein großes Problem der Marxschen Argumentation sichtbar, denn Werte und Produktionspreise liegen auf verschiedenen Ebenen und lassen sich nicht beliebig transformieren. Wert ist nach Marx Definition erst im Tausch bestimmbar und stellt das Verhältnis der konkret aufgewendeten Arbeitsmenge zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit dar, sind dem Unternehmer aber unbekannt. Verkaufspreise hingegen basieren sind von der Arbeit abstrahierende, auf Erwartungswerte ausgelegte Konstrukte, die noch von anderen Faktoren abhängen (z.B. Angebot und Nachfrage).[29]

5.3 Das fiktive Kapital: Zins, Kredit und Kapitalfetisch

In dieser Eigenschaft als mögliches Kapital, als Mittel zur Produktion des Profits, wird es Ware, aber eine Ware sui generis [von eigener Art; der Verf.]. Oder was auf dasselbe herauskommt, Kapital als Kapital wird zur Ware.“[30]

Der Preis der Ware Kapital ist der Zins, verkauft wird der Gebrauchswert des Kapitals, Profit zu erzielen, von dem wiederum der Zins gezahlt werden muss, der natürlich möglichst niedriger sein muss als der damit zu erzielende Profit.

Kredit und Zins gibt es nicht erst seit dem Aufkommen der kapitalistischen Produktion. Neu ist, dass sich der Kreditnehmer das Geld nicht leiht, um seine Pleite abzuwenden, sondern zur Erzielung von Profit mit dem geliehenen Kapital. Der Schein, dass sich Geld als zinstragendes Kapital für den Besitzer von ganz alleine vermehrt ist für Marx der Gipfel des Fetischismus.

Mit der beispiellosen Vermehrung von Werten durch Schuldzuschreibungen tritt eine Verzerrung des Wertesystems ein, die sich im Umlauf befindenden Werte haben mit den tatsächlich vorhandenen (auf Geldware gestützten) Werten nichts mehr zu tun. Das Kreditsystem ist dementsprechend die absolute Steuerungsinstanz der kapitalistischen Produktion. Es regelt alle Akkumulationsprozesse, ist damit aber auch „ Haupthebel der Überproduktion und Überspekulation im Handel[31]. Damit sind alle Elemente erklärt um die Marxsche Krisentheorie und die Prophezeihung vom Untergang des Kapitalismus auf ihre Konsistenz zu prüfen. Da Marx Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate vielfach als mit der Krisentheorie identisch angesehen wird, muss dieses zunächst erklärt werden.

5.4 Tendenzieller Fall der Profitrate, Zyklus und Krise: Geht der Kapitalismus zwangsläufig zu Grunde?

Marx geht von einer tendenziell fallenden Profitrate aus. Er begründet dies mit der Jagd nach Extraprofit und dem damit verbundenen Anwachsen des gesellschaftlichen konstanten Kapitals im Vergleich zum wertschöpfenden, variablen Kapital. Wäre diese Gesetz absolut, so müsste der Kapitalismus schon recht bald zum Erliegen kommen. Das Gesetz wird jedoch durch einige entgegenwirkende Faktoren zur Tendenz abgeschwächt. Dies sind zum Beispiel ein steigender Ausbeutungsgrad der Arbeit, Lohndumping, größere Effektivität der Maschinen, sowie Aktienhandel und Außenhandel. Faktisch geht Marx damit von einem schnelleren Anwachsen des konstanten Kapitalteils im Vergleich zur Mehrwertrate aus. Dies ist aber eine Behauptung, die hätte bewiesen werden müssen, für einen allgemeinen Nachweis fehlt in der Gleichung leider ein konstanter Zahlenfaktor.[32]

Vielfach wurde deshalb behauptet, dass die Marxssche Krisentheorie mit der Widerlegung des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate ebenfalls ad acta gelegt werden müsste. Die Marxsche Krisentheorie ist auf das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate aber gar nicht angewiesen.[33] Bevor dies gezeigt werden kann, muss jedoch zunächst der Begriff Krise genauer definiert werden.

Eine Krise entsteht in der kapitalistischen Gesellschaft durch den Einbruch der Nachfrage infolge fehlender Zahlungsfähigkeit der Konsumenten. Das vorgeschossene Kapital verwertet sich schlechter, wodurch die Nachfrage nach Arbeitskraft und Produktionsmitteln sinkt. Massenarbeitslosigkeit entsteht und bedingt einen weiteren Rückgang der Konsumtion. Ein Teufelskreis, der erst mit der grundlegenden Umwälzung der Produktionsmethoden sein Ende nimmt. Marx bezeichnet das Element der Krise als dem Kapitalismus immanent, er sieht sie sogar als notwendiges, reinigendes Element. Unprofitable Kapitale werden zerstört, die Profitrate beginnt wieder zu steigen und der Zins fällt.

Der wahre Motor der kapitalistischen Krise ist die dem Kapitalismus immanente Tendenz zur Überproduktion und Überakkumulation, zwei Faktoren, die ihre Wirkung gegenseitig verstärken. Einerseits wird auf der Jagd nach Extraprofiten immer effektiver und damit meist auch umfangreicher produziert, andererseits wird die Konsumtionskraft durch Zentralisation der Kapitale und Verelendung weiter Teile der Bevölkerung beschnitten. Krisen wären laut Marx aber allein deshalb unvermeidbar, weil der momentane Punkt einer krisenhaften Entwicklung nicht bestimmt werden kann, die Möglichkeit zum Ausstieg aus einer krankenden Wirtschaft für den Einzelnen also unmöglich ist. Genau diese Tatsache macht die Marxsche Krisentheorie auch inkonsistent, denn sie trifft keine Aussagen über Verlauf und Dauer einer Krise, genau das wäre aber für eine Analyse der kapitalistischen Produktion „in ihrem idealen Durchschnitt“ nötig gewesen.[34]

6 Kommunismus: Gesellschaft ohne Herrschaft als Schicksal ?

Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und sein Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind.“[35]

Alle Fetische und Mystifikationen der kapitalistischen Produktion entstehen aus der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft und sind nicht auf rationale Handlungen der Kapitalisten zurückzuführen. Diese Struktur beschreibt Marx als die ‚trinitarische Formel der bürgerlichen Gesellschaft’. Kapital, Grundbesitz und Arbeit sind drei scheinbar voneinander unabhängige Quellen der Bereicherung, dass auch Kapital und Grundbesitz nur durch den Arbeitsprozess wertbildend sein können, wird vollkommen ausgeblendet. Kapital und Boden erhalten so magische Fähigkeiten. Wie schon gesagt, sind diese Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft strukturell eingeschrieben, also objektiv gegeben. Nur unter Umständen kann diese Struktur durchbrochen werden.

Marx schreibt der Arbeiterklasse damit aber keinesfalls eine höhere Erkenntnisfähigkeit zu, denn sie wird diese Struktur nicht aufgrund eines besonderen Interesses durchbrechen können. Die stetig sich vergrößernde Masse der industriellen Reservearmee wird durch die nach den Krisen nur auf höherer Stufe reproduzierten Widersprüche in absolutes Elend versetzt und damit praktisch objektiv gezwungen sich zu sammeln und eine „Klasse für sich“, also eine Klasse, die sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst ist, zu bilden.[36]Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.“[37] Ihr Ziel ist laut Marx die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, die über den Umweg einer Diktatur des Proletariats verwirklicht werden soll. Ist diese Aussage nun durch de Sieg des Kapitalismus über den sowjetischen Staatssozialismus widerlegt?

7 Verschwand ein Gespenst in Europa ?

Was bleibt von Marx zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Das Dilemma der Marxschen Ökonomiekritik ist ihr Geschichtsdeterminismus. Eine Theorie, die den Verlauf der Geschichte auf ein unvermeidbaren Endpunkt behauptet, ist nicht mehr zeitgemäß. Der Niedergang der Sowjetunion liefert allerdings keinen Gegenbeweis zu Marx These. Marx zufolge müssen die Möglichkeiten der neuen Gesellschaft in der alten schon vorhanden, alles kapitalistische aber zerstört sein, bevor eine neue, freie Gesellschaft entstehen kann. Es reicht nicht aus, wie 1917 in Russland, eine bestehende Schwäche der bürgerlichen Gesellschaft auszunutzen. Ohne die entsprechenden ökonomischen und sozialen Voraussetzungen mag eine Revolution als Projekt der Machtergreifung einer Partei erfolgreich sein, nicht aber das Projekt einer gesellschaftlichen Emanzipation.

Was Marx desweiteren unterschätzt, nach der glimpflich verlaufenen Wirtschaftskrise 1857 wohl aber schon geahnt hat, ist die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus. Wie in Kapitel 4.2 schon angemerkt, hat es der Kapitalismus verstanden, immer wieder (eher kleine) Anteile an den Profitsteigerungen, entweder direkt[38] oder durch soziale Sicherungsysteme, an die Arbeiter weiterzugeben, um ein Weiterbestehen der neoliberalen Wirtschaftsordnung zu sichern. Im Moment findet allerdings ein Austausch der sozialen Sicherungssysteme gegen politisches Marketing statt, das man leider weder essen noch tauschen kann.

Ein grundsätzliches Problem der Kritik der politischen Ökonomie ist, dass Marx aus der Erkenntnis der Bewegungssätze des Kapitalismus eine lineare Entwicklung von Totalität (der kapitalistischen Produktionsweise) zu Totalität (der sozialistischen Produktion) voraussagt und damit das Weiterbestehen anderer Produktionsweisen, wie beispielsweise des Handwerks ausklammert. Kleine Unternehmen weisen unter bestimmten Gesichtspunkten eben auch Vorteile wie Flexibilität und Innovationskraft auf, die kapitalitische Großunternehmen nicht bieten können. Desweiteren ist der einfache Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wohl nicht alleinverantwortlich für gesellschaftliche Gegensätze und eine dauerhafte Tendenz zum Fall der Profitrate lässt sich auf der allgemeinen Ebene, auf der Marx im Kapital argumentiert, auch nicht begründen.

In Kapitel 3.2 waren wir auf Probleme hinsichtlich der Wertbestimmung der Arbeitskraft gestoßen. Besonders in feministischen Kreisen hat diese empörte Kritik hervorgerufen, weil die Ausbeutung des Mannes in der Fabrik nur durch die Ausbeutung der Frau im Haushalt möglich sei, dem Beitrag der Frau zur Reproduktion der Arbeitskraft aber nicht Rechnung getragen werde. So zutreffend die Kritik auch sein mag, sie übersieht, dass nach Marxschen Kriterien Hausarbeit unproduktive Arbeit ist, da durch sie kein Mehrwert entsteht und dementsprechend für die Wertbestimmung der Ware Arbeitskraft keine Rolle spielt.[39] Um die Kritik zu umgehen reicht es im Grunde aus, den Wert der Arbeitskraft als ungefähre Wertsumme zur Erhaltung der Familie der Arbeitenden zu definieren.

Im Laufe der Zeit nähren sich im Zuge der zunehmenden Individualisierung Zweifel an der Möglichkeit zur Bildung einer homogenen „Klasse für sich“. Ein revolutionärer Umsturz scheint angesichts der weitverbreiteten politischen Apathie infolge der geschickten politischen Vermarktung von sozialpolitisch mehr als fragwürdigen Reformen in weite Ferne gerückt.

Für Marx spricht, sich die soziale Ungleichheit empirischen Forschungen zufolge trotz der allgegenwärtigen Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards weiter vertieft. Die Bewegungsgesetze des Kapitalismus in ihren Grundzügen, die Analyse der Formen von Arbeitsteilung und Krisen bleiben hochaktuell. Den Vernachlässigungen und Fehlern zum Trotz ist „Das Kapital“ nach wie vor zu den treffendsten Gesamtbetrachtungen makroökonomisch beeinflusster Gesellschaftsdynamik zu zählen, und dass, obwohl drei geplante Bände zu essentiellen Themen wie Außenhandel, Staat und Weltmarkt gar nicht mehr veröffentlicht werden konnten. „ Der Sozialstaat mit seinen Nebenfolgen von bürokratischer Macht, seiner Behandlung von Minderheiten, Immigranten oder Asylsuchenden hat seine Unschuld verloren.“[40] Die Chance einer, nach dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Sowjetunion, ideologiefreien Beschäftigung mit der Marxschen Theorie sollte im Hinblick auf die Ausarbeitung alternativer Politikinhalte nicht ungenutzt bleiben. „ Der Sozialstaat mit seinen Nebenfolgen von bürokratischer Macht, seiner Behandlung von Minderheiten, Immigranten oder Asylsuchenden hat seine Unschuld verloren.“[41]

8 Bibliographie

Primärliteratur

- Marx, Karl (1981a) : Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Band 1. Berlin

- Marx, Karl (1969) : Das Kapital. Band 2. Berlin

- Marx, Karl (1981b) : Das Kapital. Band 3. Berlin

- Marx, Karl: komm man

- Marx, Karl: mew 1

- Sekundärliteratur

- Berger, Michael (2003): Karl Marx: „Das Kapital“. Wilhelm Fink Verlag Stuttgart

- Habermas, Jürgen (1990): Die Moderne – ein unvollendets Projekt. Leipzig

- Haller, Max (1997): „Klassenstruktur und Arbeitslosigkeit – Die Entwicklung zwischen 1960 und 1990“ in: Hradil, Stefan/Immerfall, Stefan (Hrsg.): Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich. Leske + Budrich Opladen

- Heinrich, Michael (1999): Die Wissenschaft vom Wert – Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. Westfälisches Dampfboot Münster

- Heinrich, Michael (2004): Kritik der politischen Ökonomie – Eine Einführung. Schmetterling Verlag Stuttgart

- Postone, Moishe (1993): Time, labor and social domination – A reinterpretation of Marx’s critical theory. Cambridge University Press

[...]


[1] Marx, Karl 1981a: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Band 1. Berlin; S. 49

[2] Postone, Moishe 1993: Time, labour and social domination. Cambridge, S. 192(Übersetzung J.B.)

[3] Vgl. Berger, Michael 2003: Karl Marx: „Das Kapital“. München

[4] Marx 1981a; S. 53

[5] Heinrich, Michael 1999: Die Wissenschaft vom Wert. Münster; S. 215

[6] Vgl. Berger, S. 53

[7] Vgl. Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie – Eine Einführung. Stuttgart 2004; S. 62f

[8] Wert wird bestimmt durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit; Siehe oben Abschnitt 1.1

[9] Heinrich 2004, S. 76f

[10] Marx 1981a; S. 161

[11] vgl. Berger, S. 81

[12] Marx 1981a; S. 168

[13] siehe oben Kapitel 2.1

[14] Die Ernährung und Bildung der Familie des Arbeiters eingeschlossen. Deshalb wird im Folgenden allgemeiner von den zur Erhaltung der Arbeitskraft notwendigen Dingen gesprochen. Zu dieser Problematik mehr in Kapitel 7.

[15] vgl. Heinrich 2004; S. 93

[16] vgl. Marx 1981a; S.562

[17] vgl. Heinrich 2004; S. 90-94

[18] Zirkulierendes Kapital sind Rohstoffe und Energie, fixes Kapital sind die Maschinen

[19] Vgl. Heinrich 2004; S. 118

[20] Marx 1969a; S. 605

[21] c = konstantes Kapital, v = variables Kapital; näheres siehe oben Kapitel 4.1

[22] Vgl. Heinrich 2004, S. 125

[23] Marx 1969a, S. 675

[24] Heinrich 2004; S. 131 f

[25] Berger; S. 172

[26] Heinrich 2004; S.142f

[27] Berger; S. 174

[28] Berger; S. 178

[29] Näheres in Heinrich 1999; S. 267 ff

[30] Marx 1981b: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Berlin; S. 351

[31] Marx 1981b: Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. Berlin; S. 457

[32] Eine ausführliche Kritik des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate in Heinrich 1999; S. 327 ff

[33] Heinrich 2004; S. 171

[34] Heinrich 2004, S. 175

[35] Marx 1981b; S. 260

[36] komm manifest

[37] Mew 1 386

[38] Vgl. Kapitel 4.2

[39] Vgl. Heinrich 1999, S. 259-263; näher in: von Werlhof, Claudia 1988: Frauen die letzte Kolonie – Zur Hausfrauisierung der Arbeit

[40] Habermas, Jürgen 1990: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Leipzig

[41] Habermas, Jürgen 1990: Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Leipzig

Details

Seiten
25
Jahr
2004
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109857
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
Kapital Kritik Marx Klasssiker Soziologie

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Titel: Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie bei Marx