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Eine gerechte Gesellschaft: Wirklichkeit oder Utopie? Versuch einer Analyse der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls

Essay 2005 10 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ur-Zustand

3. Der Einwand gegen den Ur-Zustand

4. Rawls Theorie der Gerechtigkeit - Anwendung in demokratischen Staaten

5. Fazit

6. Bibliografische Angabe

1. Einleitung

Eine gerechte Gesellschaft: Wirklichkeit oder Utopie? Wer hat die Legitimität zu sagen, was gerecht ist oder nicht? Wie lauten die Grundsätze einer gerechten Gesellschaft? Vorausgesetzt, wir wären uns alle über diese einig, wie könnten wir Gerechtigkeit in der Gesellschaft konkretisieren? Wie sähen dann unsere Ideen von Gerechtigkeit in der Praxis aus?

Menschen aus verschiedenen Epochen haben sich darüber Gedanken gemacht, wie man eine Gesellschaft zu gestalten hat, sodass diese gerecht ist. Auch der Philosoph John Rawls (1921-2002) hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt und eine Theorie der Gerechtigkeit veröffentlicht, in der er die Entscheidungen, die wir in einem bestimmten Zustand treffen, für zwangsläufig gerecht hält[1].

Die Untersuchung, ob seine Theorie für die praktische Anwendung durch demokratische Verfassungsstaaten taugt, sodass in diesem Sinne von gerechten Staaten gesprochen werden kann, ist Gegenstand dieses Essays.

2. Der Ur-Zustand

Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls schliesst sich an die Tradition der Vertragstheorien von Hobbes und Rousseau an. Eine Vertragstheorie geht von einer „original position“ aus, in der alle Mitglieder der Gesellschaft (oder alle durch entsprechende Vertreter) die Entscheidung treffen, wie diese Gesellschaft funktionieren soll[2].

Bei Rawls besteht der Unterschied zu diesem Ausgangspunkt, dass die Übereinkunft in dieser „original position“ von freien und gleichen Mitglieder der Gesellschaft gemacht wird und unter bestimmten Bedingungen zustande kommt. Diese besonderen Bedingungen machen die Gerechtigkeit der Entscheidungen aus, die im Ur-Zustand getroffen werden.

Das Ziel des Ur-Zustandes ist, eine Alternative für die Gesellschaft (System sozialer Kooperation) auszuarbeiten, welche die am besten geeigneten Grundsätze für die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit hervorbringt[3]. Dieses Ziel wird dadurch erreicht, dass in dem Ur-Zustand faire Bedingungen geschaffen werden, die diese Entscheidungen legitimieren und deswegen als gerecht anerkannt werden.

Wenden wir uns jetzt den fairen Bedingungen dieser Entscheidung zu, die durch den Ur-Zustand ermöglicht werden.

Im Ur-Zustand wissen die Leute nichts von ihrem Status in der Gesellschaft, nicht ob sie reich oder arm, Frau oder Mann sind. Der „Schleier der Unwissenheit“, so wie Rawls diese Besonderheit des Ur-Zustands genannt hat, ermöglicht eine Übereinkunft, bei der persönlichen Verhandlungsvorteile ausgeschlossen sind. Und solche Vorteile müssen ausgeschlossen sein, genauso wie Zwang, Manipulation oder Einfluss auf die Entscheidung des anderen ausgeschlossen sein müssen, weil wir vorausgesetzt haben, dass diese Entscheidungen freien und gleichen Menschen entstammen sollen.

Unterstellt wird auch, dass alle über Vernunft verfügen und psychisch gesund sind, sodass alle das beste für sich möchten und entsprechend entscheiden. Nichtdestotrotz müssen sie damit rechnen möglicherweise in der Gesellschaft zu den schlechter Gestellten zu gehören. Dies allein schliesst egoistische Entscheidungen aus.[4]

Dadurch, dass (1) keiner von seiner Stellung in der Gesellschaft weiss, (2) alle rational entscheiden und (3) alle frei und gleich sind, werden Entscheidungen getroffen, die für alle Leute in der Gesellschaft gut sind. Durch den Konsens aller, dass ihre Entscheidungen die beste Alternative für die Gesellschaft ist, gilt diese Alternative als gerecht.

Dieses ist kurz zusammengefasst die Idee von Rawls „Justice as fairness“, in der die Grundsätze, die die Gerechtigkeit ausmachen, als „the object of an original agreement in a suitable defined initial situation“[5] zu denken sind.

3. Der Einwand gegen den Ur-Zustand

Der am häufigsten vorgebrachte Einwand gegen Rawls Theorie der Gerechtigkeit ist der Einwand gegen der Urzustand. Es wird z. B. kritisiert, dass dieser Ur-Zustand niemals eintreten kann.

Dies ist ein schlüssiger Einwand. Dies wusste auch Rawls. Er hat vom Anfang an den Ur-Zustand als ein Darstellungsmittel gedacht und nicht als einen realen Zustand, in den man eintreten kann oder nicht.

Als Darstellungsmittel ist der Ur-Zustand „ein Modell für unser Verständnis von fairen Bedingungen, unter denen die Vertreter freier und gleicher Personen die Bedingungen sozialer Kooperation für die Grundstruktur der Gesellschaft festlegen sollen.“[6]

Und als Modell dafür dient der Ur-Zustand der öffentlichen Reflexion, des Gedankenspieles, sich in diesen virtuellen Zustand hineinzuversetzen[7], um z. B. zu überprüfen, ob die Grundsätze, die man vertritt, sich aus der Auseinandersetzung im Ur-Zustand ergeben würden. An diesem Spiel kann jeder teilnehmen. Denn jeder kann sich in diesen Zustand denken: „one or more persons can at any time enter this position, or perhaps better, simulate the deliberations of this hypothetical situation, simply by reasoning in accordance with the appropriate restrictions“.[8]

Es bleibt trotzdem die Frage offen, ob und inwieweit die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls mit dieser Vorstellung von dem Ur-Zustand dazu dienen kann, Gerechtigkeit in demokratischen Staaten zu schaffen. Dies wird im nächsten Abschnitt behandelt.

4. Rawls Theorie der Gerechtigkeit - Anwendung in demokratischen Staaten

Sind Politiker in der Lage, sich in den Ur-Zustand hineinzuversetzen, um gerechte Entscheidungen für das Gemeinwesen zu treffen? Zu dieser Frage schien Rawls folgende Antwort zu geben:

„Of course, when we try to simulate the original position in everyday life, that is, when we try to conduct ourselves in moral argument as its constraints require, we will presumably find that our deliberations and judgments are influenced by our special inclinations and attitudes. Surely it will prove difficult to correct for our various propensities and aversions in striving to adhere to the conditions of this idealized situation. But none of this affects the contention that in the original position rational persons so characterized would make a certain decision. This preposition belongs to the theory of justice. It is another question how well human beings can assume this role in regulating their practical reasoning.”[9]

Er ist also der Ansicht, dass, obwohl es praktisch schwierig ist, sich in den Ur-Zustand mit sämtlichen damit verbundenen Anforderungen, hineinzuversetzen, man nicht bestreiten kann, dass Menschen mit diesen Eigenschaften in diesem Zustand eine bestimmte Entscheidung treffen würden.

Hieraus lässt sich allerdings auch schlussfolgern: Es ist mehr oder weniger gleichgültig, dass Menschen in diesem Zustand eine bestimmte Entscheidung treffen würden. Denn wenn wir uns in diesen Zustand nicht hineinversetzen können, können wir auch nicht „mögliche“ Entscheidungen, die in diesem Zustand getroffen wurden, nachvollziehen und schon gar nicht anwenden, zumindest nicht aus diesem Grund.

Ausserdem ist fraglich, ob wir nicht bestreiten können, dass Menschen mit diesen Eigenschaften in diesem Zustand eine bestimmte Entscheidung treffen würden. Rawls verstärkt aber seine Argumentation in diesem Punkt mit folgendem Argument: „To say that a certain conception of justice would be chosen in the original position is equivalent to saying that rational deliberation satisfying certain conditions and restrictions would reach a certain conclusion“.[10] Jedoch, ob rationale “deliberation” unter bestimmten Bedingungen und Restriktionen allein eine bestimmte Schlussfolgerung zustande bringen würde, bleibt weiterhin zweifelhaft. Warum sind denn rationale Menschen (selbst und vor allem! Philosophen) unter derselben Bedingungen und Restriktionen in der Lage sämtliche vorstellbaren Meinungsverschiedenheiten zu haben?

Rawls selbst sagt, dass „eine tiefe Uneinigkeit darüber [besteht], wie die Werte der Freiheit und Gleichheit am besten in der Grundstruktur der Gesellschaft verwirklicht werden“.[11] Sind alle Menschen, die sich darüber Gedanken machen, irrational? Stehen alle unter verschiedenen Bedingungen? Verfolgen alle persönliche Interessen, weil sie eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft haben? Sind alle nicht in der Lage sich in den Ur-Zustand hineinzuversetzen? Und falls ein Teil dieser Menschen sich zusammen vorstellen würde in den Ur-Zustand hineinversetzt zu sein, und darüber diskutieren würde, würde diese Uneinigkeit dann dadurch aufhören, dass sie endlich verstehen würden, dass eigentlich Freiheit und Gleichheit so ausgelegt werden sollen, dass am Ende die Grundsätze der Gerechtigkeit von Rawls entstehen? Dies ist nur schwer vorstellbar.

Ob Politiker in der Lage sind, sich in den Ur-Zustand hineinzuversetzen, um gerechte Entscheidungen für das Gemeinwesen zu treffen, ist eine andere Frage. Nichtdestotrotz plädiert Rawls jedoch für die praktische Anwendung seiner Theorie:

„Ich würde Gerechtigkeit als Fairness jetzt als eine hinreichend systematische und praktikable Gerechtigkeitskonzeption für einen demokratischen Verfassungsstaat verstehen, die eine Alternative zu der heute unter den Denkrichtungen unserer Tradition herrschenden Auffassung des Utilitarismus anbietet. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, eine sicherere und akzeptablere Grundlage für Verfassungsgrundsätze, Grundrechte und Grundfreiheiten bereitzustellen, als es der Utilitarismus zu ermöglichen scheint.“[12]

Die Frage ist und bleibt wie praktikable diese Konzeption für einen demokratischen Verfassungsstaat wirklich ist.

Die Politiker, als Vertreter des Volkes, diejenigen die in demokratischen Verfassungsstaaten zu entscheiden haben, sind nicht in der Lage sich in diesen Ur-Zustand hineinzuversetzen. Denn sie vertreten nicht nur das Volk, sondern stehen auch durch ihren Status als Politiker in einer privilegierten Stellung in der Gesellschaft und es ist anzunehmen, dass sie nicht grosszügig genug sind, von dieser Stellung abzusehen, um Entscheidungen für das gemeine Wohlstand zu treffen. Wenn es so einfach wäre, bräuchte man keine Kontrolle durch die Gewaltenteilung; das Bundesverfassungsgericht oder ähnliche Institutionen wären überflüssig.

Sicher müssen sich die Politiker an die Regeln des demokratischen Spiels halten. Letztenendes sprechen wir hier von demokratischen Staaten. Sie vertreten Interessen des Volkes und dürfen nicht ohne weiteres willkürliche Entscheidungen treffen. Sie sind an die Verfassung und sämtliche Gesetzes ihres Landes gebunden. Es kann also passieren, dass ein paar von den Entscheidungen die sie treffen, den Grundsätzen der Gerechtigkeit von Rawls entsprechen. Allerdings weisst nichts darauf hin, dass sie solche Entscheidung getroffen haben, weil sie sich in den Ur-Zustand hineinversetzen haben.

Auch wenn wir annehmen würden, dass ein Politiker sich in diesen Ur-Zustand ohne Probleme oder Widerstand hineinversetzen könnte, würden daraus nicht unbedingt Rawls Grundsätze der Gerechtigkeit entstehen. Es ist durchaus möglich, dass sie trotz sämtlicher Eigenschaften als unwissende, rationale, freie und gleiche Menschen, andere Entscheidungen treffen würden, die anderen Grundsätze entsprechen.

Wenn wir darüberhinaus auch noch annehmen würden, dass nach der Auseinandersetzung der Politiker, Rawls Grundsätze der Gerechtigkeit als beste Alternative für die Gestaltung der Grundstruktur der Gesellschaft auserwählt wären, kämen wir auch dann nicht unbedingt zu einer gerechten Gesellschaft. Denn es besteht ein grosser Unterschied zwischen guten, gerechten, anerkannten Vorschriften für die Organisation der Grundstruktur eines Staates und ihrer gerechten Umsetzung. Rawls scheint darüber anderer Auffassung zu sein:

„In reading an agreement, then, they know that their undertaking is not in vain: their capacity for a sense of justice insures that the principles chosen will be respected. [...] They are rational in that they will not enter into agreements they know they cannot keep, or can do so only with great difficulty”.[13]

Es kann sein, dass die Menschen in der abstrakten Welt der Theorie der Gerechtigkeit von Rawls zu ihren Entscheidungen stehen und dies ein Zeichen der Rationalität ist. In der Welt in der wir leben, ist dies eher ein Zeichen der Anständigkeit und es scheint (leider) immer weniger anständige Menschen zu geben.

5. Fazit

Der Ur-Zustand als ein Mittel zur öffentlichen und Selbst-Reflexion ist ein ideales nur schwer anwendbares Mittel, um eine demokratisch legitimierte Konzeption der Gerechtigkeit zu liefern. Er unterscheidet sich nicht sehr von Kants kategorischem Imperativ und seiner Aufforderung zur Selbstpflicht, in dem Sinne, dass beide Ideen etwas von den Menschen erwarten, was sie nicht unbedingt erfüllen können. Kant erwartet von den Menschen, dass sie selbst die Idee der Pflicht haben, da sie vernünftige Wesen sind; eine Art Super-Superego. Rawls erwartet von den Menschen, dass sie sich freiwillig in einen Zustand versetzen, in dem sie ihre Stellung in der Gesellschaft vorübergehend ausklammern, ihren Mitmenschen gegenüber frei- und gleichstellt sind und zusammen mit diesen eine Entscheidung über die Grundstruktur der Gesellschaft treffen. Oder besser, er meint, dass jeder einsehen kann, dass seine beiden Grundsätze aus diesem Zustand entstehen würden und dass sie deswegen gerecht sind.

Es bleibt für die Menschen, nicht ausschliesslich für die Philosophen, die Aufgabe, nicht nur sich Gedanken darüber zu machen oder darüber zu schreiben, wie eine gerechte Gesellschaft ausehen könnte, sondern viel mehr sich für die politischen Entscheidungen in ihrer Staaten, die dieses Ziel erreichen könnten zu engagieren und dafür zu sorgen, dass diese Entscheidungen dann auch umgesetzt werden. Nur wenn die Bürger eines Staates diese Aufgabe ernsthaft wahrnehmen besteht Hoffnung, dass eines Tages Gerechtigkeit nicht mehr Utopie sein wird.

6. Bibliographische Angaben

RAWLS, John. A Theory of Justice. Revised edition. 5. Aufl., Harvard University Press: USA, 2003.

RAWLS, John. Politische Gerechtigkeit und Fairness. In: STEKELER-WEITHOFER, Pirmin (Hrsg.). Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung. Reclam: Stuttgart, 2004. S. 391-415.

[...]


[1] RAWLS, John. A Theory of Justice, S. 118.

[2] Sieh auch RAWLS, John. A Theory of Justice, S. 89: “in a contract theory arguments are made from the point of view of the original position”.

[3] RAWLS, John. Politische Gerechtigkeit und Fairness, S. 408

[4] Ganz im Gegenteil: Egoism ist die Folge, wenn die Parteien nicht zustimmen können. (Rawls, S. 118)

[5] RAWLS, John. A Theory of Justice, S. 102.

[6] RAWLS, John. Politische Gerechtigkeit und Fairness, S. 413

[7] Sieh Vergleich mit Monopoly Spiel: RAWLS, John. Politische Gerechtigkeit und Fairness, S. 415.

[8] RAWLS, John. A Theory of Justice, S. 119 und auch S. 120.

[9] RAWLS, John. A Theory of Justice, S. 127.

[10] Ebd., S. 119/120.

[11] RAWLS, John. Politische Gerechtigkeit und Fairness, S. 396.

[12] Ebd., S. 395.

[13] RAWLS, John. A Theory of Justice, S. 125/126.

Details

Seiten
10
Jahr
2005
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109803
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Schlagworte
Eine Gesellschaft Wirklichkeit Utopie Versuch Analyse Theorie Gerechtigkeit John Rawls

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