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Alexander der Wandelbare - Funktionalität eines antiken Herrschers im Mittelalter

Hausarbeit 2005 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Viele Quellen nähren das Meer

II. Wer war Alexander der Große? Quellen und Ströme

III. Alexanders Metamorphosen im Mittelalter
a) Wandelbarkeit, Verwandlung, Vereinigung
b) Motivation, Funktionalität, Vereinbarkeit

IV. Fazit: Ausblick über das Meer

Literaturverzeichnis

Nachschlagewerke

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungena

I. Einleitung: Viele Quellen nähren das Meer

Seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Forschung mit der historischen Person, wie auch mit der literarischen Figur Alexanders des Großen. Nun mag das durch unzählige Recherchen gewonnene Bild unter Antik-Historikern schärfer skizziert sein, als das, welches in mediävistischen Literaturforschungskreisen entworfen werden konnte, wenngleich der Aufwand der Literaturwissenschaft dem der Historiker in nichts nachsteht. So kann man wohl mit Gewissheit sagen, daß sich beide Forschungsabteilungen mitunter gegenseitig befruchtet haben und dies auch weiterhin tun werden, um dem Interessenten der Antike, als auch dem der mittelalterlichen Literatur irgendwann einmal ein möglichst treffendes Bild von Alexander dem Großen zu liefern, das aber bisweilen durch immer wieder hinzukommende Ergebnisse beider Bereiche m. E. unter den Verdacht der Verklärung zu geraten droht.

Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich mich der Seite der Literaturwissenschaftler anschließen und der These Rüdiger Schnells eines wandelbaren, durch die verschiedenen beteiligten Schreiber verwandelten und somit funktionalisierten[1], nicht aber eines „zusammengeschusterten“ Alexanders, nachgehen, wenngleich sich auch durch die Kategorisierung der Autoren in geistlich und weltlich kein einheitliches Bild zeichnen läßt. Dieser Ausgangspunkt hat meiner Meinung nach zum Einen den Vorteil, daß der historische Alexander hier nur als Vergleichsmodell, sozusagen als ein lediglich durch die Zeit verwässertes Original auftaucht, das nur zu Anschauungszwecken und ggf. zu einer Abhebung vom literarischen Bild dient. Zum Anderen erlaubt diese Vorgehensweise, die gängigen, aber verschiedenen und teilweise rivalisierenden Interpretationsansätze aufzuzeigen, ohne dabei einem Ansatz den Vorzug vor den anderen geben zu müssen. Dies mag zur Folge haben, daß hier eine Eindeutigkeit bzw. Polarisierung ausbleibt, andererseits aber wird dem Umstand genüge getan, daß die Vielzahl der Quellen durch die - nicht ausschließlich im Mittelalter - häufig divergierenden Schreiberintentionen und Vorgaben der Auftraggeber, ebenso wie aufgrund einer Reihe von verschiedenen vorliegenden Handschriften m. E. nach zunehmend und sprichwörtlich „verunreinigt“ wurden. Dadurch bleiben zwar stets ursprüngliche Elemente in einem „Meer von Darstellungen“ erhalten, doch diese Elemente heute herauszufiltern und wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen, erfordert ein Höchstmaß an „literaturchemischen“ Kenntnissen und Aufwand, mit denen und dem ich im Rahmen dieser Arbeit nicht erschöpfend werde aufwarten können.

Nichtsdestotrotz liefert gerade diese „Verunreinigung“ den hier - wenn auch nur teilweise - beleuchtbaren Facettenreichtum in der Darstellung des antiken Herrschers Alexander und somit den dieser Arbeit zugrundliegenden Gegenstand.

II. Wer war Alexander der Große? Quellen und Ströme

Wie eingangs bereits erwähnt, hat auch die Geschichtsschreibung ihre liebe Not bei der Zeichnung eines vollständigen Alexanderbildes, da auch die historischen und folglich die für die hier maßgebliche mittelalterliche Literatur zugrundeliegenden Quellen weitestgehend nur noch fragmentarisch vorhanden waren und ebenso bis heute sind oder aber bisweilen noch nicht vollständig erschlossen werden konnten, sich wichtige und gleichzeitig aber auch widersprüchliche Belege erst nach und nach finden lassen. Rüdiger Schnell bringt dies in seinem Aufsatz mit folgenden Worten zum Ausdruck: „ Editionen anderer Alexander-Texte sind z. T. überholt, weil unser Wissen über die handschriftliche Überlieferung um ein Vielfaches gewachsen ist. [...] die inhaltlichen Abweichungen von Handschrift zu Handschrift sind oft so vielschichtig und gravierend, daß Klassifizierungsversuche stets Widersprüche hervorrufen müssen. [...]“[2]. So reichen die Berichte über Alexander von Kallisthenes, weiter über Ptolemaios und Arrian bis hin ins 2. nachchristliche Jahrhundert. Während diese Quellen aber eine gewisse historische Relevanz besaßen und besitzen, dienten sie im Mittelalter zwar nebst diversen Übersetzungen (u.a. Leo von Neapel, Alberic von Bisinzo) noch als Vorlage, aber es bleibt der Verdacht bestehen, die heute bekannten Editionen seien durch fremde Hand erweitert oder gar verfälscht und den individuellen Intentionen der Autoren bzw. dem Geschmack der Leserschaft unterworfen.[3] Diesem Vorwurf kann sich u.a. auch der Straßburger Alexander nicht entziehen; man denke nur an die höfisch anmutende Candacis-Episode, in der Alexander zum Musterbeispiel eines höfischen Ritters avanciert.

Daß die Darstellungen Alexanders in der mittelalterlichen Literatur Schnittmengen mit den damaligen, wie auch den aktuellen historischen Forschungsergebnissen aufweisen, führt Joachim Bumke auf eine Mischung aus Verwendung literarischer Tradition, Hang zum Märchenhaften und Phantastischen, so wie gleichzeitig der Tendenz zu mehr historischer Wirklichkeit seitens der Autoren zurück.[4] Wenig verwunderlich sind vor diesem Hintergrund diverse Äquivalenzen in Bezug auf die Eroberungsroute Alexanders, die Namen seiner Gegner und der von ihm durchlaufenen Örtlichkeiten, aber auch in Bezug auf „charakterliche“ Merkmale. Der Begriff „charakterlich“ sei hier mit aller Vorsicht gebraucht, da der Charakter Alexanders einerseits historisch kaum bis gar nicht zu belegen ist und andererseits die im Mittelalter beschriebene Person Alexander gemäß Rüdiger Schnells Meinung stark typisiert wirkt.[5] Vielleicht gerade weil der historische Alexander in seinem Dasein und Handeln viel Platz für seine individuelle literarische Auslegung bereithält. Ich möchte an dieser Stelle von einem „wandelbaren“ Alexander sprechen, einer Figur, die je nach Künstlerabsicht und –Legitimation der verschiedenen Fassungen (u.a. Straßburger u. Vorauer Fassung von Lamprecht u. evt. einem Fortsetzer X[6], Rudolf v. Ems, Ulrich v. Etzenbach) verwandelt wurde, um sie besonders anschaulich bzw. salonfähig für die vorherrschende Strömung zu machen.[7] Im folgenden Abschnitt sollen nun einige Verwandlungen Alexanders, seine Wandelbarkeit aufgezeigt werden und im Anschluß daran ihre Funktionalität im Mittelalter veranschaulicht werden.

III. Alexanders Metamorphosen im Mittelalter

a) Wandelbarkeit, Verwandlung, Vereinigung

Hier darf unter Wandelbarkeit nicht primär die äußerliche Erscheinung Alexanders verstanden werden, wenngleich auch hier die mittelalterliche Literatur nicht nur sehr zweckorientierte, sondern damit auch vielseitige „Veränderungen“ an Alexanders Äußerem vorgenommen hat. Hier seien als kurze Beispiele die Abgleiche mit diversen Tieren wie Fischen (Haut), Drachen (Augen) und Löwen (Haare) erwähnt,[8] die auf die Außerordentlichkeit Alexanders als späteren und nahezu einzigartigen Herrscher, aber auch auf seine Abartigkeit verweisen sollen. Vorrangig möchte ich hier die „charakterlichen Züge“ und das Handeln Alexanders betrachten. Hierunter fallen insbesondere sein Verhalten gegenüber dem (geschlagenen) Feind Darius, gegenüber der Candacis, so wie seine imperialistischen Eroberungszüge, die ihn in der Straßburger Fassung bis an die Pforten des Paradieses führen.

Bereits der erste größere Unterschied zwischen der Straßburger und der Vorauer Fassung, namentlich der Sieg über Darius, gibt Rätsel auf. Während die Vorauer Fassung damit endet, daß Alexander Darius auf dem Schlachtfeld enthauptet und damit seine Ehre für den ausgebliebenen Zins wiedererlangt, wird in der Straßburger Fassung über 2000 Verse später, wie es auch die Historiker herausgefunden zu haben glauben, Darius von zwei Verbündeten ermordet; einen Mord, den Alexander später sogar noch rächen soll, den er sogar im Gegensatz zur Vorauer Fassung unter Tränen bedauert.[9] Es besteht hier ein Spannungsverhältnis zwischen dem brutalen und dem geistlich-idealisierten Alexander. Werner Schröder meint hier „Schreiberflickwerk“[10] entdeckt zu haben und stößt in seinem Aufsatz sogleich wieder die Diskussion um den bereits im Prolog auftretenden, aber gleichsam umstrittenen vanitas- Gedanken an. Betrachten wir einen Ausschnitt aus Darius` Brief an Alexander und seine letzten Worte in der Straßburger Fassung:

3428 "frô wis unde gesunt, 3846 „nû râtih dir unde mane

Alexander, zaller stunt. unde gedenke vaste dar ane,

iz ist mir nû alsô comen, daz dir al samen nit geschê

wiltu mir scaden oder fromen, [...]“

des hâstu gûten gwalt.

mir is dicke gezalt,

daz iz dem manne wol stât,

alsime sîn heil vore gât,

daz er sîne mâze

an gûten dingen lâze.

nit ne verhebe du des dih,

daz du hâs verwunnen mih.

iz kumet dir rehte.

nû gedenc ane mîn geslehte

unde an mînen gwalt.

swer mir daz hête gezalt,

daz mir sus solde geschên,

ih ne hêtis ime niet gejehen,

wandih ne mohtis niht getrûwen

[...]“

Schröder mag, ähnlich wie Karl-Ernst Geith[11] mit seiner Auffassung, die er an einer Reihe von Textstellen belegen kann, auf Resonanz stoßen, doch möchte ich die nun mal auch heidnische Alexander-Figur hier nicht ausschließlich diesem Konzept verhaftet sehen, denn man kann sie gleichermaßen, wie Jan Cölln in seinem Aufsatz erwiesen haben will, als heilsgeschichtliche Figur des Vorchristentums einordnen.[12] So verweist Cölln darauf, „[...] daß im 12. Jahrhundert anscheinend alle Texte, die vom heilsgeschichtlich bedeutsamen Herrscher erzählen, programmatisch die Nektanabus-Episoden der Alexander-Erzähltradition als unwahr ablehnen. [...] Er [Lamprecht] schränkt die Vorbildlichkeit des Herrschers, Feldherrn und Eroberers Alexander ein.“[13] Mit dieser Einschränkung wandere der Fokus aber gerade weg von Alexanders vanitas und hin zum heilsgeschichtlichen Aspekt, für den Lamprecht ihn unter ständiger und umständlicher biblischer Legitimation umkonzipiert zu haben scheine.[14] Die Alexander-Figur erliegt somit gewissermaßen einer von Handschrift zu Handschrift wechselnden und wandelbaren Motivation. Schnell betont allerdings, daß ein als „geistlich“ etikettierter Autor nicht zwingend einen „geistlich“-motivierten Alexander gezeichnet hat, und „[...] daß wir von keinem festgefügten Alexander-Bild bei geistlichen Autoren ausgehen dürfen [...]“[15]

Dies zeigt sich einmal mehr in der bereits oben erwähnten Candacis-Episode, die für Joachim Bumke und Kollegen sogar ausschlaggebend dafür ist, den Straßburger Alexander u. U. als einen Vorreiter höfischer Epik zu klassifizieren.[16] Diese Auffassung dürfte wiederum auch weitestgehend mit Werner Schröders Vermutung eines Fortsetzers X vereinbar sein, da Alexander auch innerhalb der Candacis-Episode durch den Heiligen Rat der Götter auf die Frage nach den ihm noch verbleibenden Tagen erneut an seine Sterblichkeit und Vergänglichkeit erinnert wird. Der Fortsetzer X müßte demnach das von Lamprecht verwendete vanitas- Zitat als Resultat eines Mißverständnisses fälschlicherweise zum Ausgangspunkt seines eigenen Konzepts gemacht und damit den Auslegungsrahmen bewußt eingeengt haben; Lamprechts ursprüngliche Konzeption der Alexander-Figur dürfte aber eine andere gewesen sein. Die Alexander-Figur gerät also über das zunächst vom Pfaffen Lamprecht angelegte Spannungsverhältnis innerhalb des präfigurierten „Charakters“ der Figur aufgrund der Annahme eines Fortsetzers zusätzlich unter den Verdacht einer durch den unbekannten Schreiber motivierten Verwandlung. Und während Alexanders iter ad paradisum einerseits das Ende seiner heilsgeschichtlichen Eroberungsfahrt darstellt, weist auch der Grund des Scheiterns einer Unterwerfung des Paradieses Alexander ein weiteres Mal darauf hin, daß sein Reichtum und seine Macht weltlicher, daher aber auch begrenzter Natur sind. Nach vielen kleinen Hinweisen auf seine Vergänglichkeit und Eitelkeit - denn diese Hinweise können (trotz ihrer Anlegung als eine Art Eckpfeiler) als von geringer Textquantität erachtet werden[17] -, nimmt Alexander unter den mahnenden Worten des alten Mannes an der Paradiespforte einen magischen Stein mit nach Hause. Dessen ausgeschmückter Deutungsprozeß aber verfehlt schlußendlich nicht das Ziel des Dichters: Alexander läßt ab von allen alten Bestrebungen und kehrt der unmâze den Rücken. Die Antwort auf die Frage danach, wieviel Erde der Mensch braucht, erhält Alexander knapp zwölf Jahre nach seinem vermutlich letzten, wenn auch inszenierten Wandel. Seine Todesursache bleibt umstritten und die Spekulationen reichen von Krankheit bis Mord durch Vergiftung.

Nun ist mittels dieser Beispiele einleuchtend gezeigt worden, wie wandelbar die Alexander-Figur ist. Jetzt aber gilt es, das Augenmerk darauf zu richten, welche Funktionen diese Umgestaltungen erfüllen und welchen Motivationen sie möglicherweise zugrunde gelegen haben könnten. Ich werde mich im nun folgenden Kapitel zweckmäßigerweise wieder auf die Aussagen der bewährten Verfasser der von mir zu Rate gezogenen Sekundärliteratur stützen, anhand derer ich bereits die Beweisführung für die Wandelbarkeit Alexanders vorgenommen habe.

b) Motivation, Funktionalität, Vereinbarkeit

Ausgehend von Werner Schröders These, gemäß der Alexander in der Straßburger Fassung ein exemplum vanitatis darstellt, benötigen wir den von Schröder angenommenen, aber nur schwerlich nachweisbaren Fortsetzer X der Lamprecht`schen Dichtung. Zusätzlich muß hier meiner Meinung nach vermutet werden, daß der unbekannte Fortsetzer - wenngleich er geistlich gebildet scheint- nicht dem Stand des Klerus angehörte, denn die durch ihn veränderte vanitas -Thematik sollte Lamprecht selbst, wie auch seinem Vorlagenlieferanten Alberic von Bisinzo m. E. zu einer weiteren Legitimation des Schreibens gereichen und im weiteren als Präventivmaßnahme gegen die in der Exordial-Topik erwähnte eigene mûzicheit dienen.[18] Die einzige Legitimation, die ein geistlicher Schreiber benötigen könnte, da er sich durch keinerlei weltliche Auftraggeber - so denn vorhanden - legitimieren mußte, wäre die seiner höchsten Instanz, namentlich der Bibel. Während also Lamprecht ursprünglich den heidnischen Alexander konzipierte, um das heilsgeschichtliche Moment gleichsam der Heiligen Schrift (Daniel 7, 8 und 11) hervorzuheben, müßte der Fortsetzer Lamprechts Legitimierung als einen Topos mißverstanden haben. Das könnte demnach auch erklären, warum sich im Anschluß an die Lamprecht-Dichtung immer wieder das vanitas -Motiv finden läßt. Gleichzeitig müßte der Fortsetzer aber dem höfischen Publikum geneigt sein, wie die Candacis-Episode annehmen läßt. Fraglich ist m. E. nach, warum einem Fortsetzer X mehrere Motivationsimpulse zugeschrieben werden sollten, dem Pfaffen hingegen nicht. Bumke betont, daß die Literatur bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts ausschließlich aus dem geistlichen Bereich stammte, zunehmend aber Kleriker an fürstlichen Höfen aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten genötigt wurden, ihre Dienste und Fähigkeiten dem literarischen Interesse am Hofe zu unterwerfen.[19] Außerdem gebe es „[...] keine Anhaltspunkte dafür, daß im 12. Jahrhundert die Übertragung eines französischen Epos von einer anderen gesellschaftlichen Instanz als der Hofgesellschaft angeregt worden wäre.“[20] und weiterhin „[...] kein Zweifel daran bestehen kann, daß es sich dabei um Hofdichtung handelt und nicht um Klosterdichtung.“[21] Für Bumke liegt die Vermutung nahe, daß der Pfaffe Lamprecht nach Bayern gereist sein könnte, um den „Alexander“ für ein dort ansässiges Adelspublikum zu dichten.[22]

Somit dürfte auch die Idealisierung Alexanders (zu einem vorbildlichen Herrscher für die damaligen Regenten) Produkt des Pfaffen sein. Da obendrein die moselfränkische Dialektfärbung beide umstrittenen Teile in der Straßburger Fassung beherrscht, könnte somit meiner Ansicht nach die Absolutheit der vanitas -These Schröders und Geiths entkräftet werden, ohne Schnells Theorie eines funktionalisierten Alexanders zunichte zu machen, da die Alexander-Figur - laut Schnell - in unterschiedlichen Argumentationszusammenhängen unterschiedliche Rollen und Funktionen annehmen könne.[23] Gleichzeitig aber wäre m. E. nach der Pfaffe Lamprecht seinem Stand als Kleriker nicht abtrünnig geworden. Er bedient vorbildlich das durch Cölln belegbare heilsgeschichtliche Moment, zeichnet das Muster eines Weltherrschers, der gezwungenermaßen der suberbia zum Opfer fällt und verbindet dies möglicherweise mit den höfischen Anforderungen seines - wenn auch leider ungenannten - Auftraggebers und Publikums. Der Lohn scheint aber desto offensichtlicher, denn über kaum ein anderes mittelalterliches Werk ist seitdem so viel diskutiert und spekuliert worden wie über das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht. Sein Leben mag der Vergänglichkeit, seine weitreichenden Absichten schlußendlich doch der Eitelkeit zum Opfer gefallen sein, sein Erbe und die Forschung darum aber bestehen nun allerdings schon seit über 850 Jahren, nimmt man Lamprechts Wissen um die antike Vergangenheit mit auf, sind es sogar über 2300 Jahre. Es hat m. E. nach geradezu den Anschein, als ob der sterbliche Pfaffe sich - mit oder ohne Absicht - unsterblich gemacht hätte und also die eigene und im Prolog als zu umgehende dargestellte vanitas sozusagen ad absurdum führen konnte. Spätestens hier dürfte klar geworden sein, daß die Alexander-Figur nicht nur wandelbar ist, sondern auch je nach Motiv funktionalisiert werden kann, darüber hinaus aber auch die Autor(en)-Intentionen wandelbar und durchaus miteinander zu vereinbaren sind.

Zeit, einen Blick über den Tellerrand der verschiedenen Theorien zu werfen.

IV. Fazit: Ausblick über das Meer

Es hat sich gezeigt, daß es nicht nur eine Vielzahl, sprichwörtlich ein Meer von scheinbar willkürlichen Alexander-Bildern gibt, sondern sich darüber hinaus diese Willkür nahezu gänzlich auf die Intentionen der diversen Autoren zurückführen läßt, wenngleich die Trennschärfe auch weiterhin zu wünschen übrig läßt. Dies möchte ich allerdings in den Verantwortungsbereich der Autoren legen, die beinahe gewaltsam versuchen, das Alexanderlied in nur eine Richtung hin auszulegen. Klar muß an dieser Stelle sein, daß der Horizont, der Ausblick auf ein einheitliches Alexander-Bild noch immer vernebelt ist, allerdings darf dieser Umstand nicht dazu führen, wichtige Elemente der Dichtung(en) mit Ausblick auf ein möglichst geschlossenes Bild außen vor zu lassen. Ich will an dieser Stelle nicht behaupten, daß sämtliche hier vorgestellten Theorien abstrus seien, aber sie sind m. E. nach in jedem Falle diffus, da sie gewissen Strömungen bzw. Störungen durch andere hervortretende Motive (Heilsgeschichte, Herrscherideal, vanitas, höfischer Ritter) unterliegen. Daher erscheint mir Schnells These von einem funktionalisierten Alexander am plausibilsten, wenngleich ich dem - im Sinne Bumkes - hinzufügen will, daß eine Trennung zwischen den Verfassern (bezogen auf die Vorauer und Straßburger Edition) wenngleich möglich, aber nicht zwingend sein muß, sprich: beide Fassungen aus der selben, nämlich aus Lamprechts Feder stammen können. Schnell schreibt dazu : „Je umfangreicher eine Alexander-Geschichte, je umfangreicher die Quellenkompilation, desto vielfältiger die Alexander-Aspekte, die innerhalb eines Werkes hervortreten.“ [24]

Solange sich die Hinweise auf einen Fortsetzer X innerhalb der Forschung nicht erhärten lassen, sehe ich als die entsprechende Verlängerung der Worte „ eine Alexander-Geschichte“ und „innerhalb eines Werkes“ (wieder auf den Straßburger Alexander referierend) die Worte „ ein Verfasser“, wenngleich die mittelalterliche Literatur überwiegend vom Gegenteil geprägt sein mag.

Hiermit versichere ich, diese Hausarbeit in Eigenarbeit erstellt und mich keiner unerlaubten Hilfsmittel bedient zu haben.

Kreuzlingen, den 28.08.2005

Literaturverzeichnis

Nachschlagewerke

http://www.wikipedia.de

Bautier, Robert-Henri ea. (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters, München/Zürich 2003, Bd. VIII.

Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, Stuttgart 1992.

Primärliteratur

Ruttmann, Irene: Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht (Straßburger Alexander),

Darmstadt 1974.

Kinzel, Karl (Hrsg): Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht (Vorauer Fassung),

Stiftsbibliothek cod. 256, eingesehen per Link: http://lettere.unipv.it/scrineum/wight/alexsv.htm, am 23.08.2005.

Sekundärliteratur

Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 42000.

Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 10 2002.

Cölln, Jan: Der Heide als Vorbild für christliche Weltherrschaft, in: Udo Schöning (Hrsg.), Internationalität internationaler Literaturen, Göttingen 2000.

Geith, Karl-Ernst: Wieviel Erde braucht der Mensch. Zur Gestalt und Nachwirkung eines Alexander-Exempels, in: Verena Ehrlich-Haefeli ea. (Hrsg.), Antiquitates Renatae. Deutsche und französische Beiträge zur Wirkung der Antike in der europäischen Literatur, Würzburg 1998.

Lutherbibel: Deutsche Bibelgesellschaft, Standardausgabe, Stuttgart 1985.

Schnell, Rüdiger: Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989.

Schröder, Werner: Zum Vanitas-Gedanken im deutschen Alexanderlied, in: Julius Schwietering (Hrsg.), Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 91, Wiesbaden 1961/62.

Stein, Peter: Ein Weltherrscher als Vanitas-Exempel in imperial-ideologisch orientierter Zeit, in: Rüdiger Krohn ea. (Hrsg.), Stauferzeit. Geschichte · Literatur · Kunst, Karlsruhe 1979.

Abbildungsverzeichnis

http://www.europaeische-kultur-stiftung.org/aufgaben/pixfuchs/portr-alex-d-gro-litho-g.jpg

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989.

[2] Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 46.

[3] Vgl. Joachim Bumke, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 42000, S. 61 f.

[4] Vgl. ders., S. 214.

[5] Vgl. Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 59.

[6] Vgl. Werner Schröder, Zum Vanitas-Gedanken im deutschen Alexanderlied, in: Julius Schwietering (Hrsg.), Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Wiesbaden 1961/62, Bd. 91, S. 41.

[7] Vgl. Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 54.

[8] Vgl. Irene Ruttmann, Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht (Straßburger Alexander), Darmstadt 1974, V. 151-159.

[9] Vgl. ders. , V. 3875 ff.

[10] Werner Schröder, Zum Vanitas-Gedanken im deutschen Alexanderlied, in: Julius Schwietering (Hrsg.), Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Wiesbaden 1961/62, Bd. 91, S. 42.

[11] Vgl. Karl-Ernst Geith, Wieviel Erde braucht der Mensch. Zur Gestalt und Nachwirkung eines Alexander-Exempels, in: Verena Ehrlich-Haefeli ea. (Hrsg.), Antiquitates Renatae. Deutsche und französische Beiträge zur Wirkung der Antike in der europäischen Literatur, Würzburg 1998, S. 20-25.

[12] Vgl. Jan Cölln, Der Heide als Vorbild für christliche Weltherrschaft, in: Udo Schöning (Hrsg.), Internationalität internationaler Literaturen, Göttingen 2000.

[13] Ders., S. 91.

[14] Vgl. Jan Cölln, Der Heide als Vorbild für christliche Weltherrschaft, in: Udo Schöning (Hrsg.), Internationalität internationaler Literaturen, Göttingen 2000, S. 89 f.

[15] Vgl. Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 50 ff.

[16] Vgl. Joachim Bumke, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 42000, S. 66.

[17] Vgl. Irene Ruttmann, Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht (Straßburger Alexander), Darmstadt 1974, Vv. 3399 ff., 4844 ff., 5343 ff., 6165ff., 6437 ff., 6905 ff. 7153 ff.

[18] Ders., V. 30-34.

[19] Vgl. Joachim Bumke, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 42000, S. 37.

[20] Ders., S. 61 f.

[21] Joachim Bumke, Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 102002, S. 683.

[22] Ders., S. 124.

[23] Vgl. Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 55.

[24] Rüdiger Schnell, Der >Heide< Alexander im >christlichen< Mittelalter, in: Willi Erzgräber (Hrsg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 55.

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (Buch)
9783640119882
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109724
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Schlagworte
Alexander Wandelbare Funktionalität Herrschers Mittelalter Alexanderlied Pfaffen Lamprecht Alexander)

Autor

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