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Eichendorff, Joseph von - Aus dem Leben eines Taugenichts - Interpretation einer Textstelle

Hausarbeit 2004 5 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

S.24, 17 – S. 25, 33Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug!

Die Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff, die 1826 erschienen ist, ist in die Epoche der Romantik einzuordnen, die sich um 1798 in Deutschland bildete, bis ungefähr 1830 das geistige Leben bestimmte und bald auch auf alle anderen europäischen Länder übergriff. Die Romantik kennzeichnet sich vor allem darin, dass sie in schroffem Gegensatz zum Rationalismus der Aufklärung stand und dessen Optimismus ablehnte. Der Glaube an Wissenschaft und Fortschritt wurde von der Romantik nicht geteilt. An die Stelle der Vernunft und des Verstandes setzten die Romantiker die Kräfte des Gefühles und der Fantasie, deren Bedeutung zum großen Teil allerdings überbewertet wurde. Dadurch gelang es der Romantik, Lebensbereiche zu erschließen, die bisher kaum bekannt waren, beziehungsweise beachtet wurden: die Welt des Einfach-Naiven, die Welt des Traumes, die Welt des Unbewussten. Die Fantasie wurde zu einer Schöpferkraft und in der Hand des Dichters zu einem Schlüssel, mit dem er die Schönheit und Harmonie der Welt erschoss. Vor allem aber steht auch die Sehnsucht im Mittelpunkt der Romantik.

In der Textstelle auf Seite 24,17 bis Seite 25,33 wird Taugenichts gerade eben unsanft von einem Bauern geweckt, da er in dessen Garten ein Nickerchen gehalten hat. Zuvor hat sich Taugenichts in die weite Welt hinausbegeben, weil sein Vater der Meinung ist, dass er sich sein Brot selber verdienen kann. Er steigt unterwegs auf einen Wagen und landet auf einem Schloss, wo er als Gärtnerjunge angestellt wird und sich unglücklich in eine junge, schöne Frau, Aurelie, verliebt. Der Taugenichts erhält dort bald die Stelle des Zolleinnehmers. Jeden Tag legt er Aurelie einen Blumenstrauß in die Laube. Als er jedoch merkt, dass sie verheiratet ist, hält ihn nichts mehr und er zieht wieder in die weite Welt hinaus, Richtung Italien. Nachdem Taugenichts von dem Bauern verscheucht wurden ist, wird er auf einer Lichtung von zwei Räubern aus dem Schlaf gerissen. Er muss den beiden Reitern den Weg nach B. zeigen, den er selbst nicht kennt. Einer der beiden Reiter erkennt im Taugenichts den Zolleinnehmer wieder. Die beiden heißen Maler Leonhard und Maler Guido und Taugenichts muss als Diener bei ihnen bleiben. Er begleitet sie in einer Postkutsche nach Italien. Die Männer lassen ihn aber in B. allein zurück mit einem Beutel voll Geld. Eine Magd hat einen buckligen Mann, der dem Taugenichts am Abend vorher allerlei Fragen gestellt hatte, auf einem Schimmel davon reiten gesehen. Der Taugenichts fährt somit alleine mit der Kutsche weiter. Der Postillion trägt plötzlich keine Uniform mehr und der bucklige Reiter auf dem Schimmel begegnet ihnen. Sie fahren zu einem Schloss, wo der Taugenichts vornehm behandelt wird. Er lebt auf dem Schloss wie ein verwunschener Prinz. Eines Tages bekommt er ein Briefchen – scheinbar von Aurelie – die ihn bittet, zurückzukommen. Natürlich plant er zu gehen, aber die alte Haushälterin schließt ihn in seinem Zimmer ein. Er aber nimmt seine Geige und das Briefchen und entwischt durch das Fenster. Er erreicht Rom und glaubt, in einem Garten die schöne Frau singen zu hören. Dort trifft er einen Maler und dieser lädt ihn ein, bei ihm zu frühstücken. Der Taugenichts findet heraus, dass eine Gräfin aus Deutschland nach ihm gefragt hat. Er zeigt ihm ein Bild von einer Frau, in der der Taugenichts die schöne junge Frau erkennt. Am Abend geht er mit dem Maler in einen Garten vor der Stadt. Ein Mädchen und ein Junge streiten sich dort um einen Zettel und das Mädchen steckt ihm den Zettel zu. Das Mädchen ist die schnippische Kammerjungfer vom Schloss und sie sagt ihm, dass er zu einer gewissen Stunde an einen gewissen Ort kommen solle, Aurelie warte auf ihn. Der Taugenichts wartet geduldig, bis es elf Uhr schlägt, geht aber dann schon vorher hinein, da er eine verdächtige Person beobachtet. Er wird aber enttäuscht, die Dame ist nicht Aurelie, nicht die Gräfin aus Deutschland. Er wandert weiter, entschlossen, Italien den Rücken zuzukehren und trifft auf drei Prager Studenten. Der eine von ihnen hat - auf dem Schlosse der schönen Gräfin - einen Vetter und sie beschließen, dorthin zu reisen. Auf dem Schiff treffen sie einen Geistlichen und ein Mädchen, das auf dem Schloss die neue Jungfer wird. Auf dem Schloss solle es eine Hochzeit geben. Das Zollhaus steht noch an derselben Stelle, er tritt in den Garten und sieht dort Aurelie sitzen, in Begleitung einer anderen Frau. Auch Leonhard ist dort und spricht feierlich zu Aurelie und zum Taugenichts. Auf einmal beginnt sie zu weinen und legt den Kopf an die Brust der anderen Dame - welche nichts anderes ist als Guido, mit richtigem Namen Flora. Der Taugenichts schließt Aurelie in die Arme. Und es ist alles, ist alles gut.

Bereits zu Beginn des Textauszuges ist Taugenichts sofort als Romantiker zu erkennen, der das Gegenteil zu den Philistern darstellt. Taugenichts faulenzt im Garten des Bauern und ist in die Natur vertieft: „Es hatte sich wirklich ein Wind erhoben, der leiste über mir durch den Apfelbaum ging […]“ (S. 24, 17f.) Doch unmittelbar danach wird er aus seinen Träumen gerissen und begreift, dass es sich nicht um den Wind handele, der über ihn rauscht, sondern um den wütenden Bauern, der sich beschwert, dass Taugenichts ihm „[…] das schöne Gras zertrampelt, anstatt in die Kirche zu gehen […]“ (S. 24, 24 f.). Es wird deutlich, dass der Bauer, ein typischer Philister, Wert auf Kirche und Glauben legt und vor allem Taugenichts Faulheit tadelt. Er selber hatte bereits „[…] seinen Sonntagsstaat ausgezogen und stand in einem weißen Kamisol […]“ vor dem Taugenichts. Hier wird deutlich, dass der Bauer sich bereits wieder seiner Arbeit zugewandt hat und auch somit dem Philisterbild entspricht, was vor allem besagt, dass jene keine Freiheit haben, sondern nur für die Arbeit leben.

Taugenichts ist von dem plötzlichen Auftreten des Bauern nicht erschrocken; es stört ihn vielmehr, dass er aus seinem Schlaf gerissen wurde: „Mich ärgerte es nur, dass mich der Grobian aufgeweckt hatte.“ (S. 24, 25 f.) Der Romantiker Taugenichts zeigt hier, dass er seine Freiheiten genießt und sich ungern dabei stören lässt und sich schon mal gar nicht sagen lassen möchte, dass er faul sei. Er weist den Bauern darauf hin, dass er selber einmal Gärtner gewesen sei und auch ein eigenes Haus besaß: „Ich bin Gärtner gewesen, eh Er daran dachte, und Einnehmer, und wenn Er zur Stadt gefahren wäre, hätte Er die schmierige Schlafmütze vor mir abnehmen müssen, und hatte mein Haus und meinen roten Schlafrock mit gelben Punkten.’“ (S. 24, 27 ff.) Doch nachdem Taugenichts erkennt, dass der Bauer nichts weiters als „’he! – he!’“ (S. 24, 36) über seine Lippen bringt, ergreift er die Flucht, da ihn plötzlich „[…] eine so kuriose grausliche Angst […]“ überfiel. Er läuft so schnell fort, dass seine Geige in seiner Tasche klingt, die er stets bei sich trägt und mit dieser regelmäßig seine Lieder singt.

Taugenichts kommt nach seiner Flucht vor dem Bauern in einem Wald an, den er zwar wunderschön findet, aber dessen Schönheit untergeht, da Taugenichts sich noch über den Bauern ärgert: „ […] und ich stand in einem schönen Walde. Aber ich gab nicht viel Acht, denn jetzt ärgerte mich das Spektakel erst recht […]“ (S. 24, 43 ff.) Taugenichts ist bereits so sehr mit der Natur vereint, dass er sie sogar unbewusst wahrnimmt. Er ärgert sich zwar überwiegend über den Bauern, erwähnt aber nebenbei den „schönen Wald“. Doch bald nimmt die Natur wieder die Überhand ein und Taugenichts. Er kommt „[…] von der Landstraße ab, mitten in das Gebirge hinein.“ (S. 25, 5) Er begibt sich durch diese Beschreibung in ein für ihn neues Abenteuer, das er zu bewältigen hat, eben so wie die Berge. Taugenichts genießt die Ruhe und die Einsamkeit in der Natur. Alles scheint sehr harmonisch und auch der Gesang der Vögel kommt Taugenichts zu Gunsten. Er lässt den einsamen Wald fröhlich erscheinen, indem er seine Violine hervorholt und seine Lieder spielt: „ Ich befahl mich daher in Gottes Führung, zog meine Violine hervor und spielte alle meine liebsten Stücke durch, dass es recht fröhlich in dem einsamen Walde erklang.“ (S. 25, 10 ff.) Taugenichts wird durch sein Geigenspiel in die Nähe der romantischen Künstlerfiguren gerückt und seine eigentliche Naivität wird in den Hintergrund gerückt.

Doch die Harmonie durch Taugenichts Geigenspielen erblasst, als er über „[…]die fatalen Baumwurzeln […]“ im Wald stolpert, er Hunger verspürt und das Gefühl bekommt, dass der Wald kein Ende nimmt. Plötzlich wendet sich das Blatt, und Taugenichts empfindet den Wald nicht mehr für so schön wie zuvor, sondern betrachtet ihn als unendlich. Er bemerkt, dass „ […] die Sonne […] schon schief zwischen den Baumstämmen hindurch [fiel]“ (S. 25, 18 f.) Der Tag geht zu Ende und Taugenichts steht vor einem neuen Tag – einem Neuanfang. Nachdem er nach dem endlos scheinenden Wald an einem kleinen Wiesental auskommt, vernimmt er wieder die Natur als etwas Wunderbares und Schönes. Er vernimmt, dass das Tal „[…] rings von Bergen eingeschlossen und voller roter und gelber Blumen war, über denen unzählige Schmetterlinge im Abendgolde herumflatterten.“ (S. 25, 20 ff.) Taugenichts wird vor allem sehr emotional, als er den Hirten auf dem gegenüberlegen Ufer eines Flusses wahrnimmt, da dieser „[…] so melancholisch auf seiner Schalmei […]“ bläst. Dieser Hirte ist sehr vertief in dem Spiel seiner Schalmei, dass er dem Taugenichts auf seine Frage, wo das nächste Dorf sei, keine richtige Antwort gibt, sondern nur mit seiner Schalmei in eine Richtung zeigt: „[…] so rief ich ihm von weitem zu: wo hier das nächste Dorf läge? Er ließ sich aber nicht stören, sondern strecke nur den Kopf ein wenig aus dem Grase hervor, wies mit seiner Schalmei auf den Wald hin und blies ruhig wieder weiter.“ (S. 25, 29 ff.) Der Hirte scheint wie Taugenichts eine romantische Künstlerfigur zu sein. Er lässt sich nicht ablenken, sondern widmet sich voll und ganz seinem Talent seiner Schalmei. Taugenichts beneidet ihn ein wenig mit den Worten „Ja, dachte ich bei mir, wer es so gut hätte wie so ein Faulenzer! Unsereiner muss sich in der Fremde herumschlagen und immer attent sein.“ (S. 25, 26 ff.) Er scheint an dieser Stelle zu vergessen, dass er selber ein solch freier Mensch wie der Hirte ist. Er hat Sehnsucht danach, genauso so vollkommen frei zu sein wie der Hirte. Die Sehnsucht begleitet Taugenichts durch die gesamte Novelle durch und stößt hier wieder in den Vordergrund. Der Hirte selber verkörpert die Sehnsucht, indem er diese melancholischen Lieder spielt. Taugenichts, davon beeindruckt, beneidet den Hirten um diese Eigenschaft und dessen Freiheit. Er geht seinen Weg weiter, verlässt den Hirten, und geht dem bereits angekündigten Neuanfang entgegen.

Details

Seiten
5
Jahr
2004
Dateigröße
333 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109712
Note
Schlagworte
Eichendorff Joseph Leben Taugenichts Interpretation Textstelle

Autor

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Titel: Eichendorff, Joseph von - Aus dem Leben eines Taugenichts - Interpretation einer Textstelle