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Der Mythos Auwiesen. Eine quantitative und qualitative Studie über Jugendliche in ihrem Stadtteil

von Boris Schuld (Autor) Markus Kapl (Autor) Christian Schwarz (Autor)

Diplomarbeit 2005 304 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zentrale Forschungsfragen
1.2 Methodische Vorgehensweise
1.3 Planungsprozess – Entstehung Auwiesen

QUANTITATIVER TEIL

2. THEORIE
2.1 Raum: Grundlagen (Schwarz)
2.1.1 Bourdieu: Physischer Raum und Sozialraum (Schwarz, Schuld)
2.1.2 Raumaneignung (Schwarz)
2.1.3 Segregation (Schwarz)
2.1.3.1 Residentiale Segregation
2.1.3.2 Ursachen residentialer Segregation:
2.1.3.3 Folgen residentialer Segregation
2.1.3.4 Segregation und Sozialstruktur von Auwiesen
2.2 Identität (Schuld)
2.2.1.Implizites Selbst
2.2.1.1 Moderne & Implizites Selbst
2.2.1.2 Postmoderne & Implizites Selbst
2.2.2 Situationsspezifisches explizites Selbst
2.2.2.1 Subjektkonstruktion jenseits der Moderne
2.2.3 Zusammenfassung: Identität
2.2.4 Jugend und Identität
2.2.5 Jugendliche Identität und symbolische Arbeit
2.2.5.1 Die elementare Ästhetik der Praxis
2.2.5.2 Symbolische Arbeit und Kreativität
2.2.6 Raum, Identität und Biographie (Schwarz)
2.2.7 Raum, Jugend und Identität (Schwarz)
2.2.8 Grundlegendes theoretisches Paradigma (Schuld)
2.3 Jugend und Raum (Schwarz)
2.3.1 Sozialökologischer Ansatz (Schuld)
2.3.2 Jugendliche und öffentlicher Raum (Schwarz)
2.3.2.1 Freizeitverhalten Jugendlicher in öffentlichen Räumen:
2.3.2.2 Beispiele Jugendlicher Freizeitorientierung im öffentlichen Raum
2.3.3 Nutzung und Aneignung von Räumen
2.3.4 Dimensionen der Aneignung und der Interpretation von Räumen
2.3.5 „Drinnen- Jugendliche“
2.3.5.1 Exkurs: Die Untersuchung von Martha Muchow:
2.3.5.2 Zusammenfassung der Ergebnisse:
2.3.5.3 Bedeutung der festgestellten Geschlechtsunterschiede:
2.3.5.4 Ursachen der festgestellten Geschlechtsunterschiede:
2.3.6 „Draussen- Jugendliche“ (Schuld)
2.3.7 Thesen zur Aneignung öffentlicher Stadträume durch Jugendliche (Schwarz)
2.3.8 Jugend und Problemraum:
2.4. Subkultur, Jugendkultur, Szenen, Peer-Groups und Cliquen (Schuld)
2.4.1 Über den Begriff Subkultur (Kapl)
2.4.2 Für die Verwendung des Begriffes „Jugendkultur“ (Schuld)
2.4.3 Szenen und Peer-Groups
2.4.4 Schlussfolgerungen: Jugendkulturen
2.4.5 Ausgewählte Jugendkulturen (HipHop, Skateboard, Punk)
2.4.5.1 HipHop (Schuld)
2.4.5.1 Skateboarder (Schwarz)
2.4.5.3 Punks (Kapl)
2.5 Der Ruf (Schuld)
2.6 Disorder (Schuld)

3. Quantitativer Methodischer Teil (Schuld, Schwarz)
3.1 Grundlegendes quantitatives Analyse- und Auswertungsschema
3.2 Hypothesen zur Nutzung des öffentlichen Raums und zur Identifikation
3.3 Definition der Begriffe und Operationalisierung (Schuld, Schwarz)
3.4 Stichprobenziehung und Auswahlverfahren
3.4.1 Auswahlverfahren: Gebietsauswahl/Flächenstichprobe
3.4.2 Praktische Durchführung der Erhebung
3.4.3 Berechnung des Stichprobenfehlers
3.4.4 Gewichtung

4. Quantitativer empirischer Teil
4.1 Raumunabhängige zentrale Variablen
4.2 Raumabhängige zentrale Variablen (Schuld)
4.2.1 Eine subjektive Sicht auf die objektiven Gegebenheiten
4.2.2 Die weitere objektive Infrastruktur
4.2.3 Außenperspektive und Ruf (Der objektive Ruf)
4.2.4 Der Wohnraumindex
4.2.5 Eindrücke
4.3 Erklärende und abhängige Variablen
4.3.1 Jugendkulturen (Schwarz)
4.3.1.1 HipHoper
4.3.1.2 Skateboarder
4.3.1.3 Punks
4.3.1.4 Zusammenhänge zwischen der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen und Mobilität
4.3.2 Empirie Mobilität (Schuld)
4.3.2.1 Dimension Freizeitmobilität:
4.3.2.2 Zusammenfassung von Mobilität
4.4 Abhängige Variablen
4.4.1 Nutzung des Stadtteils (Schwarz)
4.4.1.1 Zusammenhänge aufgrund der zentralen erklärenden Variablen:
4.4.1.2 Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen:
4.4.1.3 Zusammenhänge aufgrund einer spezifischen Jugendkultur
4.4.1.4 Zusammenhänge aufgrund des Mobilitätsniveaus:
4.4.1.5 Genauere Prüfung der Hypothesen und Zusammenfassung
4.4.2 Zufriedenheit mit dem Stadtteil (Schwarz)
4.4.2.1 Zusammenhänge der zentralen erklärenden Variablen mit Zufriedenheit:
4.4.2.2 Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit:
4.4.2.3 Einfluss der Mobilität auf die Zufriedenheit
4.4.2.4 Zufriedenheit mit den infrastrukturellen Angeboten in Auwiesen:
4.4.2.5 Lineare Regressionsanalyse zur Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil
4.4.3 Identifikation mit dem Stadtteil (Schwarz)
4.4.3.1 Einflüsse der zentralen erklärenden Variablen auf die Identifikation
4.4.3.2 Einflüsse der Jugendkulturen auf Identifikation
4.4.3.3Einfluss von Mobilität auf Identifikation:
4.4.3.4 Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen:
4.4.3.5 Model Identifikation mit Auwiesen (Schuld)
4.4.4 Die Wahrnehmung des Rufs durch die Auwiesener Jugendlichen (Schuld)
4.4.4.1Einflüsse der zentralen, raumunabhängigen Variablen auf die Wahrnehmung des Rufs
4.4.4.2 Einflüsse von Jugendkulturen und Mobilität auf die Wahrnehmung des Rufs
4.4.4.3 Zusammenfassung der Rufwahrnehmung
4.4.5 Jugend und Erwachsene (Schuld)
4.4.5.1 Allgemeines Verhältnis zu den Erwachsenen
4.4.5.2 Einfluss der zentralen Dimensionen auf die Beziehung Jugendliche/Erwachsene
4.4.5.3 Einfluss von Mobilität und Jugendkulturen auf die Beziehung Jugendliche/Erwachsene
4.4.5.3 Zusammenfassung: Verhältnis zu den Erwachsenen
4.4.6 Wahrnehmung von Disorder (Schuld)
4.4.6.1Einfluss der zentralen Dimensionen auf die Wahrnehmung von Disorder
4.4.6.2 Einfluss von Jugendkulturen auf die Wahrnehmung von Disorder
4.4.6.3 Zusammenfassung: Wahrnehmung von Disorder
4.4.7 HipHop, Ruf und Identifikation mit dem Stadtteil (Schuld)

QUALITATIVER TEIL

5. Qualitative Sozialforschung: eine Einordnung (Markus Kapl)
5.1. Erklären vs. Verstehen
5.2. Die Offenheit
5.3. Kommunikation
5.4. Prozesshaftigkeit
5.5. Flexibilität
5.6. Lebensweltanalyse und das qualitative Paradigma
5.7. Ethnographie und Milieu

6. Methodische Vorgehensweise
6.1. Strukturierung
6.2. Kategorien
6.3. Kontextanalyse (Explikation)
6.4. Auswahlverfahren
6.4.1. Die Auswahl
6.4.1.1. Experten
6.4.1.2. Jugendliche

7. Qualitative Auswertung
7.1. Die Typen Jugendlicher in Auwiesen
7.1.1. Gestalter, Typ1
7.1.2. Nutzer, Typ2
7.1.3. Desinteressierte, Typ3
7.2. Deutung des Stadtteils
7.2.1. Der Ruf
7.2.2. Das Ghetto
7.3. Zugehörigkeit und Freundschaft
7.3.1. „Ich bin ein Auwiesner“
7.3.2. Der Freundeskreis
7.3.2. Regeln
7.4. Außenbeziehungen
7.4.1. Erwachse und Jugend
7.4.2. Der Ruf nach Ordnungshütern
7.4.3. Abweichendes Verhalten
7.4.4. Begegnungen mit der Polizei
7.5. Ethnie und Migration
7.5.1. Nationalitäten
7.5.2. Migranten und Einheimische
7.5.3. „Wo sind die Österreicher?“
7.5.4. Die gemeinsame soziale Lage
7.5.5. Ethnische Fremdheit
7.5.6. „Da herinnen funktioniert’s“
7.6. Geschlechterverhältnis
7.6.1. Eine ungleiche Verteilung
7.6.2. „Wo sind die Mädchen?“
7.6.3. Männliche Dominanz und traditionelles Rollenbild
7.6.4. Angebot und Nachfrage
7.7. Schule und Bildung
7.7.1. Bildungsangebot
7.7.2. Schulische Segregation
7.7.3. Gewinner und Verlierer
7.8. Perspektiven und Zukunft
7.8.1. Schule oder Beruf
7.8.2. Der ‚Traum’ vom Beruf
7.8.3. ‚Männliche und weibliche’ Berufe

8. Zentrale Ergebnisse (Kapl/Schuld/Schwarz)
8.1 Nutzung des Stadtteils
8.2 Zufriedenheit mit dem Stadtteil
8.3 Identifikation mit dem Stadtteil
8.4 Wahrnehmung des Rufs
8.5 Verhältnis zu den Erwachsenen
8.6 Wahrnehmung von Disorder
8.7 Ausblick

ANHANG
Der Fragebogen (Angaben in %)
Leitfäden
Verzeichnis der Abbildungen
Verzeichnis der Tabellen
Literatur
Kontakt

1. Einleitung

Wir (Markus Kapl, Boris Schuld, Christian Schwarz) haben uns dazu entschlossen, unsere Diplomarbeit in Soziologie gemeinsam zu verfassen. Dadurch war es uns möglich, eine größere Forschungsarbeit durchzuführen. Der Titel unserer Diplomarbeit lautet „Der Mythos Auwiesen“. Die Arbeit besteht aus einem quantitativen und einem qualitativen Teil. Allgemein wollen wir der Frage nachgehen, inwieweit der (soziale und physische) Raum spezifische jugendliche Identitäten und Handlungsmuster erzeugt und wie diese beschaffen sind. Ziel unserer Arbeit ist es, einen Einblick in die Lebenswelten der Jugendlichen in Auwiesen zu bekommen und deren gegenwärtige Situation darzustellen.

Noch bevor wir konkrete Vorstellungen bezüglich unseres Themas oder der möglichen Vorgehensweise hatten, begaben wir uns ins Feld, d.h. wir fuhren nach Auwiesen. Da keiner von uns den Stadtteil näher kannte, handelte es sich dabei um eine erste Sichtung. Es ist sicher falsch zu behaupten, dass wir damals vorurteilsfrei waren, da uns, bedingt durch den schlechten Ruf des Viertels, einiges erwarten sollte. Dort angekommen, betraten wir nach anfänglicher Verwirrung was jetzt genau Auwiesen darstellt, die Anlage. Wir spazierten vorbei an renovierten Häusern, ausgedehnten Garten- und Grünanlagen, Kinderspielplätzen, Parks und einer ‚alles in allem’ schönen Wohnanlage, wie uns schien. Da machten sich erste Zweifel breit, „sind wir hier richtig?“. Also keine Spur von desolaten Sozialbauten, geschweige denn vom oft erwähnten „Problemgebiet“. So zogen wir weiter, bis wir die Wohnblocks an den „Kastgründen“ entdeckten. Da waren sie nun die mehrstöckigen, verwahrlost wirkenden Wohnblocks, die wir erwartet hatten. Schon allein der Anblick vermittelte ein Gefühl der Enge und Trostlosigkeit. „Das muss Auwiesen sein“, dachten wir. Doch im Laufe unserer Forschungsarbeit wurden wir eines Besseren belehrt. Auwiesen war tatsächlich, das auf den ersten Blick schöne und gepflegte Viertel, das wir anfangs betraten.

Etwas später, so unsere Herangehensweise, versuchten wir einen ersten, strukturellen Blick von Auwiesen mittels Expertinneninterviews zu erhalten. „Raumbezogenheit sozialer Probleme von Jugendlichen in Auwiesen“, so unser erster, ehrgeiziger Arbeitstitel . Wir gingen also von vorne herein von Problemen und gewissen Mängeln der physischen und sozialen Struktur von Auwiesen aus. Umso erstaunlicher waren die ersten Interviews für uns, denn dort wurde uns ein teilweise konträres Bild geliefert. Nein im Gegenteil: „es ist schön wohnen hier“, „keine Ahnung woher der schlechte Ruf kommt“, so die Grundaussagen; Schön langsam begannen wir uns zu fragen, woher der schlechte Ruf kommt und ob er überhaupt gerechtfertigt ist. Doch die anfängliche Desillusionierung half uns in gewisser Weise weiter und war somit produktiv für uns. Wir gaben unsere anfängliche Problemzentriertheit, die in den ersten Expertinnenbefragungen noch deutlich spürbar ist, auf. Stattdessen fragten wir nach Möglichkeiten, Aktivitäten und Handlungsmustern, die den Jugendlichen offen stehen oder verwährt bleiben. Dadurch hat sich deutlich gezeigt, dass etwaige Probleme „nicht einfach so auf der Straße liegen“ und dort zu finden sind. Der problemzentrierte Ansatz wurde zugunsten folgender grundlegenderen Fragestellungen aufgegeben.

1.1 Zentrale Forschungsfragen

Wie nützen sie den Stadtteil und wie wird er angeeignet?

Wie zufrieden sind sie mit Auwiesen?

Identifizieren sich die Jugendlichen mit ihrem Stadtteil?

Wie ist das Verhältnis zu den Erwachsenen?

Wie stark werden Verfall, Gewalt und Konflikte wahrgenommen?

Welches Verhältnis haben sie zu dem Ruf des Stadtteils?

Welche Erfahrungen machen die Jugendlichen , aufgrund ihrer (örtlichen) Herkunft in der Schule und in der Arbeit?

Welche Rolle spielen dabei die Kategorien Ethnizität, Bildung, Geschlecht, soziale Herkunft, Mobilität und Jugendkulturen?

1.2 Methodische Vorgehensweise

In unserer grundlegenden methodischen Konzeption versuchen wir die „Lebenswelten Jugendlicher in Auwiesen“ sowohl von quantitativer, als auch von qualitativer Seite her zu betrachten. Somit entgehen wir der ohnehin entbehrlichen Diskussion zum Thema „Methodenstreit“, an deren Stelle die „Methodenvielfalt“ rückt. Durch die Verknüpfung der beiden, in den Sozialwissenschaften gängigen Methoden, erhoffen wir ein umfassendes und „vollständiges“ Bild von Auwiesen und den dort lebenden Jugendlichen zu erhalten.

Der erste Kontakt mit dem „Feld“ erfolgte im Sommer 2004, als wir Auwiesen einen unverbindlichen Besuch abstatteten. Es ging uns einfach darum, Eindrücke zu sammeln und den Stadtteil Auwiesen in seinem vollen Umfang und Gestalt zu erfassen. Diese erste Annäherung erfolgte weitgehend ohne theoretische oder methodische Hintergedanken, welche für diese Zwecke ohnehin hinderlich erscheinen. Auf diese Weise bekamen wir ein erstes vages Bild von Auwiesen, den Wohnverhältnissen und den vor Ort lebenden Menschen.

Der nächste Schritt der explorativen Phase betraf Gespräche mit dort tätigen oder verantwortlichen Expertinnen und Experten. Diese sollten uns einen Über- und Einblick in die Situation des Stadtteils Auwiesen und vor allem in die Lebenswelten der dort lebenden Jugendlichen liefern. Wir suchten die Experten vor Ort, in den jeweiligen Institutionen auf, um sie dort zu interviewen.

Folgende Expertinnen und Experten verschiedener Institutionen wurden befragt:

Pfarre

Amt für Jugend und Familie

GWG (Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz)

Polizei

Gärtner und Hausmeister (GWG)

Streetwork Linz- Süd

Jugendzentrum Alpha

Jugendzentrum Fjutscharama

Hauptschule (HS10).

Wir führten die Gespräche anhand von Interviewleitfäden, die speziell auf die Bereiche der jeweiligen Expertinnen und Experten zugeschnitten waren. (Ausnahme waren die beiden Jugendzentren, dort verwendeten wir bei den Interviews mit den Mitarbeiter den gleichen Leitfaden, um Vergleiche anstellen zu können.) Die Interviews wurden mit dem Einverständnis der Interviewpartner aufgezeichnet und anschließend transkribiert.

Ein weiterer Punkt in der Anfangsphase unserer Forschungsarbeit war das Auffinden und Analysieren von Sekundärliteratur und sogenannter „grauer“ Literatur. Dies gestaltete sich relativ schwierig, da es kaum Bücher, Schriften oder Zeitschriften über Auwiesen gab. Als sehr ergiebig erwiesen sich jedoch die Archive der regionalen Zeitungen. Wir durchforsteten dazu die Archive der „Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN)“ nach Meldungen zu Auwiesen der letzten 15 Jahre. Zusätzlich verwendeten wir die Statistik CD Linz (2003), GWG- Zeitschriften und weitere Linzer Jugendstudien.

Auf Grund des dadurch entstandenen Datenmaterials und der zusätzlich gewonnenen Eindrücke, war unser (struktureller) Blick geschärft und wir konnten uns endlich den Jugendlichen und ihren Belangen widmen. Der nächste Schritt war der Entwurf des Fragebogens, der uns repräsentative Daten zur Situation der Jugendlichen von Auwiesen lieferte. Neben dem standardisierten Verfahren (Fragebogen) wurde auch eine gleichwertige qualitative Erhebung durchgeführt. Dies führte zu einer Vertiefung der einzelnen Dimensionen aus dem quantitativen Teil und lieferte uns einen genaueren Einblick in die Lebensweisen der Jugendlichen von Auwiesen. Dazu wurden sieben Einzelinterviews mit Jugendlichen, zwei Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen durchgeführt. Bevor wir genauer auf Theorie, Methode und Auswertungen eingehen, soll die Planung und Entstehung von Auwiesen dargestellt werden

1.3 Planungsprozess – Entstehung Auwiesen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz wieder zu einem raschen Wirtschaftsaufschwung als Industriestandort. Der Arbeitsmarkt erholte sich und das vorhandene Angebot an relativ gut bezahlter Arbeit bedingte einen vermehrten Zuzug in den oberösterreichischen Zentralraum. Gleichzeitig mit dem steigenden Personalbedarf der verstaatlichten Industrie stieg der Bedarf an Wohnungen, was den „sozialen Wohnbau“ in den 70er und 80er Jahren belebte. Notwendigerweise entstanden neue Wohnbezirke an der Peripherie der Stadt, nördlich und südlich der Kernstadtgebiete. Zusätzlich kam es zu einer Abwanderung vorwiegend junger Personen aus dem Stadtkern in Richtung Peripherie und das Wohnen am Stadtrand gewann rasch an Attraktivität (vgl. Linz: Stadt der Arbeit und Kultur, S. 228).

Eines der größten Projekte dieser Art stellt das damalige „Stadterweiterungsgebiet“ Auwiesen dar. Als solches werden allgemein neue Stadtteile bezeichnet, die an der Peripherie großer Städte von Stadtplanern und Architekten in Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung und Bauträgern konzipiert werden.

„Auwiesen 3000“, war der Titel der Mitte der 70er in Planung begriffenen Großwohnanlage im Süden von Linz. „3000“, entspracht dabei der Zahl der geplanten Wohneinheiten, womit es sich um ein imposantes Bauvorhaben handelte, das ungefähr 10 000 Menschen Wohnraum bieten sollte. Mit dem Bau begonnen wurde Ende der 70er Jahre, die ersten Wohnungen waren 1981 fertig und die ersten Mieter konnten einziehen. Es gab vier Bauetappen I - IV, von 1981 bis 1994 und das gesamte Wohngebiet Auwiesen umfasst nun 2798 Wohneinheiten (GWG, Stand Jänner 1994). Bekannte Probleme und Fehler der „Trabantenstädte“ sollten architektonisch vermieden werden. Ziel war es den Raum so ökonomisch wie nötig und so attraktiv wie möglich zu nutzen. Es stellte sich die Frage nach horizontaler oder vertikaler Bebauung. Bald stand fest, dass keine der üblichen „Wohnsilos“ entstehen sollten und es entstanden zwei- bis viergeschossige Objekte. Mit dem Trend, Sozialwohnungen möglichst hoch zu bauen, also mit einer hohen Anzahl an Geschossen eine optimale Raumnutzung zu erzielen, wurde gebrochen. (Dabei ist anzumerken, dass die Geschossanzahl für Sozialbauten per Gesetz nicht unterschritten werden durfte. Das Wohnbaugesetz wurde allerdings auf Grund des Auwiesen- Projekts diesbezüglich geändert). Viel Wert wurde auf die Einplanung und Gestaltung von Grünflächen zwischen den Objekten gelegt, eine Tatsache, die mitunter als erstes auffällt und den Stadtteil vordergründig als durchaus „schön“ erscheinen lässt. Weiteres ist die gesamte Anlage autofrei, da sie vollkommen vom Straßenverkehr getrennt ist, was bei den Bewohnern und Anrainern durchwegs als einer der Hauptvorteile genannt wird. Als „Mustersiedlung“, oder „Modellfall“ geplant, kam es allerdings bald zu Komplikationen, hauptsächlich auf Grund der Finanzierbarkeit, was architektonische Kompromisse verlangte um den niedrigen Preis für die geförderten Mietwohnungen halten zu können („Auwiesen 3000“, ?). Außerdem kam es trotz des ehrgeizigen Plans, so zeigt die spätere Entwicklung, zu diversen unvorhergesehenen Problemen in dem neuen Stadtteil, die wir allerdings später diskutieren werden.

Als Bauträger fungierte die GWG, die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz. Sie ist die größte ihrer Art in Österreich und beherbergt 50 000 Menschen. Die Wohnanlage Auwiesen besteht zur Gänze aus GWG- Mieteinheiten, somit hat diese dort eine Monopolstellung. Neben dem Wohnungsbau ging es auch um den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur. Wichtigste Schritte waren die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz (1983) durch die Verlängerung der Straßenbahnlinie 1 und der Anschluss an das Fernwärmenetz zur Versorgung mit umweltfreundlicher Energie. Des Weiteren entstanden ein Einkaufszentrum, eine Bezirkssportanlage und ein Kultur- und Schulzentrum. (Besser Wohnen, 1986).

Insgesamt wurden in den rund 15 Jahren Bauzeit 3,1 Milliarden Schilling (230 Millionen Euro) investiert. Davon 2,16 Milliarden (160 Millionen Euro) in den Wohnbau und 930 Millionen (70 Millionen Euro) in infrastrukturelle Ausstattung (vgl. Linz: Stadt der Arbeit und Kultur, S. 228). Das Finanzierungsmodell wurde von der GWG, der Stadt Linz und der Landesbauförderung entwickelt und angewandt.

TEIL I: QUANTITATIVE UNTERSUCHUNG

THEORIE

METHODE

AUSWERTUNGEN

2. THEORIE

2.1 Raum: Grundlagen (Schwarz)

Raum gilt wie Zeit als eine der Grundkategorien der Soziologie. Jede menschliche Handlung hat einen konkreten Raum- und Zeitbezug. Immanuel Kant bezeichnete den Raum als die Bedingung der Möglichkeit (von Erscheinungen). „Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängige Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung a priori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt“ (Kant, zit. nach Held, 2005: S. 15).

Raum ‚an sich’ gibt es jedoch aus soziologischer Sicht nicht, da Raum immer sozial konstruiert ist. Jeder Raum wird mit Funktionen und symbolhaften Bedeutungen in Verbindung gebracht. „ Zeichen/Symbole haben immer schon [...] den unmittelbaren Umgang mit Sachen ersetzt durch den der Bedeutung“ (Götz Großklaus, zit. nach Schäfers 2003: S. 44). Ernst Cassirer bezeichnete den Menschen als „animal symbolicum“. Dieser Begriff weist darauf hin, dass für Orientierung und Kommunikation des Menschen Symbole und Zeichen notwendig seien, deren Bedeutungen sich wandeln können. Daraus kann abgeleitet werden, dass auch bestimmte (öffentliche) Räume, durch symbolischen Bedeutungswandel umfunktioniert und somit auf verschiedene Weisen angeeignet werden können[1].

Durkheim bezeichnetet den Raum als „Materielle Substrate“ (Emile Durkheim, zit. nach Schäfers 2003: S. 9) und diese sind ein „wesentliches Element der Handlungsfelder, der Möglichkeiten von Kommunikation und des Wohlbefindens“ (ebd. S. 9). Inwieweit Raum grundsätzlich sozial bedingt ist, wird durch folgendes Zitat Simmels deutlich. In „Der Raum und die räumliche Ordnung der Gesellschaft“ schreibt er: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit sozialem Wirken, sondern eine soziale Tatsache, die sich räumlich formt“ (Simmel, zit. nach Schäfers 2003: S. 31).

In der Anthropologie wird bei Menschen und Tieren von einem bestimmten Territorialverhalten ausgegangen. Hamm und Neumann definieren Territorien als Räume, in denen soziale Einheiten:

- sich über längere Zeit relativ dauerhaft aufhalten;
- wesentliche existenzerhaltende Tätigkeiten verrichten;
- durch symbolische Akte Besitzansprüche anmelden und diese im Fall der Bedrohung durch andere verteidigen;
- mindestens minimale Spielräume für eigene Gestaltung haben (vgl. ebd. S. 32);

Wohnen gilt somit als „Prototyp des territorialen Verhaltens “ (Hamm/Neumann, zit. nach Schäfers 2003: S. 32).

Als weitere Grundlage diente uns der von Bourdieu verwendete Raumbegriff, da er eine begriffliche und inhaltliche Unterscheidung zwischen physischem und sozialem Raum einführte.

2.1.1 Bourdieu: Physischer Raum und Sozialraum (Schwarz, Schuld)

Als Körper (und als biologische Individuen) sind menschliche Wesen immer ortsgebunden und nehmen einen konkreten Platz ein (sie verfügen nicht über Allgegenwart und können nicht an mehreren Orten gleichzeitig anwesend sein) “(Bourdieu in Göschel/Kirchberg 1998: S. 18).

Physischer Raum

Der physische Raum ist definiert durch die wechselseitige Äußerlichkeit seiner Teile, der Sozialraum durch die wechselseitige Unterscheidung der ihn bildenden Personen.

Der physische Raum umfasst jene Bereiche, in denen sich eine Person oder ein Ding befinden kann. Der Ort ist jene Position im physischen Raum, an der sich eine Person oder ein Ding konkret befindet. Dieser eingenommene Raum lässt sich durch die Ausbreitung im Hinblick auf die besetzte Oberfläche und das Volumen definieren. Der Ort, also der eingenommene physische Raum, stigmatisiert die sich an ihm befindenden Menschen in positiver oder negativer Weise.

Sozialraum

Die Position des Menschen im Sozialraum spiegelt sich in dem von ihm eingenommenen physischen Raum wider, den er im Gegensatz zu anderen innehat. Der besetzte, angeeignete Raum funktioniert als „ Symbolisierung des Sozialraumes“ (Bourdieu et. al, 1997: S. 160). Deutlich wird dies am Beispiel des Obdachlosen, der ohne ‚Hab und Gut’ keine gesellschaftliche Existenz innehat (ebd. S. 160ff). Bourdieu betrachtet die soziale Welt immer in relationaler Denkweise. Es ist aus seiner Perspektive nicht sinnvoll die Angehörigen einer Klasse (z.B. Arbeiter) Gruppe, Milieu oder eine Sportart (z.B. Golfspieler) für sich genommen und absolut zu betrachten. Alle konstruierten, zusammenhängenden Gruppierungen und deren Funktionen und Bedeutungen innerhalb des sozialen Raumes versteht man erst, wenn man sie relational zu anderen Gruppierungen betrachtet (z.B. Arbeiter mit Kleinbürgern, Golfspieler mit Fußballspieler usw.).

[...]


[1] Auf das Aneignungsverhalten von Jugendlichen wird im Kapitel Jugend und Raum 2.3 genauer eingegangen.

Details

Seiten
304
Jahr
2005
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109700
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
sehr gut
Schlagworte
Mythos Auwiesen Eine Studie Jugendliche Stadtteil

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