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Verbalperiphrasen im Spanischen - Versuch einer begrifflichen Bestimmung und Abgrenzung von anderen Konstruktionen

Seminararbeit 2002 15 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Verbalperiphrasen als Charakteristikum der romanischen Sprachen

2 Verbalperiphrasen im Spanischen - Kriterien zur Bestimmung und Abgrenzung dieser Kategorie
2.1 Geläufige Definition in den Grammatiken
2.1.1 Notwendige Bestandteile einer Verbalperiphrase
2.1.2 Nicht als periphrastisch angesehene Konstruktionen
2.2 Semantische Kriterien
2.2.1 Hilfsverb und Grammatikalisierung
2.2.2 „Verba adiecta“ und Verbalperiphrasen
2.3 Syntaktische Kriterien
2.3.1 Nicht-Beteiligung des Auxiliars in den Selektionsregeln des Hauptverbs
2.3.1.1 Möglichkeit einer Transformation ins Passiv
2.3.1.2 Stellung der klitischen Pronomen
2.3.2 Verlust der syntaktischen Autonomie der infiniten Verbform
2.3.2.1 Ersetzbarkeit durch andere Kategorien
2.3.2.2 Formulierung von Fragen
2.3.2.3 Emphatisierung
2.3.2.4 Transformation ins Reflexivpassiv
2.4 Verbalperiphrasen vs. Verbale Redewendungen

3 Fazit

Bibliographie

1 Verbalperiphrasen als Charakteristikum der romanischen Sprachen

Im heutigen geschriebenen wie gesprochenen Spanisch findet man zahlreiche Konstruktionen wie estar haciendo algo, ir a hacer algo oder llevar comprado algo. Konstruktionen dieser Art kann man angesichts der Tatsache, dass sie auch in allen anderen romanischen Sprachen zu finden sind, als typisch romanisch bezeichnen. Dies mag auf den ersten Blick etwas überraschen, wenn man bedenkt, dass diese im Lateinischen so gut wie gar nicht vorkamen. Da es aber erwiesen ist, dass das Griechische sie kannte, wird die These aufgestellt, dass sich ihr Auftreten vom Einfluss dieser Sprache auf das Vulgärlatein ableiten lässt[1]. Lange Zeit herrschte Unklarheit darüber, zu welcher Gruppe man diese Konstruktionen zählen sollte. In der Grammatik von Bello und Cuervo wurden sie beispielsweise unter den zusammengesetzten Formen behandelt. Entscheidend war in dieser Hinsicht die Arbeit von Georges Gougenheim, denn dieser fasste sie erstmals unter dem Begriff „Verbalperiphrasen“ zusammen, was man in der Folgezeit beibehielt[2]. Allerdings ist der Gebrauch dieses Terminus nicht unproblematisch, was u.a. daran liegt, dass das Konzept der „Periphrase“ in der Geschichte der Linguistik einem Bedeutungswandel unterlegen ist[3]. So gehen in der heutigen Literatur die Meinungen immer noch darüber auseinander, was unter einer Verbalperiphrase genau zu verstehen ist und welche Konstruktionen dieser Gruppe zuzuordnen sind. Dass die Autoren daher recht unterschiedliche Angaben über den Bestand an Verbalperiphrasen im Spanischen machen, darf also nicht verwundern[4].

Es soll das Ziel dieser Arbeit sein, den Begriff der Verbalperiphrasen genauer zu bestimmen und diese Kategorie von anderen, z.T. ähnlichen Konstruktionen anhand bestimmter Kriterien und spanischer Beispiele abzugrenzen. Dabei wird man auch auf die Effizienz und Zuverlässigkeit dieser sowie auf dabei auftretende Probleme und Unstimmigkeiten eingehen müssen.

2 Verbalperiphrasen im Spanischen - Kriterien zur Bestimmung und Abgrenzung dieser Kategorie

2.1 Geläufige Definition in den Grammatiken

2.1.1 Notwendige Bestandteile einer Verbalperiphrase

Als stellvertretend für viele spanischen Grammatiken sei an dieser Stelle die Definition von Gómez Torrego gegeben:

Una perífrasis verbal es la unión de dos o más verbos que constituyen un solo ‘núcleo’ del predicado. El primer verbo, llamado ‘auxiliar’, comporta las informaciones morfológicas de número y persona, y se conjuga en todas (o en parte de) las formas o tiempos de la conjugación. El segundo verbo, llamado ‘principal’ o ‘auxiliado’, debe aparecer en infinitivo, gerundio o participio, es decir, en una forma no personal[5].

Damit ist über die notwendigen Bestandteile einer hypotaktischen Verbalperiphrase schon einiges ausgesagt: Es handelt sich um eine Kombination aus einer finiten und einer infiniten Verbform. Die finite Form hat die Eigenschaft eines Hilfsverbs[6], während die infinite Form als Gerund, Partizip und Infinitiv vorkommen kann. Demnach unterteilen wir diese Konstruktionen in Gerundial-, Partizipial-, bzw. Infinitivperiphrasen (bei letzteren können beide Verbformen auch durch eine Präposition oder Konjunktion verbunden werden). Diese Kombination stellt eine syntagmatische Einheit und das Prädikat eines Satzes dar. Es ist somit entscheidend, zu sehen, dass sich innerhalb der Periphrase kein Bestandteil dem anderen syntaktisch unterordnet. Ferner folgt daraus als weitere wesentliche Bedingung, dass sich beide Verbformen auf dasselbe Subjekt beziehen müssen[7]. Grundsätzlich sollten beide Verben auch autonom außerhalb der Periphrase auftreten können. Schließlich lässt sich eine Verbalperiphrase der Theorie de Saussures folgend als ein mehrgliedriges sprachliches Zeichen interpretieren: Sein „signifiant“ ist mehrgliedrig, ihm steht ein einziges „signifié“ gegenüber[8].

Neben dieser Kategorie liegen im Spanischen auch parataktische Verbalperiphrasen vor. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass zwei finite Verbformen syndetisch nebeneinander stehen und eine Addition von Bedeutungen zum Ausdruck bringen (ein Beispiel hierfür wäre venir/llegar/ir + y + finites Verb)[9]. Sie bilden aber nur einen kleinen Bestandteil, weswegen sie kaum Gegenstand der Forschung waren und auch in dieser Arbeit nicht näher analysiert werden.

2.1.2 Nicht als periphrastisch angesehene Konstruktionen

Es muss betont werden, dass diese Definition der (hypotaktischen) Verbalperiphrasen noch lange nicht ausreicht. Es gibt, wie im Folgenden ersichtlich sein wird, zahlreiche Konstruktionen, die den bisher erwähnten Kriterien genügen, anderen Kriterien jedoch nicht. Daher sind diese, wie bereits angedeutet, unter Umständen relativ schwer einzuordnen. Dennoch werden in Anlehnung an Hella Olbertz drei Typen explizit von der Kategorie der Verbalperiphrasen ausgeschlossen: Es handelt sich dabei um Konstruktionen mit kausativen Verben (z.B. hacer a alguien hacer algo), Passivkonstruktionen und Konstruktionen mit „echten Hilfsverben“ (d.h. ser und haber). Bei ersteren wird eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zum Ausdruck gebracht: Es treten also zwei Handlungen auf, was einen Verstoß gegen die Subjektsidentität darstellt[10]. Bei den Passivkonstruktionen wird dem Partizip eher die Eigenschaft eines Adjektivs denn eines Verbs unterstellt. Bezüglich der letzten Gruppe sei erwähnt, dass deren Hilfsverben nicht autonom außerhalb der Verbalperiphrase auftreten können[11] (dies steht im Einklang mit der Bedingung in Punkt 2.1.1: Beide Verbformen sollten grundsätzlich auch außerhalb auftreten können).

2.2 Semantische Kriterien

2.2.1 Hilfsverb und Grammatikalisierung

Damit eine Konstruktion als Verbalperiphrase identifiziert werden kann, muss die finite Verbform notwendigerweise die Funktion eines Hilfsverbs ausüben. Auch dieser Begriff wurde lange Zeit uneinheitlich gebraucht, so dass die unterschiedlichen Angaben über die Zahl der Verbalperiphrasen im Spanischen auch auf diese Tatsache zurückzuführen sind. In der traditionellen Sprachwissenschaft sah man das Hilfsverb als Vollverb an, das seine lexikalische Bedeutung z.T. eingebüßt bzw. gänzlich verloren hätte: „Para distinguir si un verbo está empleado como auxiliar basta fijarse en si ha perdido su significado propio“[12]. Ein Beispiel aus dem Spanischen mag diese These bestätigen: Im Satz No les voy a contar toda la historia [13] wird ir offensichtlich nicht in seiner lexikalischen Bedeutung im Sinne von „Fortbewegung“ gebraucht, so dass man es als Hilfsverb und die Konstruktion folglich als Verbalperiphrase (deren Bedeutung sich also logischerweise nicht aus den lexikalischen Bedeutungen ihrer Bestandteile ableiten lässt) betrachten kann. Die Eigenschaft des Bedeutungsverlusts eines Verbs hängt eng mit dem Prozess der Grammatikalisierung zusammen, worunter man versteht, dass „ein sprachliches Zeichen von der Ebene der lexikalischen Einheiten auf die Ebene des Grammatischen übergehen, d.h. instrumental und damit grammatisch distinktiv werden kann“[14]. Dabei vollzieht sich dieser Prozess stufenweise, so dass man von einzelnen Graden der Grammatikalisierung sprechen kann. Es sollte an dieser Stelle klar sein, dass die Konstruktionen mit vollständig grammatikalisierten Verben, die demnach ihre lexikalische Bedeutung gänzlich verloren haben und nicht außerhalb der Periphrase auftreten können, hier nicht als Verbalperiphrasen betrachtet werden (siehe Punkt 2.1.2). In diesem Punkt besteht eine Übereinstimmung mit Criado de Val[15].

Dietrich führt ein auf den ersten Blick einleuchtendes Kriterium an, anhand dessen für den Einzelfall ermittelt werden soll, ob es sich beim finiten Verb um ein Hilfsverb handelt. Er schlägt vor, dieses durch ein in seiner - lexikalischen - Bedeutung synonymes Verb zu ersetzen und anschließend den Sinn der Konstruktion zu überprüfen. So kommt er zu dem Ergebnis, dass bei ir in Iba a comprar el traje en la ciudad ein Hilfsverb vorliegt, da sich davon etwa Marchaba a comprar el traje en la ciudad unterscheidet. Dagegen lassen sich jedoch einige Einwände vorbringen: So sind ir und marchar nicht als vollständig synonym anzusehen. Dietrich berücksichtigt nicht die unterschiedlichen Valenzen dieser Verben. Ferner ergibt sich auch das Problem, dass nicht für jedes Verb Synonyme vorhanden sind und man bei tatsächlicher Äquivalenz der Konstruktionen nicht überprüfen kann, ob diese Synonyme selbst auch Hilfsverben sind[16].

Der folgende Aspekt, der gegen die Zuverlässigkeit bei der Anwendbarkeit des semantischen Kriteriums spricht, sei ebenfalls zu bedenken: Man wird bei einem Blick in ein Lexikon feststellen, dass für viele Verben (wie z.B. deber oder poder) mehrere unterschiedliche Bedeutungen akzeptiert sind (nämlich „Pflicht“, „Schuld“ und „Wahrscheinlichkeit“ bzw. „Fähigkeit“, „Möglichkeit“ oder „Erlaubnis“). Wie kann man also zu einem bestimmten Zeitpunkt festlegen, welche von diesen Bedeutungen die ursprüngliche war bzw. wo sich ein Bedeutungswandel vollzogen hat? Darüber hinaus ist auch die Grenze zwischen Bedeutungsverlust/ Grammatikalisierung und metaphorischem Gebrauch nicht eindeutig bestimmbar[17]. Zu bedenken sei darüber hinaus, dass ein Verlust der lexikalischen Bedeutung auch bei Konstruktionen wie Juan anda enamorado auftreten kann, die offensichtlich aufgrund der im Folgenden erläuterten syntaktischen Kriterien (siehe Punkt 2.3) eindeutig nicht als periphrastisch anzusehen sind[18].

Gómez Torrego hat schließlich darauf hingewiesen, dass die Eigenschaft eines Verbs als Hilfsverb und damit die Möglichkeit, eine Konstruktion als Verbalperiphrase zu betrachten, teilweise lediglich durch den Kontext bestimmt sein kann: So liegt bei Juan llegó a comer a casa un poco tarde keine Verbalperiphrase vor, da wegen der adverbialen Bestimmung des Orts a casa nur das „Ankommen“ (also die lexikalische Bedeutung) ausgedrückt sein kann, im Gegensatz zu Llegó a haber cien mil personas en el estadio. Liefert der Kontext diese Ergänzungen jedoch nicht, so ist eine eindeutige Abgrenzung nicht mehr möglich, etwa bei Vino a decirme que yo era tonto [19].

Innerhalb des semantischen Kriteriums sei noch am Rande erwähnt, dass Verbalperiphrasen bestimmte modale und aspektuelle Bedeutungsnuancen in Bezug auf das infinite Verb zum Ausdruck bringen:

Si comparamos, por ejemplo, la acción que designamos por el verbo escribir con las locuciones tener que escribir, estar escribiendo e ir a escribir, notaremos que al concepto escueto de escribir añade la primera perífrasis la obligación de realizar el acto que se menciona; estar escribiendo significa la duración o continuidad del hecho; y en ir a escribir expresamos la voluntad o disposición de ánimo para ejecutarlo[20].

Diese aufzuzeigen geht aber über das Ziel dieser Arbeit hinaus und würde den Rahmen sprengen.

2.2.2 „Verba adiecta“ und Verbalperiphrasen

Nun werden aber auch Konstruktionen wie empezar a hacer algo, querer hacer algo oder deber hacer algo bei den meisten Autoren zu den Verbalperiphrasen gezählt[21], obwohl hier offensichtlich das finite Verb in seiner lexikalischen Bedeutung erscheint. Insofern scheint die für die Zuordnung zu dieser Kategorie notwendige Eigenschaft der finiten Verbform, als Hilfsverb zu fungieren, jedoch nicht gegeben.

An dieser Stelle sei auf das von Dietrich erläuterte Konzept der „Verba adiecta“ verwiesen. Demnach gibt es Verben („Verba denominativa“), die die außersprachliche Wirklichkeit primär klassifizieren (als Beispiele mögen dienen: comprar, ir, comer) und solche, die dies nicht tun („Verba adiecta“). Letztere drücken nur die Art der Erfassung aus, d.h. sie liefern eine nähere Bestimmung der „Verba denominativa“ und treten in Verbindung mit diesen als deren Modifikatoren auf. Dies lässt sich gut bei Empieza a cantar nachvollziehen: Die reale Handlung ist in diesem Fall das „Singen“, das Verb empieza spezifiziert diese in dem Sinne, dass sie eine Aussage über deren augenblicklichen Beginn trifft. Ferner beachte man, dass man auf die Frage ¿Qué hace? nicht mit empieza antworten kann, wohl aber mit der Form des selbständigen Lexems canta. Das Spezifische an den „Verba adiecta“ ist also, dass sie instrumentelle Bedeutung haben und insofern als grammatikalisiert betrachtet werden können (vgl. die Definition Dietrichs zur Grammatikalisierung unter Punkt 2.2.1), obwohl sie ihre lexikalische Bedeutung eben nicht verloren haben. Ein weiteres Problem ergibt sich in diesem Zusammenhang allerdings aus der Tatsache, dass die „Verba adiecta“, wie wir gesehen haben, in ihrer instrumentellen Bedeutung nicht autonom außerhalb der Verbalperiphrasen auftreten können und Konstruktionen mit ser und haber, bei welchen dies der Fall ist, unter Punkt 2.1.2 explizit von den periphrastischen Konstruktionen ausgeschlossen wurden. Dem steht wiederum gegenüber, dass manche „Verba adiecta“ auch als „Verba denominativa“ erscheinen und folglich doch autonom auftreten können. Man betrachte hierfür den Fall deber: Dieses Verb tritt bei debe venir ma ñana als „Verbum adiectum“, bei me debe dinero jedoch als „Verbum denominativum“ auf. Es wird folglich ersichtlich, dass „Verba adiecta“ nicht durch eine Gruppe ganz bestimmter Verben repräsentiert werden, sondern eine Funktionsweise verschiedener Verben darstellen[22].

2.3 Syntaktische Kriterien

Syntaktische Kriterien nehmen in der Literatur den größten Platz ein. Es gibt dabei zahlreiche Testverfahren zur Abgrenzung der Verbalperiphrasen von nicht-periphrastischen Konstruktionen, die auf gewissen Eigenschaften der finiten und der infiniten Verbform beruhen.

2.3.1 Nicht-Beteiligung des Auxiliars in den Selektionsregeln des Hauptverbs

Wie bereits bekannt, ist die finite Verbform einer Verbalperiphrase in ihrer Funktion als Hilfsverb einem Bedeutungswandel unterlegen. Dies hat auch Konsequenzen bezüglich ihres syntaktischen Verhaltens: Während beispielsweise ir als Vollverb nur in Verbindung mit einem belebten Subjekt stehen kann, ist diese Bedingung nicht mehr zwingend, wenn eine Periphrase vorliegt. Aus diesem Grund lassen sich Sätze wie Esta casa va a causar problemas oder El río fue creciendo hasta debordarse erklären[23]. Ferner liegt darin auch der Grund, dass sich Konstruktionen mit dem unpersönlichen Verb haber bilden lassen können[24]. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass dies nur aus dem Grund möglich ist, dass die Selektionsrestriktionen durch die infinite Verbform bestimmt werden, in diesen Fällen also das Subjekt/ das Objekt durch causar, creciendo bzw. haber [25].

2.3.1.1 Möglichkeit einer Transformation ins Passiv

Daran schließt sich als syntaktisches Kriterium zur Bestimmung einer Verbalperiphrase die Möglichkeit an, einen Aktivsatz in eine Passivkonstruktion umzuwandeln, ohne dass sich dadurch der Sinn verändert. So ist El gobierno debe controlar a los médicos äquivalent zu Los médicos deben ser controlados por el gobierno, was bei El gobierno acertó liberando a los presos vs . Los presos acertaron siendo liberados por el gobierno nicht festzustellen ist. Der Grund dafür ist offensichtlich: Subjekt und Objekt stehen im ersten Beispiel in Beziehung mit dem Lexem der infiniten Verbform (obwohl die Subjekte jeweils mit der finiten Verbform kongruent sind), so dass bei einer Umformung der Sinn der Aussage erhalten bleibt[26].

2.3.1.2 Stellung der klitischen Pronomen

Aufgrund derselben erwähnten Eigenschaft wird auch die Stellung der klitischen Pronomen in der Literatur als Abgrenzungskriterium in Betracht gezogen. Diese können bei einer Verbalperiphrase sowohl vor der finiten als auch nach der infiniten Verbform stehen. Wenn darüber hinaus zwei klitische Pronomen auftreten, müssen diese immer verbunden sein. So kann aus der Beobachtung, dass die beiden Konstruktionen Fue a contármelo und Me lo fue a contar (jedoch nicht Me fue a contarlo) grammatikalisch korrekt sind, hier also auf das Vorliegen einer Periphrase geschlossen werden[27].

Dabei sei jedoch zu bedenken, dass dieses Kriterium aus folgenden Gründen nur begrenzt aussagefähig ist: Bei Partizipialperiphrasen müssen die klitischen Pronomen immer vor der finiten Verbform stehen (diese können also dadurch nicht erfasst werden). Des weiteren ist dieses syntaktische Verhalten auch offensichtlich nicht-periphrastischen Konstruktionen mit lexikalischem Gebrauch der finiten Verbform eigen[28].

2.3.2 Verlust der syntaktischen Autonomie der infiniten Verbform

Da das Hilfs- und das Hauptverb in der Periphrase [29] eine syntagmatische Einheit bilden, ergibt sich daraus als Konsequenz, dass diese beiden Bestandteile keine syntaktische Autonomie besitzen. Diese Eigenschaft stellt wiederum die Grundlage für verschiedene syntaktische Testverfahren bezüglich des Verhaltens der infiniten Verbform dar.

2.3.2.1 Ersetzbarkeit durch andere Kategorien

Wenn die infinite Verbform syntaktische Autonomie hätte, so wäre sie auch leicht mit anderen Kategorien, wie etwa Nominalphrasen, Adjektiven oder Adverbien, austauschbar. Beim Beispiel Juan ha de presentar el carné ist dies eindeutig nicht der Fall: Durch den Ersatz mit einem Pronomen etwa (Juan lo tiene) ändert sich der Sinn (tener fungiert dann bekanntermaßen als Vollverb). Ebenso ist zu beachten, dass Juan ha de que se presente el carné (wenn man die infinite Verbform also durch einen Objektsatz ersetzt) nicht grammatikalisch korrekt ist.

In diesem Zusammenhang ist aber auch zu beachten, dass beide Glieder bei einer möglichen Ersetzbarkeit dann dieselbe syntaktische Funktion beibehalten müssen, damit man eindeutig von einer nicht-periphrastischen Konstruktion sprechen kann: So lässt sich zwar etwa Terminó de llover mit Terminó la lluvia austauschen. Zu bedenken ist aber, dass la lluvia dann das Subjekt darstellt, was nie bei einem mit einer Präposition angeschlossenen Infinitiv der Fall sein kann. Daher handelt es sich hier dennoch um eine Periphrase[30].

2.3.2.2 Formulierung von Fragen

Ob syntaktische Autonomie vorliegt, lässt sich darüber hinaus auch dadurch ermitteln, dass man nicht mit den Interrogativpronomen ¿Qué? oder ¿Cómo? nach der infiniten Verbform fragen kann. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen: Auf den Satz Juan debe presentar el carné lässt sich keine Frage ¿Qué debe Juan? stellen, die mit Presentar el carné zu beantworten wäre. Dasselbe trifft auch auf den Fall Sigue diciéndoles lo mismo zu: Es ist nicht möglich, die Frage ¿Cómo les sigue? mit Diciéndoles lo mismo zu beantworten. Wäre dies der Fall, so würde die infinite Verbform als Objekt bzw. Adverb fungieren, also syntaktische Autonomie besitzen[31].

2.3.2.3 Emphatisierung

Das folgende Testverfahren unterstreicht ein weiteres Mal die dargelegte syntaktische Eigenschaft der infiniten Verbform: Will man diese besonders hervorheben in der Weise, dass sie an den Anfang des Satzes gestellt wird, so braucht man ein „syntaktisches Echo“[32] in Form eines Infinitivs, Gerunds bzw. Partizips, um nicht gegen die Grammatik zu verstoßen. Suele triunfar z.B. ist im Falle einer besonderen Hervorhebung nur in Form von Triunfar es lo que suele hacer auszudrücken. Hacer stellt hier also einen notwendigen Bestandteil des Satzes dar, der auf der Interdependenz der Verbformen in einer periphrastischen Konstruktion beruht. Als Gegenbeispiel kann dem Intenta triunfar gegenübergestellt werden. Bei dieser Konstruktion ist eine Emphatisierung in Form von Triunfar es lo que intenta ohne weiteres denkbar[33].

2.3.2.4 Transformation ins Reflexivpassiv

Wenn man einen Aktivsatz ins Reflexivpassiv (also mit dem Pronomen se) umformt, ergibt sich daraus ein Unterschied für periphrastische und nicht-periphrastische Konstruktionen. Betrachtet seien die beiden Sätze Necesitaban vender esas casas und Podían vender esas casas. Will man diese nun dementsprechend umformen, ergibt sich im ersten Fall Se necesitaba vender esas casas und im zweiten Se podían vender esas casas. Dieser Unterschied lässt sich aus folgendem Grund erklären: Der Infinitiv vender hat im ersten Fall im Aktivsatz die Funktion eines Objekts. Bei der Umformung ins Passiv fungiert er als Subjekt, so dass keine Veränderung von Numerus und Person nötig ist. Dass esas casas wiederum ein Objekt des Infinitivs darstellt, tut hier nichts zur Sache. Anders verhält es sich im zweiten Fall: Hier hat der Infinitiv keine eigene syntaktische Funktion, es bleibt nur festzuhalten, dass er das Objekt esas casas bestimmt. Dieses wird nun durch die Umformung ins Passiv zum Subjekt, so dass die Kongruenz mit poder unumgänglich wird[34].

2.4 Verbalperiphrasen vs. Verbale Redewendungen

Zuletzt ist es noch vonnöten, die Verbalperiphrasen von einer anderen Kategorie abzugrenzen: Den verbalen Redewendungen. Denn wenn man Konstruktionen wie dar a conocer, echar a perder oder querer decir betrachtet, wird man sich auf den ersten Blick an diese Gruppe erinnert fühlen. Es gibt aber einige Gründe, sie nicht zu ihr zu zählen: Das Vorliegen einer lexikalischen Einheit (ihre Bedeutung entspricht in den meisten Fällen der eines einfachen Verbs) macht es im Gegensatz zu den Verbalperiphrasen unmöglich, die infinite Verbform durch eine andere Verbform derselben Art zu ersetzen. Die kombinatorischen Möglichkeiten sind also begrenzt. Darüber hinaus ist die finite Verbform als Vollverb zu betrachten, und auch nach Anwendung einiger der syntaktischen Testverfahren (z.B. die Unmöglichkeit, die klitischen Pronomen voran- und nachzustellen) stellen sich diese Konstruktionen als nicht-periphrastisch heraus[35].

3 Fazit

Diese Arbeit hat versucht, Begriff und Eigenart der Verbalperiphrasen zu verdeutlichen und anhand spanischer Beispiele wesentliche Unterschiede zu nicht-periphrastischen Konstruktionen zu verdeutlichen. Dabei sollte klar geworden sein, dass dieses Vorhaben durchaus mit Problemen verbunden ist, wie etwa den fließenden Grenzen innerhalb des semantischen Kriteriums (z.B. der exakten Bestimmung der „Verba adiecta“, die in meinen Augen ein großes Problem darstellt) und auch der Tatsache, dass die syntaktischen Testverfahren nicht vollkommen zuverlässige Ergebnisse liefern können. Dazu kommt schließlich die Vielzahl unterschiedlicher Meinungen in der Literatur (so halte ich die Meinung von Gómez Torrego nicht für zwingend, der einige Konstruktionen, so z.B. Infinivitkonstruktionen mit necesitar und conseguir, als in unterschiedlichen Graden periphrastisch bezeichnet, da sie nicht allen Kriterien genügen, andererseits aber andere Konstruktionen kategorisch ausschließt, obwohl sie einigen Kriterien genügen[36] ). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Einstufung einer Konstruktion als periphrastisch z.T. Ermessenssache ist und darüber hinaus oft vom Kontext abhängen kann. Aufgrund des sich immerfort vollziehenden Sprachwandels wage ich es zu behaupten, dass man einige heute noch von den Periphrasen ausgeschlossene Konstruktionen in Zukunft in diese Gruppe einordnen wird. Insofern hat die Forschung sicherlich noch keine endgültigen Ergebnisse geliefert, sondern wird sich fortwährend mit dem Phänomen der Verbalperiphrasen beschäftigen müssen.

Bibliographie

- Criado de Val, Manuel, Gramática española y comentario de textos, Madrid 51972.
- Dietrich, Wolf, Der periphrastische Verbalaspekt in den romanischen Sprachen, Tübingen 1973.
- Fernández de Castro, Félix, Las perífrasis verbales en español. Comportamiento sintáctico e historia de su caracterización, Oviedo 1990.
- Gili y Gaya, Samuel, Curso superior de sintaxis española, Barcelona 111973.
- Gómez Torrego, Leonardo, “Los verbos auxiliares. Las perífrasis verbales de infinitivo”, in: I. Bosque/V. Demonte (Hg.), Gramática descriptiva de la lengua española, Bd.2, Madrid 1999, S.3323-3389.
- Gómez Torrego, Leonardo, Perífrasis verbales. Sintaxis, semántica y estilística, Madrid 1988.
- Harre, Catherine E., Tener + Past Participle. A case study in linguistic description, London 1991.
- Hoffmann, Roland, „’Periphrase’ (‘periphrastisch’)“, in: Glotta Nr. 71 (1993), S. 223-242.
- Olbertz, Hella, Verbal Periphrases in a Functional Grammar of Spanish, Functional Grammar Series, Bd. 22, Berlin 1998.
- Quesada, Juan Diego, Periphrastische Aktionsart im Spanischen. Das Verhalten einer Kategorie der Übergangszone, Europäische Hochschulschriften, Reihe 21, Bd.144, Frankfurt am Main 1994.
- Real Academia Española, Esbozo de una nueva gramática de la lengua española, Madrid 1973.
- Seco, Manuel, Gramática esencial del español, Madrid 1982.

[...]


[1] Vgl. hierzu: Wolf Dietrich, Der periphrastische Verbalaspekt in den romanischen Sprachen, Tübingen 1973, S.1-19.

[2] Vgl. Félix Fernández de Castro, Las perífrasis verbales en espa ñol. Comportamiento sintáctico e historia de su caracterización, Oviedo 1990, S.14-21.

[3] Der interessierte Leser sei auf folgenden Aufsatz verwiesen: Roland Hoffmann, „’Periphrase’ (‘periphrastisch’)“, in: Glotta Nr. 71 (1993), S.223-242.

[4] Vgl. Fernández de Castro, S.30.

[5] Vgl. Leonardo Gómez Torrego, “Los verbos auxiliares. Las perífrasis verbales de infinitivo”, in: I. Bosque/V. Demonte (Hg.), Gramática descriptiva de la lengua espa ñola, Bd.2, Madrid 1999, S.3325.

[6] Auf diesen Begriff wird später (Punkt 2.2.1) noch genauer einzugehen sein. Fürs erste sei er dahingestellt.

[7] Vgl. Juan Diego Quesada, Periphrastische Aktionsart im Spanischen. Das Verhalten einer Kategorie der Übergangszone, Europäische Hochschulschriften, Reihe 21, Bd.144, Frankfurt am Main 1994, S.47. Gleichzeitig räumt er auf S.50 ein, dass etwa bei den Konstruktionen llevar contados und tener escritos die Subjektsidentität verletzt ist, zählt sie aber wegen der „einheitlichen Darstellung des Resultats von einer Handlung“ dennoch zu den Verbalperiphrasen.

[8] Vgl. Dietrich, S.22-28.

[9] Vgl. Quesada, S.189-193.

[10] Vgl. Quesada, S.47-48.

[11] Vgl. Hella Olbertz, Verbal Periphrases in a Functional Grammar of Spanish, Functional Grammar Series, Bd.22, Berlin 1998, S.33-38.

[12] Vgl. Samuel Gili y Gaya, Curso superior de sintaxis espa ñola, Barcelona 111973, S.195.

[13] Beispiel aus Olbertz, S.40.

[14] Vgl. Dietrich, S.57.

[15] Vgl. Manuel Criado de Val, Gramática española y comentario de textos, Madrid 51972, S.137-138.

[16] Zur Kritik: Vgl. Olbertz, S.44.

[17] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3345-3346.

[18] Vgl. Leonardo Gómez Torrego, Perífrasis verbales. Sintaxis, semántica y estilística, Madrid 1988, S.12-15.

[19] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3344-3345.

[20] Vgl. Real Academia Española, Esbozo de una nueva gramática de la lengua española, Madrid 1973, S.444.

[21] Vgl. Fernández de Castro, S.51; Olbertz, S.45; Quesada, S.120.

[22] Zu den Ausführungen über die „Verba adiecta“: Vgl. Dietrich, S.51-55.

[23] Vgl. Fernández de Castro, S.35 bzw. Quesada, S.52.

[24] Vgl. Gómez Torrego 1988, S.10-11.

[25] Vgl. Quesada, S.54.

[26] Vgl. Fernández de Castro, S.37: „aunque el verbo auxiliar concuerde en número y persona con el nuevo sujeto, no existe entre ambos ningún tipo de restricción combinatoria léxica“.

[27] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3332.

[28] Vgl. Fernández de Castro, S.44-45 bzw. Catherine E. Harre, Tener + Past Participle. A case study in linguistic description, London 1991, S.22-23.

[29] Vgl. Fernández de Castro, S.39.

[30] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3326-3327.

[31] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3326-3327 bzw. Fernández de Castro, S.39-41.

[32] Vgl. Fernández de Castro, S.42.

[33] Vgl. Fernández de Castro, S.41-42.

[34] Vgl. Fernández de Castro, S.45-46.

[35] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3342-3343 bzw. Manuel Seco, Gramática esencial del español, Madrid 1982, S.198-201.

[36] Vgl. Gómez Torrego 1999, S.3334-3335 bzw. 3327.

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Universität Passau
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Verbalperiphrasen Spanischen Versuch Bestimmung Abgrenzung Konstruktionen Ausgewählte Phänomene Grammatik

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