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Johann Georg August Wirth und das Hambacher Fest

Facharbeit (Schule) 2005 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Thematik der Facharbeit

2. Hauptteil
2.1 Historische Hinführung zum politischen Geschehen in Bayern während des deutschen Vormärz
2.2 Das Hambacher Fest
2.3 Johann Georg August Wirth – Biographie
2.4 Johann Georg August Wirth und das Hambacher Fest
2.4.1 Vom Rechtsgelehrten zum politischen Publizisten
2.4.2 Vorbereitungen zum Hambacher Fest
2.4.3 Das Hambacher Fest
2.4.4 Nachversammlungen zum Hambacher Fest

3. Fazit

4. Anhang

I. Literaturverzeichnis

II. Selbstständigkeitserklärung

Vorwort

Meine Facharbeit befasst sich mit der Thematik des deutschen Vormärz, speziell mit Johann Georg August Wirth und seinem Wirken vor, nach und während des Hambacher Fests. Es ist relativ schwierig zu diesem Thema Informationsmaterial zu finden. Die meisten Arbeiten befassen sich mit dem Hambacher Fest allgemein und gehen, wenn überhaupt, auf Wirth nur am Rand ein. Viele Bücher sind allerdings auch schon nicht mehr erhältlich. In der Stadtbücherei Witten gab es z.B. ein einziges Buch, das sich überhaupt mit dem Hambacher Fest beschäftigt hat. Originalquellen sind generell nur in Staatsarchiven oder ähnlichem zu finden und mir aus diesem Grund nicht zugänglich.

Dementsprechend stützt sich meine Arbeit nur auf sehr wenige Quellen. Vor allem auf zwei themenspezifische Bücher. Zunächst einmal die von Michael Krausnick verfasste Biographie[1], die allerdings nicht im Sinne einer wissenschaftlichen Arbeit geschrieben ist, sondern vielmehr allgemein verständlich auch für geschichtsinteressierte Laien. Zudem konnte ich mir für kurze Zeit eine Dissertation zu Wirth ausleihen, die von Elisabeth Hüls verfasst wurde.[2] Da mir diese Dissertation allerdings nur für drei Wochen zur Verfügung stand und ca. 500 Seiten umfasst, habe ich mir den Teil, der der sich auf Wirths Rolle beim Hambacher Fest bezieht, also für meine Facharbeit relevant war, kopiert. Bei zwei Kapiteln meiner Arbeit war es allerdings unumgänglich, andere Teile des Buches mit einzubeziehen, da es zwischen Krausnick und Hüls Differenzen gab, die meines Erachtens nicht außer Betracht gelassen werden konnten.

1. Thematik der Facharbeit

„Deutschland wird die Freiheit und den Frieden sehen, es wird zur herrlichsten Macht und Größe emporblühen. Niemand kann hieran zweifeln, der die Macht der Presse kennt, und der erwägt, welche ungeheure Wirkung dieselbe schon binnen wenigen Monaten hervorzubringen im Stande war.“ [3]

Johann Georg August Wirth war von diesen Worten überzeugt. Als Journalist kämpfte er gegen die Pressezensur und für die deutsche Einheit. Mit seinen Artikeln widersetzte er sich beharrlich der bayerischen Regierung sowie Fürst Metternich. Er galt als große Gefahr für das absolutistische und monarchistische Bayern, sowie für die Großmächte Preußen und Österreich. Wirth trat als einer der Hauptredner auf dem Hambacher Fest in Erscheinung und war für die liberale Opposition im Deutschland des Vormärz von starker Bedeutung.

„Man sah also, wie die Staatsgewalt eines Landes von vier Millionen Einwohnern mit einem einzelnen Mann im Kampfe lag, wider die Angriffe desselben auf dem Boden des Rechts niemals sich mit gleichen Waffen vertheidigen konnte, stets vielmehr zur Gewalt greifen mußte, und selbst hierin wenig glücklich war.“[4]

Wie kam es dazu? Wie konnte ein Journalist die Regierenden so beschäftigen, dass sie sich nicht mehr im Sinne des Gesetzes zu helfen wussten? Was hat dieser Mann geleistet, dass ihm so eine Aufmerksamkeit zukam? In meiner Facharbeit soll es vor allem darum gehen, wie die Person Johann Georg August Wirth und das Hambacher Fest zusammenhängen. Wie war er in das Geschehen involviert? Welche Mitstreiter hatte er? Was waren seine Ziele? Wie versuchte er sie durchzusetzen? Wie hat sich seine politische Haltung entwickelt? Konnte er seine Ziele verwirklichen?

Ich denke, dass mir ein, dem Umfang einer Facharbeit entsprechender Einblick in diese Thematik gelungen ist. Zu Beginn habe ich mich mit eher allgemeinen Themen beschäftigt: Wie waren die politischen Umstände in Bayern im Vormärz? Was war das Hambacher Fest? Wie ist das Leben von Wirth insgesamt verlaufen (kurze Biographie)? Aus diesen äußeren Umständen lassen sich die Ziele und Vorstellungen Wirths sehr gut herleiten und erschließen.

2. Hauptteil

2.1 Historische Hinführung zum politischen Geschehen in Bayern während des deutschen Vormärz

Bayern gelang es[5] im napoleonischem Zeitalter eine bisher nie da gewesene Größe und Bedeutung zu erlangen, indem es sich immer dem jeweiligen Sieger zuwandte. Infolge des Reichsdeputationshauptschlusses musste Bayern die Kurfalz – da sie links des Rheins lag – an Frankreich abtreten; mit den Bistümern Würzburg, Bamberg, Freising, Augsburg und zwölf weiteren Reichsstädten wurde es aber ausreichend entschädigt. Durch diese Begünstigung erklärte sich Bayern als Bundesgenosse Frankreichs, als ein neuerlicher Krieg zwischen Frankreich und Österreich ausbrach. Im Frieden von Pressburg wurde Bayern vom Kurfürstentum zum Königreich erhoben. Nach einem weiteren Krieg zwischen Österreich und Frankreich bekam Bayern weitere Teile Österreichs zugesprochen, ebenso das preußische Bayreuth, musste allerdings das südliche Tirol an Italien abtreten.

Als Napoleon jedoch 1812/13 schwere Niederlagen einstecken musste (u.a. der Russlandfeldzug), wandte Bayern sich an Österreich und deren Staatskanzler Metternich. Österreich war an Bayern als zukünftigen Bundesgenossen interessiert, da es mit einer innerdeutschen Rivalität mit Preußen rechnete. Dementsprechend wurde Bayern seine Souveränität und sein Besitzstand garantiert, trotz des vorherigen Bündnisses mit Frankreich. Im Oktober desselben Jahres dann, schloss sich Bayern den Verbündeten gegen Napoleon an und musste die ehemaligen österreichischen Gebiete wieder abgeben, da vom Wiener Kongress und dem Pariser Frieden neue Grenzen festgelegt wurden. Als Entschädigung erhielt Bayern dafür Würzburg, Aschaffenburg und die Rheinpfalz zurück. Zudem erhielt Wrede, der Bayern beim Wiener Kongress vertrat, die volle Souveränität für das Königreich. Bayern erhielt als erster größerer deutscher Staat eine Volksvertretung mit zwei Kammern. Somit wurden Gleichheit vor dem Gesetz und andere Grundrechte sichergestellt. Als 1825 Ludwig I. den Thron bestieg, regierte er zunächst liberal und im Sinne des Volkes, doch mit der Zeit (Julirevolution 1830 in Frankreich) wandte er sich immer mehr der restaurativen Politik Metternichs zu. Zensur und Prügelstrafe wurden wieder eingeführt; freiheitliches Denken und Verfassungen galten als die größte Gefahr für das autoritäre Regierungssystem.

2.2 Das Hambacher Fest

Das Hambacher Nationalfest fand vom 27. bis 30. Mai 1832 auf der Schlossruine zu Hambach statt. Es war das größte Volksfest der damaligen Zeit mit ungefähr 30.000 Teilnehmern.[6] Auf diesem Fest kam die politische liberale Opposition aus vielen Staaten Deutschlands zusammen; selbst aus weiter entfernten Staaten – wie z.B. Sachsen und Hannover – erschienen, zum Teil aus lokalen Verbänden gewählte, Abordnungen. Ebenso die Studenten (z.B. aus Heidelberg, Jena) waren innerhalb der Burschenschaften vertreten. Aufgrund der liberalen und vor allem nationaldeutschen Einstellung der Festbesucher und der Initiatoren, hätte es die bayerische Regierung gern gesehen, wenn sie dieses Fest hätte verbieten können.[7]

Forderungen, der vielfach in den deutschen ‚Nationalfarben’ Schwarz-Rot-Gold erschienenen Besucher, waren die Souveränität des Volkes, eine republikanische Verfassung und die Einheit Deutschlands. Auch bekannte Persönlichkeiten, wie der Schriftsteller Ludwig Börne, waren anwesend.[8]

Das Fest begann am Vorabend des 27. Mai im Neustädter Schießhaus, wo sich viele der Teilnehmer schon vorab trafen und diskutierten. Im Wirtshaus ‚Zum Schiff’ traf sich eine kleine Gruppe um Wirth und Siebenpfeiffer, um das politische Programm durchzusprechen, wobei die unterschiedlichen Standpunkte der „Führer der deutschen Opposition“[9] deutlich wurden. Durch Glockenläuten, Böllerschießen und Freudenfeuer wurden an diesem Abend und dem nächsten Morgen das Fest eröffnet. Zusammen zogen die Teilnehmer mit freiheitlichen und patriotischen Gesängen zur Schlossruine. Auf der Schlossruine selber wurden die Reden gehalten, über die es jedoch unterschiedliche Aussagen gibt. Hauptredner waren Wirth und Siebenpfeiffer, wobei jedoch die Rede von Wirth, im Gegensatz zu der radikaleren, gewaltbereiten Rede Siebenpfeiffers, inhaltlich gemäßigt war. Allerdings hatten beide das Ziel des deutschen Nationalstaats, nur hatten sie unterschiedliche Vorstellungen über die Umsetzung.[10]

Doch das Fest hatte für die politische Situation in Deutschland auch weit reichende Folgen; unter Druck des österreichischen Kanzlers Fürst Metternich und von Preußen wurde am 28. Juni ein Bundesgesetz verabschiedet, welches aus sechs Artikeln bestand: „Petitions- und Steuerbewilligungsrecht der Landtage waren eingeschränkt, die landständischen Verhandlungen sollten durch besondere Kommissionen überwacht werden. Es folgten die Bundesbeschlüsse vom 5. Juli: Verschärfung der Pressezensur, Verbot von politischen Vereinen, von Volksfesten und Versammlungen, Androhungen von Strafe beim Tragen von Schwarz-Rot-Gold, bei der Errichtung von Freiheitsbäumen, Überwachung der Universitätslehrer, Unterdrückung der Burschenschaften sowie Sperrung des Staatsdienstes für ihre Mitglieder.“[11]

Die Initiatoren des Festes, unter ihnen Wirth und Siebenpfeiffer, wurden erst im Juli 1833 vor Gericht gestellt. Beim so genannten Landauer Prozess wurden die acht Angeklagten zunächst vom Geschworenengericht freigesprochen, allerdings wegen ‚Beleidigung in- und ausländischer Behörden’ zu unterschiedlich langen, meist mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.[12]

2.3 Johann Georg August Wirth - Biographie

Johann Georg August Wirth wurde am 20. November 1798 im preußischen Hof geboren (K, 10). Er war das dritte von fünf Kindern (K, 16), jedoch das einzige, welches „das Erwachsenenalter erreicht[e]“ (K, 16). Früh verlor er seinen Vater (†1803), der sich jedoch noch vor seinem Tod um die Ausbildung seiner Kinder gekümmert hat (K, 11).

Nachdem Wirth die „gewöhnliche Bürgerschule“ (K, 12) beendet hatte, besuchte er das Gymnasium in Hof (K, 12). 1810 kam das Fürstentum Bayreuth wieder unter preußische Regierung (K, 13; H, 36), was für Wirth persönliche Konsequenzen mit sich zog: Das Hofer Gymnasium wurde geschlossen und er musste 1811 auf das Gymnasium in Bayreuth gehen, wollte er seine schulische Laubahn weiter fortsetzen (K, 14; H, 37). In den nächsten Jahren wechselte er noch einmal die Schule, doch auch dort blieb er nicht lange (K, 14; H, 37-41).

Wirth überlegte, Soldat zu werden und gegen Napoleon zu kämpfen, doch dies ließ sich nicht verwirklichen (K, 14). Somit erhielt er in Hof für ein Jahr Privatunterricht (K, 14; H, 41f). Nachdem er sich von einer schweren Krankheit erholt hatte, ging er 1814 an das Egidien-Gymnasium nach Nürnberg, um sich innerhalb von zwei Jahren auf die Universität vorzubereiten (K, 16ff; H, 42ff). Im November 1816 immatrikulierte sich Wirth an der Universität in Erlangen. Der knapp 18jährige wollte Rechtswissenschaften studieren (K, 18ff; H, 53ff). Nach zweieinhalb Jahren beendete Wirth sein nicht problemlos verlaufenes Studium (für nähere Erläuterungen vgl. H, 55-59, 73).

Bei seiner Anstellung als Rechtspraktikant am Patrimonialgericht in Schwarzbach a. d. Saale, die er im Herbst 1819 fand, freundete er sich mit seinem Vorgesetzten an (K, 21ff; H, 78). Bei einem seiner Gastbesuche lernte Wirth die Schwester seines Vorgesetzten kennen und die beiden verlobten sich (K, 24f; H, 80). Wirth hatte vor zu promovieren, doch darüber, ob ihm dies tatsächlich gelungen ist, gibt es unterschiedliche Ansichten.[13] 1821 heiratete er seine Verlobte Regina Magdalena Werner, übersiedelte mit ihr nach Breslau und veröffentlichte erste Publikationen (K, 25; H, 81). 1822 wurde sein erster Sohn Maximilian geboren, dem noch zwei weitere Kinder folgen sollten (Franz Ulpian 1826, Rosalie Christiane 1827) (K, 26f).

Da Wirth erkannte, dass er allein von seinen Publikationen nicht die kleine Familie ernähren konnte, kehrten sie 1823 in die Heimat zurück (K, 26). Er trat als Gehilfe in eine angesehene Kanzlei ein (K, 26; H, 99ff), wodurch er ein relativ sicheres Einkommen hatte und seine Familie ernähren konnte („Und bald schon genießt die Familie […] einen gewissen Wohlstand.“ [K, 27]). 1828 veröffentlichte Wirth dann seine erste politische Publikation „Plan zur Begründung eines blühenden Nationalwohlstandes des preußischen Volkes“, in welcher er jedoch noch nicht das Ziel eines einheitlichen Nationalstaates verfolgte (H, 108).

Wirth gab zum Jahresende 1830 seine Tätigkeit in der Anwaltskanzlei auf, um sich einzig der publizistischen Tätigkeit zu widmen. Als Grundstein für diesen Wendepunkt wird die Julirevolution in Frankreich genannt (K, 42; H, 119). Am 1. Januar 1831 (bei Hüls wird der 4. Januar als Erscheinungsdatum genannt [vgl. H, 120]) erschien die erste Ausgabe seiner Zeitschrift „Kosmopolit“, in welcher er unter anderem für die Pressefreiheit eintrat (K, 43; H, 120f). Nach nur sieben Nummern musste die Zeitschrift aufgrund der im Januar plötzlich von der bayerischen Regierung verordneten Zensur eingestellt werden (K, 44; H, 134-138). Im Frühjahr 1831 bekam Wirth den Posten des Chefredakteurs der Zeitschrift „Inland“ angeboten. Obwohl dies ein regierungstreues Blatt war, nahm Wirth den Posten, unter der Bedingung, dass er nicht „bereit sei, sich das Rückgrat verbiegen zu lassen, […]“ (K, 49), an (K, 48-50; H, 139-143). Nach Problemen mit der Regierung und der Zensur gründete Wirth die „Deutsche Tribüne“ als politisches Sprachrohr (K, 57; H, 172). Da er sich mit der Zeitung zunehmend in die oppositionelle Politik einmischte, d.h. diese unterstützte, auch selber Ideen beisteuerte und auch zensierte Artikel drucken ließ, geriet er immer weiter in die Schusslinie der Regierung und deren Anhänger, zwischenzeitlich verlegte er die Redaktion sogar ins Gefängnis (K, 60ff; H, 185ff).

1832 war Wirth maßgeblich an der Gründung des „Preß- und Vaterlandsvereins“ beteiligt, der es sich zu Aufgabe gemacht hat, die freie Presse zu unterstützen (K, 89ff; H, 224ff). Im März desselben Jahres wurde die „Deutsche Tribüne“ verboten und Wirth und Siebenpfeiffer erhielten Berufsverbot. Im April veröffentlichten die beiden die Einladung zum Hambacher Fest. Gleichzeitig wollte Wirth den „Preßverein“ in eine erste politische Partei umwandeln (K, 113ff; H, 271). Auf dem Fest selbst hielt Wirth eine Rede für die politische Freiheit, Reformen und eine einheitliche Republik (K, 132ff, H, 277ff). Am 15. Juni wurde Wirth verhaftet und erst im Juli des nächsten Jahres begannen die Verhandlungen wegen „direkte[r] Aufforderung zum Umsturz der bayerischen Staatsregierung“ (K, 153) (K, 151ff; H, 313ff). In diesem Punkt wurde Wirth freigesprochen (K, 170f; H, 341), doch wegen ‚Beleidigung der Behörden’ nochmals angeklagt und diesmal verurteilt (K, 172f; H, 342f). Insgesamt befand sich Wirth vom Sommer 1832 an, viereinhalb Jahre in Gewahrsam (bis Ende 1836) (vgl. K, 172-189; H, 400) und weitere zehn Jahre im französischen (1836/37 – 1839) und schweizerischen (1839-1847) Exil (H, 403-518). Aus dem Exil zurückgekehrt, nahm er 1848 am Vorparlament der Nationalversammlung teil. Das Amt als Abgeordneter für die Nationalversammlung erhielt er nur durch die Großzügigkeit eines Freundes, der seinetwegen zurücktrat und Wirth den Vortritt lässt. Dieses Amt konnte er jedoch nicht mehr wahrnehmen, da Johann Georg August Wirth am 26. Juli 1848 in Frankfurt nach langwieriger Krankheit starb (K, 233-238; H, 529-536).

2.4 Johann Georg August Wirth und das Hambacher Fest

2.4.1 Vom Rechtsgelehrten zum politischen Publizisten

Johann Georg August Wirth bekam schon als Kind den willkürlichen politischen Machtwechsel zu spüren[14]. Auch seine Schule wurde wegen eines Machtwechsels (das Fürstentum Bayreuth ging von Frankreich an Bayern) geschlossen (vgl. K, 13). Dennoch interessierte sich der junge Wirth nicht für die Politik, auch wenn er kurzzeitig überlegte, in das Heer einzutreten (K, 14). Erste politische Ambitionen lassen sich erst während seiner Studentenzeit in Erlangen erkennen, als er sich in der Erlanger Burschenschaft engagiert. Wirth wurde im Mai 1817 in die Landsmannschaft Franconia aufgenommen, jedoch im Juli schon wieder ausgeschlossen. Er war an der Gründung einer allgemeinen Burschenschaft in Erlangen maßgeblich beteiligt; er war Mitglied des gewählten Ausschusses, der vorläufig die Leitung der Burschenschaft Arminia übernahm und eine Verfassung entwerfen sollte. (H, 65-69). Jedoch schon im Dezember sah Wirth seine Erwartungen nicht mehr erfüllt und entfernte sich, obwohl er Ausschussmitglied war, von der Burschenschaft (H, 70). Nach einem weiteren kurzen Gastspiel bei der Franconia (wo er diesmal sogar Senior war) wurde er jedoch wieder ausgeschlossen und verkündete, dass er sich von nun an nur noch um sein Studium und die Wissenschaft kümmern wolle (H, 72). Doch eine wissenschaftliche Karriere scheiterte an seiner nicht zustande gekommenen Promotion.

Daraufhin änderte sich der Tenor der von Wirth publizierten Schriften von einem rechtsphilosophisch-wissenschaftlichen, wie der des in Breslau geschriebenen Handbuchs, immer mehr zu einem politischen hin, wie z. B. den bayerischen Bedürfnissen, mit denen er sich in die Reformdebatte einschaltete. Sein politisches Interesse erstarkte erst gegen Ende der 1820er Jahre (H, 104f). Seine Zeitschrift Kosmopolit sollte eine, speziell auf Bayern zugeschnittene, Reformschrift werden, in welcher er ein Reformprogramm entwickeln und dieses auch diskutieren und begründen wollte. Vor allem kritisierte er die Rechtspraxis in Bayern, als Verbesserungsvorschlag führte er den Ausbau der Verfassung an. Seine Interessen waren eher bürgerlich-liberal als demokratisch, was an seiner Einstellung zum Wahlrecht deutlich wird, welches er mit einer neuen Steuer verknüpfen wollte, was wiederum kein freies und gleiches Wahlrecht bedeutet hätte, jedoch nicht den Vorstellungen der Regierung entsprach. Zu diesem Zeitpunkt strebte Wirth die konstitutionelle Monarchie als Regierungsform an (H, 121-127). Erste Töne ernsthafter Kritik an der Regierung wurden erst aufgrund der neuen, laut Wirth verfassungswidrigen, Zensurverordnung laut und schließlich stellte er nach nur sieben Nummern das Erscheinen des Kosmopolit ein (H, 131-135). Als Mitarbeiter der Redaktion des Inlandes vertrat Wirth die Meinung, dass der Staat auch durch König und Regierung reformfähig sei. Doch kritisierte er den Staat immer wieder und machte liberale Vorschläge zur Veränderung. Nachdem sich die Regierung von dem Blatt getrennt hatte, unterlag es einer strengeren Zensurverordnung als bisher. Wirth umging diese immer wieder, indem er Gesetzeslücken ausnutzte und gestrichene Artikel beispielsweise als Flugblätter veröffentlichte (H, 151-158). Insgesamt kann man Wirth in dieser Zeit, als das Inland eingestellt wurde, als liberal bezeichnen.

Nach Einstellung des Inlandes publizierte er die Deutsche Tribüne, die die Richtung des Inlandes fortsetzt. Wirth kündigt auch in den ersten Ausgaben schon die Umgehung der Zensur an (H, 172f). Später fordert Wirth die vollständige Aufhebung der Zensur und „die Einführung einer `gemeinsamen Nationalrepräsentation mit konstitutionellem Prinzip. ´“ (K, 60). Die Abonnenten erhalten immer häufiger lückenhafte Texte bzw. leere Seiten, da manche Texte komplett von der Zensur gestrichen wurden (K, 60). Um seine Texte weiter publizieren zu können, gründet er zwei weitere Blätter, die durch ihre Aufmachung die Zensur umgehen sollen, sich aber trotzdem auf die Deutsche Tribüne beziehen und mit dieser in Verbindung stehen (K, 60-61; H, 187ff ). Wirth versucht, mit Gesetzen gegen unrechtmäßige Zensur vorzugehen und erringt auch kleinere Siege, dennoch wird viel aus seinen Artikeln gestrichen. Er erklärt, dass er keine Zensurstriche mehr anerkennen würde, die gegen geltendes Recht verstoßen würden und druckte daraufhin auch vom Zensor gestrichene Artikel, was wieder einmal den Unwillen der Regierung hervorrief (K, 64; H, 194). Zudem machte er so und mit seinen anderen Maßnahmen die Zensur und damit auch die Regierung lächerlich, ebenso die angedrohten Strafen, welche er einfach ignorierte, bzw. die Redaktion der Zeitung kurzerhand ins Gefängnis verlegte (K, 65-67; H, 194f). Wirth schlug sich zu dieser Zeit auf die Seite der entschiedenen Liberalen im Landtag - diese gingen keine Kompromisse ein (H, 199).

Um mehr Freiheiten zu haben, verlegte Wirth die Redaktion der Deutschen Tribüne im Januar 1832 in die Pfalz, da dort noch das französische Recht galt, welches mehr Pressefreiheit gewährte; zudem war dies die Heimat der entschieden liberalen Abgeordneten, die nach dem Ende des Landtages dorthin zurückkehrten (H, 208ff). Auch andere liberale Zeitungen erschienen in der Pfalz, wie z.B. Der Bote aus dem Westen, den Wirths späterer Mitstreiter beim Hambacher Fest, Philipp Jakob Siebenpfeiffer, publizierte (K, 76; H, 210f). Nachdem die Druckerpressen von Wirth und Siebenpfeiffer versiegelt wurden – beide Zeitungen konnten trotzdem weiter erscheinen (vgl. H, 216f; K, 80f) – klagten die beiden gegen diesen Gesetzesbruch und verwendeten den Prozess als Werbung für ihre liberalen Vorstellungen und Ideen (K, 81; H, 218). Die Deutsche Tribüne befasste sich inhaltlich mit den politischen Entwicklungen sowohl der europäischen Staaten als auch der der deutschen Staaten. Laut Untertitel der Zeitung, galt seit dem 21. Januar 1832 die Losung der „Widergeburt des Vaterlandes“ (vgl. H, 221, Fußnote 51). Durch Rufe nach einer einheitlichen Republik und einer Gesamtreform für Deutschland wird die Radikalisierung der Presse seit 1832 deutlich. Auch wurde der König kaum noch geschont und Kritik nicht mehr verdeckt (H, 221f). Die Tribüne befasst sich vorrangig mit der Thematik des Freiheitskampfes der Polen und mit der Ausbreitung des Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins (H, 222ff; K, 82-86). Dieser Verein, am 29. Januar 1832 gegründet, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sich für eine freie Presse einzusetzen, die „ein wesentliches Mittel bieten würde“ (H, 225) für die Vereinigung Deutschlands zu kämpfen (H, 225; K, 90).Wirth und Siebenpfeiffer sind längst nicht mehr an einer kleinstaatlichen konstitutionellen Lösung interessiert, sie wollen einzig die ganze Nation (K, 100), wobei damit allerdings nicht ein Bundesstaat in heutigem Sinne gemeint ist, sondern eine „lockere Konföderation der deutschen Staaten“, welche gemeinsame Handels- und Außenpolitik betreiben sollte (H, 241). Die Deutsche Tribüne und der Westbote wurden Anfang März verboten und die Tribüne erschien seit Mitte März nicht mehr; Wirth wurde in der Zwischenzeit verhaftet (K, 107-112; H, 233-243). Im April wurde er jedoch wieder freigesprochen, was vom liberalen Bürgertum ausgiebig mit Demonstrationen und Festumzügen gefeiert wurde, hatte jedoch, ebenso wie Siebenpfeiffer, Berufsverbot (H, 249ff; K, 112f). Trotzdem publizierte Wirth weiterhin. In seinem Aufruf an die Volksfreunde in Deutschland fordert er „eine vollständige Umgestaltung der politischen Verhältnisse“ (H, 256), mit dem Ziel des einheitlichen deutschen Nationalstaats und der Volkssouveränität[15] (H, 255ff; K 113f).

2.4.2 Vorbereitungen zum Hambacher Fest

Nach Verschärfung der Pressezensur und dem Verbot der Zeitungen von Wirth und Siebenpfeiffer, war es schwierig, politische Standpunkte und Ansichten an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln. Einziges Mittel waren Feste, da ansonsten größere Versammlungen verboten waren, vor allem politische. Als die Neue Speyerer Zeitung im Frühjahr 1832 ein Konstitutionsfest auf der Schlossruine bei Hambach ankündigte, sahen liberale Neustädter Bürger eine günstige Möglichkeit, ein eigenes liberales Fest zu organisieren. In Zusammenarbeit mit diesen wurde von Siebenpfeiffer eine alternative Einladung entworfen, die dazu aufforderte „einen Tag später als ursprünglich geplant, auf die Schloßruine zu kommen.“[16]. Das Fest wurde zunächst vom Regierungspräsidenten des Rheinkreises verboten, aufgrund von Protesten der Bevölkerung dann aber doch gestattet, unter der Bedingung, dass es nicht auf der Schlossruine stattfände. Zum Schluss wurde es dann doch dort gänzlich erlaubt, was schon vor dem Fest einen kleinen Sieg für die Opposition darstellte.

Zwar war Wirth nicht in diesen Teil der Planung, das heißt, an der Einladung, einbezogen, dafür war er aber direkt an dem weiteren Vorgehen beteiligt. Vermutlich hatte er sich darum gekümmert, dass die Anfahrt nach Neustadt bereits ein Erlebnis darstellte, insofern, als die Teilnehmer aus Kaiserslautern dort mit den Teilnehmern aus Homburg, Zweibrücken und anderen Orten zusammenkamen, um den Weg gemeinsam, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschmückt, fortzusetzen und am 26. Mai 1832 in Neustadt einzuziehen.[17]

An diesem Abend wurde das Fest mit Böllerschießen, Freudenfeuer und Glockenläuten eröffnet. In Wirtshäusern – wie z.B. dem Neustädter Schießhaus, wo auch der Schriftsteller Ludwig Börne zugegen war – trafen sich die schon angereisten Besucher und debattierten. Im Wirtshaus „Zum Schiff“, wurde im kleinen Kreis über das politische Programm gesprochen. Wirth sprach sich gegen das „französische Wesen“[18] aus, veranlasst durch die vielen französischen Kokarden, die er bei den Teilnehmern gesehen hatte. Er überlegte sogar, seine Rede am nächsten Tag nicht zu halten.[19] Bei den Diskussionen wurde die unterschiedliche politische Meinung innerhalb der Opposition – besonders zwischen den Mitgliedern des Preß- und Vaterlandsvereins - deutlich. Wirth sprach sich dagegen aus, sofort revolutionär aktiv zu werden und sofort loszuschlagen. Er und der Großteil der Anwesenden wollten die Reformbewegung friedlich und gesetzmäßig durchführen.[20]

2.4.3 Das Hambacher Fest

Am Morgen des 27. Mai eröffneten zum zweiten Mal Böllerschüsse, Glockenläuten und Freudenfeuer das Fest. Die Besucher versammelten sich und zogen gemeinsam unter Führung von Wirth, Siebenpfeiffer und anderen Oppositionellen zur Schlossruine, wobei freiheitliche Lieder gesungen wurden, die zum Teil speziell für das Fest gedichtet worden waren.[21] Bei der Ruine angekommen, wurden Reden gehalten, wobei aber ersichtlich wurde, dass es unter den Teilnehmern keine einheitlichen Ziele bzw. übereinstimmende politische Absichten gab. Wirth kam als dritter Redner an die Reihe, Siebenpfeiffer sprach bereits vor ihm und erhielt viel Beifall für seine Rede.

Wirth trug seine Rede nach Augenzeugenberichten, frei und ohne Manuskript vor, weshalb der Wissenschaft nur die gedruckte Version aus der Festbeschreibung als Grundlage dient. Diese Version lässt sich in drei große Bereiche einteilen; der erste befasst sich mit der politischen Situation in Europa allgemein und wie sich die europäischen Staaten entwickeln würden, wenn Deutschland zu einem Nationalstaat würde. Wirth war der Ansicht, dass „vor allem das restaurative Bündnis zwischen Preußen, Österreich und Rußland die Völkerfreiheit in Europa behindere.“[22] Seiner Meinung nach würde ein freiheitlicher deutscher Nationalstaat auch die nationale Freiheit für andere europäische Staaten bedeuten. Da Russland dann, sofern nicht mehr von den deutschen Staaten unterstützt, auch nicht mehr in der Lage wäre, gegen Bewegungen für nationale Freiheit in den anderen Staaten anzukämpfen. Deutschland würde einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, weil durch die angestrebte Einheit die Zoll- und Handelsgrenzen fielen. Zudem bezichtigte Wirth die Könige und Regenten des Hochverrats an einem nationalen Einheitsstaat.[23]

Im zweiten Teil seiner Rede beschäftigte Wirth sich mit dem deutsch-französischen Verhältnis, wobei er die französische Politik stark kritisierte. Wirth verlangte, dass, sollte ein Staat versuchen, deutsches Gebiet für sich zu beanspruchen, sich alle Deutschen, zusammen mit den restaurativen Staaten, gegen den „äußeren Feind“[24] verbünden müssten. Wirth war der Auffassung, das Frankreich nur unter der Bedingung, dass Deutschland das linke Rheinufer an Frankreich abträte, das Einheitsbestreben Deutschlands unterstützen würde. Ebenso glaubte er, dass, wenn Frankreich einen Krieg gegen Deutschland beginnen würde, die Regenten aus dem mittleren Deutschland sich eigennützig auf die französische Seite schlagen würden und somit wäre eine Einheit Deutschlands längerfristig unmöglich. Von seinen antifranzösischen Aussagen nahm Wirth jedoch die französischen Republikaner und die Sociète des Amis du Peuple ausdrücklich aus, allerdings glaubte er nicht, dass diese etwas in der französischen Politik ausrichten könnten. Trotz dieser antifranzösischen Aussagen ging es Wirth vor allem, aber nicht ausschließlich, um eine deutsche Einheit, sondern auch um ein vereinigtes Europa. Die Landesgrenzen in diesem vereinigten Europa sollten bestimmt sein durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten kulturellen Sprachraum.[25]

Der dritte Teil seiner Rede befasste sich kritisch mit dem Preß- und Vaterlandsverein in seiner momentanen Form, den er kritisierte und von dessen Zielen er sich distanzierte. Seiner Meinung nach waren die Ziele und somit der Zweck des Vereins zu allgemein und unbestimmt. Er schlug vor, einige Männer (Patrioten) zu wählen, die sich unter der Leitung eines Vorsitzenden über ein politisches Programm beraten und dann versuchen sollten, dieses umzusetzen. Zudem beabsichtigte er, eine Gegenorganisation zu gründen, wie er es schon vormals versucht hatte.[26]

Nach seiner Rede bekam er von einem Vertreter der „Patrioten“ aus Frankfurt, Johann Friedrich Funck, ein Ehrenschwert überreicht, auf dem verschiedene Begriffe und Symbole der deutschen Einheitsbewegung dargestellt waren.[27] Wie Wirth auf diese Ehrenbezeigung reagiert hat, ist nicht eindeutig zu klären, da die Zeitzeugenberichte verschiedenste Aussagen beinhalten, wobei „von friedlicher Reform bis zu unmittelbarem Kampf“ alles genannt wird.[28]

Von einer einheitlichen Reaktion der Zuschauer auf den Vortrag von Wirth kann nicht gesprochen werden, da sowohl von bedenkenloser Begeisterung als auch von Empörung die Rede ist. Zudem wird auch berichtet, dass der Beifall der Zuhörer vom gegenständlichedn Inhalt abhängig war. Insgesamt bekam Wirth jedoch starken Beifall.[29]

2.4.4 Nach dem Hambacher Fest – Nachversammlungen und Auswirkungen

Mit dem Ende der Feierlichkeiten auf der Schlossruine fand das Hambacher Fest jedoch noch nicht sein Ende. Am 28. Mai fanden weitere Versammlungen statt. Im Neustädter Schießhaus wurde weiter debattiert, wobei mehrere hundert Personen anwesend waren. Siebenpfeiffer, der die Führung ergriff, sprach sich dafür aus, dass man aus verschiedenen deutschen Gebieten Vertreter wählen solle. Für die Pfalz wurden unter anderem auch Wirth und Siebenpfeiffer gewählt. Es ist jedoch unklar, zu welchem Zweck dies geschah. Da die Gruppe im Schießhaus jedoch zu groß war, um vernünftig zu diskutieren, ging die Versammlung ergebnislos auseinander.[30]

Einige der Gewählten, unter ihnen wiederum Wirth und Siebenpfeiffer, aber auch andere Teilnehmer des Festes und Mitglieder des Preß- und Vaterlandsvereins kamen danach im Haus des Abgeordneten Schoppmann zusammen. Von einigen Anwesenden, vorzüglich Studenten, wurde das direkte revolutionäre Losschlagen gefordert. Doch die Mehrheit der Versammelten war gegensätzlicher Meinung, da sie sich nicht als Volksvertreter ansahen, sondern vielmehr als Privatpersonen. Somit wurden keine Beschlüsse über das weitere politische Vorgehen der Opposition getroffen.

Allerdings hatte diese Nachversammlung auch ein positives Ergebnis. Es wurde beschlossen, dass eine Festzeitschrift herausgegeben werden soll. Wirth wurde als Herausgeber bestimmt, wobei ihm ein Redaktionsausschuss zur Seite stehen sollte, dem unter anderem auch Siebenpfeiffer angehörte.[31]

Während der Versammlung machte Wirth wieder seinem Unmut über den Preß- und Vaterlandsverein Luft. Aus den unterschiedlichen Ansichten kam schließlich ein Kompromiss zustande. Aus dem Preß- und Vaterlandsverein wurde der Deutsche Reformverein. Als Mitteilungsorgan des Vereins sollten die Deutsche Tribüne und der Westbote (von Siebenpfeiffer herausgegeben) zusammengelegt werden. Zudem wurden sowohl Wirth als auch Siebenpfeiffer, deren politische Ideen zu dieser Zeit fast identisch waren, in das leitende Komitee gewählt. Der Verein hatte zur Aufgabe, „die politischen Ergebnisse der Hambacher Volksversammlung auszuwerten und die liberalen Ideen weiterzuentwickeln.“[32] Hüls jedoch führt Quellen auf, in denen nicht von einer Veränderung des bestehenden Vereins ausgegangen wird, sondern von der geplanten Gründung einer Gegenorganisation durch Wirth und Siebenpfeiffer. Dieser Verein sollte stärker ideologisch ausgerichtet sein, als der Preß- und Vaterlandsverein, was in diesem Zusammenhang auch bedeutet, dass er wesentlich radikalere Ziele verfolgen sollte (u.a. wurden Volksbewaffnung gefordert und die deutsche Einheit, wobei Zugeständnisse der Regierungen nicht mehr ins Gewicht fielen). Da Wirth und Siebenpfeiffer jedoch am 18. Juni verhaftet wurden, konnte die geplante Weiterverbreitung des Vereins nicht mehr vollzogen werden.[33]

An dieser Abspaltung vom Preß- und Vaterlandsverein und der Gründung eines neuen Vereins, erkennt man, dass Wirths Zielsetzung deutlich radikaler geworden ist, als zu Beginn seine journalistischen und politischen Tätigkeiten. Doch die Opposition bekam nicht mehr so breite Zustimmung wie zuvor. Hüls führt dafür mehrere Beispiele an.[34] Um seine Ziele in der Öffentlichkeit bekannt machen zu können und auch, um auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen, zog Wirth in der nächsten Zeit viel durch die Gegend. Dabei tat er mit seinen Begleitern seine liberale Haltung dadurch öffentlich und offensiv kund, dass sie Symbole der Einheit und Ideologien der Opposition (Wirths Ehrenschwert, schwarz-rot-goldene Fahne) von Ort zu Ort trugen.[35] Die Opposition versteckte sich nicht vor den Regierungen. Sie versuchte auch noch, nach dem Hambacher Fest ihre Ideen und Gedanken der breiten Öffentlichkeit mitzuteilen.

Dies geschah unter anderem durch die Festzeitschrift, für die Wirth zuständig war. Noch in der Woche nach dem Fest brachte Wirth zwei Hefte heraus, die das Fest dokumentierten. Jedoch sind in der Festbeschreibung nicht alle Reden des Festes aufgenommen. Zwei besonders radikale Reden waren nicht in der Beschreibung enthalten und auch unter Wirths Rede befanden sich erklärende Anmerkungen, doch wurde in einer Anmerkung geradezu zur Volksbewaffnung gegen die Regenten aufgerufen. Ebenso hatte Wirth in der Festschrift noch einmal die Möglichkeit, seine vom Preß- und Vaterlandsverein abgelehnten Pläne zu veröffentlichen. Er sprach sich dafür aus, dass die Opposition sich mehr zentralisierte, allerdings wollte er keine Revolution bezwecken, sondern Reformen. Ein konkretes politisches Programm konnte er jedoch noch nicht darlegen. Das Vorhaben der Opposition, sich überregional in Vereinen zu organisieren, alarmierte die Regierungen, woraufhin in mehreren Staaten die Festschrift verboten wurde und auch bereits gedruckte und im Vertrieb befindliche Exemplare beschlagnahmt wurden.[36] An dieser Relevanz, die die Festschrift für die Regierungen hatte, ist erkennbar, welche Bedeutung und Kraft der Opposition im Allgemeinen und Wirth im Speziellen zugemessen wurde.

Vor allem Preußen, sah in Wirth ein „Synonym für die Opposition“[37], mit dem in Bayern viel zu nachsichtig umgegangen wurde. Preußen und Österreich hatten von Bayern härtere Reformen gefordert, doch Bayern untersagte bloß das Tragen der revolutionären Trikoloren (die französische und die deutsche), es war nur noch das Tragen der Landesfarben (weiß-blau) erlaubt, und stellten das Verhalten beim Hambacher Fest unter Strafe. Dies war den beiden Großmächten jedoch noch zu wenig, da sich die Oppositionellen davon nicht abhalten ließen. Als König Ludwig I. aus seinem Urlaub zurückkehrte, veranlasste er sofort umgehende Reformen. Er beorderte fünfzig Prozent der bayerischen Armee in die Pfalz und verschärfte die Zensur. Er wollte damit gegen jede Art von oppositionellem Handeln vorgehen, seien es ungesetzliche Vereine, Flugblätter oder die deutsche Trikolore. So schaffte er es schließlich, die Opposition zu unterdrücken.

3. Fazit

An diesen ganzen Maßnahmen der Regierungen – maßgeblich Preußen, Österreich und Bayern – erkennt man, welchem Stellenwert dem Hambacher Fest zugemessen wurde, obwohl die revolutionären Ziele der Opposition noch nicht einmal einheitlich waren. Auch wurde Wirth von den Regierungen als einer der Hauptverantwortlichen gesehen. Er galt als Synonym für das Fest und auch für die dort verbreiteten Ideen und Zielsetzungen. Sprach man von den „Wirthschen Doctrinen“[38], meinte man insgesamt eine liberale bzw. demokratische oppositionelle Haltung, die nicht unbedingt mit den von Wirth vertretenen Zielen übereinstimmen musste. Dass es keine einheitliche oppositionelle Meinung gab, wurde ja auf dem Fest deutlich. Wirths antifranzösische Haltung, und seine Kritik am Preß- und Vaterlandsverein wurden zwar nicht von einer Mehrheit vertreten, doch stand Wirth mit dieser Meinung auch nicht alleine da.[39]

Auf den Nachversammlungen versuchte Wirth vergebens für seine Ziele und Reformpläne eine Mehrheit zu gewinnen, womit er aktiv in das Geschehen eingriff und versuchte, die Entwicklung in seinem Sinn zu lenken. Zwar war Wirth an den Vorbereitungen zum Hambacher Fest beteiligt, doch an der Einladung war er persönlich nicht partizipiert. Er trat bei den Vorbereitungen zwar nicht als Einzelperson hervor, doch engagierte er sich in einer Gruppe Oppositioneller. Auf dem Fest selber trat er durch seine Rede in Erscheinung, wobei er als einer der Hauptredner gehandelt wurde. Auch wurde Wirth durch die Überreichung des Ehrenschwerts aus der Masse der Redner herausgehoben, was für seine Popularität in den Reihen der Opposition spricht. So war es den Teilnehmern aber auch möglich, ihn in dem Gemenge während des Festes zu identifizieren. Dadurch, dass die Schwertübergabe mit den verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten behaftet war, wurde er zu einer idealen Figur, mit der jede politische Interessengruppe ihre eigenen Ideale fundieren konnte.

Wirth trug mit seiner Festbeschreibung maßgeblich dazu bei, wie das Fest in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Zudem dient die Beschreibung bis heute als „zentrale Quelle“ für das Fest, trotz der Unvollständigkeit der abgedruckten Reden.[40]

Abschließend ist zu sagen, dass Wirth ein Reformer war, der seiner politischen Zeit voraus war. Er kämpfte gegen ein Bündnis von Königen und Regenten, die sich gegenseitig immer wieder neue Macht gaben. Zudem waren die Zielssetzungen der Opposition teils sehr unterschiedlich. Es war zwar eine größere Opposition vorhanden, doch sie kämpfte nicht gemeinsam. Deshalb war es für Wirth unmöglich, seine liberalen Ziele durchzusetzen. Es ist vielleicht gut, dass er das Ende der Paulskirchenversammlung – und das damit zusammenhängende endgültige Scheitern der Revolution – nicht mehr erlebte. So musste er nicht mit ansehen, wie seine Ideale zum Schluss nicht mehr durchsetzungsfähig waren aufgrund der mangelnden Erfahrung der Abgeordneten und der wieder erstarkten Mächte der Monarchen.

4. Anhang

I. Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur:

1. Hüls, Elisabeth: „Johann Georg August Wirth 1798-1848 – Ein politisches Leben im Vormärz“, Düsseldorf 2004

2. Krausnick, Michael: „Johann Georg August Wirth – Vorkämpfer für Einheit, Recht und Freiheit“, Weinheim-Berlin 1997

3. Valentin, Veit: „Das Hambacher Nationafest“, Frankfurt am Main-Olten-Wien 1982

4. Scheuch, Manfred: „Historischer Atlas Deutschland – Vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung“, Augsburg 2000

andere Medien:

1. Microsoft® Encarta® Encyclopedia 2005; Eschenhagen, Wieland: „Hambacher Fest“

Bildnachweis:

Titelbild: Barnick, Markus. Wer ist wer in Bayreuth [online]. o.J.,
http://www.bnbt.de/~tr1035/bt/wer/index.htm

und: Neuhaus-Koch. Grundseminar Epoche: Literatur der Zeit des Vormärz

1815 – 1848 [online]. Düsseldorf 2004,

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ2/neuhaus- koch/vormaerz/hambacherfest.html

[...]


[1] M. Krausnick, 1997; im Folgenden mit K, S. [] gekennzeichnet

[2] E. Hüls, 2004; im Folgenden mit H, S.[] gekennzeichnet

[3] K, S. 119

[4] K, S. 76

[5] sämtliche Informationen aus diesem Kapitel entnommen aus: M. Scheuch, 1997, S.153-154

[6] vgl. Microsoft® Encarta® Encyclopedia 2005; Wieland Eschenhagen; „Hambacher Fest“

[7] vgl. V. Valentin, 1982, S.33

[8] vgl. Microsoft® Encarta® Encyclopedia 2005; Wieland Eschenhagen; „Hambacher Fest“

[9] vgl. V. Valentin, 1982, S.36

[10] ebd. S.35-46

[11] ebd. S. 71

[12] ebd. S. 76ff

[13] Hüls geht davon aus, dass Wirth aufgrund seiner mageren Finanzlage nicht dazu in der Lage war (vgl. H, 81-83), bei Krausnick und Valentin wird jedoch von Dr. Johann Georg August Wirth gesprochen (vgl. K, 25; V. Valentin, 1982, S. 10). In meiner Arbeit stütze ich mich in dieser Hinsicht auf die Aussage von Hüls, da ihre Quellen u.a. jüngeren Datums sind.

[14] vgl. Kapitel ‚Historische Hinführung zum politischen Geschehen in Bayern während des deutschen Vormärz’

[15] für eine ausführliche Beschreibung seines 21-Punkte-Plans siehe H, 256f; K, 114

[16] H, S.271

[17] vgl. H, S. 269-274

[18] V. Valentin, 1982, S. 35

[19] ebd. S. 35

[20] ebd. S. 36; H, S. 275

[21] vgl. H, S. 276

[22] ebd. S. 277

[23] ebd. S. 277-279; vgl. auch K, S. 132f

[24] H, S. 279

[25] ebd. S. 279-282; vgl. auch K, S. 135f

[26] H, S. 282; vgl. auch K, S. 113ff, 133-135

[27] zur näheren Erläuterung dieser H, S. 282; K, S. 139

[28] H, S. 282f; Zitat: ebd. S. 283; vgl. auch K, S. 139f

[29] ebd. S. 284f

[30] vgl. E, S. 286; K, S. 141-143; V. Valentin, 1982, S. 52f

[31] vgl. E, S. 286-287; K, S. 143f; V. Valentin, 1982, S. 53f

[32] vgl. ebd. S. 55; K, S. 144f; Zitat: ebd. S. 145;

[33] vgl. H, S. 288f

[34] ebd. S. 291f

[35] H, S. 293; V. Valentin, 1982, S. 62

[36] H, S. 294f

[37] H, S. 306

[38] H, S. 305

[39] H, S. 285

[40] H, S. 294

Details

Seiten
16
Jahr
2005
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109586
Note
1
Schlagworte
Johann Georg August Wirth Hambacher Fest

Autor

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Titel: Johann Georg August Wirth und das Hambacher Fest