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Über die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus

Rezension / Literaturbericht 1988 5 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Walter Grode

WANN SCHLÄGT UNSER BEDÜRFNIS NACH SICHERHEIT UND ANERKENNUNG IN DEN WUNSCH NACH VERNICHTUNG UM ?

Über die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus

Rezensionsessay zu:

Haug, Wolfgang (1986): Die Faschisierung des bürgerlichen Subjekts. Die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus, Berlin: Argument-Sonderband 60.

Notiz: Im Kern geht es im folgenden Text um die hochaktuelle Frage: Wann schlägt unser, nicht nur völlig berechtigtes, sondern geradezu lebensnotwendiges Bedürfnis nach gesellschaftlicher Wahrnehmung und Anerkennung in den Wunsch nach Vernichtung (und Selbstvernichtung) um? Der folgende Rezensionsessay erschien im Heft 3/1988 der >Politischen Vierteljahresschrift<. Zeitschrift der deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft.

Anlaß zu Wolfgang Fritz Haugs "Erkundungsversuch" zur Ideologie der gesunden Normalität und den Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus, war eine Tagung der "Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie" im Sommer 1981, auf der der Autor die Aufgabe übernommen hatte, die Beteiligung der Psychiatrie an der Vernichtung ihrer "unvernünftigen" Patienten und die Ausrottungspolitiken des deutschen Faschismus ideologietheoretisch zu analysieren. Dieses Vorhaben entfaltete, wie Haug schreibt, eine merkwürdige Eigendynamik, die es ihm ermöglichte, daß "das doktrinäre Gebäude der Psychiatrie auf eine unheimliche Weise lesbar" wurde. Wichtigste Entdeckung war hierbei ein Kernvorgang, den der Autor als "ideologische Subjektion" definiert, begriffen als "die Formen, in denen die Individuen sich zu untergebenen Subjekten der Herrschaftsordnung machen."

Die Untersuchung (Haug 1986) spiegelt den Prozeß der Verschiebung des Erkenntnisgegenstandes von den Massentötungen "lebensunwerten Lebens" hin zu den Beziehungen zwischen den verschiedenen ideologischen Mächten mit ihren spezifischen Dualismen, ihren Variationen von Gut und Böse, von Norm und Abnorm.

Haugs ideologietheoretische Herangehensweise ist inspiriert von Antonio Gramsci, der in seinen "Kerkerheften" scharfe Kritik am damals herrschenden Ökonomismus im marxistischen Denken übte und stattdessen eine relative Selbständigkeit der ideologischen und kulturellen Bereiche gegenüber den ökonomischen Interessen konstatierte. Hierbei sah Gramsci deutlich, daß der Faschismus nicht nur durch Gewalt herrschte, sondern auch durch Selbstunterwerfung eines Teils der "sociata civile", der Kulturgesellschaft.

Der zweite, vielleicht noch wichtigere Denkanstoß für Haug war Louis Althussers Werk "Ideologie und ideologische Staatsapparate". Althusser bestimmt hier das Subjekt - gemäß der französischen Bedeutung, die Unterworfensein und Autonomie vereint - als durch ideologische Anrufungen konstituiert, in welchen es sich ganz persönlich angesprochen, aufgefordert fühlt. Es wird dem Subjekt etwas vorgegeben, dem es sich unterwerfen, das es aber auch selbst, im eigenen Namen, ausführen muß. Etwas, was es sein soll - und dann aber auch selber ist. Während die Unterwerfung zumeist im Bewußtsein verblaßt und schließlich verschwindet, wird die Sache, für die das Subjekt mobilisiert wird, von ihm als sein Eigenstes erfahren und übernommen. Solch eine Anrufung hat also eine große motivierende Kraft, indem sie in diesem Doppelsinne (von Unterwerfung auf der einen Seite, Aktivierung auf der anderen Seite) ein Subjekt der Ideologie konstituiert. Man kann sich die vielleicht ein wenig deutlicher machen, wenn man an die alttestamentarischen Propheten denkt, die sich von Gott angerufen fühlten - oft noch bevor sie von ihm einen besonderen Auftrag empfingen. Diese Anrufungen veranlaßte sie dann aber auch - und bereitete sie darauf vor, jeden Auftrag bedingungslos zu übernehmen.

Haugs Hauptthese ist nun, daß der Faschismus sich in den Menschen durch seine ideologischen Anrufungen eine Vielzahl von "Subjekten" konstituiert hat, die nun in seinem Namen "ganz persönlich" handelten. So werden von ihm alle ideologischen Elemente des Faschismus daraufhin betrachtet, wie weit sie bei den Angerufenen Evidenzen erzeugen können in dem Sinne: "Das kenn ich ja schon" oder "Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht, es ist meine Erfahrung". Solche Evidenzen haben dann auch noch eine Vehikelfunktion für andere ideologische Elemente, die per Analogie beigemischt werden, oder aber für Generalisierungen, Ausweitungen, unausgewiesene Grenzüberschreitungen.

Haug zeigt sodann, daß solche ideologischen Subjekteffekte nicht durch einzelne ideologische Anrufungen zustande kommen, sondern zumeist durch eine Bündelung bzw. Vernetzung von ideologischen Elementen, die sich - und ihre Evidenz - gegenseitig verstärken. Das ursprüngliche Bild des Faschismus, das Liktorenbündel, versinnbildlicht im übrigen das hier skizzierte Prinzip.

Haug belegt in seinem Buch dann auch, daß faschistische Ideologie eben nicht aus irgendwelchen einzelnen spezifischen Elementen besteht, sondern in deren charakteristischer Anordnung, in deren charakteristischem Muster. Fast alle Elemente der faschistischen Medizin und Psychiatrie szientistischen ebenso wie die volkstümlichen, die irrationalen wie die bürokratisch-autoritären Elemente hatte es schon lange vor ihm gegeben und die meisten überdauerten ihn auch. Aber er verstand es eben, diese Elemente so anzuordnen, daß sie bei den Individuen persönliche Evidenzen erzeugten, die sich gegenseitig vernetzten, verstärkten, verstrebten: Das konstituierte Subjekt der Ideologie war also eine Art Bauwerk.

Das erste Thema, auf das Haug auch immer wieder zurückkommt, ist ein Abriß der ideologischen Vorbereitung der faschistischen Ausrottungspolitik: Diese betraf zunächst die psychisch Kranken, dann die Juden und die Sinti und Roma und schließlich - in begrenzterem Umfang - sämtliche sogenannten "Ostvölker". Im wesentlichen handelte es sich stets um die ideologische Artikulation von Minderwertigkeit/Hochwertigkeit, die im Gesundheitsdiskurs mit denjenigen von krank/gesund sowie anormal/normal vernetzt wurde und sodann im Rassendiskurs, mit den Artikulationen von tüchtig/untüchtig, rein/vermischt, sauber/schmutzig, fähig (begabt) / unfähig (unbegabt), schön/häßlich, aber auch mit anderen Gegensatzpaaren wie hart/weich, ehrlich/lügnerisch bzw. diebisch, standhaft/haltlos usw. Die Minderwertigen waren zu vernichten. Dabei ging es dem Faschismus aber nicht nur um die Abschreckung im Vernichtungsakt selber, obwohl auch diese Abschreckung dazu beitrug, aber eher als Grenzbedingung, die faschistische Subjektkonstitution zu ermöglichen. Vielmehr war damit auch eine durchaus schmeichelnde Identifikationsmöglichkeit verbunden: sich selbst als hochwertig, gesund, sauber, tüchtig, leistungsfähig, kulturtragend, vital zu erfahren und zu präsentieren. Diese Selbstidentifikationsmöglichkeit durch Imagination des abqualifizierten Gegenteils, am Feindbild also, ist eine der Mechanismen der faschistischen Subjektkonstitution.

Das ist aber bei weitem nicht das einzige. Haug untersucht auch die faschistische Artikulation von Macht und Herrschaft, im Gesundheitsdiskurs von Zucht und Züchtung im Rassendiskurs, von körperlicher Schönheit und Kraft im Kunstdiskurs. Und er weist nach, daß "Gesundheit", "Rasse", "Schönheit" und die mit diesen mit artikulierten schon erwähnten anderen Attribute, keineswegs, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben könnte, durch ein Erbschicksal in fatalistischer Weise so vorbestimmt sind, daß jedes eigene Bemühen darum sinnlos wäre. Bei (Erb-)Gesundheit und (Rasse-)Reinheit handelt es sich vielmehr um nachträgliche Voraussagen. Das Prinzip eine solchen Mechanismus der nachträglichen Voraussage ist ja aus der Prädestinationslehre Calvins und der auf dieser aufgebauten protestantischen Ethik, die Max Weber analysiert hat, genau bekannt. Es ist von vornherein vorbestimmt, ob Gott mich erwählt oder verworfen hat. Dies erweist sich aber erst durch die Tatsache, zu welchen geschäftlichen oder anderen Erfolgen ich es im Leben bringe: letztlich also erst zum Zeitpunkt meines Todes. So wird mein ganzes Leben zwangsläufig zu einer unablässigen Anstrengung, durch Leistung meine Erwähltheit durch Gott zu dokumentieren. - Genau so verhält es sich mit den angeblich ererbten Fähigkeiten, mit der Gesundheit, mit der Rassereinheit, mit dem Wesen, dem "Charakter". Als dies ist der faschistischen Ideologie nach einerseits erblich determiniert, unabänderliches Schicksal. Die verborgenen Erb- und Rasseeigenschaften sind aber nur schwer als solche dingfest zu machen, sie erweisen sich vielmehr erst hinterher: in der Leistung, in der "Arbeit" am eigenen "Charakter" und am eigenen Körper. So enthält der Gesundheits- und Rassediskurs gleichzeitig einen ständigen Appell, eine ständige Anrufung, sich durch dasjenige, was man sagt, was man tut, was man erreicht, als "gesund", als "rein" und damit als "hochwertig" (im Sinne der entsprechenden Erbanlagen) zu erweisen. Da aber der Faschismus inhaltlich oft nur unzureichend bestimmt, was an Verhalten und Leistung jeweils wünschenswert ist, hier sogar, wie Haug nachweist, eine Fülle von Widersprüchlichkeiten entwickelt, läuft die Anrufung zur "Arbeit" am eigenen Charakter, zu einem "gesunden" Verhalten, zu einer "nordischen", "arteigenen" Haltung am ehesten darauf hinaus, jeweils dem "Führer" zu folgen, seinen Befehlen gehorsam zu sein und seine eigene Charakterstärke in der bedingungslosen Gefolgschaft unter Beweis zu stellen. Wem die gelang, der konnte sich dann auch mit den positiven Attributen der verschiedenen gegensätzlichen Artikulationen - Gesundheit, Rassereinheit, Schönheit, Tüchtigkeit usw. - schmücken und sich mit ihnen identifizieren. Wer nicht gehorchte, sah sich der ideologischen Diskriminierung durch ihr Gegenteil ausgesetzt, und, um der Anrufung auch den nötigen Nachdruck zu verleihen, drohte im Hintergrund die Vernichtung. Deshalb war es auch unumgänglich notwendig, daß diese nicht bloß verbal angedroht wurde, sich in politischer Rhetorik erschöpfte. Sie mußte vielmehr exemplarisch auch vollzogen werden. Und die ersten, die es traf, waren eben die psychisch Kranken. So ließ sich nur durch ständige Anstrengung zum Gehorsam, zur Gefolgschaft beweisen, daß man den Lebenswerten und Hochwertigen zugehörte, nicht den Minderwertigen. Auch in dieser ideologischen Formation zeigt sich also eine enge Vernetzung von Gewaltandrohung auf der einen, Gratifikation auf der anderen Seite.

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Details

Seiten
5
Jahr
1988
ISBN (eBook)
9783640076284
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109447
Note
Schlagworte
Ideologie Normalität Ausrottungspolitiken Faschismus

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Titel: Über die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus