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Inwiefern beeinträchtigen die israelisch-amerikanischen Beziehungen die Stabilität der Nahost-Region?

Hausarbeit 2002 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fallauswahl
1.2 Fragestellung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Entstehungsgeschichte

3 Theorien
3.1 Interdependenz
3.1.1 Wirtschaftliche Interdependenz
3.1.2 NGO’s und Einzelakteure
3.2 Verhandlungen

4 Schlussfolgerungen und Ausblick

5 Literaturverzeichnis
5.1 Literatur zum Fall
5.1.1 Bücher und Nachschlagewerke
5.1.2 Aufsätze in Sammelbänden
5.1.3 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel
5.2. Literatur zu den verwendeten Theorien

1 Einleitung

1.1 Fallauswahl

Es vergeht mittlerweile kaum ein Tag, an dem nicht über die Nahost-Krise in den Medien berichtet wird. Dabei scheint dieser jahrzehntealte Konflikt stets dem gleichen blutigen Zyklus zu folgen: Auf die Enttäuschung der Palästinenser über den blockierten Oslo-Prozess, die fortgesetzte Demütigung durch den Ausbau der jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und das kompromisslose Auftreten der jeweiligen israelischen Regierung folgt die Intifada, die israelische Repression, die Abriegelung der Autonomiegebiete mit Arbeitslosigkeit, Verelendung und Verzweiflung, der den fruchtbaren Boden für Fanatismus und Todeskult darstellt.1 Diese tödliche Spirale der Gewalt wird dann und wann durch amerikanische Schlichtungsbemühungen zwischen den Konfliktparteien durchbrochen. Die Gründe für dieses Engagement der USA sind mit ihrer Beziehung zu Israel verknüpft und ergeben nur in diesem Kontext einen Sinn. Deshalb ist die Analyse der einzelnen Elemente dieser komplexen israelisch-amerikanischen Beziehungsstruktur für das Verständnis des Nahost-Konflikts von grosser Bedeutung. Wenn dabei noch bedenkt wird, dass eine akute Gefahr der Destabilisierung für die gesamte Nahost-Region besteht, deren Folgewirkungen auch die restliche Welt zu spüren bekäme (spillover bzw. spin-off Effekte)2, so wird deutlich, wie wichtig die israelisch-amerikanischen Verflechtungszusammenhänge für die internationale Politik sind.

1.2 Fragestellung

Angesichts der Tatsache, dass der Nahe Osten ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen, Religionen und politischer Systeme darstellt und diese Komplexität durch die Interessenpolitik externer Akteure zusätzlich noch gesteigert wird, möchte ich die folgende Frage behandeln: Inwiefern gefährden bzw. fördern die Verflechtungszusammenhänge, die zwischen den USA und Israel vorherrschen, die Stabilität der Nahost-Region?

Zur Beantwortung dieser Frage werden die Interdependenztheorie und die Verhandlungstheorie herbeigezogen. Mittels des Interdependenz-Ansatzes sollen die verschiedenen Akteure identifiziert und deren Einflussnahme auf das Gesamtgefüge systematisch untersucht werden. Anhand der Verhandlungstheorie möchte ich aufzeigen, welche innenpolitische Prozesse den aussenpolitischen Kurs der USA mitbestimmen und welche Konsequenzen daraus für die Politik Israels entstehen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Im ersten Teil widme ich mich der historischen Entstehungsgeschichte der israelisch- amerikanischen Beziehung. Dies soll als Grundlage für den weiteren Verlauf des Schreibens dienen.

Im zweiten Teil werde ich versuchen, das vielschichtige, israelisch-amerikanische Beziehungsgeflecht mittels des interdependenzanalytischen und verhandlungstheoretischen Ansatzes aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass eine scharfe Trennung zwischen den einzelnen Kapitel nahezu unmöglich ist und aus diesem Grund thematische Überschneidungen auftreten können.

Im letzten Teil dieser Arbeit folgt dann die Auswertung der Resultate beider Theorien und die damit verbundenen Schlussfolgerungen.

2 Entstehungsgeschichte

In der Fachliteratur können verschiedene Erklärungsansätze für die Entstehung der israelisch- amerikanischen Beziehung ausfindig gemacht werden, wobei die jeweiligen Autoren unterschiedliche Beweggründe akzentuieren. Samuel W. Lewis beispielsweise konstatiert, dass die Amerikaner nach der Holocaust-Tragödie Schuldgefühle3 empfanden, die ihrerseits wiederum humanitäre Impulse auslösten, was zu einer klaren Unterstützungshaltung hinsichtlich der jüdischen Staatsbildung führte. Zudem löste das idealistische Ziel der jüdischen Bevölkerung, einen eigenen demokratischen Staat inmitten arabischer Feinde aufzubauen, bei den Amerikanern Bewunderung aus. Diese Sympathiebekundung wurde durch die religiöse Verbundenheit, die die amerikanischen Christen mit dem “biblischen Israel” verspürten, zusätzlich noch verstärkt. Weiter nennt Lewis den Einflussbereich der finanzstarken jüdischen Lobby, die in der neu formierten demokratischen Partei der “New Deal”-Periode (1928-36) Unterschlupf gefunden hatte und dementsprechend innenpolitisch mitmischen konnte.4

Der realpolitisch wichtigste Aspekt war aber die strategische Zusammenarbeit, die die Amerikaner mit den Israelis eingingen,5 denn “the Jewish state and the Cold War came into existence at exactly the same historical moment.”6 Dieser historische Konnex war der Grund dafür, dass in den 50er und 60er Jahre der Nahe Osten zum geopolitischen Spielbrett der beiden verfeindeten Grossmächte wurde, wobei Israel die Rolle des loyalen Verbündeten der USA einnahm, Syrien und Ägypten hingegen die Positionen der sowjetischen Helfer innehatten.

Doch wer nun glaubt, die amerikanisch-israelische Zusammenarbeit hätte zeitgleich mit der Gründung Israels im Jahre 1948 und dem Auftreten des Kalten Krieges begonnen, der sieht sich in seiner Annahme getäuscht. Erst anfangs der 60er Jahre setzten die USA unter Präsident J.F. Kennedy und später L. Johnson eine proisraelische Politik mit militärischen und finanziellen Hilfeleistungen zögerlich in die Praxis um.7

Der eigentliche Wendepunkt der israelisch-amerikanischen Beziehung ereignete sich mit dem Eintreten des Sechs-Tage-Krieges im Jahre 1967, als die Weltöffentlichkeit mitansehen durfte, wie die israelische Armee die arabische Invasion (Ägypten, Syrien und Jordanien) abwehren und sogar noch riesige Gebietsgewinne verbuchen konnte.8 Eine solch heroisch kämpfende Willensnation war ein ebenbürtiger Partner für die USA, deren Gründerväter im Verständnis vieler Amerikaner einst auch den Kampf David gegen Goliath austragen mussten. Es entstand ein “emotional attachment”9, was als Identifikation mit den Anliegen des jüdischen Staates bezeichnet werden kann.

1973 kam es zum Jom-Kibbur-Krieg, nachdem das sowjetisch aufgerüstete ägyptisch-syrische Bündnis das “schlafende” Israel in einer Nacht und Nebel Aktion angegriffen hatte. Obwohl United States in the 1930s that prevented many European Jews from finding refuge in America.” FELDMAN (1996): 5. die damalige amerikanische Regierung unter Präsident Nixon einen pragmatischen Kurs in ihrer Nahostpolitik verfolgte, der auch auf die Anliegen der erdölreichen arabischen OPEC Staaten Rücksicht nehmen sollte, waren es aber just die Nachwirkungen dieses Krieges, die hohe amerikanische Investitionssummen für die angeschlagene israelische Rüstungsindustrie freisetzten und somit die strategische Partnerschaft endgültig festigten.10 Auch mittels Diplomatie versuchte die USA immer wieder, das fragile Nahost-Gebäude auf ein gefestigtes Fundament des dauerhaften Friedens zu setzen. Es ist vor allem den Bemühungen von Jimmi Carter, der von 1977-81 das Amt des Präsidenten ausübte, zu verdanken, dass die oftmals widersprüchlich praktizierte Nahostpolitik Amerikas zu Gunsten einer “mission to find a way to bring about peace between Israel and its Arab enemies”11 ersetzt wurde. Das Resultat, das Carter aufweisen konnte, war das israelisch-ägyptische Friedensabkommen, welches die Präsidenten M. Begin und As Sadat am 26. März 1979 gemeinsam unterzeichneten.12

Weitere wichtige Daten, die die israelisch-amerikanische Beziehung prägten, waren das 1987 vom US-Kongress verabschiedete “Memorandum of Understanding Between the Government of Israel and the Government of the United States of America Concerning the Principles Governing Mutual Cooperation In Research and Development, Scientist and Engineer Exchange, Procurement and Logistic Support of Defence Equipment,”13 die unter amerikanischer Schirmherrschaft stattgefundene Madrider Friedenskonferenz von 1991, der symbolisch ausdrucksstarke Handschlag vor dem Weissen Haus zwischen Y. Rabin und Y. Arafat im Jahre 1993 und die 1994 unter der Vermittlung Präsident Clintons unterzeichnete “Washingtoner Erklärung”, welche im israelisch-jordanischen Friedensvertrag mündete.14

3 Theorien

3.1 Interdependenz

Die Terrorattacken auf das World Trade Center und die fortwährenden Suizidattentate auf die israelische Zivilbevölkerung führen der medial vernetzten Welt zwei Dinge vor Augen:

Erstens, dass das fragile Gebäude der Weltpolitik auch von anderen Akteuren, die oftmals im

Hintergrund des Geschehens, regierungsunabhängig und transnational agieren, entscheidend beeinflusst werden kann.15 Zweitens, dass die auf souveräne Nationalstaaten fixierte realpolitische Perspektive nicht mehr ausreicht, um die im Zuge der Globalisierung entstandene Komplexität des internationalen Systems zu erklären. Vielmehr müssen mittels “Auffächerung der Analyseeinheiten”16 all jene Akteure in die Theorie integriert werden, die sich durch die Fragmentarisierung und Pluralisierung der Lebenswelt17 herangebildet haben und heute einen wesentlichen Bestandteil der komplexen Interdependenz sind.

3.1.1 Wirtschaftliche Interdependenz:

Die im Rahmen der strategischen Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel ausgehandelten Freihandels- und Personenverkehrsabkommen führten dazu, dass ein reger Austausch in den Bereichen der militärischen und wissenschaftlichen Forschung stattfand. Diese “transmission of beliefs, ideas, and doctrines”18 war nicht nur für den interkulturellen Dialog wichtig (Interdependenz als Interessenkonvergenz), sondern auch für das schrittweise Heranwachsen einer gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeit (Interdependenz als faktische Kovarianz).19 Vor allem Israel, das auf die finanziellen Unterstützung der Amerikaner angewiesen war, profitierte von dieser ökonomischen Bindung und baute sich im Zuge dessen eine eigenständige High-Tech-Industrie auf, was wiederum neue amerikanische Investitionsgelder anlockte. Im Gegenzug repräsentierte Israel die amerikanischen Interessen in der krisenanfälligen Nahost-Region und diente während den Jahren des Kalten Krieges als Schutzwall gegen die vermeintliche Gefahr der kommunistischen Expansion.20 Dementsprechend entstand im Laufe der Zeit ein dichtes Geflecht von Interaktionsbeziehungen,21 deren Akteure die Aussenpolitik der beiden Länder vermehrt zu prägen begannen. Insbesondere die multinational tätigen Konzerne übten immer wieder Druck auf die jeweiligen politischen Entscheidungsträger aus.22 Allen voran ist die mächtige amerikanische Öl-Lobby zu nennen, die starke Beziehungen sowohl zu Israel als auch zu den arabischen Staaten pfleg(t)en und sich aufgrund des fluktuierenden Erdölmarktes um die Stabilität in der Nahost-Region sorg(t)en.23

3.1.2 NGO ’s und Einzelakteure

Als erstes muss auf die überproportional am politischen System mitwirkende jüdische Bevölkerung hingewiesen werden, die sich in sogenannten “political action committee’s” (PAC’s) formiert hat.24 Der nominell prominenteste Exponent einer solchen regierungsunabhängigen Organisation ist der zionistische Verband “American Israel Public Affairs Committee” (AIPAC). Indem AIPAC Wahlkampfgelder sammelt, die für die teuren Kampagnen der Präsidentschaftskandidaten dringend benötigt werden, bestimmt sie indirekt das aussenpolitische Programm der jeweiligen US-Regierung mit.25 Insbesondere Präsident Clinton bemühte sich um die Gunst dieser zionistischen Gruppierung. So ernannte er beispielsweise einen Mitarbeiter des AIPAC als Hauptberater im Weissen Haus für den Nahen Osten. Dieser Akt war nicht weiter erstaunlich, bedenkt man, dass rund 60% der Wahlkampfspenden für Clintons Partei von Juden kamen.26 Auch aus wahltaktischen Überlegungen spielen jene PAC’s eine wichtige Rolle, da die jüdische Bevölkerung in Staaten wie New York, Florida, Illinois und Kalifornien konzentriert ist, welche als kritisch für den Wahlausgang gelten und die das Zünglein an der Waage sein können.27

Doch nicht nur die gut organisierte jüdische Bevölkerungsgruppe mischt im politischen Gefüge kräftig mit. Auch jüdische Einzelakteure versuchen ihre politischen Vorstellungen durchzusetzen. Interessant ist hierbei die Feststellung, dass jene Bürger “became more religious in the United States than they ever had been in Isreal.”28 Nur aus diesem Kontext heraus ist es zu verstehen, aus welchen Motiven beispielsweise der amerikanische Hardliner Irving Moskowitz fanatische israelische Siedlerorganisationen wie “Ateret Kohanim” oder “Elad” mit Millionenbeträge unterstützt.29 Das selbsternannte Ziel dieser radikalen Organisationen ist die Umsetzung des biblischen “Gross-Israels”. Erreichen tun sie dies, indem der palästinensischen Bevölkerung, die in den von Israel besetzten Gebieten wohnhaft ist, unwiderstehlich hohe Kaufpreise für ihre Liegenschaften geboten werden.30

Doch genauso wie einzelne Hardliner die Osloer Verträge zu untergraben versuchen, indem sie den ausgehandelten Siedlungsstopp ignorieren und neue Hassgefühle schüren, gibt es auch jene Kräfte, die sich um die friedliche Koexistenz der beiden Länder bemühen. Zu nennen ist die aktive “peace now”-Bewegung, die sich aus verschiedenen israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten zusammensetzt oder die Israelisch-Palästinensische Friedenskoalition.31 Sie sind Vertreter der aktiven Zivilbevölkerung, die global tätig und medial vernetzt ist. Auch sie spielen im amerikanisch-israelischen Beziehungsgeflecht eine wesentliche Rolle, weil sie informelle Kommunikationskanäle zwischen den verschiedenen Parteien eröffnen und dadurch konstruktive Mehr-Ebenen-Diplomatie ohne machtpolitische Interessenvertretung betreiben.32

3.2 Verhandlungen

Dieser theoretische Ansatz versucht jene Faktoren zu beschreiben, die in einem “process of joint decision making”33 hilfreich bzw. hinderlich sein können, um in Krisensituationen zu einer Einigung zu kommen. Wichtig hierbei ist einerseits die Unterscheidung zwischen der nationalen und internationalen Verhandlungsdimension, die zwar eng miteinander verknüpft sind, jedoch in der Analyse losgelöst betrachtet werden können (Two-Level-Game). Andererseits müssen die sogenannten “outcomes” der jeweiligen Verhandlungsparteien beurteilt und angeglichen werden.34

In den gut dreissig Jahren der israelisch-amerikanischen Zusammenarbeit haben die USA immer wieder die Vermittlerrolle zwischen den arabisch-israelischen Konfliktparteien übernommen und dies mit teilweise beachtlichem Erfolg.35 Die Motive für dieses riskante politische Engagement können in erster Linie auf die heterogene Bevölkerungsstruktur der Vereinigten Staaten zurückgeführt werden.36 Dies bestätigt auch der Politologe J.S. Nye, der konstatiert, dass auf der Ebene der Entscheidungseliten die amerikanische Aussepolitik stets stark den Herkunftsländer der amerikanischen Bürger verpflichtet geblieben ist,37 was in Anbetracht der Tatsache, dass die USA - ebenso wie Israel - ein klassisches Einwanderungsland ist, nicht weiter erstaunt. Zudem verstärkt die direkte Wahl des Präsidenten die Fokussierung auf die politischen Forderungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, was Putnam als “Level II Institutions” bezeichnet.38 Gemäss den Darlegungen R. Putnams müsste eine solche innenpolitische Konstellation für einen Vermittler überaus günstig sein, weil “a government that is internally divided is more likely to be able to strike a deal internationally than one that is firmly commited to a single policy.”39 Er scheint aber ausser acht zu lassen, dass der zunehmende Verflechtungsgrad des internationalen Systems, und speziell der komplexen Struktur der amerikanisch-israelischen Beziehung, die aussenpolitische Interessenvertretung der Bevölkerungsgruppierungen geradezu unmöglich macht.40 Mit anderen Worten kann gesagt werden, dass aus den verschiedenen Forderungen des “Level II preferences and coalitions” widersprüchliche aussenpolitische Handlungen entstehen, die sowohl für die USA als auch für Israel unangenehme Nebenwirkungen haben können.41

Ein Beispiel soll hier der Illustration dienen. Beim Aushandeln der Osloer Verträge unterstützte die Clinton Administration die palästinensische Forderung eines sofortigen israelischen Siedlungsstopps. Als aber im UNO Sicherheitsrat über eine Beschlussvorlage abgestimmt wurde, wonach die Beschlagnahme von Grundstücken in den besetzten Gebieten und die Besiedlung durch Juden verurteilt werden sollte, verhinderte dieselbe amerikanische Regierung gegen den Willen aller anderen Ratsmitglieder den Beschluss durch ein Veto.42 Im Kontext dieser widersprüchlichen Haltung können auch die neu entfachten antizionistischen und antiamerikanischen Gefühle verstanden werden, die sich in Form von aggressiven Protestkundgebungen in Länder wie Marokko, Ägypten, Frankreich, Deutschland und der Schweiz entladen haben.43

Das Problem der engen israelisch-amerikanischen Beziehung besteht insbesondere darin, dass die von P. Young geforderte prozedurale Gleichbehandlung der Konfliktparteien nicht mehr gewährleistet wird.44 Der daraus resultierende Vertrauens- bzw. Glaubwürdigkeitsverlust seitens der arabischen Welt gegenüber den Neutralitäts- und Fairnessbemühungen der amerikanischen Diplomatie schwächt zusehends die US-Vermittlerposition. Ausserdem macht die sich schnell verändernde Umwelt die Verhandlungen umso schwieriger, desto länger sie andauern, weil die Wahrscheinlichkeit grösser wird, dass sich in der Zwischenzeit die “outcomes” der involvierten Parteien ändern und so das “bargaining set” sich ständig verschiebt.45 Entscheidend ist hierbei der externe Druck, der auf die Parteien ausgeübt wird.46 Nur die USA scheint über genügend finanzielle und militärische Druckmittel zu verfügen, um sowohl die arabische als auch die israelische Seite entscheidend beeinflussen zu können.47 Diese Tatsache durften sowohl Ägypten als auch Jordanien erfahren, die als Belohnung für ihre Friedensschlüsse mit Israel nachhaltige amerikanische Hilfe erhalten haben.48

Die Frage, die gestellt werden muss, ist diejenige, inwiefern die bröckelnde Glaubwürdigkeit der USA aufgrund ihrer Parteinahme für die Anliegen Israels ihre Vermittlerposition trotz ihres militärischen und finanziellen Supermachtstatus schwächt und inwieweit sie als “Mediator” von der arabischen Welt zukünftig noch akzeptiert werden wird.

4 Schlussfolgerungen und Ausblick

Eingangs wurde die Frage nach der Stabilität der Nahost-Region aufgrund der israelisch- amerikanischen Beziehungen gestellt. Mittels des interdepenztheoretischen Ansatzes wird unmittelbar ersichtlich, dass sich im Laufe der Jahre ein unübersichtliches Geflecht verschiedener Akteure herausgebildet hat, die durch innenpolitische Einflussnahme zusehends die aussenpolitischen Richtlinien der beiden Nationen mitbestimmen. Diese komplexe Beziehungsstruktur hat dazu geführt, dass sowohl für Israel als auch für die Vereinigten Staaten eine zunehmende Interdependenz-Empfindlichkeit besteht, weil “events occurring in any given part or within any given component unit of a worl system affect (either physically or perceptually) events taking place in each of the other parts or component unit of the system”49 oder in den Worten Keohane/Nyes, dass “Handlungen in einem Land kostspielige Effekte in einem anderen hervorrufen können.”50

Das Problem liegt nun darin, dass durch diese Verflechtung eine klare Trennung zwischen den politischen Kursen der beiden Nationen schwindet. Es besteht eine realistische Gefahr, dass antiamerikanische Gefühle zukünftig stets mit Antizionismus (z.T. auch Antisemitismus) gekoppelt wird, vice versa. Für beide Länder ist diese Koppelung jedoch eine äusserst schwierige Ausgangslage, weil sowohl Israel als auch die USA Gefahr laufen, zu Katalysatoren oder besser gesagt Projektionsflächen einzelner radikaler Gruppierungen zu werden. Die amerikanischen Reaktionen auf die Terrorattentate des letzten Jahres, die Verbalattacken der Bush-Regierung in Richtung “Achse des Bösen” und die politische Deckung der skrupellosen militärischen Aktionen Israels gegenüber den Palästinensern haben solche Unmutsgefühle zusätzlich noch verschärft.

Auch die verhandlungstheoretische Perspektive erhärtet meine Vermutung, dass die israelisch-amerikanische Beziehungen nicht sonderlich zur Stabilität der Nahost-Region beitragen. Vielmehr ist zu beobachten, wie die USA ihre Glaubwürdigkeit als fairer Vermittlungspartner zwischen den Konfliktparteien zusehends verspielt. Beide Theorien lassen erkennen, dass das Problem in erster Linie auf die Verknüpfung zwischen den Prozessen der Innenpolitik und den daraus resultierenden widersprüchlichen aussenpolitischen Handlungen zurückzuführen ist. Obwohl beide Theorien den Konnex zwischen Innen- und Aussenpolitik thematisieren, fehlt jedoch ein Verweis auf eine mögliche Lösung dieses Dilemmas. Eine sicherlich gewinnbringende Bereicherung wäre beispielsweise die Integration des Ansatzes von James Buchanan. Er formulierte auf der Basis der Ökonomie die These, dass der Zeithorizont politischer Entscheidungsträger durch die Dauer ihrer Legislaturperiode festgelegt und dadurch die best-mögliche, d.h. pareto-optimale Lösung gar nicht erst ermöglicht wird. Mit anderen Worten sagt er also, dass politische Prozesse in einem demokratischen Staat die best-mögliche Lösung eines Problems verhindern können, weil politische Entscheidungen oftmals im Rahmen kurzer Zeithorizonte getroffen werden.51 Interessant ist dieser Ansatz aus dem Grund, weil er uns auf die Ebene innerpolitischer Prozesse verweist. Denn es ist wohl unbestritten, dass wahltaktisches Kalkül sowohl auf israelischer als auch amerikanischer Seite einen Grossteil der aussenpolitischen Programme ausmacht. Solange dieses Kalkül einiger Entscheidungsträger auf Kurzsichtigkeit und Machthunger basiert, bleibt die Hoffnung auf den langersehnten kantischen Frieden in weiter Ferne.

5 Literaturverzeichnis

5.1 Literatur zum Fall

5.1.1 Bücher und Nachschlagewerke

− BARATTA, Mario von (Hrsg.) (2002): Der Fischer Weltalmanach 2002. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch.
− BRENNAN, Geoffrey/ BUCHANAN, James M. (1993): Die Begründung von Regeln. Konstitutionelle Politische Ö konomie. Tübingen: Mohr.
− EICKELPASCH, Rolf (1999): Grundwissen Soziologie. Stuttgart: Klett Verlag.
− FELDMAN, Shai (1996): The Future of U.S.-Israel Strategic Cooperation. Washington: The Washington Institute for Near East Policy.
− HOBSBAWM, Eric (1998): Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
− Meyers grosses Taschenlexikon (1995), Bd. 10, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Taschenbuchverlag.
− NOHLEN, Dieter (Hrsg.) (1998): Wörterbuch Staat und Politik. München/Zürich: Piper.

5.1.2 Aufsätze in Sammelbänden

− DAVID, Steven R. (1996): “The Continuing Importance of American Interests in the Middle East after the Cold War”, in: SHEFFER, Gabriel (ed.): U.S.-Israel Relations at the crossroads. London/ Portland: Frank Cass: 94-106.
− GOLD, Steven (1997): “Israeli immigrants in Los Angeles”, in: LIGHT, Ivan/ ISRALOWITZ, Richard E. (ed.): Immigrant Entrepreneurs and Immigrant Absorbtion in the United States and Israel. Aldershot/ Brookfield/ Singapore/ Sydney: Ashgate: 209- 238.
− LIPSON, Charles (1996): “American Support for Israel: History, Sources, Limits”, in: SHEFFER, Gabriel (ed.): U.S.-Israel Relations at the crossroads. London/ Portland: Frank Cass: 128-146.

5.1.3 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel

− ABED RABBO, Yassir/ BEILIN, Jossi (2002): “Israelisch-Palästinensische Friedenskoalition”, Le Monde diplomatique 8 (3), März 2002: 19.
− ARONSON, Geoffrey (2002): “Warum Ariel Sharon für George W. Bush ‘Der’ Mann des Friedens ist”, Le Monde diplomatique 8 (5), Mai 2002: 6f.
− CODEVILLA, Angelo (2001): “Warum wir mehr Raketen brauchen”, NZZ FOLIO, Mai 2001: 79-86.
Der Spiegel. Nr. 39, 22.9.97: 163f.
− HUBEL, Helmut/ KAIM, Marukus/ LEMBCKE, Oliver (2001): “Die USA als Friedensstifterin in Nahost-Fortschritte und Grenzen”, Neue Zürcher Zeitung, 15. Januar 2001: 7.
− KAHN, Axel (2001): “Der ewige Kampf um die heilige Stadt”, Le Monde diplomatique 8 (4), April 2002: 4.
− LEWAN, Kenneth (1997): “Was unterscheidet Netanjahu von Peres?”, Vorgänge: Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik 36 (1), März 1997: 37-40.
− LEWIS, Samuel W. (1999): “The United States and Israel: Evolution of an unwritten alliance”, MIDDLE EAST JOURNAL 53(3), Summer 1999: 364-378.
− NYE, Joseph S. (2001): “Driften Amerika und Europa auseinander?”, NZZ FOLIO, Mai 2001: 25-34.
− SPIEGEL, Steven L. (1990): “America and Israel. How bad is it? Will it get worse?”, The National Interest, Winter 1990/91: 11-22.

5.2 Literatur zu den verwendeten Theorien

− KEOHANE, Robert O./ NYE, Joseph S. (1971): “Transnational Relations and World Politics: An Introduction”, International Organization 25 (3): 329-349. − KEOHANE, Robert O./ NYE, Joseph S. (1998): “Power and Interdependence in the Information Age”, Foreign Affairs 77 (5): 81-94.
− KOHLER-KOCH, Beate (1990): “Interdependenz”, in: RITTBERGER, Volker (Hrsg.): Theorie der Internationalen Beziehungen. Sonderheft 21 der Politischen Viertelsjahresschrift. Opladen: Westdeutscher Verlag: 110-129. PW 8: 344.
− PUTNAM, Robert D. (1988): “Diplomacy and domestic politics: the logic of two-level games”, International Organization 42 (3): 427-460.
− RULOFF, Dieter (1993): “Crisis Management”, in: DUPUY, Trevor N. (ed.): International Military and Defense Encyclopedia. Vol. 6. Washington et al.: Brassey’s: 676-681.
− YOUNG, Peyton H. (ed.) (1991): Negotiation Analysis. Ann Arbor: The University of Michigan Press: 1-23. PW: 27: 32.

[...]


1 Vgl. KAHN (2002): 4.

2 Vgl. RULOFF (1993): 676.

3 Shai Feldman schreibt dazu: “In the immediate aftermath of World War II, the United States supported the creation of an independent state of Israel in reaction of the horros of the Holocaust. To some degree, this support was also induced by a sense of remorse regarding the strict immigration policy employed by the

4 Vgl. NOHLEN (1998): 64. Siehe auch LIPSON (1996): 138.

5 Vgl. LEWIS (1999): 365.

6 Vgl. SPIEGEL (1990): 11.

7 Vgl. ebd.: 13. 1962, also rund fünfzehn Jahre nach Beginn des Kalten Krieges, lieferten die USA erstmals Waffensysteme und Kampfflugzeuge nach Israel.

8 Vgl. FELDMAN (1996): 9.

9 Vgl. Meyers grosses Taschenlexikon (1995): 274. SPIEGEL (1990): 15.

10 Vgl. HOBSBAWM (1998): 309. Siehe auch LIPSON (1996): 137.

11 LEWIS (1999): 368.

12 Vgl. Meyers grosses Taschenlexikon, Bd. 10, B.I. Taschenbuchverlag, München 1995: 275.

13 Dieses Memorandum ermöglichte einen unkomplizierten personellen, militärischen und wissenschaftlichen Transfer zwischen den beiden Nationen. Vgl. FELDMAN (1996): 13.

14 Vgl. HUBEL/ KAIM/ LEMBCKE (2001): 7.

15 Vgl. KEOHANE/NYE (1971): 331. und KEOHANE/NYE (1998): 82f.

16 KOHLER-KOCH (1990): 116.

17 Vgl. EICKELPASCH (1999): 67.

18 KEOHANE/NYE (1971): 332.

19 Vgl. ebd.: 339.

20 Vgl. DAVID (1996): 94.

21 Vgl. KOHLER-KOCH (1990): 116.

22 Siehe ausführlicher zu “Autonomous political actors” KEOHANE/NYE (1971): 341. 7

23 Vgl. LIPSON (1996): 129f. und KEOHANE/NYE (1971): 342.

24 Vgl. HUBEL/ KAIM/ LEMBCKE (2001): 7. und LIPSON (1996): 129.

25 Vgl LIPSON (1996): 129.

26 Vgl. LEWAN (1997): 39.

27 Vgl. LIPSON (1996): 129.

28 GOLD (1997): 225.

29 Nach Angaben der Zeitschrift Spiegel sollen in den neunziger Jahren insgesamt rund 18 Millionen Dollar von Moskowitz gespendet worden sein. Vgl. Der Spiegel (1997): 164.

30 Analog zu Clintons Bemühungen um jüdische Wahlkampfspenden, umworb der israelische Präsidentschaftskandidat Netanjahu den dollarschweren Moskowitz. Vgl. DER SPIEGEL (1997): 164.

31 Vgl. ebd.: 163.

32 Vgl. ABED RABBO/ BEILING (2002): 19. Siehe auch RULOFF (1993): 680.

33 YOUNG (1991): 1.

34 Vgl. PUTNAM (1988): 436. Siehe auch YOUNG (1991): 3.

35 Siehe Kapitel 2.

36 Vgl. CODEVILLA (2001): 79.

37 Vgl. NYE (2001): 31.

38 Vgl. PUTNAM (1988): 443.

39 PUTNAM (1988): 446.

40 Vgl. LEWIS (1999): 373.

41 Vgl. PUTNAM (1988): 443.

42 Vgl. LEWAN (1997): 39.

43 Vgl. ARONSON (2002): 7.

44 YOUNG (1991): 4f.

45 Vgl. YOUNG (1991): 3.

46 Vgl. PUTNAM (1988): 433.

47 Die militärische Macht der USA ist, gemessen an den Ausgaben, so gross wie diejenige der nächsten sechs Länder zusammen. Vgl. NYE (2001): 26.

48 Vgl. HUBEL/ KAIM/ LEMBCKE (2001): 7.

49 YOUNG (1969): 726. Zit. in KOHLER-KOCH (1990): 113.

50 KEOHANE/NYE (1985): 79. Zit. in KOHLER-KOCH (1990): 114.

51 Vgl. BRENNAN/BUCHANAN (1993): 109.

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15
Jahr
2002
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Deutsch
Katalognummer
v109385
Institution / Hochschule
Universität Zürich
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1 (CH: 6)
Schlagworte
Stabilität USA Israel Nahost

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