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Über Alexander Mitscherlichs "Die Unwirtlichkeit unserer Städte"

Rezension / Literaturbericht 2001 6 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Geschrieben wurde das Buch 1965, in einer Zeit, in der sich die Stimmen derer, die Kritik an der Funktionsentmischung in unseren Städten und dem vorherrschenden Brutalismus im Städtebau übten, mehrten[1]. Auch Mitscherlich reiht sich mit diesem Buch in den Chor der Kritiker ein: „Wenn Produktions-, Verwaltungs-, Vergnügungs- und Wohnbereiche regional streng getrennt sind, was hält dann das Leben einer Stadt noch zusammen?“[2]

Alexander Mitscherlich war Psychoanalytiker. Wenn man es noch nicht wußte, so muß es einem bei der Lektüre des Buches „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ auffallen. Mitscherlich stand politisch links von der Mitte, er war ein Kritiker der Adenauer-Ära und ihrer Art, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen[3]. Die Tatsache, daß mit der Gründung der Bundesrepublik zwar ein demokratisches Staatssystem entstand, die Gesellschaft jedoch nicht „von der Wurzel her“ demokratisch war, schaffte bei ihm Verbitterung. Die Demokratie war von den West-Alliierten gleichsam verordnet; in Teilen der Bevölkerung, welche die Demokratie tragen muß, wirkte jedoch der Nationalsozialismus weiter. Besonders in der Verwaltung wurde viel Personal mit Nazi-Vergangenheit weiterbeschäftigt. Die Chance eines echten politischen Neuanfangs wurde vertan.

Mit der Nachkriegsproblematik zusammenhängend wurde auch eine weitere Chance, eine Tatsache grundlegend zu ändern, nach Meinung des Autors nicht genutzt: Die städtischen Besitzverhältnisse an Grund und Boden.

„Anstiftung zum Unfrieden“ – mit diesem provokanten Untertitel steht die Absicht, die der Autor mit „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ verfolgt, dem Buch quasi auf der Stirn geschrieben.

Im ersten Abschnitt „Vorbemerkung“ wird sogleich angerissen, was mit diesem Untertitel gemeint ist. Der Autor versteht sein Buch als Pamphlet, welches die Mutlosigkeit, ein zentrales Problem zu ändern bzw. überhaupt erst als Problem zu begreifen, anprangern soll. Dieses Problem sind die städtischen Besitzverhältnisse an Grund und Boden. In diesem Abschnitt macht der Autor auch deutlich, an wen sich sein Werk richtet: „Den Hausbesitzern in Deutschland und anderswo“[4], denen er das Buch widmet.

In der vorliegenden Ausgabe der Vorbemerkung vorangestellt, handschriftlich und daher der Gefahr ausgesetzt, übergangen zu werden, sind fünf Kernprobleme, mit denen sich der Autor inhaltlich auseinandersetzt. Es sind dies erstens die Bevölkerungsexplosion, welche die städtischen Ballungen der heutigen Zeit mitverursacht sowie der technische Fortschritt, der Agglomerationen überhaupt erst ermöglicht (als Kontrast zu vorindustriellen Zuständen); zweitens die Stadt als Gegenpol zur Natur, welche der Städter zur Befriedigung seines Kontrastbedürfnisses braucht; drittens die städtischen Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden als zentrales Problem; viertens die Probleme der Kinder und Jugendlichen in unseren Städten sowie fünftens die Schaffung der Möglichkeit des nachbarschaftlichen Zusammenlebens. Als Leser sollte man sich die Mühe machen und versuchen, die Handschrift zu entziffern, da man dadurch mit dem Anliegen des Autors frühzeitig vertraut wird.

Das Buch gliedert sich nach der Vorbemerkung in vier Teile. Der erste, „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, dient als thematischer Aufriß. In ihm wird der Verfall der stadtbürgerlichen Obligationen beklagt, womit die Stadtflucht der wohlhabenderen Bevölkerungsschichten in die Peripherie - ins „Grüne“ - und damit einhergehend der Verlust der städtischen Identität gemeint ist. Denn in den „Einfamilienweiden“, wie der Autor die Einfamilienhausgebiete an den Stadträndern nennt, gilt kein städtebaulicher Kanon mehr, der eine Gruppen-Identität schafft, aus der eine Eigen-Identität hervorgehen könnte. Er kritisiert, daß an die Stelle dieser Identitätsbildung eine egoistische Selbstverwirklichung der Bauherrn getreten ist, die von den Architekten willig vollstreckt wird. Auch auf das erste der o. g. Probleme wird in diesem Kapitel eingegangen, indem zunächst zwei Funktionen der Stadt für ihre Bewohner hervorgehoben werden: Einerseits sei sie Ort der Sicherheit, der Produktion, der Befriedigung von Vitalbedürfnissen, andererseits Ort der menschlichen Bewußtseinsentwicklung. Diese Bewußtseinsentwicklung funktionierte bis zur Industrialisierung, welche Ballungen ungeahnten Ausmaßes schuf und technisch überhaupt erst möglich machte. Nachdem das in Städten gebildete Bewußtsein eine solche technische Welt hervorgebracht hat, versage es nun bei der Integration des eigenen Produktes.

Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Unfähigkeit der Stadtbewohner, den motorisierten Individualverkehr in den Griff zu bekommen.

Das zweite Problem wird u. a. im Hauptteil des Buches: „Anstiftung zum Unfrieden – Interpretation des Themas“ diskutiert. So unterstellt Mitscherlich dem Menschen ein Kontrastbedürfnis, nämlich jenes Bedürfnis, den Kontrast von Stadt und ursprünglicher Natur zu erleben. Wie sonst ist es zu erklären, daß es den Landbewohner (früher vielleicht stärker als heute) in die Stadt und in unserer Zeit den vermögenden Stadtbewohner aufs Land zieht, wo er sich ein Stück Natur der Allgemeinheit wegschnappt, es einzäunt und ein Einfamilienhaus darauf errichtet? Diesen Trend, durch den der Naturraum immer mehr technisiert wird, kritisiert der Autor. Vielmehr müsse die Natur mit ihren ursprünglichen Funktionen erhalten und vor allen Dingen jedermann frei zugänglich bleiben, um den Gegensatz zwischen Stadt und Natur erleben zu können. Leider hat sich dieser Trend der Naturzerstörung durch „Privatisierung“ bis heute fortgesetzt; was Mitscherlich in dieser Hinsicht schreibt, ist also immer noch aktuell. Das dritte Problem, die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden in den Städten, zieht sich durch alle Teile des Buches. Bei privatem Bodenbesitz könne sich eine der Allgemeinheit dienende Stadtplanung nicht durchsetzen, da ihr immer egoistische Eigeninteressen der Grundbesitzer entgegenstünden. Mitscherlich fordert stärkere Ordnungsmöglichkeiten für die Stadt, sei es durch weitgehende Enteignungsrechte oder durch ein dem mittelalterlichen Prinzip des Obereigentums (Boden, der der Stadt gehört und den diese verpachtet) und Untereigentums (Parzelle und Bauwerk, die sich in Erbpacht befinden) angelehntes System. Mitscherlich ist sich bewußt, daß eine solche Forderung als kommunistisch, jedenfalls als undemokratisch verschrien würde. Doch ist es nicht viel eher undemokratisch, wenn sich im Bereich der Bodenordnung immer die Einzelinteressen gegenüber einem dem Allgemeinwohl dienenden Interesse der Allgemeinheit durchsetzen?

Seine stärksten Momente hat das Buch, wenn der Autor aus seiner Sicht als Psychoanalytiker erläutert, welche Auswirkungen unsere Städte auf die Psyche ihrer Bewohner haben. Besonders eindrucksvoll und anschaulich gelingt ihm dies in mehreren Kapiteln des Hauptteils, wenn er schildert, welche Umweltbedingungen ein Mensch in seinen verschiedenen Lebensphasen braucht, um zu einem sozial kompetenten Individuum heranzureifen. Dem stellt er die Realität in den heutigen Großstädten gegenüber. So ist in den ersten Lebensjahren eines Kindes die Präsenz der Mutter unerläßlich. Daraus folgt für den Autor, daß Wohn- und Arbeitsbereiche der Mütter sowohl räumlich als auch zeitlich nah genug beeinanderliegen müssen, so daß die Mütter in der Lage sind, genug Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Dem gegenüber stand der Trend zur Funktionstrennung in der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde.

Im zweiten Lebensabschnitt steigt der Bewegungsdrang des Kindes, für den ausreichend Platz sowohl in der Wohnung als auch in der Wohngegend vorhanden sein muß. Da in vielen Wohnungen und in den meisten Siedlungen dieser Platz fehlt („das Betreten des Rasens ist verboten“), kollidiert das Kind ständig mit den Tätigkeiten der Erwachsenen und muß sich als der Schwächere viel zu früh der Erwachsenenwelt anpassen. Autonomiebestrebungen werden also durch Strafandrohung frühzeitig unterdrückt: der Durchschnitts-Angestellte wird nach Ansicht des Autors somit schon im Kindesalter konditioniert.

In engem Zusammenhang mit dieser Thematik stehen der dritte („Konfession zur Nachwelt-Was macht eine Wohnung zur Heimat?“) und vierte („Großstadt und Neurose“) Teil des Buches. Im dritten Teil erläutert der Autor, wohin es führt, wenn an die Stelle von geglückten zwischenmenschlichen Beziehungen Dinge treten: zum „Wohn-Fetischismus“, übertriebene Haushaltspflege, „eine zu unser aller Unglück in eine Tugend umgedeutete Krankheit: die Krankheit nämlich, mit menschlichen Kontakten nicht ins klare zu kommen und statt dessen reine Böden zu schaffen“[5]. Daß eine solche Wohnung einem Kind nie zur Heimat, es vielmehr selbst in diese neurotische Ordnungssucht gedrängt und zum Wohnfetischisten wird, legt der Autor überzeugend dar. Diese Ordnungssucht ist ja nicht nur auf die Wohnungen beschränkt, vielmehr setzt sie sich auch in der Gestaltung der Wohnanlagen fort: Wo durch „Betreten verboten“ - , „Spielen verboten“ – Schilder und dergleichen erst den Kindern, dann den Jugendlichen der Raum genommen wird und dieser Verlust nicht durch großzügige Wohnungen und Freizeiteinrichtungen kompensiert wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich bei den Heranwachsenden Frust aufstaut, der sich aggressiv in Form von Jugendkriminalität oder im Konsum von Drogen entlädt. Die Schilderungen von Christiane F. in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ vom Leben in der Berliner Gropiusstadt aus der Sicht eines Kindes bestätigt mehr als ein Jahrzehnt nach „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ die Richtigkeit der Ergebnisse von Alexander Mitscherlich.

Wo Menschen so eng gepfercht werden wie in vielen Wohnanlagen, ist es kein Wunder, daß sich Aggression aufstaut, die sich an den Mitmenschen, häufig den Nachbarn, entlädt. Für die allgemeine Unzufriedenheit wird der „böse Nachbar“ verantwortlich gemacht, von dem man aufgrund der Enge eben manchmal in seiner Ruhe gestört wird. Als Folge davon kapselt man sich in seiner Wohnung von den Mitmenschen ab, nachbarschaftliche Beziehungen, die früher „Stadt“ zu einem großen Teil ausmachten, haben vielfach ausgedient. Hier sollte nach Mitscherlichs Meinung Stadtplanung ansetzen und Voraussetzungen für nachbarschaftliche Beziehungen schaffen. Was diese Voraussetzungen sein könnten, wird indessen nicht erläutert.

Man könnte dem Autor vorhalten, für die von ihm diskutierten Probleme, insbesondere die Eigentumsverhältnisse an städtischem Grund und Boden, keine realistischen Lösungen vorzuschlagen. Hierfür entschuldigt er sich jedoch gleich zu Beginn des Buches, schließlich sei die Aufgabe eines Pamphletes die Anklage. Und diese Anklage ist Alexander Mitscherlich sowohl sprachlich als auch inhaltlich gelungen. Da sich an den angesprochenen Mißständen in unseren Städten, insbesondere der Funktionstrennung, der Zersiedelung der Landschaft und eben den Besitzverhältnissen am städtischen Boden, seit Erscheinen des Buches nicht viel geändert hat, ist Mitscherlichs Kritik immer noch aktuell. Daß sein Buch an diesem Mißstand nichts ändern würde, hat er auch schon geahnt, schließlich müsse man einen Volksaufstand befürchten, wollte man etwas an den Besitzverhältnissen ändern. Doch ein anderes, dem Buche vom Autor selbst prophezeites Schicksal, ist nicht eingetreten: daß es vergilbt wie Manifeste und Pamphlete vor diesem. 1968, drei Jahre nachdem es geschrieben wurde, lag das Buch in der fünften Auflage vor und man kann ihm von ganzem Herzen noch viele Auflagen wünschen.

Literatur

Jacobs, Jane: Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Berlin 1963

Kielmansegg, Peter Graf: Nach der Katastrophe, Eine Geschichte des geteilten Deutschland, in: Die Deutschen und ihre Nation, Berlin 2000

Mitscherlich, Alexander: Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Anstiftung zum Unfrieden, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1965

Siedler, Wolf Jobst: Die gemordete Stadt, 1964

[...]


[1] Vgl. Siedler: Die gemordete Stadt, 1964; Jacobs: Tod und Leben großer amerikanischer Städte, Berlin 1963.

[2] Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1965, S. 116.

[3] Vgl. Kielmansegg: Nach der Katastrophe, in: Die Deutschen und ihre Nation, Berlin 2000, S. 633 ff.

[4] Mitscherlich, a. a. O. (2), S. 7.

[5] Mitscherlich, a. a. O. (2), S. 133.

Details

Seiten
6
Jahr
2001
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109052
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Alexander Mitscherlichs Unwirtlichkeit Städte Theorie Stadt- Regionalplanung

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