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Boldt, Paul - Auf der Terrasse des Café Josty - Gedichtinterpretation

Referat / Aufsatz (Schule) 2004 9 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung

1. Gliederung

2. Einleitung
1.1. Einleitung
1.2. Textverständnis

3. Hauptteil
2.1. Inhaltliche Wiedergabe
2.2. Sprachliche Gestaltung des Textes
2.3. Interpretation
2.4. Bezugnahme zum Titel
2.5. Einordnung in die Entstehungszeit

4. Schluss

5. Anhang
5.1. Das Gedicht
5.2. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

2.1. Einleitung

Das Gedicht "Auf der Terrasse des Café Josty" wurde 1914 von Paul Boldt geschrieben und gehört damit in die Zeit des Expressionismus. Passend zur Entstehungszeit hat es die Problematik des Großstadtlebens am Beispiel Berlins zum Thema.

2.2. Textverständnis

Für den Leser ist der Text auch in der heutigen Zeit verständlich, denn es finden sich keine Wörter, die heute nicht im Sprachgebrauch sind. Auch die negative Beschreibung des Lebens in einer größeren Stadt kann man in unserer jetzigen Gesellschaft gut nachvollziehen. Obwohl ich selbst in einer größeren Stadt wohne, schaue ich auch kritisch auf dieses Thema. Berlin ist aber auch ein extremes Beispiel, an dem die diese Problematik gut veranschaulicht werden kann. Mir persönlich wäre Berlin auch zu groß und ich würde nicht gerne dort leben. Eine schnelle Dekodierung des Gedichts wird allerdings durch die zahlreichen bildlichen Darstellungen erschwert und verlangen eine intensive Beschäftigung.

3. Hauptteil

3.1. Inhaltliche Wiedergabe

Das Gedicht ist der Form eines Sonetts geschrieben, es besteht demnach aus 2 Quartetten und 2 Terzetten. In der ersten Strophe wird der Lärm auf den Straßen beschrieben, in der zweiten Strophe wird auf die Menschen und deren Treiben auf den Straßen eingegangen. Darauf bricht in der dritten Strophe die Nacht herein und in der letzten Strophe erwacht Berlin am Morgen.

Die beiden Quartette enthalten jeweils einen umarmenden Reim. Bei den Terzetten findet man einen strophenübergreifenden Kreuzreim. In der letzten Strophe reimen sich noch die beiden letzten Zeilen, so dass sie sich von der vorhergehenden Zeile und damit von dem Rest des Gedichts abgrenzen.

3.2. Sprachliche Gestaltung des Textes

An der äußeren Form fällt auf, dass die einzelnen Verse fast durchgehend aus 5 hebigen Jamben bestehen; nur die erste Zeile der ersten Strophe (4 Jamben, 1 Anapäst) und die beiden letzten Verse des zweiten Quartetts (beide 2 Jamben, 2 Daktylen) unterscheiden sich.

Zudem finden sich viele Stilfiguren wie zum Beispiel Metaphern in dem Gedicht, auf die ich jedoch erst später genauer eingehen möchte.

Was auch noch auffällt, ist, dass das Gedicht im Präsens geschrieben ist. Dies zeigt deutlich nochmal die Aktualität des Themas.

3.3. Interpretation

Aus der Überschrift kann man erkennen, dass die Person, die das Geschehen beschreibt, auf der Terrasse des Café Josty sitzt. Es sind daher also alles subjektive Eindrücke des lyrischen Ichs.

Gleich zu Beginn (Zeile 1) wird der Ort des Geschehens, der "Potsdamer Platz", genannt. Auffällig an diesem Ausdruck ist die Alliteration sowie die Klangfigur, nämlich ein Anapäst. Beides dient der deutlichen Hervorhebung. Auf diesem Platz ist immer etwas los und es ist immer laut ("ewiges Gebrüll", Zeile 1). Aber auch auf den Straßen ist es laut, das kann man an den "hallenden Lawinen" in Zeile 2 sehen. Mit der Metapher "Lawinen" ist neben den Verkehrsmitteln auch der Strom von Menschen gemeint, der sich durch die Straßen wälzt. Besonders betont wird die lärmende Menschenmenge durch die Assonanz "alle hallenden" (Zeile 2). Durch alle diese Mittel wird der ununterbrochene Verkehrsfluß beschrieben. Eine weitere Metapher findet sich in dem "vergletschert" in Zeile 2. Dies stammt aus dem Bereich des Wassers, der sich im Verlauf des Gedichtes noch häufiger findet. Mit diesem Begriff versucht Boldt auszudrücken, dass der Lärm überall immer da ist und die Szene sich nie ändert, als wäre sie eingefroren. Was auch noch in der ersten Strophe hervortritt, ist das Wort Menschenmüll, ein Neologismus. Damit wird gleich die Einstellung des lyrischen Ichs klar, dass die Menschen nicht viel wert sind, er vergleicht sie mit Anfall. Zudem kann man an dem Wort erkennen, dass die breite Masse gemeint ist und nicht ein einzelner. Daraus kann man folgern, dass ein Einzelner noch weniger wert ist. Schon beim ersten Lesen auffällig sind die Enjambements die sich durch die ganze erste Strophe ziehen. Damit wird die Eile und das Durcheinander auf den Straßen untermalt und bewirken auch eine Anspannung beim Leser.

In der zweiten Strophe kommt wieder ein Begriff aus dem Bildbereich des Wassers: "rinnen" (Zeile 5). Zusätzlich befindet sich noch eine Verdinglichung bei "Menschen rinnen", die diese ganze Szene noch abstruser wirken lässt. Die Menschen werden mit (Wasser-)Tropfen verglichen, die "über den Asphalt" (Zeile 5) rinnen. Mit dem Vergleich "wie Eidechsen flink" (Zeile 6) wird nochmals diese Hektik der Menschen auf den Straßen ausgedrückt. Genauso drückt der Neologismus "Ameisenemsig" (auch Zeile 6), der zugleich auch eine Metapher und ein Vergleich der Menschen mit Ameisen ist, dieses Gewusel aus. Denn Ameisen krabbeln auf ihren (Ameisen-)Straßen auch hin und her, ohne dass sie ihre Artgenossen um sie herum beachten. Im nächsten Vers (Zeile 7) findet sich die Synekdoche "Stirne und Hände". Dieser Ausdruck soll für den ganzen Körper und damit auch wieder für die Menschen stehen. "Stirne" selber wiederum steht für den Kopf und das Gehirn und ist damit eine Metonymie. Sie ist "von Gedanken blink" ( = von Gedanken blank; die Wortwahl ist reimungsbedingt), damit wird gezeigt, dass die Menschen auf den Straßen umhereilen ohne einen bestimmten Gedanken dabei im Kopf zu haben. Das einzige, was der Mensch verfolgt, ist das Durchkommen durch die Masse. Das kann man an dem Vergleich "Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald" (Zeile 8) erkennen, denn das Sonnenlicht versucht durch das Geäst zu scheinen, was aber schwer ist in einem dunklen Wald. Vers sieben und acht fallen aber auch durch ihre äußere Form auf, weil sie ein anderes Metrum wie der Rest des Gedichtes (abgesehen von Vers eins) haben. Durch jeweils 2 Daktylen werden "Stirne und Hände (von)" und "Schwimmen wie Sonnenlicht" nochmals hervorgehoben.

Während der vorhergehenden Strophen muss Abend gewesen sein, denn in der dritten Strophe beginnt nun die Nacht, was man an dem ersten Wort „Nachtregen" (Zeile 9) erkennen kann. Dabei wirkt der Platz furchterregend, was man aus „hüllt den Platz in eine Höhle" (Zeile 9) erkennen kann. Hinzu kommen die Fledermäuse, die der Leser auch mit etwas Bedrohlichem verbindet. Jedoch findet sich hier auch ein Oxymoron „Fledermäuse, weiß". Gemeint sind damit womöglich Lichtreflexe der Straßenlaternen und/oder Lichter aus den Häusern. Erneut findet man hier auch wieder die Verbindung zum Bildbereich des Wassers: zum Einen der "Nachtregen" (Zeile 9) und dann die „Quallen" (Zeile 11), Meerestiere, die sich hier auf den Straßen befinden. Neben dieser Bedrohung, die der Leser empfindet, mischt sich nun auch ein Ekelgefühl. Der Leser fürchtet nicht nur Quallen, sondern ekelt sich noch viel mehr vor ihnen, da die Tiere einen gallertartigen Körper haben. Die „lila Quallen“ sind Ölflecken, die von den Autos kommen, was man an den Worten „bunte Öle" in Zeile 11 sieht. Solche Ölflecken sind außerdem auch vorwiegend lila, man kann aber auch andere Farben durchschimmern sehen. Während der Leser sich bei den ersten beiden Strophen denkt, diese Hektik auf den Straßen ist eben da und sie toleriert, ändert sich mit der dritten Strophe diese Einstellung, da diese Szene bedrohlich und ekelig auf ihn wirkt.

Mit der letzten Strophe spitzt sich diese Abneigung noch mehr zu. Zunächst jedoch noch zu Vers 12. Er gehört inhaltlich noch zu der dritten Strophe und ist auch über den Kreuzreim mit ihr verbunden. Mit „Die mehren sich" zeigt Boldt nochmal wie fest und unveränderlich diese Szene eigentlich ist. Obwohl sich etwas verändert, die Öle werden von den Wagen zerschnitten (Zeilen 11/12) oder Menschen wälzen sich durch die Straßen ("hallenden Lawinen" Zeile 2), bleibt doch alles gleich und läuft in dem gleichen Rhythmus weiter. Diese Zuspitzung der Empfindungen des Lesers entsteht, weil hier in den beiden letzten Zeilen alles auf einen Punkt gebracht wird und sozusagen die Schlussfolgerung des Gedichtes steht: Nämlich dass Berlin, das tagsüber ein "glitzernd Nest" (Zeile 13) ist, in dieser Nacht einen erschütternden Anblick bietet. Betont wird das Ganze noch durch den Vergleich "wie Eiter einer Pest" in Zeile 14, der das Ekeln des Lesers noch verstärkt, der aber auch einen richtiger Kontrast zu dem glitzernden Berlin tagsüber darstellt. Der Vergleich zeigt aber auch noch, wie machtlos die Menschen gegen diesen Zustand sind. Denn früher konnten die Menschen im Mittelalter auch nichts gegen die Pest machen. Wer sie hatte, musste sterben. Und genauso ist es jetzt: Die Menschen können nicht gegen diesen erbärmlichen Anblick Berlins tun.

Boldt wählte als äußere Form das Sonett. Diese Form hat eine sehr strenge Bauform und unterstützt den Eindruck, das diese Szene festgefahren und unabänderlich ist sowie dass die Gesellschaft strenge Normen und Maßstäbe hat, die das Leben in der Stadt regeln. Des Weiteren ist das Sonett auch eine der ältesten Formen, sodass es zeigt, dass die Gesellschaft schon lange so ist und auch noch länger so bleiben wird.

3.4. Bezugnahme zum Titel

Der Titel passt eigentlich nicht zu diesem Gedicht, denn mit der Terrasse eines Cafés verbindet der Leser Ruhe, Höflichkeit und Bequemlichkeit. Das Gedicht ist aber das genaue Gegenteil, da es von der Hektik und den negativen Seiten des Großstadtlebens handelt. Jedoch liefert die Überschrift die einzige Information über das lyrische Ich. Dadurch dass man weiß, dass das lyrische ich auf einer Terrasse sitzt und das beschreibt, was es sieht, wissen wir, dass es nur eine subjektive Meinung ist. Da der Einzelne aber nichts zählt, geht die Meinung des lyrischen Ichs über die Gesellschaft unter. Auch wenn es mehrere wären, die solche Gedanken haben, würde das nichts ändern, denn gegen die breite Masse kommt man nicht an. Allerdings liefert der Autor auch eine Lösung für diese Problematik mit, er kritisiert die Gesellschaft, die in Großstädten lebt, weil man als Individuum nichts zählt. Würde man das ändern, könnte man sich individueller entfalten und die Stadt würde vielleicht auch schöner werden, sie hätte dann nicht nur tagsüber eine prunkvolle Fassade, sondern ist auch nachts schön.

3.5. Einordnung in die Entstehungszeit

Das Thema und die Kritik an dem Leben in einer (Groß-)Stadt ist typisch für expressionistische Gedichte. Genau die gleiche Kritik findet man zum Beispiel in dem Gedicht "Städter" von A. Wolfenstein, um nur ein Beispiel zu nennen. Allgemein beengt die Stadt einen und lässt ihn unpersönlicher werden. Mit der Zeit entwickelt sich aus dieser Anonymität Unfreundlichkeit usw. Dadurch werden alle Menschen gleich, sie empfinden nichts mehr und sind nicht mehr wert. Sie sind unwichtig. Die Dichter und Schriftsteller der damaligen Zeit wollten damit ihre Unzufriedenheit an der Gesellschaft zeigen. Sie protestierten praktisch durch ihre Werke gegen Kapitalinteressen, technisch-ökonomischem Nützlichkeitsdenken und imperialistischem Eroberungsträumen.

4. Schluss

Insgesamt kritisiert Boldt das Verhalten der Menschen in einer Großstadt. Sie leben nur für sich, drängen sich durch eine Menschenmasse ohne Rücksicht zu nehmen, sind profitsüchtig, haben sonst nichts im Kopf usw. Zusammenfassend kann man also sagen, das dieses Gedicht sehr gut in seine Entstehungszeit hineinpasst, da es den typischen Kritikpunkt des Großstadtlebens beinhaltet: Der Mensch ist nichts mehr wert und überall bietet sich nur ein erschütternder und erbärmlicher Anblick unseres Lebensraumes. Mir persönlich gefällt dieses Gedicht nicht so gut, weil sich dieses Ekelgefühl auch auf mich übertragen hat und es sehr vollgepackt (für mich zu viel) ist mit bildlichen Darstellungen, dass es wirklich schwer ist, dahinter zu kommen. Andere Gedichte des Expressionismus gefallen mir jedoch sehr gut, da ich die Kritik an der Gesellschaft sehr gut finde und weil ich denke, dass sie auch jetzt noch zutrifft.

5. Anhang:

5.1.Das Gedicht

P. Boldt: Auf der Terrasse des Café Josty

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll

Vergletschert alle hallenden Lawinen

Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,

Automobile und den Menschenmüll.

Die Menschen rinnen über den Asphalt,

Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.

Stirne und Hände, von Gedanken blink,

Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,

Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen

Und lila Quallen liegen – bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von dem Wagen. –

Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,

Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

5.2. Literaturverzeichnis

A. Wolfenstein, „Städter“ (1913)

Details

Seiten
9
Jahr
2004
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109026
Note
Schlagworte
Boldt Paul Terrasse Café Josty Gedichtinterpretation

Autor

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Titel: Boldt, Paul - Auf der Terrasse des Café Josty - Gedichtinterpretation