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Die Rezeption der Rationalisierungskonzepte von Taylor und Ford in der frühen Sowjetunion der 20iger Jahre

Hausarbeit 2004 12 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Grundlagen der Rationalisierungskonzepte von Taylor und Ford

3. Wirtschaftliche Bedingungen Anfang der 20er Jahre in der UdSSR

4. Übernahme der Rationalisierungskonzepte in der UdSSR und deren Zielsetzung sowie Probleme, die sich aus der Übernahme ergaben

5. Schlußbemerkungen

1. Einleitung

Die Ideen von Taylor und Ford beeinflußten Anfang der 20er Jahre nicht nur die Staaten der kapitalistischen Welt sondern auch die im Entstehen begriffene Sowjetunion.

Die Auswirkungen der Prinzipien waren die weitere Steigerung der Arbeitsproduktivität durch die schnelle Einführung neuer Technik und die Automatisation und die wirtschaftliche Rechnungsführung.

Obwohl diese Prinzipien auf der Grundlage der kapitalistischen Wirtschaft ausgeprägt wurden hatten, und haben, sie gewisse Allgemeingültigkeit für die menschliche Arbeit in der Gesellschaft. Nur die Ausnutzung der neuen Technik, der Steigerung der Arbeitsproduktivität und dem sparsamen Umgang mit Rohstoffen und Materialien ermöglicht ein ständiges Wachstum der Wirtschaft und damit des Lebensniveaus der Gesellschaft.

2. Grundlagen der Rationalisierungskonzepte von Taylor und Ford

„Seit 1870 haben sich Erfinder, Wissenschaftler und Systematiker damit beschäftigt, die technologischen Systeme der modernen Welt zu schaffen. Heute lebt der größte Teil der industrialisierten Welt in einem künstlichen Umfeld, das von diesen Systemen strukturiert wird, und nicht in der natürlichen Umwelt vergangener Jahrhunderte.“ 1

Der amerikanische Ingenieur Frederik Winslow Taylor 1856 – 1915 entwickelte ein Rationalisierungssystem, dem eine weitgehende Arbeitsteilung in der Produktion und die Methodik des Arbeitsstudium zugrunde lag. Er studierte die verschiedenen Arbeitsabläufe in Produktionsprozesse und versuchte diese zusammenzufassen und damit effektiver zu gestalten. „Taylor versuchte ein System für den Einsatz der Arbeitskräfte zu schaffen, als seien sie Bestandteile einer großen Maschine . in der sich die mechanischen und die menschlichen Teile praktisch nicht voreinander unterscheiden ließen.“ 2 Sein Ziel war ein System der umfassenden physischen und psychischen Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft im Interesse einer größtmöglichen Gewinnerzielung.

„Taylor war nicht der Erste, der empfohlen hat, die Betriebsführung auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, aber seine an Besessenheit grenzende Begeisterung und Hingabe bei der Verbreitung seiner Auffassungen über die moderne Betriebsführung, seine starke Persönlichkeit und sein sehr ungewöhnlicher, von Fehlschlägen und Erfolgen gekennzeichneter Lebensweg haben bei seinen Zeitgenossen und den folgenden Generationen einen starken unauslöschlichen Eindruck hinterlassen.“

Henry Ford 1863 – 1947 amerikanischer Industrieller gründete 1903 die Ford Motor Company . Neben seiner Tätigkeit als Unternehmer war er auch als Techniker und Erfinder erfolgreich. Er entwickelte durch schärfste Rationalisierungsmaßnahmen gekennzeichnete Produktions- und Verkaufsmethoden. Er wollte die Fabrik zu einer gut funktionierenden Maschine machen.

Über die Produktion seiner Automobile und der hohen Nachfrage nach den neuen „Fortbewegungsmöglichkeiten“ kam Ford zur Anwendung der Fließbandfertigung. Er wollte ein hohes Arbeitstempo in den Produktionsstätten erreichen, um die vorhandene große Nachfrage an Pkw zu befriedigen und damit einen höchstmöglichen Gewinn erzielen.

„ Henry Fords Produktionssystem ist bis heute das Bekannteste unter den großen technologischen Systemen, die in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen entstanden sind. Die Zeitgenossen haben es gewöhnlich als ein mechanisches Produktionssystem mit Werkzeugmaschinen und Fließbänder gesehen. Aber zu dem System von Ford gehörten auch Eisenhütten, Eisenbahnen für den Transport der Rohstoffe, Bergwerke, wo die Rohstoffe gewonnen wurden, straf organisierte Fabriken, die funktionierten wie große Maschinen, und hochspezialisierte Finanz-, Verwaltungs-, Arbeitnehmer- und Verkaufsorganisationen.“ 2

Er führte in seinen Betrieben den Akkordlohn ein, mit dem das hohe Arbeitstempo legitimiert wurde. Es wurde als gutes Beispiel hervorgehoben, daß jeder Arbeiter es selbst in der Hand hatte durch eine Steigerung seiner Leistungsfähigkeit seinen Lohn zu erhöhen. Als moralischer Druck gegenüber den Gegnern des Akkordlohnes wurde die mögliche Arbeitslosigkeit angeführt.

Beiden war gemeinsam, dass der Mensch sich in dem System unterwerfen mußte und nur ein Teil des Prozesses der Steigerung der Arbeitsproduktivität und damit der maximalen Gewinnerzielung war. Die humanitäre Seite des Produktionsprozesses wurde kaum beachtet, auch wenn Ford zeigte, „dass er entschlossen war, den fleißigen Arbeiter mit einem Anteil am Gewinn zu entschädigen, den eine leistungsfähige und gesteigerte Produktion brachte.“ 3

3. Wirtschaftliche Bedingungen Anfang der 20er Jahre in der UdSSR

Die wirtschaftliche Lage Anfang der 20er Jahre in der Sowjetunion war katastrophal. Die Wirtschaft Rußlands vor dem 1. Weltkrieg war noch nicht von großen Wirtschaftseinheiten und Großbetrieben gekennzeichnet. Vier Jahre 1. Weltkrieg, drei Jahre Intervention und der Bürgerkrieg in Rußland hatten die vorhandene Wirtschaft stark zerrüttet. Viele Betriebe waren völlig zerstört. Selbst die Grundlagen für den Aufbau der Wirtschaft waren kaum vorhanden. So erreichte die Roheisenproduktion nur ca. 3 % der Vorkriegsproduktion. Viele Kohlebergbaubetriebe konnten nur eine geringe Fördermenge verzeichnen.

Die Wirtschaft konnte viele notwendige Artikel des täglichen Bedarfes nicht im entsprechenden Umfang bereitstellen. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung war groß, da die Lebenslage im Land von Hungersnot bzw. Unterernährung geprägt war. Diese Unzufriedenheit wurde zusätzlich durch verschiedene Kreise politisch ausgenutzt, um Stimmung gegen die Sowjetunion zu machen und die Bevölkerung aufzuwiegeln gegen die neue Gesellschaftsordnung vorzugehen.

Nur durch eine schnelle Verbesserung der allgemeinen Lebenslage der Bevölkerung konnte dem Volk die Richtigkeit des eingeschlagenen Kurses des Aufbaus der Sowjetunion vermittelt werden.

W. I. Lenin führte aus, „der Sozialismus wird nicht durch Erlasse von oben geschaffen. Seinem Geiste ist der fiskalisch-bürokratische Automatismus fremd. Der lebendige, schöpferische Sozialismus ist das Werk der Volksmassen selbst.“ 1

„Bei den ersten Schritten können Schwierigkeiten auftreten, kann sich der Grad der Vorbereitung als ungenügend erweisen. Aber man muß in der Praxis lernen, das Land zu verwalten, muß lernen, was früher das Monopol der Bourgeoisie war.“ 2

Die Regierung der Sowjetunion war bemüht für den Neuaufbau der Industrie von anderen Ländern Kredite bewilligt zu bekommen, jedoch auch auf Grund der politischen Lage Anfang der 20er Jahre war kein Land bereit der Sowjetunion einen Kredit einzuräumen.

Deshalb mußte die gesamte Industrie durch die Gesellschaft unter harten Bedingungen und Entbehrungen selbst wieder aufgebaut werden.

4. Übernahme der Rationalisierungskonzepte in der UdSSR und deren Zielsetzung sowie Probleme, die sich aus der Übernahme ergaben

W. I. Lenin äußerte in seinem Werk – Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht – „Mit der Schaffung eines neuen, des sowjetischen Staatstypus.. haben wir erst eine kleine Teil der schwierigen Aufgabe gelöst. Die Hauptschwierigkeit liegt auf ökonomischem Gebiet: überall die strengste Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion und Verteilung der Produkte durchzuführen, die Arbeitsproduktivität zu steigern, die Produktion tatsächlich zu vergesellschaften.“ 1

Lenin war sich bewußt, dass die Menschen von sich aus nicht die Einsicht hätten weshalb unter den schlechten Lebensbedingungen auch noch die Arbeitsproduktivität gesteigert werden sollte. Die Regierung unternahm deshalb Anfang der 20er Jahre eine große politische Aufklärungsarbeit mit dem Ziel der Bevölkerung zu vermitteln, dass sie nur aus eigener Kraft und durch erhöhte Anstrengungen in der Lage wären die eigene Lebenslage zu verbessern.

Die Arbeitsdisziplin und die Arbeitsproduktivität war in der Sowjetunion jedoch auch auf Grund historischen Wurzeln und der Mentalität nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern Europas. Diese Tatsache bedeutete, dass insbesondere über die Hebung der Arbeitsdisziplin bereits eine Steigerung der Arbeitsproduktivität erreicht werden konnte bevor weitere Maßnahmen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, wie Mechanisierung, Einführung neuer Techniken usw. eingeleitet werden konnten.

„Im Sozialismus, in dem die Produktionsmittel Eigentum der Gesellschaft sind, ist die Ausbeutung der Arbeit beseitigt. Die Arbeit wurde aber noch nicht zum ersten Lebensbedürfnis, sondern bleibt ein Mittel zum Leben, die einzige Quelle für den Erwerb des Lebensunterhaltes. Hieraus rührt auch die Notwendigkeit für eine strenge Normung der Arbeit, für die Durchführung der Arbeitsdisziplin unter Anwendung von Gegenmaßnahmen

gegen diejenigen, die sich der Arbeit entziehen.“ 2

Lenin sah als Bedingungen für die Steigerung der Arbeitsproduktivität die Hebung des Bildungsniveaus, die Hebung der Disziplin der Werktätigen, ihres Könnens, der Steigerung der Arbeitsintensität und der besseren Arbeitsorganisation an.

Lenin studierte die Veröffentlichungen von Taylor eingehend und schätzte ein,dass viele Teile in der Praxis der Sowjetunion eingeführt werden könnten mit der Ziel den Aufbau des Sozialismus schneller zu erreichen und das Lebensniveaus der Bevölkerung zu verbessern.

Lenin schrieb, „ das letzte Wort des Kapitalismus in dieser Hinsicht, das Taylorsystem, vereinigt in sich- wie alle Fortschritte des Kapitalismus – die raffinierte Bestialität der bürgerlichen Ausbeutung und eine Reihe wertvollster wissenschaftlicher Errungenschaften in der Analyse der mechanischen Bewegungen, der Ausarbeitung der richtigen Arbeitsmethoden, der Einführung der besten Systeme der Rechnungsführung und Kontrolle usw. Die Sowjetrepublik muß um jeden Preis alles Wertvolle übernehmen, was Wissenschaft und Technik auf diesem Gebiet errungen haben. Die Realisierbarkeit des Sozialismus hängt ab eben von unseren Erfolgen bei der Verbindung der Sowjetmacht und der sowjetischen Verwaltungsorganisation mit dem neuesten Fortschritt des Kapitalismus.“ 1

Bereits 1920 wurde auf Vorschlag Lenins die Direktive zur Elektrifizierung des Landes veröffentlicht. Mit der Elektrifizierung sollten die Grundlagen für den Aufbau der gesamten Wirtschaft gelegt werden.

Es wurden viele Anstrengungen unternommen, um die vorhandenen Großbetriebe wieder aufzubauen bzw. wurde der Bau neuer Werke begonnen.

Von vielen sowjetischen Wirtschaftsfunktionären wurden die System von Taylor als wichtig für die Sowjetunion angesehen. Sie waren überzeugt, dass die modernen amerikanischen Technologien und Methoden in der Sowjetunion angewendet einen schnellen Aufschwung bringen würden. Lenin führte mehrfach aus, dass es zur industriellen Revolution mehr braucht als Maschinen, Verfahren und Ideen, sondern auch der Durchsetzung einer Ordnung, der Zentralisierung und der Kontrolle.

Lenin beabsichtigte amerikanische Ingenieure in das Land zu holen, die bei der Einführung des Taylorsystems helfen sollten. Er war der festen Überzeugung, dass es gelingen konnte die Vorteile des Taylorsystems in der Sowjetunion zu nutzen, da hier eine Steigerung der Arbeitsproduktivität und damit eine Erhöhung des Gewinnes des Unternehmen nicht einem Unternehmer sondern im Endergebnis der gesamten Gesellschaft nutzbar gemacht würde.

Er war der Auffassung, dass die Arbeitsanleitungen und Vorausplanungen des Taylorsystems es erlaubten, dass die Techniker mit Millionen von ungelernten Arbeirtskräften aus der bäuerlichen Bevölkerung die Wirtschaft in wenigen Jahren aufbauen könnten.

Stalin brachte die Bewunderung für die amerikanischen Methoden 1924 deutlich zum Ausdruck, als er erklärte: „das amerikanische Leistungsprinzip sei ein leninistischen Grundprinzip; der amerikanische Leistungswille ist jene unüberwindliche Kraft, die kein Hindernis kennt oder anerkennt, die an einer einmal begonnene Aufgabe weiterarbeitet, bis sie bewältigt ist, selbst wenn es eine weniger bedeutende Aufgabe ist, und ohne diesen Leistungswillen ist eine erfolgreiche konstruktive Arbeit unvorstellbar... Die Kombination aus dem russischen revolutionären Schwung und den amerikanischen Leistungswillen ist der Kern des Leninismus...“ 1

Das Land überlebte die kriegerischen Auseinandersetzungen mit fremden Mächten und den Bürgerkrieg in diesen Jahren, aber erst nachdem die sowjetische Führung anfing, die Manager und Techniker, die Fachleute, mit den Führungsaufgaben zu betrauen, die ihrer Ausbildung entsprachen konnten Erfolge in der Erhöhung der Produktion in allen wichtigen Wirtschaftszweigen erreicht werden.

Lenin erkannte, dass das geplante Tempo bei dem Aufbau bzw. Wiederaufbau der Industrie und die Steigerung der Arbeitsproduktivität aus eigenen Kräften mit den relativ unzureichend ausgebildeten Arbeitern und Millionen von Beschäftigten, die aus der Landwirtschaft in die Produktionsstätten kamen nicht erreicht werden könnte. Lenin rechtfertigte damit die Heranziehung vieler alter Fachkräfte, die an entscheidenden Stellen eingesetzt wurden, um mit ihrem Wissen und Können bei dem Aufbau der Wirtschaft behilflich zu sein.

Lenin leitete auf dem X.Parteitag der KpdSU im März 1921 eine neue Phase des Wirtschaftsaufbaus, die Neue Ökonomische Politik [NÖP] ein.

„Sie bedeutete den vorläufigen Verzicht auf die zentrale Planung und Kontrolle durch die Regierung. Nach 1921 tolerierte das Regime das Fortbestehen einer beachtlichen Zahl privater industrieller und kaufmännischer Unternehmungen, während es selbst die entscheidenden wirtschaftlichen Bereiche in der Hand behielt. Das waren die Schwerindustrie, das Transportwesen und die Versorgung mit Elektrizität. Während der NÖP - Periode begann die Sowjetregierung mit der Planwirtschaft, und diese Entwicklung erreichte 1928 mit dem ersten Fünfjahresplan und der Abschaffung des privaten Unternehmertums in der Industrie und Landwirtschaft ihren Höhepunkt…..Nach Abschluß der sowjetisch – deutschen politischen und wirtschaftlichen Vereinbarungen von Rapallo im Jahr 1922 haben sich deutsche Fabrikanten und technische Fachleute besonders intensiv an der Entwicklung der sowjetischen Wirtschaft beteiligt. Nach 1928 während des ersten Fünfjahresplans ging die Sowjetunion dazu über, von Ausländern errichtete Fabriken zu kaufen und selbst zu übernehmen. Ausländische Fachleute setzten die Produktion in diesen Betrieben in Gang und übergaben sie dann sowjetischen Managern, Ingenieuren und Arbeitern“ 2

1926 hatte die Sowjetunion ihren Vorkriegszustand in der Industrieproduktion bereits überschritten.

Zum Einsatz von Fachkräften aus den früheren russischen Unternehmen und aus dem Ausland sagte Lenin, „wir mußten jetzt zu dem alten, bürgerlichen Mittel greifen und uns mit einer sehr hohen Bezahlung der „Dienste“ der bedeutendsten bürgerlichen Spezialisten einverstanden erklären. Alle, die die Dinge kennen, sehen das, aber nicht alle überlegen sich die Bedeutung einer derartigen Maßnahme des proletarischen Staates. Es ist klar, dass eine solche Maßnahme ein Kompromiß, eine Abweichung von den Prinzipien der Pariser Kommune“... darstellt. 1

„ Je schneller wir selbst, die Arbeiter und Bauern, uns eine bessere Arbeitsdisziplin und eine höhere Arbeitstechnik aneignen, indem wir, um von ihnen zu lernen, die bürgerlichen Spezialisten ausnutzen, desto eher werden wir uns von jedem „Tribut“ an diese Spezialisten befreien.“ 2

Er erkannte, dass der kommunistische Grundsatz von der Gleichheit der Löhne und Gehälter in dieser Periode des Aufbaus der neuen Gesellschaftsordnung nicht durchführbar war.

Die Produktionssteigerung war für Russland eine Frage des Überlebens, und so setzte sich der Pragmatismus Lenins durch. Beim Entwurf des ersten Fünfjahresplans Mitte der 1920er Jahre ließ sich die sowjetische Führung von Fachleuten für wissenschaftliche Betriebsführung, besonders von Amerikanern beraten, die sie <<mit der ganzen Vielzahl der Techniken des Arsenals von Taylor>> bekannt machten. In der Sowjetunion wurde der Taylorismus nicht nur auf dem begrenzten Feld der Organisation von Fabriken, sondern in der gesamten Wirtschaft des Landes angewandt. Die Kommunistische Partei wollte die Bevölkerung davon überzeugen, dass die wissenschaftliche Betriebsführung absolut den Grundsätzen des wissenschaftlichen Marxismus entsprach.

Die Gewerkschaften sowie auch einige Funktionäre der Parteiführung und Regierung widersetzten sich dem Bestreben Lenins das Taylorsystem in der Sowjetunion einzuführen, und sagten voraus, in der Sowjetunion würde die Einführung zu verhängnisvollen Fehlentwicklungen führen, wie sie von den Gewerkschaften im Ausland bekämpft worden sein. Insbesondere die Gewerkschaften sahen nicht, dass Lenin eine Steigerung der Arbeitsintensität und der Arbeitsproduktivität nicht forderte, um für einige Führungskräfte einen höheren Lebensstandard zu erreichen, sondern er wollte, dass das Ergebnis dieser Anstrengungen allen Menschen zugute kam. Die Gewerkschaften befürchteten, dass durch den hohen Leistungsdruck in der Produktion ähnliche Erscheinungen, wie z. B Arbeitsunfälle, hohe Anzahl der Krankheitsfälle und die Verkürzung der Lebensaltern der Beschäftigten, wie sie in den kapitalistischen Staaten zu verzeichnen waren auch in der Sowjetunion eintreten würden.

Da die Gewerkschaften nach Auffassung Lenins noch behaftet waren mit dem Denken gegen die Betriebsleitung zu kämpfen oftmals die neuen politischen Bedingungen nicht erkannten.

Lenin erarbeitet die politischen Grundlagen Anfang der 20er Jahre für die Führung des Wettbewerbes in den Betrieben und unter den Betrieben. Er sah es als eine entscheidende Frage der Steigerung der Arbeitsproduktivität an mittels des Wettbewerbes gute Methoden zu verallgemeinern und um andere Wirtschafteinheiten mitzureißen.

Lenin führte aus,“... die Kraft des Beispiel die Möglichkeit, eine Massenwirksamkeit auszuüben. Die musterhaften Kommunen müssen und werden für die zurückgebliebenen Kommunen Erzieher, Lehrer und Helfer sein. Die Presse muß ein Werkzeug des sozialistischen Aufbaus sein, indem sie über die Erfolge der Musterkommunen in aller Ausführlichkeit informieren, die Ursachen ihres Erfolges, ihre Wirtschaftsmethoden untersucht und anderseits diejenigen Kommunen „ans schwarze Brett“ bringt, die hartnäckig die „Traditionen des Kapitalismus“ d.h. Anarchie, Faulenzerei Unordnung und Spekulation, beibehalten.“ 1

Lenin wies nach, dass ein Wettbewerb im Sozialismus nicht gleichzusetzen ist mit dem Wettbewerb, den die Arbeiter in den kapitalistischen Betrieben ausgesetzt wären. Im Sozialismus geht es darum auf humane Art, die Erfahrungen anderer zu nutzen mit dem Ziel dadurch die eigenen Ergebnisse zu steigern, ohne dass der Wettbewerb zu einem Arbeitsstress führt.

Im Rahmen des sozialistischen Wettbewerbes wurden die Arbeiter qualifiziert, es erfolgte eine Auswahl der Facharbeiter und Fachkräfte, die Mechanisierung der Arbeitsprozesse wurde vorangetrieben und die Verantwortungslosigkeit wurde bekämpft. In allen Großbetrieben wurden Aktivitäten eingeleitet die vorhandenen Betriebseinrichtungen besser auszunutzen, die Produktionswege zu verkürzen sowie die Rohstoffe besser auszunutzen.

[1] Lenin Werke Band 27 Dietz Verlag Berlin 1974 S.251

Auch durch den landesweit eingeführten Wettbewerb konnten in der Sowjetunion große Erfolge bei der Steigerung der Industrieproduktion erreicht werden, so dass sich das Lebensniveau der Bevölkerung langsam stabilisierte.

„Mit der Einführung des Taylorismus in der Sowjetunion ergaben sich jedoch zahllose Probleme. Ein System der wissenschaftlichen Betriebsführung, das in einer und für eine hochindustrialisierte Nation mit einer äußerst komplexen und produktiven Marktwirtschaft entwickelt worden war, wurde nun in einer industriell rückständigen Nation erprobt, die den Versuch unternahm, die Planwirtschaft einzuführen. Die amerikanischen Techniker und Betriebswirtschaftler, die bei dem Technologietransfer in die Sowjetunion in den 1920er Jahren eine führende Rolle spielten, erzählen bei ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten von begeisterten, überstürzten Bemühungen, das System von Taylor einzurichten, die von katastrophalen Fehlschlägen gekennzeichnet waren. Das die Bauern, die nun Industriearbeiter geworden waren, nicht rechtzeitig zur Arbeit kamen, weil sie keine Uhren besaßen, wirft ein Schlaglicht auf das gewaltige Problem des Technologietransfers. Darüber hinaus hatten die Parteimitglieder, die verantwortlich dafür waren, die Ingenieure, Manager und Arbeiter zu beaufsichtigen und zu motivieren, oft keine Vorstellung davon, welches System der wissenschaftlichen Betriebsführung zugrunde lag. Sie verlangten in einem Teil eines integrierten Fabrikationssystems die Beschleunigung der Produktion, während sie die Arbeit in anderen Teilen des Systems vernachlässigten. Auf diese Weise entstanden gewaltige Verzögerungen, Engpässe und Stockungen. Unter dem Druck unrealistischer Produktionsnormen und angesichts möglicher Einkommensverluste wurden die neu importierte Maschinen von den Arbeitern, die unbedingt ihre Normen erfüllen wollten, so stark beansprucht, dass sie versagten und bei dem Versuch, den Arbeitsablauf zu vereinfachen, minderwertige Produkte erzeugten.“ 1

„Unvernünftige und unsystematische Beschleunigungen des Arbeitstempos und Erhöhungen der Produktionsnormen wurden zu einer typischen Erscheinung im sowjetischen Taylorismus und in der sowjetischen Technologie.“ 2

„Im Mai 1929, ein Jahr nach Inkrafttreten des ersten Fünfjahrplanes, unterzeichnete die Ford Motor Company einen Vertrag mit dem Obersten Wirtschaftsrat der Sowjetunion. Darin verpflichtete sich Ford, genaue Pläne für den Bau der Automobilfabrik zur Verfügung zu stellen und die für die Produktion und Montage von jährlich 100 000 Automobilen des Modells A und von Lastwagen des Modells AA Ausrüstungen zu liefern und aufzustellen.“ 1

5. Schlussbemerkungen

Die sowjetische Regierung unter Lenins Führung hatte erkannt, daß der notwendige Aufbau der Industrie für die schnelle Erhöhung des Lebensniveaus, da auf jede Hilfe von anderen Ländern verzichtet werden mußte, nur über eine eigene Kraftanstrengung der Bevölkerung zu erreichen war. Mit diesem Ziel hat die Sowjetunion versucht die zur damaligen Zeit fortschrittlichsten Methoden in der Führung von Produktionsprozessen aus der kapitalistischen Wirtschaft in die sozialistische Wirtschaft zu integrieren. Das damit auch gegen die eigenen politischen Auffassungen von der Lenkung der Produktion zeitweise abgerückt werden mußte, sah Lenin und die politische Führung war bemüht diese notwendigen Bedingungen der Bevölkerung zu vermitteln.

Für die Sowjetunion stand zu diesem Zeitpunkt bei der Übernahme des Taylorsystems nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund sondern alle Handlungen waren ausgerichtet, die Industrieproduktion schnell zu steigern, um damit den Aufbau des Sozialismus zu beginnen und vor allen Dingen durch die Verbesserung des Lebensniveaus der Bevölkerung diese von der Richtigkeit der neuen Gesellschaft zu überzeugen.

[1]Thomas P. Hughes: Erfindung Amerikas, S.279, Verlag C. H. Beck München, 1991

Quellennachweis:

1. Thomas P. Hughes: Erfindung Amerikas, Verlag C. H. Beck München, 1991
2. Meyers Lexikon, 1971
3. Große Sowjet- Enzyklopädie Verlag Kultur und Fortschritt Berlin 1952
4. Lenin Werke Band 27 Dietz Verlag Berlin 1974 „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“
5. Lenin Biographie Dietz Verlag Berlin 1969

[...]


1 Thomas P. Hughes: Erfindung Amerikas, S. 190, Verlag C.H.Beck München, 1991

2 Ebenda S.193

1 Thomas P. Hughes: Erfindung Amerikas, S193/194, Verlag C. H. München, 1991

2 Ebenda S.191

3 Ebenda S.194

1 Lenin Werke Band 26 aus Biographie Lenins Dietz Verlag Berlin 1969 S.483

2 Ebenda S.483

1 Lenin Bd.27 S 231 Dietz Verlag Berlin 1974

2 Große Sowjet-Enzyklopädie Verlag Kultur und Fortschritt Berlin 1952 S. 1133

1 Lenin Werke Band 27 Dietz Verlag Berlin 1974 S.249

1 Thomas P. Hughes: Erfindung Amerikas, S. 254/255, Verlag C. H. Beck München, 1991

2 Ebenda S.25/256

1 Lenin Werke Band 27 Dietz Verlag Berlin 1974 S.239

2 Ebenda S.241

1 Thomas P. Hughes: Erfindung Amerikas, S.263, Verlag C. H. Beck München, 1991

2 Ebenda S.264

Details

Seiten
12
Jahr
2004
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v109012
Institution / Hochschule
Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (ehem. Hochschule für Wirtschaft und Politik)
Note
2,75
Schlagworte
Rezeption Rationalisierungskonzepte Taylor Ford Sowjetunion Jahre Soziologie Arbeitswelt

Autor

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Titel: Die Rezeption der Rationalisierungskonzepte von Taylor und Ford in der frühen Sowjetunion der 20iger Jahre