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Akkulturation zwischen Europäern und Osmanen im 14. und 15. Jahrhundert am Beispiel der Landkriegführung

Seminararbeit 2002 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

INHALT

Die Verbreitung von Feuerwaffen in Europa im Spätmittelalter

Die Chronologie der Einführung von Feuerwaffen bei den Osmanen

Der Einsatz von Kanonen bei der Belagerung Konstantinopels 1453

Wege der Akkulturation in der Militärtechnologie

Eine technologische Kluft zwischen Europäern und Osmanen?

Europäisch-osmanische Akkulturation auf militärischem Gebiet - keine Einbahnstraße!

Bibliographie

Die Verbreitung von Feuerwaffen in Europa im Spätmittelalter

Die Ursprünge von Schießpulver und Feuerwaffen liegen in China. Die erste Erwähnung der Formel für Schießpulver findet sich in einem chinesischen Werk aus dem Jahre 1044. Die China beherrschenden Mongolen setzten primitive Feuerwaffen möglicherweise bereits 1241 in der Schlacht von Sajo in Ungarn, mit Sicherheit 1274 und 1281 bei ihren Invasionsversuchen in Japan ein. Sie verschossen aus Vorformen von Kanonen mittels Schießpulver Projektile (v.a. Feuerpfeile). Die neue Technologie gelangte zunächst in die islamische Welt, ab Mitte des 13. Jahrhunderts verschossen die Muslime von Katapulten aus Projektile, die mit Schießpulver gefüllt waren. Ein andalusischer Botaniker, der 1248 in Damaskus starb, nannte das zur Herstellung von Schießpulver verwendete Salpeter „chinesischen Schnee“, in Persien wurde es „chinesisches Salz“ genannt.[1]

Über die islamische Welt verbreitete sich die Kenntnis der neuen Technologie nach Europa. Das älteste bekannte Rezept zur Erzeugung von Schießpulver hier stammt von Roger Bacon aus dem Jahre 1267.[2] Im Unterschied zu den Muslimen begannen die Europäer Schießpulver als Treibmittel für Geschosse zu verwenden, womit sie eine Revolution im Kriegswesen auslösten. Wer wann wo Kanonen im modernen Sinn dieses Wortes erfunden hat, ist unbekannt. Eine Antwort ist schon wegen der Frage der Definition dieses Begriffs, die auch die allmähliche technische Entwicklung berücksichtigen muss, schwierig. Jedenfalls gab es zwischen der Erfindung des Schießpulvers und dem Auftauchen der Kanone im eigentlichen Wortsinn eine Reihe verschiedener Typen von Waffen, die irgendetwas mit „Feuer“ und „Donner“ verschossen. Dazu gehörten Dinge wie „Naphta“, „Griechisches Feuer“, „Feuerprojektile“ und einfache Formen von Raketen. Man muss also von einem länger dauernden Entwicklungsprozess ausgehen, bis Kanonen in unserem Sinn des Wortes existierten.[3]

Die ersten Hinweise in den Quellen auf die Verwendung von Kanonen sind unsicher. So wird 1284 der Einsatz von primitiven Kanonen bei der Verteidigung von Forli in Italien erwähnt, andere Hinweise beziehen sich auf Brabant 1311 und auf die Belagerung von Metz 1324.[4] Die ersten sicheren Belege finden sich in einer Ermächtigung des Stadtrates von Florenz zum Gießen von „Metallkanonen“ zur Verteidigung der Stadt aus dem Jahre 1326 und auf einer Abbildung in der Millimete-Handschrift aus England 1327, die zweifelsfrei eine Kanone zeigt.[5] Der erste gesicherte Hinweis auf den Einsatz von Kanonen bezieht sich auf die Belagerung von Cividale in Friaul 1331.[6] Von da an häufen sich in den Quellen die Nachrichten über diese neue Waffe in Europa. In Frankreich werden Kanonen 1338 zum ersten Mal erwähnt. Die Engländer setzten sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1346 bei Crecy erstmals in einer Feldschlacht ein. Allerdings blieb dies vorerst ein Einzelfall. Gesichert ist der Einsatz von Kanonen durch die Engländer bei der Belagerung von Calais 1346/47. In den beiden Jahrzehnten von 1330-1350 verbreitete sich die neue Waffe jedenfalls, ausgehend vielleicht von Italien, rasch über Mittel- und Westeuropa.[7] So konnte Francesco Petrarca in den 1350er Jahren bereits schreiben, dass Kanonen noch vor wenigen Jahren sehr selten gewesen seien, dass sie nun aber so verbreitet und vertraut geworden seien wie jede andere Art von Waffen.[8]

Nachdem Kanonen anfangs nur bei der Belagerung von Burgen und Städten eingesetzt wurden, fand sich (sieht man von dem erwähnten Einzelfall Crecy ab) seit den 1380er Jahren eine neue Verwendungsmöglichkeit in Feldschlachten. Einige der ersten seien genannt: 1382 bei Beverhoutsfeld zwischen den Bürgern von Brügge und Gent setzten letztere Kanonen ein; 1385 bei Aljubarrota hatten die Kastilier 16 große Bombarden zur Verfügung, die Schlacht gewannen trotzdem die Portugiesen, die keine Artillerie besaßen; 1387 bei Castagnaro kamen erstmals in Italien Kanonen in einer Feldschlacht zum Einsatz. Allerdings wurde noch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Artillerie nur gelegentlich in Feldschlachten verwendet. Die Mängel der damaligen Geschütze waren noch zu groß, um sie hier effektiv einsetzen zu können. Sie konnten nur mühsam bewegt werden, und ihre Zielgenauigkeit und Feuergeschwindigkeit waren gering. Deshalb war ihre Wirkung ohnehin mehr psychologischer als militärischer Natur.[9]

Handfeuerwaffen kamen etwas später als Kanonen auf, nämlich erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts. 1364 werden erstmals Handbüchsen in Perugia erwähnt, für Deutschland sind solche Waffen 1379 in Regensburg belegt.[10] Wichtig für ihre Verbreitung war die Entwicklung von Methoden zum Körnen von Schießpulver bis ungefähr 1420. In den beiden folgenden Jahrzehnten bis 1440 verbreiteten sich Handfeuerwaffen rasch in Europa, so dass sie Mitte des Jahrhunderts bereits eine allgemein gebräuchliche Waffe waren. Von dieser Zeit an kam auch die Hakenbüchse auf.[11]

Die Zentren der Herstellung von Kanonen und Schießpulver scheinen im 14. und 15. Jahrhundert in Europa und in China gelegen zu haben, während die dazwischen liegenden Länder, darunter die islamischen, nur zur Übernahme europäischer und chinesischer Erfindungen, nicht aber zu eigenen Entwicklungen imstande gewesen zu sein scheinen.[12]

Die Chronologie der Einführung von Feuerwaffen bei den Osmanen

Die Muslime lernten durch ihre geographische Nähe zu Europa Feuerwaffen bereits zu einer Zeit kennen, als deren Entwicklung noch im Anfangsstadium war, und sie übernahmen sie rasch. Die Verwendung von Kanonen durch König Mohammed IV. von Granada bei der Belagerung von Alicante und Orihuela 1331 dürfte der erste Einsatz dieser neuen Waffe auf muslimischer Seite gewesen sein.[13] Von Spanien breitete sich die neue Technologie nach Nordafrika und in den Nahen Osten aus. Dort verwendeten die Mamluken Kanonen möglicherweise bereits in den 1350er, sicher aber in den 1360er Jahren.[14]

In den Jahren 1351-1378 wurden leichte Kanonen aus Eisen in den christlichen Ländern des Balkans eingeführt. Die Osmanen lernten die neue Waffe auf ihren Kriegszügen in dieser Region kennen, und sie erkannten bald die enormen Vorteile, die sie ihnen bot.[15] In offener Feldschlacht war sie zwar noch kaum brauchbar, aber darin waren die Türken ihren Gegnern auf Grund ihrer größeren Zahl an Soldaten und ihrer besseren Disziplin und Taktik, letztere basierend auf der hohen Beweglichkeit ihrer leichten Kavallerie, ohnehin überlegen. Das einzige ernsthafte Hindernis für das osmanische Heer waren befestigte Anlagen. Kanonen boten nun die Möglichkeit, langwierige Belagerungen, auf die die Türken organisatorisch schlecht vorbereitet waren, zu verkürzen.[16]

Wann die Osmanen begannen, Schießpulver und Feuerwaffen zu verwenden, wissen wir nicht genau. Die uns vorliegenden Quellen erlauben aber den Schluss, dass dies Ende des 14. Jahrhunderts geschah. Die früheste Datierung bezieht sich auf das Jahr 1364, damals sollen die Osmanen in Bursa eine eiserne Kanone produziert haben. Dieser Hinweis ist jedoch umstritten.[17] Ähnlich unsicher sind die frühesten Angaben zum Einsatz von Artillerie auf osmanischer Seite. Sultan Murad I. soll Kanonen sowohl bei der Niederwerfung eines Aufstandes seines Sohnes Savci 1387 als auch in der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 eingesetzt haben.[18] Der Hinweis auf das Amselfeld findet sich in einer osmanischen Chronik vom Ende des 15. Jahrhunderts, in der berichtet wird, dass ein Topcu, ein Artillerist, namens Haydar, der ein Meister seiner Kunst gewesen sein soll, in dieser Schlacht seine Position neben den Kanonen vor dem Zelt des Sultans innehatte.[19]

Mit ziemlicher Sicherheit können wir davon ausgehen, dass die Osmanen ab den 1390er Jahren Artillerie verwendeten.[20] Der Deutsche Johann Schiltberger, der von 1396 bis 1402 Kriegsgefangener bei den Türken war, schreibt in seinem Bericht darüber, Sultan Bayezid I. habe 1392 die Stadt Laranda in Anatolien zur Kapitulation bewogen, indem er „püchsenn pringen und hantwerk machen“ anordnete.[21] Kanonen sollen die Türken auch in der Schlacht von Nikopolis 1396 eingesetzt haben.[22] Byzantinische Chronisten berichten vom Einsatz von Kanonen bei der ersten Belagerung Konstantinopels durch die Osmanen 1395-1402. Der Chronist Kananos schreibt, dass die türkischen Geschütze sehr groß, aber von geringer Wirkung gewesen seien. Ein anderer Chronist, Chalkokondyles, beschreibt die Belagerungsgeschütze im Detail und erwähnt, dass sie wahrscheinlich deutschen Ursprungs gewesen seien.[23] Einen weiteren Hinweis liefert ein türkischer Kataster für Albanien aus dem Jahre 1431, der die Annahme erlaubt, dass Kanonen schon zur Zeit von Sultan Mehmed I. (1413-21) und vielleicht auch schon früher in Gebrauch waren.[24] Sultan Murad II. setzte nach einem griechischen Bericht bei seinem Angriff auf Konstantinopel 1422 Kanonen („boumpardai“ genannt) ein, jedoch ohne Erfolg, weil sie zu schwach waren, um die gewaltigen Mauern der Stadt ernsthaft gefährden zu können. 70 Steinkugeln richteten nichts aus.[25] Von der Belagerung der Stadt Adalia durch den Karamanenfürsten Mehmed Beg 1424 wissen wir, dass dieser durch einen gezielten Kanonenschuss der osmanischen Verteidiger getötet wurde.[26] 1430 setzten die Osmanen Artillerie gegen Saloniki ein.[27] 1446 zerstörten sie durch konzentriertes Geschützfeuer die sechs Meilen langen Verteidigungswälle von Hexamilion auf dem Isthmus von Korinth. Der türkische Geschichtsschreiber Ashigpasazade, der uns dieses Geschehen überliefert hat, erwähnt auch, dass die Kanonenrohre erst vor Ort gegossen worden seien.[28] Sultan Murad II. (1421-51) trug der wachsenden Bedeutung der Artillerie im osmanischen Heer dadurch Rechnung, dass er eine eigene Artillerie-Truppe („topcu“) und eine spezielle Transport-Einheit für die Geschütze schuf und eine Kanonen-Gießerei bei Germe Hisar errichten ließ.[29]

Feldartillerie hatten die Osmanen seit der Zeit zwischen der Schlacht von Varna 1444 und der zweiten Schlacht auf dem Kosovo 1448, möglicherweise aber auch schon etwas früher, nämlich während der Kriege Sultan Murads II. gegen Ungarn (1440-43). Der erste klare Hinweis auf den Einsatz von Kanonen in einer Feldschlacht bezieht sich jedenfalls auf das Kosovo 1448.[30]

Ebenso unklar wie die Anfänge der Artillerie ist auch der Beginn der Verwendung von Handfeuerwaffen durch die Osmanen. Die Hakenbüchse wurde vermutlich ebenfalls während der Ungarnkriege Murads II. eingeführt und verbreitete sich unter Mehmed II. (1451-81).[31] Von der Belagerung Konstantinopels 1453 wird über den Einsatz dieser neuen Waffe auf osmanischer Seite berichtet. Nach dem ältesten türkischen Text zu diesem Thema (Enveri-Destürname) aus dem Jahre 1465 waren Handfeuerwaffen schon sehr in Gebrauch und nichts Neues mehr. Eine deutsche Quelle erwähnt den Einsatz von „puchsen“ durch türkische Angreifer bei Kenyermezö in Ungarn 1479.[32] Am Ende der Regierung Mehmeds II. 1481 gab es im osmanischen Heer bereits alle Waffengattungen und Truppenverbände, die für den Einsatz von Feuerwaffen notwendig waren und auch die entsprechenden Waffen selbst: Feld- und Festungsartillerie, Mörser, Bomben, Minen und Hakenbüchsen.[33] Die Ausstattung der türkischen Armee mit Handfeuerwaffen zog sich jedoch über mehrere Jahrzehnte hin, sie blieb daher lange Zeit lückenhaft. Der Nachfolger Mehmeds II., Sultan Bayezid II. (1481-1512), forcierte nach dem Misserfolg im Krieg gegen die Mamluken (1485-91) die Ausrüstung seiner Streitkräfte mit wirksameren Angriffswaffen. Dazu gehörte vor allem die bessere Bewaffnung der Janitscharen, die ab nun Arkebusen erhielten, sowie die Erhöhung der Feuerkraft und Mobilität der Artillerie. Die Kavallerie besaß zu dieser Zeit noch kaum Feuerwaffen, weil die Hakenbüchse für Reiter zu schwer zu handhaben war. Es bedurfte hier neuer Typen von Handfeuerwaffen wie der Muskete und der Pistole, bis auch die Kavallerie entsprechend ausgerüstet wurde. Trotzdem hatten die Osmanen zur Zeit der Eroberung Ägyptens 1517 bereits ein Korps von Arkebusieren zu Pferde.[34] Die Umrüstung der Janitscharen auf Feuerwaffen war erst Anfang des 16. Jahrhunderts abgeschlossen. Allerdings dürfte die Einführung der neuen Waffe Muskete, die zu dieser Zeit entwickelt wurde, sehr rasch vor sich gegangen sein. Der italienische Autor Spandugino berichtet nämlich, den Janitscharen sei kurz nach 1510 der Gebrauch der Muskete beigebracht worden.[35]

Es fällt auf, dass die Einführung der verschiedenen Arten von Feuerwaffen im osmanischen Heer mit einer zeitlichen Verzögerung von jeweils rund sechs bis sieben Jahrzehnten gegenüber Europa erfolgte: Belagerungsartillerie ca. 1330 bzw. nach 1390, Feldkanonen in den 1380er bzw. 1440er Jahren, Handfeuerwaffen ca. 1370/80 bzw. nach 1440 (Anfänge) und 1420/40 bzw. 1480/1510 (allgemeine Verbreitung).

Der Einsatz von Kanonen bei der Belagerung Konstantinopels 1453

Die Belagerung und Eroberung der byzantinischen Hauptstadt ist ein herausragendes Beispiel für den Einsatz der neuen, aus Europa stammenden Technologie mithilfe eines europäischen Spezialisten.

Sultan Mehmed II. war sich der Stärke der Befestigungsanlagen von Konstantinopel bewusst, aber zugleich glaubte er an die Wirksamkeit der Artillerie. In seinem Glauben wurde er durch einen ungarischen Kanonengießer namens Urban (oder Orban) bestärkt. Dieser hatte zunächst dem byzantinischen Kaiser Konstantin XI. seine Dienste angeboten, der besaß aber weder genügend Geld, um den Fremden bezahlen zu können, noch das notwendige Rohmaterial für den Kanonenbau. Deshalb ging Urban zum Sultan und erklärte ihm, er könne eine Kanone konstruieren, die die Wälle von Babylon wegblasen würde. Mehmed II. nahm ihn beim Wort, er gab ihm viermal soviel Geld, wie er verlangt hatte, und dazu die nötigen Ressourcen. Der Ungar baute zunächst eine Musterkanone und demonstrierte ihre Wirkung durch die Beschießung eines venezianischen Schiffes, dessen Kapitän sich geweigert hatte, in der Festung Rumeli Hisar am Bosporus anzulegen. Das Schiff erhielt einen Volltreffer und sank sofort. Der Sultan war begeistert und befahl Urban, eine doppelt so große Kanone zu bauen. Unter der Leitung des Ungarn wurde nun bis Januar 1453 in Adrianopel eine solche riesige Bombarde hergestellt. Ihr Kaliber betrug 2,5 Meter und sie verschoss Steinkugeln von mehreren hundert Kilogramm Gewicht (die Angaben schwanken zwischen 400 und 600). Beim ersten Test flog die Kugel eine Meile weit und bohrte sich sechs Fuß tief in die Erde. Schlugen die Geschosse auf hartem Untergrund auf, zersplitterten sie wie Schrapnells. Ende März 1453 begann der Transport dieses Ungetüms vor die Mauern von Konstantinopel, wofür 60 Ochsen und 200 Mann Begleitmannschaft erforderlich waren.[36]

Die Kanonengießer des Sultans mit Urban an der Spitze produzierten weitere Geschütze nach dem Muster der „Basilica“ genannten Riesenbombarde, allerdings erreichte keines deren Ausmaße. Immerhin wurden elf größere Kanonen gefertigt, die Steinkugeln von 250 Kilogramm Gewicht verschossen, und 50 kleinere für Steinkugeln von 100 Kilogramm.[37]

Nachdem am 2. April 1453 die Belagerung der byzantinischen Hauptstadt durch das osmanische Heer begonnen hatte, kam vier Tage später erstmals die „Basilica“ zum Einsatz. Schon am zweiten Tag drohte sie allerdings zu zerbersten, nur mit vielen zusätzlichen Eisenbändern wurde das verhindert. In den folgenden sechs Wochen konnte sie eingesetzt werden, bis sie endgültig defekt war. Das Schicksal dieser Riesenbombarde war symptomatisch für die Schwierigkeiten, die auch der Einsatz der anderen großen Geschütze bereitete. Sie brauchten so viel Wartung, dass sie nur sieben Mal am Tag feuern konnten, wenn auch jeder Schuss enormen Schaden an den Mauern von Konstantinopel anrichtete. Bei Regen war es schwierig, die Kanonen in Stellung zu halten, weil sie im Schlamm versanken. Effektiver waren die kleineren Geschütze, so dass die Türken nach und nach die byzantinische Hauptstadt sturmreif schossen.[38]

Ein Problem für die Belagerer war, dass ihre Kanonenkugeln nicht die notwendige Richthöhe erreichten, um die feindlichen Kriegsschiffe im Hafen von Konstantinopel zu treffen. Die türkischen Artilleristen meisterten jedoch dieses Problem, indem sie eine Kanone mit einer höheren Flugbahn bauten und damit auf die Schiffe feuerten, die entlang der aus einer auf Holzflößen schwimmenden Eisenkette bestehenden Hafensperre ankerten. Der erste Schuss ging daneben, aber der zweite traf mitten in eine Galeere. So wurden die byzantinischen Kriegsschiffe gezwungen, innerhalb der Hafensperre zu bleiben, wo die Mauern von Pera Schutz boten. Die Kanone mit der höheren Flugbahn war der Prototyp einer neuen Waffe, des Mörsers, der damit von den Osmanen zum ersten Mal eingesetzt wurde.[39]

Die Belagerung Konstantinopels zeigt zweierlei exemplarisch:

1. Wie europäische Renegaten den Osmanen bei der Anwendung europäischer Militärtechnologie halfen. Der Kanonengießer Urban repräsentiert den Typ des Experten, der bereit ist, seine Kenntnisse und Fähigkeiten ohne Gewissensbisse an den Meistbietenden zu verkaufen.
2. Die Probleme beim Einsatz der „Basilica“ und der anderen großen Geschütze machen die technischen Mängel der frühen Artillerie deutlich, aber auch, wie sehr ihre Effektivität durch äußere Umstände (Regen) beeinträchtigt werden konnte.

Sultan Mehmed II. musste wenige Jahre nach der Einnahme Konstantinopels die Erfahrung machen, dass Artillerie keine Garantie für militärischen Erfolg war. Während er 1453 62 Geschütze zur Verfügung hatte, bot er bei der Belagerung Belgrads 1456 200 auf. Trotzdem misslang die Eroberung dieser strategischen Schlüsselposition an der Donau.[40]

Wege der Akkulturation in der Militärtechnologie

Es lassen sich fünf Gruppen von Personen ausmachen, über die die Vermittlung europäischer Militärtechnologie an die Osmanen lief. Die erste Gruppe waren europäische Kaufleute aus Städten wie Venedig, Genua, Ancona und Ragusa, die neben kriegswichtigen Rohstoffen, traditionellen Hieb- und Stichwaffen und Panzerhemden auch Handfeuerwaffen und Kanonen in den Orient verkauften. Sie taten dies, obwohl es Christen seit einem Beschluss des dritten Laterankonzils 1179 verboten war, Waffen und andere kriegswichtige Güter (z.B. Rohstoffe wie Eisen, Kupfer, Zinn, Blei) an die Ungläubigen zu liefern. Ein Verstoß war mit Exkommunikation und strenger Bestrafung bedroht. Die Liste der verbotenen Güter wurde im Laufe der Zeit durch die Päpste noch erweitert.[41] Auch weltliche Behörden erließen entsprechende Verbote. Die Signoria von Venedig unternahm 1372 einen Versuch, den illegalen Export von Eisen in die Levante zu unterbinden. Die Stadtrepublik Ragusa untersagte 1301 die Lieferung von Waffen in diese Region. Die staatlichen und kirchlichen Verbote bewirkten aber anscheinend wenig. Ein Beispiel für einen Verstoß dagegen geht aus der Anklage gegen zwei Handelsschiffs-Kapitäne aus Ancona vor der Signoria von Venedig hervor, denen vorgeworfen wurde, in den Jahren 1465-67 in Konstantinopel Rüstungen, Bombarden, Schießpulver, Stahl, Draht, Messer, Lanzenspitzen, Bogen, Arkebusen und Schwerter verkauft zu haben.[42]

Der zweite Weg, auf dem die Osmanen die neue Technologie der Feuerwaffen kennen lernten, war die Erbeutung von Kanonen der Christen im Kampf. Da ihre Herstellung und ihr Einsatz besondere Kenntnisse erforderten, trachteten die Türken europäische Experten in ihre Dienste zu nehmen. Dies geschah zum einen dadurch, dass sie umherziehende Kanonengießer, die Arbeit suchten, mit der Aussicht auf gute Bezahlung anwarben. Zum anderen verpflichteten sie Kriegsgefangene mit entsprechenden Kenntnissen zur Arbeit. Der bereits erwähnte Urban ist der bekannteste Repräsentant der ersten Gruppe, ein Angehöriger der zweiten Gruppe war der „Büchsenmaister“ Jörg von Nürnberg. Er wurde 1456 von Graf Ulrich von Cilli (Steiermark) zum bosnischen Herzog Stjepan Kosaca, dessen Gebiet von den Türken bedroht wurde, gesandt, um ihm mit seinem artilleristischen Fachwissen beizustehen. 1461 gerieten Jörg und seine Familie jedoch in türkische Kriegsgefangenschaft. In den folgenden 19 Jahren diente der Mann Sultan Mehmed II. als Hauptkanonier. 1480 wurde er nach Ägypten geschickt, um in Alexandria Möglichkeiten für einen türkischen Angriff auszuspionieren. Dort bewogen ihn aber Franziskaner-Mönche zum Überlaufen. Er floh, versteckt in einem Handelsschiff, nach Europa, kam 1481 nach Rom und wurde von Papst Sixtus IV. zum päpstlichen Hauptkanonier ernannt.[43]

Eine dritte Gruppe, aus der die Osmanen Spezialisten für Feuerwaffen rekrutierten, waren deutsche und ungarische Schmiede und Bergleute, die sich in den Ländern des Balkans, vor allem in Serbien, niedergelassen hatten. Für die Türken war ihre Erfahrung im Umgang mit Eisen und Sprengstoff interessant. Zudem waren diese Leute auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur römischen Kirche Außenseiter unter der orthodoxen Bevölkerung Südosteuropas. Von daher war unter ihnen eine erhöhte Bereitschaft gegeben, in türkische Dienste zu treten, wo sie in erster Linie als Kanoniere und Sappeure tätig waren. So berichtet der Serbe Konstantin Konstantinowitsch, ein ehemaliger Janitschare, Sultan Mehmed II. habe ein solches Kontingent aus der serbischen Handels- und Bergbaustadt Novo Brdo bei der Belagerung Konstantinopels 1453 zur Errichtung unterirdischer Gänge eingesetzt.[44]

Eine vierte Gruppe waren christliche Kanonengießer, Artilleristen und Arkebusiere (vor allem Serben und Bosnier), die durch die osmanische Expansion auf den Balkan Untertanen des Sultans wurden und nun für ihn arbeiten mussten. Manche von ihnen blieben allerdings Christen, obwohl sie im osmanischen Heer dienten. In manchen Familien war der Beruf des Spezialisten für Feuerwaffen sogar erblich, diese Familien genossen auch besondere Privilegien.[45]

Schließlich ist noch eine Gruppe zu erwähnen, die möglicherweise Fachkenntnisse über Feuerwaffen in das Osmanische Reich übermittelte. Es handelt sich um Juden, die 1492 aus Spanien oder später auch aus anderen Ländern Südeuropas vertrieben wurden und von denen sich viele im Reich des Sultans niederließen. In den zeitgenössischen Quellen finden sich Hinweise, dass sie solche Fachkenntnisse mitbrachten, allerdings sind diese Hinweise zu spärlich, als dass sie ein sicheres Urteil erlauben würden.[46]

Während die Osmanen Experten für Feuerwaffen aus Europa für sich arbeiten ließen, leisteten sie selbst „Entwicklungshilfe“ auf diesem Gebiet im östlichen Teil der islamischen Welt. Dort waren Feuerwaffen noch gar nicht oder nur rudimentär in Verwendung. So waren die Perser 1514, als sie zur Schlacht bei Tschaldiran gegen die Türken antraten, noch nicht im Besitz der neuen Technologie, ein Nachteil, der entscheidend zu ihrer Niederlage beitrug. Die Safawiden trachteten deshalb in der Folge, in den Besitz von Feuerwaffen zu gelangen. Zu diesem Zweck nahmen sie Kontakt zu den Portugiesen auf, die im Indischen Ozean Fuß gefasst hatten und mit denen sie der gemeinsame Feind, die Osmanen, verband und kauften von ihnen solch neues Kriegsgerät.[47] Die türkischen Siege über die Safawiden 1514 und die ägyptischen Mamluken 1516/17 demonstrierten die Überlegenheit ihrer Artillerie und sonstigen Feuerwaffen über die Armeen anderer islamischer Mächte, die die Bedeutung der neuen Militärtechnologie noch nicht oder nicht in vollem Umfang erkannt hatten.[48] Die osmanische „Entwicklungshilfe“ auf diesem Gebiet kam Indien (unter anderem den Großmoguln) und den Chanaten der Usbeken in Zentralasien „zugute“.[49] In Indien waren seit Anfang des 16. Jahrhunderts türkische Söldner als Artilleristen und Belagerungsexperten tätig.[50] Den islamischen Anrainermächten am Indischen Ozean fehlte generell wirksame Artillerie in ihren Auseinandersetzungen mit den Portugiesen. So wandte sich 1565 der Sultan von Atjeh (Sumatra) in einem Brief an Sultan Süleyman I. und bat um die Lieferung von Kanonen zur Bekämpfung portugiesischer Festungen. Tatsächlich scheint eine Anzahl türkischer Geschützgießer in Sumatra gewirkt zu haben.[51]

Als Resümee ist festzuhalten, dass die Osmanen durch ihre geographische Nachbarschaft zu Europa mit der Technologie der Feuerwaffen in einem Maße vertraut wurden, das ihnen einen entscheidenden militärischen Vorsprung gegenüber ihren Rivalen im Nahen und Mittleren Osten verschaffte, der wiederum zur Grundlage ihrer erfolgreichen Expansion in dieser Region wurde.

Eine technologische Kluft zwischen Europäern und Osmanen?

Während sich eine eindeutige technologische Kluft zwischen den Streitkräften der Osmanen und denen ihrer islamischen Gegner, der Mamluken und der Safawiden, feststellen lässt, ist die Frage, ob es eine solche Kluft auch zwischen Europäern und Osmanen gab, schwieriger zu beantworten.

Nachdem die europäischen Geschützgießer sich anfangs auf den Bau immer größerer Kanonen konzentriert hatten, begannen sie ab Mitte des 15. Jahrhunderts die Nachteile dieser riesigen Bombarden (geringe Beweglichkeit und Zielgenauigkeit, großer Zeitverlust beim Nachladen) zu erkennen. Die Konsequenz daraus war die Entwicklung kleinerer und mobilerer Geschütze, die auch in Feldschlachten effektiv verwendet werden konnten. Vorreiter dieser Entwicklung in Europa waren die Franzosen, die auf ihrem Italienfeldzug ab 1494 die Wirkung dieser neuen leichten und mobilen Kanonen demonstrierten.[52] Carlo M. Cipolla vertrat in diesem Zusammenhang die These, die auch noch Geoffrey Parker übernahm, dass die Osmanen die Bedeutung dieser Entwicklung nicht erkannt und stattdessen weiterhin bevorzugt große Kanonen gebaut hätten, die sie nur bei Belagerungen wirksam einsetzen hätten können. Cipolla meint darüber hinaus, die Muslime hätten generell die Artillerie nie zu einer effizienten Feldwaffe entwickelt, es sei hier ein Zögern festzustellen, das zu Unfähigkeit wurde. Als Gründe führt Cipolla neben der mangelnden Effizienz der frühen Artillerie in Feldschlachten Traditionen und soziale Strukturen an. Im Mamlukenreich hätten die dortigen Ritter gefürchtet, Feldartillerie und Infanterie mit Handfeuerwaffen würden ihre militärische und soziale Vorrangstellung gefährden. Auch die Osmanen hätten an ihrer Vorliebe für die Kavallerie und der sozialen Privilegierung des berittenen Kriegers festgehalten. Bei ihnen habe hier ihre Vergangenheit als Nomadenvolk nachgewirkt, zudem hätten sie sich auf ihre taktische Überlegenheit in Feldschlachten verlassen.[53]

Geoffrey Parker führt die Vorliebe der Osmanen für große Kanonen auf mögliche Probleme in der Massenproduktion zurück oder auf rein militärische Erwägungen dahingehend, dass es ihnen sinnvoller erschien, mit relativ wenigen großen Geschützen einige entscheidende Schüsse abgeben als mit vielen kleinen in rascher Abfolge feuern zu können. Parker sieht auch als einen Grund für die Niederlage vor Wien 1683 den Umstand, dass die Türken all ihre schweren Geschütze auf die Stadt gerichtet gehabt hätten und sie nicht rechtzeitig gegen das Entsatzheer hätten drehen können.[54] Die These Cipollas, die Osmanen hätten die Bedeutung leichter, mobiler Feldartillerie nicht erkannt und daher bevorzugt große Kanonen für Belagerungen gebaut, ist heute nicht mehr haltbar. Die Türken produzierten sowohl große als auch kleine Geschütze und sie waren in der Verwendung von Feldartillerie den meisten europäischen Mächten voraus. Hinter dieser neuen Sicht steht eine breitere Definition des Begriffs „Feldkanone“. Er wird heute nicht mehr, wie das Cipolla tut, auf das von den Franzosen Ende des 15. Jahrhunderts entwickelte und auf dem Italienfeldzug Karls VIII. ab 1494 eingesetzte Modell beschränkt, sondern breiter gefasst. Dies ermöglicht es, auch andere Kanonentypen, wie sie etwa die Türken hatten, als leichte Feldartillerie aufzufassen.[55]

Geoffrey Parker sieht neben der Konzentration auf große Kanonen und der Vernachlässigung kleinerer Geschütze noch zwei entscheidende Schwächen der Osmanen auf militärischem Gebiet im Vergleich zu den Europäern. Die eine Schwäche war, dass sie zwar ausgezeichnete Imitatoren europäischer Waffentechnik, aber schlechte Innovatoren waren. So stellten die Zeitgenossen fest, dass die türkischen Handwerker jede europäische Waffe, die sie auf dem Schlachtfeld fanden oder die ihnen ein Überläufer brachte, nachbauen konnten, dass das osmanische Heer sie aber nur im Rahmen seiner traditionellen Struktur einzusetzen vermochte. Die zweite Schwäche war, dass es den Osmanen an Fachwissen in der Metallurgie mangelte. Parker führt dafür zwei Belege an: 1. In den zeitgenössischen europäischen Quellen wird fast einhellig berichtet, dass die von muslimischen Soldaten erbeuteten Waffen und Rüstungen für die christlichen Streitkräfte wertlos waren. So schmolzen die Venezianer fast alle der in der Seeschlacht von Lepanto erbeuteten 225 Bronzegeschütze ein und gossen sie in anderer Legierung neu, weil das Metall von so schlechter Qualität war. 2. Chemische Analysen, die an anderen Waffen und Rüstungen aus dem Orient durchgeführt wurden, bestätigen diese Quellenzeugnisse. Sie ergaben, dass Eisen und Stahl aus Europa beträchtlich härter waren als vergleichbare Produkte aus der islamischen Welt.[56] Für Parkers These, die Osmanen seien ausgezeichnete Imitatoren europäischer Waffentechnik, aber schlechte Innovatoren gewesen, spricht die fortwährende Beschäftigung von Spezialisten aus Europa im Osmanischen Reich, und zwar bis in die Neuzeit. Waren es anfangs vor allem Deutsche und Italiener, so wurden in späterer Zeit auch Engländer, Franzosen und Niederländer in Dienst genommen.[57] Die Verwendung französischer Geschützgießer und Artilleristen war auch eine Folge der engeren politischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Osmanischen Reich seit den 1520er Jahren. König Franz I. sandte Experten an den Hof des Sultans, um seinem Erzrivalen Kaiser Karl V. zu schaden.[58]

Im Unterschied zu Cipolla und Parker betont Rhoads Murphey, dass bis zum Ende des 17. Jahrhunderts das osmanische Heer und die europäischen Armeen sich in der Art und der Qualität ihrer Bewaffnung auf dem gleichen Niveau bewegten und es daher keine technologische Kluft zwischen ihnen gab. Deshalb, so Murphey, waren Kanonen zwar nützlich für die Osmanen in der Periode ihres Aufstiegs, sie verschafften ihnen aber keinen entscheidenden strategischen Vorteil gegenüber ihren christlichen Gegnern, weil diese ja auch über derartige Waffen verfügten. Murphey weist darauf hin, dass man die Effektivität und Verlässlichkeit von Waffen in der damaligen Zeit nicht überschätzen darf. So gab es keine einheitlichen Standards und Qualitätskontrollen in der Produktion. Die Wirkung von Feuerwaffen wurde häufig durch schlechtes oder schlecht gelagertes Schießpulver beeinträchtigt. Der Transport des Pulvers an die Front war besonders kritisch, so konnte es bei der Überquerung von Flüssen leicht nass werden (statt Brücken waren oft Furten der einzige Weg). Selbst wenn also eine Armee überlegene Waffen besaß, konnte sie dieses Potenzial selten voll entfalten, weil verschiedene Umstände ihre Wirkung beeinträchtigen konnten.[59]

Ausgehend von dem oben Dargelegten sei nun folgende These aufgestellt: Die osmanischen Waffen waren aus schlechterem Metall als die europäischen hergestellt. Darüber hinaus gab es keine technologische Kluft zwischen den Osmanen und ihren christlichen Gegnern auf militärischem Gebiet. Erstere konnten jedoch eine solche Kluft nur durch die fortdauernde Beschäftigung europäischer Experten verhindern, was beweist, dass eine technologische Abhängigkeit bestand, aus der sie sich nie zu lösen vermochten.[60]

Europäisch-osmanische Akkulturation auf militärischem Gebiet – keine Einbahnstraße!

Nicht nur die Osmanen, auch die Europäer übernahmen von ihren Gegnern militärische Errungenschaften. Es lassen sich hier drei Bereiche ausmachen, wobei wir allerdings wegen der oft spärlichen Informationen in den Quellen teilweise auf Mutmaßungen angewiesen sind. Zum einen haben Hinweise darauf, dass Waffen und andere kriegswichtige Güter (Metalle, Pferde, Schießpulver, Nahrungsmittel) nicht nur aus Europa in das Osmanische Reich illegal exportiert wurden, sondern auch in der umgekehrten Richtung. So wie es von europäischer Seite diesbezügliche Exportverbote gab, war offiziell auch die Lieferung solcher Erzeugnisse aus dem Osmanischen Reich an die „Ungläubigen“ untersagt. Allerdings erlangten einige europäische Kaufleute und Diplomaten vom Sultan die Lizenz zur Ausfuhr bestimmter strategischer Güter (Handfeuerwaffen, Schwerter, kunstvoll gearbeitete Rüstungen). Wir wissen auch, dass Mitte des 16. Jahrhunderts der legale und illegale Export von Getreide nach Europa florierte. Einen ähnlichen Handel gab es vielleicht schon im 15. Jahrhundert. Ein Hinweis darauf ist, dass nach der Eroberung Konstantinopels vier Festungen an den Dardanellen wiederhergestellt wurden. Fortan durfte kein Schiff mehr ins Mittelmeer durchfahren, ohne von türkischen Beamten nach Konterbande und flüchtigen Sklaven durchsucht worden zu sein. Dies bedeutet, dass die Hohe Pforte sich der Gefahr bewusst gewesen sein dürfte, dass kriegswichtige Güter das Reich des Sultans verließen und den Feinden zugute kamen. Wir wissen auch, dass in den Jahren um 1437 im Küstengebiet nahe der genuesischen Hafenstadt Sinope an der anatolischen Schwarzmeerküste eine Art Untergrundgruppe existierte, die türkische Armbrüste hoher Qualität herstellte und auf Schiffen vorbeikommenden christlichen Kaufleuten und Matrosen verkaufte.[61]

Die Osmanen übten auch durch eine bestimmte Truppengattung Einfluss auf das Militärwesen in Europa aus. Es handelt sich dabei um die leichte Kavallerietruppe der „akinci“ (Stürmer), die in ähnlicher Form unter der Bezeichnung Stradioten im ausgehenden 15. Jahrhundert in Italien auftauchte. Die Aufgaben dieser „akinci“ waren Operationen in Flanke und Rücken des Feindes, Aufklärung, Angriffe auf den feindlichen Troß und auf kleinere Verbände, die Erbeutung von Vorräten und dergleichen mehr.[62] Mit ihrer Taktik des „hit and run“, wie man es heute nennen würde, erinnern sie an militärische Spezialeinheiten unserer Tage (etwa die „special forces“ der US-Streitkräfte). Nach dem Vorbild der „akinci“ stellte der Albanerfürst Skanderbeg in seinem langjährigen Kampf gegen die Türken Reiterverbände auf, die in ihrer Ausrüstung und Kampfweise den „akinci“ sehr ähnlich waren. Wie diese ritten sie kleine, wendige Pferde, waren nur leicht gepanzert und hatten als Waffe den Krummsäbel. Diese Reiter hießen Stradioten (von griech. „stradiotai“ = Soldaten).[63] Skanderbeg trachtete also die Türken gleichsam mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

1478 wurde Albanien endgültig von den Osmanen unterworfen, viele Albaner flohen daraufhin in das Herrschaftsgebiet Venedigs an der Adriaküste. Die Venezianer rekrutierten traditionell Soldaten aus der lokalen Bevölkerung ihres Imperiums, das Gleiche taten sie nun mit den albanischen Flüchtlingen, die sie außerhalb der lokalen Stützpunkte ansiedelten. Nachdem die Venezianer die Verwendungsmöglichkeiten dieser leichten albanischen Reiter erkannt hatten, stellten sie derartige Einheiten in ihrem Heer auf. Die Stradioten tauchten in Italien erstmals während des Krieges zwischen Venedig und dem Osmanischen Reich 1463-79 auf, 1483 hatten die Venezianer bereits sechs Schwadronen dieser neuen Kavallerie.[64] Nachdem die Franzosen auf ihrem Feldzug in Italien ab 1494 die Stradioten kennen gelernt hatten (während der Schlacht von Fornovo 1495 plünderten sie den französischen Troß), stellten auch sie in ihrem Heer solche Verbände auf.[65] Ähnlich den türkischen „akinci“ ritten die Stradioten kleine, schnelle Pferde, bewaffnet waren sie mit Armbrüsten, leichten Lanzen oder Speeren. Ihre schlechte Disziplin und ihre Übergriffe auf Zivilisten waren berüchtigt. Die Stradioten hatten auch ähnliche Aufgaben wie die „akinci“. Sie wurden vor allem für weite Umfassungsbewegungen in den Rücken des Feindes, Überraschungsangriffe gegen seinen Troß und das Abschneiden kleinerer Einheiten eingesetzt. Ihre hohe Mobilität ermöglichte Flankenbewegungen von viel größerem Ausmaß als vorher, was den Armeen in einer Schlacht eine erhöhte Manövrierfähigkeit und Flexibilität gab. Viele Condottieri erkannten dies, so dass leichte Reiterei in den Kriegen in Italien im ausgehenden 15. Jahrhundert zunehmend wichtig wurde.[66]

Angriffe in den Rücken des Feindes, wie die Stradioten sie durchführten, waren an sich eine Taktik asiatischer Reitervölker wie der Türken und früher der Mongolen oder der Hunnen. Die Stradioten repräsentierten damit einen nichteuropäischen Typ des berittenen Kriegers, sie führten asiatische Kampfweisen, eine Art nomadische Guerilla-Taktik in die ganz andere Kriegführung des mittelalterlichen Italien, einer urbanen Zivilisation, ein.[67]

Es gibt schließlich noch einen dritten Bereich, in dem die Osmanen möglicherweise Einfluss auf das europäische Kriegswesen ausübten. Seit dem Spätmittelalter lernten viele Europäer als Kriegsgefangene, Kaufleute oder Reisende die osmanische Heeresorganisation und Taktik kennen. Einige von ihnen schrieben Reiseberichte und Traktate über Möglichkeiten einer erfolgreichen Kriegführung gegen das Osmanische Reich, in denen sie ihre Beobachtungen und Gedanken darlegten. Sie analysierten Stärken und Schwächen des osmanischen Heeres, wobei sie von manchen seiner Charakteristika fasziniert waren und die europäischen Kriegsherren anscheinend drängten, diese Charakteristika zu übernehmen. Auf der Suche nach einer Erklärung für die Niederlagen der christlichen Streiter in den Schlachten von Varna (1444) und auf dem Kosovo (1448) schrieben europäische Autoren ab Mitte des 15. Jahrhunderts über eine spezifisch osmanische Erscheinung, die sie faszinierte, nämlich den Umstand, dass der Sultan, der Herrscher und Oberbefehlshaber, in einer Schlacht zwar persönlich anwesend war, aber nicht selbst mitkämpfte. Im mittelalterlichen Europa kämpften Herrscher häufig aktiv mit, um dadurch ihre physische Stärke, ihre Kampfkraft und ihren Mut zu beweisen. Der Sultan hingegen motivierte zwar durch seine persönliche Anwesenheit seine Soldaten, vermied aber eine aktive Teilnahme am Kampfgeschehen und eine daraus resultierende Gefahr für sein Leben. Er vermittelte auf diese Weise gleichsam das Bild des unsterblichen, unverwundbaren Führers. Stattdessen wurde er durch die Janitscharen in seinem Zelt „wie in einer Burg“ beschützt. Dieser Vergleich stammt von Georgius de Hungaria, einem ehemaligen Kriegsgefangenen, der darin einen Hauptgrund für die türkischen Siege über die Christen sah, wie er in seinem 1480 veröffentlichten Traktat schrieb. Jene Autoren, die sich mit diesem Thema befassten, führten gewissermaßen einen Diskurs über eine neue Rolle der europäischen Herrscher in der Schlacht, über ein alternatives Modell zum traditionellen christlichen Kriegerkönig. Der bereits erwähnte ehemalige Janitschare Konstantin Konstantinowitsch entwarf in seinen Ende des 15. Jahrhunderts verfassten Memoiren ein Konzept für eine Schlachtordnung, die er künftigen christlichen Kriegsherren gegen die Osmanen ans Herz legte. Er nannte diese zwar nicht beim Namen, orientierte sich aber zweifellos an deren Vorbild. Konstantinowitsch empfahl dreierlei: 1. Der christliche Oberbefehlshaber sollte die ganze Schlacht hindurch bei der Infanterie bleiben, die ihn schützen konnte, statt bei den berittenen Adeligen und deren Gefolgsleuten, die aktiv am Kampf teilnahmen. 2. Der christliche Oberbefehlshaber sollte eine fixe Position in der Schlachtordnung einnehmen statt sich zu bewegen und die Soldaten anzufeuern. Die Verbindung zu den Truppen sollte durch 20-30 Meldereiter gehalten werden, die Informationen bringen und Befehle weitergeben sollten. 3. Der Herrscher sollte sich nicht so sehr durch physische Stärke und persönlichen Mut auszeichnen, sondern durch rationale Planung und kluge militärische Führung. Wir wissen nicht, ob und wieweit diese Überlegungen europäischer Orientkenner jene Veränderungen im Verhältnis zwischen Kriegführung und politischer Autorität beeinflussten, die in der frühen Neuzeit in Europa stattfanden. Zweifellos wirkte hier eine Reihe von Faktoren zusammen, aber es ist denkbar, dass die allgemeine Einführung des nichtkämpfenden Oberbefehlshabers im europäischen Heerwesen im 16. und 17. Jahrhundert zum Teil auf das Vorbild der Osmanen zurückgeht.[68]

Bibliographie

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Schmidtchen, Volker: Kriegswesen im späten Mittelalter. Technik, Taktik, Theorie. Weinheim 1990

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[1] Contamine, Philippe: War in the Middle Ages. Oxford 1985 (frz. Paris 1980), S.139 und Schmidtchen, Volker: Kriegswesen im späten Mittelalter. Technik, Taktik, Theorie. Weinheim 1990, S.193

[2] Contamine: S.139

[3] Cipolla, Carlo M.: Guns and Sails in the Early Phase of European Expansion 1400-1700. London 1965, S.21f. Anm.2; Schmidtchen S.193; zu den Anfängen von Schießpulver und Feuerwaffen generell auch Keegan, John: A History of Warfare. London 1993, S.319f.

[4] Contamine: S.139; Cipolla: S.21, Anm.1

[5] Christensen, Stephen: European-Ottoman Military Acculturation in the Late Middle Ages, S.229 In: War and Peace in the Middle Ages, ed. by Brian Patrick McGuire. Copenhagen 1987, S.227-51; Keen, Maurice: The Changing Scene: Guns, Gunpowder and Permanent Armies, S.274 In: Medieval Warfare. A History, ed. by Maurice Keen. Oxford-New York 1999, S.273-91; Contamine: S.139; Cipolla: S.21; Schmidtchen: S.193

[6] Contamine: S.139

[7] Contamine: S.139f. u. S.198f.; Christensen: S.229; Cipolla: S.22; Keen: S.274

[8] Cipolla: S.22

[9] Contamine: S.199f.; Cipolla: S.27

[10] Schmidtchen: S.206

[11] Murphey, Rhoads: Ottoman Warfare 1500-1700. London 1999, S.107f.; Schmidtchen: S.207; Keen: S.280

[12] Christensen: S.228

[13] Cipolla: S.90+Anm.1

[14] Cipolla: S.90

[15] Christensen: S.228 u. 248, Anm.22

[16] Cipolla: S.91

[17] Cipolla: S.90

[18] Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt, 3. unveränderte Auflage 1994, S.38; Pittioni, Manfred: Das osmanische Heerwesen im 15. und 16. Jahrhundert. Organisation, Taktik und Ausrüstung. Geisteswissenschaftliche Diplomarbeit Wien 2000, S.33; Kreiser, Klaus: Der osmanische Staat 1300-1922. München 2001, S.59 (=Oldenbourg Grundriss der Geschichte 30); Cipolla: S.90

[19] Pittioni: S.33

[20] Christensen: S.234; Murphey: S.107

[21] Christensen: S.234 „püchsenn“ war damals auch eine Bezeichnung für Kanonen (Schmidtchen S.194f.)

[22] Pittioni: S.34

[23] Pittioni: S.34

[24] Encyclopedie de l’Islam. Nouvelle edition. Tome I A-B. Paris 1960, S.1092

[25] Kreiser: S.59; Paschalidou, Efpraxia: The Walls of Constantinople: an obstacle to the new power of artillery. S.174 In: Von Crecy bis Mohacs. Kriegswesen im späten Mittelalter (1346-1526). Hrsg. Heeresgeschichtliches Museum Wien/Militärhistorisches Institut, Wien 1997, S.172-77 (= XXII. Kongress der Internationalen Kommission für Militärgeschichte, Wien 9.-13.9.1996)

[26] Pittioni: S.34; Kreiser: S.59

[27] Kreiser: S.59

[28] Murphey: S.107; Pittioni: S.34

[29] Christensen: S.230 u. 239; Pittioni: S.31

[30] Encyclopedie de l’Islam: S.1093; Pittioni: S.34; Kreiser: S.59

[31] Encyclopedie de l’Islam: S.1093

[32] Pittioni: S.37f.

[33] Encyclopedie de l’Islam: S.1094

[34] Encyclopedie de l’Islam: S.1093

[35] Pittioni: S.38; Matuz: S.103; Kreiser: S.59f.

[36] Paschalidou: S.174f. Gust, Wolfgang: Das Imperium der Sultane. Eine Geschichte des Osmanischen Reiches. München/Wien 1995, S.51

[37] Paschalidou: S.175

[38] Paschalidou: S.175f. Gust: S.51

[39] Paschalidou: S.176f. Gust: S.52

[40] Parker, Geoffrey: Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800. Frankfurt/Main-New York 1990, S.216, Anm. 34

[41] Christensen: S.229 u. 247, Anm.6

[42] Christensen: S.229f.

[43] Christensen: S.230f.

[44] Christensen: S.231 u. 247, Anm.12

[45] Christensen: S.231 Encyclopedie de l’Islam: S.1094

[46] Christensen: S.231f.

[47] Pittioni: S.14 u. 39f.

[48] Pittioni: S.14 Kreiser: S.59

[49] Kreiser: S.59

[50] Keegan: S.346

[51] Kreiser: S.59

[52] Cipolla: S.27f. Keen: S.276 Keegan: S.321f.

[53] Cipolla: S.92f. u. 98

[54] Parker: S.155f.

[55] Christensen: S.238f.

[56] Parker: S.157f.

[57] Encyclopedie de l’Islam: S.1094

[58] Parker: S.155

[59] Murphey : S.14f. Zu den technischen Problemen beim Einsatz der frühen Kanonen auch Keen : S.277 u. Keegan: S.320f.

[60] Dieser letzte Punkt auch bei Cipolla: S.94f.

[61] Christensen: S.239f.

[62] Matuz: S.101 Pittioni: S.18 Gust: S.85f.

[63] Oman, Sir Charles: A History of the Art of War in the Sixteenth Century. London 1991 (Nachdruck der Originalausgabe von 1937), S.92 Christensen: S.241f.

[64] Mallett, Michael: Mercenaries and their Masters. Warfare in Rennaissance Italy. London 1974, S.119 u. 152 Christensen: S.242

[65] Oman: S.92 Christensen: S.242

[66] Mallett: S.152f. Oman S.92 Christensen: S.242

[67] Christensen: S.241f.

[68] Christensen: S.243-45

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (Buch)
9783640127726
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108995
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Sehr gut
Schlagworte
Akkulturation Europäern Osmanen Jahrhundert Beispiel Landkriegführung Interdisziplinäres Seminar Raum Kriegführung Militärtechnologie

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Titel: Akkulturation zwischen Europäern und Osmanen im 14. und 15. Jahrhundert am Beispiel der Landkriegführung