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Strukturalismus (als Methode der Literaturwissenschaft)

Referat (Ausarbeitung) 2004 8 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Strukturalismus (als Methode der Literaturwissenschaft)

Die Anfänge des Strukturalismus

Zum Begriff Struktur
Bedeutungen von „Struktur“

Beispiel für die Methode des Strukturalismus

Die Methode des Strukturalismus

Strömungen des Strukturalismus

Literaturverzeichnis

Die Anfänge des Strukturalismus

Die strukturalistische Methode findet sich in verschiedenen Bereichen wieder: In der Linguistik (Ferdinand de Sausurre), in der Ethnologie (Völkerkunde) und Anthropologie (Wissenschaft vom Menschen und seiner Entwicklung in natur- u. geisteswissenschaftlicher Absicht; Geschichte der Menschenrassen)(Claude Lévi-Strauss), in der Psychologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Literaturwissenschaft. Aber auch andere Disziplinen beeinflussen den Strukturalismus, wie z.B. die Kommunikations- und Informationstheorie, Mengenlehre, Semiologie (Wissenschaft von den sprachlichen Zeichen) und die Textstatistik. Dies kennzeichnet die Interdisziplinarität der Methode, ebenso wie ihre Internationalität. Wissenschaftler v.a. aus der ehemaligen Tschechoslowakei, der ehemaligen Sowjetunion, der Schweiz, aus Frankreich, den USA, u.a. lieferten Beiträge zum Strukturalismus.

Die Entstehung des Strukturalismus beginnt mit Ferdinand de Saussure und seinen Vorlesungen zur Linguistik (1916). Für die Literaturwissenschaft relevante Einflüsse zeigen sich Ende der 50er und in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Initiator auf literaturwissenschaftlicher Seite ist hier v.a. Jurij M. Lotman (1958-1962 Vorlesungen zu einer strukturalen Poetik; ebenso auch Lotmans Buch „Die Struktur literarischer Texte“). Lotman betont „dass die außertextlichen Zusammenhänge zum Erfassen von Literatur unentbehrlich sind“(ANDREAS-GRISEBACH, S. 103).

Zum Begriff Struktur

Bedeutungen von „Struktur“

1. Bedeutung:

Struktur kann bezeichnet werden als „..eine Beziehung zwischen. Ein Gefüge aus Verbindungen und Verkettungen.“ (ANDREAS-GRISEBACH, S. 103). Struktur ist eine „Definition der Korrelation der Elemente untereinander und ihrer Beziehungen zum Strukturganzen. [...] Unter ‚Struktur’ versteht Jakobson ein System textinterner Relationen.“(ebd., S. 103). Diese Strukturen erzeugen einen Mikrokosmos „mit einem eigenen System von Verweisen und Analogien.“(ebd., S. 104). Die Struktur (mit ihren Strukturbeziehungen) erhält so Vorrang vor den inhaltlichen Momenten. Diese These bringt die Gefahr mit sich, dass dadurch der Inhalt vernachlässigt bzw. sogar austauschbar gemacht wird. Die Struktur zeigt eine Ordnung und einen Systemcharakter auf. Das Willkürliche wird auf eine Ordnung zurückgeführt auf ein System von Regeln, denn Kommunikation und Texte beruhen auf Regeln. „Struktur ist also bisher als gesetzmäßig geordnete Beziehung verstanden.“(MAREN-GRIESEBERG, S. 105).

2. Bedeutung:

Struktur ist hier „Abstraktion, Allgemeinheit, Modell“. Struktur muss erschlossen werden. Sie tritt in verschiedenen Variationen auf. Man spricht dann von einem Grundmuster, einer Tiefenstruktur und Invarianz (ebd., S. 105). Eine Grundstruktur beinhaltet verschiedene Spezialstrukturen (Varianten). Die Grundstruktur (oder Invarianz) eines literarischen Werkes bedeutet dann in etwa „Wesen des Werkes“.

Verschiedene Varianten können auf verschiedenen Ebenen des Werkes erscheinen (hier bedient man sich der Begriffe der Linguisten): das Gebilde der Sprache unterteilt man in 4 verschiedene Ebenen: die semantische [Wortbedeutung, Inhalt des Wortes], syntaktische [Satzbau], grammatikalische und phonologische [Lautlehre] Ebene. Daneben findet man noch eine morphologische (auf die Gesamtgestalt und Satz- und Wortgestalten bezogene), eine kompositionelle [bezogen auf die Zusammensetzung] und eine prosodische Ebene [bezieht sich auf Momente der Melodie, auf Tonstärke und Pausen bezogenen] Ebene, sowie die Beziehungen zwischen den Ebenen (vgl. MAREN-GRIESEBERG, S. 107).

Es gilt in einem Werk sowohl eine Grundstruktur wie auch einzelne Varianten auf den verschiedenen Ebenen zu entdecken. Findet man z.B. eine semantische Invarianz des Werkes heraus, wird dies oft als „Thema“ oder „Hauptmotiv“ verstanden. Setzt man sich mit der Struktur und den Varianten verschiedener Werke eines Autors auseinander und bemerkt dabei eine Invarianzstruktur (der verschiedenen Werke eines Autors), kann man dies als „Stil“ bezeichnen. Solche Untersuchungen sind auch bei verschiedenen Autoren gleicher Zeit möglich (Epochenstil), in verschiedenen Sprachen, Kulturen usw.

3. Bedeutung:

Struktur wird hier als Moment des Ungeschichtlichen verstanden. Struktur ist ungeschichtlich, weil sich von ihr „wegen der angenommenen Unveränderlichkeit der Grundeigenschaften eine Zeitunabhängigkeit“ ableitet. Struktur ist nicht historisch.

Der Strukturalismus betrachtet das System und ihre Relationen zueinander. Er sucht Einheiten und erarbeitet eine „Struktur zwischen den Einheiten heraus.“ Die individuellen Einheiten eines Systems gewinnen allerdings nur eine Bedeutung „kraft ihrer Relationen zueinander“(T.E., S. 72)

Beispiel für die Methode des Strukturalismus

Die Geschichte: Vater und Sohn geraten in Streit. Der Sohn verlässt das zuhause und rennt in den Wald. Dort fällt er in eine Grube. Der Vater sucht ihn, schaut auch in die Grube. Sieht in allerdings wegen der Dunkelheit nicht. Die Sonne scheint nun in die Grube, dadurch kann er seinen Sohn sehen und retten und beide gehen wieder nach Hause.

Die Methode: ® Junge streitet mit Vater = Unten rebelliert gegen oben; ® Junge geht in Wald = Bewegung auf der horizontalen Achse, zur Mitte; ® Sturz = fällt nach unten; ® Sonne und Vater erretten ihn = Oben senkt sich nach unten; ® Beide gehen nach Hause = Mitte).

Dabei können die einzelnen Elemente (der Inhalt, z.B. Vogel und Maulwurf, Mutter und Tochter, Sonne und Grube) ausgetauscht werden.

Die Methode des Strukturalismus

Der Inhalt der Geschichte wird ausgeklammert, man konzentriert sich auf die Form. „Solange die Struktur der Beziehungen erhalten bleibt, spielt es keine Rolle, welche einzelnen Elemente man einsetzt.“(T.E., S. 73). Die Strukturen zwischen den verschiedenen Einheiten können u.a. die des Parallelismus, der Opposition, der Inversion, der Äquivalenz, etc. sein. Der Strukturalismus analysiert, aber er wertet nicht. Er sucht die Tiefenstruktur des Textes heraus. Das „Thema“ des Textes ist der vom konkreten und individuellen losgelöste Inhalt des Textes und seine eigenen internen Beziehungen.

Ferdinand de Saussure sah die Sprache als ein „System von Zeichen“ an. Sprache sollte synchronisch (ein vollständiges System zu einem gegebenen Zeitpunkt) und nicht diachronisch (Sprache als und in seiner historischen Entwicklung gesehen) untersucht werden. Jedes Zeichen ist eine Verbindung zwischen einem „Bezeichnenden“ (‚Signifikant’: Lautbild, grafische Entsprechung) und einem „Bezeichnetes“ (‚Signifikat’: Vorstellung, Bedeutung) (die Chiffren H_U_N_D bilden ein Bezeichnendes, das im Kopf die Vorstellung ‚Hund’ abruft).

Die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem ist willkürlich: Außer der kulturellen und historischen Übereinkunft, gibt es keinen Grund warum Hund Hund bedeutet. Wichtig ist v.a. die Verschiedenheit zu anderen Bezeichnenden. Interessant ist nicht die aktuelle Rede (die parole), sondern untersucht wird hier nur die langue (die Struktur der Zeichen).

Der Strukturalismus versucht diese Erkenntnisse „auf Objekte und Tätigkeiten außerhalb der eigentlichen Sprache zu übertragen“. Er fasst das literarische Werk als ein System von Zeichen auf und versucht darin eine „Serie von Gesetzmäßigkeiten herauszuarbeiten, nach denen sich diese Zeichen zu Bedeutungen zusammenfügen.“(T.E., S. 75). Die Aussage des Textes (also was durch die Zeichen ausgesagt wird) gerät in den Hintergrund und „die innere Beziehung der Zeichen zueinander“(ebd., S. 75) in den Vordergrund.

Strömungen des Strukturalismus

- Der russische Formalismus, ein Vorläufer des Strukturalismus, beschäftigt sich mit der Untersuchung der Zeichen, ist allerdings nicht daran interessiert die Verschiedenheiten und Tiefenstrukturen eines Textes (und dessen Zeichen) herauszuarbeiten.
- Roman Jakobson (Moskauer Linguist, später Haupttheoretiker des tschechischen Strukturalismus) versucht die Sprache in Beziehung zu sich Selbst zu setzen. Kommunikation benötigt so 6 Komponenten:
- ein Sender (Sprache drückt hier subjektive Befindlichkeit aus),
- ein Empfänger (Sprache ist hier ‚konnotativ’, zielt auf das Ergebnis),
- eine Botschaft, die vermittelt wird (Sprache ist poetisch: Die Worte selbst (und nicht die Situation/der Zweck/der Sender und Empfänger) stehen im Vordergrund),
- ein gemeinsamer Code (der die Botschaft verstehbar macht)(Sprache ist ‚metasprachlich’: Zwei Personen sprechen darüber, ob sie einander verstehen),
- ein Kontakt/ein physisches Kommunikationsmedium (Sprache ist phatisch: „Na, jetzt sitzen wir ja endlich zusammen und plauschen“) und
- ein Kontext [Textzusammenhang], auf den die Botschaft sich bezieht (Sprache ist so referentiell).

Jakobson sieht in der Lyrik v.a. die Aufmerksamkeit auf die Wortverbindung (und nicht nur die Wortwahl) und ihrer „Äquivalenzen“ gerichtet: Die Dichter reihen Wörter aneinander, „die semantisch, rhythmisch, phonetisch oder auf andere Weise äquivalent sind. [...] Worte werden nicht einfach um der von ihnen ausgedrückten Gedanken willen aneinandergereiht, wie dies in der normalen Rede der Fall ist, sondern im Hinblick auf Muster von Ähnlichkeit, Opposition, Parallelismus etc., die durch ihren Klang, ihre Bedeutung, ihren Rhythmus und ihre Konnotation geschaffen werden.“(ebd., S. 77).

Gedichte kann man so als „funktionale Strukturen“ kennzeichnen, „in denen Bezeichnetes und Bezeichnendes einem einzelnen, komplexen System von Relationen unterliegen. Diese Zeichen mussten innerhalb ihres Gültigkeitsbereiches und nicht als Widerspiegelungen einer externen Realität untersucht werden.“(ebd., S. 78).

Der Text muss aus seiner Umgebung gelöst und zum „autonomen Objekt erhoben“ werden, da die Beziehungen zwischen „Zeigen und Referent, Wort und Sache willkürlich sind.“(ebd., S. 78).

- Das Verfremdungskonzept:

Kunst verfremdet und untergräbt konventionelle Zeichensysteme. Sprache ist nicht etwas Selbstverständliches. Das Werk und seine Elemente müssen als Funktionen eines dynamischen Ganzen begriffen werden, wobei die Textebene jeweils einen entscheidenden Einfluss auf alle anderen ausübt und sie deformiert oder in ihren eigenen Geltungsbereich hinüberzieht.

- Nach Mukarovsky (Prager Strukturalist) zeichnet sich ein Kunstwerk durch seine systematische Abweichung von der linguistischen Norm aus. Das „ästhetische Objekt“ ist nur eine menschliche Interpretation des realen Gegenstandes (des Buches, des Kunstwerks selbst).
- Jurij Lotman (russischer Strukturalist) sieht den poetischen Text als ein vielschichtiges System, in dem die Bedeutung vollkommen kontextabhängig ist und durch Serien von Ähnlichkeiten und Oppositionen determiniert wird. Unterschiede und Parallelitäten im Text sind ihrerseits relative Begriffe und können nur in ihrem Verhältnis zueinander wahrgenommen werden.

Gerade in der Lyrik mit ihrem reichhaltigen Laut- und Rhythmusmustern, mit der Verdichtung von „Information“ auf eine begrenzte Textebene können mehr Botschaften übermittelt werden. Dies hat zur Folge, dass hier eine Anzahl von „Systemen“ ( eine lexikalische, graphische, metrische, phonologische) aufeinanderprallt und Spannungen zwischen den Systemen, die jeweils eine eigene Norm inne haben, erzeugen kann (z.B. hat das Metrum ein bestimmtes Muster, das durch die Syntax verletzt werden kann).

„Auf diese Weise ‚verfremdet’ jedes einzelne System des Textes die jeweils anderen und belebt sie durch Abwechslung neu (z.B. durch den ähnlichen Klang zweier Wörter vergrößert sich unsere Aufmerksamkeit und hebt den Bedeutungsunterschied hervor (z.B. gedacht – Nacht). [...] Das literarische Werk bereichert und verändert die bloße lexikalische Bedeutung ständig, indem es durch den Zusammenprall und die Verdichtung seiner verschiedenen ‚Ebenen’ neue Bedeutungen generiert.“(ebd., S.80f)

So können zwei völlig beliebige Wörter miteinander verglichen werden, wenn sie ein entsprechendes gemeinsames Merkmal inne haben.

Jedes Wort ist so mit anderen aufgrund verschiedener (formaler) Strukturen verbunden, seine Bedeutung ist ‚überdeterminiert’ (z.B. aufgrund von Assonanz [Gleichklang: laben - klagen], syntaktische Gleichwertigkeit, morphologischen Parallelismus, etc.).

Jedes Zeichen hat so an paradigmatischen Systemen [auf der Ebene der Flexion: Er, Der Student, der Kommolitone, der junge Mann] und an den syntagmatischen Ketten [Subjekt – Verb –Objekt, Ich ® gehe ® zum ® Arzt] Anteil.

Der gesamte poetische Text ist so ein ‚System von Systemen’, er „verdichtet auf kleinstem Raum mehrere Systeme, deren jedes seine eigenen Spannungen, Parallelismen, Wiederholungen und Oppositionen beinhaltet, und von denen jedes ständig alle anderen modifiziert.“(ebd., S. 81).

Auch die Abwesenheit bestimmter Merkmale (z.B. des Happyends, des Rhythmus, des Metrums) kann eine Bedeutung herstellen.

Literatur darf allerdings nicht nur anhand der sprachlichen Eigenschaften interpretiert werden: Der Text steht auch in Beziehung zu umfassenderen Bedeutungssystemen, zu anderen Texten, Codes oder Normen, sowie dem „Erwartungshorizont des Lesers“. „Der Leser ist es, der mittels bestimmter ‚Rezeptionscodes’, die ihm zur Verfügung stehen, ein Element im Werk als ‚Verfahren’ identifiziert“(ebd., S. 82).

- Der Russe Vladimir Propp teilt z.B. sämtliche Volksmärchen in sieben ‚Handlungskreise’ (und 31 Elemente ein). Jedes Märchen verbindet diese Handlungskreise (Helden, Helfer, Gegenspieler, gesuchte Gestalt).

Eine weitere Abstraktion gelingt, wenn man jegliche Erzählform in Aktanten einteilt: Subjekt, Objekt, Adressant, Adressat, Adjuvant (ein die Wirkung unterstützender Zusatz), Opponent (Gegner).

Andere Einteilungen wären Personen in Substantive, Eigenschaften in Adjektive und Handlungen in Verben aufzufassen. Das Werk wird so als „ausgedehnter Satz“(ebd., S. 84) verstanden, der die einzelnen Elemente miteinander verbindet. Die Sprache ist der eigentliche Gegenstand der Untersuchung.

Als Hilfsmittel und als neue literaturwissenschaftliche Disziplin entspringt aus dem Strukturalismus die Narratologie (Gerard Genette), die sich u.a. mit der Ereignisfolge (Chronologie der Ereignisse), der Dauer (Episoden, nur Augenblick wird gezeigt), Frequenz (ein Ereignis einmal oder mehrmals erzählt), Modus (indirekte, direkte Rede), Perspektive (point of view).

Literaturverzeichnis

Andreas-Grisebach, Manon: Methoden der Literaturwissenschaft, München 19828

Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart 19974

Details

Seiten
8
Jahr
2004
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108930
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
Schlagworte
Strukturalismus Methode Literaturwissenschaft) Literaturwissenschaftliches Examenskolloquium

Autor

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Titel: Strukturalismus (als Methode der Literaturwissenschaft)