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Einführung in die Grundbegriffe der Soziologie

Hausarbeit 2000 21 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung:

1. Normatives vs. Interpretatives Paradigma

2. Interaktion und Kommunikation

3. Normen, Werte und Sanktionen

4. Sozialisation und Enkulturation

5. Individuum und Gruppe

6. Rolle und Status

7. Institution und Organisation

8. Soziale Schichtung

9. Macht, Herrschaft, Gewalt

1. Normatives vs. Interpretatives Paradigma

Frage: Welches sind die wesentlichen Unterschiede zwischen dem normativen und interpretativen Paradigma ?

Als Paradigma bezeichnet man die Beziehung zwischen sprachlichen Einheiten, die zwar an der gleichen Stelle, jedoch nicht zugleich vorkommen können. Paradigmen schließen deshalb einander aus: z. B. Das Kleid ist rot/ blau/ gelb. Etwas Normatives ist maßgebend bzw. als Norm geltend. Etwas Interpretatives ist auslegend, erklärend bzw. deutend. Das normative Paradigma bezeichnet man als die herkömmliche und das interpretative Paradigma als die neuartige Forschungsperspektive in der Soziologie.

Beim normativen Paradigma gibt es einen kulturell - etablierten kognitiven Konsens, der sich in einem von allen Individuen geteilten Symbolsystem darstellt und von den Forschern als vorausgesetzt und gesichert angesehen wird. Die sozial Handelnden teilen sich ein gemeinsames System von Symbolen, Bedeutungen und Definitionen für Situationen und Handlungen. Auch Sprache, Mimik und Gestik sind ihnen gemeinsam. Dieses System dient als allgemein zugängliches kommunikatives Medium der Interaktion zwischen den einzelnen Individuen. Das normative Paradigma sieht soziales Handeln als von vorhandenen Rollen, Regeln und Normen u.a. geleitet, an denen sich die Individuen orientieren. Sie versuchen, diese ihnen zugewiesenen Rollen auszuführen. Es gilt das Konzept der Rollenübernahme. Beim interpretativen Paradigma gibt es dagegen keinen kognitiven Konsens. Es werden keine Normen vorgegeben, sondern nur lockere Gesichtspunkte, um Eindrücke zu ordnen und das eigene Auftreten der Individuen zu organisieren. Auf der Grundlage der Rolle, die dem Individuum von anderen zugeschrieben wird, entwirft und verwirklicht es sein eigenes soziales Handeln. Die soziale Wirklichkeit bzw. das „wirkliche Leben“ wird von dem Individuum durch geistige Interpretationsleistungen hergestellt.

Beim normativen Paradigma werden Situationsdefinitionen und Handlungen als ein für allemal getroffen und festgelegt angesehen. Beim interpretativen Paradigma dagegen ist dies nicht so. Definitionen und Handlungen werden als Interpretationen angesehen, die von den an der Interaktion Beteiligten an den einzelnen „Ereignisstellen“ der Interaktion getroffen werden, und in der Abfolge dieser „Ereignisstellen“ der Überarbeitung und Neuformulierung unterworfen sind.

Beschreibungen von Interaktionen genügen beim normativen Paradigma den Erfordernissen der abbildenden Beschreibung, wie sie von der Logik der deduktiven Erklärung aufgestellt werden. Beim interpretativen Paradigma dagegen genügen die Beschreibungen von Interaktionen nicht den Erfordernissen der abbildenden Beschreibung.

Literatur:

A-Text: Wilson 1973, Fuchs-Heinritz 1994

2. Interaktion und Kommunikation

Frage: Definieren Sie die Begriffe „Interaktion“ und „Kommunikation“ mit Ihren eigenen Worten und stellen Sie die Rolle und den Anteil der Sprache am sozialen Interaktionsprozeß dar !

Literatur: A-Text Giddens 1995, S. 99-126.

Gudemann, Wolf-Eckhard: Das Neue Taschenlexikon. Gütersloh, 1992.

„Interaktion“ und „Kommunikation“ spielen in der Soziologie eine wichtige Rolle. Was aber ist eigentlich unter diesen Begriffen zu verstehen? Als „Interaktion“ wird jede Form von wechselseitiger Bezugnahme von zwei oder mehreren Personen bezeichnet. Der einzelne Mensch orientiert sich bei jeder Interaktion am tatsächlichen Verhalten, aber auch an den von ihm nur vermuteten Erwartungen des anderen Akteurs[1]. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist ein Mindestmaß an gemeinsamen Symbolen und Zeichen bei beiden Individuen, die eine Verständigung ermöglichen. Die Sprache als Symbol ist bei der Interaktion von grundlegender Bedeutung. Sie macht eine gemeinsame Kommunikation erst möglich. Die Interaktionen der Individuen laufen in bestimmten Zeiträumen und an bestimmten Orten ab. Der Soziologe hat so die Möglichkeit das soziale Alltagsverhalten der Akteure zu analysieren. Die Untersuchung der sozialen Interaktion ist ein grundlegendes Gebiet der Soziologie, das viele Aspekte des Alltagsverhaltens und des sozialen Lebens erklärt. Interaktion findet nicht nur auf der mikrosoziologischen Ebene, sondern auch in der Makrosoziologie statt. Auf der makrosoziologischen Ebene werden Interaktionen der größeren Gruppen, wie Institutionen und Sozialsysteme untersucht. Mikro- und Makrosoziologie sind sehr eng miteinander verbunden und ergänzen sich gegenseitig[2].

Was ist unter dem Begriff der „Kommunikation“ zu verstehen? Kommunikation heißt allgemein Mitteilung oder Verständigung. In der Soziologie gibt es verschiedene Ebenen dieser Verständigung. Man kann die nonverbale Kommunikation[3] von der verbalen Kommunikation unterscheiden. Sehr gut läßt sich z.B. mit Hilfe des Gesichtsausdrucks nonverbal kommunizieren. Man kann so, ohne etwas verbal zu sagen, Emotionen und Gefühle wie Freude, Trauer oder Furcht zum Ausdruck bringen. Unter verbaler Kommunikation ist die Konversation und das Reden der Menschen miteinander zu verstehen. Die Sprache ist für das soziale Leben von grundlegender Bedeutung[4]. Eine gemeinsame Sprache ermöglicht den Menschen die Kommunikation untereinander. Die Kommunikation ist somit wiederum eine grundlegende Voraussetzung für die Interaktion der Individuen. Damit sinnvolle Konversation zwischen den Individuen möglich wird, muß ein bestimmtes Hintergrundwissen bei den Menschen als gegeben vorausgesetzt werden. Wenn dies nicht der Fall wäre, würde eine Verständigung nicht zustande kommen.

3. Normen, Werte und Sanktionen

Frage: Welche Rolle spielen Normen im sozialen System der Interaktionsbeziehungen und welche Normen lassen sich unterscheiden?

Literatur: A-Text: Bahrdt 1992, S. 48-65.

Bellebaum, Alfred: Soziologische Grundbegriffe. Stuttgart 1974.

Normen sind in jeder menschlichen Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Sie tragen dazu bei, daß menschliches Handeln einer gewissen Regelmäßigkeit unterworfen ist. Durch Normen wird das interaktive Handeln für andere Akteure erwartbar und kalkulierbar. Diese Erwartbarkeit des menschlichen Handelns im Zusammenleben der Akteure entsteht nicht nur durch das Vorhandensein von Normen, sondern auch durch physische Determinanten, Gewohnheiten, Bräuche, dauerhafte und einschätzbare Interessenlagen der Individuen und durch Machtverhältnisse zwischen den Akteuren.

Was ist nun aber eigentlich unter dem Begriff der „Norm“ zu verstehen? „Normen“ sind allgemein geltende, mittelbare Vorschriften für das menschliche Zusammenleben, die sich direkt oder indirekt an weitverbreiteten Wertvorstellungen orientieren. Ziel ist es, diese Vorschriften in die Wirklichkeit umzusetzen. Normen versuchen menschliches Verhalten in Situationen festzulegen, um somit eine Erwartbarkeit für andere Akteure zu schaffen. Normen werden durch Sanktionen abgesichert[5].

Normen beziehen sich stets auf Wertvorstellungen, die in den Köpfen der Menschen existieren. Wertvorstellungen können aber nur Grundlage einer allgemein geltenden Norm werden, wenn sie allgemeine Geltung in einem Kollektiv haben. Private Wertvorstellungen eines einzelnen Individuums können nicht zu einer Norm werden. Weiterhin haben Normen nur einen Sinn, wenn es nicht selbstverständlich ist, daß alle Akteure ihren Forderungen nachkommen. Ein Zuwiderhandeln muß möglich sein. Ebenso gehört aber zur Norm, daß ihre Befolgung auch faktisch zum Regelfall wird. Normen begründen Normalität.

Normen sind auch situationsübergreifende Elemente der Definition von Situation. Normen legen ein typisches Handeln fest, das in Situationen eines bestimmten Typs erfolgen soll. Sie tragen zur Entwicklung konsistenter Handlungssequenzen bei. Eine wichtige soziale Funktion, die allen Normen zukommt, ist die Ermöglichung von Verhaltenserwartungen anderen Menschen gegenüber. Nur wenn Menschen regelmäßiges Verhalten von ihren Mitmenschen erwarten und sich darauf einstellen können, vermögen sie selbst konsistent zu handeln und soziale Beziehungen zu knüpfen[6].

Für die Unterscheidung von sozialen Normen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Normen lassen sich nach dem „Grad des Bewußtseins“ unterscheiden. Man differenziert hier Brauch, Sitte und Recht voneinander. Unter Brauch wird eine Gepflogenheit bzw. Gewohnheit verstanden, die schon immer so gewesen ist. Die Gepflogenheit ist nicht begründbar. Die Sitte ist mit einem bestimmten Sinn verbunden und sie ist begründbar. Gesetze bzw. das Recht wurden hinsichtlich bestimmter Zwecke ausgearbeitet. Sie sind meist schriftlich fixiert. Die Beachtung der Gesetze erfolgt in voller Kenntnis ihres zweckhaften Charakters.

Eine zweite Unterscheidung der Normen erfolgt nach der „Zahl der betroffenen Menschen“. Innerhalb einer Gesamtgesellschaft gibt es ein quantitativ abgestuftes System von Vorschriften. Es gibt Vorschriften, die für alle Menschen der Gesellschaft gelten (z.B. Verkehrsregeln). Dann liegen aber auch Gesetze vor, die nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen innerhalb der Gesellschaft gelten (z.B. Beamtenrecht). Als Brauch oder Sitte bezeichnete Vorschriften könne alle Mitglieder der Gesellschaft betreffen, müssen es aber nicht.

Eine dritte Unterscheidung sozialer Normen erfolgt nach dem „Grad der Ausdrücklichkeit“, mit dem das Handeln geboten wird. Man unterscheidet Kann-Vorschriften, Soll-Vorschriften und Muß-Vorschriften. Kann-Vorschriften sind Handlungsanweisungen, zu denen man nicht nachhaltig aufgefordert wird. Soll-Vorschriften haben keine Konsequenzen, solange durch die Nichtbeachtung der Norm keine Schädigung eines anderen Individuums eintritt. Mit Muß-Vorschriften sind im allgemeinen die Rechtsvorschriften gemeint. Bestimmte Handlungen sind zwingend vorgeschrieben. Sie sind in der Regel schriftlich fixiert und Bestandteile eines umfassenden Systems formal und inhaltlich aufeinander bezogener Sätze. Ein eingesetzter „Erzwingungsstab“ (nach Max Weber) wacht über die Einhaltung der Muß-Vorschriften. Bei Zuwiderhandlungen verhängt er negative Sanktionen in Form von Strafen[7].

[...]


[1] Gudemann, Wolf-Eckhard: Das Neue Taschenlexikon. Gütersloh, 1992.

[2] A-Text Giddens 1995, S. 124.

[3] A-Text Giddens 1995, S. 102.

[4] A-Text Giddens 1995, S. 104.

[5] A-Text: Bahrdt 1992, S. 49.

[6] A-Text: Bahrdt 1992, S. 49-50.

[7] Bellebaum, Alfred: Soziologische Grundbegriffe. Stuttgart 1974, S. 50-53.

Details

Seiten
21
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638171984
ISBN (Buch)
9783638787352
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10893
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Fakultät für Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Einführung Grundbegriffe Soziologie Vorlesung

Autor

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Titel: Einführung in die Grundbegriffe der Soziologie