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Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Hauke Haien - Einzelkämpfer gegen die Natur

Seminararbeit 2000 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Der Schimmelreiter: Eine kurze Inhaltsangabe
1.2. Die Natur und der Deich

2. Hauke Haien
2.1. Haukes Verhältnis zur Natur
2.1.1. Der junge Hauke Haien
2.1.2. Hauke und die höhere Macht
2.2. Haukes Deichpläne
2.3. Haukes Verhältnis zur Dorfgemeinschaft
2.2.1. Seine Isolation
2.2.2. Sein Widerstand gegen den Aberglauben
2.3. Der Kampf
2.4. Die Katastrophe
2.5. Die Schuldfrage

3. Der Kampf gegen die Gewalten der Natur heute

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sturmfluten in den Jahren 1953, 1962, und 1976 verursachten an großen Teilen der niederländischen und deutschen Nordseeküste katastrophale Verwüstungen und forderten Hunderte von Todesopfern. Auch die zum Schutz des Hinterlandes errichteten Deiche konnten die Naturgewalten nicht aufhalten.

Schon Jahrzehnte vorher thematisiert der Autor Theodor Storm den Kampf der Friesen gegen das Meer in seiner berühmten Novelle Der Schimmelreiter. Darin schildert Storm, wie der Deichgraf Hauke Haien einen neuen Deich konstruiert, der noch hundert Jahre nach seinem tragischen Tod sein Heimatdorf vor den Mächten der Natur beschützt. Ist das Werk des Hauke Haien nur als Folge egoistischen Strebens anzusehen? Welche Verantwortung trägt die Gesellschaft? Diesen Fragen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Dabei steht zunächst Haukes Auseinandersetzung mit der Natur und der Dorfgemeinschaft im Vordergrund. Auf dieser Basis wird die geschilderte Katastrophe in ein anderes Licht gerückt.

Eine vollständige Charakterisierung der komplexen Hauptfigur ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Vielmehr beschränkt sich die Analyse auf Haukes soziale Isolation und seinen Kampf gegen die Macht der Natur.

1.1. Der Schimmelreiter: Eine kurze Inhaltsangabe

Der ungewöhnlich begabte Hauke Haien zeigte schon als Kind Interesse an der Deichbaukunst. Er tritt als Knecht in die Dienste des alten Deichgrafen und wird bald zu dessen rechten Hand. Kurz nachdem der alte Deichgraf gestorben ist, heiratet Hauke dessen Tochter Elke. Dadurch gelingt ihm der gesellschaftliche Aufstieg vom einfachen Knecht zum neuen Deichgrafen. Doch das schafft ihm einige Neider.

Als er den Bau eines sicheren Deiches durchsetzt, der ein verbessertes, von ihm konstruiertes neuartiges Profil erhalten soll, schlägt ihm aus dem Dorf Engstirnigkeit entgegen. Während des Deichbaus verstärkt sich der Widerstand. Aberglaube läßt ihn und seinen Schimmel in den Augen der Dorfbevölkerung zu einer unheimlichen Gestalt werden.

Zermürbt von Feindseligkeit und Krankheit, übersieht er einen Schaden am Deich. Die folgende Sturmflut bringt die Katastrophe, der Deich bricht an der Schwachstelle. Er und seine Familie kommen in den Fluten um. Der neue Deich aber, der Hauke-Haien-Deich, steht noch nach hundert Jahren.

1.2. Die Natur und der Deich

Die Naturdarstellung spielt in der Novelle Der Schimmelreiter eine große Rolle. Theodor Storm bettet die Novelle in eine wirklichkeitsnah geschilderte Landschaft; es handelt sich dabei um Ostfriesland mit seinen Deichen und Dörfern, die mit der ständigen Bedrohung durch das Meer leben müssen. Der unberechenbaren Naturgewalt steht der menschliche Fortschritt gegenüber. Der Deich soll im Fall einer verheerenden Sturmflut die furchtbare Gewalt der Natur vom hilflosen Menschen abwenden. Im Mittelpunkt der Novelle steht das Meer, das ausgesprochen düstere Züge trägt. Es zeigt eine zerstörerische, unberechenbare Kraft und stellt eine ständige Bedrohung menschlichen Lebens dar; insbesondere dann, wenn es vom Sturm aufgepeitscht wird. Meer (Naturgewalt) und Deich (menschliches Können) sind die wesentlichen Symbole der Novelle; und schon bevor die tragische Geschichte des Hauke Haien ihren Lauf nimmt, sind diese beiden Elemente präsent.[1]

2. Hauke Haien

Hauke Haien, der Protagonist, nimmt einen einsamen Kampf gegen die Gewalten der Natur auf. Theodor Storm nannte den Deichgrafen bewußt ‚Hauke‘, um seinen Verstand und Geist hervorzuheben[2]. Aber Intelligenz und Weitsichtigkeit führen oft zu einem tragischen Ende, wie es auch Hauke Haien erfahren muß.

2.1. Haukes Verhältnis zur Natur

Als Hauke in einer einsamem Stunde seinen Blick über das ungenutzte Vorland schweifen läßt, kommt ihm der Gedanke, einen Deich zu konstruieren, der auf geniale Weise die Natur bezwingen soll: „Wie ein Rausch stieg es ihm ins Gehirn; aber er preßte die Nägel in seine Handflächen und zwang seine Augen, klar und nüchtern zu sehen.“[3]

2.1.1. Der junge Hauke Haien

Schon als Junge ist Hauke von „wenigen Worten“[4] und hält sich abseits von Gleichaltrigen. Seine Interessen sind anderer Art als die seiner Mitmenschen, denn Hauke hat „weder für Kühe noch Schaf Sinn“[5]. Jede freie Minute verbringt er am Meer, in einsamer Betrachtung der Wellen oder des eisbedeckten Wattenmeeres. Das Meer spielt in seinem Leben von Anfang an eine große Rolle und er ruft in jungen Jahren den gespenstigen Gestalten im Watt furchtlos entgegen: „...ihr sollt mich nicht vertreiben.“[6] Hauke weiß um die zerstörerische Kraft des Meeres, denn schon in frühster Jugend erlebt er die Sturmfluten.

Und wenn im Herbst die Fluten höher stiegen, ...dann ging er nicht mit den anderen nach Haus, sondern blieb...an der abfallenden Seite des Deiches sitzen und sah stundenlang zu, wie die trüben Nordseewellen immer höher an die Grasnarbe des Deiches hinaufschlugen. ...was er allein hier sah, war der brandende Saum des Wassers[7]

Als „geborener Rechner“[8] ist er schon als Jugendlicher besessen von einer neuartigen Konstruktionsidee für den Deich. Er verbringt einsame Tage in der Deichlandschaft und studiert die Macht der Natur. Sein Charakter läßt aber neben der natürlichen Begabung und der Selbstsicherheit auch Überheblichkeit erkennen: „...unsere Deiche sind nichts wert!“[9]. Er stellt den bisherigen Fortschritt in Frage und hält nur an seinen Ideen fest. Den Grundstock für seinen Ehrgeiz legt sein Vater; er bestärkt ihn in der Idee, Deichgraf zu werden. Die Erziehung in einem mutterlosen Elternhaus macht Hauke zu einem verstandsorientierten Menschen. Bezeichnend für seinen Aufstieg und Kampf ist dabei die Episode mit dem Angorakater der Trin‘ Jans. Winfried Freund spricht in seiner Interpretation sogar von einem kompromißlosen Kampf zwischen zwei Raubtieren[10]. Hauke wird dabei selbst zum Tier, der sich von seinen Trieben leiten läßt. “Ein Grimm, wie gleichfalls eines Raubtieres, flog dem jungen Menschen ins Blut. ‚...wollen wir sehen, wer’s von uns beiden am längsten aushält‘ “.[11] Sein Triumph über den Kater bestätigt ihn in seinem Gefühl, die Natur alleine besiegen zu können.

[...]


[1] Wolfgang Frühwald, „Hauke Haien, der Rechner“, S. 443

[2] Hauke als friesische Form für Hugo, abgeleitet von mhd. huge, hoge = Sinn, Geist vgl. Wolfgang Frühwald, „Hauke Haien, der Rechner“, S. 442

[3] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, S. 70

[4] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, S. 10

[5] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, S. 11

[6] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, S. 16

[7] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, S.11-12

[8] Wolfgang Frühwald, „Hauke Haien, der Rechner“, S. 446

[9] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“ S. 12

[10] vgl. Winfried Freund, „Theodor Storm“, S. 146

[11] Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, S. 19

Details

Seiten
15
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638171939
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10888
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Sprach- und Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Hauke Hain Theodor Storm
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