Lade Inhalt...

Der Rhythmus in Goethes 'Willkommen und Abschied' und 'Ganymed'

Hausarbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Definition von Rhythmus
1.1 Rhythmustheorien von Christine Lubkoll
1.2 Rhythmustheorien von Wolfgang Kayser

2. Interpretation von „Willkommen und Abschied“
2.1 Anwendung der Rhythmustheorien auf „Willkommen und Abschied“
2.2 Interpretation von „Ganymed“
2.3 Anwendung der Rhythmustheorien auf „Ganymed“
2.4 Vergleich beider Rhythmen

III. Schlussbemerkung

Bibliografi

I. Einleitung

Bei Gedichten spielt der Rhythmus oft eine wichtige Rolle für die Interpretation und die Wirkung. Häufig vermittelt nämlich gerade der Rhythmus dem Leser eines Gedichtes eine entsprechende Stimmung. Wie sich ein solcher Rhythmus auf ein Gedicht auswirken kann, soll in dieser Arbeit gezeigt werden.

Im Folgenden soll daher mit einer ausführlichen Einführung in das Thema Rhythmus gezeigt werden was ein Versrhythmus überhaupt ist und was ihn ausmacht. Im anschließenden Teil finden wir Interpretationen der Goethegedichte „Willkommen und Abschied“ und „Ganymed“. Den Interpretationen folgt jeweils eine ausführliche Untersuchung der vorkommenden Rhythmen. Bei dem abschließendem Vergleich beider Gedichte werden beide Rhythmustypen einander gegenübergestellt und gezeigt inwiefern sie sich auf die inhaltlichen Aspekte der Gedichte auswirken.

II. Hauptteil

1. Definition von Rhythmus

Um den Rhythmus in Gedichten verstehen und analysieren zu können, zunächst die allgemeine Definition von Rhythmus nach Metzlers Literaturlexikon[1].

Das Wort Rhythmus (gr. Rhythmos) bedeutet demnach Bewegungsfluß oder nach neuerer Erkenntnis auch Spannungsgefüge, wobei man in der Literatutwissenschaft zwischen Prosa- oder Sprachrhytmus und Versrhythmus unterscheidet.

Um das System der allgemeinen Rhythmik zu verstehen fasst man Rhythmus zunächst als physiologisches, psychologisches Phänomen auf. Rhythmische Grunderfahrungen des Menschen sind dabei der Pulsschlag welcher stets unwillkürlich ist, oder die Gehbewegungen, welche stets willkürlich gewählt werden können. Diese Grunderfahrungen werden nun auf die Zeitvorstellung übertragen, wobei objektiv leere Zeitstrecken mit subjektiven Empfindungsgehalten gefüllt werden. Sie werden als gegliederte und strukturierte Bewegungsabläufe wahrgenommen durch einen Wechsel von Spannung und Lösung gekennzeichnet. Der Versrhythmus ergibt sich danach aus der Übertragung des rhythmischen Zeitgefühls auf die Sprache.

1.1 Rhythmustheorien von Christine Lubkoll

In Lubkolls Theorie über „Rhythmus und Metrum“[2] gibt sie eine ausführliche Einführung in das zum Teil recht komplexe Thema. Unter anderem bezieht sich Lubkoll dabei auch auf die im Folgenden detailliert besprochene Einführung von Wolfgang Kayser, wobei sie eigene Beispiele zur Verdeutlichung anführt.

Rhythmus ist laut Lubkoll definiert als eine „Form der Strukturierung und Musikalisierung der literarischen Sprache“. Bezogen werden kann dies auf sämtliche Gattungen, die durch den Rhythmus in Form von Strophen (bei Gedichten), Szenewechseln (in Dramen) oder durch die Bildung von Segmenten (in Erzähltexten) strukturiert werden. Damit sind allerdings zu viele Themengebiete angesprochen, als dass hier alle in Betracht gezogen werden könnten. Daher beschränke ich mich auf den für die folgende Untersuchung relevanten Versrhythmus in Gedichten.

Dieser definiert sich aus dem Sprachrhythmus, der in eine metrische Ordnung überführt wird. Sehr anschaulich ist dabei der Vergleich mit der Musik. Das was in der Musik als Takt beschrieben wird, ist in den Verstexten das Metrum. Es bestimmt die regelmäßige Grundstruktur, anhand derer man den Rhythmus untersuchen kann. Da das Thema Rhythmus bezüglich Verse in Gedichten noch nicht ausreichend untersucht worden ist, besteht unter den Literaturwissenschaftlern eine gewisse Uneinigkeit darüber, ob der Rhythmus überhaupt als eigenständiges Element betrachtet werden kann, da er schließlich stets dem Metrum unterliegt. Deswegen ist er keinesfalls immer mit dem Metrum gleichzusetzen, wie im Folgenden durch Kaysers Theorie verdeutlicht wird. Meistens ist eher das Gegenteil der Fall, zumindest seit dem 18. Jahrhundert, in dessen Verlauf man sich der starren, durch Martin Opitz eingeführten Versordnung abgewendet hat.

Nach Lubkoll wirkt ein Gedicht erst dann rhythmisch interessant, wenn zwischen Metrum und Rhythmus eine gewisse Reibung besteht, die einen rhythmischen Spannungsaufbau, eine Eigendynamik und eine natürliche Lebendigkeit mit sich bringt. Ein in diesem Sinne als rhythmisch gut empfundenes Gedicht mag dabei für den Laien vielleicht nicht ganz so leicht vorzutragen sein, man kann aber auch in diesem Punkt einen Vergleich zur Musik wagen, indem man beispielsweise die leicht tanzbare und eingängige Diskomusik aus den Charts mit abwechslungsreicherer Jazzmusik vergleicht.

1.2 Rhythmustheorien von Wolfgang Kayser

Wie Lubkoll betont auch Kayser[3], dass der Rhythmus eines Gedichtes nicht mit dem Metrum identisch ist, sondern losgelassen von ihm betrachtet werden muss. Außerdem sollen Gedichte einen eher zum Metrum gegensätzlichen Rhythmus haben, um interessanter und dynamischer vorgetragen werden zu können.

Vergleicht man z.B. verschiedene Gedichte, die jeweils das gleiche Metrum haben, so erkennt man schon beim stummen Lesen, dass sie jeweils ganz andere Gefälle, völlig andere Bewegungen und innere Spannungen haben können. Der Rhythmus eines jeden Gedichtes ist nämlich einzigartig und individuell. Die genauen Unterschiede erkennt man dabei jedoch oft nur im Detail. So werden manche Betonungen mit mehr oder weniger Druck gesprochen, oder manche Verse werden in sich noch einmal getrennt, indem man beim Vortragen eine kleine Sprechpause, eine sogenannte Zäsur (z.B. oft in der Versmitte), einlegt. Unterscheidendes Kriterium ist auch das jeweilige Sprechtempo eines Gedichtes.

Abweichungen vom Metrum entstehen meist durch kleine Verzögerungen an bestimmten Stellen beim Vortragen, die zwar nicht so einschneidend sind wie die eben genannten Zäsuren, aber dennoch zur Folge haben, dass eine eigentlich folgende Betonung aufgezerrt wird. Die Betonung bleibt zwar metrisch bestehen, wird jedoch praktisch nicht eindeutig als Betonung realisiert.

Bleibt der Rhythmus dem Metrum eines Gedichtes sehr nahe, so spricht man von „metrischem Rhythmus“. Gedichten mit metrischen Rhythmen fehlt nach Kayser allerdings meist eine innere Spannung und Bewegung. Beim Vortragen wirken sie oft melodielos und geleiert. Die eigentliche Lebendigkeit und Spannung, die durch den Rhythmus eines Gedichtes entstehen kann, wird also mit metrischen Rhythmen nicht erreicht. Auch hier ist ein Vergleich mit Diskomusik erwähnenswert, die meist den gleichen Rhythmus beibehält und somit die Funktion erfüllt leicht tanzbar zu sein, jedoch keine Abwechslung und Spannung in sich trägt. „Variation in der Gleichheit- das ist das Grundgesetz aller rhythmischen Schönheit“[4]. Diese Variation fehlt in Gedichten, die eine starke Zeilengleichheit haben. Gemeint sind damit Verse, die zwar stärkere und schwächere Betonungen haben und somit eigentlich dynamischer und spannender vorgetragen werden könnten, die aber trotzdem nicht so spannend realisiert werden, da die darauf folgenden Verse an immer den gleichen Stellen stärker bzw. schwächere Betonungen haben und somit durch die ständige rhythmische Wiederholung ebenfalls geleiert werden. Besonders ins Gewicht fällt dieser Effekt bei kurzen Zeilen oder besonders langen Strophentrennungen.

Auf dieser Grundlage des Versrhythmus kann man nun einzelnen Gedichten verschiedene Rhythmustypen zuordnen. Neben dem „metrischen Rhythmus“ wäre der „fließende Rhythmus“ vorzustellen, welcher durch seine ständige gleichmäßige Bewegung gekennzeichnet ist. Dieser wird durch kurze Zeilen begünstigt, und die Bedeutungskraft der Worte ist durch den „fließenden Rhythmus“ oft geschwächt. Ständig drängt und eilt er nach vorne und lässt dabei nur minimalen Raum für Pausen.

Der „bauende Rhythmus“ zeichnet sich durch meist längere Zeilen und in sich geschlossene Strophen aus, die einzelne Einheiten bilden, welche stets mit Hilfe des Rhythmus „gebaut“ werden. Es gibt oft ein rhythmisches Leitmotiv, welches jedoch stets variiert wird, entweder durch stärkere oder schwächere Betonungen oder durch unterschiedlich verteilte Pausen. Die Bedeutungskraft der Wörter und Sätze ist hier stärker als beim „fließenden Rhythmus“, da die Rhythmuswirkung etwas verhaltener erscheint.

Ein weiterer, dem entgegengesetzter Rhythmustyp, ist der „gestaute Rhythmus“. Ihn erkennt man schnell an seinen ungleich langen Zeilen und rhythmischen Sprüngen. Mit Sprüngen ist der plötzliche Wechsel von kurzen rhythmischen Einheiten zu deutlich längeren gemeint. Das Metrum wird oft übergangen und es gibt keine Leitmotive zu denen die Bewegung regelmäßig zurückkehrt. Die Bewegung wird ständig aufgehalten durch die häufig auftretenden Pausen, die fast immer an anderen Stellen auftreten. Auch die Sprache kann in „rhythmisch gestauten“ Gedichten ohne Ordnung und sofort erkennbaren Zusammenhang sein.

Der letzte von Kayser beschriebene Rhythmustyp ist der „strömende Rhythmus“. Er erinnert zunächst an den „fließenden Rhythmus“, grenzt sich aber durch seine schwach, als Einheit funktionierenden Zeilen ab. Die Versenden erscheinen meist nicht deutlicher als die in der Zeile vorhandenen Zäsuren. Die Verse sind meist sehr lang und der Reim fehlt oft, was eine klare Abgrenzung zum folgenden Vers ebenfalls erschwert. Die Hebungen werden fast alle erfüllt und mit deutlichem Nachdruck vorgetragen, womit man diesen Rhythmus vom „fließenden Rhythmus“ unterscheiden kann. Den „strömenden Rhythmus“ findet man meist in Hexametern.

2. Interpretation von „Willkommen und Abschied“

Unten abgedrucktes Gedicht „Willkommen und Abschied“ ist die spätere Fassung aus dem Jahre 1789 von Johann Wolfgang Goethe. Die erste Fassung stammt aus dem Jahre 1771 und gehört zu den „Sesenheimer Liedern“, die Goethe für seine damalige Liebe Frederike Brion schrieb. Erst im Jahre 1789, nach der Trennung von Frederike, veröffentlichte Goethe eine leicht abgeänderte Fassung, in der das „lyrische Ich“ etwas männlicher dargestellt wird. Der hauptsächliche Unterschied zur ersten Fassung besteht darin, dass nicht mehr der Mann, sondern die Frau beim Abschied weint. Auch der Titel taucht erst mit der späteren Fassung auf. In folgender Interpretation und rhythmischer Analyse wird lediglich Bezug auf die jüngere Fassung von 1789 genommen, die im Folgenden abgedruckt ist.

Willkommen und Abschied

Es schlug mein herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht.

Der Abend wiegte schon die Erde,

Und an den Bergen ging die Nacht;

5 Schon stand im Nebelkleid die Eiche,

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel

10 Sah kläglich aus dem Duft hervor,

Die Winde schwangen leise Flügel,

Umsausten schauerlich mein Ohr;

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,

Doch frisch und fröhlich war mein Mut:

15 In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude

Floß von dem süßen Blick auf mich;

Ganz war mein Herz an deiner Seite

20 Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosenfarbnes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht,

Und Zärtlichkeit für mich- ihr Götter!

Ich hofft` es, ich verdient` es nicht!

25 Doch ach, schon mit der Morgensonne

Verengt der Abschied mir das Herz:

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging, du standst und sahst zur Erden

30 Und sahst mir nach mit nassem Blick:

Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit jeweils acht Versen. Als Versmetrum liegt ein Jambus vor, der abwechselnd weibliche und männliche Endungen hat.

Hier liegt durchgehend ein Kreuzreim vor, der sich nach dem Schema ababcdcdefef... usw. durch das ganze Gedicht zieht.

Inhaltlich geht es um einen Reiter, der abends durch die düster erscheinende Natur zu seiner Geliebten reitet, um mit ihr die Nacht zu verbringen und dann am frühen Morgen wieder verlässt.Genauer betrachtet beginnt die erste Strophe mit dem schnellen Ritt eines Reiters, der sehr aufgeregt ist, ausgedrückt durch sein Herzklopfen.

Klaus Weimar[5] weist in seiner Interpretation darauf hin, dass es sich hier um zwei verschiedene Betrachtungsweisen handelt. Dabei wäre zum einen die Sicht des erlebenden Ichs und zum anderen die des erzählenden Ichs. Ausschlaggebend für die Trennung beider Sichtweisen ist dabei die Tatsache, dass das gesamte Gedicht im Präteritum verfasst worden ist und daher das erzählende Ich nur aus seiner Erinnerung die Geschehnisse und Empfindungen des erlebenden Ichs wiedergibt. Im Folgenden wird daher nur die Bezeichnung erzählendes Ich benutzt.

Das erzählende Ich beschreibt also seinen Ritt durch den Abend. Es scheint durch irgendetwas innerlich aufgewühlt zu sein, da es dabei Herzklopfen hat. Die umgebende Landschaft ist gebirgig und von der Dunkelheit des Abends und von Nebel umgeben. Eine düstere Finsternis umgibt das erzählende Ich, welche durch Bezeichnungen wie „aufgetürmter Riese“ (V.6), oder „hundert schwarzen Augen“ (V.8) personifiziert wird und dadurch noch bedrohlicher und unheimlicher wirkt.

In der zweiten Strophe wird weiterhin die Stimmung der Nacht und der Umgebung des Rittes durch den von Wolken bedeckten Mond dargestellt. Dann kündigt das erzählende Ich wie verwandelt auf einmal ein fröhliches Gefühl voller Mut an, welches auf einmal voller Leidenschaft ist. Die bedrohliche Atmosphäre scheint plötzlich besiegt zu sein.

Auflösung für den plötzlichen Gefühlswandel gibt dann der Beginn der dritten Strophe, indem dann die Geliebte erscheint, von der die ersten beiden Strophen keinen Hinweis auf ihre Existenz geben, ausgenommen durch das kurz vorher auftauchende Entflammen der Leidenschaft. Das erzählende Ich beschreibt die Schönheit und Verbundenheit zur Geliebten, wobei hier auffällt, dass Naturbegriffe zum Vergleich herangezogen werden „rosenfarbnes Frühlingswetter“(V. 21). Schließlich bedankt es sich bei den Göttern für die gerade erlebte Zärtlichkeit, die es zwar erhofft, aber nach eigenem Ermessen eigentlich gar nicht verdient hat.

Mit der letzte Strophe beginnt dann der Sonnenaufgang sowie der Abschied, der beiden sehr schwer fällt. Das verlassende „erzählende Ich“ schaut der verlassenen Geliebten noch einmal ins weinende Gesicht und bedankt sich abschließend noch einmal für das große Glück geliebt zu werden und zu lieben.

Auffallend ist insgesamt noch, dass der Titel „Willkommen und Abschied“ eigentlich nur Bezug auf die letzten beiden Strophen nimmt, da in den ersten beiden Strophen nur die düstere Naturstimmung wiedergegeben wird. Außerdem lässt sich zusammenfassen, dass die erste Hälfte des Gedichtes einen starken Kontrast der Stimmung zur zweiten Hälfte darstellt.

2.1 Anwendung der Rhythmustheorien auf „Willkommen und Abschied“

In der vorangehenden Interpretation ist eine grobe Formanalyse schon ausgeführt worden. Diese soll jetzt, mit dem Schwerpunkt auf dem Rhythmus liegend, vertieft werden.

Das gesamte Gedicht besteht abwechselnd aus acht und neun Silben, wodurch sich jeweils die männlichen und weiblichen Endungen erklären. Eine rhythmische Eintönigkeit lässt sich also schon aufgrund dieser Tatsache ausschließen. Zu klären ist nun, ob der Rhythmus des Gedichtes ansonsten dem vierhebigem Jambus folgt, oder eine eigene Rhythmik aufweist.

In der zweiten Zeile findet sich jedoch schon eine auffällige Unebenheit zum Metrum. Das Wort „fast“ wird nach einer kleinen Sprechpause ebenfalls betont, obwohl das Metrum dies eigentlich nicht vorsieht. Danach folgt wieder eine kleine Pause, bis der Rest der Zeile ergänzt wird. Dort stehen also zwei Betonungen, die zwar durch eine kleine Pause getrennt sind, aber direkt nebeneinander auftauchen. Die nächste auffällige Unebenheit befindet sich im fünften Vers, der direkt mit einer Betonung beginnt. Ansonsten werden in der ersten Strophe alle Betonungen metrisch erfüllt, wobei manche Betonungen jedoch stärker oder schwächer ausfallen als andere, wie man z. B. in Zeile drei sehen kann: „Der Ábend wìegte schòn die Èrde“ („ ´ “ bedeutet starke Betonung, „ ` “ bedeutet schwache Betonung). Die Hauptbetonung liegt auf „Á-bend“. Die anderen Hebungen werden zwar auch betont realisiert, aber nur schwach.

In der zweiten Strophe tauchen ebenfalls oben angesprochene feinere Unterschiede bei den einzelnen Betonungen auf. Ansonsten auffällig sind hier die kleinen Pausen, die beim Vortragen in Zeile 15 und 16 jeweils vor „welches“ und „welcher“ gemacht werden. Sie bewirken, dass die Versaussage jeweils sehr poetisch empfunden wird.

Die dritte Strophe beginnt mit einer plötzlichen Betonung auf dem Wort „Dich“. Die Geliebte wird auf diese Art zum ersten Mal erwähnt und dabei direkt angesprochen. Vers 21 fließt beim Vortragen so flüssig wie kaum eine zweite Zeile des Gedichtes. Die in den ersten beiden Strophen vorhandene Dunkelheit und Bedrohung der Natur erscheint besonders in dieser Zeile auch inhaltlich wie vergessen und nicht mehr vorhanden. Drei kleine Sprechpausen tauchen in den Zeilen 17, 23 und 24 auf, welche jeweils durch ein Komma oder einen Gedankenstrich gekennzeichnet sind.

Die letzte Strophe weist dann auffallend viele Sprechpausen auf. In jedem Vers, außer in Zeile 26 taucht eine solche auf. Inhaltlich wird hier der schwere Abschied beschrieben, welcher auf diese Weise hinausgezögert werden soll, um noch mehr Tragik zu erzeugen.

Das gesamte Gedicht wird bis auf die angesprochenen Ausnahmen jambisch realisiert, wobei Betonungen in allen Strophen unregelmäßig stärker, bzw. schwächer ausfallen. Stockend wirkt das Gedicht deswegen keinesfalls. Im Gegenteil, es handelt sich hier um einen sehr „fließenden Rhythmus“, den man auch geradezu als „galoppierend“ bezeichnen könnte. Das Gedicht ist rhythmisch sehr abwechslungsreich aufgebaut und kann daher auf seiner gesamten Länge eine dynamische Spannung aufrecht erhalten.

2.2 Interpretation von „Ganymed“

Das vermutlich im Jahre 1774 entstandene Gedicht „Ganymed“ von Johann Wolfgang Goethe ist eine Hymne , ein Loblied an Gott. Der Titel ist der griechischen Mythologie entnommen. Ganymed war in der Antike der schönste Mensch der Erde und wurde vom Adler des Zeus entführt, um den Göttern des Olymp als Mundschenk zu dienen. Goethe hat diesen Mythos wahrscheinlich in der „Ilias“ von Homer oder in den Oden Pindars gelesen und daher seiner Hymne den Titel „Ganymed“ gegeben.

Ganymed

Wie im Morgenrot

Du rings mich anglühst,

Frühling, Geliebter!

Mit tausendfacher Liebeswonne

5 Sich an mein Herz drängt

Deiner ewigen Wärme

Heilig Gefühl,

Unendliche Schöne!

Daß ich dich fassen möcht`

10 In diesem Arm!

Ach, an deinem Busen

Lieg` ich, schmachte,

Und deine Blumen, dein Gras

Drängen sich an mein Herz.

15 Du kühlst den brennenden

Durst meines Busens,

Lieblicher Morgenwind,

Ruft drein die Nachtigall

Liebend nach mir aus dem Nebeltal.

20 Ich komme! Ich komme!

Wohin? Ach, wohin?

Hinauf, hinauf strebt`s,

Es schweben die Wolken

Abwärts, die Wolken

25 Neigen sich der sehnenden Liebe,

Mir, mir!

In eurem Schoße

Aufwärts,

Umfangend umfangen!

30 Aufwärts

An deinem Busen,

Alliebender Vater!

Formal betrachtet besteht das Gedicht aus drei Strophen unterschiedlicher Länge, welche geteilt werden durch jeweils zweizeilige Übergänge. Die Verszahl steigert sich von Strophe zu Strophe. So weist die erste noch acht Zeilen auf, die zweite neun Zeilen, und die letzte Strophe schließt dann mit elf Versen das Gedicht. Ein festes Metrum liegt nicht vor, und ein Reimschema ist auch nicht erkennbar. Trotzdem liegt hier kein Prosatext vor, da beim Vortragen ein ekstatisches Sprechen entsteht, welches bei Prosatexten nicht üblich ist.

Schon der Einstieg ins Gedicht geschieht sehr direkt mit der Beschreibung der aufgehenden Frühlingssonne. Das lyrische Ich befindet sich in der von ihm als unendlich schön empfundenen Natur, welche ihn mit Liebesgefühlen bedrängt. Die Natur wird also personifiziert, da sie auch in der zweiten Zeile mit „Du“ angesprochen wird. Sie wird als „Geliebter“ (V. 3) dargestellt, die das lyrische Ich aktiv mit Liebe überschüttet. Die Worte „ewig“ (V. 6) und „heilig“ (V. 7) deuten dann zum ersten Mal auf einen religiösen Bezug hin. Im zweizeiligen Übergang äußert das lyrische Ich den Wunsch die Natur zu „fassen“ (V.9) und im Arm zu halten, als wäre sie ein menschlicher Geliebter.

In der zweiten Strophe wird dann nochmals deutlich, dass das lyrische Ich die Liebe der Natur nur passiv empfangen und genießen kann, dass es ihm aber nicht möglich ist, diese Liebe aktiv zu erwidern. Trotzdem zeigt sich die Nähe und Verbundenheit von lyrischem Ich und Natur, da beide einen „Busen“ (V. 11 und V. 16) haben. In den Zeilen 15-18 wird dann nicht mehr die Natur direkt angesprochen, sondern der „liebliche Morgenwind“ (V. 17). Die Strophe endet mit einem Ruf der Natur, die nun zum ersten mal in Gestalt eines Tieres, nämlich der Nachtigall, erscheint.

Im zweiten Übergang erklärt das lyrische Ich erneut seinen Wunsch, aktiv am Liebesgeschehen teilzunehmen, indem es „Ich komme!“ (V. 20) wiederholt ausruft. Gefolgt wird die Aussage jedoch von der sofortigen Erkenntnis, dass das lyrische Ich gar nicht weiss, wohin es eigentlich kommen soll. Wieder kann es nicht reagieren und seine Liebesgefühle aktiv zurückgeben.

Die Erkenntnis, wohin es die Gefühle schließlich schicken kann, erscheinen dann zu Beginn der letzten Strophe. Mit „Hinauf“ (V. 22) finden sich Andeutungen in Richtung Himmel. Dagmar Schuster und Bernhard Sowinski sprechen hier von einem Übergang des „Irdischen zum Überirdischem“[6]. Die Naturliebe genügt dem lyrischen Ich nicht mehr. Es strebt nun zum Göttlichen. Der Titel „Ganymed“ erhält nun erstmals Bedeutung. So lässt sich der Adler des Zeus aus der Mythologie mit den im Gedicht vorkommenden Wolken vergleichen, die als fassbare Verbindung zwischen der Erde und dem Himmel auftreten. Die Hymne schließt dann mit den Worten „Alliebender Vater!“ (V. 32), mit denen das lyrische Ich schließlich Gott direkt anspricht und so die Erfüllung seiner Sehnsüchte erreicht hat.

2.3 Anwendung der Rhythmustheorien auf „Ganymed“

Wie schon angeführt, hat das Gedicht „Ganymed“ kein festes Metrum. Anhand dieser Tatsache lässt sich dann schnell feststellen, dass auch der Rhythmus frei und ohne festes System ist. Hat man das Gedicht nicht vor Augen, lassen sich auch die Zeilen kaum auseinander halten, was zum Teil an dem fehlendem Reim liegt. Die einzelnen Verse sind außerdem sehr kurz. Durch das ekstatische Sprechen beim Vortragen entsteht dennoch eine ständige Steigerung und Spannung. Der Rhythmus wird immer kürzer, ebenfalls bedingt durch die immer kürzer werdenden Verse und Wortwiederholungen ab dem zwanzigstem Vers.

Die Betonungen liegen während des ganzen Gedichtes immer auf anderen Silben. Hier wird die erste und die letzte Silbe eines Verses betont (V. 1), dort die zweite und die vorletzte (V.2), und dann mal wieder ganz anders. Würde man beim Vortragen nach jedem Vers eine kleine Pause machen, um die Versabgrenzungen deutlich zu zeigen, so erschiene der Rhythmus stockend. Die Hymne lässt sich jedoch nicht vortragen ohne Pausen an bestimmte Stellen zu machen. Wo diese Pausen zu setzten sind, zeigt Goethe an Satzzeichen wie z.B. Kommata oder Gedankenstrichen an. Ausrufezeichen zeigen an, welche Verse mit Nachdruck betont werden sollen.

In Zeile 22 erkennt man beim Vortragen des Wortes „hinauf“, wie die Betonung auf der zweiten Silbe liegt und damit die Tonhöhe mit der zweiten Silbe ebenfalls „hinauf“ steigt. Auf diese Art unterstützt der Rhythmus zusammen mit der Tonhöhe die Bedeutung des Wortes. Umgekehrt findet sich das gleiche Phänomen bei dem Wort „abwärts“ (V. 24). Die Betonung liegt auf der ersten Silbe und auch die Tonhöhe der Stimme ist hier höher als auf der zweiten Silbe. Die semantische Bedeutung des Wortes wird hier also ebenfalls durch die Betonung unterstützt.

2.4 Vergleich beider Rhythmen

Nachdem nun schon beide Gedichte ausführlich interpretiert und untersucht worden sind, bietet sich ein anschließender Vergleich beider Gedichte an.

Inhaltlich beginnen beide mit einer ausführlichen Naturbeschreibung, wobei das lyrische Ich jeweils ein ganz anderes Verhältnis zur Natur hat. In „Willkommen und Abschied“ fürchtet sich das lyrische Ich vor ihr, während sich das lyrische Ich aus „Ganymed“ unendlich an der Natur erfreut und sie berühren möchte. Seinen emotionalen Höhepunkt erreicht das lyrische Ich aus ersterem Gedicht, wenn es auf die Geliebte trifft. „Ganymed“ dagegen steuert die ganze Zeit auf das Ende zu, wo das lyrische Ich seine Erfüllung in der Anbetung Gottes erfährt. Hier stehen also ein Liebesgedicht und eine Hymne, ein Loblied an Gott, im Kontrast zueinander. Auffallend ist außerdem die wechselnde Stimmung im ersten Gedicht. Die ersten zwei Strophen wirken düster und niedergeschlagen, dann taucht die das lyrische Ich beglückende Geliebte auf, und in der letzten Strophe kommt der traurige Abschied und hinterlässt nur eine schöne Erinnerung. Die Stimmung in „Ganymed“ dagegen beginnt schon voller Glück und Freude, welche sich dann immer weiter in aufgeregten Enthusiasmus steigert und schließlich endet.

Formal weisen beide Gedichte gar keine Gemeinsamkeiten auf. „Willkommen und Abschied“ hat ein festes Metrum, ein Reimschema und vier gleichlange Strophen. „Ganymed“ weist bis auf eine grobe Strophenordnung keine regelmäßigen Formen auf. Der fließende Rhythmus von „Willkommen und Abschied“ unterstützt die anfangs galoppierende Situation und gerät auch in den letzten beiden Strophen nicht aus dem Fluss. Das Rhythmussystem bleibt durchgehend bestehen und fügt die einzelnen Strophen so zu einer Einheit zusammen.

Der freie Rhythmus von „Ganymed“ ermöglicht das ekstatische Vortragen der Hymne. Der Inhalt kommt durch das fehlende Rhythmussystem besser zum Ausdruck. Wichtig ist die Steigerung, die am Ende ihren Höhepunkt erreicht. Diese wird rhythmisch durch die Wortwiederholungen und kürzer werdenden Verse erreicht.

III. Schlussbemerkung

Die in dieser Arbeit vorgestellte Untersuchung bezüglich des Versrhythmus` zeigt, dass die rhythmische Gestaltung in einem Gedicht häufig nicht zufällig ist, sondern dass der Autor mit der Wahl eines bestimmten Rhythmustyps die Wirkung der Aussage seines Gedichtes unterstreicht. So hat beispielsweise Goethe die beiden Gedichte „Willkommen und Abschied“ und „Ganymed“ in zwei völlig verschiedenen Versrhythmen gestaltet, die jeweils der Stimmung und der auf den Leser beabsichtigten Wirkung entsprechen.

Ob „metrisch“, „fließend“, „bauend“, „gestaut“ oder „frei“, der Rhythmus spielt also in Gedichten eine nicht unwesentliche Rolle und daher ist ihm bei jeder Interpretation eines Gedichtes eine erhebliche Beachtung zu schenken.

Bibliografie

- Metzler Literaturlexikon: Stichwörter zur Weltliteratur /hrsg. Von Günther u. Irmgard Schweikle, Stuttgart: Metzler, 1984
- Christine Lubkoll „Rhythmus und Metrum“ aus: Bosse/Reuter (Hg.): Literaturwissenschaft-Einführung in ein Sprachspiel. Freiburg im Breisgau: Rombach,1999, S.103-122
- Wolfgang Kayser, „Kleine deutsche Versschule“, Francke Verlag, Tübingen, 1995
- Klaus Weimar, „Goethes Gedichte 1769-1775“, Interpretationen zu einem Anfang, 1982
- Oldenbourg Interpretationen; „Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang“, Interpetiert von: Dagmar Schuster und Bernd Sowinski, 1992
- Karl Otto Conrady, Goethe- Leben und Werk, 1994 Artemis & Winkler Verlag, München und Zürich

[...]


[1] Metzler Literaturlexikon: Stichwörter zur Weltliteratur /hrsg. Von Günther u. Irmgard Schweikle, Stuttgart: Metzler, 1984

[2] Christine Lubkoll „Rhythmus und Metrum“ aus: Bosse/Reuter (Hg.): Literaturwissenschaft-Einführung in ein Sprachspiel. Freiburg im Breisgau: Rombach,1999, S.103-122

[3] Wolfgang Kayser, „Kleine deutsche Versschule“, Francke Verlag, Tübingen, 1995

[4] W. Kayser, siehe oben; S. 106

[5] Klaus Weimar, „Goethes Gedichte 1769-1775“, Interpretationen zu einem Anfang, 1982

[6] Oldenbourg Interpretationen; „Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang“, Interpetiert von: Dagmar Schuster und Bernd Sowinski, 1992

Details

Seiten
15
Jahr
2003
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108745
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2
Schlagworte
Rhythmus Goethes Willkommen Abschied Ganymed

Autor

Zurück

Titel: Der Rhythmus in Goethes 'Willkommen und Abschied' und 'Ganymed'