Lade Inhalt...

Eros and Civilisation (Triebstruktur und Gesellschaft) - Die Freudrezeption Herbert Marcuses

Essay 2004 4 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

„Eros and Civilisation“ (Triebstruktur und Gesellschaft)

Die Freudrezeption Herbert Marcuses

Dominik Sommer

Herbert Marcuses 1955 erschienene utopische Kulturkritik „Eros and Civi­lisation“ hat als Grundlage folgende psychologischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Komponenten:

1. Freuds metapsychologische Triebtheorie („Das Unbehagen in der Kul­tur“), darauf aufbauend und diese kritisch erweiternd.
2. Die marxistische Ökonomie mit der Hegelianischen Dialektik als Grund­lage.
3. Die ästhetische Vernunft der idealistischen Philosophie in Form von Schillers „Ästhetischem Staat“.

Das klassische Programm der Kritischen Theorie, eine Mischung aus Freudscher Metapsychologie und Marxistischer Ökonomie wird um eine ästhetische Vernunft ergänzt, um einen utopischen Ausweg aus der instru­mentellen Vernunft der rationalistischen Dialektik der Philosophie westli­cher Prägung und der damit verbundenen Lebensweise zu finden. Ausge­hend von Zweifeln am Fortschritt der westlichen theoretischen wie prakti­schen Vernunft und vor dem Hintergrund der negativen Auswirkungen die­ses Fortschritts entwickelt Marcuse ein Alternativprogramm zur Konsum­gesellschaft, die er nicht als die Krönung der westlichen Zivilisation anse­hen kann.

Um zu den Wurzeln des westlichen Rationalismus zurückzukommen, hin­terfragt Marcuse zuerst die Freudsche Triebtheorie. Das Programm dessen Metapsychologie sieht Marcuse als exemplarisch für den Rationalismus westlicher Wissenschaften und in Freuds paradigmatischen Satz - „Wo Es war, soll Ich werden“ kumulieren. Bei dem Rationalisten Freud ist kulturel­ler Fortschritt nur durch eine repressive Unterdrückung des menschlichen Eros- und Todestriebs möglich. Eros und Thanatos haben bei Freud einen selbstzerstörerischen Charakter, weil der Mensch, wenn er diesen Trieben hemmungslos folgen würde, im Kampf ums Dasein (Lebensnot) gegenüber der Natur unterliegt und untergeht. Kultureller Fortschritt ist bei Freud also nur über die repressive Sublemierung der Triebe möglich. Das rationalisti­sche, auf einem Subjekt-Objekt-Charakter beruhende Leistungsprinzip, des­sen Grundlage die Transszendenz der Welt durch das Ich ist, obsiegt als Realitätsprinzip gegenüber dem Lust- oder Erosprinzip. Letzeres wird ver­drängt (und führt zum neurotischen Charakter des Freudschen Bürgers). Hier liegt der Ursprung einer unterdrückenden Kultur, die der Logik der Herrschaft folgt.

Marcuses Ziel ist die Etablierung einer herrschaftsfreien Ordnung, in der sich der Mensch mit der Natur versöhnt, eins wird. Da die Lebensnot in der Konsumgesellschaft entfällt[I], kann Marcuse die fortgesetzte Unterdrückung des Lustprinzips durch das Leistungsprinzip nur als künstlich verlängerten Kampf ums Dasein aus Herrschaftsgründen betrachten. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Natur wird zum Selbstzweck und ist dem Kapitalismus geschuldet.

Marcuse hinterfragt neben diesen kapitalismuskritischen Aspekten auch die Freudschen Prämissen der Kulturentwicklung und zeigt, dass die menschli­chen Triebe historisch und gesellschaftlich bedingt sind. Er wendet sich vom biologisch-ahistorischen Triebkonstrukt Freuds ab, indem er die histo­rische Bedingtheit der Triebe auf zwei Ebenen zeigt: erstens auf der phylo- genetischen-biologischen Ebene (Kampf Mensch-Natur); zweitens auf einer soziologischen (Kampf Mensch-Mensch). Wenn die Triebe historisch und gesellschaftlich bedingt sind, können sie sich vor dem Hintergrund der Zeit und ihrer Gesellschaften auch verändern.

Um sein Ziel zu erreichen, nämlich die Irrationalität der herrschenden Rati­onalität zu zeigen und gleichzeitig eine Alternative zu entwickeln, muss Marcuse den Menschen in einer neuen Kultur etablieren. Dafür greift er auf das unterdrückte Lustprinzip im Menschen zurück. Die totale Triebentwick­lung ist sein Ziel, die Befreiung der inneren Natur von der repressiven Um­wandlung des Todestriebs.

An die Stelle des westlichen Rationalismus, dem ständig transszendieren Ich, den damit verbundenen Ich-Spaltungen, Rollentrennungen und Ent­fremdungen will er mit der Hilfe des Ästhetizimus des deutschen Idealis­mus den Menschen zur materialen Geschichte zurückführen und so mit der Natur versöhnen. Der Weg dorthin führt über die Phantasie des Menschen und sein ästhetisches Empfinden. U.a. am Beispiel des Narziss, der sich im Anblick seiner selbst genug ist, etabliert er eine libidonöse Moral, die auf dem Lustprinzip als Realitätsprinzip gründet. Vernunft und Sinnlichkeit vereinen sich in einem erfüllten menschlichen Dasein, wenn der Mensch zum Ding wird, d.h. um seiner selbst willen existiert. Die zweckfreie Exis­tenz, die durch die Aufhebung des Reichs der Notwendigkeit möglich wird, findet er im Reich der Ästhetik: dort wo die Schönheit um der Schönheit Willen besteht, die Form um der Form Willen und keine Verdinglichung mehr zur Ausbeutung führt. Das Ego wird selbst zum Ding und beherrscht nicht mehr andere Dinge. Der Konflikt zwischen Mensch und Natur ist auf­gehoben und Eros und Thanatos erscheinen nicht mehr als Bedrohung der menschlichen Kultur, sondern als die Stützen einer neuen Kultur. Ein auf Grund des kapitalistischen Leistungsprinzips regide genitalisiertes Ge­schlechtsleben kann sich ganzheitlich polymorph-pervers innerhalb einer ästhetischen Sinnlichkeit entwickeln. Die Überwindung des Kapitalismus wird möglich durch eine herrschaftsfreie Sexualisierung des Alltags in Form des Lustprinzips als Basis der neuen Kultur.

Einen Anfang stellt jenes Motto der 68er Studentenbewegung dar, auch wenn es in seiner Unmittelbarkeit der Umsetzung, weil systemimmanent gedacht und es die Machtkomponente des genitalisierten Sexes beibehält, zu kurz greift:

„Wer alles weiß über Sexualität, der kann besser lieben, wer besser liebt, hat mehr Lust, wer mehr Lust hat, ist freier, wer freier ist, befreit die Ge­sellschaft“.

Marcuse avancierte mit den Studentenbewegungen Europas und Amerikas zum Starintellektuellen, nicht zuletzt, weil er der strengen Negation des Frankfurter Teils der Kritischen Theorie positiv-utopistische aber auch rea­listische Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels, der hauptsächlich auf der Politisierung gesellschaftlicher Randgruppen basieren sollte, gegen­überstellte.

[...]


[I] Nach Ansicht Marcuses sind aus technischer Sicht in westlichen Gesellschaften alle Menschen in Bezug auf ihre Grundbedürfnisse Wohnen, Nahrung und Kleidung versorgbar.

Details

Seiten
4
Jahr
2004
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108707
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Eros Civilisation Gesellschaft) Freudrezeption Herbert Marcuses

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Eros and Civilisation (Triebstruktur und Gesellschaft) - Die Freudrezeption Herbert Marcuses