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Die Folgen der Scheidung für das Kind

Studienarbeit 2003 27 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Phasen der Scheidung

3 Die Reaktionen des Kinder auf die Scheidung
3.1 Kinder fühlen sich für die Trennung der Eltern verantwortlich
3.2 Die Trennungsängste des Scheidungskindes

4 Die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehungen in der Scheidungsfamilie
4.1 Die Mutter als Erziehungsberechtigte
4.2 Der Vater als Erziehungsberechtigter

5 Die Langfristigen Folgen der Scheidung für das Beziehungsverhalten der Scheidungskinder
5.1 Die Beziehungsangst der Scheidungskinder
5.2 Scheidungskinder und ihre Einstellung zur Ehe

6 Die Überwindung der Scheidungsfolgen aus psychoanalytischer Sicht

7 Zusammenfassung

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Studienarbeit geht der Frage nach, wie sich das Beziehungs- und Bindungsverhalten des Kindes unter dem Einfluss der Scheidung entwickelt. Ich möchte aufzeigen, auf welche Weise eine Scheidung das spätere Beziehungsleben der Scheidungskinder beeinflusst.

Scheidungskinder haben häufig Schwierigkeiten, eine positive Beziehung einzugehen. Selbst Männer und Frauen, die geheiratet haben und glaubten die elterliche Scheidung sei überwunden, beklemmt das Gefühl, ein Familienproblem zu haben, das nicht verschwindet. Ein Grund dafür ist, dass Scheidungskinder einen wichtigen Teil ihres Lebens in einer Familienkrise verbracht haben. Sie fühlen sich betrogen, und ihrem Gefühl für Vertrauen wurde Gewalt angetan - ein Thema, das sie ihr Leben lang beschäftigen wird. Sie werden mit einem komplexen Gewebe von Beziehungen konfrontiert, dem sich Kinder aus Familien, die zusammenbleiben, nicht zu stellen haben.

Daraus resultierend stelle ich die Behauptung auf, dass erwachsene Scheidungskinder, aufgrund ihrer Erfahrung, enorme Probleme haben Beziehungen einzugehen und zu verfestigen.

Um mein Ziel, die Bestätigung meiner Behauptung, zu erreichen werde ich aufzeigen welche Reaktionen das Kind unmittelbar nach der Scheidung zeigt. Anschließend stelle ich dar, wie sich die Eltern-Kind-Beziehung in der Nachscheidungsfamilie entwickelt, da hier verschiedene Verhaltensmuster der Eltern sichtbar werden, die sich im späteren Leben des erwachsenen Scheidungskindes wiederholen. Darauf aufbauend gehe ich dann auf die langfristigen Folgen der Scheidung ein, wo erkennbar wird wie stark das Erleben der elterlichen Scheidung sich auf das eigene Beziehungsleben auswirkt. Die benutzte Theorie dieser Arbeit ist die Psychoanalyse, was anhand der Überwindung der Scheidungsfolgen verdeutlicht werden soll. Beginnen möchte ich aber damit in welche Phasen sich die Scheidung gestaltet, um die äußeren Rahmenbedingungen für das Scheidungskind vorzustellen.

2 Phasen der Scheidung

McGoldrick und Carter (1982) haben ein Phasenmodell entworfen, dass die Scheidung als einen Prozess sieht in dem in jeder Phase Entwicklungsaufgaben definiert werden, die es zu lösen gilt. Für die Betroffenen ist es entscheidend, die jeweilige Phase gut zu bewältigen, um die Basis für die nächsten Schritte zu schaffen (vgl. Schwarz 1999, S. 9).

Zwei Phasen bilden die Vortrennungszeit. Der Prozess beginnt mit dem Entschluss zur Scheidung und damit einhergehend die Erkenntnis, dass die Schwierigkeiten der Ehe nicht mehr zu lösen sind. Die zweite Phase umfasst die Planung zur Auflösung der Familie. Dabei werden die Begleitumstände der Scheidung, wie Sorgerecht, Besuchszeiten und finanzielle Abkommen, geregelt. Ferner wird in dieser Phase die Scheidung bekannt gegeben (vgl. Schwarz 1999, S. 10).

Es folgt die Trennung. In dieser Phase wird die Beziehung zum Kind neu definiert und für die Eltern bedeutet es das Alleinleben zu üben, aber dennoch zusammenzuarbeiten, da als nächster Schritt die eigentliche Scheidung vollzogen wird. Hier ist vor allem die emotionale Aufarbeitung von Trauer, Wut und Schuld gefordert. Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der Beziehung müssen endgültig aufgegeben werden (vgl. Schwarz 1999, S. 10).

In der Phase der Nachscheidungsfamilie ergibt sich für den sorgeberechtigten Elternteil die Aufgabe, Bereitschaft zur Kooperation mit dem ehemaligen Partner zu zeigen. Der Kontakt zu beiden Elternteilen muss geregelt und unterstützt werden (vgl. Schwarz 1999, S. 10).

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Scheidung ein Prozess ist, der lange vor der gerichtlichen Entscheidung beginnt und auch lange danach seine Auswirkungen auf das Leben aller Betroffenen hat. Dabei ist die Scheidung zunächst ein rein formaler Akt, aber darüber hinaus stehen verschiedene Prozesse, wie die Neudefinierung von Beziehungen, die emotionale Bewältigung und die alltagspraktischen Veränderungen (vgl. Schwarz 1999, S. 10).

Eine Ehe zu beenden ist also ein enorm bedeutungsvoller Schritt mit psychischen Folgen, die nicht verschwinden, wenn ein juristisches Urteil gefällt wurde. Das Leben geht weiter und die Kinder haben damit zu leben. Welche Reaktionen sie in Folge dessen zeigen soll als nächstes erörtert werden.

3 Die Reaktionen des Kinder auf die Scheidung

Für die Kinder ist die elterliche Scheidung eine kumulative Erfahrung. Ihre Wirkung nimmt mit der Zeit zu, wobei sie auf jeder Entwicklungsstufe wieder anders erfahren wird. Sie verändert die Persönlichkeit, das Vertrauen in andere Menschen und hat Einfluss auf zukünftige Beziehungen (vgl. Wallerstein, Lewis & Blakeslee, 2002, S. 303). Nach Wallerstein et al. fühlen sich die Kinder im Augenblick des Zusammenbrechens der Ehe erschrocken und wütend. Sie haben Angst, von beiden Eltern im Stich gelassen zu werden und machen sich für die Trennung verantwortlich. Die Kinder werden von der Entwicklung überrascht und sie gelangen zu der Erkenntnis, dass Familienbande nicht zwingend stabil sind und dass die Ehe ohne Vorwarnung zerreißen kann (vgl. 2002, S. 303).

Figdor geht bezüglich der Reaktionen näher auf die Symptome ein. Seiner Meinung nach belegen empirische Forschungen, dass die Scheidung der Eltern das erstmalige Auftreten von Symptomen bedeute, die für das Kind eine psychiatrische Behandlung nötig machen. Als die häufigsten Symptome nennt er: allgemeine Unruhe, Fresssucht, Schlaflosigkeit und Verhaltensauffälligkeiten, vor allem disziplinäre Schwierigkeiten in der Schule oder Diebstahl. Auch psychosomatische Symptome, wie Akne, Magen- und Kopfschmerzen seien nicht ungewöhnlich (vgl. 1992, S. 13).

Hinzu kommt ein Unverständnis für die elterliche Situation, seitens des Kindes. Es kann nicht verstehen, dass die Beziehung der Eltern von etwas anderem abhängig sein könnte, als von der Liebe zwischen den Eltern und dem Kind. So kann es ertragen, dass sich die Eltern streiten und nicht mehr mögen. Völlig unverständlich erscheint ihm aber, warum der eine Elternteil ihn-das Kind-verlässt. Mag bei dem einem Kind die Trauer überwiegen, bei einem anderen steht die Wut im Vordergrund. Wie individuell verschieden die Reaktionen des Kindes auch ausgeprägt seien, fest steht, dass Trauer, Gefühle der Kränkung, Wut, Schuldgefühle und Angst typische Reaktionen des Kindes auf die Scheidung der Eltern sind (vgl. Figdor 1992, S. 34-38).

Nachfolgend soll auf die Entwicklung des Verantwortungsgefühls und der Trennungsangst, als Reaktionsmuster des Kindes, näher eingegangen werden, um den Einfluss der Scheidung auf das Kind zu verdeutlichen. Wie sich später zeigen wird, sind es vor allem die Trennungsängste die für die Langzeitfolgen maßgeblich verantwortlich.

3.1 Kinder fühlen sich für die Trennung der Eltern verantwortlich

Teyber hat in seiner Arbeit mit Kindern herausgefunden, dass sie sich, entgegen der elterlichen Vermutung, die Schuld an der Trennung von Vater und Mutter geben. Beispielhafte Aussagen der Kinder waren immer, dass sie glaubten der Vater oder die Mutter fühlten sich von ihm nicht genügend geliebt, sie stritten sich zu oft mit den Geschwistern oder seien einfach nicht brav genug gewesen. Auch aus anderen Gründen meinen Kinder, sie wären verantwortlich für die Scheidung ihrer Eltern. Alle Kinder sind manchmal wütend auf ihre Eltern und wünschten sie wären tot, um durch idealisierte Eltern ersetzt zu werden. Kinder interpretieren dieses Gefühl so, als seien sie für die Trennung der Eltern verantwortlich. Der Grund für diese Denkweise liegt darin begründet, dass Kinder eine egozentrische Sicht der Welt um sie herum haben. In den Augen der Kinder hat alles, was in der Welt geschieht, einen Bezug zu ihnen oder wird von ihnen verursacht. Sehr kleine Kinder verstehen aufgrund ihrer kognitiven Unreife und ihrer fehlenden intellektuellen Entwicklung das Prinzip von Ursache und Wirkung nicht genau (vgl. 1996, S. 75 – 77).

3.2 Die Trennungsängste des Scheidungskindes

Die meisten Kinder erleben die Trennung ihrer Eltern als einen schweren Einbruch in ihrer Lebenswelt, der sie vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringt und von ihnen eine grundlegende Umstellung erfordert. Typische unmittelbare Reaktion auf die Scheidung sind, nach einer Studie an 150 Scheidungsfamilien (Napp-Peters 1988), bei 37% der Scheidungskinder Trennungsängste (vgl. Hahn, Lomberg & Offe [Hrsg.] 1992, S.15).

So wird der Schmerz und die Konflikte von drei- bis siebenjährigen Kindern nach der Scheidung weitgehend durch ihre Angst geschürt, von den Eltern getrennt und verlassen zu werden. Wenn die Eltern sich zur Scheidung entschließen, zieht für gewöhnlich der Vater aus der gemeinsamen Wohnung aus. Die eigenen Emotionen, ob nun Wut, Trauer oder gar Erleichterung, nehmen die Eltern so stark ein, dass ihnen nicht auffällt was das Kind in dieser Situation alles mitmacht. Für das Kind bedeutet diese Situation, dass es sich fragt, ob der Vater wiederkommt, ob die Mutter auch auszieht, oder ob es bald ganz allein ist (vgl. Teyber 1996, S.44). Nach Teyber haben praktisch alle kleinen Kinder, in Reaktion auf die Scheidung der Eltern, solche Gedanken und Gefühle. Die Trennungsängste der Kinder erklären sich dadurch, dass sie ihre Sicherheit bedroht sehen. Jungen und Mädchen bringen diese verstärkte Unsicherheit durch vermehrtes Bettnässen, Daumenlutschen, Angst vor Dunkelheit, Albträumen und Klammern zum Ausdruck. Dabei können sich die Angstsymptome in aggressiven Trotz oder Depressionen entwickeln, wenn das Gefühl der Unsicherheit nicht behoben wird. Für die Eltern ist die Vorstellung, dass sie ihre Kinder verlassen könnten unvorstellbar, weshalb sie die Angst der Kinder oft nur schwer nachvollziehen können. So haben Kinder plötzlich Schwierigkeiten mit alltäglichen Abschiednehmen, das Einschlafen gestaltet sich schwieriger und die Ankunft fremder Aufsichtspersonen löst Wutausbrüche aus. Wenn der jeweilige Erziehungsberechtigte auf ein solches Verhalten mit Wut und Frustration reagiert, verstärkt das die Trennungsangst der Kinder, da sie sich abgelehnt fühlen.(vgl. 1996, S. 45-46).

Durch die erlebte Scheidung im Elternhaus wurden die Idealvorstellungen einer „ewigen“ Beziehung zwischen Mann und Frau bereits sehr eingeschränkt. Das Kind hat den Konflikt der Eltern miterlebt und den Schmerz der Trennung erfahren. Aber wie gestaltet sich nun die Beziehung zu den jeweiligen erziehungsberechtigten und dem getrennten Elternteil? Darauf soll im nächsten Punkt eingegangen werden.

4 Die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehungen in der Scheidungsfamilie

Die Nachscheidungsfamilie ist eine neue Form der Familie, die an beide Eltern, an das Kind und an alle neu dazu kommenden erwachsenen Personen, die in den Kreis der Familie treten sehr unterschiedliche Herausforderungen stellt. Wichtig ist es klar zu verdeutlichen, welcher enge Zusammenhang zwischen der ehelichen Bindung und der Eltern-Kind-Beziehung besteht. Wenn die Ehe funktioniert und das Paar zufrieden ist, dann kommt das der Eltern-Kind-Beziehung zugute. Diese Beziehung gewinnt durch die gegenseitige Wertschätzung. Wenn die Ehe allerdings nicht funktioniert, dann teilt sich der daraus ergebene Bruch für das Kind im reduzierten Elternverhalten mit. Das fängt bei dem fehlendem Gute-Nacht-Ritual (Hervorhebung d. Verf.) an und hört damit auf, dass die Kinder für die Eltern sogar eine Last bedeuten können. Allerdings ist auch das genaue Gegenteil möglich. Eltern, die sonst reife und verantwortungsbewusste Personen sind, zeigen ihren Kinder nun ihre verletzliche Seite und teilen mit dem Kind ihre Sorgen und Nöte. Das Kind rückt dadurch in die Position eines Beraters und mitunter eines Trösters (vgl. Wallerstein et al 2002, S. 46).

Interessant sind auch, im Beziehungsgeflecht Kind-Eltern, die Feststellungen von Beal & Hochman, die besagen, dass es für die Entwicklung des Kindes besser ist, wenn es beim gleichgeschlechtlichen Elternteil groß wird. Nachfolgend soll darauf näher eingegangen werden.

4.1 Die Mutter als Erziehungsberechtigte

Gleich nach der Scheidung, wenn die Mutter emotional noch nicht im Gleichgewicht ist, wird die Beziehung zum Sohn schon problematisch. Dies drückt sich in einem ambivalenten Verhalten der Mutter aus. Auf der einen Seite ist der Sohn Anlass zum Zorn und auf der anderen Seite besteht eine starke Zuneigung. Die Gründe dafür liegen darin, dass die Mutter oft Charakteristika des Ehemannes beim Sohn entdeckt und darauf unbewusst negativ reagiert. Weiterhin entwickelt sich der Sohn, durch den fehlenden Vater bedingt, zum Vater-Ersatz mit der damit verbundenen Erwartungshaltung der Mutter (vgl. Beal & Hochman 1992, S.58-59).

Dem entgegen werden Beziehungen zwischen Mütter und Töchter intensiver, da Mädchen ihren Müttern ähnlicher sind als ihren Vätern. Oft gibt es zwischen Müttern und Töchtern eine stille Übereinkunft, dass Männer enttäuschend sind. Die Scheidung scheint dies zu bestätigen. Aber das Dreieck Mutter-Tochter gegen den Vater geht nur solange gut, bis die Mutter wieder heiratet oder die Tochter älter wird. Wenn die geschiedene Mutter wieder heiratet, ist dies ein Zeichen dafür, dass sie Männer jetzt wieder anders sieht. Basiert die enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter auf einem negativen Männer-Bild, so lockert sich die Bindung fortan. Für die Tochter ist die neue Heirat gleichbedeutend mit Verrat. Heiratet die Mutter nicht noch mal entsteht ein anderes Problem. Mit dem Erwachsenwerden und den damit verbundenen Verabredungen mit Männern, den ersten Beziehungen befindet sich die Tochter in einer schwierigen Situation. Empfindet sie die Beziehungen als angenehm, betrügt sie die Mutter und lockert die Verbindung zu ihr. Tut sie das nicht, so betrügt sie sich selbst um eigene, befriedigende Beziehungen (vgl. Beal & Hochman, S. 59-62).

4.2 Der Vater als Erziehungsberechtigter

Das der Vater das Sorgerecht erhält ist eher ungewöhnlich. Das geschieht eigentlich nur dann, wenn der Vater schon lange vorher die Kinder versorgte, oder die Mutter vom Gericht als unfähig befunden wird das oder die Kinder zu erziehen (vgl. Beal & Hochman 1992, S. 62).

Nach Beal & Hochman belegen Untersuchungen, dass Söhne, die bei ihren Vätern groß werden, größeres soziales Geschick, engere Beziehungen und ein besseres Selbstwertgefühl besitzen. Da bei den Töchtern nicht die gleichen Charakteristika gemessen wurden, sei dies der Beweis dafür, dass es für Kinder besser sei beim gleichgeschlechtlichen Elternteil aufzuwachsen (vgl. 1992, S. 62).

Im Gegensatz zu Müttern scheinen Väter Regeln aufzustellen und sie auch durchsetzen zu können, ohne das es zum Machtkampf zwischen Vater und Sohn kommt.

Ältere Jungen, die ein Mitspracherecht haben, bei wem sie leben wollen, wählen häufig den Vater. Sogar Jungen, die längere Zeit bei ihren Müttern gelebt haben, ziehen mit dem Erreichen der Adoleszenz häufig bei ihren Vätern ein. In vielen Fällen geht die Initiative von der Mutter aus, da diese mit dem Verhalten des Sohnes nicht mehr umgehen kann (vgl. Beal & Hochman 1992, S.63).

5 Die Langfristigen Folgen der Scheidung für das Beziehungsverhalten der Scheidungskinder

In diesem Abschnitt möchte ich mich der Frage widmen, welchen Einfluss die Eltern und deren Scheidung auf das Beziehungsleben des erwachsenen Scheidungskindes hat.

Scheidungskinder betrachten sich selbst anders als Kinder, deren Familien zusammenblieben. Welche Probleme auch auftauchen mögen, sie neigen dazu, die Scheidung ihrer Eltern dafür mitverantwortlich zu machen. Sie sehen sich durch das Prisma der Scheidung, die so niederschmetternd war, dass sie zum gestaltenden Ereignis ihres eigenen Lebens wird. Sie bezeichnen ihre frühere Familie als erfolglos, wodurch sich ihre späteren Beziehungen durch Versagensangst auszeichnen (vgl. Beal & Hochman 1992, S 35).

Die große Benachteiligung der Scheidungskinder ist, dass ihnen die Erinnerungen an eine funktionierende Ehe fehlen. Es fehlt den Scheidungskindern das Gefühl von Kontinuität, das Gefühl Teil einer langen Tradition zu sein. Darum sind sie auch benachteiligt, bei den Versuchen mit einen Partner so zusammenzuleben, dass die Beziehung ausbalanciert genug ist, um beiden Partnern in ihren Bedürfnissen Rechnung zu tragen (vgl. Wallerstein et al 2002, S. 104).

Beal & Hochman konkretisieren den Einfluss des Elternbildes am Beispiel ihrer Klienten Diane und Brent.

Brent ist 45 Jahre alt und arbeitet als Manager in einem Bekleidungsgeschäft. Diane ist 36 Jahre alt, geschieden und als Autorin politischer Reden berufstätig. Beide sind seit zwei Jahren ein Paar. Beide leben sie die meiste Zeit zusammen, aber zwei bis dreimal die Woche geht Brent in seine eigene Wohnung.

Beide hatten Angst, ihre Beziehung dauerhaft zu gestalten. Dabei ist Diane bereit Brent zu heiraten und Kinder zu bekommen, aber die Vorstellung von Dauerhaftigkeit macht ihr Angst.

Brent auf der anderen Seite zieht sich zurück, wenn über Heiratspläne gesprochen wird. Wenn sie streiten zieht sich Brent aus der Wohnung zurück und kehrt erst spät wieder Heim, nachdem er sich mit anderen Frauen getroffen hat. Währendessen bleibt Diane wütend zurück. Die Gründe für die Streitigkeiten sind allerdings nicht nur die Heiratspläne, sondern auch Dinge des Alltags, wie Geld und Freizeitaktivitäten.

Der Kreislauf dabei ist immer Folgender: Diane kritisiert, Brent geht zu anderen Frauen und Diane bleibt wütend und mit dem Gefühl der Ablehnung zurück.

Die Gründe für dieses Verhalten liegen bei beiden in der Vergangenheit.

Brents Eltern ließen sich scheiden als er fünf Jahre alt war. Die Ehe seiner Eltern war gezeichnet durch Konflikte und mangelnde Kooperation. Bei besonders schweren, handgreiflichen Streitigkeiten seiner Eltern flüchtete Brent in sein Zimmer und zog sich das Kissen über den Kopf, um die Schreiereien nicht ertragen zu müssen.

Im Zuge der elterlichen Scheidung geriet Brent in einem Loyalitätskonflikt der Eltern, bei dem die Mutter Brent mit dem Vater verglich und ihn zum Objekt ihrer Wut und Verachtung über dem Vater machte. Sie verlangte von ihm immer besser Noten und Leistungen im Sport. Der Vater wiederum unterstützte seinen Sohn und sagte ihm, dass er so wie er ist in Ordnung sei.

Das Problem ist nun, dass Brent Diane nicht von der Mutter unterscheiden kann, wenn sie sich streiten. Er fühlt sich erniedrigt und persönlich angegriffen. In Folge dessen reagiert er mit dem ihm bekannten Muster, dass er sich jemanden anderen zuwendet, der sein schwächer werdendes Selbstwertgefühl steigert.

Auch Diane kommt aus einer Scheidungsfamilie, die durch eine in hohem Maße handlungsunfähige und alkoholabhängige Mutter gekennzeichnet ist. Diese schlug sie gelegentlich und nahm sie wiederum in anderen Situationen in den Arm. Der Bruder bot ihr manchmal Schutz und auf der anderen Seite kam es zu sexuellen übergriffen. Sie wurde unsicher was Beziehungen betrifft und was man von ihnen erwarten kann. Dianes Angst vor Beziehungen beruht also auf der Frage warum jemand der liebt gleichzeitig verletzt.

Dennoch sah sie sich in der Rolle, sich um die Mutter zu kümmern und versuchte bewusst nicht auf das irritierende Verhalten der Mutter zu reagieren. Diese Art des Über-Funktionierens hatte ihre Folgen. Diane heiratete einen völlig unselbständigen Mann und erkannte nicht, dass sie die gleiche Rolle, wie in ihrer Ursprungsfamilie aufnahm.

In der Beziehung zu Brent nahm sie das gleiche Muster des Über-Funktionierens wieder auf. Nach einer gewissen Zeit lehnten das beide allerdings ab und es kam zum Streit, in dessen Folge Brent zu anderen Frauen ging (vgl.1992, S. 214-217).

Wie man am Beispiel von Diane und Brent sehen konnte spielt die Beziehungsangst eine große Rolle für die erwachsenen Scheidungskinder. Darum soll darauf und insbesondere auf die Einstellung zur Ehe, da das wohl der konsequenteste Zusammenschluss einer Beziehung ist, noch mal genauer eingegangen werden.

5.1 Die Beziehungsangst der Scheidungskinder

Erwachsene Scheidungskinder, die im Brennpunkt elterlicher Probleme standen und immer noch auf deren Trennung reagieren, gehen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit stürmische und ungebundene Beziehungen ein, in denen sie auch mit jemanden zusammenziehen. Für sie bedeutet das Zusammenleben, wie auch die Scheidung, Angst und Unbehagen in bezug auf die Ehe (vgl. Beal & Hochman 1992, S.37).

Die Männer und Frauen aus geschiedenen Ehen leben in der Furcht, sie könnten die Geschichte der Eltern wiederholen und wagen kaum zu hoffen, dass sie es besser machen. Die ersten Episoden eigener Verliebtheit lassen die Hoffnung der Scheidungskinder, geliebt zu werden, enorm ansteigen. Zugleich wächst aber auch die Furcht, verletzt und zurückgewiesen zu werden. Das Alleinsein wiederum weckt Erinnerungen an einsame Jahre in der Nachscheidungsfamilie und kommt ihnen vor wie das gefürchtete Im-Stich-Gelassen-Werden (Hervorhebung d. Verf.). Sie sind gefangen zwischen dem Wunsch nach Liebe und der Angst vor einem Verlust (vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 63).

Viele der Scheidungskinder, die jetzt , als Mitt- und Enddreißiger, weder verheiratet sind noch einen festen Partner haben, führen ein einsames leben. Sie scheuen davor zurück, sich auf eine Beziehung einzulassen, von der sie meinen, sie sei zum Scheitern verurteilt (vgl. Wallerstein et al. 2002, S.306).

Scheidungskinder sind ihren Verhaltensweisen gegenüber oftmals blind. Sie erkennen nicht, dass sie einem festgelegtem Muster Folgen, dass sie während ihrer Kindheit und Jugend aufnahmen. Eine Untersuchung von 2500 Mittelschicht-Collegestudenten, namentlich „The Impact of Parental Divorce on Courtship“, zeigt auf, dass, unabhängig vom Alter, bestimmte Verhaltensformen zur Zeit des Werbens zunehmen. Insbesondere sind das früher und häufiger Geschlechtsverkehr, baldiges Zusammenwohnen und Heirat. Die Studie zeigte auch, dass Studenten aus geschiedenen Ehen schneller kurzfristige Beziehungen eingehen, die sie genau so schnell beenden, wenn sie nicht funktionieren. Auch war bei ihnen das Risiko einer eigenen Scheidung höher (vgl. Beal & Hochman 1992, S.133).

5.2 Scheidungskinder und ihre Einstellung zur Ehe

40% der Scheidungskinder aus der Wallerstein-Studie haben nie geheiratet. Der Grund dafür ist, dass sie die vermeintlichen Folgen kennen. Die meisten Scheidungskinder sagen, dass sie verschreckt sind durch das was sie aus der eigenen Lebensgeschichte und den eigenen Beobachtungen von vielen anderen Ehen gelernt haben.

Von den noch ledigen Frauen der Wallerstein-Studie sagten einige, sie hofften, eines Tages zu heiraten und Kinder zu haben. Mehrere lebten sogar schon mit einem Mann zusammen und haben das geplant. Die meisten hatten sich aber ein für alle mal gegen die Ehe und gegen die Mutterschaft entschieden. Die vielen Begründungen liefen in den meisten Fällen auf ein Misstrauen den Männern gegenüber hinaus. Sie fühlten sich sicherer ohne das legale Band der Ehe, das sie festhalten würde. Einige sprachen von den Vorteilen der Freiheit. Andere davon, dass das Zusammenleben ohne Trauschein ungefährlicher sei, da dadurch eine eventuelle Trennung leichter sei (vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 296).

Im Falle einer Heirat werden allerdings zwei Drittel der Scheidungen von Frauen eingeleitet, ungeachtet des hohen finanziellen Nachteils und der stärkeren elterlichen Belastung (vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 302)

Die Scheidung seiner Eltern verleiht dem Kind eine bleibende Identität. Da sie in der Regel dann erfolgt, wenn das Kind noch jung und beeinflussbar ist, und da ihre Auswirkungen in die Jahre der Adoleszenz hineinreichen, prägt sie das Kind dauerhaft (vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 91).

Wallerstein et al. geben dafür in ihrer Studie ein gutes Beispiel, anhand ihres Probanden Larry und seiner Bindungsangst gegenüber seiner Partnerin. Der sagt:„(...) Ich konnte den Gedanken an eine Heirat einfach nicht gelassen angehen.(...) Ich wusste genau, dass ich sie liebte und dass sie mir wichtig war, aber ich war nicht imstande, eine Entscheidung zu treffen. Ich hatte Angst – wegen der Scheidung. Ich hatte Angst, verlassen zu werden, und wahrscheinlich hatte ich deshalb Angst, mich an sie zu binden. Irgendwie brachte das die Traurigkeit zurück, die ich fühlte, als ich sieben war. Die gleiche Traurigkeit kam jedes Mal wieder, wenn ich drauf und dran war zu sagen:’Lass uns heiraten.’ Sie ließ mich einfach gefrieren.“ (2002, S.167-168).

Wenn zwei Scheidungskinder heiraten und die Ehe nicht gelingt, dann endet die Beziehung oftmals sehr viel emotionaler und impulsiver, als gewöhnliche Ehen, oder die wo nur ein Partner unter dem Trauma der Scheidung leidet. Noch unter dem schmerzlichen Eindruck des in der Kindheit erlittenen Verlustes ihrer intakten Familie erleben die Betroffenen jetzt als Erwachsene ohne jede Vorwarnung das Ende ihrer eigenen zentralen Beziehung. Das bestätig sie ihrer Ansicht nach, dass sie Verdammte sind und das alles zerbricht, was sie wollen und brauchen. Die Reaktion darauf, ob nun Depression oder Wut, kann Jahre andauern (vgl. Wallerstein et al. 2002, S. 272).

Die Frage die sich aus diesem Abschnitt stellt ist, ob dieser Teufelskreis von anerzogenem Verhaltensmustern durchbrochen werden kann. Dieser Frage und wie man so früh wie möglich richtig einschreitet, soll im nachfolgendem Abschnitt nachgegangen werden.

6 Die Überwindung der Scheidungsfolgen aus psychoanalytischer Sicht

Die Psychoanalyse ist die von Freud eingeführte und von seinen Schülern fortgeführte bzw. modifizierte Behandlungstechnik sogenannter psychoneurotischer Störungen ( Neurose) durch aufdeckende Deutung und Übertragung. Freud ging von der Annahme aus, derartige Störungen und ihre somatischen Begleiterscheinungen seien Ausdruck eines verdeckten, unbewussten Konflikts, der auf Interaktionen zwischen Triebimpulsen und Abwehrmechanismen beruht. Die Aufgabe des Therapeuten bestehe darin, Entstehungsgeschichte, Stoffe und Bedeutung der Konflikte im Kontext der Lebensgeschichte aufzudecken (vgl. Wörterbuch Psychologie, S. 350).

Eine Methode zur Erforschung seelischer Vorgänge ist die Psychoanalyse insofern, als sie Wege aufgewiesen hat, bestimmte Inhalte, nämlich unbewusste Prozesse, zu erfassen und zu beschreiben. Die Einzelschritte sind insbesondere die Verwendung der freien Assoziation, die Analyse von Träumen, Phantasien und Vorstellungen sowie die Analyse bestimmter Handlungsweisen, der sogenannten Fehlleistungen (vgl. Handwörterbuch Psychologie, S. 579).

Die klassische psychoanalytische Therapie lässt sich sowohl vom äußeren Setting (Patient liegt, Behandelnder außerhalb seiner Sicht, hohe Stundenfrequenz, lange Dauer) als auch von bestimmten inhaltlichen Charakteristika her beschreiben, die die Arbeit von Therapeut und Patient auszeichnen (vgl. Handwörterbuch Psychologie, S. 582).

Nach Figdor besteht die klassische psychoanalytische Behandlung aus drei bis vier Sitzungen pro Woche, die sich über mehrere Jahre erstrecken kann. Vom Patienten wird dabei nichts weiter erwartet, als dass er versucht die Grundregeln einzuhalten: einfach zu sagen, was ihm im Augenblick einfällt, über seine Gedanken und Gefühle zu berichten, egal wie peinlich oder unpassend sie ihm erscheinen. Dabei kann es in der Psychoanalyse passieren, dass sehr widersprüchliche Gefühle zum Vorschein kommen. An geliebte Menschen können zum Beispiel beträchtliche Hassgefühle geknüpft sein. Solche Konfliktsituationen können im Alltag je nach Priorität zurückgestellt werden. In Situationen in denen dieser Konflikt eine große Gefahr darstellt ist das nicht möglich. Das passiert vorzugsweise in der frühen Kindheit. Das Leben des kleinen Kindes ist durch zwei Besonderheiten ausgezeichnet: durch die unbedingte Abhängigkeit von der Anwesenheit und Liebe der Eltern auf der einen Seite und durch die Unbedingtheit, die „Triebhaftigkeit“, seiner Wünsche und Regungen (vgl. 1992, S. 31-32).

In der Behandlung des Kindes betont Figdor deshalb, dass die förderlichen Umstände, die dem Kind helfen die Scheidung so gut wie möglich zu bewältigen, in erster Linie natürlich von den Eltern bereitgestellt werden müssen. Das ist aus dem Grund wichtig, da sich die Affekte, Gefühle und bedrohlichen Phantasien maßgeblich an die Eltern richten. Es liegt am Verhalten der Eltern, bzw. an der Wahrnehmung dieses Verhaltens durch das Kind, ob sich dessen Befürchtungen als berechtigt oder unberechtigt erweisen. Dabei ist es die Aufgabe der Eltern dem Kind zu vermitteln, dass sich trotz der Veränderungen sein Leben nicht in den Grundfesten verändert (vgl. 1992, S. 134).

Der Weg der dahin führt, dass das Kind so wenig wie möglich an Schaden erfährt, wird über die Haltung und Handlungen der Eltern beschritten. So müssen diese, trotz gescheiterter Partnerschaft, auch weiterhin als Eltern kooperieren. Dazu gehört vor allem, dass sie die Kontinuität der Beziehung des Kindes zu den Eltern sichern. Weiterhin müssen ihre persönlichen, leidvollen Gefühle, ihre Betroffenheit der elterlichen Verantwortung platz machen. Dazu gehört, dass die Eltern alles versuchen, um dem Kind das Gefühl zu geben, dass seine fortgesetzte Liebe zu beiden Eltern ganz und gar Ordnung ist. Der weggeschiedene Elternteil sollte möglichst bald mit dem Kind gemeinsam besucht werden. Besuchsregeln sollten mit dem Kind besprochen und dessen Wünsche berücksichtigt werden. Schließlich müssen die Eltern alle Vorkehrungen treffen, die es dem Kind erleichtern, über den Schmerz und die Belastung der Trennung hinwegzukommen. Dazu gehört auch, dass das Kind rechzeitig und ausführlich über die kommenden Ereignisse informiert wird und es muss die Gelegenheit bekommen seine Sorgen und Gefühle zu äußern (vgl. Figdor 1992, S.153).

Aber auch für das erwachsene Scheidungskind ist noch nicht alles zu spät. Sie können lernen, sinnvolle und glückliche Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Der Schlüssel dazu ist, dass sie sich von den Problemen und dem Familienstil ihrer Eltern emotional befreien. Um das zu erreichen müssen sie den Familienstil identifizieren und die Art und Weise, wie sie darauf reagieren. Alle Familien haben ihre Charakteristika und das Scheidungskind muss bewusst danach suchen (vgl. Beal & Hochman 1992, S. 171).

Ein guter Zeitpunkt, um nach den Ursprüngen zu suchen ist die Zeit der Verliebtheit der Eltern und die dann folgende Heirat. Es gilt herauszufinden, wann die Kommunikation zwischen den Eltern eine Störung erlitt. Mit dem Ende der Kommunikation fangen die Probleme an, wenn Missverständnisse nicht ausdiskutiert, sonder totgeschwiegen werden. Wann nahmen die kritischen Äußerungen zu? Wurden die Beschuldigungen ausgesprochen oder unterdrückt? In beiden Fällen wird die Schuldzuweisung an den anderen zum Verhaltensmuster und zustört die Ehe (vgl. Beal & Hochman 1992, S.172-174). Eine andere frage ist, wann die gegenseitige Glaubwürdigkeit aufhörte. Wann war der Zeitpunkt wo das Vertrauen in die Aussagen des Partners dem Misstrauen wich? Auch die gemeinsam verbrachte Zeit der Eltern ist wichtig. In der Zeit des Werbens verbringt man viel Zeit miteinander. Zeit, die im Laufe der Ehe oftmals dem Alltag, dem Berufsleben platz macht. Zeit, die der Familie fehlt, um ein intaktes Dasein zu führen (vgl. Beal & Hochman 1992, S. 175-176).

Scheidungskinder brauchen diese Informationen über ihre Vergangenheit. Als Kind können sie sich des Verhaltens ihrer Familie bewusst gewesen sein, aber konnten nicht erkennen, dass das Verhalten Teil eines vorhersehbaren Verhaltensmuster ist, das sie heute ihrer Beziehung aufdrücken. Um das Muster zu verändern, brauchen sie eine ausgewogene Meinung über beide Eltern. Sie müssen damit aufhören, einen als Täter und den anderen als Opfer zu sehen. Bis es soweit ist werden sie in einem Dreieck stecken bleiben, das ihre Fähigkeit lähmt eine zufriedene Beziehung zu führen (vgl. Beal & Hochman 1992, S. 176-177).

7 Zusammenfassung

Wie man in der vorliegenden Studienarbeit erfahren konnte, bedeutet eine Scheidung für Kinder immer ein schmerzliches und sehr einschneidendes Erlebnis, welches an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit geht. Die Änderung der Lebenssituation, ist gleichzusetzen mit einem Zusammenbruch der Grundlage auf dem das kindliche Leben aufgebaut hat, nämlich dem Zusammenleben mit Mama und Papa. Das Wechselbad der Gefühle der Eltern verunsichert die Kinder. Sie fühlen sich ohnmächtig und spüren, dass sie kaum Einfluss auf das haben, was rund um sie geschieht. Da die Eltern im kindlichen Denken einfach zusammengehören, wirkt die bevorstehende Trennung wie ein Schock.

Scheidungskinder haben direkt nach der Scheidung besondere Bedürfnisse und Gefühle. Vergessen dürfen wir nie, dass viele Scheidungskinder sich mitverantwortlich fühlen für die Scheidung. Darum plädieren Therapeuten dafür, Kinder rechtzeitig in den Trennungsprozess einzubeziehen und ihnen auf ihre Fragen zu den Folgen altersgerechte Antworten zu geben. So können sie begreifen, dass das Paar sich trennt, die Eltern aber erhalten bleiben. Abzuraten ist in jedem Falle, Sohn oder Tochter als Gesprächspartner für die eigene Wut und Verzweiflung zu missbrauchen. Häufig tragen die Geschiedenen noch Jahre nach der Trennung ihren Streit und ihre Konflikte zu Lasten der Kinder aus. Es gibt wohl selten Kinder, die die Scheidung ihrer Eltern als etwas Beglückendes empfinden. Kinder werden traurig, fühlen sich einsam. Diese kindliche Erfahrung verunsichert früher oder später das Vertrauen in die Zuverlässigkeit menschlicher Beziehungen. Eltern kann man nur immer wieder raten, in der Trennungsphase unbedingt ihre Kraft und Aufmerksamkeit auf die Kinder und weniger sich auf die Umstände und Konditionen der Trennung zu konzentrieren.

Die langfristigen Auswirkungen von Scheidungen auf Kinder haben erstmals die amerikanischen Wissenschaftler Judith S. Wallerstein und Dr. Julia Lewis in einer auf 25 Jahre ausgelegten Langzeitstudie untersucht. Die Untersuchungsergebnisse belegen einen langlebigen Einfluss der Trennung. In der Zeit der Partnerwahl spielen die Erfahrungen mit der Scheidung der Eltern sogar eine zentrale Rolle. Die erwachsenen Scheidungskinder geraten in den Zwiespalt zwischen Sehnsucht nach Liebe und Bindung einerseits sowie der Angst vor dem Scheitern der Beziehung andererseits. Zum anderen spielen Ängste, verletzt, verlassen oder betrogen zu werden, eine zentrale Rolle im Persönlichkeitsbild. Trennungskinder weisen wiederum eine höhere Scheidungsrate als Heranwachsende aus intakten Familien auf. Es fehlt diesen Kindern offenkundig an guten Vorbildern und nützlichen Modellen, wie Mann und Frau in liebender Beziehung zusammenleben können. Es ist daher bedeutsam, den Kindern nichts vorzugaukeln, sie miterleben zu lassen, dass jede Ehe ihre Höhen und Tiefen hat.

8 Literaturverzeichnis

Beal, Edward W. / Hochman, Gloria 1992: Wenn Scheidungskinder erwachsen sind. Spätfolgen der Trennung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag

Figdor, Helmuth 1992: Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung. Eine psychoanalytische Studie. 3. Auflage. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag

Hahn, Jochen / Lomberg, Berthold / Offe, Heinz (Hrsg.) 1992: Scheidung und Kindeswohl. Beratung und Betreuung durch scheidungsbegleitende Berufe. Heidelberg: Roland Asanger Verlag

Schwarz, Beate 1999: Die Entwicklung Jugendlicher in Scheidungsfamilien. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union

Teyber, Edward 1996: So helfen Sie Ihrem Kind im Scheidungsfall. Hamburg: Ernst Kabel Verlag GmbH

Wallerstein, Judith / Lewis, Julia M. / Blakeslee, Sandra 2002: Scheidungsfolgen-Die Kinder tragen die Last. Eine Langzeitstudie über 25 Jahre. Münster: Votum Verlag GmbH

Auf CD-ROM:

Asanger, Roland / Wenninger, Gerd (Hrsg.) 1999: Handwörterbuch Psychologie in Digitale Bibliothek Band 23. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union

Fröhlich, Werner D. 2002: Wörterbuch Psychologie in Digitale Bibliothek Band 83. 24. durchgesehene Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag

Details

Seiten
27
Jahr
2003
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108541
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1
Schlagworte
Folgen Scheidung Kind

Autor

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Titel: Die Folgen der Scheidung für das Kind