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Der Nationalsozialismus. Soziale Revolution oder Reaktion?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodische Grundlagen

3. Modernisierungstheorien sozialer Revolution

4. Marxistische Theorien sozialer Reaktion

5. Andere, verschiedene Ansätze vereinende Theorien

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, ob der Nationalismus eine soziale Revolution verursacht habe oder eher von einer solchen Sichtweise Abstand zu nehmen sei, hat zu unterschiedlichsten Antworten und Positionen geführt, deren Vertreter sich in äußerst heftiger Art und Weise gegenseitig kritisierten und noch weiter kritisieren und über die auch in Zukunft wohl kaum Einigkeit erreicht werden wird. Je nachdem, welchen erkenntnistheoretischen oder weltanschaulichen Standpunkt man wählt, um sich dieser Frage zu nähern, kann man ganz unterschiedliche Argumente und Interpretationen aus den zur Verfügung stehenden Quellen und Informationen gewinnen.

Ausgehend von dieser Situation möchte die vorliegende Arbeit versuchen, die gegensätzlichen Strömungen anhand einiger weniger Vertreter zusammengefasst gegenüberzustellen und somit die wichtigsten Argumentationsstränge einer kritischen Betrachtung zuzuführen.

Dabei wird methodisch auf eine Unterteilung Ian Kershaws zurückgegriffen, die im wesentlichen drei Kategorien von Ansätzen erkennen lässt.[1] Zum ersten die überwiegend von liberalen Historikern und Soziologen vorgebrachte Meinung, der Nationalsozialismus habe so tiefgehende Veränderungen in der Gesellschaft verursacht, dass man legitimerweise von einer „sozialen Revolution“ sprechen könne. Zum zweiten die marxianisch beeinflusste Auffassung, wonach die gesellschaftlichen Veränderungen im Dritten Reich zu oberflächlich gewesen seien und die Grundstrukturen der Gesellschaft daher weitgehend unverändert blieben, so dass es völlig abwegig sei, von einer „sozialen Revolution“ zu sprechen. Und schließlich drittens die Ansicht, nach der der Nationalsozialismus zwar keine „Sozialrevolution“ darstelle, aber eine Reihe von widersprüchlichen, teils modernen, teils reaktionären Auswirkungen verursacht habe, welche zur totalen Niederlage und Zerstörung des Dritten Reiches führten, durch die die alten gesellschaftlichen Strukturen zusammenbrachen und ein völliger Neuanfang begonnen werden konnte.[2]

Nach einer Betrachtung verschiedener Probleme bei der Analyse der nationalsozialistischen Gesellschaft sollen die unterschiedlichen Positionen in obiger Reihenfolge anhand prominenter Vertreter zusammengefasst und abschließend die wichtigsten Gegenpositionen herausgestellt werden.

2. Methodische Grundlagen

Bevor die Frage nach dem Charakter des Nationalismus gestellt und gegebenenfalls eine Antwort versucht werden kann, muss auf grundsätzliche Schwierigkeiten und Probleme eines solchen Versuchs aufmerksam gemacht werden.

Dabei stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien und mit welchem Maßstab die sozialen Auswirkungen des nationalsozialistischen Staates betrachtet und beurteilt werden sollen. Die unmittelbar damit zusammenhängende Frage ist, ob man die Analyse der nationalsozialistischen Herrschaftsstruktur auf den Bereich der Gesellschaft übertragen kann oder ob man von einer derartigen Analogie zwischen politischer Gleichschaltung und sozialer Revolution absehen sollte.

So vertritt beispielsweise Ian Kershaw die Ansicht, dass es sehr schwierig sei, so etwas wie eine „soziale Ideologie“[3] des Nationalsozialismus zu entschlüsseln. Zu groß erscheinen die Widersprüche, wenn man einmal von dem unklaren Begriff des Volksgenossen absieht, zwischen der an gesellschaftlichen Zielen unklaren Ideologie der sozialen Zusammensetzung der Partei und der manipulativen Propaganda. Schon an anderer Stelle hat Kershaw darauf hingewiesen, dass das wesentliche „Merkmal der Macht Hitlers [...] Zerstörung“[4] war.

Während Kershaw gleichfalls unterstreicht, dass die „zerstörerische – und selbst-zerstörerische – Eigenart des Nationalsozialismus nicht auf Hitlers persönlichen Destruktionstrieb“[5] reduziert werden könne und unter anderem das Modell der „charismatischen Herrschaft“ von Max Weber zur weiteren Erklärung heranzieht, betont Hermann Rauschning, dass der Nationalsozialismus als eine Art „doktrinlose oder nihilistische Revolution“[6] begriffen werden kann, welche sich gegen alles wendet und in nichts ihre Erfüllung findet. Und wenn sich Hans Mommsen schließlich von der „Unfähigkeit des NS-Regimes [...], über die bloße Vernutzung und Destruktion übernommener Werte und Traditionen zu dauernden Neugestaltungen zu gelangen“[7] überzeugt gibt, unterstreicht dies die Schwierigkeit, eine Art Bilanz des Dritten Reiches auf dem Gebiet sozialer Veränderungen aufzustellen.

Das Problem eines solchen Versuchs liegt darin, zu unterscheiden, welche der angenommenen und untersuchten Veränderungen unmittelbar und welche nur mittelbar oder sogar völlig unbeabsichtigt durch den Nationalsozialismus verursacht worden. Hinzu kommt, dass man zwischen durchaus verschiedenen Vergleichsmöglichkeiten wählen kann.

So ist es beispielsweise möglich, den sozialen Wandel, so er denn überhaupt nachträglich rekonstruierbar ist, „im Vergleich zu dem, was sich der Nationalsozialismus unserer Vermutung nach am Anfang zum Ziel gesetzt hatte; im Vergleich zu dem, was ohne den Nationalsozialismus vielleicht abgelaufen wäre; im Vergleich zu dem Tempo und der Art des Wandels in anderen Industriegesellschaften der damaligen Zeit; oder im Vergleich zu irgendeiner fiktiven ‚idealtypischen’ Entwicklung“[8] zu beurteilen.

Hinzu kommt das in den Sozialwissenschaften altbekannte Problem unterschiedlicher Bedeutungen identischer Begriffe, insbesondere ihre Überfrachtung mit ideologischen Bedeutungen und Konzepten. Gerade die in der Diskussion um die nationalsozialistische Gesellschaft immer wieder strapazierten Begriffe Revolution, Reaktion oder Konterrevolution sind mit ganz unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen verbunden. Jeremy Noakes wird von Kershaw mit der treffenden Aussage zitiert, den Begriff „Revolution“ zu verwenden hieße, „ein semantisches Minenfeld [zu, N.K.] betreten.“[9] Und während Hermann Rauschning in den dreißiger Jahren noch die Vorstellung hat, einer sozialen Revolution könne auch die Idee „eines Fortschreitens zu vernünftigeren, gerechteren und menschenwürdigeren Zuständen“[10] innewohnen, bestreitet Ian Kershaw ein halbes Jahrhundert später schon einen direkten oder gar notwendigen Zusammenhang zwischen Revolution und etwas „Positivem“, „Progressivem“ oder „moralisch Lobenswertem.“[11] Für Hans Mommsen wiederum ist „Revolution“ immerhin noch ein „mindestens wertneutraler Begriff“[12], der dementsprechend sensibel verwendet werden sollte.

Die unterschiedlichen Herangehensweisen und der akzentuierte Gebrauch sozial-wissenschaftlich eingeführter Begriffe entspringt einer grundlegenden Uneinigkeit über das tatsächliche Wesen des Dritten Reiches im Besonderen und damit verbundenen unterschiedlichen Konzepten geschichtlichen Wandels im Allgemeinen.

Von einem marxistischen Standpunkt aus werden insbesondere die Veränderungen der Produktionsweise und des Kapitalismus ins Fadenkreuz der wissenschaftlichen Analyse genommen. Mit dem Versuch, den Stand des Klassenkampfes zu ermitteln, geht die Vorstellung einher, dass sich die Veränderung in den sozialen Beziehungen nur als Folge wirtschaftlicher Umgestaltungen und Veränderungen begreifen lassen. Diese einseitige Ausrichtung auf die Bedeutung wirtschaftlicher Aspekte im Konzert gesellschaftlicher Wirklichkeit, welche einhergeht mit der Missachtung massenpsychologischer oder ideologischer Beeinflussung, birgt jedoch die Gefahr mangelnder intellektueller Distanz. Für Franz Leopold Neumann ist das Dritte Reich dann eben nichts anderes als „das Produkt allgemeiner Strukturentwicklungen von Ökonomie und Politik, der besonderen geschichtlichen Entwicklung des deutschen imperialistischen Kapitalismus und der spezifischen Dynamik des deutschen Faschismus.“[13]

So lassen sich dann auch die heftigen Attacken und Widersprüche in der Auseinandersetzung um das Thema verstehen, geht es doch nicht nur um historische Analyse, sondern im Rahmen fortschreitender historischer Entwicklung auch um die Legitimation und Absicherung unterschiedlicher politischer Systeme und sozialwissenschaftlicher Theorien. Henry Ashby Turner formulierte dazu treffend: „Entspricht die weitverbreitete Ansicht, dass der Faschismus ein Produkt des modernen Kapitalismus ist, den Tatsachen, dann ist dieses System kaum zu verteidigen.“[14]

Modernisierungstheorien hingegen sehen den Nationalsozialismus und damit auch die Frage nach seinen sozioökonomischen Voraussetzungen unter der Fragestellung, welche Veränderungen Gesellschaften langfristig auf dem Weg von der Tradition in die Moderne durchlaufen. Anhand einem „mehr oder minder umfangreichen Katalog von deskriptiven Dichotomien“[15] werden Veränderungen verschiedenster Bereiche der Gesellschaft, wie soziale Ausdifferenzierung, politische Partizipation, komplexe Arbeitsteilung oder die Fähigkeit zur institutionellen Regulierung von Konflikten betrachtet und miteinander verglichen. Dabei droht jedoch die Gefahr einer Kategorisierung westlich liberaler Demokratien zu „Idealtypen“, an deren Maßstab sich alle konkurrierenden Gesellschaftsentwürfe messen lassen müssen. Besonders von marxistisch beeinflussten Sozialwissenschaftlern aber auch von anderen Historikern wird zudem die relative Vernachlässigung des Klassenkonfliktes, sowie „die Degradierung der wirtschaftlichen Strukturen auf eine bloße Komponente des sozialen Wandels“[16] kritisiert.

Nachdem die unterschiedlichen Vorbedingungen und methodischen Präferenzen kurz skizziert wurden, werden wir uns nun den einflussreichsten Interpretationen der sozialen Veränderungen im sogenannten „Dritten Reich“ zuwenden.

3. Modernisierungstheorien sozialer Revolution

Als Vertreter und Befürworter einer Sichtweise, die im Nationalsozialsozialismus eine soziale Revolution sehen, sollen an dieser Stelle vor allem Ralf Dahrendorf und David Schoenbaum zu Wort kommen. Allenfalls ergänzend soll später noch auf einige andere, sehr ähnliche Interpretationen eingegangen werden.

„Der brutale Bruch mit der Tradition und Stoß in die Modernität“ ist für Dahrendorf das entscheidende „inhaltliche Merkmal der sozialen Revolution des Nationalismus.“[17] Um dieses Urteil zu verstehen, muss man einerseits fragen, welche Tradition gebrochen wird, was Dahrendorf unter Modernität versteht und wie sich die unterstellte soziale Revolution entwickelt haben soll.

Die Gesellschaft der Weimarer Republik konnte sich nach Dahrendorfs Ansicht aufgrund der unvollständigen Revolution von 1918 nicht von den konservativ-autoritären Bindungen und Strukturen des Kaiserreiches befreien. Diese „autoritäre Mischung von Fürsorge und Unterdrückung“[18] war dann auch der Grund für das Scheitern von Weimar, denn das Fortbestehen alter autoritärer, religiöser, regionaler, familiärer und korporativer Bindungen trug wesentlich zur „Aversion gegen Konflikte“[19] und zur Ablehnung des diese Konflikte scheinbar verstärkenden parlamentarischen Systems bei und mündete schließlich in einer explosiven „Verwerfung traditional-autoritärer und modern-demokratischer Strukturen.“[20]

Modernität ist in diesem Zusammenhang gekennzeichnet durch die Strukturen und Werte heutiger liberaldemokratischer Gesellschaften. In ihnen findet sich eine „Verfassung der Freiheit“, welche auf ein kodifiziertes Recht gestützt, die Fähigkeit besitzt, Konflikte gewaltfrei und institutionell zu lösen, die Freiheit der Person und des Eigentums achtet, demokratische Partizipation sicherstellt und auf Vernunft und Volkssouveränität aufbaut.

Der Mangel eines solch liberalen und modernen Begriffs von Gesellschaft machte dann auch die nationalsozialistische Machtergreifung möglich, bei der, nach der Argumentation Dahrendorfs, ausgehend von der Unsicherheit der eigenen sozialen Position, der Mittelstand zuerst die Lösung in einem starken Staat zur Abwehr der Gefahr des Sozialismus einerseits und des Kapitalismus andererseits sah, später jedoch „antiliberale Traditionsgruppen autoritärer Observanz mit den modernen Antiliberalen totalitärer Tendenz“[21] ein unheilvolles Zweckbündnis gegen das parlamentarische Weimarer System eingingen. Das „Missverständnis“ der Verbindung konservativer und nationalsozialistischer Gegner der parlamentarischen Demokratie sieht Dahrendorf durch die antiliberale Struktur und die autoritäre Verfassung der deutschen Gesellschaft während der Industrialisierung verursacht und in der Weimarer Republik fortgesetzt.

Um ihren totalitären Anspruch durchzusetzen, ihre Ziele zu verwirklichen und sich selbst an der Macht zu halten, mussten die nationalsozialistischen Machthaber „der deutschen Gesellschaft einen unwiderruflichen Stoß versetzen, der sie zugleich totalitären Gefahren aussetzte und liberale Chancen öffnete.“[22] Dieses Paradoxon erklärt sich aus Dahrendorfs Beurteilung des Wesens der Moderne, stelle diese doch eine „tragische Figur“ dar, weil Hindernisse der Demokratie auch Hindernisse des Totalitarismus seien.

Die soziale Revolution nahm ihren Anfang in der Gleichschaltung, beschränkte sich zunächst auf den Bereich der Politik, der Justiz, der Bürokratie und der Presselandschaft, griff dann auf die Wirtschaft, auf Gewerkschaften, auf Kirchen, Universitäten und Traditionsverbände über, um schließlich die traditionellen sozialen Bindungen der Menschen untereinander zu zerstören, indem versucht wurde, diese aus „ihrer angestammten Umwelt wenigstens vorübergehend herauszulösen und das Angestammte für die Betroffenen dadurch in Frage zu stellen“.[23] Dazu dienten in erster Linie die Massenorganisationen der Partei und ihre Gliederungen, später auch die Wehrmacht. Aber nicht nur religiöse und regionale Identifikationen wurden so zerstört, sondern auch die traditionelle Stellung der Familie, welche in der Praxis, ganz im Gegensatz zur NS-Propaganda, lediglich auf „die eine überwältigende Aufgabe der Reproduktion der Bevölkerung“[24] reduziert wurde.

Überlagert wurden diese Herauslösungen und Unterdrückungen alter sozialer Rollenverhältnisse durch die soziale Rolle des Volksgenossen. Dahrendorf vergleicht dessen Rolle nicht nur mit der des Staatsbürgers, sondern stellt auch fest: „Der Volksgenosse war die Galionsfigur der nationalsozialistischen Revolution.“[25]

Die Rolle und Bedeutung des Volksgenossen wurde auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausgeweitet und sollte damit bestehende soziale und wirtschaftliche Unterschiede einebnen. Für Dahrendorf hat die Figur des Volksgenossen aber noch eine andere Seite: „Der Volksgenosse verbietet die Rolle des Untertanen; darin liegt sein spezifisch modernes Gesicht.“[26] Für die deutsche Gesellschaft wurde nach Dahrendorfs Meinung erst durch die soziale Revolution des Nationalsozialismus der Weg für eine liberaldemokratische Marktwirtschaft geebnet.

Selbstverständlich gibt es viele kritische Einwände aus durchaus unterschiedlichen Richtungen auf die Thesen Dahrendorfs, doch auch er selbst hat deren Erklärungswert eingeschränkt, indem er zugibt, dass nicht alle angesprochenen Bereiche ausnahmslos im Sinne des Projekts der nationalsozialistischen sozialen Revolution umgestaltet werden konnten. So bot beispielsweise der Gang in die sogenannte „Innere Emigration“ für viele Intellektuelle eine Möglichkeit, sich dem totalitären Staat zu verweigern, nicht jede Familie wurde erreicht, regionale Bindungen bestanden weiter, die Kirchen konnten sich in vielen Gemeinden ein autonomes Eigenleben ebenso wie Universitäten, Gerichte, Schulen oder Teile der Wirtschaft bewahren. Auch die „protestlose Nichtteilnahme der Vielen“ gehört dazu.

Nur am Rande soll hier auch auf die Dahrendorf'sche Analyse und Interpretation des deutschen Widerstandes eingegangen werden. Denn wenn das NS-Regime zur Etablierung seiner totalen Herrschaft eine soziale Revolution auslösen musste, „dann läßt sich der Widerstand gegen das Regime als gegenrevolutionär beschreiben.“[27] Dahrendorf vergleicht nationalsozialistische Revolution und Gegenrevolution miteinander und kommt zu dem Schluss, dass erstere Modernität hervorbrachte, letztere jedoch die alten Bindungen an Familie, Klasse, Region und Religion wiederherstellen wollte. Mit dem Ziel, totalitäre Formen durchzusetzen, gelang es dem NS-Regime gleichzeitig, die Grundlagen liberaler Modernität zu schaffen, während die Gegenrevolution nur als „Aufstand der Tradition, damit auch der Illiberalität und des Autoritarismus einer nachwirkenden Vergangenheit“[28] verstanden werden kann. An dieser, auch intentional nur schwer nachvollziehbaren, äußerst provokanten Lesart des deutschen Widerstandes wurde ebenfalls heftige und umfangreiche Kritik geübt. Wir werden bei der Betrachtung der Plausibilität der Thesen Dahrendorfs darauf zurückkommen.

David Schoenbaum kommt in Die braune Revolution mit einer anderen, feinsinnigeren Argumentation zu einem ähnlichen Ergebnis. In seiner Analyse beschränkt er sich auf die Jahre 1933 bis 1939 und lässt damit die für andere Interpretationen äußerst wichtige Kriegsphase des Dritten Reiches, immerhin die Hälfte seiner Dauer, unbeachtet.

Für Schoenbaum war der Nationalsozialismus „eine Revolution der Zwecke und der Mittel zugleich. Die Revolution der Zwecke war ideologischer Natur; sie sagte der bürgerlichen und industriellen Gesellschaft den Krieg an. Die Revolution der Mittel war ihre Umkehrung. Sie war bürgerlich und industriell, da ja auch ein Krieg gegen die industrielle Gesellschaft in einem industriellen Zeitalter mit industriellen Mitteln geführt werden muss und es des Bürgertums bedarf, um das Bürgertum zu bekämpfen.“[29] Diese recht dialektische Betrachtungsweise untermauert Schoenbaum, indem er darlegt, dass „die von der nationalsozialistischen Ideologie beschworene Gemeinschaft“ zwar auf fruchtbaren Boden bei der Bevölkerung fiel, aber eine wirkliche Gemeinschaft, gar die propagierte Überwindung des Klassenkampfes, „bestenfalls eine Halbwahrheit“[30] war. Die Grundprobleme der deutschen Gesellschaft blieben bestehen, die Deutschen fanden sich „schließlich nur in einer negativen Gemeinschaft von Angst, Opfer und Untergang vereint.“ Und weiter: „Zwischen dem Kapital und der Arbeiterschaft, den großen und kleinen Geschäftsleuten, der Industrie und der Landwirtschaft kam kein gerechteres Verhältnis zustande.“[31]

Aber der Elan der nationalsozialistischen Bewegung konnte auch von den alten Eliten nicht gebremst werden, deren Selbstvertrauen zu zerrüttet war, als dass sie dem Regime ernsthaft entgegentreten konnten. Dabei wurde von letzterem fortwährend der Eindruck erweckt, die eigentliche Revolution stünde unmittelbar bevor, doch zugleich war sie auf unbegrenzte Zeit verschoben. In dem Maße, wie sich Wirtschaft, Militär und Beamtentum mit der neuen politischen Spitze arrangieren konnten, setzte sich auch die Ideologie vermeintlicher Gleichheit immer weiter durch: „Was die Dinge zusammenhielt, war eine Kombination von Ideologie und sozialer Dynamik auf einer Grundlage von Charisma und Terror“, so Schoenbaum weiter.[32] Unmittelbare Unzufriedenheit oder soziale Konflikte wurden entweder unterdrückt oder mit dem Verweis auf die Besonderheit der Situation entschuldigt. Hinzu kam, dass „die relative Identität von Gesellschaftsklasse und Status“[33] aufhörte zu existieren. Durch das beständige Beschwören der „Volksgemeinschaft“ und des „Volksgenossen“ war es sehr schwierig, die Wichtigkeit und Hierarchie unterschiedlicher ökonomischer Gruppen zu unterscheiden. Dieses zweigesichtige Staatsgebilde aus nationalsozialistischer Politik und kapitalistischer Wirtschaft führte zu dem Phänomen, dass sich „die soziale Stellung von Gruppen und Individuen [...] unabhängig von ihren alten sachlichen Grundlagen verschob.“[34] Es habe eine fortwährende Spannung und Doppeldeutigkeit zwischen „wirklicher“ und „nationalsozialistischer“ Welt bestanden, für die Schoenbaum die Unterscheidung von „objektiver sozialer Wirklichkeit“ und „gedeuteter sozialer Wirklichkeit“[35] einführt. Und lediglich auf dem Gebiet der zweitgenannten könne man von einer sozialen Revolution sprechen, die zum Zusammenbruch der alten Klassenstrukturen führte, indem mittels Manipulation und Propaganda eine neue, „klassenlose Wirklichkeit“[36] geschaffen wurde, in der es zahlreiche Aufstiegschancen für alle Gruppen der Gesellschaft zu geben schien. Die objektive soziale Wirklichkeit aber, in den statistisch messbaren Folgen betrachtet, war gerade das Gegenteil der vom Regime propagierten Gleichheit.

In dieser inneren Spannung und Zerrissenheit sieht Schoenbaum dann auch das Ende des Nationalsozialismus begründet, denn die Zerstörung der industriellen Gesellschaft wurde mit industriellen Mitteln versucht und musste, nachdem sich alle anderen Ziele selbst zunichte gemacht hatten oder unmöglich wurden, letztlich in radikaler Selbstzerstörung enden. Die Spannung zwischen Beamtenstaat und Volksgemeinschaft oder zwischen der Erhaltung des Privateigentums bei gleichzeitiger Verwirklichung eines nationalen Sozialismus konnte nach Schoenbaum nur über die Zerstörung innerer und äußerer Feinde versucht werden. Als aber schließlich „jedes Teilziel - die Zerstörung der Gewerkschaften und des Adels, der Juden, der Menschenrechte und der bürgerlichen Gesellschaft - erreicht war, war Zerstörung das einzige, das übrig blieb.“[37]

Diese destruktive Dynamik endete in der „totalen sozialen Revolution des totalen Krieges“[38], an dem Goebbels zynischerweise sogar noch die „großartig gleichmachende Wirkung der um ihn fallenden Bomben“[39] hervorhob.

Insgesamt zieht Schoenbaum also das Fazit, dass das Dritte Reich durchaus eine soziale Revolution darstellt. Insbesondere die „gedeutete soziale Wirklichkeit“ wurde derart erfolgreich geändert und manipuliert, dass große Teile der Gesellschaft die weiter bestehenden sozialen und materiellen Unterschiede verdrängte und das NS-Regime auf diese Art und Weise Zuspruch und Unterstützung mobilisieren konnte. Dabei bediente sich die NS-Propaganda antiindustrieller sozialer Ziele, deren Erfüllung allerdings für die Zeit nach dem „Endsieg“ in Aussicht gestellt wurde.

Zum Abschluss dieses Kapitels soll noch kurz auf eine weitere Argumentation eingegangen werden, in der Henry Turner den Nationalsozialisten zugesteht, sie hätten die ernstgemeinte Absicht gehabt, die moderne Gesellschaft abzuschaffen, also „zutiefst antimoderne Ziele“[40] gehabt, die jedoch nur mit modernen Mitteln zu erreichen gewesen wären. Diese Flucht vor der modernen Welt könnte man in Turners Worten auch als eine Art „verzweifelten Rückwärtssprung“ oder „utopische Form des Antimodernismus“[41] beschreiben. Turner kommt zu dem Schluss, dass diese Ideologie zum Scheitern verurteilt sei, da sie zweifach utopisch ist, denn sie diene einerseits als „visionäres Allheilmittel“ und sei andererseits de facto „nicht zu verwirklichen.“[42]

Abelshauser und Faust brechen ebenfalls eine Lanze für die Theorie einer sozialen Revolution im Nationalsozialismus. Im Rahmen einer über den Zeitraum des Dritten Reiches hinausgehenden Vorstellung einer „Sozialrevolution“, messen sie der NS-Zeit „nicht mehr und nicht weniger als die Rolle eines Katalysators der Modernisierung zu, indem sie gewaltsam die in Deutschland noch besonders stark ausgeprägten Bindungen an Tradition, Region, Religion und Korporation gesprengt habe.“[43] Verantwortlich für den sozialrevolutionären Wandel sei in erster Linie die Sozial- und Wirtschaftspolitik gewesen, die mit staatlichen Eingriffen die Wirtschaftskrise beseitigte, damit die Ökonomie dem Primat der Politik unterordnete und die freien Gewerkschaften zerschlug – und somit das Leben der Deutschen in kürzester Zeit grundlegend veränderte.

Nach der Betrachtungen der Argumente, die im weiten Rahmen der Modernisierungstheorie für eine – wie auch immer geartete – soziale Revolution sprechen, wenden wir uns nun der diametral entgegengesetzten Position marxistisch orientierter Wissenschaftler zu, die dem Dritten Reich eine solche Veränderung der sozialen Bedingungen vollständig absprechen.

4. Marxistische Theorien sozialer Reaktion

Um die marxistisch motivierte Sichtweise auf die sozialen Veränderungen während des Nationalsozialismus nachzuvollziehen, sollen vor allem Franz Leopold Neumann, Uwe Fritzsche und Ian Kershaw zu Wort kommen.

Im Rahmen der kommunistischen Faschismus-Diskussion, bei der dieser als eine Endstufe des Kapitalismus angesehen wird, kam es schon 1933 zur sogenannten Kominternthese: „Der Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der am meistem reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“[44] Diese These stellt aber nach Meinung Fritzsches eine „schwerwiegende Verkürzung“[45] dar. Wichtig für eine wissenschaftliche Analyse des Faschismus aus marxistischer Sicht sei hingegen das Offenlegen der „ dialektischen Spannung von Zwanghaftigkeit, Risiko, Attraktivität und Leistung des Faschismus für Grenzlagen des kapitalistischen Systems.“[46]

Eine erste Analyse des nationalistischen Herrschaftssystems leistete Franz Leopold Neumann 1942 in seinem Buch Behemoth, in dem er „den kapitalistischen Charakter des Nationalsozialismus“ herausstreicht.[47] Er warnt davor, soziale Entwicklungen losgelöst von ihren ökonomischen Ursprüngen zu betrachten und in diesem Sinne etwa „Gewalt, nicht das ökonomische Gesetz“ fälschlicherweise zur Haupttriebkraft der faschistischen Gesellschaft zu deklarieren oder gar das „Profitmotiv [...] vom Machtmotiv“ abzuspalten. Zwar hätten die Nationalsozialisten auch durchaus eigenständige ideologische Ziele, seien aber zu deren Durchsetzung auf das kapitalistische Monopolsystem angewiesen.

Nach den Maßgaben der führenden Kapitalgruppe würden nach Ansicht Neumanns die Rahmenbedingungen für die Entwicklung, Organisation und Effektivierung der kapitalistischen Ökonomie geschaffen. Dies sei die einzige Aufgabe der Politik im Nationalsozialismus, für dessen adäquate Bezeichnung Neumann den Begriff „totalitärer Monopolkapitalismus“[48] vorschlägt. Denn die „vollständige Unterjochung des Staates durch die industriellen Machthaber konnte nur mit einer politischen Organisation gelingen, in der es keine Kontrolle von unten gab, in der alle autonomen Massenorganisationen und jede Freiheit der Kritik beseitigt waren.“[49] Das NS-System sei „eine privatkapitalistische Ökonomie, die durch einen totalitären Staat reglementiert wird.“[50]

Das Wesen der nationalsozialistischen Gesellschaft bestehe darin, „den vorherrschenden Klassencharakter der deutschen Gesellschaft anzuerkennen und zu festigen, eine Konsolidierung der herrschenden Klasse zu versuchen, die unterworfenen Schichten durch die Zerschlagung jeder autonomen, zwischen ihnen und dem Staat vermittelnden Gruppe zu atomisieren und ein System autokratischer, in sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens eingreifender Bürokratien zu schaffen.“[51] Dabei werde die Gesellschaft durch eine sowohl totalitäre, wie auch autoritäre Organisation, einer Atomisierung des Individuums, der Einsetzung von Teileliten zur Sozialdisziplinierung, durch permanente Propaganda und schließlich durch Gewalt als alles durchherrschende Kraft strukturiert und zusammengehalten.

Dies führt letztendlich dazu, dass „eine kleine Gruppe mächtiger Industrie-, Finanz- und Agrarmonopolisten [...] mehr und mehr mit einer Gruppe von Parteihierarchen zu einem einzigen Block“ verschmilzt, „der über die Mittel der Produktion wie über die Mittel der Gewalt verfügt.“[52] Somit könne man ganz und gar nicht von einer sozialen Revolution sprechen, die NS-Zeit sei vielmehr als komplexer Zusammenhang zwischen Staat, Ökonomie und Gesellschaft zu begreifen, indem das Kapitalverhältnis die bestimmende Grundlage gesellschaftlicher Verhältnisse darstelle und das dahinterstehende Kapitalinteresse die politikstrategische Bestimmungsmacht bleibe.

Klaus Fritzsche deutet den Nationalsozialismus ebenfalls nicht als soziale Revolution, sondern als „ äußerste Systemsicherung in äußersten Krisenlagen der kapitalistischen Gesellschaft.“[53] Nicht eine Revolution, sondern eine Festigung der Machtpositionen der kapitalistischen Klasse auf der einen Seite und eine Verschlechterung der Position der Arbeiterklasse oder anderer unterdrückter Schichten auf der anderen Seite vollzieht sich auf sozialer Ebene im Nationalsozialismus. „Grundlegende strategische Interessen des Kapitals“ könnten durch ihn realisiert werden, welche in einer „ungehinderten Ausbeutung der Ware Arbeitskraft“, in einer vollständigen „Funktionalisierung der Staatstätigkeit“, sowie stabilen Herrschafts- und Privilegienverhältnissen bestehen.[54] Mit einem „ politischen Doppelgriff aus Terror und Konsens “ werden Kapitalverwertung einerseits und Massenloyalität andererseits sichergestellt. Die Ideologie dürfe nicht wörtlich genommen werden, sondern muss als integrierendes Instrument der herrschenden Klasse betrachtet werden, um die unterdrückte Klasse zu kontrollieren.

Ian Kershaw selbst legt eine verfeinerte marxistische Interpretation des Nationalsozialismus vor, indem er u.a. näher auf das Phänomen der sehr heterogenen Massenanhängerschafft eingeht, welche trotz ihrer Vielschichtigkeit „durch eine radikale, negative Protesthaltung zusammengehalten wurde.“[55] Er erklärt den Erfolg der Idee der Volksgemeinschaft mit dem Wunsch breiter Schichten der deutschen Gesellschaft, den Marxismus abzuwehren und die „Unbeweglichkeit und Sterilität der alten Gesellschaftsordnung zu überwinden“[56] ; worin er dann auch den Grund für die hohe Begeisterung sieht, die der Nationalsozialismus besonders bei jungen Menschen hervorrief.

So ging es dem NS-Regime nicht um die „Veränderung objektiver Realitäten“, sondern um den „Versuch, das subjektive Bewußtsein zu verändern.“[57] Dieser Versuch äußerte sich in der Propaganda eines „stark vergrößerten, nationalen Selbstbewußtseins“[58], welches die alten Bindungen, religiöser, regionaler, wirtschaftlicher Natur, überlagern sollte. Hierin unterscheidet sich Kershaw von den ähnlich ansetzenden Interpretationen liberaler Wissenschaftler, denn der Volksgemeinschaftsgedanke war seiner Meinung nach nicht die Grundlage für die Veränderung der Sozialstruktur, sondern lediglich „Symbol eines veränderten Bewußtseins“[59], keineswegs verursacht durch eine revolutionäre Sozialpolitik, sondern durch eine manipulative Propaganda. Die auf eine Veränderung des Sozialen abzielenden Vorstellungen und Handlungen waren erstens negativer Art (Zerschlagung der Gewerkschaften), beschränkten sich zweitens auf langfristige, utopische Ziele und waren drittens auf eine „grundlegende Änderung der Einstellung“ aus.

Daher könne man nicht von einer „eigenständigen Sozialrevolution“[60] sprechen. Viel stärker waren hingegen die „Kontinuitätslinien in der Klassenstruktur des Dritten Reiches.“[61] So änderte sich an der Stellung der sozialen Eliten in Wirtschaft, Bürokratie und Wehrmacht wenig, auch der Bildungsbereich blieb personell weitgehend unverändert. Die Arbeiterklasse wurde hingegen der „gesellschaftspolitischen Verbesserungen“[62] aus der Zeit der Weimarer Republik beraubt und weiter brutal ausgebeutet. Die Steigerung der Reallöhne gegen Ende der dreißiger Jahre erklärt Kershaw mit dem „Rüstungsboom“, so dass er schließlich davon überzeugt ist, dass sich die bedeutendsten Veränderungen am Ende des Krieges ereigneten, nämlich im Zusammenhang mit Militärdienst, Zerstörung, Umsiedlung und Evakuierung. Die retrospektiv als soziale Revolution wahrgenommenen Veränderungen während des Nationalsozialismus waren also „eher ein Produkt des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus als ein Ergebnis [nationalsozialistischer] Politik.“[63]

Hinzu kommt, dass auch die Stellung der Frau sich nicht veränderte, sondern der nationalsozialistische Antifeminismus „den überkommenen Mustern des bürgerlichen Antifeminismus einer kapitalistischen Gesellschaft entsprach.“[64] Die Veränderung der Gesellschaftsstrukturen im Dritten Reich unterschieden sich demnach nicht von den „üblichen, keineswegs revolutionären, Umwälzungen einer fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaft.“[65] Ihre größte Wirkung konnte die nationalsozialistische Propaganda nach Meinung Kershaws dann auch bei jungen Deutschen entfalten. Hier konnten die lediglich propagierten Vorstellungen einer neuen, mobileren und auf Gleichheit beruhenden Welt nicht mit anderen, älteren Erfahrungen verglichen werden.

Die Absichten des NS-Regimes richteten sich also auf die Veränderung von „Werte- und Glaubenssystemen“[66], waren daher eher „psychologischer“ statt „inhaltlich-substantieller“ Natur.

Der Gedanke, die „deutsche Gesellschaft sei im Dritten Reich in revolutionärer Weise verändert worden“, sei eine „irreführende Vorstellung“.[67] Kershaw vertritt vielmehr die These, der „Nationalsozialismus habe während der Zeit seiner Herrschaft die bestehende Gesellschaftsordnung mit ihrer Klassenstruktur in erheblichem Maße gestützt.“[68] Das NS-Regime half, die bis heutzutage schrecklichste Form der industriellen Klassengesellschaft zu etablieren. Der Nationalsozialismus stellte insofern etwas neues dar, als dass er die „sozialdarwinistische Aufforderung zur reinen ‚Leistungsgesellschaft’“[69] gab – diese Entwicklungen waren aber nicht genuin deutscher Natur, sondern vollzogen sich auch in Ländern mit ähnlich entwickelter kapitalistischer Wirtschaft.

Unverkennbar blieben die alten sozioökonomischen Strukturen erhalten, „der Nationalsozialismus war eine parasitäre Wucherung auf der alten Gesellschaftsordnung“[70], er sei nicht fähig gewesen dauerhafte Strukturen zu entwickeln und riss erst in einer durch ihn verursachten destruktiven Dynamik „die Pfeiler der alten Gesellschaftsordnung“ ein. Das Fazit Kershaws fällt dann auch bestechend pointiert aus: das Ende der „alten Heeresleitung“ als auch „der deutschen Aristokratie“, der „endlose Flüchtlingsstrom aus dem Osten“, die Teilung Deutschlands, die sozialen Anforderungen des Wiederaufbaus, die „Umerziehungspolitik der Alliierten“ während und nach der totalen Niederlage 1945 bedeuteten nach der Lesart Kershaws eine so große Zäsur, dass die sozialen Veränderungen aus der Zeit des Dritten Reichs dagegen „zur Belanglosigkeit verblassen.“[71]

Auf die zwischen diesem und dem vorhergehenden Kapitel deutlich gewordenen Widersprüche werden wir zurückkommen, zunächst sollen noch kurz andere Interpretationen skizziert werden.

5. Andere, verschiedene Ansätze vereinende Theorien

An dieser Stelle sollen nun noch einige weitere Überlegungen zu Wort kommen, die sich nicht eindeutig einer der beiden oben aufgeführten Unterscheidungen zuordnen lassen. Der Tenor bei diesen Betrachtungen der sozialen Veränderungen im Dritten Reich scheint aber zu sein, dass man zwar nicht von einer „sozialen Revolution“ sprechen könne und daher auch der Begriff der Modernisierung ungeeignet erscheine[72], es aber dennoch eine Reihe widersprüchlicher sozialer Auswirkungen gegeben habe, welche teils modernisierend, teils reaktionär gewesen sind. Vor allem aber wird die Bedeutung des totalen Zusammenbruchs des Dritten Reiches für die Nachkriegsentwicklung herausgestellt, durch den ein Neuanfang überhaupt erst möglich wurde.

So argumentierten beispielsweise Horst Matzerath und Heinrich Volkmann gegen die Vorstellung einer „sozialen Revolution“, da das dafür angestrengte Modernisierungsmodell vor allem im Bereich der Politik versage. Antiparlamentarische, antiemanzipatorische oder antipartizipartorische Maßnahmen ließen sich nur schwer darin einordnen. Vielmehr haben sich aggressive traditionelle Reaktionen auf die Moderne, verursacht durch den „beschleunigten Wandel des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systems“[73], als gesellschaftliche Ängste und Ressentiments in der nationalsozialistischen Ideologie niedergeschlagen. Dies führte dann auch zu ihrer großen Akzeptanz, insbesondere bei „von Modernisierungsproblemen betroffenen Bevölkerungsschichten.“

Aufgrund der Unfähigkeit des NS-Regimes, ein tragfähiges und inhaltliches gesellschaftspolitisches Konzept zu entwickeln, hat sich die dennoch erforderliche Identifikation und Integration in der Ablehnung und Konzentration auf innere und äußere Gegner ergeben. Die so gewonnenen destruktiven Ziele konnten nur durch einen totalitären Herrschaftsapparat und einen von diesem vorbereiteten Eroberungskrieg erreicht werden. Diese Entwicklungen trugen zur Zerstörung oder zumindest Verzerrung traditioneller Werte bei. Der Nationalsozialismus stelle somit einen „Versuch eines Sonderweges aus den Problemen der Modernisierung“[74] dar – abseits der konfliktreichen parlamentarischen Demokratie mit ihrer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und „jenseits des Angst und Aggression auslösenden Konzeptes einer kommunistischen Totalveränderung“[75] – jedoch unter Beibehaltung der kapitalistischen und industriewirtschaftlichen Grundlagen. Damit war der Nationalsozialismus kein Umweg der Modernisierung, sondern ein Ausdruck ihres Scheiterns.

Heinrich August Winkler vertritt in seiner These die Auffassung, dass „die größte soziale Zäsur, die der Nationalsozialismus gesetzt hat, [...] sein Zusammenbruch“[76] gewesen sei. Keine der Veränderungen während der Zeit der Diktatur ließen sich mit denen der letzten Kriegsphase und der totalen Niederlage vergleichen.

Und Jeremy Noakes wird von Kershaw mit einer Passage zitiert, welche eine ähnliche Sichtweise auf das Problem offenbart, denn nach seiner Meinung sei „die nationalsozialistische Revolution [...] der Krieg gewesen“, nicht nur, weil der Krieg ohnehin ein Ausnahmezustand darstelle, in dem soziale Srukturen verändert werden, sondern auch, „weil der Nationalsozialismus im Krieg in seinem Element war.“[77] In diesem Sinne war er tatsächlich eine Revolution, aber eben in erster Linie eine „Revolution der Zerstörung“.[78]

5. Fazit

Betrachten wir zunächst noch einmal die wichtigsten Einwände gegen die These einer durch den Nationalsozialismus verursachten sozialen Revolution. Zum einen werfen Kritiker einer solchen Position, wie Ian Kershaw, Hans Mommsen oder Heinrich August Winkler, Historikern wie David Schoenbaum oder dem Soziologen Ralf Dahrendorf vor, sie würden übersehen, dass die Ideologie des Nationalsozialismus nur aus negativen Elementen bestand, sich also vor allem dadurch auszeichnete, gegen etwas zu sein und daher auch keine eigenständige sozialpolitische Konzeption hervorbringen konnte. Dazu passt auch, dass es tatsächlich schwer ist, klare Elemente einer nationalsozialistischen Gesellschaftskonzeption zu benennen und die Parteitheoretiker der NSDAP, wie Walther Darré oder Alfred Rosenberg, in der Ausarbeitung einer konsistenten nationalsozialistischen Gesellschaftstheorie nicht über Fragmente hinauskamen.

Die Idee der Volksgemeinschaft wurde während der Zeit des Nationalsozialismus schnell zur bloßen Propagandaphrase, auf die wiederum die Vertreter der Modernisierungstheorie zu unkritisch, vorschnell und ungeprüft eingingen. Kershaw versucht anhand der einzelnen, sowohl von Dahrendorf als auch von Schoenbaum angeführten Kernpunkten der These durchgreifender sozialer Veränderungen (den regionalen, religiösen, traditionellen und korporativen Bindungen) nachzuweisen, dass sich die soziale Struktur während des Nationalsozialismus keineswegs so nachhaltig änderte, als dass man von einer „sozialen Revolution“ sprechen könne. Nach Kershaws Auffassung blieb die Position der Arbeiterschaft im wesentlichen unverändert[79], rekrutierten sich die Eliten in Wirtschaft, Bürokratie, Militär und Bildung aus denselben gesellschaftlichen Schichten[80], veränderte sich die Bauernschaft und der Mittelstand nur marginal[81] und auch in der Stellung der Frauen kann keine grundsätzliche Veränderung gesehen werden.[82]

Aufgrund der „unsystematischen Angriffe der Nazis“ konnten die christlichen Kirchen ihren Einfluss behalten, wofür auch die wiederaufgelebte Religiosität nach Kriegsende ein deutliches Indiz sei.[83] Ähnliches gelte für regionale Bindungen und für Familienstrukturen, die Kershaw durch nationalsozialistische Jugendorganisationen nicht aufgelöst, sondern allenfalls überlagert sieht[84] ; genauso wie er generell die Auffassung vertritt, die Propaganda und der Wandel habe sich nur im psychologischen Bereich, also vor allem im Bewusstsein der Menschen vollzogen.

Diese Zugeständnisse macht freilich auch Schoenbaum, wenn er schreibt, dass sich während des Nationalsozialismus in erster Linie die „gedeutete soziale Wirklichkeit“ veränderte. An diesem Punkt kritisiert Kershaw ganz grundsätzlich methodisch, dass „Behauptungen in diesem Bereich [...] höchst spekulativ und impressionistisch“ seien.[85] Dies mag ein prinzipiell berechtigter Vorwurf sein, doch erscheint es angesichts der breiten Unterstützung, der sich das NS-Regime in großen Teilen der deutschen Bevölkerung erfreute, recht plausibel, dieser Interpretation Schoenbaums zu folgen und auf die Vernachlässigung der manipulativ äußerst wirksamen Propaganda des Nationalsozialismus in Kershaws Argumentation hinzuweisen.

Generelle Kritik muss aus der Sicht Kershaws auch am weitgehend undifferenzierten Gebrauch von modernisierungstheoretischen Erklärungsmustern geübt werden. Hier sind verschiedene Punkte zu unterscheiden. Zum einen weist Kershaw auf die verhältnismäßig kurze Dauer des Nationalsozialismus hin[86], zum anderen kritisiert er das Bestreben, mit Entwicklungen, die nach der NS-Zeit stattfanden, Ereignisse während der NS-Zeit erklären zu wollen. Hier würde nach Meinung Kershaws vorschnell eine falsche Kausalität angenommen, könne man doch die erfolgreiche Entwicklung von Liberalität und Demokratie auch mit der totalen Niederlage des Dritten Reiches 1945 und den vorgegebenen Entwicklungslinien der Alliierten erklären und müsse die Ursachen dieser Entwicklung nicht fälschlicherweise in die Zeit des Nationalsozialismus zurückprojizieren.[87]

Hans Mommsen macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass im Nationalsozialismus gerade jene Elemente der gesellschaftlichen Partizipation und der Demokratie unterentwickelt waren, die maßgeblich für den Begriff der Modernisierung seien.[88] Matzerath und Volkmann argumentieren, wie oben gesehen, aus denselben Gründen gegen den modernisierungstheoretischen Ansatz. Außerdem verweist Mommsen darauf, das die Veränderung in der sozialen Struktur der Armee, der Einsatz der Frauen in der Kriegswirtschaft und die damit verbundene, erste zaghafte Anerkennung einer gleichwertigen sozialen Stellung im wesentlichen mit den unmittelbaren Kriegsfolgen zusammenhingen und daher nicht als Wirkungen einer „sozialen Revolution“ instrumentalisiert werden sollten.[89]

Darüber hinaus bezweifelt Mommsen die These, dass es dem Nationalsozialismus wirklich gelang ein „neues soziales Bewußtsein“ zu entwickeln und die Klassengegensätze und Interessenkonflikte im Mythos der nationalen „Volksgemeinschaft“ einzuschmelzen.[90]

Gleichwohl hält es aber auch Mommsen für gerechtfertigt, der Meinung Schoenbaums zu folgen, der betonte, dass es den Nationalsozialisten erfolgreich gelang, den Eindruck einer offenen Gesellschaft zu erwecken, indem eine durchaus entbehrliche Vielzahl von Rangstufen innerhalb der NS-Organisationen geschaffen wurde, um so zumindest die Illusion unbegrenzter Möglichkeiten vorzutäuschen.[91]

Scharfe Kritik übt Mommsen jedoch an der Neigung, „Hitler eine bewußt gesellschafts-verändernde Zielsetzung zuzusprechen.“[92] Und überhaupt bringt Mommsen das Hauptanliegen vieler Kritiker der Sozialrevolutionstheorie in der folgenden Passage auf den Punkt, scheint es ihnen doch in erster Linie darum zu gehen, vor einem inflationären oder unsensiblen Umgang mit dem Terminus Revolution zu warnen: „Das Dilemma dieser und gleichartiger Interpretationen, die den Revolutionsbegriff nahezu inhaltsleer als Formel benutzen, um das Ausmaß des Wandels zu bezeichnen, liegt darin, dass Hitler und die NSDAP, indem ihnen die aktive Durchsetzung der angeblichen Modernisierungsrevolution zugeschrieben wird, zu Trägern eines Prozesses stilisiert werden, dessen einfache Nutznießer sie waren.“[93] Dahinter steckt die Auffassung, dass sich eine Revolution durch ein aktives, programmatisch ausgearbeitetes und demzufolge zielgerichtetes Handeln auszeichne, (ganz abgesehen von Entwicklungen hin zu mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Solidarität) und nicht sich nicht nur in Destruktion erschöpfe. Und selbstverständlich kann auch eine Unterlassungshandlung aus einer solchen Perspektive nicht als bewusst vollzogene, revolutionäre Veränderung begriffen werden.

Darüber hinaus ist weiter oben schon auf die schwer nachvollziehbare Kausalität zwischen der späteren Entwicklung der BRD und der sozialen Revolution im Dritten Reich aufmerksam gemacht worden, nach der erstere in dieser Form erst durch die grundlegenden Veränderungen der letzteren möglich wurde. Werden doch bei einer solchen Perspektive die völlig anderen Rahmenbedingungen für die Entwicklung der BRD, wie etwa die Abwesenheit des Konfliktes mit großagrarischen Interessen, das rasche wirtschaftliche Wachstum, sowie die Durchsetzung des parlamentarisch-demokratischen Systems durch die Alliierten, nahezu vollständig ausgeblendet. Darüber hinaus – und das scheint mir somit eines der wichtigsten Argumente zu sein – wird auch die Bedeutung der totalen Niederlage im Mai 1945 vernachlässigt. Die vollkommen andere Entwicklung bedarf eben nicht „des Hinweises auf eine angebliche nationalsozialistische Revolution, welcher die bloß destruktive Wirkung der NS-Herrschaft mit dem Epitheton des Revolutionären unzulässig aufwertet.“[94] Denn damit verbunden ist die Befürchtung, dass die verbrecherischen und unfassbaren Resultate des Dritten Reiches mittels sozialwissenschaftlicher Erklärungsmodelle relativiert oder gar retrospektiv gerechtfertigt würden.

Nur am Rande muss dann in diesem Zusammenhang auch Kritik an der eigenwilligen Dahrendorf'schen Interpretation des deutschen Widerstandes geübt werden, blendet er doch zum einen den kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstand völlig, den bürgerlichen und intellektuellen Widerstand weitgehend aus, auf die seine Lesart des Widerstandes als konservatives Auflehnen gegen die Moderne eben nicht zutreffen.

Auch bei Klaus Fritzsche findet sich eine solchermaßen argumentierende Kritik, wenngleich er Gefahr läuft, in allzu polemischer Art und Weise den Rahmen wissenschaftlicher Analyse zu sprengen. Denn Fritzsche wirft den Vertretern eines Modernisierungsansatzes „Mystifikation und Schein-Objektivierung“ vor und gipfelt in Bezug auf die Sichtweise liberaler Wissenschaftler auf das Problem der Einordnung des Nationalsozialismus in der nur vermeintlich ironischen Metapher, man könne den Eindruck gewinnen, der Nationalsozialismus sei im „Goethe’schen Sinn“ jene Kraft, die „stets das Böse will und stets das Gute schafft.“[95]

Fritzsche argumentiert weiter, dass das vornehmliche Interesse der Modernisierungs-Versionen darin bestehe, „den Faschismus möglichst weit von den Aktivitäten des Großkapitals wegzurücken und den Kapitalismus zu einem subjekt- und interesselosen, quasi naturgeschichtlichen Selbstläufer zu erheben“[96] und das NS-Regime somit als „Zwangsläufigkeit industriegesellschaftlicher Modernisierung“ zu begreifen, sobald bestimmte Umstände „kapitalistischer Entwicklungsdynamik“[97] missachtet würden.

Wie verteidigen nun die Vertreter der Modernisierungstheorie ihren Ansatz? Dahrendorf beispielsweise begründet seine Vorgehensweise mit dem Eindruck, dass die Weimarer Republik fälschlicherweise für „moderner und entwickelter“ gehalten wird, „als sie tatsächlich war“[98] und damit die tatsächlich noch bestehende Bindungskraft alter Traditionen und Autoritäten unzureichend berücksichtigt werden. Er verweist weiter auf den Umstand, dass die Interessen des „Großkapitals“ (nach Meinung Dahrendorfs ein an sich schon „nicht ganz zufälliger“ allgemeiner Begriff[99] ) keineswegs so homogen waren, wie in marxistisch orientierten Theorien behauptet wird und bescheinigt der Theorie, welche unterstellt, die NSDAP sei von eben jenem Großkapital missbraucht worden, den Charakter einer „Verschwörungstheorie“.[100] Die „Stimmengewinne der Nationalsozialisten“ und deren „Rückhalt in mittelständischen Kreisen“ könnten so gar nicht oder nur „mit mühsamen Hilfskonstruktionen“ erklärt werden.[101] Den antisozialistischen Charakter der Massenbewegung im Dritten Reich kann eine derart argumentierende Theorie nach Meinung Dahrendorfs kaum erklären. Und insgesamt sei sie nur Ausdruck für ein „naives Bedürfnis“, eine „möglichst konkrete Erklärung sonst unverständlicher Phänomene“[102] zu versuchen.

Aber auch der unterstellte Charakter des Bündnisses zwischen Kapital und Partei müsse untersucht werden, denn außer „einer Verschwörung zum gemeinsamen Nutzen“, könne man auch argumentieren, dass sich die „Industriellen“ vor allem „rückzuversichern suchten.“[103] Demnach unterstützen sie erst spät und mit mäßigen Mitteln eine Partei, von der anzunehmen sein musste, dass sie bald Regierungspartei sei und vor der man seine eigene Position und den Status quo wahren wollte. Zwar konzediert Dahrendorf, dass es einige Unternehmer gab, die diesen Erklärungsrahmen sprengen würden, „aber im ganzen erweckt das vielzitierte Bündnis von Großindustrie und Nationalsozialismus eher den Anschein eines vorsorglich-ängstlichen Werbens um Wohlwollen bei den antizipierten Herren der Zukunft.“[104]

Insofern ist auch Dahrendorf das Verdienst nicht abzusprechen, mit seiner Theorie zur stärkeren Berücksichtigung der alten, immer noch bestehenden gesellschaftlichen und persönlichen Bindungen beizutragen.

Gleiches gilt für Schoenbaums These der antagonistischen Zwecke und Mittel, welche ebenfalls zum besseren Verständnis der widersprüchlichen Spannungen innerhalb des Dritten Reiches beiträgt. Auch seine wichtige Unterscheidung zwischen objektiver und nur gedeuteter sozialer Wirklichkeit erscheint höchst plausibel.

Dennoch bleiben die grundsätzlichen Einwände Kershaws bestehen, der fragt, ob all dies für eine Bewertung des Nationalsozialismus als Träger einer „sozialen Revolution“ ausreichend sei und ob Hitler und der NSDAP auf diese Art und Weise eine Wirkmächtigkeit zugeschrieben werden sollte, die sich wohl eher auf dem Gebiet der Propaganda und der Massenmanipulation nachvollziehen lasse als auf dem Gebiet sozialer Verhältnisse. Die Sorge um eine unfreiwillige und gedankenlose begriffliche Aufwertung des Nationalsozialismus bleibt damit bestehen.[105]

Letztendlich erscheint es auch mir einleuchtender, die Argumente für die Entwicklung der BRD (die ja – im Rahmen und mit den Maßstäben des kapitalistischen Wirtschaftssystems betrachtet – unbestritten positiv verlief) in der Zerstörung der alten Bindungen in den letzten Kriegsjahren und in der totalen Niederlage, sowie in den determinierenden Rahmenbedingungen des beginnenden Kalten Krieges, deutscher Teilung und alliierter Besatzungspolitik zu suchen.

Allerdings soll dem interessierten Betrachter die Entscheidung selbst überlassen bleiben.[106] Die vorliegende Arbeit hat versucht, die wichtigsten Argumentationslinien prägnant und griffig herauszuarbeiten, kann und will aber nicht im geringsten den Anspruch verbindlicher historischer Deutung unternehmen. Auch stellt die grundlegende Uneinigkeit über das soziale Wesen des Nationalsozialismus meiner Meinung nach kein Mangel historischer Wissenschaft dar, sondern lädt erfreulicherweise zu anhaltender und verantwortungsvoller Beschäftigung mit dieser bedenkenswerten Frage bei.

Literaturverzeichnis

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Winkler, Heinrich August: Vom Mythos der Volksgemeinschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte 17 (1977), S. 484-490.

[...]


[1] Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Hamburg 1994.

[2] Ebenda, S. 262.

[3] Ebenda, S.247.

[4] Kershaw, Ian: Hitlers Macht. Das Profil der NS-Herrschaft, München 2000, S. 239.

[5] Ebenda, S. 246.

[6] Rauschning, Hermann: Die Revolution des Nihilismus, in: Nolte, Ernst (Hg.): Theorien über den Faschismus, Königstein/Ts. 1984, S. 344.

[7] Mommsen, Hans: Nachwort, in: Schoenbaum, David: Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches, Köln 1999, S. 320.

[8] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 248.

[9] So zitiert in: Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 248.

[10] Rauschning, Herrmann, a.a.O., S.343.

[11] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S.249.

[12] Mommsen, Hans, a.a.O., S.327.

[13] Schäfer, Gert: Franz Neumanns Behemoth und die heutige Faschismusdiskussion, in: Neumann, Franz Leopold: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, Frankfurt am Main 1998, S. 671.

[14] Turner, Henry Ashby jr.: Faschismus und Kapitalismus in Deutschland, Göttingen 1972, S. 7.

[15] Wehler, Hans-Ulrich: Modernisierungstheorie und Geschichte, in: ders.: Die Gegenwart als Geschichte. München 1995, S. 20.

[16] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 250.

[17] Dahrendorf, Ralf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965, S. 15.

[18] Ebenda, S. 418.

[19] Ebenda, S. 419.

[20] Ebenda.

[21] Ebenda, S. 424.

[22] Ebenda, S. 433.

[23] Ebenda, S. 438.

[24] Ebenda, S. 440.

[25] Ebenda, S. 441.

[26] Ebenda, S. 448.

[27] Ebenda, S. 442.

[28] Ebenda.

[29] Schoenbaum, David: Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte der Dritten Reiches, Köln 1999, S. 22.

[30] Ebenda, S. 303.

[31] Ebenda.

[32] Ebenda, S. 306.

[33] Ebenda, S. 309.

[34] Ebenda, S. 311.

[35] Ebenda, S. 313.

[36] Ebenda, S. 311.

[37] Ebenda, S. 316.

[38] Ebenda.

[39] Ebenda, siehe auch Fußnote/Zitat 25 in Kapitel 9 bei Schoenbaum.

[40] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 257.

[41] Ebenda.

[42] Ebenda, S. 257.

[43] Ebenda, S. 258, siehe auch Anmerkungen 26 und 27 in Kapitel 7.

[44] Fritzsche, Klaus: Faschismustheorie: Konzeptionen, Kontroversen und Perspektiven, in: Neumann, Franz (Hg.): Handbuch Politische Theorien und Ideologien. Band 1, Opladen 1998, S. 349.

[45] Ebenda, S. 350.

[46] Ebenda, S. 351.

[47] Neumann, Franz Leopold: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, Frankfurt am Main 1998, S. 272. Bereits 1944 legte Neumann angesichts der rasanten Entwicklung der nationalsozialistischen Herrschaft während des Krieges eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage vor, die auch die Grundlage der in dieser Arbeit genutzten Ausgabe von 1998 darstellt.

[48] Ebenda, S. 313.

[49] Ebenda, S. 313.

[50] Ebenda.

[51] Ebenda, S. 427.

[52] Ebenda, S. 661.

[53] Fritzsche, Klaus: a.a.O., S. 361.

[54] Ebenda, S. 362.

[55] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 263.

[56] Ebenda.

[57] Ebenda, S. 265.

[58] Ebenda.

[59] Ebenda, S. 266.

[60] Ebenda.

[61] Ebenda, S. 267.

[62] Ebenda, S. 268.

[63] Ebenda, S. 269.

[64] Ebenda.

[65] Ebenda, S. 270.

[66] Ebenda, S. 274.

[67] Ebenda.

[68] Ebenda.

[69] Ebenda, S. 276.

[70] Ebenda, S. 278.

[71] Ebenda.

[72] Mommsen, Hans: a.a.O, S. 319.

[73] Matzerath, Horst/ Volkmann, Heinrich: Modernisierungstheorie und Nationalsozialismus, in: Kocka, Jürgen (Hg.): Theorien in der Praxis des Historikers, Göttingen 1977, S. 95-97.

[74] Ebenda, S. 99.

[75] Ebenda.

[76] Winkler, Heinrich August: Vom Mythos der Volksgemeinschaft, in: Archiv für Sozialgeschichte 17 (1977), S. 490.

[77] So zitiert bei Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 261.

[78] Ebenda.

[79] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, S. 268.

[80] Ebenda, S. 267.

[81] Ebenda, S. 269.

[82] Ebenda.

[83] Ebenda, S. 271.

[84] Ebenda, S. 273.

[85] Ebenda, S. 270.

[86] Ebenda, S. 276.

[87] Ebenda, S. 278.

[88] Mommsen, Hans: a.a.O., S. 319.

[89] Ebenda, S. 321.

[90] Ebenda, S. 323.

[91] Ebenda.

[92] Ebenda.

[93] Ebenda, S. 326.

[94] Ebenda.

[95] Fritzsche, Klaus: a.a.O., S. 328.

[96] Ebenda.

[97] Ebenda.

[98] Dahrendorf, Ralf: a.a.O., S. 423.

[99] Ebenda, S. 426.

[100] Ebenda.

[101] Ebenda.

[102] Ebenda.

[103] Ebenda, S. 427.

[104] Ebenda.

[105] Vgl. auch die ähnliche Einschätzung Hans Mommsens, a.a.O., S. 328: „Es ist [...] absurd, den faschistischen Gewaltregimen nachträglich den Anschein einer Rechtfertigung zu liefern, indem man die ihnen inhärente Tendenz zum ‚monströsen social engineering’ (Henry Feingold) mit dem Glorienschein relativen Fortschritts versieht.“

[106] Als abschliessende Anregung kann an dieser Stelle allenfalls an das folgende Resümee Hans Mommsens, a.a.O., S. 327 erinnert werden: „Die verwirrende Semantik des Revolutionsbegriffs legt es [...] nahe, auf ihn bei der Beschreibung des NS-Systems eher zu verzichten.“

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (Buch)
9783656695967
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108528
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Nationalsozialismus Soziale Revolution Reaktion Moderne Diktaturen

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Titel: Der Nationalsozialismus. Soziale Revolution oder Reaktion?