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Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung: Bedingungen - Diskurse - Befunde

Seminararbeit 2003 31 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

THESENBLATT

1 EINLEITUNG

2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG
2.1 Geschlechterforschung der Frühmoderne
2.2 1st Wave
2.3 2nd Wave
2.4 3rd Wave

3 DIE THEORETISCHEN KONZEPTE
3.1 Exkurs Geschlechteridentifikation, Geschlechtsstereotyp, Geschlechterrolle
Geschlechteridentifikation
Geschlechtsstereotyp
Geschlechterrolle
3.2 Frauenforschung
3.3 Geschlechterforschung
3.4 Die Dekonstruktion von Geschlecht

4 LITERATURVERZEICHNIS

THESENBLATT

2 Historische Entwicklung

2.1 Geschlechterforschung der Frühmoderne

Nach der Französischen Revolution 1789 Entwicklung der Geschlechtscharaktere

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Adam Smith: 1756 „Theorie of Moral Sentiments“

1776 „Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“

Ein Kompendium der ökonomischen Gedanken des 18. Jahrhunderts. Leitet die moderne Ökonomie ein. Teilung des Oikos in Marktwirtschaft und Hauswirtschaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lorenz von Stein: 1886 „Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie“ Beide Geschlechter bilden den Sozialkörper. Der Mann formt das Äußere, die Frau das

Innere. Der Mann ist für Produktion, die Frau für Konsumtion und beide für die Reproduktion

zuständig. Wenn die Frau arbeitet wird sie zu einer weiblichen Form des Mannes. Frauenarbeit basiert auf Liebe: Dh. das Haus ist eine Sphäre des Genusses; Dh. Frauenar- beit bleibt ohne Lohn.

2.2 1 st Wave

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Elisabeth Cady Staton: 1848 „Decleration of Sentiments“

Beinhaltet 16 Punkte zur spezifischen Unterdrückung der Frau betreffend Ehe, Kindererzie- hung, Politik, Arbeit, Lohn, Bildung und Religion.

Zentrale Forderung der Suffragettenbewegung ist das Frauenwahlrecht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

John Stuart Mill, Harriet Taylor Mill, Helen Taylor: 1869 „Die Hörigkeit der Frau“

Der Unterschied der Geschlechter ist konstruiert. Die Frau kann nur indirekt Macht ausüben. Die Ehe ist eine Konstruktion, die das Geschlechterverhältnis institutionalisiert. Die Frau ist die Favoritin des Mannes.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Simone de Beauvoir: 1949 „Das andere Geschlecht“

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

Als Begründerin des feministischen Existentialismus transformiert sie die männlich orien- tierte philosophische Position zu einem In-der-Welt-Sein der Frau. Analyse der Diskurse, die der Frau die Rolle des minderwertigen, schwachen, anderen Geschlechts zuweisen.

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2.3 2 nd Wave

Blickverschiebung von Frauenunterdrückung zu weiblicher Produktivität. Trennung zwischen Sex und Gender. Die Differenz zwischen Frauen und Männern soll positiv umgewertet werden.

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2.4 3 rd Wave

Ausdifferenzierung von sex und gender. Entdeckung der Geschichtlichkeit sexueller Identität. Perspektivenwechsel von der Ereignis- und Politikgeschichte zur Mentaltäts, Alltags- und Kulturgeschichte. Die Differenzen zwischen den einzelnen Akteurinnen und Akteuren werden wahrgenommen.

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3 Die theoretischen Konzepte

3.1 Exkurs Geschlechteridentifikation, Geschlechtsstereotyp, Geschlechterrolle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Frauenforschung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3 Geschlechterforschung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.4 Die Dekonstruktion von Geschlecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literatur

Alfermann, Dorothea: Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten. Stuttgart, Berlin, Köln 1996; Axeli Knapp, Gudrun; Wetterer Angelika: Achsen der Differenz: Gesellschaftstheorie und feminis- tische Kritik II. Forum Frauenforschung Bd. 16. Münster 2003; Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek 1968; Becker-Schmidt, Regina; Knapp, Gudrun-Axeli: Feministische Theorien zur Einführung. 2. Auflage. Hamburg 2001; Benhabib, Seyla; Butler, Judith; Cornell, Drucilla; Fracer , Nancy (Hrsg.): Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1993; Birbaumer, Nils; Schmidt, Robert: Biologische Psychologie. Berlin, Heidelberg 1999; Bublitz, Hannelore: Judith Butler zur Einführung. Hamburg 2002; Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main 1991; Cordes, Mechthild: Die ungelöste Frauenfrage. Frankfurt am Main 1995; Derrida, Jaques: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt am Main 1977; Eibl- Eibesfeld, Irenäus: Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. 4. Auflage. München, Zürich 1997; Faulstich-Wieland, Hannelore: Geschlecht und Erziehung. Darmstadt 1995; Hausen, Karin: Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere – Eine Spiegelung der Dissozialisation von Erwerbs- und Familienleben. In: Conze, Werner (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgart 1976; Jahoda, Marie: Freud and the Dilemmas of Psychology. London 1977; Klinger, Cornelia: E ine Fallstudie zum Thema postmoderne Philosophie der Weiblichkeit: Jaques Derrida, Sporen: Die Stile Nietzsches. In: Amstutz, Nathalie; Kuoni, Martina (Hrsg.): Theorie, Geschlecht, Fiktion. Frankfurt am Main 1994; Mill, John Stuart;Taylor Mill, Harriet; Taylor, Hellen (1869) : Die Hörigkeit der Frau. Frank- furt am Main, 1991; Mühlen Sachs, Gitta: Geschlecht bewusst gemacht. Körpersprachliche Inszenie- rungen. Ein Bilder und Arbeitsbuch. München 1998; Schwarzer, Alice: Ein Turm für Frauen allein. In: Schwarzer, Alice (Hrsg.): Turm der Frauen. Der Kölner Bayenturm. Vom alten Wehrturm zum FrauenMedia- Turm. Köln 1994; Smith, Adam (1776) : Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. München 1990; Stein, Lorenz von: Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie. In: Ute Gerhard: Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahr- hundert. Dokument Nr. 11. 6. Auflage. Stuttgart 1978; Ursula Beer: Objektivität und Parteilichkeit – ein Widerspruch in feministischer Forschung? Zur Erkenntnisproblematik von Gesellschaftsstruktur. In: Ursula Beer (Hrsg.).: Klasse Geschlecht, Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik. Bielfeld 1987;

Wickler, Wolfgang; Seibt, Ute: Männlich Weiblich. München 1983; Women's Rights Convention: Decla- ration of Sentiments. Women's Rights Convention in the United States, held in Seneca Falls, New York, the nineteenth and twentieth of July, 1848. 24/03/1998, http://www.rochester.edu/SBA/declare.html

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

Die historischen Grundbedingungen des so genannten 1st Wave, 2nd Wave und 3rd Wave sollen nachfolgend bearbeitet werden. Bemerkenswert in der nun seit 155 Jahren dauernden historischen Entwicklung ist das immer wieder kehrende Verschütten von Erkenntnissen. Alice Schwarzer fasst diesen Umstand folgend zusammen:

„Jahrhundertelang wurde [...] Männergeschichte gemacht, konnten Männer auf dem aufbauen, was andere Männer vor ihnen gedacht, gesagt und getan haben. Männer stehen auf den Schultern von Riesen. Frauen fangen immer wieder von vorne an. Sie sind geschichtslos.“1

Diese Erkenntnis ist natürlich nicht ach so neu. 1895 forderte Maria Lischnewska in der Zeitschrift Die Frauenbewegung bereits ein Archiv der Frauengeschichte, welches sogar zustande kam. Die Nazizeit haben freilich nur wenige Bestände über- lebt.

Folglich wähnten sich die Frauenbewegten den 1970er Jahre an der Stunde Null. Bekannt waren eventuell vereinzelte Vorkämpferinnen. Doch weit gefehlt, zu allen Zeiten gab es Frauen, die aus ihren Kemenaten ausbrachen:

„Da waren die Denkerinnen der Antike, einem Sokrates oder Platon durchaus ebenbürtig; da waren die religiösen Frauenbewegungen oder Beginen, die in Weisheit und Tüchtigkeit der männlichen Geistlichkeit in nicht nachstanden, da waren die Vordenkerinnen der Renaissance, denen sogar die Männer lauschten; da waren die Handwerkerinnen, Geschäftsfrauen oder Kriegerinnen, sie selbständig ihren Mann standen; da waren Pionierinnen wie Christine de Pisan (1365-1429), Mary Wollstonecraft (1759-1797) oder Olympe de Gouges (1748-1793).“2

Die historische Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung möchte ich mit der Frühmoderne starten und an hand zweier Begründer der heute modernen Ökonomie ihr Forschungsansätze nachzeichnen. Denn nicht zu letzt prägen Begriffe, die Adam Smith und Lorenz von Stein erstmals verwendeten das heutige Verständnis von Geschlechtlichkeit, wie auch die von ihnen vorgeschlagenen Entwürfe zu Männlichkeit und Weiblichkeit.

Historisch prominente Figuren der ersten Frauenbewegung sind nicht zuletzt Elisa- beth Cady Staton und John Stuart Mill, Harriet Taylor Mill und Helen Taylor. Beson- ders Elisabeth Cady Staton als Gründerin der Suffragettenbewegung nimmt hier am aktionistischen Feld eine bedeutende Rolle ein. Mill, Taylor Mill und Taylor legten hingen auf theoretischer Ebene die ersten Konzepte zum Gleichheitsdiskurs bei, der von Simone de Beauvoir schließlich ausdifferenziert wurde.

Anschließend folgt die historische Betrachtung der 2. und aktuellen 3. Welle der Frauen- und Geschlechterforschung inklusive ihren aktionistischen Elementen.

Da die Frauen- und Geschlechterforschung ein höchst amöbes und heterogenes Feld bildet, habe ich mich zu eine Reduktion entschlossen und nur drei der meist diskutiertesten Diskurse und ihre AutorInnen näher zu behandeln. Bevor jedoch Frauenforschung, Geschlechterforschung der dekonstruktivistische Feminismus zueinander in Relation gestellt werden, erschien es mir sinnvoll, zuvor die Erkennt- nisse aus Psychologie und Soziologie vorzuschieben, um so Grundlagen der heutigen Auseinandersetzung offen zu legen.

2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG

2.1 GESCHLECHTERFORSCHUNG DER FRÜHMODERNE

Mit der französischen Revolution 1789 bildete sich die Idee der Geschlechtscharak- tere heraus und wurde im 19. Jahrhundert allgemein dazu verwandt, die mit den physiologischen korrespondierend gedachten psychologischen Geschlechtsmerk- male zu bezeichnen. Ihrem Anspruch nach sollten Aussagen über die Geschlechts- charaktere die Natur bzw. das Wesen von Frau und Mann erfassen. Es handelt sich hier um ein Gemisch aus Biologie, Bestimmung und Wesen und zielt darauf ab, die "naturgegebenen" Gattungsmerkmale der Geschlechter, die durch Erziehung und Bildung vervollkommnet werden sollen, festzulegen. Frau und Mann sind in diesem Kontrastprogramm als entgegengesetzt gedacht und wie Lorenz von Stein3 betonte nicht unabhängig von einander ausgeglichen lebensfähig.

Das weibliche Stereotyp wird als prinzipiell anders vom Mann gedacht. Von Natur her ist so der Mann für das öffentliche, die Frau für das häusliche Leben prädesti- niert. Bestimmung, wie zugleich Fähigkeit des Mannes verweist auf gesellschaftliche Produktion, die Frau auf private Reproduktion. Als immer wieder kehrendes soziales Merkmal wird beim Mann die Aktivität und Rationalität betont. Bei der Frau wird Emotionalität und Passivität hervorgehoben. Das Begriffspaar aktiv-passiv leitet sich nach Karin Hausen vom Geschlechtsakt, Rationalität und Emotionalität vom sozialen Tätigkeitsfeld her. Unterkategorien dieser Hauptmerkmale sind ein Kompendium aus traditionellen, modernen, physiologischen, psychologischen und sozialen Eigenschaften des menschlichen Wesens, die auf Frauen und Männern aufgeteilt wurden.4

Derart gelebte gesellschaftliche Realitäten, die mehr einer Lebensphilosophie, wie den Religionen gleichen, als diskutierbare Lebensverhältnisannahmen, bleiben natürlich nicht ohne Auswirkung auf wissenschaftliche Arbeiten, selbst wenn es ein offiziell neutrales Feld wie die Ökonomie betrifft. Bereits Marx erkannte diese Komponente der Wissenschaft:

"Allein auch wenn ich wissenschaftlich etc. tätig bin, eine Tätigkeit, die ich selber in unmittelbarer Gemeinschaft mit anderen ausführen kann, so bin ich gesellschaftlich, weil als Mensch tätig. Nicht nur das Material meiner Tätigkeit ist mir – wie selbst die Sprache, in der der Denker tätig ist – als gesellschaftliches Produkt gegeben, mein eigenes Denken ist gesellschaftliche Tätigkeit."5

Marx legt hier auf eindrucksvolle Weise dar, dass keine Tätigkeit völlig unparteiisch erfolgen kann. Als gesellschaftliches Wesen ist jede Person im Rahmen des eigenen Umfelds tätig. Geschlechtsstereotype werden demnach ständig und immer produziert, selbst in einer wissenschaftlichen Disziplin, wie der Ökonomie.

Adam Smith veröffentliche 1756 seine Theorie of Moral Sentiments. In ihr behan- delt er die Natur des Menschen und fragt nach deren Tugendvorstellungen. In seinem folgenden 1776 veröffentlichten Werk Der Wohlstand der Nationen. Eine

Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen 6 folgt er diesen Gedanken nur noch bedingt und stützt sich viel mehr auf die Idee eines Geschlechtscharakters. Begriffe wie aktiv und passiv, ökonomisch und emotional werden den Geschlech- tern bipolar zugeschrieben. Dem Mensch (Mann) ist jede Empathie aberkannt. Und so ist es in der smithschen Ökonomieauffassung auch nur der Mann, der sich aktiv und ökonomisch denkend der Welt zuwenden kann. Die Frau hingegen reduziert er auf das lokale Umfeld des Hauses. Mit diesem Werk wird die moderne Ökonomie eingeleitet und bildet ein Kompendium der ökonomischen Gedanken des 18. Jahr- hunderts. Begriffe die Smith hier mit Bedeutungen versah, werden heute noch analog verwendet. Ein Beispiel hierfür ist die smithsche Trennung von Marktwirt- schaft und Hauswirtschaft. Das seit Jahren geltende Drängen vieler Frauen auf Anerkennung der Hausarbeit, der Wunsch nach Anrechnung der Familienarbeit für den Pensionsbezug, all dies wurde erst schwerfälliges Thema und Problem durch die Trennung des Oikos in zwei Teile.

Ein weiterer noch heute viel zitierter Ökonomie des 19. Jahrhunderts war Lorenz von Stein. In seinem Werk Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie 7 aus dem Jahr 1886 ist auch Stein der Idee der Geschlechtscharaktere zugetan. Hier wird die Frau als grundsätzlich different vom Mann gedacht. So sind ihr die häusli- chen, zivilen, passiven Eigenschaften zugeschrieben, dem Mann die öffentlichen, kriegerischen/wirtschaftlichen und aktiven.

Das Ideal leitet sich aus dem Geschlechtscharakter der Frau und deren Nicht-Arbeit ab, ihre Tätigkeit ist vielmehr Ausdruck ihrer Liebe zum Mann. Beide Geschlechter können am besten im Gemeinsamen existieren und fügen sich in der Partnerschaft zum Sozialkörper zusammen. Der Sozialkörper wird vom Mann bestimmt (das Äußere), die Frau löst sich in diesem auf (das Innere). Die Frau veredelt mit ihrer Empfindsamkeit den Sozialkörper, sie ist jedoch auf keinem Fall aktiv.

Stein gesteht ein, dass die Frau prinzipiell alles kann, was der Mann kann. Zur Arbeit muss sie entweder durch äußerliche Gegebenheiten bzw. durch ihre Individualität gezwungen werden, denn jene ist für die Frau nicht natürlich. Bei Arbeit denkt Stein an außerhäusliche Tätigkeiten; Haus-, Reproduktions- und Sozialarbeit werden nicht als Arbeit gewertet. Wenn sich die Frau der außerhäuslichen Arbeit widmet verliert sie nach Lorenz von Stein ihren Idealstatus als Frau und wird so zu einer weiblichen

Form eines Mannes. Weiter wird die Frau durch Arbeit zu einer Nebenbuhlerin und Konkurrentin des Mannes. Idealerweise ist sie jedoch seine Gemahlin und Genossin. Die Männer sind für die Produktion zuständig. Die Frauen für die Konsumtion und gemeinsam betreiben sie die Reproduktion.

Stein zieht die Grenze zwischen Frauen- und Männerwelt an der Türschwelle. Dadurch dass die Frauen in den Bereich der Konsumtion, sprich die Frau als reine Verbraucherin, die selbst nichts schafft, gedacht wird, gilt das Haus als weiblich konodierter Ort, als Sphäre des Genusses. Demnach kann Arbeit im Haus auch nicht als wirkliche Arbeit angesehen werden, da sie nicht mit den Mühen und der Plackerei der Männerarbeit verbunden ist. Frauentätigkeit ist Arbeit, die aus Liebe gemacht wird und kann dementsprechend natürlich auch nie bezahlt werden. Der Mann der aktiv in der außerhäuslichen Welt arbeitet, produziert in erster Linie für den Markt und nicht wie die Frau direkt für die Familie. Für die Produktion des Mannes gibt es als Gegenleistung den Lohn, der durch die Umwandlung der Frau in Produkte bzw. Leistungen erst wieder Eingang in das Haus findet.

2.1 1 ST WAVE

Gegenstimmen zu diesem Bild von Frau und Mann mehrten sich schließlich gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Suffragettenbewegung startete im Nordosten der USA und war eng mit der Friedens-, Anti-Sklaverei und Anti-Alkohol- Bewegung verquickt. Viele Frauen, darunter Sarah und Angelika Glimke, Abby Kelly, Lucretia Mott und Lucy Stone, begannen von ihren Rechten zu sprechen, als sie innerhalb der sozialen Bewegungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts merkten, dass den Frauen zum Teil weniger Rechte als männlichen Sklaven zustanden. Dies erschüt- terte viele, da sie sich aufgrund der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1786 als freie Bürgerinnen in einem freien Land begriffen hatten. Diese ersten Frau- enrechtlerinnen wollten weiterreichende Veränderungen auf sozialen, moralischen, bildungspolitischen, ökonomischen Ebenen. Das Recht auf politische Partizipation war jedoch nur eines von vielen Forderungen.

1840 begleitete Elizabeth Cady Stanton ihren Ehemann Henry zur World's Anti- Slavery Convention in London. Als die Briten die weiblichen US-Delegierten ausschlossen, unter ihnen Stanton und Lucretia Mott, beschlossen diese zurück in den USA eine Frauenrechtskonferenz abzuhalten.

Elizabeth Cady Stanton wurde 1815 geboren und hatte das Glück nicht nur in jungen Jahren Altgriechisch zu lernen, sondern sich auch im Anwaltsbüro des Vaters mit Juristerei zu beschäftigen. Als am 19. und 20. Juli 1848 die Konferenz in Seneca

Falls tagte, verlas Stanton die von ihr und anderen verfasste Decleration of Senti- ments, deren Form und Wortwahl der Unabhängigkeitserklärung nachempfunden war:

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich; dass alle Männer und Frauen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass unter diesen das Recht auf Leben, Freiheit und der Glaube an Glück sind; dass Regierungen eingerichtet wurden, um diese Rechte zu schützen, welche ihre Macht vom Einverständnis der Regierten ableiten. “8

Weiter im Text stellen die Unterzeichnenden fest:

„Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von wiederholtem Unrecht und Unterdrückung von Männern gegenüber Frauen, die zum direkten Ziel eine Institution der absoluten Tyrannei über sie hat.“9

Anschließend werden 16 Punkte angeführt, welche die spezifische Unterdrückung der Frau betreffend Ehe, Kindererziehung, Politik, Arbeit, Lohn, Bildung und Reli- gion aufzählen. Die Decleration of Sentiments endet mit der klaren Forderung nach einem Wahlrecht der Frauen, welches ihnen wie alle Rechte und Privilegien als Bürgerinnen der Vereinigten Staaten zustünden. Unterzeichnet wurde die Declera- tion of Sentiments von 68 Frauen und 32 Männern und wurde für die Frauenbewe- gung des zwanzigsten Jahrhunderts richtungsweisend.

Wegweisend für die Frauen- und Geschlechterforschung des 20. Jahrhunderts sollte ebenfalls das Werk Die Hörigkeit der Frau 10 von John Stuart Mill, Harriet Taylor Mill und Hellen Taylor im Jahr 1869 sein. Mill, Taylor Mill und Taylor gehen von der

Annahme aus, dass es zwischen Frauen und Männern keinen angeboren Unter- schied in ihrer Arbeitsleistung gibt. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern sei gesellschaftlich konstruiert. Eine korrekte Überprüfung des Unterschiedes der Geschlechter kann nur erfolgen, wenn Kulturen miteinander verglichen werden würden, die a) nur aus Frauen, b) unter der Führung von Frauen, oder c) in Egalität bestünden. Da dies jedoch nicht möglich sei, wird von der Gleichwertigkeit von Frauen und Männern ausgegangen.

Die gesellschaftliche Ungleichwertigkeit von Frauen und Männern wird nach Mill, Taylor Mill und Taylor durch verschiedene Erziehung, verschiedene Traditionen, ökonomische Differenz, Ungleichheit der Chancen, einseitige politische Vertretung, mangelnde Artikulationsmöglichkeiten der Frauen und die historische Tradition erreicht. Diese Faktoren wirken auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen zusammen.

Frauen können nur bedingt und indirekt Macht ausüben. Als Mittel zählen Mill, Taylor Mill und Taylor hierzu die weiblichen Reize, Sex, das gemeinschaftliche Interesse an den Kindern und das Bereiten des männlichen Behagens und dessen Annehm- lichkeiten im Haus. Durch diese Mittel erlangt die Frau zuweilen Einfluss auf den Mann und kann sich so bestimmend auf sein Verhalten einwirken. Durch diese Form der Machtausübung erlangt sie jedoch nicht ihre Selbstbestimmtheit, ihre eigenen Rechte werden dadurch nicht gesichert.

Die allgemeinen Bedingungen der Gesellschaft schreiben sich nach Mill, Taylor Mill und Taylor besonders in den Ehekontrakt von Mann und Frau ein. Dem Mann obliegt bereits durch sein höheres Alter eine mächtigere Position in der Ehe, des weiteren beschafft er die Existenzmittel, was die Frau in völlige Abhängigkeit von ihm verweist, durch die höhere Bildung gelangt er in vielen Überlegungen zu allei- nigen Entscheidungen. Die Frau kann für den Mann so nur eine Favoritin sein, denn das persönliche Verhältnis ist eines von Machtloser und Mächtigem. Da dieses Verhältnis durch die Tradition aufrechterhalten wird, erscheint es als natürlich. Die Frau wird von früher Jugend an so erzogen, dass sie glaubt, ihr Charakter müsse geradewegs das Gegenteil des Mannes sein. Die Frau ist die freiwillige Sklavin des Mannes, der von ihr nicht nur Gehorsam, sondern auch Zuneigung erwartet.

Der Wunsch nach Gleichheit von Männern und Frauen war starker Motor der Frau- enbewegung. Dass Frauenwahlrecht – formal in den meisten Staaten der USA und Europas in den 1910ern und 20ern erreicht – war der erste wesentliche Schritt und fand in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nach den Weltkriegen wieder vermehrt Einzug. Die Idee einer aufgehobenen Geschlechterdifferenz ist so in Arbeiten von Klara Zetkin bis Simone de Beauvoir, Sulamith Firestone oder Alice

Schwarzer auffindbar. Die Idee einer Differenz der Geschlechter kann im s.g. Gleichheitsdiskurs allerdings nur als hierarchische Differenz gelesen werden. Hannelore Faulstich-Wieland analysierte 1995 rückblickend:

„Weil Verschiedenheit von Mann und Frau nur in Form von Über- und Unterordnung gedacht wird, wird die Emanzipation der Frau in dieser Denkweise mit der Aufhebung der Geschlechterdifferenz gleichgesetzt. Da, wo die Geschlechterdifferenz noch nicht aufgehoben ist, erscheint ihre Aufhebung unmittelbar möglich, sie werde lediglich behindert von anachronischen Rudimenten aus historisch überholten Epochen oder ökonomischen Macht- und Profitinteressen. [...] Die Frage nach einer Möglichkeit der Verschiedenheit von Mann und Frau, die weder hierarchisch noch biologisch determiniert ist, sondern sich gesellschaftlich historisch entwickelt als Beziehung zwischen gleichberechtigten Verschiedenen wird nicht gestellt.“11

Zentraler Aspekt in der theoretischen Auseinandersetzung war die prinzipielle Gleichheit von Frauen und Männern. Dieser Diskurs, der heute als Gleiheitsansatz in der Frauen- und Geschlechterforschung gehandelt wird, war bis in die 1960er domi- nierend.

Simone de Beauvoir prägte in ihrem 1949 erschienenen Werk Das andere Geschlecht als Erklärung für die Unterschiede zwischen Frau und Mann die Formel:

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“12 Gemäß diesem Leitsatz gehen die Gleichheitstheorien von zwei Stufen der geschlechtsspezifischen Sozialisation aus. A) Die typischen weiblichen und männlichen Eigenarten werden in der frühen Kindheit anerzogen. B) Im Laufe des Lebens verfestigen sich diese Geschlechts- stereotype als Reaktion auf konkrete Lebenserfahrungen.13 Ziel des Gleichheitan- satzes ist eine Patriachalkritik auf theoretischer Ebene und ein praktisch-politischer Kampf um die angemessene Teilhabe von Frauen an der Macht. Hauptkritik am Gleichheitsansatz ist, dass Frauen als Mängelwesen gesehen werden, die sich dem männlichen Massstab anzugleichen haben.

[...]


1 Schwarzer, Alice: Ein Turm für Frauen allein. In: Schwarzer, Alice (Hrsg.): Turm der Frauen. Der Kölner Bayenturm. Vom alten Wehrturm zum FrauenMediaTurm. Köln 1994. S. 55

2 Schwarzer, Alice: Ein Turm für Frauen allein. In: Schwarzer, Alice (Hrsg.): Turm der Frauen. Der Kölner Bayenturm. Vom alten Wehrturm zum FrauenMediaTurm. Köln 1994. S. 57

3 Nach: Stein, Lorenz von: Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie. In: Ute Gerhard: Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert. Dokument Nr. 11. 6. Auflage. Stuttgart 1978, S. 311-324

4 Nach: Hausen, Karin: Die Polarisierung der "Geschlechtscharaktere" – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Conze, Werner (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas: neue Folgen. o.A. 1976, S. 363-393

5 Marx, Karl (1944): Die Frühschriften. Stuttgart, 1971. Aus: Ursula Beer: Objektivität und Parteilichkeit – ein Widerspruch in feministischer Forschung? Zur Erkenntnisproblematik von Gesellschaftsstruktur, in: Ursula Beer, Hrsg.: Klasse Geschlecht, Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik. Bielfeld 1987, S. 142

6 Nach: Smith, Adam (1776): Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. München 1990

7 Nach: Stein, Lorenz von: Die Frau auf dem Gebiete der Nationalökonomie. In: Ute Gerhard: Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert. Dokument Nr. 11. 6. Auflage. Stuttgart 1978, S. 311-324

8 Women's Rights Convention: Declaration of Sentiments. Women's Rights Convention in the United States, held in Seneca Falls, New York, the nineteenth and twentieth of July, 1848. 24/03/1998, http://www.rochester.edu/SBA/declare.html „We hold these truths to be self evident; that all men and women are created equal; that they are endowed by their creator with certain inalienable rights; that among these are life, liberty, and the pursuit of happiness; that to secure these rights governments are instituted, deriving their just powers from the consent of the governed.“

9 Women's Rights Convention: Declaration of Sentiments. Women's Rights Convention in the United States, held in Seneca Falls, New York, the nineteenth and twentieth of July, 1848. 24/03/1998, http://www.rochester.edu/SBA/declare.html „The history of mankind is a history of repeated injuries and usurpations on the part of man toward woman, having in direct object the establishment of an absolute tyranny over her.“

10 Nach: Mill, John Stuart;Taylor Mill, Harriet; Taylor, Hellen (1869): Die Hörigkeit der Frau. Frankfurt am Main 1991, S. 5-81, 130-166

11 Faulstich-Wieland, Hannelore: Geschlecht und Erziehung. Darmstadt 1995, S. 71

12 Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek 1968, S. 265

13 Nach: Cordes, Mechthild: Die ungelöste Frauenfrage. Frankfurt 1995, S. 34-37

Details

Seiten
31
Jahr
2003
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108498
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
1
Schlagworte
Entwicklung Frauen- Geschlechterforschung Bedingungen Diskurse Befunde Identität Differenz Theorien Gegenwart

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