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Heym, Georg "Ophelia" - Eine Analyse

Das Motiv "Ophelia"/Gedichtvergleich Heym-Rimbaud

Seminararbeit 2004 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Traum und Wirklichkeit

2. Leben Georg Heyms

3. Das Motiv„Ophelia“
3.1 Die Ophelia Shakespeares
3.2 Ophelia: Aussagekraft im Laufe der Zeiten
3.3 Arthur Rimbaud: Ophélie

4. Georg Heym: Ophelia
4.1 Äußere Form: Aufbau, Metrum, Reimschema
4.2 Gliederung des Gedichts
4.2.1 Teil I: Urwaldähnliche Natur
4.2.2 Strophen 5 und 6: Ländliche Gegend
4.2.3 Strophe 7 bis 10: Die Stadt
4.2.4 Strophen 11 und 12: Friedliche Abendstimmung, visionäres Ende

5. Vergleich: Rimbaud – Heym

6. Die entgöttlichte Welt

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Traum und Wirklichkeit

Am 16. Januar 1912 brechen zwei junge Männer beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ein. Eine Leiche wird vier Tage später gefunden. Sie war wohl auf dem Grund des Flusses zwischen Wasserpflanzen gelegen, weit unter der Eisplatte, die den Strom bedeckt. Deshalb ist der tote Körper auch nicht vereist, sondern sieht aus, „als ob er noch lebte“. Die Suche nach der zweiten Leiche geht bis zum 6. Februar weiter.

„Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, Schlingpflanzenreiches Wasser.“

Es ist erstaunlich, wie visionär dieser Traum Georg Heyms angesichts seines oben beschriebenen Todes erscheint. Wasser ist oft genug das bestimmende Element in seiner Dichtung - und am Ende auch in seinem Leben.

„Vom Wasser haben wir’s gelernt.

Vom Wasser.—

(...) Heym liebte das Leben. (...) Mit großer Alb-Angst zitterte er vor dem Aufhören. Aber er beneidete gleichwohl diejenigen, die aufgehört hatten.“

Gerade dieser Charakterzug prägte Heyms Werk, das oft auf einem Grat zwischen Leben und Tod balanciert. Die Toten scheinen dem Dichter sehr am Herzen zu liegen, er betrachtet sie gleichsam mit einem Hauch von Sehnsucht. Eine dieser „beneidenswerten“ Figuren ist Ophelia.

2. Leben Georg Heyms

Georg Heym, der am 30. November 1887 in Posen (Schlesien) geboren wurde, gilt als einer der bedeutendsten expressionistischen Dichter. Obwohl oder gerade weil er selbst dem protestantischen Großbürgertum entstammte, begann er schon früh, ein Leben als ‘Rebell’ zu führen, lehnte sich gegen seiner Meinung nach verbohrte Lehrkräfte auf und eckte so immer wieder in seinem ‘gutbürgerlichen’ Umfeld an. Heym fühlte sich stets unverstanden, vor allem in seinem Familienkreis, und fand für diesen Umstand auch schonungslose Worte:

Ich wäre einer der größten Dichter geworden, wenn ich nicht einen solchen schweinernen Vater gehabt hätte. In einer Zeit, wo mir verständige Pflege nötig war, mußte ich alle Kraft aufwenden, um diesen Schuft von mir fern zu halten. (Tagebucheintrag aus dem November 1911)

Auf Unverständnis stieß der junge Mann, der seiner Zeit wohl weit voraus war, immer wieder. Seine wenig freudevolle Schulzeit war gezeichnet von Heyms anhaltendem Widerstand gegen die Büchergelehrsamkeit. Bereits früh begann er, Gedichte zu verfassen, und legte sie auch schließlich seinem Schuldirektor vor, der diese jedoch mit den Worten „Sie haben ja sehr viel Phantasie, aber Sie sind noch sehr unklar. Außerdem sind viele Ortographische und rhythmische Fehler darin, darum lassen Sie es lieber.“ abkanzelte.

Nach einem nicht gerade ruhmvollen Schulabschluss nahm Georg Heym das Jurastudium auf, jedoch ohne rechte Überzeugung, wohl eher als eine Art Notlösung aus seiner Ratlosigkeit . Ein weiterer Grund dürfte Heyms Vater gewesen sein, selbst ein (eher konservativer) Beamter, der sich für seinen Sohn einen „anständigen“ Beruf wünschte. Mit allerhand Tricks gelang es Letzterem, wider allen Erwartens das Studium abzuschließen; zu diesem Zeitpunkt spielte jedoch bereits Heyms Dichtung mit einsetzendem Erfolg die zentrale Rolle in seinem Leben. Durch Zufall war er an die Berliner

Dichtervereinigung „Neuer Club“ geraten und erhielt dort erstmals die Möglichkeit, seine Werke öffentlich zu lesen. Über dieses Ereignis war der junge Dichter derart beglückt, dass er gleich selbst im Voraus eine Rezension schrieb, in der er sich in den höchsten Tönen pries (und die deshalb nicht veröffentlicht wurde). Weitere öffentliche Lesungen im „Neopathetischen Cabaret“, das vom „Neuen Club“ veranstaltet wurde, folgten und damit verbunden auch erster Erfolg. Ein anderes Mitglied des „Neuen Clubs“, Heinrich Eduard Jacob, beschloss, Heym zu unterstützen und setzte sich für eine Gedichtveröffentlichung im Charlottenburger Wochenblättchen „Herold“ ein. Als diesem Wunsch schließlich nachgegeben wurde, stand der zunehmenden Bekanntheit Heyms nichts mehr im Weg. Ab November 1911 erschien in der ebenfalls wöchentlich herausgegebenen Zeitung „Der Demokrat“ so gut wie in jeder Ausgabe ein Gedicht Heyms. Dadurch wurde der Teilhaber des eben gegründeten Rowohlt-Verlags auf den Jungautor aufmerksam und legte dem Verleger Ernst Rowohlt nahe, sich um die Druckrechte Heyms zu bemühen. So erschien am 20. April 1911 der Gedichtband „Der ewige Tag“, dem auch das zu besprechende Gedicht „Ophelia“ entnommen ist.

3. Das Motiv „Ophelia“

3.1 Die Ophelia Shakespeares

Ihren Ursprung hat die Figur der Ophelia in Shakespeares „Hamlet“. Dort ist sie ein junges Mädchen, das unglücklich in den Prinzen verliebt ist und darüber hinaus zum Spielball der höfischen Verstrickungen wird. Nicht genug, dass Hamlet ihre Liebe zurückweist, er tötet auch noch Ophelias Vater, worauf sich deren Gemüt immer mehr verdunkelt und sie dem Wahnsinn preisgibt. Ihr trauriges Ende findet das Mädchen im Wasser - sie stürzt beim Blumenpflücken in einen Bach und ertrinkt. Während sie untergeht, singt sie Lieder, „Als ob sie nicht die eigne Not begriffe, / Wie ein Geschöpf, geboren und begabt / Für dieses Element“. Diese letzte Geste nimmt dem Tod einen Teil seines Schreckens, läßt ihn womöglich wie eine Erlösung erscheinen.

3.2 Ophelia: Aussagekraft im Laufe der Zeiten

Immer wieder griffen Autoren seit der Zeit Shakespeares das Motiv der Ophelia auf. In ihrer Aussage war diese Figur - nicht lebendig, doch auch nicht tot - immer wieder modern: sie spiegelte (und spiegelt) den Traum von einer ganz anderen Welt - der auf dem Wissen um das reale Wesen der Welt basiert -, die „Sehnsucht aller, (...) Traum eines menschenwürdigen Lebens“ . Vor allem in Zeiten, in denen die Veränderungen in der Welt sowie der Gesellschaft immer rasanter wurden und sogar den Menschen Schaden eintrugen, hatte Ophelia deshalb verständlicherweise Hochkonjunktur. Sie entsprach dem Wunsch, dem geschichtlichen Zwang zu entrinnen und der „Vorliebe für Bilder und Gestalten, die scheinbar von der als feindlich erfahrenen Umwelt nicht eingeholt werden können“ . Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen Ophelia und ihr ähnliche Figuren, einen Teil der Aufgabe zu übernehmen, der bisher der Muse der Dichtkunst zugeordnet worden war . „In ihnen setzte die Dichtung sich selbst gleichsam ein Denkmal, allegorisierte sie ihren Anspruch, wenn schon nicht Geschenk der Götter, so gleichwohl doch auch nicht ganz von dieser Welt zu sein“ . Die Figur der Ophelia kann jedoch auch andere Funktionen erfüllen, die sich im Laufe der Zeit verständlicherweise geändert haben. Sie kann zum Hoffnungsträger werden, durch den Prozess ihres Vergehens „zum Wunschbild einer Veränderung (...) werden, für die es im Leben kein Vorbild gibt“ . Was jedoch den meisten Ophelia-Figuren gemein ist, ist die Sehnsucht, die sie ausdrücken, der Wunsch, nach Hause zu kommen, der eigenen Entfremdung zu entrinnen.

3.3 Arthur Rimbaud: Ophélie

Es ist davon auszugehen, dass Heym seine Ophelia nicht direkt nach dem Shakespearschen Vorbild geschaffen hat, sondern vielmehr auf ein Werk Rimbauds zurückgreift. Dieser Dichter wurde von den Expressionisten im Allgemeinen, von Heym aber im Besonderen bewundert. Er entsprach dem von Nietzsche entworfenen Bild des „neuen Menschen“, dem Ideal einer tätigen Person, die das Leben im Elfenbeinturm der Kunst und des bürgerlichen Daseins zugunsten eines erlebnisintensiven Schaffens aufgibt.

Rimbauds symbolistisches Gedicht Ophelia zählt zu den bedeutendsten Werken dieses Themenkreises. 1870 entstanden, ist es Ausdruck des Lebensgefühls der Décadence, eines Überdrusses am Leben einer Gesellschaft, deren Mechanismen für den Einzelnen immer undurchschaubarer geworden waren, in der er sich folglich immer fremder und isolierter vorkommen musste. Ophelia verkörpert dieses Gefühl durch ihre Zwischenexistenz zwischen zwei Welten: dem Reich der Lebenden und dem der Toten. Somit ist Rimbauds Wasserleiche im Gegensatz zu Shakespeare zwar noch individuell, aber doch auch exemplarisch. Sie ist als Inbild der zerbrechlichen Menschheit zu verstehen. Ophelia wird aus dem Shakespearschen Kontext gelöst und ins Zeitlose gehoben, erfährt somit eine Art kosmischer Verklärung.

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Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640066261
ISBN (Buch)
9783640856718
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108429
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Schlagworte
Heym Georg Ophelia Shakespeare Rimbaud Motiv Wasserleiche Expressionismus

Autor

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