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Sprachprodukte und Sprachprozesse in der computervermittelten Kommunikation

Magisterarbeit 2000 131 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung
0.1 Danksagungen

1 Theorien und empirische Studien zur CMC
1.1 Konzeption und Medium sprachlicher Äußerungen (nach Koch & Oesterreicher 1994)
1.2 Theoretische Modelle zur CMC
1.2.1 Technikdeterministische Modelle
1.2.1.1 Kanalreduktion
1.2.1.2 Fehlen sozialer Hinweisreize
1.2.1.3 Social Information Processing Theory (nach Wal- ther 1992)
1.2.2 Kulturalistische Modelle zur CMC
1.2.2.1 Simulation und Imagination
1.2.2.2 Digitalisierung
1.2.2.3 Kulturraum
1.2.3 Integrative Modelle
1.2.3.1 Hyperpersonal CMC (nach Walther 1996)
1.2.3.2 Medienökologisches Rahmenmodell (nach Döring 1999)
1.2.4 Zusammenfassung der Theorien
1.3 Empirische Studien zur Sprache in der CMC
1.3.1 Asynchrone Kommunikation: Emails und Newsgroups
1.3.2 Synchrone Kommunikation: Chats und MUDs
1.3.2.1 Begrüßungs- und Verabschiedungssequenzen
1.3.2.2 Adressierung der Konversationspartner
1.3.2.3 Sprachliche Besonderheiten der Chat-Kommuni- kation
1.3.2.4 Konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit
in der Chat-Kommunikation
1.3.2.5 MUD-Kommunikation
1.3.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der Studien
1.4 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen
1.4.1 Weiterer Forschungsbedarf

2 Technische Komponenten der CMC
2.1 Ein- und Ausgabegeräte
2.1.1 Die Tastatur
2.1.2 Der Bildschirm
2.2 Computernetzwerke
2.2.1 Das Betriebssystem Unix
2.2.2 Client-Server-Architektur
2.2.3 Die Protokolle Telnet und TCP/IP
2.2.4 Die Entwicklung des Internet
2.3 Synchrone computervermittelte Kommunikation
2.3.1 Der Unix-Befehl talk
2.3.2 20 Jahre MUD-Entwicklung
2.3.3 Technische Aspekte in MUDs: Parallelen zu Unix
2.3.4 Client-Programme
2.3.5 Kommunikationsmöglichkeiten in MUDs
2.3.5.1 Bots
2.3.5.2 Skripte
2.3.6 Chats
2.4 Zusammenfassung

3 Skizze eines theoretischen, methodologischen und technologisch- en Rahmenkonzeptes zur Gewinnung empirischer Daten
3.1 Anwendungskontext: Warum ein MOO?
3.2 Mögliche Erkenntnisgewinne
3.2.1 Allgemeine und didaktisch-pädagogische Erkenntnis- möglichkeiten
3.2.2 Linguistische bzw. konversationsanalytische Erkenntnis- möglichkeiten
3.3 Technische Umsetzung
3.3.1 Die Grundarchitektur des Beispielszenarios: Aufbau eines MOOs mit vollautomatischer Datenerfassung
3.3.2 Erweiterungsmöglichkeiten der Grundarchitektur: Daten- verarbeitung und Visualisierung
3.4 Forderungen an ein interdisziplinäres Rahmenkonzept zur Integra- tion vielfältiger Anwendungs- und Nutzungskontexte der CMC . .

4 Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Die Bedeutung computervermittelter Kommunikation hat mit der steigenden Po- pularität des Internet sprunghaft zugenommen und spielt eine immer wichtigere Rolle in der alltäglichen Kommunikation. Das betrifft insbesondere die Kommu- nikation per Email. Andere Kommunikationsdienste im Internet, die zeitgleiche Kommunikation ermöglichen, werden dagegen noch nicht von einer breiten Mas- se in Anspruch genommen. Auch wenn sich diese Beschränkung in Bezug auf Chats durch die konsequente Verbreitung einfach zu bedienender Chat-Varianten aufzulösen scheint, sind die unter dem Namen Multi-Use r Dungeon (MUD) be- kannten textbasierten virtuellen Welten sicherlich noch eine versteckte Domäne, die nicht von einem Massenpublikum frequentiert wird. Die vorliegende Arbeit hat eine nähere linguistische Betrachtung der computervermittelten Kommuni- kation im Internet und im besonderen innerhalb der Dienste zum Ziel, die ei- ne zeitgleiche, schriftliche Kommunikation ermöglichen. Es soll versucht werden, computervermittelte Kommunikation von theoretischer, empirischer und techni- scher Seite aus zu analysieren. Dabei findet eine erste Annäherung an das Thema mittels folgender vier Ausgangsfragen statt:

- Wie läßt sich computervermittelte Kommunikation theoretisch beschrei- ben?
- Welche Auswirkungen hat computervermittelte Kommunikation auf die da- bei verwendete Sprache?
- Welche technischen Komponenten ermöglichen computervermittelte Kom- munikation und wie manifestiert sich ihr Einfluß auf die Kommunikation?
- Welche Möglichkeiten ergeben sich für weitere Studien zur computerver- mittelten Kommunikation unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus der Erörterung der vorangehenden Fragen?

Es soll in der vorliegenden Arbeit ein relativ “enges” Verständnis von com- putervermittelter Kommunikation nahegelegt werden, das sich auf menschliche Kommunikation beschränkt, die durch Computersysteme vermittelt wird.1 Com- putervermittelte Kommunikation oder CMC heißt somit jede zeitgleich (syn- chron) oder zeitversetzt (asynchron) stattfindende zwischenmenschliche Kom-

munikation, die durch das Medium Computer in schriftlicher Form wird.2

übertragen

Eine Sichtung der Modellvorstellungen zu computervermittelter Kommunika- tion — also der theoretischen ü berlegungen zur Funktionsweise und systemati- schen Erfassung der CMC in ihrer Vielfalt und ihren unterschiedlichen Formen — zeigt, daß gegenwärtig eine Reihe verschiedener, sich zum Teil ergänzender theo-

retischer Konzepte existieren. Kapitel 1 diskutiert diese Modelle, wobei geprüft werden soll, in welcher Weise sie ihren Gültigkeitsbereich definieren und ob sie über hinreichende empirische Grundlagen verfügen. Exemplarisch sollen deshalb im weiteren Verlauf des Kapitels ausgewählte empirische Studien zur Sprache in der CMC verglichen werden. Dabei soll insbesondere untersucht werden, wo sich die schriftlich medialisierte Kommunikation in einer gedachten Matrix von Mündlichkeit und Schriftlichkeit verorten läßt.

Kapitel 2 bietet einen ü berblick über die bei computervermittelter Kommu-

nikation relevante Technik. Es soll versucht werden, die medial bedingten spezi fi- schen Beschr ¨ ankungen und zus ¨ atzlichen Optionen auf einzelne technische Kom- ponenten zurückzuführen. Dabei werden grundlegende technische Sachverhalte von Computerperipherie (Tastatur und Bildschirm), Netzwerksystemen (Archi- tektur, Protokolle und Internet) und den gegenwärtig verwendeten synchronen

Diensten (MUDs und Chats) erläutert. Es soll in diesem Zusammenhang gezeigt werden, daß vor allen Dingen MUDs Benutzern eine Vielzahl an zusätzlichen kom- munikativen Optionen bereitstellen, deren Auswirkung auf die Kommunikation empirisch allerdings noch nicht untersucht wurde.

Vor dem Hintergrund der dargestellten technischen Zusammenhänge und den sich ergebenden Desideraten verweist Kapitel 3 auf Bedingungen, unter welchen quantitative empirische Untersuchungen durchgeführt werden können: In einem Beispielszenario soll die Bedeutung eines interdisziplinären theoretischen und technologischen Rahmens verdeutlicht werden, den bereits Meissner (1999) her- vorhob. Innerhalb des entworfenen Szenarios wird weiterhin ein methodischer und technischer Weg aufgezeigt, erstmals den Sprachproduktionsprozeß bei compu- tervermittelter Kommunikation konversationsanalytisch untersuchen zu können. Dieser Ansatz ist also nicht nur zur “Füllung” empirischer Lücken geeignet, son- dern kann zu einer Beschreibung computervermittelter Kommunikation mithil- fe der Kategorien Schriftlichkeit und Mündlichkeit unter Berücksichtigung der Schreibprozeßforschung und der mündlichen Sprachproduktionsforschung dien- lich sein. Somit beschränkt sich die vorliegende Arbeit nicht auf die Herausar- beitung eines empirischen Problems bei der Untersuchung der Sprache in der CMC, sondern sie skizziert einen Lösungsweg, mit dem diesem Problem begegnet werden kann.

Kapitel 4 faßt die Ergebnisse der Arbeit zusammen und diskutiert die allge- meine Bedeutung des umfassenden theoretischen methodischen und technologi- schen Rahmenkonzeptes für die theoretische Einordnung der CMC.

Begleitend liegt dieser Arbeit eine CD-ROM bei, die versucht, ein quantita- tives Problem der Arbeit zu lösen: Technische Sachverhalte können oft nur skiz- ziert werden; auf eine Einführung in die Bedienung von MUDs und Chats wird weitgehend verzichtet. Die CD soll folglich dazu dienen, Lesern durch Links auf weiterführende Literatur und beigefügte Anwendungen einen Einstieg in die Ma- terie zu erleichtern. Das rechtsstehende CD-Symbol verweist auf weiterführende

Informationen oder Beispiele auf der CD.3

0.1 Danksagungen

Ich danke Dr. habil. Ulrich Dausendschön-Gay und Dr. Ulrich Krafft für hilfrei- che Anmerkungen und die wissenschaftliche Betreuung bei der Erstellung dieser Arbeit.

Ich möchte mich bei Prof. Dr. Rüdiger Weingarten für die Bereitstellung zweier noch unveröffentlichter Artikel bedanken.

Für Anregungen und Kritik jeder Art möchte ich mich bei Ute Bauer, Harald Gorczytza, Michael Grote, Frank Meissner, Heidi Schmitt und Olaf Schneider bedanken.

Mein besonderer Dank gilt Daniel Storbeck für seine zahlreichen Inspirationen und Kritiken.

1 Theorien und empirische Studien zur CMC

Das folgende Kapitel thematisiert ausgewählte theoretische und empirische Un- tersuchungen zu computervermittelter Kommunikation. Dabei sollen unabhängig voneinander4 theoretische ü berlegungen zur CMC sowie quantitative Studien zur

Sprache in computervermittelten Kommunikationssituationen vorgestellt und dis- kutiert werden, wobei deutlich gemacht werden soll, daß eine allgemeingültige Beurteilung computervermittelter Kommunikation sowohl von theoretischer als auch von empirischer Seite mit Problemen verbunden ist.

Bei der Sichtung der Sekundärliteratur zeigt sich, daß es eine Reihe verschie- dener, sich zum Teil ergänzender Modelle zur CMC gibt, die versuchen, com- putervermittelte Kommunikation zu erklären und ihre Folgen für die Kommuni-

kation zu beschreiben. Dabei gehen ältere theoretische

ü berlegungen von einer

Einschränkung der kommunikativen Möglichkeiten der CMC aus. Neuere Mo- delle dagegen betonen die zusätzlichen Optionen, die sich durch die medialen Bedingungen ergeben, wobei die tatsächliche Anwendung solch kommunikativer Optionen — und somit die R elevanz für computervermittelte Kommunikation

— häufig nur durch Einzelbeispiele und Anekdoten gestützt ist. Es läßt sich des weiteren feststellen, daß viele Theorien dazu neigen, ihre durch punktuel- le Studien unter Laborbedingungen oder Beispiele gewonnenen Erkenntnisse zu verallgemeinern. Aussagen über computervermittelte Kommunikation können al- lerdings nicht mit Detailstudien oder Anekdoten begründet werden: Sie sollten auf fundierten empirischen Studien aufbauen, die möglichst viele Aspekte der CMC berücksichtigen. Dabei sind klares methodisches Vorgehen sowie eine Be-

schreibung des Gültigkeitsbereiches der Untersuchungen notwendig. Parallel zu den theoretischen ü berlegungen beschreibt eine Vielzahl von Publikationen die in der CMC auftretenden medial bedingten Besonderheiten (wie z.B. Emoticons5,

ASCII-Art6 und Akronyme7) und sozialpsychologischen Folgen für die Nutzer. Dabei werden Beispiele angeführt, die deutlich einigen frühen Modellvorstellun- gen zur computervermittelten Kommunikation widersprechen.

In der vorliegenden Arbeit sollen insbesondere quantitative Analysen berück- sichtigt werden, da sie eine statistische Einordnung exemplarischer Funde von Besonderheiten der CMC erlauben. Sie ermöglichen somit eine Verortung von

Pauschalaussagen

über angeblich “typische” computervermittelte Kommunika-

tionsformen. Qualitative Studien sollen keine Berücksichtigung finden, zumal spe- zifische Besonderheiten der CMC bereits intensiv untersucht wurden. Es bietet sich folglich an, systematische quantitative Studien heranzuziehen und kritisch zu

diskutieren, um verallgemeinernde Aussagen

über CMC begründen zu können.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird es nicht möglich sein, CMC in ihrer Gesamtheit zu diskutieren. Es soll daher ein bedeutender Teilbereich, die Spra- che in der computervermittelten Kommunikationssituation, nähere Betrachtung finden. Diese Auswahl bietet sich aus folgendem Grund an: Computervermittelte Kommunikation ist stets schriftlich medialisiert. Eine oberflächliche Betrachtung zeitgleich stattfindender CMC legt allerdings nahe, daß dort Kommunikation mündlichen Charakters stattfindet. Daraus resultiert wiederum die linguistisch interessante Frage, wie computervermittelte Kommunikation zwischen den Po- len Mündlichkeit und Schriftlichkeit einzuordnen ist. Bei einem Versuch, diese Frage näher zu erörtern, ergibt sich auch die Möglichkeit, computervermittel-

te Kommunikation unter dem Gesichtspunkt des Spr achpr o duktionspr ozesses zu untersuchen.8

Bevor auf die Theorien (Kapitel 1.2) und Studien (Kapitel 1.3) zur CMC eingegangen wird, werden folglich zunächst einige ü berlegungen zur Abgrenzung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit referiert werden (Kapitel 1.1). Die Ergeb- nisse dieses Kapitels sollen schließlich im Abschnitt 1.4 diskutiert werden.

1.1 Konzeption und Medium sprachlicher (nach Koch & Oesterreicher 1994)

Äußerungen

Computervermittelte Kommunikation ist an das Medium Schrift9 gebunden, und auch spontane sprachliche Beiträge können in ihr nur schriftlich erstellt werden. Daher bietet sich eine Unterscheidung zwischen spontanen schriftlichen Beiträgen an, die in der Face-to-face-Situation mündlich formuliert würden, und nicht spon- tan geschriebenen Texten.

Koch & Oesterreicher (1994) betrachten Sprache von ihrer M e dialit ¨ at und Konzeption her: medial schriftlich bedeutet eine graphische, medial m ¨ un d lich eine phonische Realisierung sprachlicher Äußerungen. Konzeption dagegen beschreibt

keine dichotome Einteilung, sondern ein Kontinuum, welches von mündlicher Konzeption über verschiedene Mischformen zur schriftlichen Konzeption reicht.10 Beispiele für konzeptionelle M ¨ un d lichkeit wären ein familiäres Gespräch oder ein

privater Brief. Gesetzestexte oder wissenschaftliche Vorträge sind dagegen im Re- gelfall konzeptionell schriftlich. Auch wenn das Medium keinen direkten Einfluß

auf die textuelle Konzeption hat, stellen die Autoren fest, “daß einerseits zwi- schen dem phonischen Medium und konzeptionell mündlichen Äußerungsformen, andererseits zwischen dem graphischen Medium und konzeptionell schriftlichen Äußerungsformen eine ausgeprägte Affinität besteht.”11 (Koch & Oesterreicher 1994: 587) Bezugnehmend auf Lyons weisen Koch & Oesterreicher (1994) auf

die grundsätzliche Möglichkeit hin, “daß Sprache die Eigenschaft hat, nicht an ein Medium gebunden zu sein” (Lyons 1992: 19), was eine ü bertragbarkeit von Sprache in andere Medien bedeutet. So wird die rein mediale ü bertragung vom phonischen ins graphische Medium als Verschriftung, der konzeptionelle Transfer

dagegen als V erschriftlichung bezeichnet (Koch & Oesterreicher 1994: 587). Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die in diesem Abschnitt dargestellte Terminolo- gie übernommen.

Jegliche sprachliche Äußerung in der CMC ist medial schriftlich. Auch kon-

zeptionell mündliche Äußerungen müssen medial schriftlich kodiert werden, d.h. im Sinne von Koch & Oesterreicher (1994) verschriftet werden. Diese mediale ü bertragung birgt aber Probleme in sich, da die Ausdrucksmöglichkeiten der beiden Medien nicht kongruent sind. Um möglichst viel Bedeutung ins schriftli- che Medium zu “retten”, haben Benutzer der CMC Kommunikationsstrategien

und -formen entwickelt, von denen einige im Verlauf dieses Kapitels vorgestellt werden sollen.

1.2 Theoretische Modelle zur CMC

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit mehreren theoretischen Modellen zur computervermittelten Kommunikation. Die verschiedenen Theorien haben unter- schiedliche Ansätze und gehen von unterschiedlichen Voraussetzungen aus: Einige Modelle betrachten die CMC innerhalb der jeweiligen medialen Umgebung, an- dere beginnen bereits bei der Medienwahl. Auf eine Diskussion der Theorien zur

Medienwahl soll weitgehend verzichtet werden12, da Fragen der Medienwahl — also ob und unter welchen Voraussetzungen CMC überhaupt benutzt wird — mit Hilfe des in Kapitel 3 dargestellten Beispielszenarios zur Gewinnung empirischer Daten nicht untersucht werden können.13 Es soll vor allem gezeigt werden, daß eine Reihe theoretischer Konzepte Phänomene der computervermittelten Kom- munikation mit oftmals zu dürftigen Belegen zu erklären versuchen.

Zunächst sollen in historischer Reihenfolge die Modelle vorgestellt werden, die einen Vergleich zwischen computervermittelter Kommunikation und Face-to- face-Kommunikation anstreben. Dazu gehören Kanalreduktion (Kapitel 1.2.1.1), F ehlen sozialer Hinweisreize (Kapitel 1.2.1.2) und So cial Information Processing

(Kapitel 1.2.1.3). Nach diesen eher an medialen und technischen Komponenten ausgerichteten Theorien sollen neuere kulturalistische (vgl. Döring 1999: 241) Mo- delle folgen, die weniger vom Medium als vielmehr vom Nutzer der CMC aus- gehen: Simulation und Imagination (Kapitel 1.2.2.1), Digitalisierung (Kapitel 1.2.2.2) und Kulturr aum (Kapitel 1.2.2.3). Die Gliederung folgt in weiten Teilen

einer Klassifizierung nach Döring (1999: 209ff.). Am Schluß dieses Abschnitts ste- hen theoretische ü berlegungen, die versuchen, technikdeterministische und kul- turalistische Modelle zu vereinen und die deswegen in der vorliegenden Arbeit

als integrative Modelle bezeichnet werden. Dazu gehören Hy p erpersonal CMC

(Kapitel 1.2.3.1) und das medien ¨ okologische Rahmenmodell (Kapitel 1.2.3.2).

1.2.1 Technikdeterministische Modelle

1.2.1.1 Kanalreduktion

Die frühe CMC-Forschung der 80er Jahre ging von der Face-to-face-Kommuni- kation14 “als Optimum menschlicher Kommunikation” (Rieken 1998: 67) aus. Computervermittelte Kommunikation verfüge nur über einen Kommunikations- kanal (die ü bermittlung schriftlicher Texte) und sei deswegen als defizitär zu be- zeichnen. Bedingt durch die Kanalr eduktion und die Tatsache, daß CMC auch

mit den räumlichen (es kann

über Distanz kommuniziert werden) und zeitli-

chen (es kann asynchron kommuniziert werden) Grundeigenschaften der Face- to-face-Kommunikation bricht, wurde computervermittelte Kommunikation als unpersönlich und aufgabenorientiert bezeichnet (vgl. Walther 1992: 52ff.). Aber auch Laborstudien (vgl. Rice 1984) konnten zeigen, “dass die [computervermittel- te] Kommunikation tatsächlich sachlicher und aufgabenbezogener — also weniger emotional — abläuft als in der Face-to-face-Situation” (Döring 1999: 211). Dem widersprechen allerdings zahlreiche Untersuchungen jüngeren Datums: Menschen

kooperieren erfolgreich im Internet, Freundschaften entstehen, sogar Belege für romantische Beziehungen sind vorhanden (vgl. z.B. Döring (2000), Reid (1991), Turkle (1998)).

Walther (1992) sieht die Ursachen für die abweichenden Aussagen in der schwachen empirischen Datenbasis zur Kanalreduktion. Die meisten Aussagen wurden mit experimentellen Untersuchungen begründet, die andere Ergebnisse zeigen als beispielsweise Feldstudien in “echten” Newsgroups. So wurden viele der Experimente nur einmalig durchgeführt, und es wurde nicht in Betracht gezogen, daß die Kommunikation per Tastatur einfach mehr Zeit in Anspruch nimmt (vgl. Kapitel 2.1.1) als Face-to-face-Kommunikation. Spätere Studien (vgl. Walther 1992) konnten belegen, daß die Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen in der CMC wesentlich länger dauert als bei Face-to-face-Situationen und somit eine Kurzzeitstudie keine plausiblen Ergebnisse bezüglich persönlicher Kommu- nikation liefern konnte.

Aber auch theoretisch wurde das Kanalreduktionsmodell nachhaltig kritisiert. Dabei unterscheidet Döring (1999) zwischen schwacher und starker Kritik: Theo- rien, die behaupten, daß der nonverbale Aspekt der Face-to-face-Kommunikation in der CMC durch graphische Elemente wie z.B. Emoticons substituiert werden kann, zählt sie zu den schwachen Kritiken, da sie fehlende nonverbale Kommuni- kation im Sinne des Kanalreduktionsmodells als ein kommunikatives Defizit der CMC bezeichnen, das lediglich kompensiert werden kann. Bei der starken Kri- tik wird die Grundannahme, daß Face-to-face-Kommunikation eine “optimale” Kommunikationssituation darstellt, in Frage gestellt. Beispielsweise gelte die Re- striktion, daß in Gruppen jeweils nur eine Person sprechen kann, für die CMC

nicht.15 Ebenso werde die Bedeutung nonverbaler Kommunikation überschätzt.16 Des weiteren muß in Betracht gezogen werden, daß Face-to-face-Kommunikation eine Situation ist, die bewußt und meistens nach Absprache hergestellt werden muß und nicht die häufigste Kommunikationssituation ist. So wertet Döring eine Studie von Auhagen (1991) mit dem Ergebnis aus, daß nur 16% aller Kontakte zwischen Geschwister- und Freundespaaren Face-to-face-Kontakte sind; gedankli-

che Kontakte (31%), Gespräche über die Partner mit Dritten (20%) und telefoni- sche Kontakte mit den Partnern bzw. Kontaktversuche (20%) sind häufiger, und schriftliche Kontakte (2%) bzw. sonstige Kontaktformen (3%) spielen kaum eine Rolle.17 Schließlich vermutet Döring (1999) auch, daß eine gewisse Technikphobie

Einzug in das Modell gehalten hat:

“Insgesamt krankt das technikdeterministische Kanalreduktions-Mo- dell daran, dass die Face-to-face-Situation idealisiert wird, man rheto- risch mit Bedrohungsszenarien arbeitet (“wehe, wenn wir eines Tages nur noch per Computer kommunizieren...”), unterschiedliche Kom- munikationsanlässe und -bedürfnisse nicht differenziert werden und Metaphern Phänomenologie ersetzen sollen. [...] Auffällig ist auch die Tendenz kulturpessimistischer Stimmen, der Netzkommunikation ih-

re (tatsächlichen oder vermeintlichen) Abweichungen von der Face-to- Face-Kommunikation vorzuwerfen, ohne jedoch ihre zahlreichen ü ber- einstimmungen mit der (kulturell hochgeschätzten) Brief- und Buch-

Kommunikation in die Bewertung miteinzubeziehen.“ (Döring 1999: 213f.)

1.2.1.2 Fehlen sozialer Hinweisreize

Anknüpfend an das Kanalreduktionsmodell wurde versucht, die (sozialen) Konse- quenzen der geringen Anzahl an Kommunikationskanälen in der CMC zu erfassen und zu erklären. Dabei analysierte man das Fehlen sozialer (Status-) Merkmale (so cial context cues) in der Kommunikationssituation (vgl. Walther 1992: 56). Die Ergebnisse zeigten positive und negative Eigenschaften des Fehlens sozialer Hinweisreize. So seien Statusunterschiede in der CMC aufgrund der Anonymität

der Kommunikationspartner nicht erkennbar und führten zu egalitären18 Kom-

munikationssituationen. Auf der anderen Seite sei aber auch unsoziales Verhalten zu beklagen:

“The absence of such [social context] cues in CMC leads to increased excited and uninhibited communication such as “flaming” (insults, swearing, and hostile, intense language); greater self-absorption versus other-orientation; and messages reflecting status equalization” (Wal- ther 1992: 56).

Allerdings müssen diese Ergebnisse relativiert werden, da andere empirische Studien zeigen, daß “flaming” ein Randphänomen ist (vgl. Mohr et al. (1997) und Döring (1999: 215f.)) und auch die Annahme sozialer Gleichheit im Internet kritisiert werden kann, da allein der Zugang zum Internet bereits eine erhebliche soziale Hürde darstellt (Döring 1999: 215f.).19

1.2.1.3 Social Information Processing Theory (nach Walther 1992) Walther (1992) geht mit seinem Modell der sozialen Informationsverarbeitung davon aus, daß die Kanalreduktion keine unüberwindbare Hürde darstellt, son- dern daß über den Computer kommunizierende Personen in der Lage sind, die fehlenden nonverbalen Daten durch entsprechend verschriftete Informationen zu substituieren. Motor dafür sei die Tatsache, daß “communicators in CMC, like other communicators, are driven to develop social relationships” (Walther 1996: 10), was den Austausch sozialer Informationen fördere. Wegen der medialen Be- schränkung (Tippgeschwindigkeit, Kanalreduktion) dauere der Austausch sozialer

Informationen aber wesentlich länger als in der Face-to-face-Kommunikation, da jede nonverbale Information umkodiert werden müsse (z.B. durch Emoticons). Am Ende stehe aber vollwertige Kommunikation:

“over time, computer mediation should have very limited effects on relational communication” (Walther 1992: 80).

Walthers Theorie baut allerdings auf kritisierbaren Grundvoraussetzungen auf. Es wird nicht immer möglich sein, alle nonverbalen Informationen verbal zu kodieren (man denke z.B. an Zeitprobleme). Auch stellt die Theorie hohe Anforderungen an die Kommunikationspartner: Die Nutzer computervermittelter Kommunikation müssen die technische Kompetenz (Kenntnis der Konventionen) und Motivation haben, den Austausch sozialer Informationen durchzuführen (vgl. Döring 1999: 227).

1.2.2 Kulturalistische Modelle zur CMC

Neben den in Kapitel 1.2.1 beschriebenen tendenziell technikdeterministischen Modellen faßt Döring eine weitere Gruppe von Theorien zusammen, die sie als nutzerzentriert bzw. kulturalistisch bezeichnet. Die Ansätze vergleichen compu- tervermittelte Kommunikation nicht mit Face-to-face-Kommunikation, sondern versuchen, neue “Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten [...], die der Face-to- Face-Situation fehlen” (Döring 1999: 241), aufzuzeigen. Döring (1999) hat aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, die hier nicht im Einzelnen dargestellt werden können (Für eine Auflistung der dazu jeweils herangezogenen Autoren vgl. Döring (1999: 228ff.)), vier Modelle herauskristallisiert, die sie mit Simula- tion, Imagination, Digitalisierung und Kulturr aum betitelt. Allen vier Theorien

ist gemein, daß sie im Zusammenhang mit Feldstudien entwickelt wurden und daß noch keine systematischen quantitativen ü berprüfungen stattfanden.

1.2.2.1 Simulation und Imagination

Die Modelle der Simulation und Imagination bauen ebenfalls auf der oben be- schriebenen Kanalreduktion auf. Im Gegensatz zum Kanalreduktionsmodell sehen sie aber durch die rein textuelle Kommunikation neue Freiräume für die Selbstdar- stellung (Simulation) bzw. die Partnerrezeption (Imagination). So sei im “körper- losen” Internet jede Person nur durch ihre eigene Beschreibung bzw. ihre eigenen

Äußerungen charakterisiert. Daraus entstünden Selbstdarstellungsmöglichkeiten,

die eigentlich nur durch die Phantasie und Glaubensbereitschaft der Kommuni- zierenden begrenzt seien. Die Beschreibung der psychologischen Folgen solcher Simulationen bewegen sich zwischen der Chance zur “multiplen Identität” (vgl. Turkle 1998: 419ff.) (Verwirklichung), der “Cyborgisierung” des Menschen (Wirk- lichkeitsveränderung) und drohendem Realitätsverlust (Wirklichkeitszerstörung) (vgl. Döring 1999: 232).

Auf der Rezipientenseite dagegen setzen “die fehlenden [audiovisuellen und anderen] Informationen einen kognitiven Konstruktionsprozeß in Gang [...], der in besonders starkem Maße von Imagination geprägt ist und der — je nach Beziehungs- und Situationskontext sowie aktueller Motivation — das Bild der wahrgenommenen Person oftmals in positiver Richtung (entsprechend individu- ellen Wünschen und Präferenzen), aber zuweilen auch in negativer Richtung (ent- sprechend den eigenen Aversionen, Vorurteilen) überspitzt.” (Döring 1999: 232). Diese Imaginationsprozesse in der CMC wurden bisher allerdings noch keiner systematischen empirischen Analyse unterzogen (vgl. Döring 1999: 233).

Die Theorien zur Simulation und Imagination werfen zwar interessante Fra- gen zum Anwendungskontext der CMC und den daraus resultierenden psycho- sozialen Folgen auf, bilden aber für die (insbesondere sprachlichen) Formen der synchronen computervermittelten Kommunikation keine hinreichend erklärenden

Modelle. Ebensowenig wird es möglich sein, mit Hilfe des in Kapitel 3 vorge- schlagenen Beispielszenarios Daten zur ü berprüfung dieser Modelle zu erhalten, weshalb sie im weiteren Verlauf dieser Arbeit vernachlässigt werden sollen.

1.2.2.2 Digitalisierung

Einen deutlich unterschiedlichen Ansatz verfolgt das Modell der Digitalisierung. So ist die seit einigen Jahren andauernde Datenexpansion im Internet auf ko- stengünstige und sehr schnelle Vervielfältigungsmöglichkeiten digitaler Informa- tionen zurückzuführen. Das Vorliegen sämtlicher (Text-) Daten in digitaler Form

bedingt grundsätzlich andere Möglichkeiten der Informationsnutzung, des Infor- mationsaustausches, aber auch ein anderes Textverständnis.20 So ist insbesondere die Möglichkeit hervorzuheben, daß auch prinzipiell asynchrone Kommunikation praktisch zeitgleich durchgeführt werden kann.21 Emails können in wenigen Se- kunden beantwortet und zurückgeschickt werden. Eine mögliche Folge ist, daß

unüberlegte Mails verschickt werden (vgl. Döring 1999: 234f.). Das Digitalisie- rungsmodell sieht folgende Konsequenzen für die CMC:22

• Grundsätzlich kann die Kommunikation aufgezeichnet werden.23 Asynchro- ne Kommunikation wird in der Regel vom Mail- oder Newsgroup-Programm archiviert. Chat- und MUD-Clients (vgl. Kapitel 2.3.4) halten in der Regel die Kommunikation einer “Sitzung” fest. Das bedeutet, daß sprachliche Pro-

dukte konzeptioneller Mündlichkeit nicht prinzipiell “flüchtig” sind, sondern zu jedem beliebigen Zeitpunkt “herangezogen” werden können.

• Da die Kommunikation mit Hilfe von Computern durchgeführt wird, ste- hen auch andere Werkzeuge/Programme des Computers zur Verfügung. So können Client-Programme (vgl. Kapitel 2.3.4) ganz erhebliche Auswirkun- gen auf die spontane Sprachproduktion haben. Insbesondere Möglichkei- ten zur instantanen Reproduktion von Text (über Tastaturkürzel oder das Kopieren und Einfügen von Textsegmenten) und Ausführung bestimmter Befehlssequenzen in MUDs sind hervorzuheben (vgl. Kapitel 2.3.4).

Insgesamt erscheint es sinnvoll, computervermittelte Kommunikation unter dem Aspekt der Digitalisierung zu betrachten. Allerdings müßten die Konsequenzen dieser Theorie näher geprüft werden. So fehlen bislang vergleichende quantitati- ve Studien über den Einsatz und Gebrauch verschiedener (MUD-/Chat-) Clients. Solche Programme können aber erhebliche Effekte auf computervermittelte Kom- munikation haben, was in Kapitel 2.3.4 verdeutlicht werden soll.

1.2.2.3 Kulturraum

Das Kulturraum-Modell beschäftigt sich primär mit den Nutzern computerver- mittelter Kommunikation. Dabei steht die Betrachtung von Computernetzwerken als potentiellen Kulturräumen im Vordergrund, die Gelegenheit zu Gruppenbil- dung und -abgrenzung geben. Diese c ommunities zeigen neben unterschiedlichen

Interessen auch unterschiedliches Nutzungsverhalten. So verhalten Mudder24 sich im Internet anders als beispielsweise Personen, die beruflich das WWW zur Re- cherche verwenden oder für das Internet programmieren: Sie benutzen andere Dienste (auch wenn einige parallel dazu im WWW surfen) und zeigen auch an- dere Interaktionsformen, wie z.B. die Kommunikation25 mit anderen, oder das Spielen und “Bauen” im MUD.

Unterschiedliche Interessen und Kompetenzen (Computer- bzw. Internetkom- petenz als Machtfaktor) führen aber auch zu neuen Berührungspunkten zwischen Personen (z.B. Newsgroups als Orte für Experten-Laien-Kommunikation).

Ein weiteres Phänomen, das das Kulturraum-Modell plausibilisiert, ist die Tatsache, daß sich im Internet gesellschaftliche Kodizes (Netiquette bzw. “Un- terkodizes” für spezifische Bereiche, z.B. Chatiquette) entwickelt haben, internet- spezifische Themen in den unterschiedlichsten Communities z.T. heftig diskutiert (beispielsweise die Debatte um freie Meinungsäußerung im Internet) und auch aus dem Netz in andere Medien hinausgetragen werden. Allerdings zeigt sich auch darin die Heterogenität des Internet: Aktive, gestalterische Teilnahme am Internet ist auf einen bestimmten Personenkreis beschränkt:

“Damit lassen sich Netzaktive grob in zwei Gruppen einteilen: Ei- ne Gruppe, die das Internet primär als funktionales Instrument ver- steht und eine Gruppe, die das Internet als Kultur- und Lebensraum begreift, sich für Netzbelange einsetzt, netzspezifische Ausdrucksfor- men und Traditionen pflegt, mehr netzvermittelte Kontakte unterhält und insgesamt über ein größeres internet-bezogenes Wissen verfügt”

(Döring 1999: 239).

Das Kulturraum-Modell wirft interessante Fragen und Vermutungen auf, die allerdings intensiver Untersuchung bedürfen. Im Gegensatz zu Modellvorstel- lungen, die vor allem durch quantitative Studien belegt oder widerlegt werden können (das gilt insbesondere für die tendenziell technikdeterministischen Mo- delle), bieten sich für das Kulturraummodell eher qualitative, ethnographische Studien an. Vergleichende quantitative Untersuchungen zur Kommunikation in unterschiedlichen MUDs und Chats (und zwischen den einzelnen Chatdiensten IRC, Web-Chat, Online-Chat, ICQ) können aber durchaus aufschlußreiche Daten über sprachliche Unterschiede geben und damit auch die Vermutung unterschied- licher Kulturräume untermauern.

1.2.3 Integrative Modelle

1.2.3.1 Hyperpersonal CMC (nach Walther 1996)

Vier Jahre nach der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung (vgl. Kapi- tel 1.2.1.3) revidierte Walther sein Modell und erweiterte es um Elemente der zuvor dargestellten kulturalistischen Theorien. Auch er löste sich von der Annah- me, Face-to-face-Kommunikation als Modus optimaler Kommunikation zu be- trachten, wechselte also von der schwachen zur starken Kritik des Kanalreduk-

tionsmodells (vgl. Kapitel 1.2.1.1). Des weiteren integrierte er die so cial identity- deindividuation theory (SIDE) von Lea et al. (1992) und Spears & Lea (1992)26, die — ebenso wie die Theorien zur Simulation und Imagination — die verbesser-

ten Möglichkeiten der Selbstdarstellung sowie die tendenziell positivere Partner- rezeption beschreibt (vgl. Kapitel 1.2.2.1).

Diese Erweiterungen führten seiner Meinung nach auch zu neuen Ergebnissen bei der Erforschung der computervermittelten Kommunikation. Kognitiv seien die 26Diese beiden Artikel waren mir nicht zugänglich, so daß ich die relevanten Informationen

und bibliographischen Angaben aus Walther (1996) übernommen habe.

Kommunikationspartner entlastet27, da sie nicht ständig ihre nonverbale Kom- munikation steuern müßten (z.B. Kopfnicken, interessierter Gesichtsausdruck). Ein anderer Vorteil sei die Kontrollierbarkeit nonverbaler Kommunikation: Da diese ja — wenn überhaupt — verbalisiert werden müsse, könnten also “verse- hentliche”, affektive Handlungen vermieden werden (vgl. Walther 1996: 20), was Selbstsicherheit vermitteln könne. Bei asynchroner Kommunikation (Email) kom- me zusätzlich noch der Umstand hinzu, daß durch den fehlenden unmittelbaren Zugzwang soziale Informationen vermittelt werden könnten, die bei synchroner Kommunikation aus zeitökonomischen Gründen einer stärkeren Aufgabenorien- tierung zum Opfer fielen (vgl. Walther 1996: 23ff.). Walther (1996) kommt daher zu dem Schluß, daß computervermittelte Kommunikation in der Lage ist, in ei- nigen Bereichen (Selbstdarstellungsmöglichkeiten, Partnerrezeption) die Face-to- face-Kommunikation zu übertreffen:

“There are several instances in which CMC has surpassed the level of affection and emotion of parallel FtF [Face-to-Face] interaction. [...] CMC groups were rated significantly more positive than their FtF counterparts on several dimensions of intimacy as well as on social (vs. task) orientation; the CMC groups outperformed, interpersonally speaking, the FtF groups.” (Walther 1996: 17)

Aber auch hier läßt sich anführen, daß eine empirische ü berprüfung noch fehlt: Die Erweiterung des ersten Modells baut weitgehend auf z.T. kritisierbaren An-

nahmen (s.o.) und isolierten Beispielen auf (vgl. Kapitel 1.2.2.1 für das Fehlen systematischer empirischer Daten für das Simulations- und Imaginations-Modell). Einzig die Neuauswertung einer alten Studie (vgl. Walther 1996: 17) hat empiri- schen Charakter. Auch definiert Walther (1996) den Gültigkeitsbereich für sein Modell nicht näher, stellt also seine Ergebnisse als allgemeingültig für computer- vermittelte Kommunikation dar, ohne den situativen und personellen Kontext zu berücksichtigen.

1.2.3.2 Medienökologisches Rahmenmodell (nach Döring 1999) Dörings Vergleich der relevanten CMC-Theorien mündet in das von ihr entwor- fene medienökologische Rahmenmodell. Dabei stellt sie kein neues theoretisches Konzept vor, sondern geht einen ähnlichen Weg wie Walther (1996) und versucht die unterschiedlichen, z.T. scheinbar sich widersprechenden Modelle zu kombi- nieren: Ihr Modell schließt keine der oben diskutierten Theorien aus, sondern integriert sie in einem entsprechend weit gefaßten Rahmen.

Im Zentrum steht dabei — und das ist das Neue an dem Ansatz — die spezi- fische Nutzungssituation, die von der medialen Umgebung und dem individuellen medialen Kommunikationsverhalten determiniert ist. Die mediale Umgebung wie- derum steht in einem wechselseitigen Verhältnis mit der Medienwahl (vgl. Fußno- te 12). Nutzungssituationen verursachen laut Modell kurzfristige soziale Effekte,

die langfristige soziale Folgen nach sich ziehen können.28

Die mediale Umgebung beschreibt die spezifischen “Restriktionen und Op- tionen für das Verhalten und Erleben der Beteiligten”, ist also mitentscheidend dafür, “wer, wann, wie und mit wem kommunizieren kann” (Döring 1999: 246).

Die mediale Umgebung hat somit — im Gegensatz zum etablierten Begriff “Kom- munikationskanal”, der die ü bermittlung einer Botschaft durch unterschiedliche 28Für die sozialen Effekte gilt, wie für die Medienwahl, daß sie nur von marginaler Rele- vanz für die vorliegende Arbeit sind und deswegen bei der folgenden Erörterung des Modells

ausgeklammert werden.

Codes beschreibt — auch Einfluß auf die Medienwahl und auf das mediale Kom- munikationsverhalten (s.u.). Die Merkmale, aus denen sich die mediale Umgebung zusammensetzt, hat Döring (1999) aufgelistet:

Kosten (Geld, Zeitaufwand)
Teilnehmerkr eis (Anzahl, Zusammensetzung)
Zeit (zeitgleich, zeitversetzt mit unterschiedlicher Transportge- schwindigkeit)
M o dalit ¨ at (sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken)
Code (gesprochene Sprache, Kleidung, Möbel, Schmuck, Mimik, Gestik, Proxemik, Handschrift, Maschinenschrift, Grafik, Foto, Film etc.)
R aum (Kopräsenz, Telepräsenz, keine gemeinsame Lokalität)
Kultur (medienspezifische Normen, Werte, Traditionen, Sprach- gebräuche etc.)

Aus: Döring (1999: 246f.).

CMC setzt sich aus diesen unterschiedlichen Merkmalen zusammen, wobei sie kei- neswegs ein homogenes Gebilde darstellt: Einzig die M o dalit ¨ at (sehen) und der Code (digitale Maschinenschrift) sind allgemeine Bestandteile computervermit- telter Kommunikation. Hinsichtlich der anderen Merkmale unterscheiden sich die situativen Nutzungsmöglichkeiten der CMC z.T. erheblich. So haben beispiels- weise Mudder im Regelfall einen kostenlosen Zugriff auf das Internet; finanziell

wäre Mudden für die meisten Studenten oder Schüler gar nicht tragbar.29 Aber

auch hinsichtlich der Merkmale Teilnehmerkreis, Zeit, Raum und Kultur lassen sich Szenarien anführen, welche die Heterogenität der medialen Umgebung bele- gen (z.B. Chatten in einem “gesprächigen” Chat vs. Verfassen einer Email an den 29Auf der anderen Seite ist intensives Mudden nur von Personen tragbar, die in der Lage

sind, ausreichend Zeit dafür zu verwenden.

Arbeitgeber). Diese unterscheidenden Merkmale werden allerdings in vielen Un- tersuchungen zur CMC nicht mitberücksichtigt, da oft ein Vergleich mit der Face- to-face-Situation angestrebt wird, so daß “in erster Linie M o dalit ¨ at und Code als CvK-Merkmale fokussiert werden” (Döring 1999: 247). Döring (1999) sieht gera- de im Hinblick auf die unterschiedlichen medialen Umgebungen und zusätzlichen Optionen, die es nicht in der Face-to-face-Situation gibt, Forschungsbedarf:

“Diese zusätzlichen Optionen zu explorieren, ist aus pragmatischen Gründen (Verbesserung der CvK) sowie aus epistemischen Gründen (besseres Verständnis von zwischenmenschlichen Kommunikationspro- zessen) wünschenswert.” (Döring 1999: 247)

Das mediale Kommunikationsverhalten umfaßt sowohl die situationsabhängige Auseinandersetzung mit den medienspezifischen Optionen und Restriktionen als auch deren Aneignung durch die Benutzer (vgl. Döring 1999: 247f.). In der compu- tervermittelten Kommunikation können Benutzer sowohl produktiv (z.B. durch Beiträge in einem Chat oder einer Newsgroup) als auch rezeptiv (passives Lesen von Beiträgen, “Surfen” im Internet etc.) agieren. Der individuelle Umgang mit den Restriktionen und Optionen der medialen Umgebung kann also das mediale Kommunikationsverhalten der Benutzer determinieren. So können — je nach her- angezogener Theorie (mit Ausnahme des Kanalreduktionsmodells) — restringie- rende Merkmale der medialen Umgebung kompensiert werden (z.B. soziale Infor- mationsverarbeitung) oder zusätzliche Optionen die Kommunikation grundsätz- lich ändern und/oder verbessern (z.B. HCMC, Kulturraum) (vgl. Döring 1999: 247f.).

Dörings medienökologischem Rahmenmodell (welches hier nur bruchstück- haft dargestellt wurde) gelingt es, die unterschiedlichen theoretischen Ansätze — durch einen entsprechend weit gefaßten Rahmen — zu integrieren. Hervorzuhe- ben ist vor allem das Bestreben, spezi fi sche Nutzungssituationen in das Modell zu integrieren, da damit erstmals nutzerspezifische und kontextbezogene Faktoren

theoretisch berücksichtigt werden.

1.2.4 Zusammenfassung der Theorien

Bei einem Vergleich der vorgestellte Theorien lassen sich zwei Gruppen erkennen: Zum einen gibt es eine Reihe von Theorien, die einen Vergleich mit der Face-to- face-Situation anstreben und von einer prinzipiell defizitären CMC sprechen, de- ren Nachteile aber — je nach Modell — kompensiert werden können. Zu beachten ist dabei, daß all diese Theorien auf Datenmaterial aufbauen, das allerdings wegen der experimentellen Konstellation der Studien nur für die spezifischen Situation- en Relevanz hat. So stellt Döring beispielsweise in Frage, “inwieweit Befunde, die in geschlossenen Computernetzen (z.B. in Betrieben oder in Forschungsla- bors) gewonnen wurden, auf öffentliche, nicht dezidiert aufgabenbezogene und

durch spezifische kulturelle Muster geprägte Kommunikationsszenarien im Inter- net übertragbar sind” (Döring 1999: 241).30

Zum anderen gibt es Theorien, die Besonderheiten spezifischer Situationen der CMC hervorheben, ohne Vergleiche mit der Face-to-face-Situation anzustreben. Diesen Theorien mangelt es allerdings weitgehend an einer Bestätigung durch methodisch klare und quantitative Studien.

Von besonderer Relevanz ist auch der Gültigkeitsbereich der dargestellten Theorien. Die meisten Modelle neigen dazu, ihre anhand punktueller Studien oder Exemplaria abgeleiteten Ergebnisse zu generalisieren, ohne den Untersuchungs- kontext zu berücksichtigen. Lediglich Dörings situationsspezifische Betrachtung der computervermittelten Kommunikation stellt dahingehend eine Ausnahme dar.

Es war nicht Ziel dieses Kapitels, einzelne Theorien gegeneinander abzuwägen 30So können Runkehl et al. (1998) zeigen, daß die in Emails, Newsgroups oder Chats ver- wendete Sprache stark domänenspezifisch ist und verallgemeinernde Aussagen über die Sprache in computervermittelter Kommunikation problematisch sind. Die Vorstellung dieser Ergebnisse

soll in Kapitel 1.3 erfolgen.

oder bestimmte Theorien zu widerlegen. Es wurde allerdings gezeigt, daß es zur Zeit kein theoretisches Konzept gibt, welches computervermittelte Kommunika- tion kontextübergreifend erklären und gleichzeitig auf empirische Belege zurück- greifen kann. Allerdings nimmt das medienökologische Rahmenmodell eine Son- derstellung ein, da es vom situativen Kontext der Kommunikation ausgeht und somit theoretisch computervermittelte Kommunikation in ihren unterschiedlichen Facetten beschreiben und erklären kann. Jedoch ist noch zu prüfen, inwiefern sich das Modell durch empirische Studien bestätigen läßt. Quantitativer Analysen be- darf es vor allem im Bereich der zusätzlichen Optionen der CMC, die von den kulturalistischen Modellen propagiert werden. Es müßte im einzelnen geklärt wer- den, ob und wie häufig die zusätzlichen Möglichkeiten der computervermittelten Kommunikation überhaupt genutzt werden, um die Relevanz der kulturalistischen Modelle für eine theoretische Betrachtung der CMC beurteilen zu können. Inso- fern kann die Frage nach einer theoretischen Beschreibung computervermittelter Kommunikation zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zufriedenstellend beantwor- tet werden.

Bevor in Kapitel 3 eine Skizze zur Gewinnung von Daten in der synchro- nen CMC vorgestellt wird, die diesem empirischen Mangel abhelfen soll, werden zunächst bereits vorhandene quantitative Studien zur Sprache in der computer- vermittelten Kommunikation vorgestellt und diskutiert.

1.3 Empirische Studien zur Sprache in der CMC

Im folgenden sollen ausgewählte Studien zur Sprache in der computervermittel- ten Kommunikationssituation dargestellt und verglichen werden. Dabei wurde quantitativen Analysen der Vorzug gegeben. Grundlegend für einige ü berlegun- gen des nächsten Abschnitts sind die umfangreichen Untersuchungen von Run- kehl et al. (1998) zur Email-, Newsgroup- und Chat-Kommunikation. Mangels

genügender weiterer statistischer Analysen wurden auch Autoren herangezogen,

die nur vereinzelt quantitative Aussagen machen. Die meisten dieser Publikatio- nen haben exemplarisch bestimmte Effekte (wie z.B. die Verwendung von Emo- ticons, Akronymen und bestimmter Kommunikationspraktiken) der CMC un- tersucht. Da diese Effekte hinreichend dokumentiert sind, soll es hier vor allem darum gehen, einige vergleichende Analysen zur in der CMC verwendeten Spra-

che vorzustellen. Dabei fällt auf, daß theoretische ü berlegungen und quantitative

Studien nicht von denselben Personen durchgeführt wurden, so daß alle hier her- angezogenen Autoren eine induktive Herangehensweise gewählt haben und nicht explizit auf einem der vorgestellten Modelle aufbauen. Dennoch lassen sich gewis- se Schlußfolgerungen der Autoren in die bereits erörterten Theorien einordnen.

Eine Diskussion zur Relevanz der Studien für die theoretischen Modelle soll am Ende dieses Kapitels erfolgen (vgl. Kapitel 1.4). 31

1.3.1 Asynchrone Kommunikation: Emails und Newsgroups

Asynchrone Kommunikation im Internet wird vor allem von zwei Diensten do- miniert: Mail (und Mailinglisten) und Newsgroups.32 Per Email kann ein Nutzer an prinzipiell beliebig viele Adressen (und damit Personen) oder Verteilersyste- me (Mailinglisten) Nachrichten versenden, Newsgroups dagegen sind in der Regel

öffentlich zugänglich, werden zentral (auf einem Newsserver) gespeichert und stel- len Diskussionsforen dar.

Die Sekundärliteratur zur Email- und Newsgroup-Kommunikation beschreibt vor allem die medial bedingten Effekte33 auf die verwendete Sprache. Dabei ste-

hen die Entwicklung von Emoticons, die Verschriftung konzeptionell mündlicher Beiträge und die Fehlerhäufigkeit (und -toleranz) im Vordergrund (vgl. Runkehl

et al. 1998: 35f.). Die auftretenden Phänomene werden mit zum Teil zahlreichen Beispielen dokumentiert34 , wobei allerdings quantitative Studien die Ausnahme sind. Daher entsteht in der Sekundärliteratur ein widersprüchliches Bild über die verwendete Sprache in asynchronen computervermittelten Kommunikationssitua-

tionen:

“Bedingt durch die schnelle Produktionsweise der EMs [Emails] sind die Texte selten überarbeitet und korrigiert, d.h. es finden sich ausge- sprochen viele Flüchtigkeitsfehler (Orthographie, Interpunktion, Syn- tax etc.), wie sie im traditionellen Briefverkehr in dieser Häufigkeit kaum zu finden sind.” (Günther & Wyss 1996: 72)

Pansegrau (1997), die insgesamt 25 Emails zur Veranschaulichung heranzieht, hebt die konzeptionelle Mündlichkeit von Emails hervor, wobei sie allerdings einräumt, daß “die Beschreibung exemplarischer Phänomene für die Entwicklung einer Stilistik [von Emails] nicht ausreichen [kann]” (Pansegrau 1997: 89):

“Bereits die eher schlaglichtartige Präsentation spezifischer Phänome- ne der E-mail-Kommunikation macht deutlich, daß sich hier ein eigen- ständiger Kommunikationstyp etabliert, dessen Rahmen erst durch die technologischen Neuerungen gegeben und abgesteckt wurde. [...] Es konstituiert sich in E-mails eine neue Form von Dialogizität und sprachlicher Kreativität, die sich an mündlichen Kommunikationssi- tuationen zu orientieren scheint und sich damit nochmalig von den Texttypen und -strukturen anderer Formen technisierter Kommuni- kation unterscheidet.” (Pansegrau 1997: 102)

[...]


1 Synonym zum Begriff “computervermittelte Kommunikation” wird in dieser Arbeit das Akronym CMC des englischen Pendants computer-mediated communication verwendet, da es sich zu einer internationalen Bezeichnung für computervermittelte Kommunikation entwickelt hat und auch in Teilen der relevanten deutschsprachigen Literatur verwendet wird.

2 Audio- und Videoübertragungen spielen in der CMC-Forschung derzeit eine untergeordnete Rolle und werden daher in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt.

3 Des weiteren ist die aus dem Internet herangezogene Literatur — sofern es sich um öffentlich zugängliche Einzeltexte handelt — ebenfalls auf der CD gespeichert, um der Gefahr ungültiger Links vorzubeugen. Andere Teile der CD können nur bei bestehender Internetanbindung genutzt werden. Eine detaillierte Auflistung der Inhalte sowie eine Einleitung zur CD-ROM befindet sich in der Datei index.html im Wurzelverzeichnis der CD.

4 Es ist auffällig, daß CMC-Theorien in Untersuchungen über die Formen computervermit- telter Kommunikation selten rezipiert werden.

5 Emoticon setzt sich aus den Begriffen Emotion und Icon zusammen (vgl. Haase et al. 1997: 64) und bezeichnet eine Gruppe internetspezifischer Zeichen(konventionen) wie z.B. den Smiley :-), dessen Ursprung auf das Jahr 1980 zurückdatiert wird (vgl. Raymond 2000). Alternativ werden auch die Begriffe Ide o gramm (Haase et al. 1997), graphostilistisches Element (Runkehl et al. 1998) oder Smiley (als ü berbegriff) verwendet.

6ASCII-Art bezeichnet Bilder, die mit dem ASCII-Zeichensatz erstellt werden (vgl. Fußnote 60 und Fußnote 61). Für Beispiele vgl. Stark (2000).

7 Computervermittelte Kommunikation hat den (nur zum Teil berechtigten, vgl. Kapitel 1.3) Ruf, durch besonders viele kryptische Abkürzungen (z.B. AFAIK für As far as I know) geprägt zu sein (für Beispiele vgl. Haase et al. (1997: 83f.) und Raymond (2000)).

8 Ein Ansatz zu möglichen Untersuchungen des Sprachproduktionsprozesses in der CMC soll daher in Kapitel 3 vorgestellt werden.

9 Auf ü berlegungen zu der im Computer vorliegenden digitalen Kodierung von Schrift (dem Binärcode als “semiotische Universalm ¨ unze” (Krämer 1998c: 12)) und den daraus resultierenden Konsequenzen wird in dieser Arbeit nicht eingegangen.

10Für eine Klassifizierung der universalen Aspekte schriftlicher Sprache und Konzeption vgl. Koch & Oesterreicher (1994: 589ff.).

11 Diese Affinität ist auf den Anwendungskontext der beiden Medien zurückzuführen: Raum- zeitliche und personale Nähe bilden z.B. einen Kontext, in dem konzeptionelle Mündlichkeit auch medial mündlich realisiert wird. Umgekehrte Konstellationen favorisieren eher eine medial schriftliche Äußerung. Schreiben bzw. die Schriftsprache ist wesentlich stärkeren Normen unter- worfen als mündliche Äußerungen (vgl. Koch & Oesterreicher (1994), Grabowski (1995)). Diese Normierung ist allerdings die Folge “kanonischer Verwendungskontexte” (Grabowski 1995: 14) und nicht des Mediums, was nicht zuletzt durch das Aufbrechen dieser schriftlichen Normen in der CMC belegt werden kann.

12 Ich bin mir der Tatsache bewußt, daß die Wahl des Mediums für eine die CMC beschreiben- de Theorie Bedeutung hat (vgl. Döring 1999: 244ff.). Die folgende Diskussion einiger Theorien zur computervermittelten Kommunikation soll lediglich die Lücken im Bereich quantitativer Studien zur Theoriebestätigung zeigen. Dennoch sei hier angemerkt, daß sich die Theorien zur Medienwahl in drei Gruppen einteilen lassen (nach Döring (1999)): 1. Medienwahl durch medienbezogene Faktoren, wie z.B. soziale Präsenz (social presence theory, vgl. Walther (1992: 54f.)), mediale Reichhaltigkeit (media richness the ory, vgl. Walther (1992: 56ff.)) und Kosten (rationale Medienwahl). 2. Medienwahl durch personenbezogene und interpersonale Faktoren, wie z.B. individuel- le/kollektive Medienkompetenz und Medieneinstellung (normative Medienwahl). 3. Beziehungsspezifische Medienwahl durch interpersonale Faktoren, wie z.B. Erreichbarkeit oder Antwortverhalten (interpersonale Medienwahl).

13 Die in Kapitel 3 skizzierten Rahmenbedingungen für die Durchführung von Studien setzen bereits eine computervermittelte Kommunikationssituation voraus. Das Medium ist innerhalb dieser Bedingungen also invariabel.

14 Computervermittelte Kommunikation soll hier nicht im Kontext von Theorien zur Face-to- face-Kommunikation (wie beispielsweise Rieken 1998) diskutiert werden, da der Vergleich CMC — Face-to-face-Situation nur einem Teil der theoretischen Modelle zugrundeliegt.

15 Durch die technischen Bedingungen in Chats und MUDs (vgl. Kapitel 2.3) können gleich- zeitig vollständige Beiträge mehrerer Nutzer übermittelt werden. In der Face-to-face-Situation würde die gleichzeitige Produktion sprachlicher Beiträge Kommunikation unmöglich machen (wenn beispielsweise 10 Personen in einem Raum gleichzeitig reden). Bei synchroner computer- vermittelter Kommunikation gibt es jedoch stets die Möglichkeit, Beiträge zu seligieren und bei zu schneller Darstellung auf dem Bildschirm zu einem späteren Zeitpunkt nachzulesen. Es haben sich auch Adressierungskonventionen (der Adressatenname wird vor oder hinter die Nachricht gestellt vgl. Kapitel 1.3.2.2) etabliert, die es Nutzern ermöglichen Einzelgesprächen innerhalb eines stark frequentierten MUD-Raumes oder Chat-Kanals folgen zu können. Für eine Liste weiterer spezifischer Restriktionen der Face-to-face-Situation vgl. Döring (1999: 213).

16 Walther (1992) bemerkt, daß nonverbale Kommunikationskanäle zwar als besonders wichtig für die (erfolgreiche) Kommunikation angesehen, aber beim Vergleich von CMC und Face-to- face-Kommunikation überhaupt nicht untersucht wurden. Statt dessen wurden die Vergleiche anhand von Transkripten der Face-to-face-Kommunikation durchgeführt, so daß “the actual non-verbal messages of face-to-face groups in CMC research have been almost entirely ignored.” (Walther 1992: 63)

17 Die Kontakte unterscheiden sich allerdings in ihrer Struktur und ihrem Inhalt. Auhagen zeigt, daß Hilfe instrumenteller Art häufiger bei persönlichen Kontakten erfolgt. Psychologisch- emotionale Hilfestellung findet dagegen vermehrt am Telefon statt (vgl. Auhagen 1991: 82f.). Auch wenn sich daraus vermuten läßt, daß die verschiedenen Kontaktformen bei den Personen eine unterschiedliche “Wertigkeit” haben, fällt auf, daß die Face-to-face-Situation keineswegs die quantitativ dominante Kommunikationsform ist.

18 Interessant sind in diesem Zusammenhang die Beiträge von Mohr et al. (1997) und Stegbauer (2000), die auch bei Anonymität der Kommunikationspartner auf hierarchische (Kommunikations-) Strukturen in Newsgroups und Mailinglisten verweisen. Insbesondere in Kommunikationskontexten, in denen sich die CMC-Nutzer kennen (z.B. Stamm-Chatter), können sich auch kommunikationsinherente Hierarchien entwickeln. Noch fragwürdiger wird die Behauptung, wenn man an MUDs denkt, in denen die Entwicklung des Spielercharakters mit direkter Machtzunahme verbunden ist (vgl. Kapitel 2.3.2).

19 So haben beispielsweise Menschen aus Nationen, die nicht über die geeignete Infrastruktur verfügen oder eine prohibitive Politik betreiben, einen — wenn überhaupt — stark erschwerten Zugang zum Internet. Aber auch individuelle Faktoren, wie Literalität, ein Minimalwissen im Umgang mit Computern und finanzielle Ressourcen stellen Zugangshürden dar. Auch wenn die Aussage, daß der “durchschnittliche” Internetbenutzer männlich, zwischen 20 und 30 Jahre alt und Nordamerikaner ist, nicht mehr stimmt, handelt es sich bei dem Internet immer noch um ein Elitem e diu m und nicht um ein Massenmedium (vgl. Döring 1999: 142ff.).

20 Insbesondere ist hier der Hypertext als neue Textform hervorzuheben, die nicht mit traditio- nellen Hypertextbegriffen verglichen werden kann (vgl. Landow 1992). Ein neuer Textbegriff — cypher/TEX T — wird von Haynes & Holmevik (1998b) für die textbasierten MUDs (vgl. Kapi- tel 2.3.2) ins Spiel gebracht: “We think of it [ cypher/TEXT ] as a three-dimensional text, though not in the conventional physical definition of that phrase. While traditional text can be thought of as one-dimensional and linear, and hypertext as multidirectional and two-dimensional be- cause of its ability to link documents, cypher/TEXT adds a third dimension by bringing the reader/writer actively into the text. In the MOO, the reader is represented through textual dimension, through textual ethos, pathos, and logos. Thus, readers speak, emote, and think in several dimensions, but more than that they ar e a textual dimension in and of themselves.” (Haynes & Holmevik 1998b: 11)

21 Es stellt sich folglich die Frage, inwieweit es sich dann noch um eine asynchrone Kom- munikationssituation handelt. Die Produzentenperspektive ist allerdings ein Kriterium, das zur Unterscheidung von synchroner und asynchroner Kommunikation herangezogen werden kann: Beim Verfassen einer Email kann nicht mit einer sofortigen Antwort gerechnet werden (auch wenn sie innerhalb weniger Sekunden erfolgen kann). Ein Beitrag in einem Chat kann von Rezi- pienten prinzipiell sofort nach dem Absenden empfangen und beantwortet werden (auch wenn es Situationen gibt, in denen erst nach geraumer Zeit eine Reaktion erfolgt).

22 Andere Konsequenzen, wie beispielsweise die durch die hypertextuelle Struktur und die Informationsflut im WWW bedingten Phänomene “Lost in Cyberspace” bzw. “Information

Overload” (vgl. Döring 1999: 235), können hier nicht näher erläutert werden.

23 Das bei synchroner Kommunikation (Chat/MUD) aufgezeichnete L o g f ile enthält aber keine Informationen über die zeitliche Abfolge der Sprachproduktion.

24 Die Begriffe Mudder und Chatter bezeichnen die Benutzer von MUDs und Chats.

25 Meine Vermutung ist, daß in Kommunikationsdiensten, die von bestimmten relativ homo- genen Gruppen genutzt werden, eigene Kommunikationscharakteristika entstehen. So gibt es unterschiedliche Adressierungsformen im IRC und Online-Chats (vgl. Kapitel 1.3.2.2). Auch der individuelle, für Außenstehende unverständliche Kommunikationsstil in der Newsgroup de- vilbunnies (vgl. Runkehl et al. 1998: 68ff.) unterstreicht diese Annahme.

26 Diese beiden Artikel waren mir nicht zuganglich, so da ich die relevanten Informationen und bibliographischen Angaben aus Walther (1996) ubernommen habe.

27 Walther (1996: 22f.) behauptet, daß expressive und sensorische Systeme in der compu- tervermittelten Kommunikationssituation nicht mehr aufrechterhalten werden müßten, so daß zusätzliche kognitive Ressourcen für die Sprachproduktion frei stünden. Diese Vermutung läßt sich aber nur für einen Teil der Face-to-face-Situationen nachvollziehen: Ausschließlich in Kon- stellationen, in denen Sprecher ihre nonverbalen Handlungen b ewuß t steuern (z.B. in Prüfungs- situationen oder bei Gesprächen mit Personen, die subjektiv als besonders angenehm oder unangenehm empfunden werden, ohne daß der Sprecher diese Haltung verraten möchte), kann von einer kognitiven Entlastung die Rede sein.

28 Fur die sozialen Eekte gilt, wie fur die Medienwahl, da sie nur von marginaler Relevanz fur die vorliegende Arbeit sind und deswegen bei der folgenden Erorterung des Modells ausgeklammert werden.

29 Auf der anderen Seite ist intensives Mudden nur von Personen tragbar, die in der Lage sind, ausreichend Zeit dafur zu verwenden.

30 So konnen Runkehl et al. (1998) zeigen, da die in Emails, Newsgroups oder Chats verwendete Sprache stark domanenspezisch ist und verallgemeinernde Aussagen uber die Sprache in computervermittelter Kommunikation problematisch sind. Die Vorstellung dieser Ergebnisse soll in Kapitel 1.3 erfolgen.

31 Auf eine technische Beschreibung der einzelnen besprochenen Dienste (Email, Usenet, Chats und MUDs) wird hier weitgehend verzichtet. Für eine Einführung in Chats und MUDs und allgemeinere technische Zusammenhänge verweise ich auf Kapitel 2.

32Ich werde an dieser Stelle nicht auf den technischen Aufbau von Emails bzw. Newsgroups eingehen, da diese Zusammenhänge bereits hinreichend von Runkehl et al. (1998), Döring (1999), Haase et al. (1997) und Günther & Wyss (1996) dokumentiert wurden. Zur histori- schen Entwicklung dieser Dienste vgl. Kapitel 2.2.4.

33 Eine Beschreibung der einzelnen Effekte ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Statt dessen verweise ich auf die relevante Sekundärliteratur.

34So verweisen Günther & Wyss (1996) auf “über 261 Texte von Privatpersonen und aus Newsgroups” (Günther & Wyss 1996: Fußnote 1), wobei sie allerdings keine Angaben zur ihrer Methode der Datenerfassung machen.

Details

Seiten
131
Jahr
2000
Dateigröße
953 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108420
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
Schlagworte
Sprachprodukte Sprachprozesse Kommunikation

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Titel: Sprachprodukte und Sprachprozesse in der computervermittelten Kommunikation