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Hitlers Befehl zur Ermordung der europäischen Juden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 29 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung und Forschungsprobleme

2. Zeitpunkt und Kontext des Hitlerbefehls

3. Die Auswirkungen des Hitlerbefehls
Die Ermordung der sowjetischen Juden
Der Beginn der Deportationen
Der Beginn der Vernichtungsplanungen

4. Schluss: Der Befehl Hitlers im Entscheidungsprozess zur „Endlösung“

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Forschungsprobleme

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach einem bzw. dem Befehl Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden.

Einleitend sei gleich auf ein besonderes Problem hingewiesen, welches sich bei der Behandlung dieses Themas ergibt: weder gibt es ein von Hitler unterschriebenes Schriftstück mit einem Befehl zur Vernichtung der Juden, noch andere Belege, dass solch ein schriftlicher Befehl existiert bzw. existierte. Man vermutet daher, dass ein Befehl Hitlers wenn überhaupt nur mündlich erteilt wurde.[1] Die Quellenlage erlaubt so keinen 100 % Beweis für die Existenz eines Befehls Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden. Dies macht es auch möglich, dass in dieser Frage so viele unterschiedliche Forschungsmeinungen vorgebracht wurden und werden, die jedoch nicht endgültig bewiesen werden können: der Historiker ist so gezwungen, verschiedene Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abzuwägen.

Eingebunden ist diese Frage nach einen Befehl Hitlers zur Ermordung der Juden Europas in die allgemeine Debatte um die Entstehung der „Endlösung“. Hier lassen sich grob gesagt zwei „Forschungsrichtungen“ unterscheiden: die der „Intentionalisten“ und die der „Funktionalisten“.[2]

Vertreter der intentionalistischen Richtung behaupten, dass Hitler bereits in den zwanziger Jahren den Massenmord an den Juden beschloss und seitdem bewusst und berechnend – entsprechend seinem ideologischen Programm – auf dieses Ziel hinarbeitete.[3] Sie stellen also die Person Hitler in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und behaupten dementsprechend, dass die Entstehung der „Endlösung“ in erster Linie durch Entscheidungen Hitlers bestimmt wurde. Demnach habe es auch den einen Befehl Hitlers gegeben, der die „Endlösung“ letztendlich in Gang setzte.[4]

Entgegen dieser Meinung behaupten die „Funktionalisten“, dass Hitler und die Nationalsozialisten nicht gezielt auf die Ermordung der europäischen Juden hinarbeiteten. Sie widersprechen der Hitler- und Ideologiezentrierten Interpretation der „Intentionalisten“ und behaupten, dass erst konkrete Umstände und die Neigung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems zur „kumulativen Radikalisierung“ zur Entstehung der „Endlösung“ geführt haben. Bis in den Herbst 1941 hätten die Nationalsozialisten so den Plan verfolgt, die Juden aus dem deutschen Herrschaftsbereich zu vertreiben.[5] Erst als der Russlandfeldzug scheiterte bzw. nicht wie erhofft mit einem „Blitzsieg“ beendet werden konnte und somit andere Optionen für die „Lösung der Judenfrage“ ausfielen, hätten sich die Nationalsozialisten zum Massenmord an den Juden entschieden.[6] Über einen möglichen Befehl Hitlers sind Vertreter der funktionalistischen Richtung unterschiedlicher Ansicht. Während „radikale“ Verfechter dieser Position behaupten, dass es keine spezifische, umfassende Entscheidung oder einen besonderen Befehl Hitlers gegeben habe[7], gestehen andere zu, dass eine Entscheidung oder ein Befehl Hitlers erfolgte. Dieser habe jedoch nicht die „Endlösung“ in Gang gesetzt, sondern vielmehr bereits getroffene Entscheidungen und Maßnahmen zur Ermordung der Juden autorisiert bzw. legitimiert.[8]

Folgendes Problem tritt bei diesen „starren“ Forschungsrichtungen zutage[9]: während die „Intentionalisten“ die Rolle Hitlers und seiner Ideologie überbewerten und den gegebenen historischen Situationen, die möglicherweise die Entscheidungen Hitler und seiner Untergebenen beeinflussten, zu wenig Platz in ihren Überlegungen einräumen, legen die „Funktionalisten“ andererseits zu viel Gewicht auf die einzelnen historischen Umstände und scheinen Hitlers Rolle zu „verharmlosen“.[10]

Aus dieser Problemlage heraus entwickelten verschiedene Historiker Ansätze und Überlegungen, die beide „Forschungsrichtungen“ miteinander verbinden. Einerseits sprechen sie Hitler eine zentrale Rolle im Entscheidungsprozess zur Entstehung der „Endlösung“ zu: der Massenmord an den europäischen Juden konnte nur zentral eingeleitet werden – eben durch eine Entscheidung oder einen Befehl Hitlers. Andererseits betonen sie aber auch, dass man diese Entscheidung oder diesen Befehl nicht losgelöst von den verschiedenen konkreten Umständen betrachten kann, die letztendlich dazu führten, dass Hitler eben diese Entscheidung traf.

Ein Ziel dieser Arbeit soll es deshalb zunächst sein, im Sinne dieser „Richtung“ zu fragen, in welchem Kontext und zu welchem Zeitpunkt Hitler möglicherweise die Entscheidung fällte, die Juden Europas zu ermorden.

Bezüglich dieser Frage werden in der Holocaustforschung zum einen Dokumente sowie Aussagen Hitlers und anderer Persönlichkeiten des Dritten Reiches, die mit der Vernichtung der Juden zu tun hatten, herangezogen, aus denen man den Schluss ziehen kann bzw. könnte, dass Hitler zu einem bestimmten Zeitpunkt die besagte Entscheidung fällte. Gleichzeitig wird versucht, daraus auf mögliche Beweggründe Hitlers zu schließen.

Zum anderen wird vermutet bzw. der Schluss gezogen, dass, wenn Hitler eine Entscheidung bezüglich der Vernichtung der europäischen Juden traf bzw. einen entsprechenden Befehl gab, sich dies auch in der „Judenpolitik“ der Nationalsozialisten niederschlagen musste. Unter der Annahme, dass Hitler und die Nationalsozialisten nicht von Beginn an die Absicht hegten, die europäischen Juden zu ermorden, sondern die „Lösung der Judenfrage“ in Maßnahmen wie Vertreibung, Umsiedlung und Deportation sahen, wird nach Anzeichen dafür gesucht, dass es zu einer „Kursänderung“ in der nationalsozialistischen „Judenpolitik“ kam. Hierzu soll auf drei Themenkomplexe näher eingegangen werden: der Ermordung der sowjetischen Juden, den Beginn der Deportationen und die Anfänge für die konkrete Planung zur Vernichtung der Juden.[11]

Daraus ergibt sich eine weitere Frage, auf die abschließend eingegangen werden soll. Es stellt sich das Problem nach dem Platz bzw. nach der Stellung, die ein möglicher Befehl Hitlers innerhalb des Entscheidungsprozesses hatte, welcher zur „Endlösung“ führte. Hier wird sich zeigen, dass dem Befehl Hitlers eine bzw. die zentrale Rolle innerhalb der Entstehung der „Endlösung“ zugeordnet wird.

Ausgehend davon sollen einige Überlegungen angestellt werden, die einen Ansatz dafür bieten sollen, das Problem um einen Befehl Hitlers zur Ermordung der Juden – sowohl bezüglich seiner Existenz, als auch in der Frage seiner Stellung innerhalb der Entstehung der „Endlösung“ – jenseits der intentionalistischen und funktionalistischen Forschungsrichtung zu hinterfragen.

2. Zeitpunkt und Kontext des Hitlerbefehls

Am 30 Januar 1939 erklärte Hitler in seiner berühmt-berüchtigten Reichstagsrede: “Wenn es dem internationalen Finanzjudentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ [12]

In den Augen mehrerer Historiker stellen diese Worte Hitlers nicht nur eine propagandistische Floskel dar, um möglicherweise Druck auf das Ausland auszuüben[13], sondern drückten die feste Absicht Hitlers aus, bei einem erneuten Weltkrieg die europäischen Juden zu ermorden. Zur Charakterisierung ihrer Ansichten, sei hier stellvertretend Philippe Burrin zitiert: „Wie die Intentionalisten bin ich der Ansicht, dass Hitler den Vorsatz hatte, die Juden zu vernichten; diese Absicht war jedoch nicht absolut, sondern an Bedingungen geknüpft: Sie sollte beim Eintreten einer genau definierten Situation verwirklicht werden [...]. Wie die Funktionalisten nehme ich andererseits an, dass die Konstellation von Umständen wesentlich war für die Verwirklichung des Vorsatzes [und] für seine Umsetzung in die Tat [...].“ [14]

Christian Gerlach[15] und Tobias Jersak[16] behaupten so, dass Hitler diese Situation gekommen sah, als die USA in den Krieg eintrat und sich somit der Krieg - entsprechend seinen Worten - zum Weltkrieg ausweitete. Darüber jedoch, wann Hitler beschloss, die europäischen Juden zu vernichten, sind sie unterschiedlicher Meinung. Gerlach stellt die These auf, dass Hitler am 12. Dezember 1941 – also einen Tag nach der Kriegserklärung Deutschlands an die USA – die Entscheidung fällte bzw. bekannt gab, die europäischen Juden zu ermorden. Jersak datiert diesen Beschluss früher. Bereits nach Verkündigung der Atlantikcharta durch Großbritannien und die USA am 14. August 1941 habe Hitler höchstwahrscheinlich am 15. August diese Entscheidung gefällt und in den darauf folgenden Tagen den Mord an den europäischen Juden befohlen.

In der Atlantikcharta verkündeten die USA und Großbritannien dass Hitler den Krieg niemals gewinnen werde. Mit einem Schlag war Hitlers „Programm“ zur Erringung der Weltherrschaft zunichte. Mit einem schnellen Sieg gegen die Sowjetunion hatte Hitler gehofft, Großbritannien zur Aufgabe zu zwingen, um dann gegen die USA – möglichst sogar mit Unterstützung von Großbritannien – Krieg um die Weltherrschaft führen zu können. Dies hatte er noch im Januar 1941 vor den Oberbefehlshabern des Heeres dargelegt.[17] Nun aber war klar, dass sich Großbritannien - egal wie schnell man den Feldzug im Osten beenden würde - auch bei einer Niederlage der Sowjetunion nicht aus den Krieg zurückziehen und die USA über kurz oder lang in diesen eingreifen würden.

Diese Erkenntnis Hitlers hatte nach Jersak sofort Auswirkungen auf seine militärische Strategie im Osten. Am 15. August stoppte Hitler den Vormarsch auf Moskau.[18] Nicht mehr der schnelle Sieg gegen die Sowjetunion stand nun im Vordergrund, sondern die Sicherung der sowjetischen Industrie- und Rohstoffquellen, um diese für den kommenden „Weltkrieg“ gegen die USA nutzen zu können.[19] Erst am 5. September machte er diesen Schritt wieder rückgängig, als er nach Jersak begriff, dass keine sofortige alliierte Invasion drohte.[20] Am 11. September stoppte Hitler außerdem das für einen Krieg gegen die USA ausgerichtete Rüstungsprogramm[21], welches er erst am 14. Juli angesichts des erwarteten schnellen Sieges gegen die Sowjetunion erlassen hatte.

Die Hauptschuldigen für diese Situation – konkret die Schuldigen hinter dem Zustandekommen der Atlantikcharta[22] - waren in Hitlers Augen die Juden. In Hitlers Ideologie stellten sie die treibende Kraft hinter den Feinden Deutschlands dar. Hitler glaubte an eine „jüdische Weltverschwörung“, deren Ziel es sei, die nationalsozialistische Herrschaft und die „arische Rasse“ zu zerstören.

Aus dieser eingeschränkten ideologischen Sicht stellte nach Jersak die Verkündung der Atlantikcharta eben jene Entfesselung eines weiteren Weltkriegs dar, von dem Hitler in seiner Prophezeiung am 31.Januar 1939 gesprochen hatte. „Nicht mehr der der Griff nach der nun in weite Ferne gerückten Weltherrschaft hatte angesichts einer für real gehaltenen „jüdischen Verschwörung“ Priorität, sondern die reale Umsetzung einer phantastischen Prophezeiung, die für genau diesen Fall die physische Vernichtung der europäischen Juden angekündigt hatte...“ [23]

Jersak führt an, dass es am 18. August 1941 zu einem Treffen zwischen Hitler und Goebbels kam, über das Goebbels im Anschluss schrieb: „ Wir redeten über das Judenproblem. Der Führer ist der Überzeugung, dass seine damalige Prophezeiung im Reichstag, dass, wenn es dem Judentum gelänge, noch einmal einen Weltkrieg zu provozieren, er mit der Vernichtung der Juden enden würde, sich bestätigt. Sie bewahrheitet sich in diesen Wochen und Monaten mit einer fast unheimlich anmutenden Sicherheit. Im Osten müssen die Juden die Zeche bezahlen; in Deutschland haben sie sie zum Teil schon bezahlt und werden sie in Zukunft noch mehr bezahlen müssen .[24]

Am 16. August 1941 hatte sich Hitler außerdem mit Himmler getroffen und am 19. August mit Göring. Am 20. August kam es zu einer höchst ungewöhnlichen Zusammenkunft zwischen Himmler und Göring. Auch wenn im Einzelnen über die Themen, die auf diesen Treffen behandelt wurden, nichts bekannt ist, ist sich Jersak sicher, dass es um die „Judenfrage“ ging und Hitler seinen Paladinen in diesem Tagen seine Entscheidung mitteilte, die europäischen Juden zu ermorden.[25]

Gleichwohl stimmt Jersak Gerlach insofern zu, als dass Hitler nach seiner Entscheidung im August 1941, diese im Dezember 1941 - nachdem der Krieg faktisch zum Weltkrieg geworden war - „öffentlich“ bekannt gab.[26]

Nach Gerlach verkündete Hitler seine Entscheidung, die europäischen Juden zu vernichten, am 12. Dezember 1941 auf einer Tagung der Reichs- und Gauleiter der NSDAP. Auf dieser waren nach Gerlach „... entscheidende politische Figuren für die Ermordung der europäischen Juden und damit gleichzeitig die Chefs der Verwaltung aller Gebiete, in denen bis dahin und später die Zentren der Judenvernichtung

lagen...“ [27] anwesend. Nach den Aufzeichnungen Goebbels erklärte Hitler: „Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, dass, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung der Juden muss die notwendige Folge sein.“ [28]

Das Hitler an diesem Tag tatsächlich seine Entscheidung bekannt gab, die europäischen Juden zu vernichten, belegen nach Gerlach eine Reihe weiterer verschiedener Dokumente oder Aussagen von hoch stehenden NS-Persönlichkeiten, die mit der Judenvernichtung zu tun hatten.

So schreibt Viktor Brack, der Chef der „Aktion T4“, in einem Brief an Hitler vom 23. Juni 1942, dass er Globocnik zum zweiten Mal Personal für die Vernichtungslager der von ihm geleiteten „Aktion Reinhard“ zur Verfügung gestellt habe und fügt an: „Bei dieser Gelegenheit vertrat Brigadeführer Globocnik die Auffassung, die Judenaktion so schnell wie nur irgend möglich durchzuführen, damit man nicht eines Tages mitten drin steckenbliebe, wenn irgendwelche Schwierigkeiten ein Abstoppen der Aktion notwendig machen. Sie selbst, Reichsführer, haben mir gegenüber seinerzeit schon die Meinung geäußert, dass man aus Gründen der Tarnung so schnell wie möglich arbeiten müsse.“[29]

Nach Gerlach meint Brack hier eine mündliche Unterredung mit Hitler. Aus dem Terminkalender Himmlers für 1941 und 1942 und dem Terminkalender seines persönlichen Adjutanten Grothmann für 1942 hatte solch ein Treffen zum letzten Mal am 14. Dezember 1941 stattgefunden, bei dem es um den „Kurs im Ostministerium“ und um „Euthanasie“ ging. Nach Gerlach ist es so wahrscheinlich, dass Hitler und Brack an diesen Tag über die Vernichtung der europäischen Juden sprachen.

In einem Vermerk Rosenbergs vom 16. Dezember über ein Treffen mit Hitler zwei Tage zuvor, bei dem Rosenberg Hitler ein Redemanuskript zur Genehmigung vorlegte heißt es weiter: „Über die Judenfrage sagte ich, dass die Anmerkungen über die New Yorker Juden vielleicht jetzt nach der Entscheidung etwas geändert werden müssen. Ich stände auf dem Standpunkt, von der Ausrottung des Judentums nicht zu sprechen. Der Führer bejahte diese Haltung und sagte, sie hätten uns den Krieg aufgebürdet und sie hätten die Zerstörung gebracht, es sei kein Wunder, wenn sie die Folgen zuerst träfen.“[30]

Mit der „Entscheidung“ meinte Rosenberg jedoch nicht den Kriegseintritt der USA, da kein Grund bestand, deswegen antijüdische Drohungen zu unterlassen. Vielmehr sei nach Gerlach Hitlers Entschluss gemeint gewesen, die europäischen Juden zu ermorden.

Das eine Entscheidung Hitlers allein auf die Verkündung der Atlantikcharta zurückzuführen ist, wird von Klaus Jochen Arnold bestritten.[31] Zwar zeigte die Atlantikcharta, dass die USA über kurz oder lang in den Krieg eingreifen würden, aber Hitler rechnete nach Arnold auch schon vorher fest damit, wie einige Aussagen Hitlers belegen.[32] Wichtig war deshalb für Hitler ein Sieg gegen die Sowjetunion, um mit der „Eroberung von Lebensraum im Osten“ die Basis für eine weitere Kriegsführung gegen die USA zu schaffen.[33] Aus diesem Grund, so Arnold, kam es bereits ab Ende Juli – und nicht erst wie Jersak behauptet Mitte August – zu Reibereien zwischen Hitler und dem Oberkommando der Wehrmacht über die Ziele des Russlandfeldzugs.[34] Während die Generäle darauf drängten, Richtung Moskau zu marschieren, um den Krieg gegen die Sowjetunion schnell zu beenden, strebte Hitler die Eroberung der wirtschaftlich wertvollen Süd- und Nordgebiete der Sowjetunion an. Angesichts des zunehmenden russischen Widerstandes ab Juli/August 1941, der hohen deutschen Verluste und der Erkenntnis, dass man die Stärke der Roten Armee in fataler Weise unterschätzt hatte, kamen Hitler und die Militärs zunehmend zu der Einsicht, dass man die Sowjetunion nicht wie erhofft in einem „Blitzkrieg“ besiegen könne und der Krieg über das Jahr 1941 hinausgehen würde.[35]

Diese Einsicht verstärkte sich bei Hitler im August/September so sehr, dass er den Krieg gegen die Sowjetunion möglicherweise als verloren ansah, was sich nach Arnold aber letztlich nicht beweisen lässt. In dieser Situation sah sich laut Arnold Hitler zum einem veranlasst, die Stoßrichtung des Ostfeldzuges in Richtung der sowjetischen Industriegebiete zu lenken, da deren Eroberung für die bevorstehende Auseinandersetzung mit den USA und auch für die Führung eines längeren Krieges gegen die Sowjetunion unerlässlich waren. Zum anderen könnte Hitler unter dieser Situation, in der er kurzzeitig in den „Abgrund der Niederlage“ blickte, den Mord an den europäischen Juden befohlen haben.[36] Allein auf die Verkündung der Atlantikcharta ist dies laut Arnold jedoch nicht zurückzuführen.[37]

Auch Burrin sieht einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem schlechten Verlauf des Russlandfeldzuges und einer möglichen Entscheidung Hitlers, die europäischen Juden zu vernichten. Er geht von der Annahme aus, dass sich Hitlers Antisemitismus infolge der deutschen Kriegsniederlage von 1918 in eine „zentrale Besessenheit“ verwandelte. Die Hauptschuldigen für die Niederlage Deutschlands waren in Hitlers Augen die Juden. In Hitler verfestigte sich so die Absicht bzw. Vorstellung, bei der geringsten Gefahr eines dem von 1914-1918 vergleichbaren totalen Krieges und der Möglichkeit einer erneuten deutschen Niederlage Rache an den Juden zu nehmen. Bereits im September 1935 drückte Hitler nach Burrin diese Absicht gegenüber Walter Gross aus, dem Leiter des Rassepolitischen Amtes der NSDAP. Laut Gross erklärte Hitler in einem Gespräch zur „Judenfrage“, dass das letzte Ziel die Vertreibung der Juden aus Deutschland sei. Dann erklärte Hitler jedoch, dass er im Falle eines „Krieges auf allen Fronten zu allen Konsequenzen bereit sei.“ [38] Die gleiche Absicht drückte sich wieder in der bereits zitierten Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 aus und sollte von Hitler in den Jahren danach noch mehrmals wiederholt werden. Solange Hitler Erfolg hatte, gedachte Hitler nach Burrin die „Judenfrage“ durch Vertreibung und Deportation zu lösen. Sobald jedoch seine Ziele gefährdet waren, sei er bereit gewesen, die Juden zu vernichten.

Burrin behauptet so, dass Hitler und die Nationalsozialisten bis zum Sommer 1941 die „Lösung der Judenfrage“ in Maßnahmen wie Vertreibung, Umsiedlung und Deportation gesehen hätten.[39] Dann jedoch, als der Russlandfeldzug ins Stocken kam und Hitler einsehen musste, dass man die Sowjetunion nicht wie erwartet in einem „Blitzkrieg“ besiegen konnte und man außerdem mit dem Kriegseintritt der USA rechnen musste, habe Hitler seine schon lange gehegte Absicht wahr gemacht und Mitte September 1941 den Mord an den europäischen Juden befohlen.[40]

Für seine Behauptung bringt Burrin mehrere Dokumente vor, von denen zwei hier genannt werden sollen. Sein wichtigstes „Beweisstück“ ist eine Mitteilung Heydrichs an das Oberkommando des Heeres vom 6. November 1941, in der es um die Sprengstoffanschläge auf mehrere Pariser Synagogen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober ging, die von einer Gruppe französischer Kollaborateure unter Eugéne Deloncle mit der Zustimmung Heydrichs ausgeführt wurden. Der Pariser Wehrmachtkommandeur in Frankreich, Otto von Stülpnagel, beschwerte sich in Berlin über diese Eigenmächtigkeit Heydrichs. In seiner Antwort an Stülpnagel – in eben jenen Brief vom 6. November 1941 – entgegnete Heydrich, dass er Deloncles Vorschläge „... erst in dem Augenblick angenommen [hätte], als von höchster Stelle, mit aller Schärfe, das Judentum als der verantwortliche Brandstifter in Europa gekennzeichnet wurde, der endgültig verschwinden muss.“[41] Da der Anschlag Anfang Oktober erfolgte, lassen Heydrichs Worte „... erst in dem Augenblick...“ und die Überlegung, dass die Vorbereitungen für das Attentat ein bis zwei Wochen gedauert haben dürften, nach Burrin auf ein Datum Mitte September für einen möglichen Befehl Hitlers – den nur dies konnten nach ihm die Worte „von höchster Stelle“ bedeuten –schließen.[42]

Als weitere Belege führt Burrin eine Diskussion Heydrichs mit Gauleiter Meyer vom 4. Oktober 1941 an. Heydrich führte die Frage an, ob Rosenbergs Ministerium für die besetzten Ostgebiete noch eigene Beauftragte für jüdische Angelegenheiten ernennen wolle oder ob diese Aufgabe nicht gänzlich der SS übertragen werden sollte. Entscheidend ist für Burrin hierbei das Wort „noch“, das darauf hinweist, dass sich Heydrich und die SS am Beginn eines umfangreichen Unternehmens – eben der Vernichtung aller europäischen Juden – befanden. Außerdem äußerte Heydrich Bedenken darüber, dass viele Unternehmen nicht bereit seien, auf jüdische Arbeitskräfte zu verzichten.[43] Dies mache nach Heydrich „... den Plan einer totalen Aussiedlung der Juden aus den von uns besetzten Gebieten zunichte...“. Nach Burrin konnte die „totale Umsiedlung“ nicht anderes bedeuten als Vernichtung. Denn

„... wohin konnten sie mitten im Krieg ausgesiedelt werden? Und welchem Schicksal, wenn nicht dem Tod, waren die Juden geweiht, die man aus ganz Europa in eine Region schicken wollte, in der die jüdische Bevölkerung soeben unterschiedslos ermordet wurde?“ [44]

Hier stellt sich die Frage, inwieweit Hitler bereits im August/September 1941 voraussah bzw. voraussehen konnte, dass der Krieg länger dauern würde und die Gefahr einer Niederlage bestand. Ende September 1941 wurde mit der Einnahme Kiews und der Gefangennahme von 665 000 sowjetischen Soldaten der Ukrainefeldzug erfolgreich beendet. Anfang Oktober begann das „Unternehmen Taifun“, in dessen Verlauf die Deutschen am 7. Oktober Wjasma und Brjansk einkesseln und weitere 673 000 sowjetische Soldaten gefangen nehmen konnten. Erst Ende Oktober zerschlugen sich die Hoffnungen der Deutschen auf einen schnellen Sieg.

Im Sinne Burrins schlägt Saul Friedländer[45] deshalb eine modifizierte Interpretation vor. Die Nationalsozialisten hatten den Krieg gegen die Sowjetunion mit einer ungeheuren Siegeszuversicht begonnen. Man war sich sicher, dass man in wenigen Wochen vor Moskau stehen würde, wie u. a. verschiedene Äußerungen Hitlers belegen. Im Laufe des Sommers zerschlugen sich jedoch die Hoffnungen auf einen schnellen Sieg. Zwar verlief der Feldzug immer noch erfolgreich, wie der Sieg in der Schlacht um Kiew zeigte, doch erwies sich der sowjetische Widerstand ungleich härter als erwartet und Erfolge konnten nur unter hohen eigenen Verlusten erkämpft werden. Vor dem Hintergrund des sich immer länger hinziehenden Krieges und den hohen deutschen Verlusten hätte Hitler in seiner maßlosen Wut gegen die Juden - die in seinen Augen die Verantwortlichen für diese Situation waren - schließlich im September den Mord an den europäischen Juden befohlen: das vergossene deutsche Blut sollte gerächt werden.[46]

Es zeigt sich also bis hierher, dass, wie in der Einleitung angesprochen, die Quellenlage recht unterschiedliche Meinungen über Zeitpunkt und Kontext eines möglichen Befehl Hitlers zur „Endlösung“ zu läst. Jede der hier dargestellten Ansichten scheint für sich plausibel, eine grundsätzliche Kritik bis hierher nur bedingt möglich. Gleichwohl lässt sich zumindest dahingehend ein Kontext feststellen, dass Hitler unter dem Eindruck vermehrter deutscher Rückschläge, dem sich immer länger hinziehenden Krieg und der Aussicht auf das Eintreten der USA in den Krieg den Befehl zur Ermordung der europäischen Juden gegeben habe.

Ein zweiter Schritt muss es deshalb sein, nach Anzeichen dafür zu suchen, dass nach einem möglichen Befehl Hitlers ein Wandel in der „Judenpolitik“ der Nazis erfolgte bzw. das ein entsprechender Wandel auf einen Befehl Hitlers hindeutet.

Auch hier wird sich zeigen, dass die Ereignisse unterschiedliche Interpretationen zulassen. So greifen Jersak und Burrin - sicher auch dadurch bedingt, dass die von ihnen behaupteten Zeitpunkte für einen Befehl Hitlers dicht nebeneinander liegen - teilweise auf die gleichen Argumente zurück. Selbst Browning[47] - auf dessen Thesen erst an dieser Stelle eingegangen werden soll, da er im wesentlichen den zweiten Argumentationsweg beschreitet - bringt die selben Punkte wie Jersak und Burrin vor, obwohl er eine gänzlich andere Meinung vertritt. Er kommt zu dem Schluss, dass sich Hitler in der Begeisterung über einen scheinbaren Sieg gegen die Sowjetunion bereits im Juli 1941 entschloss, den in der Sowjetunion bereits begonnenen Massenmord an den Juden auch auf das übrige Europa auszudehnen.[48] Hierbei stellt er - entsprechend seiner These - eine auffällige Parallelität von Sieg und Radikalisierung fest, die in den folgenden Monaten einsetzte. Seine Thesen sollen nach und nach auf den folgenden Seiten entfaltet werden.

3. Die Auswirkungen des Hitlerbefehls

3. 1. Die Ermordung der sowjetischen Juden

In der Holocaustforschung ist man inzwischen zu der Ansicht gelangt, dass vor dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kein allgemeiner Befehl zur Vernichtung der sowjetischen Juden vorlag.[49]

Burrin schlussfolgert so daraus, dass es so zumindest bis zu diesem Zeitpunkt auch kein Befehl Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden gegeben haben konnte.[50] Erst Anfang und dann massiv Mitte August 1941 erhöhten sich die Opferzahlen um das vielfache, d. h. es wurden nicht mehr nur jüdische Männer ermordet, sondern man bezog auch jüdische Frauen und Kinder in die Vernichtung ein.[51] Man kann also daraus schließen, dass um diese Zeit neue Planungen einsetzten. Im Sinne Burrins könnte man so behaupten, dass bei den Deutschen eine wachsende Wut und Frustration über die hohen deutschen Verluste und den scheinbar ungebrochenen Widerstand der sowjetischen Armee dazu führte, dass man die Morde an den sowjetischen Juden ausweitete.[52] Gleichwohl versäumt er es, auf die Rolle Hitlers einzugehen und auch die zeitliche Distanz zu dem von ihm vermuteten Befehl Hitlers Mitte September scheint unter diesem Bezug problematisch.[53]

Erschwerend kommt hinzu, dass die Planungen für die Ausweitung der Morde offenbar bereits Mitte bis Ende Juli 1941 begannen. Zu dieser Zeit erfolgte - auf einen Befehl Himmlers hin - die massive Verstärkung der für die Morde zuständigen Einsatztruppen um mehr als 16 000 Mann und zahlreicher „Hilfswilligenverbände“.[54] Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Nazis jedoch noch in der Überzeugung, den Feldzug gegen die Sowjetunion in Kürze siegreich beenden zu können. Burrins These, dass sich Hitler und die Nationalsozialisten angesichts anhaltender Misserfolge und der Aussicht auf einen langen Krieg für die Vernichtung der Juden entschlossen, scheint an dieser Stelle also wenig schlüssig.

Jersak vermutet hinter der Erhöhung der Einsatzgruppen die Absicht Himmlers, so viele Juden wie nur möglich zu vernichten, damit nach dem Ende des Krieges - das wie gesagt zu dieser Zeit in Bälde erwartet wurde - weniger Juden deportiert werden mussten.[55] Gleichzeitig führt er an, dass sich die Zahl der ermordeten sowjetischen Juden erst in dem Augenblick massiv erhöhte, als Hitler Mitte August 1941 den Befehl zur Ermordung der europäischen Juden fällte. Dies sei nach Jersak das deutlichste und unmittelbarste Anzeichen dafür, dass Hitler den Befehl tatsächlich erteilte.[56] Doch auch hier klafft eine argumentative Lücke, den Jersak kann nicht zeigen bzw. geht nicht darauf ein, dass oder ob Himmler nicht weiterhin mit der ihm vom Juli unterstellten Absicht die sowjetischen Juden ermorden ließ. Schließlich habe Himmler nach Jersak in der Erwartung eines baldigen Sieges gegen die Sowjetunion gehandelt, während die Beweggründe dafür, das Hitler Mitte August den Befehl zur Ermordung der europäischen Juden erteilte, diesem Intention nach der Ansicht Jersaks entgegengesetzt waren.

Eine andere Möglichkeit wird so von Browning in Betracht gezogen. Wie Jersak behauptet er, dass die Ausweitung der Morde an den sowjetischen Juden auf die Siegeserwartungen der Nationalsozialisten zurückzuführen waren. Mitte Juli vollendete die Heeresgruppe Mitte hinter Smolensk ihre Zangenbewegung und im Süden durchbrach sie die ukrainische Front. In dieser Phase ließ Hitler nach Browning Himmler und Heydrich wissen, dass er die Vernichtung der sowjetischen Juden wünsche.[57] Browning führt dazu ein Besprechung Hitlers mit Göring, Lammers, Rosenberg und Keitel vom 16. Juli an, in der sich Hitler fest davon überzeugt zeigte, dass der Sieg gegen die Sowjetunion kurz bevorstehe. Er sprach über seine Pläne mit den neu gewonnenen Gebieten und erklärte: „Der „Riesenraum [müsse] so rasch wie möglich befriedet werden, [und zwar am besten dadurch], dass man jeden der nur schief schaue, totschiesse.“[58] Seine Absicht sei es, aus ihnen einen (deutschen) „Garten Eden“ zu machen. Wenn auch Hitler keinen expliziten Befehl aussprach, so hatten seine Worte doch einen unmissverständlichen Ton: Welchen Platz - so Browning - hätten die Juden wohl in diesem „deutschen Garten Eden“?

Himmler, der sich vom 15. bis zum 20. Juli in der Wolfsschanze aufhielt, ein Protokoll dieser Besprechung bekam und wohl auch mit Hitler persönlich sprach, ging in den nächsten Tagen daran, dem Wunsch Hitlers nachzukommen und befahl - wie oben geschildert - die Vergrößerung der Einsatzgruppen, damit die Vernichtung der sowjetischen Juden bewerkstelligt werden konnte.

3. 2. Der Beginn der Deportationen

Jersak und Burrin führen zur Untermauerung ihrer Thesen an, dass Hitler im Sommer und Frühherbst 1941 einige seiner alten Positionen bezüglich der „Judenfrage“ aufgab, die er bisher hartnäckig gegen seine Untergebenen verteidigt hatte.

Bis Mitte August 1941 lehnte es Hitler ab, die Juden im Reich zu kennzeichnen und zu deportieren, so lange der Krieg nicht beendet war. Über ein Gespräch mit Hitler am 18. August berichtete Goebbels, dass er sich ihm gegenüber in diesen Punkten durchsetzen konnte: „In der Judenfrage kann ich mich beim Führer vollkommen durchsetzen. Er ist damit einverstanden, dass wir für alle Juden im Reich ein großes sichtbares Judenzeichen einführen, das von den Juden in der Öffentlichkeit getragen werden muss, so dass also dann die Gefahr beseitigt wird, dass die Juden sich als Meckerer und Miesmacher betätigen können, ohne überhaupt erkannt zu werden. [...] Im Übrigen sagte der Führer mir zu, die Berliner Juden so schnell wie möglich, sobald sich die erste Transportmöglichkeit bietet, von Berlin in den Osten abzuschieben...“ [59]

Für Jersak belegen diese Worte eindeutig einen Strategiewechsels Hitlers. Im ursächlichen Zusammenhang damit steht nach ihm die Verkündung der Atlantikcharta und der daraus resultierende Entschluss Hitlers vom 15. August 1941, die europäischen Juden zu ermorden. Denn noch kurz zuvor, auf Konferenzen am 13. und 15. August 1941 wurde Hitlers alte Position vertreten. Das die Kennzeichnung und Deportationen der Juden aus dem Reich tatsächlich der Vorbereitung auf ihre Vernichtung diente, belegt nach Jersak auch, dass Hitler gleichzeitig die juristische Zuständigkeit für die „Judenfrage“ dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und der SS übertrug.[60] Außerdem führt er die Worte des Rassereferenten im Reichsinnenministeriums Lösener an, der am 20 August berichtete: „Soeben wird mir [...] mitgeteilt, das Reichsminister Dr. Goebbels bereits beim Führer Vortrag gehalten hat und dieser sich grundsätzlich mit der Kennzeichnung der Juden im Altreich als Vorbereitung für weitere Maßnahmen (!) einverstanden erklärt habe.“[61]

Doch kann man hier einwenden, dass mit „ für weiteren Maßnahmen“ nicht zwingend die Vernichtung der Juden gemeint gewesen sein muss, sondern möglicherweise - was nach den Worten Goebbels auch nahe liegt - die Deportation. Gleichzeitig kann man anführen, dass es sich bei der von Hitler genehmigten Deportationen nur um eine Deportation der Berliner Juden handelte und sie außerdem erst nach dem Krieg beginnen sollte.[62]

Tatsächlich schien Hitler erst ab Mitte September gewillt gewesen zu sein, die Deportation der Juden zu genehmigen. Am 18. September teilte Himmler dem Gauleiter des Warthegaus, Arthur Greiser mit, dass „der Führer wünscht, dass möglichst bald das Altreich und das Protektorat von Westen nach Osten von Juden geleert und befreit werden.“

Am 24. September traf sich Hitler mit Himmler, Goebbels und Heydrich. Goebbels berichtete anschließend darüber: „Der Führer ist der Meinung, dass die Juden nach und nach aus ganz Deutschland herausgebracht werden müssen. Die ersten Städte, die nun judenfrei gemacht werden sollen, sind Berlin, Wien und Prag [...] Das wird der Fall sein können, sobald wir im Osten zu einer Bereinigung der militärischen Fragen gekommen sind.“

Am 6. Oktober sagte Hitler: „Alle Juden müssen aus dem Protektorat entfernt werden, und zwar nicht erst ins Generalgouvernement, sondern gleich weiter nach Osten. [...] Mit den Protektoratsjuden sollen gleichzeitig alle Juden aus Berlin und Wien verschwinden.“

Am 10. Oktober verkündete Heydrich in Prag: „Der Führer wünscht, das noch Ende d[es] J[ahres] möglichst die Juden aus dem deutschen Raum herausgebracht sind.“ [63]

Der erste Transport ging schließlich am 15. Oktober aus Wien ab, drei Tage später aus Berlin. Vom 15. Oktober bis zum 4. November 1941 brachten 20 Züge Juden aus dem Reich nach Lodz, spätere Züge gingen nach Kowno, Minsk und Riga. Bis Ende Februar 1942 belief sich die Zahl der „Judentransporte“ auf 46.

Offenbar kam es also ab Mitte September dazu, dass sich Hitler für die Deportation der Juden zunehmend offener zeigte - für Burrin ein Zeichen dafür, dass Hitler um diese Zeit den Befehl zur Ermordung der europäischen Juden erteilte[64].

Browning hingegen stellt den Beginn der Deportationen gemäß seiner These in Zusammenhang mit den militärischen Erfolgen der Deutschen. Noch am 18. August hatte er sich den Vorschlägen Goebbels zur sofortigen Deportation der Berliner Juden widersetzt. Zur gleichen Zeit fand eine Auseinandersetzung zwischen Hitler und seinen Generälen über die weiteren Ziele des Russlandfeldzuges statt. Als im September schließlich der Feldzug in der Ukraine mit der Einnahme Kiews und der Gefangennahme von 665 000 sowjetischen Soldaten erfolgreich beendet werden konnte, genehmigte Hitler die Deportation der Reichsdeutschen Juden. Anfang Oktober startete schließlich das „Unternehmen Taifun“, in dessen Verlauf Wjasma und Brjansk eingekesselt und weitere 673 000 Soldaten der Roten Armee gefangen genommen werden konnten. Als am 15. Oktober die letzten Widerstände im Kessel von Wjasma erstarben, ging der erste Deportationszug aus Wien Richtung Osten.[65] Sieht man diese Zusammenhänge, erscheint Brownings These also durchaus plausibel.

Gleichwohl kann man daraus, dass Hitler Mitte September 1941 die Deportation der deutschen Juden genehmigte und diese dann Mitte Oktober 1941 anrollten noch nicht zwingend den Schluss ziehen, dass Hitler - nach Jersak am 15. August, nach Burrin Mitte September - die Vernichtung der Juden befohlen hatte.

Verschiedene Aktivitäten der Nationalsozialisten Ende Sommer/Anfang Herbst 1941 zeigen jedoch, dass möglicherweise ein Befehl Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden erfolgt war und entsprechende Planungen begonnen hatten.

3. 3. Der Beginn der Vernichtungsplanungen

Am 24. August stoppte Hitler die „Aktion T-4“. Burrin sieht den Hauptgrund dieses Schrittes Hitlers darin, dass Hitler weitere Diskussionen und Proteste um die Euthanasieaktion verhindern wollte, wie sie z. B. vom Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen vorgebracht wurden. Eine weitere Verwendung für die „Euthanasieexperten“ habe Hitler zunächst nicht im Sinn gehabt.[66]

Demgegenüber behauptet Jersak, dass der wahre Grund für den Stopp der „Aktion T-4“ der war, dass die Erfahrungen der Vergasungsspezialisten nun für eine größere Aufgabe – eben die Vernichtung der Juden - gebraucht wurden.[67] So meldeten sich Viktor Brack, den Hitler 1939 mit der „Aktion T-4“ beauftragt hatte, am 28. August 1941 beim Chef des Wirtschaftsrüstungsamtes und bat um „… Unterstützung […] für die Durchführung des Sonderauftrags des Führers.“ [68]

Am 18. August traf sich Himmler außerdem mit dem Reichsarzt-SS und Polizei, SS-Gruppenführer Dr. Ernst Robert Grawitz und teilte ihm nach Jersak höchstwahrscheinlich mit, dass Hitler die Vernichtung der Juden befohlen habe. Auf Himmlers Frage, wie dies am besten durchzuführen sei, empfahl Grawitz Gaskammern.[69] Am 3. September begannen dann erste „Probevergasungen“ in Auschwitz.

Betrachtet man diese Zusammenhängen erscheinen also Jersaks Annahmen durchaus nachvollziehbar und auch seine These, dass Hitler am 15. August beschlossen habe, die europäischen Juden zu vernichten, würde dadurch gestützt.

Gleichfalls plausibel erscheint jedoch die Ansicht von Burrin. Er nimmt an, dass die Mannschaft der „Aktion T-4“ zunächst tatsächlich entlassen wurde und erst einige Wochen später reaktiviert wurde, also ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem Hitler nach Burrin den Befehl zur Ermordung der europäischen Juden erteilte. Nach einem Gespräch zwischen Bouhler und Himmler wurden die „Euthanasieexperten“ zu Odilo Globocnik, dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin abkommandiert. Bouhler und Brack suchten ihn wahrscheinlich im September auf, Christian Wirth, der spätere Kommandant von Belzec und Inspekteur der drei Vernichtungslager im Generalgouvernement, wurde ihm im Spätsommer 1941 zugeteilt und begann Ende Oktober mit der Errichtung des Lagers Belzec.

Anfang Oktober begann außerdem der SS-Hauptsturmführer Herbert Lange von der Gestapo Posen im Wartheland nach einem geeigneten Gelände zur Vernichtung der Juden zu suchen. Ende Oktober richtete sich ein SS-Kommando in dem Ort kleinen Chelmno bei Lodz ein und begann dort ein Lager aufzubauen. Kurze Zeit darauf trafen zwei vom RSHA bestellte Gaswagen ein und ab dem 8. Dezember begannen in Chelmno die ersten systematischen Vergasungen.[70]

Diese Ereignisse im September und Oktober weisen nach Burrin auf eine zentrale Entscheidung Hitlers Mitte September 1941 hin.[71] Zwischen dem 18. September, an dem Hitler die Genehmigung erteilte, die deutschen Juden zu deportieren und dem 18. Oktober 1941, an dem die Emigration der Juden endgültig verboten wurde, stellten Hitler und die Nationalsozialisten gemäß Burrin die entscheidenden Weichen für die Vernichtung der Juden.

Folgendes Problem erscheint hier, auf das Browning aufmerksam macht: nach der Meinung Burrins und auch der von Jersak hätten sich die Nationalsozialisten innerhalb kürzester Zeit für die Vergasung der Juden als bevorzugtes Mittel zur Massentötung entschieden. Nach Burrin erfolgte dies innerhalb von knapp 4 Wochen, folgt man den Ausführungen Jersaks sogar innerhalb von 2 Wochen. Browning hingegen führt an, dass die Verwendung von Vernichtungslagern und Vergasungseinrichtungen keine Erfindung waren, die sich zwangsläufig ergeben mussten, sobald Hitler den Befehl zur Ermordung der Juden gab.[72]

Natürlich kann hier auf die Erfahrungen verwiesen werden, die die Nationalsozialisten bei der Durchführung der „Aktion T-4“ gesammelt hatten. Es zeigt sich auch, dass Burrins und Jersaks Argumentation darauf abzielt. Jersak behauptet, dass der Grund für die Beendigung der Euthanasieaktion darin lag, dass die Vergasungsspezialisten nun für die Ermordung der Juden eingesetzt werden sollten. Burrin führt an, dass man - nach einen entsprechenden Befehl Hitlers - diese sofort in die Planungen zur Vernichtung der Juden einbezog. Es liegt nach ihnen also durchaus die Vermutung nahe, dass die Spezialisten der „Aktion T-4“ Vergasungseinrichtungen ins Spiel brachten, nachdem sie mit der Vernichtung der Juden beauftragt worden waren. Deren Verwendung bei der Ermordung einer großen Anzahl von Menschen hatte sich ja zuvor als „erfolgreich“ erwiesen.

Nach Browning jedoch läst Burrins Szenario und so auch Jersaks Darstellung nicht genug Raum für einen entsprechenden Vorlauf.[73] Die Annahme, dass sich alles innerhalb von ein paar Wochen entschieden hätte, hält er angesichts der beispiellosen „Aufgabe“, die die „Endlösung“ darstellte für unrealistisch. Zwar seien im September und Oktober wichtige Entscheidungen gefällt worden, aber der ursächliche Beschluss Hitlers, die europäischen Juden zu ermorden, sei nach Browning bereits im Juli 1941 erfolgt. Indem Hitler Mitte Juli 1941 zur Vernichtung der sowjetischen Juden aufrief, habe er startete, habe er damit auch eine zweite Entwicklung gestartet: den Entscheidungsprozess zur Vernichtung der europäischen Juden. Damit wurden die Nationalsozialisten mit einer nie da gewesenen Aufgabe konfrontiert, d. h. „... mit jedem Schritt [betraten sie] Neuland. Jede politische Entscheidung war ein Experiment, jeder Akt der Umsetzung ein Probelauf.“[74]

Nachdem Heydrich so von Hitler die Genehmigung für die Erstellung einer Art Machbarkeitsstudie zur „Endlösung“ erhalten hatte, entwarf er nach Browning die berühmte Vollmacht vom 31. Juli 1941[75], die ihn ermächtigte, einen Plan zur totalen „Lösung der Judenfrage“ in Europa auszuarbeiten. „Bis zum Oktober entwickelten die Nationalsozialisten ein klares Konzept, wie sie die „Endlösung“ zunächst durchzuführen gedachten: mittels massenhafter Deportationen in Todesfabriken, die mit Vorrichtungen zur fließbandartigen Tötung durch Giftgas ausgestattet werden sollten.“[76]

In diesem Sinne läst sich nach Browning die gerade geschilderte Entwicklung begreifen, die unter dem Blickwinkel und den Annahmen von Burrin und Jersak nicht ohne Widersprüche bleibt. Am 15. August beauftragte Himmler - nachdem er bei Truppenbesuchen in Russland gesehen hatte, welche psychischen Auswirkungen die Massenerschießungen von Frauen und Kindern hatte - SS-Brigadeführer Arthur Nebe, psychisch weniger belastende Tötungsmethoden zu finden. Diese Versuche führten schließlich zur Herstellung von Gaswagen und den ersten Test mit Zyklon B am 3. September 1941. Zur selben Zeit bezog man die Euthanasieexperten der „Aktion T-4“ in die Planungen mit ein. Im Oktober begann die Deportation der deutschen Juden in Richtung Osten und im selben Monat führten die Nationalsozialisten Vergasungsexperimente im alten Krematorium von Auschwitz durch und suchten einen Platz für das zukünftige Lager bei Chelmno. Dort begannen am 8. Dezember die systematischen Vergasung der Juden aus den umliegenden Landkreisen. Browning vermutet, dass Himmler zur gleichen Zeit das Vernichtungskonzept zur Genehmigung vorlegte.[77]

Aus dieser Betrachtung heraus lassen sich auch die Probleme lösen, sich die aus der Chronologie der Ereignisse ab Herbst 1941 ergeben und von u. a. Christian Gerlach angesprochen werden.[78]

Christian Gerlach behauptet, dass Hitler erst am 12. Dezember den Entschluss gefasst habe, die europäischen Juden zu ermorden und das bis zu diesem Zeitpunkt nicht geplant gewesen wäre, die Juden zu vernichten. Oben haben wir gesehen, dass er für seine erste Behauptung durchaus plausible Argumente vorbringt[79]. Zur Untermauerung seiner zweiten Behauptung führt er die unterschiedliche Behandlung der Deportierten in den verschiedenen Zielorten an. In Lodz und Minsk ließ man die deutschen Juden 1941 am Leben, in Kaunas wurden alle Juden sofort nach ihrer Ankunft erschossen, in Riga die Menschen aus dem ersten Transport ermordet, die später Eintreffenden jedoch teils am Leben gelassen, teils in „kleineren“ Aktionen erschossen. Eine große Menge der Juden starb durch die unsäglichen Lebensbedingungen in den Lagern.[80] Proteste verschiedener deutscher Behörden und örtlicher Zivilverwaltungen führten schließlich dazu, dass Himmler am 30. November die Erschießungen vorläufig stoppte und Heydrich einen Tag zuvor zur Wannsee-Konferenz einlud, um zwischen Staats- und Parteidienststellen über die künftige „Behandlung“ der deutschen und westeuropäischen Juden Klarheit zu verschaffen und eine verbindliche Definition festzulegen, wer als Jude unter sie fallen sollte.[81] Diese Ereignisse zeigen nach Gerlach, dass zu diesem Zeitpunkt ein allgemeiner Befehl zur Ermordung der deutschen und europäischen Juden noch nicht vorlag. Zwar führt er an, dass in vielen Gebieten Osteuropas zu diesem Zeitpunkt die unterschiedslose Ermordung der Juden bereits eingesetzt hatte und sich Vernichtungsanlagen im Bau befanden[82], aber aus der unterschiedlichen Behandlung der deutschen und westeuropäischen Juden folgt nach Gerlach, dass noch kein Befehl zu ihrer Vernichtung vorlag. Hätte es ihn gegeben, so wären alle Juden - folgt man der Implikation Gerlachs - sofort ermordet worden.

Erst nachdem Hitler am 12. Dezember seine Entscheidung fällte, die europäischen Juden zu ermorden und am 20. Januar die nach dem Beschluss Hitlers verschobene Wannsee-Konferenz stattfand, habe nach Gerlach die systematische Massenvernichtung der Juden eingesetzt. In Riga begannen Anfang Februar 1942 offene Selektionen, bei denen „arbeitsunfähige“ Juden erschossen oder in Gaswagen erstickt wurden. In Minsk kündigte der dortige Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Ende Januar an, im Frühjahr mit „starken Exekutionen“ beginnen zu wollen. Anfang Februar deutet Generalkommissar Kube an, die Insassen neuer Judentransporte zu erschießen. Ab März 1942 ging eine neue Deportationswelle Richtung Osten. Zwischen dem 4. und 15. Mai wurden in Chelmno die ersten 10 161 deutschen Juden mit Gas getötet. Am 6. Mai fuhr der erste Transport aus Wien nach Minsk ab. Seine Insassen wurden am 11. Mai 1942 im Lager Trostinez erschossen oder in Gaswagen erstickt.[83]

Gerlachs Argument von der unterschiedlichen Behandlung der deportierten Juden scheint durchaus dafür zu sprechen, dass zu diesem Zeitpunkt noch kein allgemeiner Vernichtungsbefehl existiert hat. Zur Erklärung kann man jedoch auf das „funktionalistische Argumentationsmuster“ zurückgreifen, dass die von ihm angeführten Erschießungen auf örtliche Initiativen zurückzuführen sind. Während - auf Grund eines allgemeinen Vernichtungsbefehls - Planungen zur systematischen Vernichtung der Juden vorangetrieben wurden, hätten sich einige Lagerkommandanten auf Grund der katastrophalen Umstände in den einzelnen Lagern zu der „humanen“ Lösung entschlossen, die Juden sofort zu ermorden, anstatt sie qualvoll verhungern zu lassen. An anderen Orten hätte man sich hingegen nicht so „barmherzig“ gezeigt bzw. war nicht bereit, sich noch „die Finger schmutzig zu machen“, da man um die Vorbereitungen für eine „sauberere“ Lösung wusste. Unter diesem Aspekt kann man also die Annahme von einen allgemeinen Befehl Hitlers zur Vernichtung der Juden weiter aufrechterhalten.

Aus Gerlachs nächstem Argument,, dass es offenbar Auseinandersetzungen darüber gab, welche Juden in den Vernichtungsprozess einbezogen werden sollten, kann man ebenfalls nicht unbedingt zwingend den Schluss ziehen, dass zum Zeitpunkt dieser Debatte kein allgemeiner Befehl zur Ermordung der Juden vorlag. Diejenigen Personen und Stellen, die unmittelbar mit der Vernichtung zu tun hatten - also Himmler, Heydrich, das RSHA u. a. - und durchaus auf Grund eines Beschlusses Hitler vom Sommer oder Herbst 1941 handeln konnten, versuchten von Beginn an, den Kreis der von der Vernichtung betroffenen Juden möglichst groß zu ziehen.[84] Man kann deshalb vermuten, dass sie auch die deutschen und westeuropäischen Juden in den Prozess der Vernichtung einbeziehen wollten. Andere Behörden und Ämter jedoch, die bedingt durch die Komplexität der Aufgabe in den Prozess der Planungen einbezogen werden mussten und auf deren Mithilfe nicht verzichtet werden konnte, hatten demgegenüber andere Vorstellungen, wie die Proteste um die Erschießungen zeigten. Nichtsdestotrotz kann also unabhängig von der Auseinadersetzung darum, welche Juden in die Vernichtung einbezogen werden sollten, ein allgemeiner Befehl Hitlers bestanden haben.

Gleichwohl spricht die Tatsache, dass die systematische, industriell durchgeführte Vernichtung der Juden erst 1942 anlief, offenbar für Gerlachs Annahme einer sehr späten Entscheidung Hitlers zur Judenvernichtung. Mit Browning kann man jedoch entgegnen, dass die Nationalsozialisten mit dieser Art der Massentötung absolutes Neuland betraten. Unter der Annahme einer frühen Entscheidung Hitlers zur Ermordung der Juden und dem dazugehörigen Auftrag, nach Möglichkeiten zu suchen, diese Aufgabe zu bewältigen, hätte es durchaus eine Weile dauern können, bis man sich nach verschiedenen Versuchen und Experimenten für diese Tötungsmethode entschieden hatte. Nach Browning geschah dies Ende November oder Anfang Dezember 1941, als Himmler das Vernichtungskonzept Hitler zur Genehmigung vorlegt. Erst danach - so könnte man mit Browning vermuten - wurde die systematischen Planung zur Ermordung der Juden in den Vernichtungsanlagen begonnen und schließlich umgesetzt. In diesem Sinne könnte man so auch Gerlachs These uminterpretieren, dass Hitler, nachdem er dem Vernichtungskonzept Himmlers und Heydrichs zugestimmt hatte, die Vernichtung der Juden nun auch „öffentlich“ bekannt gab.

4. Schluss: Der Befehl Hitlers im Entscheidungsprozess zur „Endlösung“

Es zeigt sich also, dass es eine Fühle von „Beweisen“ für einen Befehl Hitlers zur Ermordung der europäischen Juden gibt. Diese Fühle erscheint jedoch so groß, dass andererseits die verschiedensten Aussagen darüber gemacht werden können, wann dieser Befehl erfolgte und unter welchen Umständen. Die Masse der Aussagen und Ereignisse lassen jedoch darauf schließen, dass Hitler spätestens Anfang Herbst 1941 die Entscheidung fällte, die Juden Europas zu ermorden.

Es stellt sich nun explizit die Frage nach dem Platz bzw. der Stellung die der Befehl oder die Entscheidung Hitlers im Entscheidungsprozess zur „Endlösung“ hatte. Burrin und Jersak weisen ihm die zentrale Stellung zu, d. h. erst nachdem Hitler den Beschluss gefasst hatte, die Juden zu vernichten, hätten die entsprechenden Planungen zur Vernichtung und deren Durchführung begonnen.[85] Sie sind demnach unmittelbar auf ihn zurückzuführen.

In die gleiche Richtung schlägt Browning. Im Juli 1941 hätte Hitler beschlossen, die europäischen Juden zu ermorden. Die Folge dieses Entschlusses war der Auftrag Görings an Heydrich vom 31. Juli 1941, einen Plan zur totalen „Lösung der Judenfrage“ in Europa auszuarbeiten. Dieser Auftrag sollte nach Browning jedoch „... nicht als die Hitler-Weisung angesehen werden, der die „Endlösung“ fix und fertig entsprang [...]. Es handelte sich eher um einen Auftrag oder einen Befehl, einen Vernichtungsplan auszuarbeiten, zu dessen Ausführung unvermeidlich die Erprobung verschiedener Möglichkeiten, falschen Ansätzen und viele Verzögerungen gehörten.“ [86] Dies machte es nach Browning auch notwendig, dass Hitler eine Reihe weiterer Entscheidungen traf bzw. die von Himmler, Heydrich u. a. eingeleiteten Schritte genehmigte. Erst im Dezember 1941 habe Hitler so das Vernichtungskonzept von Himmler autorisiert, womit die industriell betriebene Vernichtung der Juden zur Praxis erhoben wurde.[87]

Gleichzeitig bringt Browning einen weiteren Punkt ins Spiel: dem nach der Struktur oder der Form eines Befehls Hitlers. Wie die zahlreichen Belege zeigen, scheint Burrin davon auszugehen, dass Hitler Mitte September einen expliziten Befehl zur Ermordung der Juden erteilte.[88] Browning jedoch führt an, dass Hitler oft “... seine Meinung durch relativ vage Äußerungen [signalisierte], die seine Prioritäten, Ziele, Prophezeiungen und „Führerwünsche“ erkennen ließen.“ [89] Allein dies reichte jedoch aus, um Himmler, Heydrich u. a. mit der Judenvernichtung befasste Personen dazu zu bewegen zu handeln: „Bei der politischen Struktur des Dritten Reiches, in dem rivalisierende Paladine um Hitlers Gunst wetteiferten und in dem Maß erfolgreich waren, in dem sie seine Wünsche vorhersahen und erfüllten, brauchten Himmler und Heydrich wenig mehr als ein Kopfnicken Hitlers, um zu begreifen, dass die Zeit reif war für die Einbeziehung der europäischen Juden in die Tötungsaktionen gekommen war.“[90] Wenn auch Hitler keinen expliziten Befehl oder keine explizite Anweisung zur Judenvernichtung gab, so kann man nach Browning doch annehmen, dass seine Äußerungen auf seine Untergebenen faktisch wie einen Befehl wirkte[91]. Und man darf vermuten, dass Hitler darum wusste[92].

Gleichlautendes stellt auch Gerlach fest. Als Hitler am 12. Dezember 1941 seine Entscheidung verkündete, die europäischen Juden zu ermorden, habe es sich in der Form nicht um einen Befehl oder eine Anweisung gehandelt. Nach den Worten Goebbels wiederholte Hitler im Grunde genommen nur seine Prophezeiung vom Januar 1939.[93] Vor dem Zuhörerkreis wirkten Hitlers Worte jedoch wie ein Befehl.[94]

Im Gegensatz zu Burrin, Jersak und Browning, die die Entscheidung Hitlers an den Beginn der Planungen zur Vernichtung der Juden stellen, behauptet Gerlach jedoch, dass Hitler mit seinem Entschluss auf politische Initiativen und Anstöße aus Verwaltung und Parteiapparat reagiert.[95] Dies impliziert, dass auch schon vor Hitlers Entscheidung und unabhängig von ihr Planungen bestanden hätten, die Juden zu vernichten. Hier nimmt bzw. nähert sich Gerlach also der Meinung von Vertretern der funktionalistischen Richtung an, wie sie zum Beispiel von Broszat vertreten wird: „Mir scheint dagegen, dass es überhaupt keinen umfassenden allgemeinen Vernichtungsbefehl gegeben hat, das „Programm“ der Judenvernichtung sich vielmehr aus Einzelaktionen heraus bis zum Frühjahr 1942 allmählich institutionell und faktisch entwickelte und nach der Vernichtungslager in Polen (zwischen Dezember 1941 und Juli 1942) bestimmenden Charakter erhielt.“ [96] Nach dieser Interpretation der Entwicklung habe es keinen Befehl Hitlers bedurft, um den Prozess der Entwicklung in Gang zu bringen.

Gerlach jedoch macht einen entscheidenden Unterschied. Er schreibt Hitlers Entscheidung in dem Sinne eine zentrale Rolle zu, als dass sie zur Folge hatte, „dass die vielen schon bestehenden Ideen, Vorschläge und Initiativen für Vernichtungsaktionen auf regionaler Ebene gestützt, legitimiert, systematisiert wurden und einen neuen Antrieb bekamen.“[97]

Denn letztendlich erwies sich die „Endlösung“ als Versuch der Nationalsozialisten, alle Juden Europas industriemäßig zu ermorden. Auf Grund der Quellenlage scheint ein letztes Urteil darüber, wie es zu dieser Entscheidung kam, nicht möglich. Die Ansicht, dass die Planungen zur Vernichtung der Juden auf einen Beschluss Hitlers zurückzuführen waren, scheint in ihren Grundzügen ebenso plausibel wie die Annahmen zu sein, dass eine Entscheidung Hitlers bereits bestehende Planungen autorisierte oder dass „die Judenvernichtung [...] nicht nur aus vorgegebenen Vernichtungswillen [entstand], sondern auch als „Ausweg“ aus einer Sackgasse, in die [sich die Nationalsozialisten] selbst manövriert hatte[n], [so dass die Liquidierungspraxis] einmal begonnen und institutionalisiert [...] dominierendes Gewicht [erhielt] und schließlich faktisch zu einem umfassenden „Programm“ [führte].“[98]

Bevor jedoch die Vernichtungspraxis zum „Programm“ erhoben werden konnte, bedurfte es - in welcher Form auch immer - eines letzten Befehls oder einer letzten Entscheidung Hitlers.

5. Literaturverzeichnis

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Friedländer, Raul: Vom Antisemitismus zur Ausrottung, in: Jäckel, Eberhard; Rohwer, Jürgen (Hrsg.): Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt am Main 1987, S. 18-60.

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Jersak, Tobias: Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung. Ein Blick auf Hitlers Strategie im Spätsommer 1941, in: HZ 268 (1999), S. 311-374.

Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 2. Aufl., Reinbek 2001.

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Mommsen, Hans: Die Realisierung des Utopischen: Die „Endlösung der Judenfrage“ im „Dritten Reich“, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 381-420.

[...]


[1] Die Quellen hierzu sind jedoch ebenfalls widersprüchlich, vgl. u. a. Browning, Zur Genesis der „Endlösung“. Eine Antwort auf Martin Broszat, in: VfZ 29 (1981), S. 97-109, S. 97ff..

[2] Für einen allgemeinen Überblick vgl. u. a. Burrin, Philippe: Hitler und die Juden. Die Entscheidung für den Völkermord, Frankfurt am Main 1993, S. 9-18; Friedländer, Saul: Vom Antisemitismus zur Ausrottung, in: Jäckel, Eberhard; Rohwer, Jürgen (Hrsg.): Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt am Main 1987, S. 18-64; insb. S. 27-34 und Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek 2001, 2. Aufl., S. 165-208.

[3] Vgl. u. a. Jäckel, Eberhard: Hitlers Herrschaft. Vollzug einer Weltanschauung, 2. Aufl., Stuttgart 1988, insb. S. 89-122.

[4] Über den Zeitpunkt dieses Befehls gibt es allerdings auch hier unterschiedliche Meinungen. Für einen kurzen Überblick vgl. Kershaw, Der NS-Staat (wie Anm. 2), S. 195f..

[5] Sowohl „Funktionalisten“ als auch „Intentionalisten“ betonen dabei aber auch, dass der Plan der Nationalsozialisten, die Juden – sei es nach Madagaskar oder nach einem Sieg gegen die Sowjetunion in Richtung Osten – zu deportieren, die Idee des Völkermordes bereits beinhaltete, vgl. u. a. Kershaw, Ian: Hitler 1936 - 1945, Stuttgart 2000, S. 467.

[6] Vgl. insb. Broszat, Martin: Hitler und die Genesis der „Endlösung“. Aus Anlass der Thesen von David Irving, in: VfZ 25 (1977), S. 739-775; insb. S. 746-759.

[7] Vgl. die klassischen Aufsätze von Broszat, Martin: Hitler und die Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 6) und Mommsen, Hans: Die Realisierung des Utopischen: Die „Endlösung der Judenfrage“ im „Dritten Reich“, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 381-420.

[8] Vgl. Browning, Christopher R.: Zur Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 1).

[9] Vgl.: Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1) S. 14f..

[10] Sie bestreiten aber in keiner Weise die horrende Mitschuld Hitlers an der Entstehung der „Endlösung“. Als politischer und ideologischer Urheber der „Endlösung“ habe er die Maßnahmen gegen die Juden stets zu 100 % gebilligt und autorisiert, vgl. u. a. Mommsen, Die Realisierung des Utopischen (wie Anm. 7), S. 387 u. 399 und Broszat, Die Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 6), S. 756f..

[11] Ich bin mir bewusst, dass hiermit Themen angesprochen werden, die ihrerseits ganze Bücher füllen und eine eigenständige Untersuchung erfordern. Gleichwohl scheint es mir - auch in Bezug auf die Thesen, die in der Forschung vertreten werden - notwendig, auf Fragen zu diesen Komplexen einzugehen, jedoch nur insofern, wie sie das Thema dieser Arbeit betreffen.

[12] Zitiert nach Jersak, Tobias: Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung. Ein Blick auf Hitlers Strategie im Spätsommer 1941, in: HZ 268 (1999) S. 311- 374, S. 315.

[13] Vgl. u. a. Mommsen, Hans: Die Realisierung des Utopischen (wie Anm. 7), S. 390.

[14] Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 18.

[15] Gerlach, Christian: Die Wannseekonferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden, in: Werkstatt Geschichte 18 (1997), S. 7-44.

[16] Jersak, Tobias: Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung (wie Anm. 11).

[17] Vgl. ebenda, S. 319.

[18] Vgl. ebenda, S. 345.

[19] Vgl. ebenda, S. 355.

[20] Vgl. ebenda, S. 362f..

[21] Vgl. ebenda, S. 341.

[22] Vgl. ebenda, S. 361f..

[23] Ebenda, S. 340.

[24] Ebenda, S. 350.

[25] Vgl. ebenda, S. 354f.

[26] Leider ist mir nicht bekannt, ob Gerlach auf den Beitrag Jersaks reagiert hat.

[27] Gerlach, Die Wannseekonferenz (wie Anm. 15), S. 26.

[28] Zitiert nach ebenda, S. 25.

[29] Zitiert nach ebenda, S. 23.

[30] Zitiert nach ebenda, S. 24.

[31] Vgl. Arnold, Klaus Jochen: Hitlers Wandel im August 1941: ein Kommentar zu den Thesen Tobias Jersaks, in: ZfG 48 (2000) 3, S. 239-250, S. 239.

[32] Vgl. ebenda, S. 241.

[33] Vgl. ebenda, S. 242.

[34] Vgl. ebenda, S. 244.

[35] Vgl. ebenda, S. 244ff..

[36] Vgl. ebenda, S. 249.

[37] Vgl. ebenda, S. 250. Arnolds Kritik streift so auch indirekt den Beitrag von Gerlach.

[38] Zitiert nach Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 49.

[39] Vgl. ebenda, S. 135: „Keines der erhaltenen Dokumente [des Sommers 1941] zeigt, dass eine Vernichtung beschlossen oder vorbereitet war; einige lassen im Gegenteil darauf schließen, dass die ins Auge gefasste „Endlösung“ weiterhin die Deportation der Juden in ein Reservat war.“

[40] Vgl. ebenda, insb. S. 154-172.

[41] Zitiert nach ebenda, S. 145.

[42] Vgl. ebenda, S. 144f..

[43] Vgl. ebenda, S. 143f..

[44] Ebenda, S. 144.

[45] Friedländer, Saul: Die Genese der „Endlösung“. Zu Philippe Burrins Thesen, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 1 (1992), S. 166-181.

[46] Vgl. ebenda, S. 176f..

[47] Browning, Christopher R.: Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“: Die Entscheidung zur „Endlösung“, in: Ders.: Der Weg zur „Endlösung“: Entscheidungen und Täter, Bonn 1998, S. 67- 104.

[48] Vgl. ebenda, S. 69.

[49] Die Debatte dazu kann hier verständlicherweise nicht nachvollzogen werden, vgl. hierzu u. a. Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm. 47), S 81-93; Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 106-132 und Friedländer, Die Genese der „Endlösung“ (wie Anm. 45), S. 169-173.

[50] Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 115f..

[51] Zu den Zahlen vgl. ebenda, S. 127..

[52] Vgl. Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm. 47), S. 83.

[53] Vgl. ebenda, S. 93.

[54] Vgl. ebenda, S. 87f..

[55] Vgl. Jersak, Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung (wie Anm. 12), S. 328.

[56] Vgl. ebenda, S. 328f..

[57] Vgl. Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm. 47), S. 101.

[58] Zitiert nach ebenda, S. 86f..

[59] Zitiert nach Jersak, Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung (wie Anm. 12), S. 351.

[60] Vgl. ebenda, S. 351ff.

[61] Zitiert nach ebenda, S. 352.

[62] Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 141f..

[63] Alle zitiert nach Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm. 47), S. 97f..

[64] Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 143.

[65] Vgl. Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm 47), S 100ff..

[66] Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 149f.

[67] Vgl. Jersak, Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung (wie Anm. 12), S. 359f..

[68] Zitiert nach ebenda, S. 360.

[69] Vgl. ebenda, S. 353f..

[70] Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 148.

[71] Vgl. ebenda, S. 149.

[72] Vgl. Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm 47), S. 100.

[73] Vgl. ebenda.

[74] Ebenda, S. 95f.

[75] Interessanterweise geht Jersak mit keinen Wort auf diesen Punkt ein. Burrin sieht in der Vollmacht hauptsächlich die Absicht, Heydrichs Mandat vom Januar 1939 zu ergänzen. Für ihn deutet nichts darauf hin, dass sie die Folge eines Befehls zur Vernichtung der Juden darstellte. Vielmehr haben die die Nationalsozialisten in der „Endlösung“ weiterhin die Deportation der Juden gesehen. So führt er ein Schreiben Heydrichs vom 1. August 1941 an den Justizminister an, in dem es darum ging, dass auf Wunsch Hitlers ein diskriminierendes Strafgesetz für Juden und Polen eingeführt werden sollte, die in den eingegliederten Gebieten lebten. So sollte das Standrecht nicht nur für Polen, sondern auch für die Juden vorgesehen werden: „Wenn auch damit zu rechnen ist, dass in Zukunft in den eingegliederten Ostgebieten keine Juden mehr sein werden, halte ich es doch nach den augenblicklichen Verhältnissen für dringend erforderlich, das Standrecht nicht nur für Polen, sondern auch für Juden anzuordnen.“ Burrin stolpert hier über die Worte „Wenn auch damit zu rechnen ist, dass in Zukunft...“. Diese zeigen nach ihm, dass die Vernichtung der Juden nicht unmittelbar bevorstand bzw. geplant war, da dies sonst eine sehr „... vage Formulierung gewesen [wäre] für jemanden, von dem man annimmt, dass er am Vortag den Befehl zur Vernichtung bekommen habe.“ Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 133ff..

[76] Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm 47), S. 96.

[77] Vgl. ebenda, S. 99f. sowie Browning, Zur Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 1), S. 106f..

[78] Vgl. Gerlach, Die Wannseekonferenz (wie Anm. 14).

[79] Vgl. a.a.O.

[80] Vgl. Gerlach, Die Wannseekonferenz (wie Anm. 14), S. 12ff..

[81] Vgl. ebenda, S. 14ff.

[82] Vgl. ebenda, S. 8f..

[83] Vgl. ebenda, S. 40f.

[84] Vgl. ebenda, S. 20.

[85] Vgl. Jersak, Die Interaktion von Kriegsverlauf und Judenvernichtung (wie Anm. 12), S. 373f.: „Hitler[traf] wohl am 15. August eine ursprüngliche Entscheidung zur Judenvernichtung [...], der alle anderen Entscheidungen nachfolgten.“

[86] Browning, Zur Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 1), S. 108.

[87] Vgl. Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm 47), S. 99.

[88] Vgl. Burrin, Hitler und die Juden (wie Anm. 1), S. 145 und die dort angeführten Worte Heydrichs.

[89] Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm 47), S. 103

[90] Browning, Zur Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 1), S. 103.

[91] Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalismus“ (wie Anm 47), S. 86f..

[92] Kershaw nannte diesen „Herrschaftsmechanismus“ des Dritten Reiches in seiner Hitler-Biographie „dem Führer entgegenarbeiten“, vgl. Kershaw, Hitler (wie Anm. 5), u. a. S. 189.

[93] Vgl. Gerlach, Die Wannseekonferenz (wie Anm. 14), S. 25.

[94] Vgl. ebenda, S. 28ff..

[95] Vgl. ebenda, S. 8.

[96] Broszat, Hitler und die Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 6), S. 753, Anm. 26.

[97] Gerlach, S. 44.

[98] Broszat, Hitler und die Genesis der „Endlösung“ (wie Anm. 6), S. 753.

Details

Seiten
29
Jahr
2003
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108286
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1
Schlagworte
Hitlers Befehl Ermordung Juden Hauptseminar

Autor

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Titel: Hitlers Befehl zur Ermordung der europäischen Juden