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Modernität und Terrorismus - zwei untrennbare Phänomene?

Seminararbeit 2003 16 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Formen des Terrorismus
2.1 Territorialer Terrorismus
2.2 Religiöser Terrorismus

3 Terrorismus und Modernisierung
3.1 USA als Ziel von Anschlägen
3.2 Terrorismus und die Medien
3.3 Entwicklung in den nicht-westlichen Staaten

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

Obwohl Terrorismus im 20. Jahrhundert ein dauernd präsentes Phänomen war, ist er erst nach dem 11. September 2001 stark ins öffentliche Interesse geraten. Dabei unterscheidet sich dieser Anschlag überhaupt nicht so sehr von früheren. Anschläge auf US-Einrichtungen hat es bereits gegeben (z.B. auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania), und diese fanden auch schon in den Vereinigten Staaten selbst statt (z.B. der Anschlag auf das Regierungsgebäude in Oklahoma City). Neu war also nur das Ausmaß, die Zahl der Toten und die Vernichtung von Sachwerten. Und die militärischen Entscheidungsträger der USA reagieren mit Maßnahmen, die den ver- änderten weltökonomischen und -politischen Bedingungen nicht mehr angemessen sind. So werden vermutlich weder die Besetzung Afghanistans und des Irak den Terrorismus eindämmen, noch werden die verschärften Sicherheitsgesetze alle weiteren Anschläge verhindern. Nichts deutet im Moment auf eine Entspannung der Lage hin. Sollte Samuel Huntington also doch recht behalten mit seiner Prophezeiung vom bevorstehenden „Kampf der Kulturen“?

Im folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob dieser Zusammenstoß wirklich unaus- weichlich und ob er überhaupt wahrscheinlich ist. Dazu ist es notwendig, die Ursachen und Ziele des Terrorismus aufzuzeigen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt dabei auf der Frage, inwieweit diese Entwicklungen im Modernisierungsprozess bereits angelegt sind.

Dazu soll erst einmal versucht werden, den Begriff des Terrorismus einzugrenzen und verschie- dene Formen davon herauszuarbeiten (2), um dann den Zusammenhang zwischen Modernisie- rung und Terrorismus zu untersuchen (3). Dabei wird darauf eingegangen, weshalb die USA im Mittelpunkt des internationalen Terrorismus' steht (3.1), welche Rollen die Medien spielen (3.2), und wie sich die Entwicklung der nicht-westlichen Staaten auf den Terrorismus auswirkt (3.3).

2 Formen des Terrorismus

Es gibt eine Vielzahl an Definitionen von Terrorismus, und je nachdem, wie breit dieser Begriff ausgelegt wird, fallen auch verschiedene Phänomene darunter. Im folgenden wird davon ausge- gangen, dass Terrorismus die gezielte Gewaltanwendung gegen die Zivilbevölkerung ist und zum Ziel hat, die Bevölkerung in Angst zu versetzen und so politische oder soziale Veränderungen zu erreichen (vgl. Juergensmeyer 2000: 122, TRC 2003). Einige Terroristen würden dieser Defini- tion nicht zustimmen, da ihre Taten aus ihrer Weltsicht gerechtfertigte Verteidigungsmaßnahmen darstellen, und sie sich eher als Freiheitskämpfer sehen.

Nun soll versucht werden, zwei Formen des Terrorismus voneinander abzugrenzen: territorialer und religiöser. Diese Abgrenzung ist nicht ganz trennscharf, da es – wie zum Beispiel in Nord- irland – auch Mischformen gibt. Dennoch lässt sich meistens das Vorherrschen eines Merkmals feststellen.

2.1 Territorialer Terrorismus

Beispiele für territoriale Terroristengruppen sind die IRA und ihre protestantischen Widersacher in Nordirland, die ETA im Baskenland oder die ehemaligen tamilischen Separatisten in Sri Lanka (weitere Beispiele in Barber 1999: 178ff). Hinter ihren Anschlägen steckt das Ziel eines territorialen Landgewinns, entweder durch die Gründung eines eigenen Staates oder – wie in Nordirland – durch Verschiebung von einem Staat zu einem anderen. Die Anschläge dieser Gruppen sind regional begrenzt und sollen nur den Staat oder dessen Bevölkerung treffen, der Territorium abgeben soll. Mittel zum Zweck ist es, den Leidensdruck bei der Bevölkerung und beim Staat – zum Beispiel durch Anschläge auf touristische Einrichtungen – so weit zu erhöhen, dass es sich eher lohnt, auf das Territorium zu verzichten als weiterhin Anschläge in Kauf zu nehmen. Diese Terroristen setzen ihr Leben bei ihren Anschlägen nicht aufs Spiel, da sie ja später von den veränderten politischen Bedingungen profitieren möchten.

Zunächst scheint es unlogisch, dass in Zeiten zunehmender internationaler Vernetzung und wachsender europäischer Integration der Wunsch nach Abspaltung so groß ist, dass er durch Gewaltanwendung vertreten wird. Doch die Entwicklungen nach dem Zerfall der UdSSR und Jugoslawiens haben durch die Differenzwahrnehmung verschiedener Gruppen zur Bildung vieler neuer Staaten geführt. Im Falle der Tschechoslowakei ging das so weit, dass sogar ein bereits bestehender Staat nochmals geteilt wurde. Was aber ist so verlockend an einem eigenen Staat?

Einige Autoren postulieren, dass moderne Nationalstaaten immer weniger Identifikationsmög- lichkeiten bieten, da den Staaten durch die Modernisierung und Globalisierung zunehmend Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten verloren gehen (Barber 1999: 170ff; Gill 2002: 61; Juergensmeyer 2002: 104f). Ihre Politik muss sich immer mehr an den Erfordernissen der freien Marktwirtschaft orientieren, wodurch Wohlfahrtsleistungen abgebaut werden, damit die Staaten bei den Löhnen international konkurrenzfähig bleiben. Die Unterschiede zwischen den Staaten werden also mehr und mehr eingeebnet, da alle Märkte dereguliert und Sozial- und Solidaritäts- leistungen weiter privatisiert werden (z.B. private Rentenvorsorge in Deutschland und Frank- reich).

Guillén widerspricht dieser Interpretation, indem er den Staaten eine aktive Rolle bei der Globalisierung unterstellt: „… globalization certainly poses new problems for states, but it also

strengthens the world-cultural principle that nation-states are the primary actors charged with identifying and managing those problems on behalf of their societies“ (2001: 250). Dabei über- sieht er jedoch, dass die Nationalstaaten der Entwicklung hinterher laufen und nur auf die Globa- lisierung der Wirtschaft reagieren, um möglichst viele Arbeitsplätze und Kapital im Inland zu erhalten. Er selbst gibt zu, dass moderne Nationalstaaten zwar mehr zu tun haben als früher, dabei jedoch über weniger Autonomie verfügen. Die Modernisierung produziert außerdem Strukturen wie die zu Wirtschaftszentren umfunktionierten Innenstädte, in denen niemand mehr lebt. Ein staatlich gesteuertes Gemeinwesen hätte sich wahrscheinlich nie für so etwas entschie- den. Die Freiheit des Staates ist also nur Freiheit im Kleinen, aber nicht im Großen (vgl. Barber 1999: 228).

Bis zum Ende des Kalten Krieges konnten die beiden großen Machtblöcke und ihre Ideologien noch sozialen Zusammenhalt erzeugen. Seit dem Scheitern des Kommunismus steht diese Mög- lichkeit nicht mehr zur Verfügung. Wenn nun die Identifikationsmöglichkeiten der Staaten abnehmen, dann wird zunehmend auf Kultur, Ethnizität und Religion rekurriert, um wieder ein Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit zu erzeugen (Gill 2002: 58; Huntington 1996: 17ff; Juergensmeyer 2002: 105). So gibt es auch in westlichen Staaten Gruppen, die mit rückwärts gewandten Ideologien eine imaginierte Gemeinschaft, die es früher einmal gegeben haben soll, herbeiwünschen (Barber 1999: 171ff). In Einwanderungsgesellschaften wie Deutschland führt dies zu Fremdenfeindlichkeit und Angst vor Überfremdung, in Konglomeratstaaten wie der ehemaligen Sowjetunion zu separatistischen Bewegungen. Dieser neue Nationalismus, der Rassen- und Stammesdenken in den Vordergrund stellt, soll „… Inseln provinzieller Bruder- schaft ein einem Meer bewahren, welches unbarmherzig das Wesentliche ausschwemmt und brüderliche Bande mit sich fortspült“ (Barber 1999: 173). In diesem Licht unterscheiden sich die Motive der territorialen Terroristen gar nicht so sehr von denen der religiösen.

2.2 Religiöser Terrorismus

Der Konflikt in Nordirland scheint vordergründig religiöse Ursachen zu haben. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch, dass die Vereinigung der irischen Insel im Vordergrund steht. Der Umstand, dass die britischen Besatzer eine andere Konfession haben bringt nur einen weiteren Aspekt in die Auseinandersetzung ein, doch die Religionszugehörigkeit ist sekundär. So ist es unwahrscheinlich, dass nach einer Vereinigung der Republik Irland mit Nordirland die IRA ihre Anschläge fortführen würde.

Ganz anders ist die Situation jedoch zwischen Israel und den Palästinensern (vgl. Juergensmeyer 2000: 49ff, 69ff). Während es hier scheinbar das Ziel ist, einen Palästinenserstaat zu schaffen,

werden die Bemühungen dazu immer wieder gezielt von Organisationen wie der Hamas oder dem israelischen Militär zunichte gemacht. Beiden Seiten ist eigentlich gar nicht an einem Frieden, sondern an der Vernichtung des Gegners gelegen. Diese Polarisierung dient auch der Identitätssicherung. Auf der einen Seite unsere Gruppe, auf der anderen eine andere[1]. Für Offe ist dies externe Barbarei, bei der eine andere Gruppe als Sache betrachtet wird, deren Rechte und körperliche Verletzbarkeit ignoriert werden kann (1996: 262). Juergensmeyer sieht als Bedin- gung für einen solchen Konflikt, dass er von mindestens einer Seite auf ein kosmisches Niveau gehoben wird (2000: 161f). Dazu sind drei Merkmale notwendig:

1. der Kampf wird als Verteidigung der Identität und des Glaubens gesehen
2. den Kampf zu verlieren ist undenkbar (z.B. die Juden in Israel akzeptieren)
3. er kann aber auch nicht in absehbarer Zeit gewonnen werden

Das erklärt auch das Fehlen von Forderungen von Seiten der Terroristen in diesen Fällen. Außer der absoluten Auslöschung des Feindes ist keine Lösung denkbar. Der Terrorismus ist in diesem Fall ein symbolischer Akt, unmittelbare politische oder strategische Ziele sollen damit gerade nicht erreicht werden. Er soll die Botschaft übertragen werden, dass die Terroristen das bekämpfen, was in ihren Augen unrecht ist (Juergensmeyer 2000: 123). Dass solche symbolischen Akte gerade gegen die Symbole der Macht wie das World Trade Center oder das Regierungsgebäude in Oklahoma City gerichtet sind, ist leicht zu verstehen. Und da der Kampf nicht gewonnen werden kann, sind die Terroristen auch bereit, ihr Leben bei einem Anschlag zu verlieren. Eine Änderung der Bedingungen zu ihren Lebzeiten können sie nicht erwarten, während ihnen als Märtyrer zumindest im Jenseits ein erträgliches Auskommen gesichert ist.

Die Religion liefert hierbei die moralische Legitimation für das Töten (vgl. Juergensmeyer 2000: 81f). Fundamentalistische Autoren sehen das Töten von Andersgläubigen als gerechtfertigt, wenn dadurch der Glauben verteidigt und verbreitet wird. Erstaunlicherweise vertreten hier islamische und christliche Autoren ganz ähnliche Standpunkte. Die Fundamentalisten beider Religionen erachten säkulare Staaten wie die USA als zutiefst amoralisch und daher bekämpfens- wert. Da sie einen religiösen Krieg führen ist auch das sonst verbotene Töten anderer Menschen gerechtfertigt.

Nach der obigen Definition sind die Morde an Abtreibungsärzten in den USA, die Juergensmeyer beschreibt (2000: 20ff), keine terroristischen Akte, sondern von religiös-ethischen Einstellungen inspirierte Morde. Hier fehlt klar die Einschüchterung der Zivilbevölkerung. Dennoch sind die Motive dieser Taten denen des religiösen Terrorismus sehr ähnlich und sie illustrieren damit die gedankliche Nähe der christlichen und islamischen Täter.

[...]


[1] In der Sozialpsychologie ist das als ingroup-outgroup-Phänomen bekannt. Demnach lassen sich Gruppen auch über zufällig zugeordnete, nicht-askriptive Eigenschaften bilden. Statt Religion oder Ethnizität könnten also auch andere Eigenschaften zu Gruppenbildung herangezogen werden, allerdings würden diese wahrscheinlich nicht zu einer ebenso hohen Gruppenkohäsion führen.

Details

Seiten
16
Jahr
2003
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108284
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Schlagworte
Modernität Terrorismus Phänomene Vielfalt Moderne

Autor

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